Max und Moritz und die Form des Verbs

Frage

Ich habe Ihnen schon einmal eine Frage zum Numerus vorgelegt. Mein Beispielsatz lautete:

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.

Dass hier der Singular „wurde“ verwendet wird, haben Sie damals folgendermaßen erklärt: Es handelt sich um die Zusammenziehung zweier Sätze, bei der das Hilfsverb „wird“ nur einmal genannt wird, da es in beiden Sätzen identisch ist. Wie übertrage ich diese Erklärung auf den folgendermaßen abgewandelten Satz:

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz vom Schuldirektor gelobt.

Auch dieser Satz ist meinem Sprachgefühl nach mit dem Singular „wurde“ korrekt; er kann dies aber wohl nur dann sein, wenn man davon ausgeht, dass auch hier zwei Sätze mit jeweils einem eigenen Subjekt und einem eigenen Prädikat vorliegen. […]

Genau dieselbe Frage würde sich bei Sätzen wie „Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren“ und „Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz“ stellen.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

es geht hier um Sätze mit mehreren Subjekten und einem und. Kurz zusammengefasst gilt in solchen Fällen die folgende vereinfachende Regel:

a) Wenn in einem Satz mit mehr als einem Subjekt der Rest des Satzes für alle Subjekte identisch ist, handelt es sich um ein mehrteiliges Subjekt. Das Verb richtet sich nach der Mehrteiligkeit des Subjekts und steht im Plural.

b) Wenn in einem Satz mit mehr als ein Subjekt sich weitere Teile des Satzes auf das eine resp. das andere Subjekt beziehen, handelt es sich um einen zusammengezogenen Satz. In zusammengezogenen Sätzen richtet sich das Verb nach dem Subjekt, das ihm am nächsten steht.

Diese Faustregel gilt nur für Aneinanderreihungen mit und. Sie ist weder wissenschaftlich präzis noch wirklich leicht verständlich. Deshalb folgen hier ein paar Beispiele, die illustrieren sollen, was gemeint ist:

a) Mehrteiliges Subjekt
Nur die Subjekte unterscheiden sich voneinander – Das Verb steht im Plural

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz gelobt.

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz vom Lehrer gelobt.

Max und Moritz wurden um 11 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 11 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reisten Max und Moritz nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Innsbruck.

Max und Moritz trinken Bier.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Bier.

b) Zusammengezogene Sätze
Die Subjekte und weitere Satzteile unterscheiden sich voneinander – Das Verb richtet sich nach dem ihm am nächsten stehenden Subjekt.

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz getadelt.

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz von der Schuldirektorin gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz von der Schuldirektorin gelobt.

Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 12 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Bregenz.

Max trinkt Bier und Moritz Wein.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Wein.

Ich hoffe nur, dass die große Zahl an Beispielen mit den Namen Max und Moritz nicht mehr verwirrt als erhellt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Könnte er es reparieren lassen haben?

Heute wieder einmal etwas für die Fans von Verbformenpuzzles:

Frage

Wie heißt es richtig?

Er könnte es repariert haben lassen.
Er könnte es reparieren haben lassen.

Für mich ist nur die erste Variante korrekt. Aber ein Kollege plädiert für die zweite Lösung. Wer hat recht?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

richtig ist hier theoretisch der Infinitiv reparieren, denn es geht um die Formulierung etwas reparieren lassen. Die Form haben sollte aber an einer anderen Stelle stehen: 

Er lässt es reparieren.
Er hat es reparieren lassen.
Er könnte es reparieren lassen haben.

Solche komplexen „Verbanhäufungen“ kommen aber praktisch kaum vor, weil (fast) niemand sie spontan bilden kann, ohne mindestens dreimal neu ansetzen zu müssen. In der Regel formuliert man anders. Zum Beispiel:

Es ist möglich, dass er es hat reparieren lassen oder (vgl. hier)
Es ist möglich, dass er es reparieren lassen hat.
Er hat es vielleicht/wahrscheinlich reparieren lassen.

Es wäre also auch nicht ganz richtig gewesen, wenn Sie sich von Ihrem Kollegen hätten überzeugen lassen können – oder so …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gekochtes Fleisch und Gemüse oder der Bezug des attributiven Adjektivs

Frage

Ich hätte eine grundlegende Frage zur Ellipse: Bei einem gemeinsamen Attribut (hier Adjektiv) zu zwei Substantiven muss das Attribut nur einmal genannt werden, z. B. „gekochtes Fleisch und Gemüse“. Wenn ich das Attribut nur auf das erste Substantiv beziehen möchte, müsste ich doch einige Worte umstellen, also „Gemüse und gekochtes Fleisch“ schreiben.

Ist dies eine feste Regelung, die selbst dann gilt, wenn sich das Adjektiv inhaltlich nur auf das erste Substantiv beziehen kann?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

ein gemeinsames Attribut kann, aber muss nicht weggelassen werden. Umgekehrt bezieht sich ein Adjektiv, das vor zwei Substantiven steht, nicht automatisch auf beide Substantive. Es gibt keine einfache Regel, die den Bezug eines Adjektivs in solchen Reihungen eindeutig festlegt.

So bezieht sich das Adjektiv in:

gekochtes Fleisch und Gemüse
junge Männer und Frauen

sehr wahrscheinlich auf beide Substantive, die ihm folgen. Dieser Bezug ergibt sich aus der Bedeutung der Wörter und wahrscheinlich auch aus dem weiteren Zusammenhang. Wenn Sie aber unbezweifelbar angeben wollen, dass sowohl das Fleisch als auch das Gemüse gekocht sind resp. dass alle Leute jung sind, müssen Sie das Adjektiv wiederholen:

gekochtes Fleisch und gekochtes Gemüse
junge Männer und junge Frauen

Wenn Sie umgekehrt eindeutig angeben wollen, dass sich das Adjektiv nur auf das Substantiv bezieht, vor dem es steht, müssen Sie tatsächlich die Reihenfolge ändern oder ein anderes Adjektiv ergänzen:

Gemüse und gekochtes Fleisch
Frauen und junge Männer

gekochtes Fleisch und rohes/gedämpftes/… Gemüse
junge Männer und ältere Frauen

Solche Eingriffe sind aber meist nicht notwendig, weil der weitere Satzzusammenhang angibt, worauf sich ein Adjektiv genau bezieht.

Gewisse Regeln gibt es aber doch, zum Beispiel dann, wenn ein Artikelwort mit ins Spiel kommt. Wenn das Adjektiv zusammen mit einem Artikelwort weggelassen wird, bezieht es sich in der Regel auf beide Substantive

das gekochte Fleisch und Gemüse (beides ist gekocht)
diese jungen Männer und Frauen (Männer und Frauen sind jung)

Steht beim zweiten Substantiv ein Artikelwort, kann sich das Adjektiv nur dann auch darauf beziehen, wenn es wiederholt wird:

das gekochte Fleisch und das gekochte Gemüse
die jungen Männer und die jungen Frauen

aber:

das gekochte Fleisch und das Gemüse
(nur das Fleisch ist gekocht, der Zustand des Gemüses ist unbestimmt)
die jungen Männer und die Frauen
(die Männer sind jung, die Frauen unbestimmten Alters)

Wenn man es in Worte und Regeln fassen will, kann der Bezug des Adjektivs in Reihungen also recht kompliziert werden. Normalerweise ergibt sich aber – wie oben schon gesagt – problemlos aus dem Kontext, was genau gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Italienisch essen und verstehen

Frage

Könnten Sie mir bei folgendem Satz (eines Kunden) weiterhelfen?

Nicht nur Italienisch essen, sondern auch verstehen

Beim ersten Durchlesen hätte ich „italienisch“ einfach kleingeschrieben und gem. amtlicher Regelung gefragt: „Wie“ isst man? Bei „verstehen“ klappt das aber irgendwie nicht, dort wäre wohl „Was?“ die richtige Frage, was wiederum Großschreibung bedeuten würde. Was würden Sie tun?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

Ihre Argumentation trifft genau zu: In Verbindung mit dem Verb essen ist italienisch ein adverbial verwendetes Adjektiv, das kleingeschrieben werden sollte (wie essen?). In Verbindung mit verstehen ist es eine substantivierte Sprachbezeichnung, die großgeschrieben werden sollte (was verstehen?). Wenn Sie es also ganz korrekt machen wollen, schreiben Sie:

Nicht nur italienisch essen, sondern auch Italienisch verstehen.

Das ist auch die Schreibung, die ich einem rechtschreibempfindlichen Kunden vorschlagen würde. Wenn Sie aber – wie ich vermute – das Wortspiel des Kunden respektieren müssen, dann bleibt Ihnen so oder so nichts anderes übrig, als eine Rechtschreibregel zu brechen.

Sie können der Tendenz folgen, sich bei grammatischen Zweifeln nach dem näher stehenden Verb zu richten, und kleinschreiben:

Nicht nur italienisch essen, sondern auch verstehen.

Sie können auch vom (vermutlichen) Fokus der Kundschaft auf Sprachkurse, Sprachanwendungen o. Ä. ausgehen und großschreiben:

Nicht nur Italienisch essen, sondern auch verstehen.

In beiden Fällen klemmt es auf der Rechtschreibebene (und meiner Meinung nach nicht nur dort), aber der Slogan ist gerettet – außerdem erhöht gelegentlich lecker italienisch zu essen und (ein paar Worte) Italienisch zu verstehen den Lebensgenuss ohnehin mehr als die perfekte Beherrschung der Groß- und Kleinschreibung.*

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Extreme Rechtschreibfans mögen mir diese Verallgemeinerung verzeihen!

Mehr Import als Export – Man importiert mehr, als exportiert wird

Frage

Folgender Satz erscheint mir merkwürdig:

Deutschland importiert mehr Holzabfälle als exportiert werden.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

der Satz ist vielleicht nicht gerade ein Meisterwerk deutscher Formulierkunst, aber er ist m. E. richtig. Es fehlt ihm nur ein Komma:

Deutschland importiert mehr Holzabfälle, als exportiert werden.

Bei einem vergleichenden als in Verbindung mit einem Wort oder einer Wortgruppe steht vor als kein Komma:

Deutschland importiert mehr Holzabfälle als vor einigen Jahren.
Wir haben mehr Sitzplätze als nötig.
Sie haben mehr Produkte eingekauft als ihre Konkurrenz.

Man setzt dann ein Komma, wenn als einen Nebensatz einleitet (vgl. hier). In diesen Fällen sind die Nebensätze problemlos als solche zu erkennen:

Deutschland importiert mehr Holzabfälle, als man es früher tat.
Wir haben mehr Sitzplätze, als wir Besucher erwarten.
Sie haben mehr Produkte eingekauft, als sie es sich finanziell erlauben können.

In den folgenden Fällen ist es vielleicht ein bisschen schwieriger, die Nebensätze zu erkennen, denn sie sind nicht vollständig. Ein Satzteil fehlt in ihnen, weil er mit einem Satzteil im übergeordneten Satz identisch ist und deshalb nicht wiederholt wird (das ist übrigens bei anderen Nebensätzen in der Regel nicht möglich). Man erkennt sie aber trotzdem recht gut daran, dass sie ein eigenes konjugiertes Verb haben:

Deutschland importiert mehr Holzabfälle, als exportiert werden.
Wir haben mehr Sitzplätze, als nötig sind.
Sie haben mehr Produkte eingekauft, als sie verkaufen können.

Ob Deutschland wirklich mehr Holzabfälle importiert als exportiert, weiß ich nicht. Ich kann nur sagen, dass die Form des zitierten Satzes mit dieser Aussage zwar etwas gar knapp, aber dennoch akzeptabel ist (wenn Sie ihn mit einem Komma ergänzen).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ich lasse es dich wissen und du lässt es dir schmecken

Heute wieder einmal der Beweis, dass es häufig kurze Fragen sind, die lange Antworten nach sich ziehen.

Frage

Was ist richtig? „Ich lasse es dich wissen“ oder „Ich lasse es dir wissen“? Und heißt es „Lass es dich schmecken“ oder „Lass es dir schmecken“?

Antwort

Guten Tag N.,

die kurze Antwort ist einfach: Im ersten Satz muss dich stehen, im zweiten dir:

Ich lasse es dich wissen.
Lass es dir schmecken!

Schwieriger wird es bei der Erklärung weshalb. Obwohl die Konstruktionen ganz ähnlich aussehen, steht einmal der Akkusativ und einmal der Dativ. Ich musste ehrlich gesagt ein Weilchen nachdenken, bis ich die Begründung für diesen Unterschied gesehen habe.

Es geht in beiden Sätzen um einen sogenannten Akkusativ mit Infinitiv (AcI, siehe hier). In einer solchen Konstruktion stehen zwei Verben: das Hauptverb (hier: lassen) und ein Infinitiv (hier: wissen resp. schmecken). Das Besondere daran ist, dass der vom Hauptverb abhängige Akkusativ gleichzeitig das zum Infinitiv gehörende Subjekt ist.

Ich lasse es dich wissen.

Hier ist dich ein von lassen abhängiger Akkusativ: Ich lasse dich etwas tun, nämlich es wissen. Gleichzeitig entspricht dich sinngemäß dem Subjekt der Infinitivgruppe. Vgl. Du weißt es.

Du lässt es dir schmecken.

Hier ist es der von lassen abhängige Akkusativ: Du lässt es etwas tun, nämlich dir schmecken. Gleichzeitig entspricht es sinngemäß dem Subjekt der Infinitivgruppe. Vgl. Es schmeckt dir.

Im ersten Satz ist dich vom Hauptverb lassen abhängig und es gehört zum Infinitiv wissen. Beim zweiten Satz ist es vom Hauptverb lassen abhängig und dir gehört zum Infinitiv schmecken. Die Sätze sehen sehr ähnlich aus, aber die Pronomen sind anders über die Verben verteilt. Im ersten Satz steht dich im Akkusativ, der vom Hauptverb lassen verlangt wird, im zweiten Satz steht dir im Dativ, der vom Infinitiv schmecken verlangt wird.

Etwas leichter verständlich wäre die ganze Sache wahrscheinlich dann, wenn die deutsche Wortstellung die folgende Wortfolge zuließe, die eigentlich nach der Satzstruktur zu erwarten wäre:

*Ich lasse dich es wissen.

Üblich ist hier aber die schwierig zu erklärende „verschränkte“ Wortfolge:

Ich lasse es dich wissen.

Bevor Sie nun beim Deutschlernen über solchen Konstruktionen verzweifeln, sei dies gesagt: Solche Sätze zu beherrschen lernt man kaum dadurch, dass man sich komplizierte Regeln einpaukt, sondern durch Zuhören, Lesen, Schreiben und Sprechen. Auch als muttersprachigen „Sprachler“ hat es mich einige Mühe gekostet, die unterschiedlichen Strukturen der beiden Sätze genau zu erkennen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Original Hamburger Kaufleute ohne e

Frage

Beim Schreiben bin ich heute über eine Formulierung gestolpert, bei der ich mir nicht sicher war, ob sie richtig ist. Muss es heißen:

Als original Hamburger Kaufleute legen wir Wert auf Ehrlichkeit.

oder:

Als originale Hamburger Kaufleute legen wir Wert auf Ehrlichkeit.

Grundsätzlich muss das Adjektiv „original“ ja angepasst werden […], mit „originale“ klingt der Satz aber merkwürdig schwerfällig, sodass ich mich frage, ob man das Wort „original“ ohne „e“ nicht ebenso gut verwenden kann.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Formulierung ist auch mit einem ungebeugten original korrekt. Einige ungebeugte Adjektive können wie Adverbien andere Adjektiv näher bestimmen (vgl. hier). Dazu gehören Adjektive wie echt, klassisch, typisch und original, die häufig vor geografischen Andeutungen stehen:

die echt britische Lebensart
in klassisch italienischem Stil
original spanische Tapas

Sie können auch vor unveränderlichen geografischen Adjektiven auf er stehen. Das ergibt dann zwar gleich zwei endungslose Adjektive hintereinander, ist aber möglich:

typisch Berliner Altbauten
ein Stück echt Elsässer Gugelhupf
eine rein Wiener Angelegenheit

und ebenso:

original Hamburger Kaufleute

Grammatisch gesehen bestimmt original hier also nicht Kaufleute, sondern das Adjektiv Hamburger näher. Grammatische Struktur hin oder her: Auf dass die original Hamburger Ehrlichkeit noch lange bestehen bleibe!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In oder im Camp Green Lake

Frage

Heißt es „Interview in Camp Green Lake“ oder „Interview im Camp Green Lake“?

Antwort

Sehr geehrte Frau V.,

ob es in oder im heißt, hängt davon ab, ob Sie Camp Green Lake als Ganzes als Ortsnamen ohne Artikel verwenden (wie zum Beispiel Camp David, den Namen des Landsitzes des amerikanischen Präsidenten) oder ob Sie es als ein Camp mit dem Namen Green Lake sehen und mit Artikel verwenden.

Ohne Artikel:

Camp Green Lake liegt in der Wüste
Die Leitung von Camp Green Lake
Wir fahren nach Camp Green Lake
Interview in Camp Green Lake

Mit Artikel:

Das Camp Green Lake liegt in der Wüste
Die Leitung des Camps Green Lake
Wir fahren ins Camp Green Lake
Interview im Camp Green Lake

Das Erziehungscamp mitten in der Wüste, das aus der Feder des Autors Louis Sachar stammt, ist ein Camp und als Ganzes ein Ort. Deshalb sind beide Sichtweisen möglich und kommen auch beide Formulierungen vor. (Auch im Englischen scheint beides vorzukommen: at Camp Green Lake und at the Camp Green Lake.) Die Wahl liegt also bei Ihnen, ob das Interview in oder im Camp Green Lake stattgefunden hat. Nach dem Titel des Buches (Löcher. Das Geheimnis von Green Lake) zu schließen gibt sogar noch eine dritte Möglichkeit: Interview in Green Lake.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der erwartetste Moment?

Frage

Kann man „erwartet“ steigern? Zum Beispiel: „Der Urlaub ist der erwartetste Moment des Jahres.“ Heißt es nicht besser: „Der Urlaub ist der am meisten erwartete Moment des Jahres“?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

es ist tatsächlich nicht üblich, das adjektivische Partizip erwartet zu steigern. Sie sagen oder schreiben hier besser zum Beispiel:

der am sehnlichsten erwartete Moment des Jahres

Woran liegt das? Als Adjektive verwendete Partizipien haben in der Regel keine Steigerungsformen, wenn ihre Bedeutung noch eng mit der Verbbedeutung verbunden ist:

nicht: das besuchteste Museum – sondern: das meistbesuchte Museum
nicht: ihr wachsenderer Einfluss – sondern: ihr stärker wachsender Einfluss
nicht: die gehörteste Entschuldigung – sondern: die am häufigsten gehörte Entschuldigung

Adjektivische Partizipien können dann gesteigert werden, wenn sie mit einer mehr oder weniger eigenständigen, übertragenen Bedeutung verwendet werden:

die rührendste Geschichte
erfahrenere Fachleute
die verlockendsten Angebote

eine blühendere Phantasie – nicht: eine blühendere Rose
die schreiendsten Farben – nicht: die schreiensten Kinder
der ausgekochteste Kriminelle – nicht: die ausgekochtesten Knochen

Wie immer, wenn es um „übertragene Bedeutung“ geht, sind die Übergänge fließend. Ein Zauberer kann nicht verzaubernder sein als der andere, auch wenn er Menschen und Dinge noch so behände zu verwandeln vermag. Ein Lächeln hingegen kann bezaubernder sein als das andere. Es ist nicht immer einfach zu sagen, wann und warum eine Steigerungsform möglich ist oder nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist oder sind Metallica eine Metal-Band?

Frage

Ein Thema, über das ich leider keine guten, fundierten Hilfen im www finden konnte, ist die Frage, ob auf Bandnamen oder allgemeiner auf Namen von Gruppen bezogene Verben im Singular oder im Plural stehen sollen/dürfen, also zum Beispiel „Metallica sind Headliner“ vs. „Metallica ist Headliner“.

Antwort

Guten Tag S.,

erlaubt ist (mehr oder weniger), was gefällt, denn eine verbindliche Regel gibt es nicht und linguistisch sind häufig beide Varianten vertretbar.

Bei Bandnamen, die eindeutig als Plural empfunden werden, stehen das Verb, die Possessivartikel usw. im Plural. Das gilt insbesondere für Gruppen, die mit dem deutschen Pluralartikel die stehen. Zum Beispiel:

die Beatles / die Rolling Stones / die Beach Boys / die Pointer Sisters sind eine Band/Gruppe

Gruppennamen, die in der Ursprungssprache (meist Englisch) für uns erkennbar pluralisch sind und im Deutschen ohne deutschen Artikel verwendet werden, stehen häufig mit dem Plural, weil sie – wie man annehmen darf – in Anlehnung an die Ursprungssprache als Plural empfunden werden. Der Singular kommt ebenfalls häufig vor, weil es eine Band oder eine Gruppe ist und entsprechend als Singular empfunden wird. Zum Beispiel:

Guns ’n’ Roses / 4 Non Blondes / The Doors / Children of Bodom sind eine Band
Guns ’n’ Roses / 4 Non Blondes / The Doors / Children of Bodom ist eine Band

Bei anderen Gruppennamen steht nach den deutschen Kongruenzregeln der Singular. Ein Gruppenname lässt sich mit einer Sammelbezeichnung (Kollektivum) wie Obst, Herde, Familie, Team, Mannschaft usw. vergleichen. Sammelbezeichnungen stehen im Deutschen immer mit dem Singular.

Metallica, Pink Floyd, Queen, Nirvana ist eine Band

So weit, so gut. Hier kommt aber häufig auch der Plural vor. Ich vermute stark (ohne genauere Untersuchungen kann ich es natürlich nicht mit wissenschaftlich fundierter Genauigkeit sagen), dass dies ein Einfluss des Englischen ist. Bei gewissen singularischen Sammelbezeichnungen, die Personengruppen bezeichnen, ist im Englischen die Kongruenz im Plural möglich (zum Beispiel the familiy are, the crew are, the band are). Das gilt auch für Namen von Musikgruppen u. Ä. Dieser Plural wird bei Bandnamen auch ins Deutsche übernommen

Metallica, Pink Floyd, Queen, Nirvana sind eine Band

Ich würde bei dieser Art von Namen immer die Übereinstimmung im Singular empfehlen. Da die Verwendung des Plurals hier aber häufig und systematisch vorkommt, halte ich den Plural nicht mehr für grundsätzlich falsch. Gerade in einem so stark angelsächsisch dominierten Gebiet wie der Pop- und Rockmusik ist ein Einfluss des Englischen auch auf der sprachlichen Ebene nicht sehr erstaunlich.

Und wer immer noch unsicher ist, kann natürlich einfach auf Wendung wie die Metal-Band Metallica, die britische Rockgruppe Queen oder die Rockband 4 Non Blondes ausweichen. Dann steht immer der Singular.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp