Ich gelang?

Frage

[…] Es geht um:

Ich gelang (te) auf einem anderen Weg in den Besitz dieses Werkes.

Beim ersten Durchblättern der Grammatiktabellen in einem Werk des […]-Verlages stellte ich fest, dass die Formulierung „ich gelang“ dort nicht vorgesehen ist. Das verwirrt mich sehr, denn sowohl Canoo als auch Wiktionary sehen diese Form vor.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Wortform ich gelang ist tatsächlich in Canoonet zu finden. Warum sie nicht im Werk steht, das Sie konsultiert haben, weiß ich natürlich nicht genau. Wichtig sind hier jedenfalls die folgenden beiden Präzisierungen:

Erstens: Die Form ich gelang gehört zum Verb gelingen. Das Verb gelangen wird regelmäßig gebeugt. Es heißt also korrekt:

Ich gelangte auf einem anderen Weg in den Besitz dieses Werks.

Die Form ich gelang kann nur als (umgangssprachlich oder poetisch) verkürzte Präsensform zu gelangen gehören:

Wie gelang[e] ich in den Besitz dieses Werks?

Zweitens: Die Vergangenheitsform ich gelang kommt äußerst selten vor. Das Verb gelingen wird vor allem in der dritten Person verwendet: etwas gelingt (jemandem). Die Formen der zweiten Person kommen selten vor, zum Beispiel wenn Gegenständliches personifiziert und direkt angesprochen wird:

Was soll ich tun, neuer Tag, dass du gut gelingst?
Lied, wie schlecht gelingst du mir!

Die Formen der ersten Person sind noch seltener. Sie sind wohl vor allem theoretisch möglich:

Lied, wie schlecht gelangst du mir! – Ich gelang dir nicht, weil …

Damit stellt sich die Frage, ob man solche Formen in Konjugationstabellen aufnehmen soll oder nicht. Nimmt man sie auf, könnte der Eindruck entstehen, sie seien allgemein üblich. Nimmt man sie nicht auf, sieht es so aus, als seien sie grundsätzlich falsch. Beides ist nicht der Fall.

Wenn man sie wie Canoonet anzeigt, müsste idealerweise auch eine recht detaillierte Beschreibung der Verwendungsmöglichkeiten von Formen dieser Art hinzugefügt werden. Solche detaillierten Angaben zur Verwendung „problematischerer“ Formen stehen schon lange auf meiner Wunschliste der Dinge, um die ich unsere Wörterbücher gerne ergänzt sehen würde. Aus Kapazitätsgründen verschiedener Art müssen Sie und ich uns aber leider noch gedulden und ohne sie auskommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Max und Moritz und die Form des Verbs

Frage

Ich habe Ihnen schon einmal eine Frage zum Numerus vorgelegt. Mein Beispielsatz lautete:

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.

Dass hier der Singular „wurde“ verwendet wird, haben Sie damals folgendermaßen erklärt: Es handelt sich um die Zusammenziehung zweier Sätze, bei der das Hilfsverb „wird“ nur einmal genannt wird, da es in beiden Sätzen identisch ist. Wie übertrage ich diese Erklärung auf den folgendermaßen abgewandelten Satz:

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz vom Schuldirektor gelobt.

Auch dieser Satz ist meinem Sprachgefühl nach mit dem Singular „wurde“ korrekt; er kann dies aber wohl nur dann sein, wenn man davon ausgeht, dass auch hier zwei Sätze mit jeweils einem eigenen Subjekt und einem eigenen Prädikat vorliegen. […]

Genau dieselbe Frage würde sich bei Sätzen wie „Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren“ und „Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz“ stellen.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

es geht hier um Sätze mit mehreren Subjekten und einem und. Kurz zusammengefasst gilt in solchen Fällen die folgende vereinfachende Regel:

a) Wenn in einem Satz mit mehr als einem Subjekt der Rest des Satzes für alle Subjekte identisch ist, handelt es sich um ein mehrteiliges Subjekt. Das Verb richtet sich nach der Mehrteiligkeit des Subjekts und steht im Plural.

b) Wenn in einem Satz mit mehr als ein Subjekt sich weitere Teile des Satzes auf das eine resp. das andere Subjekt beziehen, handelt es sich um einen zusammengezogenen Satz. In zusammengezogenen Sätzen richtet sich das Verb nach dem Subjekt, das ihm am nächsten steht.

Diese Faustregel gilt nur für Aneinanderreihungen mit und. Sie ist weder wissenschaftlich präzis noch wirklich leicht verständlich. Deshalb folgen hier ein paar Beispiele, die illustrieren sollen, was gemeint ist:

a) Mehrteiliges Subjekt
Nur die Subjekte unterscheiden sich voneinander – Das Verb steht im Plural

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz gelobt.

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz vom Lehrer gelobt.

Max und Moritz wurden um 11 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 11 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reisten Max und Moritz nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Innsbruck.

Max und Moritz trinken Bier.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Bier.

b) Zusammengezogene Sätze
Die Subjekte und weitere Satzteile unterscheiden sich voneinander – Das Verb richtet sich nach dem ihm am nächsten stehenden Subjekt.

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz getadelt.

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz von der Schuldirektorin gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz von der Schuldirektorin gelobt.

Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 12 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Bregenz.

Max trinkt Bier und Moritz Wein.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Wein.

Ich hoffe nur, dass die große Zahl an Beispielen mit den Namen Max und Moritz nicht mehr verwirrt als erhellt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Original Hamburger Kaufleute ohne e

Frage

Beim Schreiben bin ich heute über eine Formulierung gestolpert, bei der ich mir nicht sicher war, ob sie richtig ist. Muss es heißen:

Als original Hamburger Kaufleute legen wir Wert auf Ehrlichkeit.

oder:

Als originale Hamburger Kaufleute legen wir Wert auf Ehrlichkeit.

Grundsätzlich muss das Adjektiv „original“ ja angepasst werden […], mit „originale“ klingt der Satz aber merkwürdig schwerfällig, sodass ich mich frage, ob man das Wort „original“ ohne „e“ nicht ebenso gut verwenden kann.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Formulierung ist auch mit einem ungebeugten original korrekt. Einige ungebeugte Adjektive können wie Adverbien andere Adjektiv näher bestimmen (vgl. hier). Dazu gehören Adjektive wie echt, klassisch, typisch und original, die häufig vor geografischen Andeutungen stehen:

die echt britische Lebensart
in klassisch italienischem Stil
original spanische Tapas

Sie können auch vor unveränderlichen geografischen Adjektiven auf er stehen. Das ergibt dann zwar gleich zwei endungslose Adjektive hintereinander, ist aber möglich:

typisch Berliner Altbauten
ein Stück echt Elsässer Gugelhupf
eine rein Wiener Angelegenheit

und ebenso:

original Hamburger Kaufleute

Grammatisch gesehen bestimmt original hier also nicht Kaufleute, sondern das Adjektiv Hamburger näher. Grammatische Struktur hin oder her: Auf dass die original Hamburger Ehrlichkeit noch lange bestehen bleibe!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der erwartetste Moment?

Frage

Kann man „erwartet“ steigern? Zum Beispiel: „Der Urlaub ist der erwartetste Moment des Jahres.“ Heißt es nicht besser: „Der Urlaub ist der am meisten erwartete Moment des Jahres“?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

es ist tatsächlich nicht üblich, das adjektivische Partizip erwartet zu steigern. Sie sagen oder schreiben hier besser zum Beispiel:

der am sehnlichsten erwartete Moment des Jahres

Woran liegt das? Als Adjektive verwendete Partizipien haben in der Regel keine Steigerungsformen, wenn ihre Bedeutung noch eng mit der Verbbedeutung verbunden ist:

nicht: das besuchteste Museum – sondern: das meistbesuchte Museum
nicht: ihr wachsenderer Einfluss – sondern: ihr stärker wachsender Einfluss
nicht: die gehörteste Entschuldigung – sondern: die am häufigsten gehörte Entschuldigung

Adjektivische Partizipien können dann gesteigert werden, wenn sie mit einer mehr oder weniger eigenständigen, übertragenen Bedeutung verwendet werden:

die rührendste Geschichte
erfahrenere Fachleute
die verlockendsten Angebote

eine blühendere Phantasie – nicht: eine blühendere Rose
die schreiendsten Farben – nicht: die schreiensten Kinder
der ausgekochteste Kriminelle – nicht: die ausgekochtesten Knochen

Wie immer, wenn es um „übertragene Bedeutung“ geht, sind die Übergänge fließend. Ein Zauberer kann nicht verzaubernder sein als der andere, auch wenn er Menschen und Dinge noch so behände zu verwandeln vermag. Ein Lächeln hingegen kann bezaubernder sein als das andere. Es ist nicht immer einfach zu sagen, wann und warum eine Steigerungsform möglich ist oder nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist oder sind Metallica eine Metal-Band?

Frage

Ein Thema, über das ich leider keine guten, fundierten Hilfen im www finden konnte, ist die Frage, ob auf Bandnamen oder allgemeiner auf Namen von Gruppen bezogene Verben im Singular oder im Plural stehen sollen/dürfen, also zum Beispiel „Metallica sind Headliner“ vs. „Metallica ist Headliner“.

Antwort

Guten Tag S.,

erlaubt ist (mehr oder weniger), was gefällt, denn eine verbindliche Regel gibt es nicht und linguistisch sind häufig beide Varianten vertretbar.

Bei Bandnamen, die eindeutig als Plural empfunden werden, stehen das Verb, die Possessivartikel usw. im Plural. Das gilt insbesondere für Gruppen, die mit dem deutschen Pluralartikel die stehen. Zum Beispiel:

die Beatles / die Rolling Stones / die Beach Boys / die Pointer Sisters sind eine Band/Gruppe

Gruppennamen, die in der Ursprungssprache (meist Englisch) für uns erkennbar pluralisch sind und im Deutschen ohne deutschen Artikel verwendet werden, stehen häufig mit dem Plural, weil sie – wie man annehmen darf – in Anlehnung an die Ursprungssprache als Plural empfunden werden. Der Singular kommt ebenfalls häufig vor, weil es eine Band oder eine Gruppe ist und entsprechend als Singular empfunden wird. Zum Beispiel:

Guns ’n’ Roses / 4 Non Blondes / The Doors / Children of Bodom sind eine Band
Guns ’n’ Roses / 4 Non Blondes / The Doors / Children of Bodom ist eine Band

Bei anderen Gruppennamen steht nach den deutschen Kongruenzregeln der Singular. Ein Gruppenname lässt sich mit einer Sammelbezeichnung (Kollektivum) wie Obst, Herde, Familie, Team, Mannschaft usw. vergleichen. Sammelbezeichnungen stehen im Deutschen immer mit dem Singular.

Metallica, Pink Floyd, Queen, Nirvana ist eine Band

So weit, so gut. Hier kommt aber häufig auch der Plural vor. Ich vermute stark (ohne genauere Untersuchungen kann ich es natürlich nicht mit wissenschaftlich fundierter Genauigkeit sagen), dass dies ein Einfluss des Englischen ist. Bei gewissen singularischen Sammelbezeichnungen, die Personengruppen bezeichnen, ist im Englischen die Kongruenz im Plural möglich (zum Beispiel the familiy are, the crew are, the band are). Das gilt auch für Namen von Musikgruppen u. Ä. Dieser Plural wird bei Bandnamen auch ins Deutsche übernommen

Metallica, Pink Floyd, Queen, Nirvana sind eine Band

Ich würde bei dieser Art von Namen immer die Übereinstimmung im Singular empfehlen. Da die Verwendung des Plurals hier aber häufig und systematisch vorkommt, halte ich den Plural nicht mehr für grundsätzlich falsch. Gerade in einem so stark angelsächsisch dominierten Gebiet wie der Pop- und Rockmusik ist ein Einfluss des Englischen auch auf der sprachlichen Ebene nicht sehr erstaunlich.

Und wer immer noch unsicher ist, kann natürlich einfach auf Wendung wie die Metal-Band Metallica, die britische Rockgruppe Queen oder die Rockband 4 Non Blondes ausweichen. Dann steht immer der Singular.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Solch, solches, ein solch, ein solches, solch ein garstiges Wetter!

Das Wörtchen solch… lässt sich nicht mit einem Satz erklären. Es hat die Eigenschaften eines Pronomens, eines Artikelwortes und eines Adjektivs und kann im Satz ganz unterschiedlich verwendet werden. Ich muss Sie deshalb dafür um Nachsicht bitten, dass dieser Beitrag zu Herrn L.s einfacher und kurzer Frage recht lang ausgefallen ist und trotzdem bei Weitem nicht alle Facetten behandelt. Er soll vor allem aufzeigen, wie vielfältig die Formulierungsmöglichkeiten mit solch sind.

Frage

Heißt es „solch“ oder „solche“ oder ist hier beides möglich?

Eine Blume am Armaturenbrett: Solch(e) liebevolle Details finden sich nur in Oldtimern.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

die meisten Muttersprachigen werden wie Sie vermuten oder einfach wissen, dass hier beide Formulierungen möglich sind:

Solche liebevolle(n) Details finden sich nur in Oldtimern.
Solch liebevolle Details finden sich nur in Oldtimern.

Es gibt dabei allerdings einen kleinen Unterschied: Die gebeugte Form solche bezieht sich auf Details oder eigentlich auf die ganze Nomengruppe liebevolle Details. Seine Bedeutung ist so beschaffen, so geartet:

solche liebevollen Details = so beschaffene liebevolle Details
bei solchem garstigen Wetter = bei garstigem Wetter dieser Art

Die endungslose Form solch bestimmt adverbial das Adjektiv liebevoll näher. Es hat ungefähr die gleiche Bedeutung wie so:

solch liebevolle Details = so liebevolle Details
bei solch garstigem Wetter = bei so garstigem Wetter

Das Wörtchen solch hat noch mehr auf Lager: Im Singular kann man es auch mit dem unbestimmten Artikel ein kombinieren, und zwar auf mehr als eine Art:

ein solches liebevolles Detail
ein solch liebevolles Detail
solch ein liebevolles Detail

bei einem solchen garstigen Wetter
bei einem solch garstigen Wetter
bei solch einem garstigen Wetter

So viele verschiedene Möglichkeiten! Zur Problematik der Beugung des Adjektivs nach solch und solche schweige ich deshalb hier. Für eine solche komplexe, eine solch komplexe oder solch eine komplexe Frage verweise ich Sie auf diese Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Wort Gottes und der Sohn Gottes im Genitiv

Frage

Ich war im Gottesdienst, um dem Wort Gottes zu lauschen. Aber lieferte der Herr Pastor eine Auslegung des Wort Gottes oder des Wortes Gottes? Ich finde, Wort Gottes ist ein geschlossener Begriff und nur das zweite Nomen muss gebeugt werden. Mein Sohn hält dagegen, die Auslegung bezöge sich auf das Wort, das daher zu beugen sei.

Und wie lautete der korrekte Genitiv von „der Sohn Gottes“: „des Sohn Gottes“ oder „des Sohnes Gottes“?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

üblicher und grammatisch richtig ist die Genitivform des Wortes Gottes. In einer Wortgruppe beugt man den Kern der Gruppe. Der Kern ist hier Wort, wie unter anderem der Artikel das anzeigt, der im Genitiv zu des wird: das Wort – des Wortes.

Neben dem Artikel das und dem Kern Wort enthält die Wortgruppe noch das Genitivattribut Gottes. Das Genitivattribut ist direkt vom Wortgruppenkern Wort abhängig und in allen Stellungen gleich. Man beugt also wie folgt:

das Wort Gottes
dem Wort[e] Gottes
des Wortes Gottes

Auch bei der Sohn Gottes ist Sohn der Kern der Wortgruppe, der gebeugt wird. Es heißt also im Genitiv des Sohnes Gottes:

der/den Sohn Gottes
dem Sohn[e] Gottes
des Sohnes Gottes

Man könnte Wort Gottes als Ganzes als einen Titel sehen, der unveränderlich ist. Der Genitiv wäre dann des Wort Gottes. Es ist im Deutschen aber üblich, auch innerhalb eines Titels o. Ä. zu beugen. Es ist deshab vorzuziehen, die Gentivform des Wortes Gottes zu verwenden, das heißt, wie in des Sohnes Gottes oder zum Beispiel des Zorns Gottes und des Willens Gottes den Kern der Wortgruppe zu beugen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

 

Gastlichkeit, gute Küche, bekannte Weine und das Verb

Frage

Auf einer deutschen Seite zu Rechtschreibung und Grammatik wurde folgender Satz angeführt:

Die bekannte Schwarzwälder Gastlichkeit mit der guten Küche und den bekannten Weinen laden nach einer Wanderung zum Einkehren und Entspannen ein.

Der Fragesteller wollte wissen, ob es hier korrekterweise nicht „lädt“ heißen müsste. Sind Sie auch der Meinung, dass im obigen Satz das Verb im Singular stehen sollte?

Antwort

Guten Tag H.,

rein dem Sinn nach ist die Wahl des Plurals hier gut verständlich. Schließlich kann man sich während der Wanderung auf drei Dinge freuen: Gastlichkeit, eine gute Küche und bekannte Weine. Grammatisch ist es aber trotzdem nicht korrekt, hier die Mehrzahl für das Verb zu wählen.

Das Subjekt des Satzes ist der Singular die bekannte Schwarzwälder Gastlichkeit. Diese Nomengruppe steht im Singular und hat eine Wortgruppe bei sich, die mit der Präposition mit eingeleitet wird. Es handelt sich also nicht um ein mehrteiliges Subjekt, sondern um ein einteiliges Subjekt in der Einzahl, das eine Präpositionalgruppe als nähere Bestimmung bei sich hat. Diese Präpositionalgruppe hat keinen Einfluss auf die Form des Verbs. Das Verb des Satzes steht deshalb im Singular:

Die bekannte Schwarzwälder Gastlichkeit mit der guten Küche und den bekannten Weinen lädt nach einer Wanderung zum Einkehren und Entspannen ein.

Bei einem kürzeren und einfacheren Satz sieht man vielleicht ein bisschen besser, worum es geht:

Frau Rothenberger und Begleiter kamen zuletzt an.
aber:
Frau Rothenberger mit Begleiter kam zuletzt an. (nicht: *kamen)

Der Wirt mit seinen Freunden ging zum Saal zurück. (nicht: *gingen)
Der Kuchen mit Schlagsahne und einem Gläschen Likör schmeckte ausgezeichnet. (nicht: *schmeckten)

Grammatisch gesehen ist also A und B nicht dasselbe wie A mit B, obwohl dies bedeutungsmäßig oft der Fall ist. Bei solchen Konstruktionen laufen Bedeutung und Grammatik sozusagen nicht immer parallel. In dem hier behandelten Fall „gewinnt“ dann die Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Idee des Individuums als Fall[s]?

Neben dem Komma und den Inseln gibt auch der Fall nach als immer wieder Anlass zu Fragen. Heute geht es um die als-Gruppe bei einem Genitiv. 

Frage

Wir schlagen uns mit einem Satz herum, bei dem unser Sprachgefühl dem widerspricht, was wir für grammatikalisch korrekt halten. Der Satz lautet:

Die Idee des Individuums als Falls und somit als Protagonisten einer Fallgeschichte wird hier Realität.

Wir hadern gefühlsmäßig mit den Genitivformen „Falls“ und „Protagonisten“, finden aber keinen Beleg dafür, dass diese im Nominativ stehen dürfen.

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

die als-Gruppe steht nach der Grundregel im gleichen Fall wie das Wort, auf das sie sich bezieht:

Gefüllte Kirschtomaten wurden als kleiner Gruß aus der Küche serviert.
Als erfahrenen Programmier hätte dich das nicht erstaunen müssen.
Die Wissenschaft wurde mit dem Internet als neuem Kommunikationsmedium konfrontiert.
Die Herrscher bedienten sich der Religion als eines Mittels der Unterdrückung.

ABER: Es gibt zahlreiche Ausnahmen. Eine davon betrifft Fälle, in denen das Bezugswort wie in Ihrem Beispiel ein Wort im Genitiv oder im Speziellen ein Genitivattribut ist. In solchen Fällen steht die als-Gruppe nur dann im Genitiv, wenn sie ein Artikelwort enthält. Ohne Artikelwort steht sie meist bzw. immer im Nominativ. Ihr Gefühl täuscht Sie also nicht. In Ihrem Beispiel steht die als-Gruppe ohne Artikelwort und ohne gebeugtes Adjektiv. Sie sollte deshalb im Nominativ stehen:

Die Idee des Individuums als Fall und somit als Protagonist einer Fallgeschichte wird hier Realität.

Ebenso zum Beispiel:

Die Herrscher bedienten sich der Religion als Mittel der Unterdrückung.
die Rolle des Staates als Handelspartner
die Förderung des Kindes als Individuum und als Teil der Gruppe

Mehr dazu finden Sie hier und hier, denn das Ganze ist leider noch ein bisschen komplexer. Die Häufigkeit der als-Gruppe als Problemfall wird Sie nach dem Lesen dieser Abschnitte kaum mehr erstaunen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Derem und dessem

Zwei Wörter, die immer wieder auftauchen und die perfekt ins deutsche Formensystem zu passen scheinen, gehören – zumindest standardsprachlich – doch nicht dazu: derem und dessem.

Frage

Ich habe zwei Sätze, bei denen ich die Richtigkeit überprüfen soll. Es geht um die Verwendung von deren, dessen, derem etc. Ist hier derem korrekt?

Diese feministische Gruppe, in DEREM Interesse es liegt, die Situation der Frau zu verbessern, scheint mir realistische Forderungen zu stellen.
Trotz des großen Andrangs und der vielen Besucher gelang es ihr, ein paar Worte mit der Direktorin und DEREM Mann zu wechseln.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

um es gleich vorwegzunehmen: In der Standardsprache gibt es die Form derem nicht. Die Form deren ist unveränderlich. Es ist der weibliche Genitiv Singular und der Genitiv Plural des Relativpronomens der/die/das und des Demonstrativpronomens der/die/das.

Auch wenn deren wie ein Artikel vor einem männlichen oder sächlichen Substantiv im Dativ steht, bleibt es unveränderlich, das heißt, es erhält anders als die Artikelwörter einem, diesem, ihrem usw. nicht die Endung em. Für Ihre Beispiele bedeutet dies:

Diese feministische Gruppe, in deren Interesse es liegt, die Situation der Frau zu verbessern, scheint mir realistische Forderungen zu stellen.
Trotz des großen Andrangs und der vielen Besucher gelang es ihr, ein paar Worte mit der Direktorin und deren Mann zu wechseln.

Man begegnet hier aus nicht ganz unbegreiflichen Gründen häufig auch der Form derem. Diese Form ist aber, wie bereits gesagt, standardsprachlich nicht korrekt. Wie wird deren vor einem Substantiv verwendet?

Als Relativpronomen:

die Nachbarin, mit deren rotem Sportwagen ich gerne einmal fahren würde
(nicht: *mit derem roten Sportwagen)
Sie haben sich wüste Schlägereien geliefert, in deren Verlauf auch etliche Feuerlöscher geleert wurden.
(nicht: *in derem Verlauf)

Als rückweisendes Demonstrativpronomen:

Sie hat die Direktorin in deren Büro aufgesucht.
(nicht: *in derem Büro)
Sie stehen hinter der Partei und deren politischem Auftrag.
(nicht: *derem politischen Auftrag)

Dasselbe gilt übrigens auch für dessem. Auch diese Form gibt es standardsprachlich nicht, nicht einmal vor einem männlichen oder sächlichen Substantiv im Dativ:

der Nachbar, mit dessen rotem Sportwagen …
Sie haben sich einen wüsten Kampf geliefert, in dessen Verlauf auch etliche Feuerlöscher geleert wurden.
Er hat den Direktor in dessen Büro aufgesucht
Sie stehen hinter dem Vorstand und dessen politischem Auftrag.

Und falls Sie wieder einmal unsicher werden: Wenn Sie versucht sind, derem oder dessem zu verwenden, sollten Sie deren oder dessen wählen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp