Wenn es unmöglich wird, wird es unmöglich sein

Frage

Trotz langen Suchens habe ich keine eindeutige Erklärung für folgendes Problem finden können. Ist bei dem Ausdruck „es wird (un)möglich (sein)“ die Verwendung von „sein“ erforderlich? Beispiel:

Es wird unmöglich zu garantieren, dass …
Es wird unmöglich sein zu garantieren, dass …

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

beide Formulierungen sind richtig, sie haben aber nicht dieselbe Bedeutung.

Es wird unmöglich sein zu garantieren, dass …

Wir haben es hier mit dem Futur des Verbs sein zu tun, das heißt, werden ist hier das Hilfsverb des Futurs. Ein zukünftiger Zustand wird beschrieben.

Ohne sein sieht der Satz so aus:

Es wird unmöglich zu garantieren, dass …

Hier haben wir es mit dem Präsens des Verbs werden zu tun, das für die Angabe einer Zustandsveränderung verwendet wird. In diesem Satz wird somit nicht wie im ersten Satz ein zukünftiger Zustand, sondern eine gegenwärtige Zustandsveränderung beschrieben.

Rein formal sind also beide Formulierungen möglich. Wie sieht es nun mit der Bedeutung aus? Eine Zustandsveränderung hat einen zukünftigen anderen Zustand zur Folge. Der Vorgang des Unmöglichwerdens resultiert in zukünftigem Unmöglichsein. Da also – in Normalsprache ausgedrückt – etwas, das unmöglich wird, danach unmöglich ist, können in gewissen Situationen beide Formulierungen zutreffend sein.

Bei zu später Bestellung wird es unmöglich, eine rechtzeitige Lieferung zu garantieren.
Bei zu später Bestellung wird es unmöglich sein, eine rechtzeitige Lieferung zu garantieren.

Dank dieser guten Pflege wirst du bald wieder gesund.
Dank dieser guten Pflege wirst du bald wieder gesund sein.

Das gilt aber nur dann, wenn es keine Rolle spielt, ob ein gegenwärtiger Vorgang oder ein zukünftiger Zustand gemeint ist.

Weil diese Erklärung langsam zu lang wird, höre ich jetzt auf und hoffe, dass sie trotz ihrer Länge einigermaßen verständlich für Sie sein wird (oder einfach ist).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum „haben geöffnet gehabt“ doch richtig sein kann

Frage

Ein Kursteilnehmer fragte im Deutschunterricht einer Freundin von mir, was der Satz „Wir haben bis 19 Uhr geöffnet“ bedeute und ob das Perfekt sei. Wie erklärt man die möglichen und unterschiedlichen Verwendungen von „wir haben geöffnet“ (Präsens bzw. Perfekt) am besten?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

in Wir haben bis 19 Uhr geöffnet ist haben geöffnet tatsächlich kein Perfekt. Hier wird das Partizip geöffnet in Verbindung mit haben gleich verwendet wie das Adjektiv offen oder, eher umgangssprachlich, die Adverbien auf und zu.

Wir haben geöffnet/offen/auf. (= Unser Geschäft/Schalter ist geöffnet.)
Wir haben geschlossen/zu. (= Unser Geschäft/Schalter ist geschlossen.)

Es handelt sich hier also um das Präsens der mehr oder weniger festen Wendung geöffnet haben.

Präsens: Wir haben geöffnet.
Präteritum: Wir hatten geöffnet.
Perfekt: Wir haben geöffnet gehabt.

Und hiermit sind wir beim Unterschied zum Perfekt von öffnen. Es lautet ebenfalls wir haben geöffnet:

Präsens: wir öffnen
Präteritum: wir öffneten
Perfekt: wir haben geöffnet

Was im konkreten Fall gemeint ist, das Präsens der Wendung geöffnet haben oder das Perfekt des Verbs öffnen, gibt der Satzzusammenhang an. In diesem Fall ist es ganz einfach: Das Verb öffnen kann nicht ohne ein Akkusativobjekt stehen. Auch im Perfekt muss also immer angegeben werden, was geöffnet wird. Zum Beispiel:

Wir haben den Laden/die Fenster/eine Dose/ein paar Flaschen geöffnet.

Ohne einen Akkusativobjekt handelt es sich um die Wendung geöffnet haben = offen haben.

Wir haben bis 19 Uhr/heute/den ganzen Tag geöffnet.

Den Unterschied kann man also einfach daran erkennen, ob angegeben wird, was geöffnet wird, das heißt, ob ein Akkusativobjekt von geöffnet haben abhängig ist.

Für weniger fortgeschrittene Deutschlernende wahrscheinlich etwas hoch gegriffen, für alle anderen nicht sehr wichtig, aber für diejenigen, die ab und zu gerne mit Formen jonglieren, vielleicht doch interessant ist diese abschließende Feststellung: Auch wenn man das standardsprachlich verpönte doppelte Perfekt wie in

Wir haben heute Morgen die Fenster geöffnet gehabt

besser vermeiden sollte, kann man also sagen

Wir haben heute Morgen geöffnet gehabt

Letzteres ist zwar auch nicht die allereleganteste Formulierung, aber ein „erlaubtes“ einfaches Perfekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dessen, deren und deren nachfolgende Nachbarn

Frage

Ich habe Probleme bei der Deklination des Adjektivs „zurückhaltend“ in folgendem Satz:

Viele Menschen sind verärgert über das Ministerium und dessen zurückhaltendem(?) Engagement in dieser Frage.

Ist diese Form korrekt?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

die Form zurückhaltendem ist hier nicht korrekt. Das Problem, über das Sie hier stolpern, ist wahrscheinlich die Beugung des Adjektivs nach dessen. Dieses Phänomen sorgt nicht nur bei Ihnen, sondern auch bei vielen anderen häufiger zu Unsicherheiten. Aber gehen wir der Reihe nach vor:

Die Wortgruppe, zu der zurückhaltend gehört, ist von über abhängig. Die Präposition über verlangt hier den Akkusativ (über wen oder was verärgert?). Weiter gilt, dass dessen keinen Einfluss auf das ihm folgende Adjektiv hat. Damit ist gemeint, dass das Adjektiv gleich gebeugt wird, wie wenn gar kein Artikelwort vor ihm steht (starke Beugung, siehe auch hier).

Viele Menschen sind verärgert über zurückhaltendes Engagement.
Viele Menschen sind verärgert über das Ministerium und [über] zurückhaltendes Engagement.
Viele Menschen sind verärgert über das Ministerium und [über] dessen zurückhaltendes Engagement.

Richtig ist also die stark gebeugte Form zurückhaltendes:

Viele Menschen sind verärgert über das Ministerium und dessen zurückhaltendes Engagement in dieser Frage.

Wie bereits gesagt, ist hier die Hauptschwierigkeit für viele, dass ein Adjektiv nach dessen und übrigens auch deren stark gebeugt wird. Wenn Sie einmal unsicher sind, wie es nach dessen oder deren weitergehen soll, lassen Sie dessen oder deren einfach weg, achten Sie sich nicht allzu sehr auf den Sinn des verbleibenden Satzes(!) und sehen Sie, wie das Adjektiv dann gebeugt würde. Das ist die zu wählende Form. Zum Beispiel:

Sie lebt mir ihrer Mutter und deren neuem Freund in H.
vgl. mit neuem Freund

ein alter Lastwagen, auf dessen kleiner Ladefläche vier Schafe standen
vgl. auf kleiner Ladefläche standen vier Schafe

Das ist nicht gut für die Firmen und deren Angestellte.
vgl. Das ist nicht gut für Angestellte

Die Bestrafung des Jungen war wegen dessen unerlaubter Online-Bestellung von Waren erfolgt.
vgl. wegen unerlaubter Online-Bestellung

Die Wörtchen deren und dessen machen es uns deshalb schwierig, weil sie auf –en enden und so wie ganz normale Artikelwörter aussehen. Sie sind aber unveränderlich und haben keinen Einfluss auf das ihnen folgende Adjektiv (vgl. hier). Häufig geht es trotzdem spontan gut. Und wenn Sie doch einmal nicht wissen, wie dessen und deren und deren nachfolgende Nachbarn behandelt werden sollten, kennen Sie nun einen kleinen Trick.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die wie-Apposition, das Personalpronomen und der Kasus

Frage

Wie ist der Satz richtig: „Ich beziehe mich auf Probleme einflussreicher Frauen wie mir/mich/ich“?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

wie es so vielen so häufig geht, haben Sie hier Zweifel bei der Wahl des Falls in einer sogenannten als- oder wie-Apposition. Im Grunde ist es ja ganz einfach: In der als- oder wie-Gruppe steht der gleiche Fall wie beim Nomen, auf das sie sich bezieht (vgl. hier). Das gilt auch bei Personalpronomen:

Auch einflussreiche Frauen wie ich/du/sie/wir/ihr/Sie haben Probleme.
Das größte Problem für einflussreiche Frauen wie mich/dich/sie/uns/euch/Sie ist …
ein Treffen mit einflussreichen Frauen wie mir/dir/ihr/uns/euch/Ihnen

Das beantwortet aber nur einen Teil Ihrer Frage: In Ihrem Satz sind der Akkusativ mich und der Dativ mir standardsprachlich nicht möglich. Die wie-Gruppe bezieht sich weder auf einen Akkusativ noch auf einen Dativ, sondern auf einen Genitiv.

Und genau hier beginnt es zu „klemmen“. Es ist nämlich nicht üblich, bei Personalpronomen in dieser Stellung den Genitiv zu verwenden. Es heißt also nicht:

*Probleme einflussreicher Frauen wie meiner/deiner/ihrer/eurer/Ihrer

Es bleibt also nur noch der Nominativ. Und dieser Fall ist auch die richtige Lösung:

Ich beziehe mich auf Probleme einflussreicher Frauen wie ich.

Die Wahl des Nominativs lässt sich hier dadurch erklären und rechtfertigen, dass die wie-Gruppe als verkürzter Vergleichssatz angesehen wird: Probleme einflussreicher Frauen, wie ich [es/eine bin].

Ähnliche Beispiele:

der Einfluss eines Politikers wie er (nicht: wie seiner)
der Rat eines guten Freundes wie du (nicht: wie deiner)
nach Ansicht vieler Leute wie wir (nicht: wie unser)
die Hilfe guter Nachbarn wie ihr / wie Sie (nicht wie euer/Ihrer)

Und dasselbe gilt übrigens auch für Eigennamen. Auch dort steht in solchen Konstruktionen der Nominativ statt des Genitivs:

die Entdeckungen einer Physikerin wie Curie (nicht: wie Curies)
das Werk eines Schriftstellers wie Böll (nicht: wie Bölls)

Ich hoffe, dass Sie mit den Antworten eines Sprachlers wie Bopp etwas anfangen können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Welches oder welchen Landes?

Frage

Was ist richtig: „Der Präsident welches Landes ist …“ oder „Der Präsident welchen Landes ist …“?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

beide Formen sind hier richtig:

Der Präsident welchen Landes ist …
Der Präsident welches Landes ist …

Woher kommt diese „Willkür“? Wirklich rundum schließend erklären kann ich es auch nicht, aber es hat mit einem Unterschied bei der Beugung von Artikelwörtern, Pronomen und Adjektiven zu tun, wenn sie vor einem männlichen oder sächlichen Substantiv stehen.

Artikel sowie viele als Artikelwörter verwendete Pronomen haben im männlichen und sächlichen Genitiv die Endung es:

des/eines//dieses/jenes/meines/keines Kindes

Adjektive hingegen haben im männlichen und sächlichen Genitiv die Endung en:

des kleinen/frechen/wohlerzogenen/beispielhaften Kindes

Manche Artikelwörter haben nun die Neigung, sich vor einem Substantiv wie ein Adjektiv zu verhalten und die Endung en anzunehmen. Einige tun dies immer:

 die Verursacher einigen/etlichen Ärgers

Bei anderen schwankt der Gebrauch (und jetzt wird’s kompliziert): Sie haben die Endung en, aber nur dann, wenn das Substantiv den Genitiv mit es oder s bildet:

die Bekämpfung allen Übels
im Leben manchen Kindes
aber:
der Anfang alles Schönen
im Leben manches Menschen

Es reicht offenbar, den Genitiv nur einmal mit der typischen Genitivendung (e)s zu markieren (allen Übels). Umgekehrt muss der Genitiv aber einmal mit dieser Endung vertreten sein (jedes Menschen; vgl. auch den letzten Blogeintrag).

So weit, so gut, aber das war noch nicht alles. Neben den Artikelwörtern, die ganz der adjektivischen Beugung folgen (einige, etliche), und den „halbangepassten“ (alle, manche) gibt es noch die Gruppe der „unentschlossenen“. Bei ihnen kann die Genitivendung (e)s immer stehen, sie werden aber auch mit en verwendet:

die Erfüllung jedes/jeden Wunsches
der Präsident welches/welchen Landes
aber nur:
im Leben jedes Menschen
die Abenteuer welches Helden

Es gibt also im männlichen und sächlichen Genitiv einen Übergang von der Artikelendung es zur Adjektivendung en, den verschiedene Wörter in unterschiedlichem Maße vollzogen haben.

Das alles liest sich sehr kompliziert und das ist es auch. Kein Wunder also, dass Deutschlernende hier häufig verzweifeln oder resignieren und dass die Muttersprachigen sehr schnell ins Schleudern geraten, wenn sie anfangen, über diese Fälle nachzudenken, oder gar erklären sollten, war richtig ist. Dieser Übergang von es zu en ist die Ursache manchen Zweifels manches Deutsch sprechenden Menschen.

Eine Aufstellung der Artikelwörter, um die es hier geht, finden Sie auf dieser Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Dieses Phänomen spielt auch bei einem berühmten Fehler eine Rolle, der eigentlich schon fast kein Fehler mehr ist: Statt standardsprachlich (noch?) vorzuziehend Ende dieses Jahres hört und liest man häufig Ende diesen Jahres.

Als solchen, als solchem, als eines solchen

Frage

In einer deutschen Übersetzung stieß ich auf eine Formulierung, die mich stocken ließ:

Vielmehr geht es um die Parodie des Begriffs als solchem.

Zum Straucheln brachte mich nun der Dativ im Attribut nach „als“ gleich in doppelter Hinsicht. Zunächst musste ich genau deshalb kurz innehalten, zugleich aber scheint er bei mehrfacher Wiederholung eigentümlicherweise auch nicht gänzlich fehlgeleitet. Wie schätzten Sie diese Verwendung hier ein?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

standardsprachlich gilt der Dativ als solchem hier nicht als korrekt. Ganz „fehlgeleitet“ ist er aber nicht:

Im Prinzip steht die Wendung als solches im gleichen Kasus wie das Wort, auf das sie sich bezieht (und zwar als eigenständiges Neutrum oder mit dem gleichen Genus wie das Bezugswort):

der Begriff als solches/solcher
den Begriff als solches/solchen
dem Begriff als solchem/solchem

Was nun noch fehlt, ist der Genitiv. Der Genitiv wäre sächlich und männlich als solchen, aber er ist hier auch nicht die richtige Lösung.

Das Deutsche meidet nämlich Nomen- und Pronomengruppen im Genitiv, wenn sie

  • nicht mindestens ein konjugiertes Artikelwort oder Adjektiv enthalten und
  • nicht mindestens ein Element der Gruppe eine s- oder eine r-Endung hat.

Zum Beispiel:

nicht: der Konsum Alkohols
sondern: der Konsum von Alkohol
aber: der Konsum reinen Alkohols (vgl. hier)

nicht: wegen Regenfälle
sondern: wegen Regenfällen
aber: wegen heftiger Regenfälle (vgl. hier)

Die Dativform als solchem in der zitierten Textstelle ist also nicht völlig aus der Luft gegriffen. Wenn der Genitiv nicht passt, weichen wir gerne auf den Dativ aus. Wahrscheinlich deshalb klingt des Begriffs als solchem in Ihren Ohren gar nicht so falsch. Wie das Beispiel wegen Regenfällen oben zeigt, ist dieses Ausweichen auf den Dativ manchmal sogar standardsprachlich abgesegnet. In anderen Fällen, wie hier bei des Begriffs als solchem, gilt die Verwendung des Dativs aber standardsprachlich (noch?) nicht als korrekt.

Weil hier also nicht die Genitivform als solchen stehen kann, aber standardsprachlich auch nicht auf die Dativform als solchem ausgewichen werden darf, muss umformuliert werden. Am einfachsten geht dies so:

des Begriffs des Originals als eines solchen

Die als-Gruppe steht wie das Bezugswort im Genitiv und dank eines enthält die Genitivgruppe ein Artikelwort mit der Genitivendung es: Alles ist wieder in Ordnung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Verschwörer erbostes Geschrei und was daran stark ist

Frage

Ich habe zwei Fälle mit Genitiv, bei denen ich sehr unsicher bin, was nun korrekt wäre. Es geht eher in die freie literarische Richtung:

Es ertönt der Verschwörer erboste Geschrei.

Noch unsicherer bin ich mir hier:

ungeachtet des Monarchen hässlichen/hässlicher Visage

Ich tendiere zur ersten Variante, weil es ja auch heißt: „ungeachtet der hässlichen Visage des Monarchen“. Können Sie mir da vielleicht irgendwie weiterhelfen?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

diese Art der Genitivkonstruktion ist außer bei Eigennamen veraltender oder poetischer Sprachgebrauch. Eine nähere Bestimmung im Genitiv (Genitivattribut) steht in der heutigen Sprache normalerweise nicht vor, sondern nach dem Wort, das sie bestimmt. Wenn Sie dennoch so formulieren möchten, dann wie folgt:

Es ertönt der Verschwörer erbostes Geschrei.
ungeachtet des Monarchen hässlicher Visage

Im ersten Satz ist es die starke Endung des sächlichen Nominativs Singular, im zweiten Beispiel ist er die starke Endung des weiblichen Genitivs Singular. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass es sich um eine starke Endung handelt. Die Adjektive stehen nämlich mit den entsprechenden schwachen Endungen e resp. en, wenn man das Ganze etwas moderner formuliert:

Es ertönt das erboste Geschrei der Verschwörer.
ungeachtet der hässlichen Visage des Monarchen

Worin liegt der Unterschied? Mit Artikel wird das Adjektiv schwach gebeugt:

das erboste Geschrei
(ungeachtet) der hässlichen Visage

Wenn Sie nun ein Genitivattribut voranstellen, ersetzt es den bestimmten Artikel das resp. der. Ohne einen zu ihm gehörenden Artikel wird das Adjektiv stark gebeugt:

der Verschwörer erbostes Geschrei
(ungeachtet) des Monarchen hässlicher Visage

Diese Wortstellung kommt heute vor allem mit Eigennamen vor:

Frau Boltes erbostes Geschrei
(wegen) Gollums hässlicher Visage

Siehe auch hier die Angaben zur starken Flexion unter „ohne Artikel“.

Ob ein Genitivattribut vor oder nach dem Substantiv steht, das es bestimmt, hat also ganz konkret auch einen Einfluss auf die Endung eines Adjektivs, das dasselbe Substantiv bestimmt. Um mit einem bescheidenen Beispiel zu schließen:

der tolle Service des Canoonet-Teams
Canoonets toller Service

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine Pluralfrage: der Fundus – die ?

Frage

Das Wort „Fundus“ scheint in Bezug auf Pluralbildung ein sehr merkwürdiges zu sein.

Sie geben den Plural im Einklang mit dem Duden mit „Fundus“ (also unverändert) an. Dies erinnert an Wörter wie „Status“, die der lateinischen u-Deklination entstammen und im Plural mit langem u ausgesprochen werden. Ich finde für den Plural des lateinischen Wortes „fundus“ jedoch die Angabe „fundi“. Hierzu passt, dass auch der Duden (anders als bei „Status“) keine lange Aussprache des u angibt.

Gibt es eine Erklärung für den merkwürdigen Plural, der offenbar nicht auf die Ursprungssprache zurückzuführen ist?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen schuldig bleiben. Ich weiß nicht, wie sich der unveränderliche Plural die Fundus ergeben hat. Die Pluralbildung bei Fremdwörtern in Fachsprachen ist manchmal unergründlich – zumindest für mich.

Der Nominativ Plural des lateinischen fundus (Grund, Boden) lautet tatsächlich fundi. Wie Sie richtig bemerken, gehört Fundus also nicht zu den Wörtern wie der Status und der Kasus, die im Deutschen wie im Lateinischen den (Nominativ) Plural in der Schrift gleich und in der Aussprache mit langem u bilden: die Status, die Kasus.

Wie gehen wir im Deutschen mit anderen Wörtern um, die aus der gleichen lateinischen Deklinationsklasse stammen? Bei fundus–fundi könnte man in Analogie mit anderen Wörtern die folgenden Pluralformen erwarten:

  • die Fundi
    wie zum Beispiel: Bonus–Boni, Modus–Modi, Terminus–Termini

Der Plural Fundi kommt tatsächlich neben die Fundus in der Medizin vor, wo Fundus die Bedeutung Hintergrund, Boden eines Organs hat. In anderen Bereichen lassen die Wörterbücher aber diesen Plural nicht zu (Theater usw.: Bestand an zurzeit nicht gebrauchten Requisiten, Dekorationen, Kostümen; bildungssprachlich: Grundbestand, Grundstock).

  • *die Funden
    wie zum Beispiel: Ritus–Riten, Zyklus–Zyklen, Globus–Globen
  • *die Fundusse
    wie zum Beispiel: Bonus–Bonusse, Globus–Globusse, Zirkus–Zirkusse)

Funden kommt nicht vor und Fundusse gilt nicht als korrekt. Herausgekommen ist nach den Wörterbüchern dieser unveränderliche Plural:

  • die Fundus
    wie zum Beispiel: Akanthus–Akanthus, Lotus–Lotus, Abakus–Abakus*

Hier zeigt sich wieder einmal, dass es keine eindeutige Regel gibt, wie der Plural von Fremdwörtern im Deutschen gebildet wird. Die Wortformen in der Ursprungssprache, der Grad der Eindeutschung und Analogien (auch falsche) mit ähnlichen Wörtern können hier eine Rolle spielen. Die genaue Antwort auf die Frage, wie und in welcher Fachsprache der unveränderliche Plural für Fundus sich herausgebildet hat, konnte ich im Fundus meiner Kenntnisse leider nicht aufstöbern. Vielleicht weiß jemand anders mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*umstritten neben Abakusse und Abaki

Werde haben geliebt werden wollen

Manche Fragen können nur von besonders eifrigen Deutschlernenden oder eventuell von sehr an Regeln und Tabellen interessierten Muttersprachigen gestellt werden. Mir wäre sie jedenfalls spontan nicht in den Sinn gekommen.

Frage

Ein ausländischer Bekannter fragt: „Warum ist die Wortstellung im Futur II Aktiv Modalverben + haben (ich werde geliebt werden wollen haben), aber im Aktiv genau umgekehrt, haben + Modalverben (ich werde haben lieben wollen)?“ Und ich ergänze: Hat er überhaupt Recht?

Antwort                                                        

Sehr geehrter Herr W.,

wenn diese Formen verwendet würden, sähen sie so aus:

Ich werde haben lieben wollen.
Ich werde haben geliebt werden wollen.

Gemäß der üblichen Wortstellung für den Ersatzinfinitiv bei Modalverben sollte das Hilfsverb haben, von dem das Modalverb abhängig ist, m. E. in beiden Fällen nicht am Schluss, sondern am Anfang der abschließenden infiniten Verbgruppe stehen.

nicht: (werde) geliebt werden wollen haben
sondern: (werde) haben geliebt werden wollen

Aber – und hier kommt das große Aber – insbesondere der zweite Beispielsatz ist eine rein akademische Übung. Niemand verwendet das Futur II Passiv mit Modalverb, weil die Form auch für Muttersprachige nicht mehr zu handhaben ist. Eine finite und vier infinite Wortformen kann kaum jemand ohne längere Überlegung in (irgend)eine vernünftige Reihenfolge bringen.

Es ist übrigens nicht auszuschließen, dass andere bei dieser theoretischen Übung zu einem anderen als dem oben gezeigten Resultat kommen. Die Regel lässt sich nämlich nicht anhand der Sprachrealität überprüfen, das heißt, es ist nicht möglich, festzustellen, ob die vorgeschlagene Form auch wirklich regelmäßig so vorkommt.

Besser ist hier immer der Ersatz durch eine andere Formulierung. Zum Beispiel:

Ich werde gewollt haben, dass ich geliebt werde.
Ich habe wahrscheinlich geliebt werden wollen.
statt
Ich werde haben geliebt werden wollen.

Es wird nötig sein gewesen, die Waschmaschine zu reparieren.
Die Waschmaschine hat wahrscheinlich repariert werden müssen.
statt
Die Waschmaschine wird haben repariert werden müssen.

Es wird nicht möglich sein gewesen, diese Form zu bilden.
Diese Form hat wahrscheinlich nicht gebildet werden können.
statt
Diese Form wird nicht haben gebildet werden können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll zu Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer

Keine Angst, ich werde keine gesellschaftskritische Kolumne beginnen! Es geht auch hier um Grammatik: Ein nicht mehr ganz taufrisches Zitat wirft Kongruenzfragen auf.

Frage

„Wann genau ist aus Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll eigentlich Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer geworden?“ Muss es nicht „sind“ heißen?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

die Einzahl ist ist hier richtig. Wenn mit und verbundene Subjektteile als eine Einheit aufgefasst werden, kann das Verb entgegen der Grundregel auch in der Einzahl stehen (vgl. hier). Häufig stehen die Substantive dann wie hier ohne Artikel.

Das Subjekt ist hier „Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer“. Es wird mit  „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ in Verbindung gebracht und wie dieses als ein Motto oder eine Lebenseinstellung aufgefasst:

„Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ war das Motto. Heute ist das Motto „Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer“.

Wann genau ist aus Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll eigentlich Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer geworden?

Die Mehrzahl sind ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen, ich fände sie hier aber stilistisch weniger gut. Ähnliche Formulierungen:

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit war die Losung der Französischen Revolution.
Brot und Spiele funktioniert auch heute noch.
Jung und Alt kann hiervon profitieren.

Und wenn Sie sich immer noch nicht ganz mit der Einzahl anfreunden können, helfen in Ihrem Beispiel vielleicht Anführungszeichen dabei, das ist etwas leichter verdaulich zu machen:

Wann genau ist aus „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ eigentlich „Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer“ geworden?

Die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen übrigens schuldig bleiben. Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll war nie mein Lebensmotto und andererseits esse ich Fleisch, vertrage ich zum Glück Milch und bin ich, wenn ich wählen kann, doch eher für Rock ’n’ Roll als Helene Fischers Schlager.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp