Unter anderem geht immer, unter anderen nicht

Frage

Eine Anregung und Bitte hätte ich zudem noch: Wäre es möglich, einen kleinen Artikel zum Gebrauch der Wortgruppe „unter anderem“ zu erstellen? Das ist […] auch so ein Thema, an dem sich immer wieder die Geister scheiden.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

es gibt tatsächlich immer wieder Diskussionen darüber, ob es nun unter anderem oder unter anderen heißen muss. Diese Diskussionen sind manchmal überflüssig, weil häufig beides möglich ist. Aber natürlich nicht immer.

Die Verwendung von unter anderem ist eigentlich ganz einfach. Es ist eine feste adverbiale Wendung wie zum Beispiel von neuem, ohne weiteres, trotz allem und außerdem. Sie kann überall dort stehen, wo man auch das in der Bedeutung sehr ähnliche zum Beispiel verwenden kann.

  1. Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderem Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  2. Die Unterscheidung von Konkreta und Abstrakta spielt unter anderem in der Syntax eine Rolle.
  3. Auf diese Weise soll unter anderem die Abwanderung deutscher Studierender an ausländische Hochschulen verhindert werden.
  4. Er hat mich unter anderem beschimpft und einen Lügner genannt.
  5. Das Thema wird unter anderem von Frau Dr. Mayer behandelt.
  6. An der Veranstaltung sprach unter anderem Frau Dr. Mayer.
  7. Zu den Besuchern gehörte unter anderem auch sein Bruder.

In all diesen Fällen kann unter anderem problemlos durch zum Beispiel ersetzt werden. In all diesen Fällen ist die unpersönliche adverbiale Wendung unter anderem als korrekt anzusehen. (Siehe aber unten die stilistische Anmerkung.)

Bei der Verwendung von unter anderen gibt es mehr Einschränkungen, denn anderen in unter anderen ist nicht unpersönlich, sondern es steht stellvertretend für ein bestimmtes Substantiv. Anders gesagt: Die Formulierung unter anderen ist nur dann möglich, wenn man nach anderen ein Substantiv ergänzen kann und dieses Substantiv eine Gruppe von gleichartigen Dingen oder Leuten bezeichnet, zu denen das Genannte/ die genannte Person auch gehört.

Bei den oben stehenden Sätzen ist das in den folgenden Fällen möglich:

  1. Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderen Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
    Vgl.: Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderen [Artikeln] Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  2. An der Veranstaltung sprach unter anderen Frau Dr. Mayer.
    Vgl.: An der Veranstaltung sprach unter anderen [Sprecherinnen] Frau Dr. Mayer.
  3. Zu den Besuchern gehörte unter anderen auch sein Bruder.
    Vgl.: Zu den Besuchern gehörte unter anderen [Besuchern] auch sein Bruder.

Bei den anderen Beispielsätzen, insbesondere 2. bis 4., kann kein solches Substantiv ergänzt werden und ist unter anderen deshalb ausgeschlossen.

Ein Zweifelsfall ist auf den ersten Blick der fünfte Satz:

  1. Das Thema wird unter anderem/anderen von Frau Dr. Mayer behandelt.

Wenn gesagt werden soll, dass neben anderen Personen auch Frau Dr. Mayer das Thema behandelt, ist hier nur unter anderem möglich. Man kann nämlich nicht in dieser Weise ergänzen:

  • *Das Thema wird unter anderen [Sprecherinnen] von Frau Dr. Mayer behandelt.

Möglich ist diese Formulierung:

  • Das Thema wird von, unter anderen [Sprecherinnen], Frau Dr. Mayer behandelt.

Oder eventuell auch diese, aber mit anderer Bedeutung:

  • Dieses Thema wird unter anderen [Themen] von Frau Dr. Mayer behandelt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unter anderem immer dann geht, wenn auch zum Beispiel stehen kann. Im Gegensatz dazu kann unter anderen nur dann verwendet werden, wenn es stellvertretend für ein bestimmtes Substantiv im Plural steht.

Dann noch eine letzte Bemerkung: Wenn grammatisch beides geht, genießt stilistisch gesehen bei Dingen oft unter anderem und bei Personen meist unter anderen den Vorzug:

  • Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderem Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  • An der Veranstaltung sprach unter anderen Frau Dr. Mayer.
  • Zu den Besuchern gehörte unter anderen auch sein Bruder.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine Pluralfrage: der Fundus – die ?

Frage

Das Wort „Fundus“ scheint in Bezug auf Pluralbildung ein sehr merkwürdiges zu sein.

Sie geben den Plural im Einklang mit dem Duden mit „Fundus“ (also unverändert) an. Dies erinnert an Wörter wie „Status“, die der lateinischen u-Deklination entstammen und im Plural mit langem u ausgesprochen werden. Ich finde für den Plural des lateinischen Wortes „fundus“ jedoch die Angabe „fundi“. Hierzu passt, dass auch der Duden (anders als bei „Status“) keine lange Aussprache des u angibt.

Gibt es eine Erklärung für den merkwürdigen Plural, der offenbar nicht auf die Ursprungssprache zurückzuführen ist?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen schuldig bleiben. Ich weiß nicht, wie sich der unveränderliche Plural die Fundus ergeben hat. Die Pluralbildung bei Fremdwörtern in Fachsprachen ist manchmal unergründlich – zumindest für mich.

Der Nominativ Plural des lateinischen fundus (Grund, Boden) lautet tatsächlich fundi. Wie Sie richtig bemerken, gehört Fundus also nicht zu den Wörtern wie der Status und der Kasus, die im Deutschen wie im Lateinischen den (Nominativ) Plural in der Schrift gleich und in der Aussprache mit langem u bilden: die Status, die Kasus.

Wie gehen wir im Deutschen mit anderen Wörtern um, die aus der gleichen lateinischen Deklinationsklasse stammen? Bei fundus–fundi könnte man in Analogie mit anderen Wörtern die folgenden Pluralformen erwarten:

  • die Fundi
    wie zum Beispiel: Bonus–Boni, Modus–Modi, Terminus–Termini

Der Plural Fundi kommt tatsächlich neben die Fundus in der Medizin vor, wo Fundus die Bedeutung Hintergrund, Boden eines Organs hat. In anderen Bereichen lassen die Wörterbücher aber diesen Plural nicht zu (Theater usw.: Bestand an zurzeit nicht gebrauchten Requisiten, Dekorationen, Kostümen; bildungssprachlich: Grundbestand, Grundstock).

  • *die Funden
    wie zum Beispiel: Ritus–Riten, Zyklus–Zyklen, Globus–Globen
  • *die Fundusse
    wie zum Beispiel: Bonus–Bonusse, Globus–Globusse, Zirkus–Zirkusse)

Funden kommt nicht vor und Fundusse gilt nicht als korrekt. Herausgekommen ist nach den Wörterbüchern dieser unveränderliche Plural:

  • die Fundus
    wie zum Beispiel: Akanthus–Akanthus, Lotus–Lotus, Abakus–Abakus*

Hier zeigt sich wieder einmal, dass es keine eindeutige Regel gibt, wie der Plural von Fremdwörtern im Deutschen gebildet wird. Die Wortformen in der Ursprungssprache, der Grad der Eindeutschung und Analogien (auch falsche) mit ähnlichen Wörtern können hier eine Rolle spielen. Die genaue Antwort auf die Frage, wie und in welcher Fachsprache der unveränderliche Plural für Fundus sich herausgebildet hat, konnte ich im Fundus meiner Kenntnisse leider nicht aufstöbern. Vielleicht weiß jemand anders mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*umstritten neben Abakusse und Abaki

Deodorants, Deodorante – und Deodorantien?

Frage

Der Plural von „Antitranspirant“ ist gemäß dem Wörterbuch „Antitranspirants“. Ich finde aber in der Literatur immer wieder den Begriff „Antitranspirantien“ (oder auch „Deodorant – Deodorantien“). Kann man diesen so stehen lassen?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

die Wörter Antitranspirant und Deodorant (Desodorant) kommen aus dem Englischen und werden im Plural wie dort mit s gebildet. Daneben kommt auch die deutsche Pluralendung e vor:

das Antitranspirant – die Antitranspirants, auch die Antitranspirante
das Deodorant – die Deodorants,  auch die Deodorante

Der übergroße Teil der Substantive auf –ant ist männlich und wird schwach gebeugt (zum Beispiel Informant – Informanten, Lieferant – Lieferanten, Konsonant – Konsonanten). Sie sollen uns hier nicht weiter interessieren, denn Antitranspirant und Deodorant sind sächlich. Es gibt nur wenige sächliche Substantive dieser Form, und wenn sie nicht wie diese beiden aus dem Englischen stammen, kommen sie häufig aus dem Französischen (zum Beispiel Restaurant – Restaurants, Pendant – Pendants, Fondant – Fondants).

Woher kommen nun die Pluralformen Deodorantien und Antitranspirantien, die Sie ebenfalls entdeckt haben. Aus dem Englischen oder Französischen stammen sie ja nicht. Sie klingen sehr fachsprachlich, ich weiß aber nicht, ob sie nicht einfach pseudofachsprachlich sind. Sie gehören eigentlich zu einer latinisierenden Singularform Deodorans und Antitranspirans, werden aber (fälschlich?) nicht nur bei dieser Singularform verwendet.

das Antitranspirans – die Antitranspirantien (o. Antitranspiranzien)
das Deodorans – die Deodorantien (o. Deodoranzien)

Weitere sächliche Substantive dieser Form mit einem Plural auf –antien, -anzien oder –antia:

Adjuvans (unterstützender Bestandteil)
Antioxidans (Autoxidation verhindernder Zusatz)
Koagulans (Blutgerinnung förderndes Mittel)
Laxans (Abführmittel)
Relaxans (Muskeln entspannendes Arzneimittel)
Roborans (Stärkungsmittel)
Stimulans (stimulierendes Mittel)

Meine Empfehlung für Deodorant und Antitranspirant: Verwenden Sie insbesondere in allgemeinen Texten nur die Singularformen auf -ant und die Pluralformen auf -ants oder -ante. Wer dennoch nicht auf den Plural Antitranspirantien und Deodorantien verzichten will, sollte erwägen, auch im Singular die latinisierten Formen Antitranspirans und Deodorans zu gebrauchen. Wenn es schon wissenschaftlich klingen soll, dann auch auf der ganzen Linie.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kunstzentrum Karlskaserne im Genitiv – mit oder ohne s?

Schon wieder der Genitiv!

Frage

Welche korrekten Möglichkeiten gibt es, wenn man mehrteilige Namen oder Firmenbezeichnungen wie etwa das Quartier 206, das Labor Wieden, das Kunstzentrum Karlskaserne etc. in den Genitiv setzt?

die Türen des Quartier 206 / des Quartiers 206 / des „Quartier 206“ …
die Errichtung des Kunstzentrum Karlskaserne / des Kunstzentrums Karlskaserne

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

mehrteilige Namen von Firmen, Instituten, Gebäuden usw. werden im Prinzip gleich gebeugt wie „normale“ Wortgruppen:

des Bahnhofs Zoo
des Theaters an der Wien
des Hotels Sacher
des Nassauer Hofs
des Nationalparks Hohe Tauern

ebenso:

des Quartiers 206
des Labors Wieden
des Kunstzentrums Karlskaserne

Dies gilt insbesondere auch für längere Namen dieser Art:

des Gustav-Müller-Instituts zur modernen Wissenschaft
des Vereins für Deutsche Schäferhunde
des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft
des Verbundes Schweizer Reinigungsungsunternehmen

Ganz so eindeutig ist die Lage aber nicht. Es gibt im Deutschen eine Tendenz, Eigennamen im Genitiv ungebeugt zu lassen, wenn sie mit einem Artikel o. Ä. stehen. Manchmal werden deshalb kürzere mehrteilige Eigennamen ähnlich wie einteilige Eigennamen mit Artikel nicht gebeugt:

des Bahnhof Zoo
des Theater an der Wien
des Hotel Sacher
des Nassauer Hof
des Nationalpark Hohe Tauern
des Quartier 206
des Labor Wieden
des Kunstzentrum Karlskaserne

Diese Formulierungen sind meist weniger üblich als diejenigen mit einer Genitivendung. Sie kommen aber relativ häufig vor, so dass ich sie nicht als grundsätzlich falsch bezeichnen kann. Ich würde hier allerdings immer die gebeugte Variante als die bessere empfehlen.

Manchmal ist das Vorkommen der endungslosen Form in der geschriebenen Sprache dadurch zu erklären, dass man meint oder gar behauptet, man dürfe Eigennamen nicht verändern. Das ist nicht der Fall! Mehrteilige Eigennamen können resp. sollten (auch in Anführungszeichen) gebeugt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vater und Mutters Auto, Hänsel und Gretels Eltern, Heidi und Vitos Liebe

Frage

Heißt es Vater und Mutters Auto oder Vaters und Mutters Auto, wenn das Auto den beiden gehört?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

im Allgemeinen werden bei mit und verbundenen Substantiven beide gebeugt:

die Renovation des Rathauses und des Bahnhofgebäudes
nach dem Verlust ihres Vaters und ihres Bruders
die Werke des Dichters und Pastors Johann Rist

Wie immer gibt es auch Ausnahmen: Bei geläufigen Wortpaaren mit und sowie bei mit und verbundenen Personenamen kann die Genitivendung des ersten Wortes gelegentlich wegfallen. Man behandelt dann die ganze Verbindung als eine zusammengehörende Einheit die als Ganzes gebeugt wird. Zum Beispiel:

ein Dichter des Sturm und Drangs
die Verbannung seines eigenen Fleisch und Blutes
Hänsel und Gretels Eltern
der Sündenfall Adam und Evas

Oder etwas „aktueller“:

William und Kates Baby
Heidi und Vitos geheime Liebe

Entsprechend kann man auch sagen:

Vater und Mutters Auto

Hier ist allerdings immer auch die Beugung beider Substantive resp. Namen möglich:

ein Dichter des Sturms und Drangs
die Verbannung seines eigenen Fleisches und Blutes
Hänsels und Gretels Eltern
der Sündenfall Adams und Evas
Williams und Kates Baby
Heidis und Vitos geheime Liebe

Vaters und Mutters Auto

Im Zweifelsfall sollten Sie beide mit und verbundenen Nomen beugen. Das ist immer richtig.

—–

Dann noch ein Exkurs für Liebhaber und Liebhaberinnen von Logik und Eindeutigkeit: Auch wenn man es vielleicht gerne hätte, ist keine der Formulierungen ohne Kontext eindeutig. Zum Beispiel:

Heidi und Vitos geheime Liebe

Das ist entweder die geheime Liebe von Heidi und Vito zueinander oder aber Heidis Einstellung zu Vitos geheimer Liebe.

Heidis und Vitos geheime Liebe

Das kann ebenfalls die geheime Liebe von Heidi und Vito zueinander sein, aber auch Heidis geheime Liebe für jemand und Vitos geheime Liebe für jemand (anders).

Wie man sieht, bringt die Beugung und Nichtbeugung des ersten Namens keine eindeutige Bedeutungsunterscheidung mit sich. Nur der weitere Zusammenhang kann klären, was genau gemeint ist. Das gilt auch für

Vater und Mutters Auto
= das Auto von Vater und Mutter oder
= Vater und das Auto von Mutter

Vaters und Mutters Auto
= das Auto von Vater und Mutter (ein Auto) oder
= das Auto von Vater und das Auto von Mutter (zwei Autos)

Beide Formulierungen könne das Auto bezeichnen, das Vater und Mutter zusammen gehört. Beide könne ohne Kontext aber auch anders interpretiert werden.

Schon wieder so eine uneindeutige Antwort! Manche wünschen sich wohl, Dr. Bopp würde sich etwas mehr des Wenn[s] und Abers enthalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von »guten Mutes« über »jedes/jeden Kommentars« zu »dieses Jahres«

Frage

Heißt es „sich jedes Kommentars enthalten“ oder „sich jeden Kommentars enthalten“?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

Zweifelsfälle sind oft deshalb Zweifelsfälle, weil es mehr als eine korrekte Formulierung gibt. Das ist auch hier so, denn beides ist möglich (vgl. hier):

Sie wurden gebeten, sich jeden Kommentars zu enthalten.
Sie wurden gebeten, sich jedes Kommentars zu enthalten.

Vor männlichen und sächlichen Substantiven kann das Indefinitpronomen jeder sowohl mit der Endung es als auch mit der schwachen Endung en stehen. Dies gilt aber nur dann, wenn das Substantiv die Genitivendung es oder s hat:

sich jedes/jeden Kommentars enthalten
im Leben jedes/jeden Mannes
die Erfüllung jedes/jeden Wunsches

aber nur

im Leben jedes Menschen
das Mandat jeder und jedes Abgeordneten

Nach eines steht dahingegen immer jeden:

im Leben eines jeden Mannes
das Mandat einer und eines jeden Abgeordneten

Hier zeigt sich eine interessante Tendenz in der deutschen Sprache: Bei den Endungen sind wir sparsam. Es reicht im Prinzip, den Genitiv nur einmal anzugeben. Deshalb wird dann, wenn schon ein s-Genitiv (Genitivendung es oder s) steht, häufig auf die schwache Endung en ausgewichen.

im Leben jeden Mannes
im Leben eines jeden Menschen

Der Genitiv muss aber einmal angegeben werden. Wenn sonst kein s-Genitiv vorhanden ist, muss die Endung es verwendet werden:

im Leben jedes Menschen

Dieser Ersatz der Endung es ist bei den Adjektiven am weitesten fortgeschritten: Sie haben die Genitivendung es im heutigen Deutsch aufgegeben. Während man früher noch voll süßes Weines (Luther), gutes Muthes und heutiges Tages sagte, heißt es heute nur noch voll süßen Weines, guten Mutes und heutigen Tages.

Gegenpol sind hier der bestimmte und der unbestimmte Artikel, bei denen der Ersatz von es auch heute noch unmöglich ist:

im Leben des/eines Mannes
sich des/eines Kommentars enthalten.

Zwischen den Adjektiven und den Artikeln stehen die Pronomen. Viele von ihnen haben Merkmale beider Wortklassen, das heißt, manche verhalten sie sich eher wie Artikelwörter und manche eher wie Adjektive. Das zeigt sich auch in diesem Fall: Einige Pronomen lassen wie die Adjektive den Ersatz von es im Genitiv zu, bei anderen ist dies wie bei den Artikeln (noch) nicht möglich. Die folgende Aufstellung soll diese Situation anhand einiger Beispiele aufzeigen:

Adjektive nur mit en

guten Mutes sein
eine Quelle großen Vergnügens

Pronomen nur mit en

die Ursache solchen Unbehagens
im Leben desselben Mannes (das es versteckt sich allerdings in des…)

Pronomen mit en oder es (vgl. hier)

die Ursache allen Übels
das Schicksal alles Menschlichen

Im Leben jedes/jeden Mannes
im Leben jedes Menschen

die Lösung manchen Rätsels
ein großer Wunsch manches Menschen

die Eltern welches/welchen Kindes
die Abenteuer welches Helden

Pronomen nur mit es

am Ende meines Lebens
Anfang dieses Monats
am Ende jenes Sommers

Artikel nur mit es

die Eltern des Kindes
im Leben eines Mannes

Es gibt also eine Tendenz, die Endung es dort aufzugeben, wo bereits ein s-Genitiv steht. Während dies bei den Adjektiven durchgehend der Fall ist, leisten die Artikel noch erfolgreich Widerstand. Die Pronomen stehen irgendwo dazwischen.

Ganz schön zeigt sich diese Entwicklung beim bekannten Beispiel dieses Jahres. Vor allem bei Zeitangaben setzt sich immer mehr diesen und jenen statt dieses und jenes durch:

Anfang diesen Monats wie z. B. Anfang nächsten Monats
am Ende jenen Jahres wie z. B. am Ende manchen Jahres

Statt standardsprachlich richtig:

Anfang dieses Monats
am Ende jenes Jahres

Wie man oben sieht, sind die Formen diesen Monats und jenen Jahres nicht einfach unerklärliche Nachlässigkeiten, sondern die Folge einer Entwicklung, die offenbar noch nicht abgeschlossen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eure Liebe und Zuneigung sucht …esgleichen

Frage

„Eure Liebe und Zugneigung sucht seinesgleichen“, sagt der Junge im Radio über seine Eltern. Meines Erachtens muss es heißen: „Eure Liebe und Zuneigung sucht ihresgleichen.“ Wie ist es richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

auch ich würde hier eher ihresgleichen als seinesgleichen nehmen:

Eure Liebe und Zuneigung sucht ihresgleichen.

Viel besser wäre allerdings:

Eure Liebe und Zuneigung suchen ihresgleichen.

Die Erklärung ist nicht einfach. Die Wahl seinesgleichen im zitierten Satz ist nämlich nicht unbegreiflich. Die Form des Indefinitpronomens …esgleichen richtet sich danach, worauf es sich bezieht. Hier bezieht es sich auf Liebe und Zuneigung, also auf zwei Substantive oder, anders gesagt, auf einen Plural der dritten Person. Daraus folgt, dass man die Form ihresgleichen der dritten Person Plural wählen sollte.

Der pluralische Charakter der Wortgruppe, auf die sich das Indefinitpronomen bezieht, ist aber gar nicht so eindeutig. Im zitierten Satz steht das Verb nämlich in der Einzahl (sucht). Wenn zwei durch und verbundene Subjektteile ein gemeinsames Artikelwort haben, das nur einmal genannt wird (hier: eure), können sie als eine Einheit angesehen werden. Das Verb kann dann ganz korrekt auch im Singular stehen (vgl. hier):

Eure Liebe und Zuneigung ist einzigartig oder
Eure Liebe und Zuneigung sind einzigartig.

Eure Liebe und Zuneigung kennt keine Grenzen oder
Eure Liebe und Zuneigung kennen keine Grenzen.

So weit, so gut, denn nun beginnt die große Unsicherheit. Wenn das Verb im Singular steht und wenn sich das Indefinitpronomen wie hier nach dem Subjekt richten muss, handelt es sich dann in diesem Satz um ein pluralisches Subjekt (zwei Nomen) oder um ein singularisches Subjekt (Verb im Singular)? Wenn man es als singularisches Subjekt ansieht, ist es dann männlich, weiblich oder sächlich? Es gibt dann eine starke Tendenz, diese Einheit als sächliches „Etwas“ zu verstehen und deshalb wie der Junge im Radio die sächliche Einzahlform seinesgleichen zu wählen.

Eure Liebe und Zuneigung sucht seinesgleichen.

Die Wahl für seinesgleichen ist also gar nicht so unverständlich. Ist sie aber auch korrekt? Ich denke, dass viele wie ich seinesgleichen hier für sehr zweifelhaft halten. Es ist besser, ihresgleichen zu wählen. In Kombination mit der Einzahl des Verbs „holpert“ aber auch die Formulierung mit ihresgleichen sehr. Es ist deshalb am besten, das Verb in den  Plural zu setzen:

Eure Liebe und Zuneigung suchen ihresgleichen.

… oder auf eine Formulierung mit einzigartig auszuweichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Helmut und seine Liebe(n) im Genitiv

Frage

Mit einem Freund bin ich unterschiedlicher Meinung über die richtige Verwendung von „seiner“ und „seinen“ im folgenden Satz, welchen ich in ein Gedicht eingebaut hatte:

Herr Müller wird dann aufgeschrieben
Zum Wohl Helmuts und seinen Lieben

H.  widersprach und setzte sich für „seiner“ Lieben ein.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

Ihr Freund hat recht. Richtig ist:

zum Wohl Helmuts und seiner Lieben

Hier ist nämlich der Genitiv gefragt:

zu wessen Wohl?
zum Wohl Helmuts und
zum Wohl seiner Lieben

Im Genitiv ist also ohne Satzzusammenhang nicht ersichtlich, ob es sich um eine einzelne weibliche Person (seine Liebe) oder um mehrere Personen (seine Lieben) handelt, also ob seine liebe Frau oder Freundin resp. seine lieben Angehörigen gemeint sind. Diese Undeutlichkeit kann man aber nicht klären, indem man seinen statt seiner verwendet. Meistens ergibt sich aus dem Kontext, was gemeint ist, und sonst muss umformuliert werden. In diesem Fall fände ich die „Undeutlichkeit“ gar nicht so undeutlich, selbst wenn der (weitere) Kontext keine genauen Schlüsse zulässt. Wenn Helmut eine besondere Liebe hat, gehört sie auch zu seinen Lieben, die sich sicher gerne ein bisschen mitgemeint fühlen. Und wenn er keine hat, ist ohnehin die Mehrzahl gemeint. In der Sprache ist selten mathematische Präzision gefragt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein paar Kilo(s) zu viel?

Frage

Ich sitze an Korrekturen und bin über den Plural von „Kilo“ gestolpert. In unterschiedlichen Quellen trat manchmal ein Plural gekennzeichnet auf, manchmal nicht. Können Sie mir bitte erklären, ob und wie die Pluralvarianten verwendet werden?

Sicher bin ich mir in der Verwendung mit der genauen Anzahl: „Sie wog 75 Kilo.“ Jedoch schwanke ich bei dem Satz: „Ich veränderte die Einstellung des Gerätes, falls er doch ein paar Kilo(s) zu viel haben sollte.“

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

nach einer Zahlenangabe ist Kilo wie viele andere männliche und sächliche Maß- und Mengenangaben unveränderlich:

75 Kilo
zweieinhalb Kilo
100 Kilo

Wenn die Angabe Kilo nicht nach einer Zahlenangabe steht, kann sie auch als mehrere einzelne Einheiten aufgefasst werden und im Plural stehen:

ein paar Kilos zu viel / ein paar Kilo zu viel
einige wenige Kilos / einige wenige Kilo
Dutzende Kilos Abfall / Dutzende Kilo Abfall
Jetzt geht es den Kilos an den Kragen!

Siehe auch hier (insbesondere unter „Singular oder Plural“)

Das gilt übrigens nicht nur für das Wort Kilo, sondern auch für andere männliche und sächliche Maß- und Mengenangaben. Hier noch ein paar Beispiele:

einige Grade wärmer / einige Grad wärmer
ein paar Gramme mehr / ein paar Gramm mehr
Petro-Dollars für die Energiewende

Und auch der Euro ist trotz allem, was häufig behauptet wird, nicht immer unveränderlich:

ihre sauer verdienten Euros

Einfacher sind in dieser Hinsicht die weiblichen Maß- und Mengenangaben. Sie werden im Plural immer gebeugt:

20 Tonnen
100 Meilen
3 Ellen Seide
7 Kisten Sekt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das unbeständige »entlang«

Falls Sie am heutigen 1. Mai frei haben und einen Spaziergang an Bach, Fluss oder See erwägen, spazieren sie dann das Ufer entlang, dem Ufer entlang, entlang dem Ufer oder entlang des Ufers? Oder gar am Ufer entlang? Heute geht es wieder um ein Wort, das sich nicht so leicht in ein grammatisches Korsett zwängen lässt.

Frage

Ich wende mich heute mit folgendem Problem an Sie:

spazieren … an den Ufern der Neiße entlang

Diese Formulierung verstehe ich grammatikalisch nicht so ganz. Die Präposition steht doch entweder mit Akkusativ, „die Straße entlang“, oder mit Dativ, „entlang der Straße“. Könnte man also den obigen Satz auch so formulieren:

entlang den Ufern der Neiße
die Ufer der Neiße entlang

So wäre es für mich verständlicher. Vielleicht handelt es sich in dem Buch um literarische Sprache?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

das Wort entlang sieht harmlos aus, aber in grammatischer Hinsicht ist es ziemlich widerspenstig. Es weigert sich, einer einzigen Klasse zugeordnet zu werden.

Eine mögliche Verwendung ist die einer klassischen Präposition, das heißt, entlang steht vor dem Substantiv. Bei der Wahl des ihm folgenden Falles ist die Lage schon weniger eindeutig. Möglich sind sowohl der Genitiv als auch der Dativ:

Wir spazierten entlang der Ufer der Neiße.
Entlang des Wanderweges stehen Informationstafeln.

Wir spazierten entlang den Ufern der Neiße.
Entlang dem Wanderweg stehen Informationstafeln.

Häufig gefällt sich entlang aber als nachgestellte Präposition (Postposition). Dann ist der Akkusativ üblich:

Wir spazierten die Ufer der Neiße entlang.
Den Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Der Dativ kommt hier ebenfalls vor. Heutzutage verrät er aber meistens Sprecher und Sprecherinnen aus dem Süden, vor allem aus der Schweiz. Die folgenden Formulierungen genießen deshalb wohl kaum das Wohlwollen aller Hüter der deutschen Sprache:

Wir spazierten den Ufern der Neiße entlang.
Dem Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Im Beispielsatz, um den es Ihnen in Ihrer Frage geht, übernimmt entlang eine weitere Rolle: Es tritt nicht als Präposition, sondern adverbial auf. Es hat dann keinen Einfluss auf den Fall. Der Kasus wird durch die Präposition an bestimmt, die hier den Dativ fordert:

Wir spazierten an den Ufern der Neiße entlang.
Am Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Diese Verwendung ist übrigens nicht literarisch. Sie ist allgemeinsprachlich und klingt in meinen Ohren manchmal sogar ein bisschen holprig.

Das Wort entlang kann also Adverb, Präposition oder Postposition sein und verschiedene Kasus bei sich haben. Wahrlich kein Beispiel grammatischer Unverrückbarkeit und unverbrüchlicher Kasustreue! Falls Sie deshalb wieder einmal unsicher werden sollten, können Sie alles hier noch einmal nachlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp