Nichts als Ärger, nichts wie weg!

Frage

Mein Telekommunikationsdienster (betrifft alle :-)) macht nichts als Ärger. Man würde hier nicht „wie“ benutzen. Warum sagt man dann „Nichts wie weg!“?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

wie Ihr Stoßseufzer über den Telefonanbieter zeigt, steht nach nichts standardsprachlich als, nicht wie:

Er macht nichts als Ärger.
Nichts als Ratlosigkeit auf der Krim
Sie wollte nichts als weggehen und in Ruhe gelassen werden.

Rein umgangssprachlich (und standardsprachlich nichkt korrekt) kommt in solchen Sätzen mit nichts auch wie vor:

Er macht nichts wie Ärger.
Sie wollte nichts wie weggehen und ihre Ruhe haben.

Die Formulierung

Nichts wie weg!

gehört ebenfalls zur Umgangssprache und ist dort zu einer festen Wendung geworden. Es wäre auf dieser Sprachebene sogar falsch, „nichts als weg!“ zu sagen. Umgekehrt wird „nichts wie weg!“ kaum in einem formelleren standardsprachlichen Zusammenhang verwendet, in dem nach nichts ausschließlich als richtig ist. In dieser Weise bleiben die beiden Sprachebenen hier einmal säuberlich getrennt.

Wenn also jemand nichts als Ärger macht, denkt man für sich ganz umgangssprachlich: „Nichts wie weg!“, sagt aber standardsprachlich und formell: „Ich habe leider noch einen Termin.“

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kann etwas als etwas qualifizieren?

Frage

Kann ich die folgenden Sätze so stehenlassen? Das Verb „qualifizieren“ kenne ich in dieser Bedeutung/Verwendung nicht.

Sie können auf einen Anhang verzichten, sofern sie nicht als große Unternehmen qualifizieren.
Das ist eine Beschränkung auf Unternehmen, die als Beteiligung qualifizieren.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

diese Verwendung von qualifizieren ist im Deutschen nicht üblich. Es ist vermutlich eine wörtliche Übersetzung des englischen to qualify as sth. mit der Bedeutung die Voraussetzungen für etwas erfüllen, als etwas bezeichnet werden können. Gemeint ist wohl so etwas wie:

… sofern sie keine großen Unternehmen sind.
… sofern sie nicht als große Unternehmen gelten.
… welche die Bedingungen/Voraussetzungen für eine Beteiligung erfüllen.

Bevor ich nun aber kategorisch erkläre, die zitierten Sätze seien schlichtweg falsch, möchte ich noch eine kleine Nuance anbringen: Es scheint im Jargon der Finanzwelt üblich zu sein, qualifizieren in dieser Weise zu verwenden. Man könnte in einem von Fachleuten für Fachleute geschriebenen Text vielleicht erwägen, stirnrunzelnd nur ein Fragezeichen dahinter zu setzen. Jede Fachsprache hat nun einmal ihre Eigenheiten. In allen anderen Textarten würde ich aber zum Rotstift greifen. Dort qualifiziert dieses qualifizieren als sozusagen als Fehler.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das ziemlich altertümliche »derselben«

Ein etwas verstaubt klingendes und wohl gerade deshalb gehoben anmutendes Wort ist derselben, wenn damit nicht der Gleichen gemeint ist. Wie wird es verwendet?

Frage

Darf man „derselben“ synonym für „deren“ verwenden? Zum Beispiel

eine Wohnung, deren Eigentümer sich in Frankreich aufhält
eine Wohnung, derselben Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Ob es eigentümlich klingt, spielt keine Rolle, lediglich, inwiefern es grammatikalisch noch zu akzeptieren wäre.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Demonstrativpronomen der-/die-/dasselbe wird nicht als Relativpronomen verwendet. Es heißt also nicht:

*eine Wohnung, derselben Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Hier sollte die Genitivform deren stehen:

eine Wohnung, deren Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Der-/die-/dasselbe wird also nicht als Relativpronomen verwendet. Es kann sich aber als Demonstrativpronomen auf etwas vorher Genanntes beziehen:

Er brachte einen großen Krug und setzte denselben auf den Tisch.
[denselben = ihn/diesen]
Dann öffnete er eine Schublade und entnahm derselben einen Brief.
[derselben = ihr/dieser]
Füllen Sie das Formular aus und senden Sie dasselbe an unten stehende Adresse.
[dasselbe = es/dieses]

Als Genitivattribut wird derselben resp. desselben in der Regel dem Wort nachgestellt, das es bestimmt:

Es geht um die Wohnung im dritten Stock. Der Eigentümer derselben hält sich in Frankreich auf.
[der Eigentümer derselben = ihr/deren Eigentümer] 
Er brachte einen großen Krug und goss den Inhalt desselben in die Becher.
 [den Inhalt desselben = seinen/dessen Inhalt]
Der geneigte Leser dieser Seiten mag mir nach der Lektüre derselben eine gewisse Blauäugigkeit vorwerfen.
[nach der Lektüre derselben = nach ihrer/deren Lektüre]

Je nach Geschmack klingen solche Formulierungen etwas verstaubt, gehoben oder beides. Die Verwendung von der-/die-/dasselbe als verweisendes Wort gilt dann auch als veraltend – auch im Genitiv! Mehr zu diesem Pronomen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In den Bus einsteigen – unsere Vorliebe für die Vorsilbe

Frage

Wir haben eine Streitfrage, heißt es jetzt eigentlich „Ich steige in den Bus ein“ oder „Ich steige in den Bus“? Heißt es „Ich steige aus dem Bus“ oder „Ich steige aus dem Bus aus“? Bin mir ziemlich unsicher.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

wieder einmal sind beide Formulierungen üblich und richtig:

Ich steige in den Bus ein.
Ich steige in den Bus.

Ich steige aus dem Bus.
Ich steige aus dem Bus aus.

Im Deutschen haben wir nämlich ein starkes Bedürfnis, mit Vorsilben nachdrücklich anzugeben, was gemeint ist. Oft sind diese Vorsilben für das Verständnis gar nicht unbedingt notwendig. Hier weitere Beispiele, die mit und ohne solche Vorsilben richtig und verständlich sind:

vom Tisch herunterfallen
vom Tisch fallen

aus dem Fenster hinausblicken
aus dem Fenster blicken

zum Gipfel aufsteigen
zum Gipfel steigen

Mehl in Säcke einfüllen
Mehl in Säcke füllen

mit aufgeblähten Segeln
geblähten Segeln

im nachfolgenden Text
im folgenden Text

ohne Vorankündigung
ohne Ankündigung

Ein schönes und in diesem Zusammenhang häufiger zitiertes Beispiel ist pimpen – aufpimpen. Obwohl pimpen ungefähr aufmachen, aufmotzen entspricht und es also das Bedeutungselement auf bereits in sich birgt, wird es häufig in der Form aufpimpen verwendet. Das Gepimpte wird zum Aufgepimpten. Oft finden wir ein einfaches Verb einfach zu wenig aussagekräftig.

Die meisten dieser Formulierungen drücken in gewissem Sinne zweimal dasselbe aus. Das ist hier aber nicht weiter schlimm, denn unsere Sprache ist mehr als nur ein Mittel, sich mit möglichst wenig Aufwand so präzise wie möglich auszudrücken. Es ist zwar richtig, dass man Doppelungen und Wiederholungen in zum Beispiel wissenschaftlichen oder knappen, rein informativen (journalistischen) Texten besser weglässt, das heißt aber nicht, dass man sie immer und überall tunlichst zu vermeiden hat. Natürlich reicht es zu sagen, dass das Mehl in Säcke gefüllt wird. Die Präposition in gibt ausreichend an, wie das Füllen in Bezug auf die Säcke geschieht. Dennoch wird häufig nicht nur etwas in etwas gefüllt, sondern auch nachdrücklicher und bildhafter in etwas eingefüllt. Auch das auf in zum Gipfel aufsteigen ist im Prinzip „überflüssig“. Das Konzept Gipfel gibt bereits an, dass aufwärts gestiegen wird. Es lässt sich ja in der Regel schlecht auf einen Gipfel heruntersteigen (Filme mit spektakulären Stunt-Einlagen einmal außer Acht gelassen). Das auf in aufsteigen zeigt aber deutlicher als nur einfaches steigen, dass es zum Gipfel zünftig bergauf geht.

Wenn Sie also ausdrücken wollen, dass Sie irgendwo einsteigen, können Sie ruhig sagen, dass Sie in den Bus oder in den Zug einsteigen. Ohne ein- ist es aber auch richtig – und sogar schön kurz und bündig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe auch einen ähnlichen Blogartikel zum Verb vorprogammieren.

Dort vorn oder dort hinten?

Frage

„Vorn“ und „hinten“, ich frage mich schon seit langer Zeit, was nun eigentlich richtig ist. Zum Beispiel: Man wird am Sonntagmorgen von jemandem nach dem Weg gefragt, der wissen möchte, wo die Kirche in Kirchhausen steht. Glücklicherweise sieht man die Kirchturmspitze schon von weitem, deutet auf sie und sagt:

„Die Kirche sehen Sie dort vorne“ – oder vielleicht „dort hinten“?

Was stimmt? Oder kann man beides sagen ?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

man kann sowohl dort vorn als auch dort hinten sagen. Man kann außerdem auch dort drüben oder einfach dort sagen. Die Verwendung von Orts- und Richtungsadverbien ist stark vom sprachlichen Kontext und von der realen Umgebung abhängig. Wenn man auf die Kirche zeigt, lautet eine mehr oder weniger neutrale begleitende Aussage:

Die Kirche sehen Sie dort.
Die Kirche sehen Sie dort drüben.

Wenn vorn oder hinten verwendet wird, können verschiedene Aspekte eine Rolle spielen. Zum Beispiel:

Die Kirche sehen Sie dort vorn.
Die Kirche sehen Sie dort hinten.

  • in Fahrt- oder Gehrichtung → dort vorn
  • entgegen der Fahrt- oder Gehrichtung → dort hinten
  • in einem Tal Richtung Talausgang → dort vorn
  • in einem Tal Richtung oberes Talende → dort hinten
  • teilweise oder ganz durch andere Gebäude oder etwas anderes verdeckt → dort hinten
  • In vielen Ortschaften wissen die Leute „einfach“, wo vorn im Dorf und wo hinten im Dorf ist, weil es schließlich immer so war. Dabei können wiederum verschiedene Aspekte die Grundlage für die Unterscheidung sein. (Manchmal sind sich aber die Leute vorn im Dorf und hinten im Dorf nicht darüber einig, welcher Teil des Dorfes vorn und welcher hinten ist.)

Diese Aspekte sind oft nicht allzu klar. Es kann deshalb vorkommen, dass zwei Personen auf der Straße zwar in die gleiche Richtung zeigen, aber nicht die gleiche Wortwahl treffen. Die eine sagt dort vorn, die andere dort drüben. Deshalb ist das Zeigen viel wichtiger als der begleitende Text.

Im Gegensatz zu oben und unten sind vorn und hinten keine festliegenden Größen. In hügeligen und bergigen Gegenden hat man es deshalb meist einfacher: Die Kirche ist entweder dort oben oder dort unten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist der Abstand zweijährig oder zweijährlich?

Frage

Heißt es: „Kontrollen in zweijährigem Abstand“ oder „Konstrollen in zweijährlichem Abstand“?

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

im Prinzip es ganz einfach, …jährlich von …jährig zu unterscheiden. In diesem Fall hätte ich Ihnen aber ganz spontan beinah eine falsche Antwort geschickt. Es wäre bestimmt nicht das erste Mal gewesen, dass ich im Eifer des Gefechts einen Schnellschuss mit falschem Inhalt abgegeben hätte. Bei so nahe beieinanderliegenden Formen lohnt es sich immer, ein zweites Mal hinzuschauen, bevor man auf den Senden-Knopf klickt.

Mit …jährig wird ein Alter oder ein Zeitdauer angegeben:

ein zweijähriges Kind = ein zwei Jahre altes Kind
eine zweijährige Ausbildung = eine zwei Jahre dauernde Ausbildung

Mit …jährlich wird angegeben, nach welcher Zeitspanne sich etwas regelmäßig wiederholt:

eine zweijährliche Veranstaltung = eine alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung
zweijährliche Kontrollen = alle zwei Jahre stattfindende Kontrollen

Und nun kommen wir zum Abstand. Er ist zwar auch regelmäßig wiederkehrend (das hat uns wohl ins Zweifeln gebracht), gemeint ist aber seine Dauer. Es heißt deshalb:

Kontrollen in zweijährigem Abstand (= in zwei Jahre dauerndem Abstand)

Die Kontrollen sind also zweijährlich, der Abstand dazwischen ist zweijährig. Kein Wunder, dass die Formen schnell einmal durcheinandergeraten, wenn wir nicht aufpassen.

Dasselbe gilt übrigens auch bei anderen zeitlichen Angaben. Ein paar Beispiele:

eine dreiminütige Ansprache (= drei Minuten dauernd)
der dreiminütliche Ruf „Mama, zudecken!“ (= alle drei Minuten stattfindend)

der zweistündige Dokumentarfilm (= zwei Stunden dauernd)
die zweistündliche Aussendung des Webefilms (= alle zwei Stunden erfolgend)

ein vierzehntägiger Urlaub (= vierzehn Tage dauernd)
die vierzehntägliche Ausgabe (= alle vierzehn Tage erscheinend)

ein zweiwöchiger Besuch (= zwei Wochen dauernd)
ein zweiwöchentlicher Besuch (= alle zwei Wochen stattfindend)

ein viermonatiges Kalb (vier Monate alt)
ein viermonatliches Arbeitstreffen (alle vier Monate stattfindend)

So schnell die Formen auch durcheinandergeraten können, der Unterschied ist manchmal beträchtlich. So scheinen mir Eltern von Neugeborenen froh zu sein, wenn nicht vierstündiges Stillen angesagt ist, denn vierstündliches Stillen ist anstrengend genug. Ich fände es auch ungemein wichtig, genau zu wissen, ob jemand einen vierzehntägigen oder einen vierzehntäglichen Besuch androht. Und der Bauer verliert auf die Dauer mehr Zeit mit Wiedereinfangen, wenn ihm zweimonatlich ein Kalb wegläuft als wenn ihm ein zweimonatiges Kalb entwischt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wann, wenn und wann immer

Frage

Welche Varianten sind korrekt? Gibt es Bedeutungsunterschiede?

1) Damit Sie Ihre Abfälle dann vorbeibringen können, wenn es Ihnen am besten passt.
2) … wann es Ihnen am besten passt.

a) Wann immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran: …
b) Wenn immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran: …

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

richtig sind die folgenden beiden Formulierungen:

1) Damit Sie Ihre Abfälle dann vorbeibringen können, wenn es Ihnen am besten passt.
a) Wann immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran …

Die Wörter wann und wenn haben nicht die gleiche Funktion: Mit dem Fragewort wann wird eine (direkte oder indirekte) Ergänzungsfrage eingeleitet. Es wird nach einem Zeitpunkt gefragt (vgl. hier und hier):

Wann passt es Ihnen am besten?
Geben Sie bitte an, wann es Ihnen am besten passt.

Mit der Konjunktion wenn wird ein Temporalsatz eingeleitet. Es wird ein Zeitpunkt angegeben (vgl. u. a. hier)

Ich komme, wenn es mir am besten passt.
Sie können dann kommen, wenn es Ihnen am besten passt.

Also:

Frage: Wann kommst du?
Zeitangabe: Ich komme (dann), wenn

Die Verwendung von wann als Einleitewort eines Temporalsatzes kam früher übrigens häufiger vor:

Wann die Morgenlüfte blasen,
ist verweht der Elfen Spur.
Wo sie tanzten auf dem Rasen,
bleibt ein fahler Kringel nur.
[aus Die Königskerze von Friedrich Rückert, 1788-1866]

Sie gilt im heutigen Deutschen aber nicht mehr als standardsprachlich.

So weit, so gut. Das erklärt aber noch nicht die Verwendung von wann im obenstehenden Satz a).

Die Kombination von einem Fragewort und immer (und/oder auch) leitet keinen Fragesatz ein. Sie hat eine verallgemeinernde Bedeutung. Zum Beispiel:

Wer immer dafür verantwortlich ist, wird …
Du gibst das Geld zurück, von wem immer du es bekommen hast!
Ich glaube dir nicht, was du auch sagst.
Wo immer die beiden auch stecken mögen, ich werde sie finden.
Wie auch immer ihr es tut, Hauptsache ist, dass es rechtzeitig fertig ist.
Wir werden Sie unterstützen, wofür auch immer Sie sich entscheiden.

Wenn mit einer solchen Konstruktion ein unbestimmter Zeitpunkt angegeben wird, steht entsprechend das Fragewort wann, obwohl es sich nicht um eine Frage handelt:

Wann immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran …
Du kannst kommen, wann immer du willst.

Für manche Dialektsprecher und -sprecherinen ist diese Unterscheidung zwischen wann und wenn in der Standardsprache hin und wieder etwas schwieriger, weil es diesen Unterschied in einigen Dialekten und Regionalsprachen gar nicht gibt. Zumindest in meinem Dialekt heißt es immer wänn.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Wörter des Jahres 2012

Fast alle haben darüber berichtet. Ich kann es deshalb auch nicht unerwähnt lassen, obwohl mir die Wahl des Wortes des Jahres eigentlich wenig sagt. Nun denn:

Gestern hat die Gesellschaft für deutsche Sprache das deutsche Wort des Jahres 2012 bekanntgegeben:

Rettungsroutine

Auf große Begeisterung stößt die Wahl dieses Wortes allerdings nicht. Es scheint in der deutschen Sprachrealiät kaum verwendet zu werden. Die GfdS schreibt auf ihren Seiten dann auch vorsichtig: „Es geht nicht um Worthäufigkeiten.“ Mehr dazu finden Sie zum Beispiel im Spiegel, in der FAZ, im Sprachlog oder im Lexikographieblog.

Das Jugendwort des Jahres ist für Deutschland schon etwas länger bekannt:

YOLO (You only live once; Nutze die Gelegenheit!).

Mehr dazu hier und hier. Das Unwort des Jahres muss in Deutschland noch gewählt werden.

Einen etwas größeren Unterhaltungswert haben die österreichischen Wörter des Jahres 2012, die bereits am Nikolaustag bekannt geworden sind:

1. Rettungsgasse
2. Schulschwänzbeauftragter
3. präfrustriert

Die Unwörter des Jahres sind:

1. Unschuldsvermuteter
2. Pleitegriechen
3. Anfütterungsverbot

Zum Jugendwort wurde gekürt:

leider geil

Am besten gefällt mir der österreichische Ausspruch des Jahres 2012, nämlich die Aussage der Grünen-Abgeordneten Gabriela Moser, die anlässlich ihres Rücktritts, wenn man es denn so nennen darf, sagte:

Ich trete nicht zurück, ich mache den Weg frei.

Diese gesichtsverlustbeschränkenden Worte verdienen von mir aus tatsächlich einen Schönheitspreis. Mehr zur österreichischen Wahl finden Sie zum Beispiel hier und hier.

Ebenfalls bereits am 6. Dezember wurde das schweizerische Wort des Jahres 2012 bekanntgegeben:

Shitstorm

Das Wort  war übrigens bereits der Anglizismus des Jahres 2011 in Deutschland. In der Schweiz dauert es eben manchmal etwas länger als anderswo.

Vor allem Supermarktketten bemühen sich krampfhaft darum, ein möglichst „grünes“ und „nachhaltiges“ Image aufzubauen und gehen entsprechend den Konsumentinnen und Konsumenten mit dem Unwort des Jahres auf die Nerven:

Bio

Wäre das nicht auch ein Unwort-Kandidat für Deutschland?

Der Satz des Jahres ist weder deutsch noch englisch, sondern italienisch:

Vada a bordo, cazzo! (Gehen Sie an Bord, verdammt nochmal!)

Es sind die an den Kapitän der auf Grund gelaufenen Costa Concordia gerichteten Worte, als er sich weigerte auf sein Schiff zurückzukehren. (In diesem Zusammenhang kommt mir noch ein Kandidat für das [Un-]Wort des Jahres in den Sinn: Unglückskapitän.)

Interessant ist das Jugendwort des Jahres:

Shaz

Es ist weder aus dem Persischen übernommen noch ein Anglizismus, sondern nichts anders als eine SMS-geeignete Schreibweise des klassischen Kosewortes Schatz. Wir haben es hier mit einer ganz besonderen Art der „Fremdwortentlehnung“ zu tun: ein urdeutsches Wort, das nach fremdländischer Orthographie geschrieben wird.

Zum liechtensteinischen Wort des Jahres 2012 konnte ich noch keine Informationen finden.

Wie man nach Pferden und Hamstern fragt

Wenn man dem Klischee glauben darf, sind die Deutschen immer ganz präzise und nimmt man es in Österreich und der Schweiz nicht weniger genau. Umso erstaunlicher finde ich es oft, wie ungenau gewisse Regeln und wie unscharf gewisse Unterschiede in der deutschen Sprache gehandhabt werden. Als Muttersprachige haben wir meist keine Ahnung, wie schwierig wir dadurch das Leben für die Deutschlernenden machen!

Frage

Pronominaladverb bei Tieren: Fragt man bei einem Pferd „Worum kümmerst du dich?“ oder „Um wen kümmerst du dich?“?

Antwort

Guten Tag L,

auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Nach der bekannten Grundregel verwendet man standardsprachlich ein Pronominaladverb der Form wo(r)-, wenn man nach Dingen usw. fragt:

Womit schlägst du den Nagel in die Wand.
Wonach riecht es hier?
Worüber lacht ihr?
Worunter haben sie sich versteckt?

Es gilt als umgangssprachlich, hier mit was, nach was, über was, unter was zu verwenden. Nach Personen fragt man hingegen nie mit einem Pronominaladverb, sondern immer mit der entsprechenden Kombination von Präposition und Personalpronomen:

Mit wem fährst du nach Warschau?
Nach wem riecht es hier?
Über wen lacht ihr?
Unter wem arbeiten sie?

Soweit haben wir es mit einer ziemlich klaren Regel zu tun. Wenn es aber um Tiere geht, ist die Lage nicht mehr ganz so eindeutig. Wenn eine Frage sich auf ein Tier bezieht, scheint die Form der Frage nämlich davon abzuhängen, welche Einstellung man zum Tier hat. Wenn das Tier als Aufgabe, als Instrument o. Ä. gesehen wird, steht eher das Pronominaladverb. Wenn das Tier als individuelles Lebewesen gesehen wird, steht eher das Personalpronomen.

Tiere als Aufgabe, um die man sich kümmert:

– Ich kümmere mich um die Hühner.
– Worum kümmerst du dich?

– Er kümmert sich um das Pferd (füttern, Stall ausmisten).
– Worum kümmert er sich?

Tiere als individuelle Lebewesen, um die man sich kümmert:

– Ich kümmere mich um mein preisgekröntes Zwerghuhn.
– Um wen kümmerst du dich?

– Er kümmert sich liebevoll um sein Pferd Fury.
– Um wen kümmert er sich?

Ein weiteres Beispiel:

– Ich spiele mit dem Hamster.
– Womit spielst du?
– Mit wem spielst du?

Bei der ersten Frage (womit?) ist der Hamster ein Spielzeug. Bei der zweiten Frage (mit wem?) ist er ein Spielgefährte.

Es gibt also keine allgemeine Regel dafür, mit welchen Fragewörtern nach Tieren gefragt wird. Dem Hamster wünsche ich übrigens, dass die Frage häufiger mit wem? als womit? lautet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Eichelhäher und die Hauswurzen

Der Eichelhäher hat den Hauswurzen den Garaus gemacht. Das klingt wie eine Mordtat aus einem Märchen, einer Gotthelf-Erzählung, einer Heimatgeschichte oder einem Fantasyroman. Dem ist aber nicht so. Es ist die Beschreibung dessen, was sich letzthin auf unserem Balkon abgespielt hat. Ein Eichelhäher – das ist ein Vogel, ein sehr schöner sogar – hat wohl auf der Suche nach einem wurm- oder larvenförmigen Leckerbissen mit seinem Schnabel die beiden mit Hauswurzen bepflanzten Blumentöpfe umgegraben. Die Hauswurzen, eigentlich sehr zähe Pflanzen, haben es trotz ihres lateinischen Namens Sempervivum (semper = immer, vivum = lebend) nicht überlebt. Die eine Hälfte liegt wurzellos auf dem Balkonboden, die andere Hälfte ist auf der Außenseite des Geländers sozusagen zu Tode gestürzt.

Eichelhäher Hauswurz

Eichelhäher und Hauswurz: Die beiden Wörter rufen bei mir ein Bild von Urtümlichkeit oder zumindest tiefster Ländlichkeit auf. Gewisse Wörter haben das an sich und eignen sich entsprechen gut dazu, einem Text eine bestimmte Atmosphäre zu verleihen. In diesem Fall ist die Wirklichkeit aber viel profaner. Trotz des altertümlich-ländlichen Namens kommt der Eichelhäher heute auch in städtischen Umgebungen vor, und Hauswurzen gibt es in jedem Gartencenter.