Brachte mein Freund mir oder mir mein Freund eine gute Nachricht?

Frage

Gestern brachte mein Freund mir eine gute Nachricht.
Gestern brachte mir mein Freund eine gute Nachricht.

Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

die Wortfolge im deutschen Satz kann sehr komplex sein. Das liegt daran, dass es nur wenige feste Regeln und viele mehr oder weniger starke Tendenzen gibt. Auch bei Ihrem Satz spielen zwei verschiedene Wortstellungstendenzen eine Rolle.

Die erste Tendenz lautet: Das Subjekt steht im Mittelfeld an erster Stelle. Zum Beispiel:

Wann hat Anton den Hund gebadet? (nicht: den Hund Anton)
Wahrscheinlich musste die Automobilistin dem Lastwagen ausweichen. (nicht: dem Lastwagen die Automobilistin)
Gestern brachte er mir eine gute Nachricht. (nicht: mir er eine gute Nachricht)

Die zweite, ebenfalls starke Tendenz lautet: Pronomen stehen im Mittelfeld vor Nomen. Zum Beispiel:

Anton gab ihm einen Knochen. (nicht: einen Knochen ihm)
Anton gab ihn seinem Hund. (nicht: seinem Hund ihn)
Er hat sie der Nachbarin gestern gebracht. (nicht: der Nachbarin sie gestern)
Er hat ihr die Nachricht gestern gebracht (nicht: die Nachricht ihr gestern)

In Ihrem Beispielsatz ist das Subjekt ein Nomen (mein Freund). Das Dativobjekt ist ein Pronomen (mir). Nach der ersten Tendenz muss das Subjekt mein Freund an erster Stelle stehen. Nach der zweiten Tendenz muss aber das Pronomen mir vor dem Nomen stehen. In diesem Fall „gewinnt“ keine der beiden Tendenzen, so dass beide Wortfolgen möglich sind:

Gestern brachte mein Freund mir eine gute Nachricht.
Gestern brachte mir mein Freund eine gute Nachricht.

So komplex kann die Erklärung der Wortstellung im Deutschen sein! Und wenn Sie einmal ein bisschen mit den Beispielsätzen spielen, merken Sie vielleicht, dass es noch mehr Möglichkeiten geben könnte, die sich nicht mit Hilfe der beiden genannten Tendenzen erklären lassen (z.B. Er hat gestern die Nachricht ihr gebracht). Ich habe dann immer Mitleid mit den armen Deutschlernenden, die sich all diese Regeln und zum Teil widersprüchlichen Tendenzen aneignen müssen! Als Muttersprachige haben wir in der Regel nur dann ein Problem – aber meist ein großes –, wenn wir erklären sollten, warum eine Wortfolge nicht möglich ist oder seltsam klingt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Angerannt kommen

Heute zu einer etwas seltsamen Verwendung des Perfektpartizips:

Frage

Charles Benjamin Schade hat in seinem Buch  „A Complete Practical Grammar of the German Language“ das Beispiel „Er kommt gelacht“ (S. 329) angeführt. Es geht um eine alte Quelle aus dem 19. Jahrhundert. Im Internet habe ich auch die Konstruktion „kommen + gesungen“ gefunden, und zwar: Ebert, Erika – Fünf Englein kommen gesungen. Ein deutsches Weihnachtsspiel für Kinder in zwei Bildern. Sind solche Konstruktionen „kommen + gelacht/gesungen“ richtig oder falsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

Wendungen wie gesungen kommen und gelacht kommen scheinen tatsächlich üblich gewesen zu sein. Man findet sie auch im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm unter dem Eintrag kommen.

»man kommt gefahren, gelaufen, geritten, gehinkt, gestolpert, gesprungen, gestürzt, daher gesaust, daher geschossen, auch gelacht, geweint, gesungen, gepoltert u. ä.; Hännschen, kömmt getrallert .«
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Eintrag kommen, Abschnitt II 4 a [Hervorhebung von mir] 

Nach meinem Empfinden und nach den Angaben in zum Beispiel DWDS, Duden, Pons und anderen Quellen sind im heutigen Deutschen aber nur noch Wendungen üblich, bei denen das Partizip II zu einem Verb der Fortbewegung gehört. Ich würde weiter präzisieren, dass diese Formulierung vor allem dann üblich ist, wenn das Verb ein Präfix der Art an-, herbei-, herunter- u. Ä. hat oder von einer Ortsangabe begleitet wird. Zum Beispiel:

Wir warteten schon lange auf den Bus, als er endlich angefahren kam.
Nach dem Knall kamen viele Nachbarn herbeigerannt.
Polternd kam er die Treppe heruntergestürzt.

Die Fans kommen wütend auf den Platz gerannt.
Luise kam händeringend aus dem Haus gestürzt.
Eine Taube kam aus dem Gebüsch gehüpft.

aber auch z. B.: Ein Stein kam geflogen.

Interessant ist dabei, dass das Partizip Perfekt (Partizip II) hier angibt, in welcher Weise die Fortbewegung geschieht. Das tut es normalerweise nicht. Wir sind uns dies eigentlich eher vom Partizip Präsens (Partizip I) gewohnt:

angefahren kommen = fahrend kommen
gehüpft kommen = hüpfend kommen

Um nun wieder auf Ihre Frage zurückzukommen: Formulierungen der Art gelacht kommen und gesungen kommen sind – abgesehen vielleicht von poetischen Kontexten – im heutigen Deutsch nicht üblich. Mit Verben, die eine Fortbewegung ausdrücken, ist diese Konstruktion (Partizip II + kommen) aber noch sehr lebendig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fünf Pfund Haselnüsse: grammatisches und inhaltliches Subjekt

Frage

Ich frage mich, was mit […] Maß- und Mengenangaben passiert, wenn die Mengenangabe im Plural ist. Beispiel: „Es wurde fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft“ oder „Es wurden fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

wenn die Maßangabe und das Gemessene im Plural stehen und zusammen das Subjekt des Satzes bilden, steht das Verb üblicherweise im Plural:

Drei Kilo Kartoffeln sind genug.
Zehn Euro sollten reichen.

Seltener kommt auch der Singular vor:

Drei Kilo Kartoffeln ist genug.
Zehn Euro sollte reichen.

Bevor nun diejenigen, die es bei der Grammatik gerne genau nehmen, ein erboste Räuspern hören lassen: Der Singular ist hier nicht einfach „furchtbar falsch“. Die Idee dahinter ist, dass drei Kilo und zehn Euro für eine bestimmte Menge resp. einen bestimmten Betrag stehen. Wie die Einzahl eine bestimmte Menge zeigt, ist das dazugehörende Bild eine Einzahl. Das Verb im Singular richtet sich also nach einem inhaltlichen Subjekt.

Viele finden diese Sehensweise allerdings nicht überzeugend und richten sich lieber nach dem grammatischen Subjekt: Das Subjekt drei Kilo Kartoffeln ist ein Plural, also steht das Verb nach grammatischer Übereinstimmung auch im Plural. In formelleren Kontexten und zur Vorbeugung kritischer Anmerkungen empfiehlt es sich deshalb, in diesen Fällen das Verb in den Plural zu setzten:

Es wurden fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft.

Der Unterschied zwischen dem inhaltlichen Subjekt und dem grammatischen Subjekt zeigt sich umgekehrt auch sehr schön bei Mengenangabe in der Einzahl mit etwas Gemessenem im Plural:

Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt:

Ein Pfund geröstete Haselnüsse wurde verkauft.
Ein Dutzend Eier lag im Kühlschrank.

Übereinstimmung mit dem inhaltlichen Subjekt

Ein Pfund geröstete Haselnüsse wurden verkauft (selten)
Ein Dutzend Eier lagen im Kühlschrank (selten)

Während die Standardsprache bei genauen Mengenangaben eine starke Tendenz zur Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt hat und deshalb die Einzahl wählt , sind bei „ungenauen“ Mengenangaben sowohl der Singular als auch der Plural üblich:

Eine Anzahl Leute hat/haben Anzeige erstattet.
Eine Menge Nüsse hängt/hängen noch am Baum.
Die Mehrzahl der Beschwerden war/waren unbegründet.

Auch hier muss ich präzisieren, dass strengere Grammatiker und Grammatikerinnen hier nur die Verbform im Singular als korrekt akzeptieren. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in solchen Fällen kein strenger Grammatiker.

Diese Beispiele zeigen, dass es manchmal mehr als einen „logischen“ Pfad gibt, dem man folgen kann. Wer auf Nummer sicher gehen will, wählt hier die Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass eine andere Wahl nicht einfach nur ein dummer Fehler ist.

Mehr zu dieser Frage finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kinder von 8 bis 12 Jahre/Jahren?

Frage

[Es geht] um den Kasus bei mehr als einer Präposition. Wie ich der Canoo-Website entnehmen kann, bestimmt die zweite Präposition den Fall. Ich bin aber in folgendem Fall unsicher. Heißt es „für Kinder von 8 bis 12 Jahre“ oder „Jahren“?

Kinder von 5 bis 13 Jahren erforschen die Ausstellung.

Ist das korrekt so?

Antwort

Wie so oft sind solche Formulierungen meistens problemlos, bis man anfängt, darüber nachzudenken. Ihre wahrscheinlich spontan gebildete Formulierung ist nämlich richtig.

Wenn bis Zahlenangaben miteinander verbindet, hat es keinen Einfluss auf den Fall. Man formuliert gleich, wie wenn nur eine der beiden Zahlenangaben stehen würde. Es heißt also:

für Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren
Kinder von 5 bis 13 Jahren erforschen die Ausstellung.

Den Kasus bestimmt hier die Präposition von (vgl. für Kinder von 8 Jahren).

Hier noch Beispiele mit anderen Fällen:

Die Kinder sind acht bis zwölf Jahre alt (vgl. sind zwölf Jahre alt)
Erste Strophe, erster bis dritter Vers (vgl. erste Strophe, dritter Vers)
Komponisten des 14. bis 20. Jahrhunderts (vgl. Komponisten des 20. Jahrhunderts)

Die Präposition bis ist sehr bescheiden. Nur selten verlangt sie den Akkusativ, der ihr zusteht. Sehr oft überlässt sie die Bestimmung des Falls einer anderen Präposition oder zeigt wie hier das Verhalten einer Konjunktion. Ihre Frage beweist allerdings, dass es gerade diese „Bescheidenheit“ hin und wieder auch Probleme bereiten kann. Mehr zu bis und den Fällen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist oder sind die Niederlande eines der wichtigsten Exportländer?

Es geht natürlich nicht um Exportzahlen, sondern um die Einzahl oder Mehrzahl.

Frage

Die Niederlande sind eines der wichtigsten Exportländer

Stimmt das?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

dass die Niederlande ein Name ist, der im Plural steht, wissen die meisten. Wenn es dann aber darum geht, dieses Wissen in konkreten Formulierungen auch anzuwenden, hapert es manchmal ein bisschen. Deutschland hat viele Nachbarländer und nur eines davon hat offiziell einen solchen „Pluralnamen“. Dann kann es schon hin und wieder schiefgehen.

Es heißt also:

Die Niederlande gehören zu Westeuropa.
Wir fahren in die schönen Niederlande.
Rotterdam liegt in den Niederlanden.

Darüber habe ich vor ein paar Jahren schon einmal berichtet. Siehe hier.

Ganz besondere Schwierigkeiten scheinen die Niederlande zu bereiten, wenn Sie in einem Satz mit einem sogenannten Gleichsetzungsnominativ vorkommen, insbesondere wenn der andere Nominativ in der Einzahl steht. Das klingt wieder einmal komplizierter als es ist:

Die Niederlande sind eine parlamentarische Monarchie.
Ein wichtiger Exportpartner sind die Niederlande.
Die Niederlande sind eines der beliebtesten Urlaubsziele für Deutsche.

Gerade in Sätzen wie dem letzten haben viele die Neigung, ist statt sein zu verwenden. Aber auch hier gilt, dass bei mit sein verbundenen Nominativen, von denen einer im Singular und einer im Plural steht, das Verb im Plural verwendet wird (vgl. hier):

Die Beduinen sind ein Nomadenvolk.
Mein größter Besitz sind meine Kinder.
Die Guerillagruppen sind eine der größten Gefahren für die Stabilität.

und also ebenso:

Die Niederlande sind eines der wichtigsten Exportländer.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Wenn Sie einmal ganz unsicher werden, weichen Sie im informellen Kontext einfach auf Holland aus. Dieser Name steht ganz „normal“ in der Einzahl. Und bevor nun empörte Reaktionen folgen: Ich weiß, dass die Niederlande und Holland offiziell nicht dasselbe sind (ein Staat vs nur ein Teil dieses Staates), aber im deutschsprachigen Alltagsgebrauch wird dieser Unterschied hartnäckig nicht beachtet. So werden zum Beispiel Rudi Carrell, Johan Cruyff, Linda de Mol, Heintje, André Rieu, Sylvie Meis und Tooske Ragas regelmäßig Holländer und Holländerinnen genannt, obwohl dies genau genommen nur für Carrell, Cruyff und de Mol gilt. Von den anderen sind die ersten beiden Limburger, Meis ist Nordbrabanterin und Ragas kommt aus der Provinz Overijssel … Wer es ganz korrekt machen will, bleibt vielleicht doch besser bei Niederlande und Niederländer/Niederländerin.

 

Unklarer Bezug: Notwehrfälle mit Schusswaffen aus Österreich

„Warnung“: Wer immer und überall eindeutige Formulierungen haben will, wird enttäuscht sein.

Frage

Es geht um Notwehrfälle die in Österreich stattgefunden haben, bei welchen eine Schusswaffe verwendet wurde. Die Formulierung ist:

Es sind bereits viele Fälle von Notwehr mit Schusswaffen aus Österreich in die Medien gekommen.

Nun wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass man den Satz auch so verstehen könnte, dass nicht die Fälle in Österreich stattgefunden haben, sondern dass lediglich die Schusswaffen aus Österreich waren. Ist die ursprüngliche Formulierung wirklich dermaßen unverständlich? […]

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

Ihr Satz kann ohne weiteren Zusammenhang tatsächlich zweierlei bedeuten:

– viele Fälle aus Österreich, in denen es um Notwehr mit Schusswaffen geht
– viele Fälle von Notwehr mit aus Österreich stammenden Schusswaffen

Rein grammatisch gibt es sogar eine dritte Variante, die nur durch ihre Bedeutung relativ unwahrscheinlich ist:

– viele Fälle von österreichischer Notwehr mit Schusswaffen

Beim spontanen ersten Lesen Ihres Satzes habe ich den Satz so verstanden, wie Sie ihn gemeint haben. Die zweite Interpretationsmöglichkeit habe ich erst beim Weiterlesen erkannt. Ich bin der Meinung, dass Sie Ihren Satz nicht anpassen müssen, weil ich annehme, dass er nicht allein steht. Vorher oder nachher (oder eventuell in einem Text, auf den verwiesen wird) steht der weitere Zusammenhang, aus dem hervorgeht, ob es um Notwehrfälle aus Österreich oder um Schusswaffen aus Österreich geht. Eine solche Formulierung steht selten wie oben im Titel ganz allein für sich. Wenn Sie sich trotzdem eindeutig und ebenso kurz ausdrücken möchten, können Sie den Satz auch wie folgt abfassen. Er ist nicht sehr elegant, aber eindeutig:

Es sind bereits viele Fälle aus Österreich von Notwehr mit Schusswaffen in die Medien gekommen.

Es kommt übrigens sehr häufig vor, dass ohne weiteren Kontext nicht eindeutig ist, worauf sich ein Teil des Satzes bezieht.

Sie fuhr mit den Nachbarn und ihren Kindern weg.
Wessen Kinder sind das?
Ich nehme den Kuchen und den Kaffee ohne Sahne.
Nehme ich nur den Kaffee oder beides ohne Sahne?
Herr M. kam mit einem Auto aus Deutschland.
Kam Herr Müller aus Deutschland oder kam er mit einem deutschen Auto?

Das Deutsche lässt uns hier bei der Formulierung oft viel Freiheit und gelegentlich – wenn man sehr auf exakte Formulierungen besteht – sogar im Stich. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn normalerweise steht ein Satz ja innerhalb eines Zusammenhangs, aus dem sich ergibt, welche Lesung gemeint ist. Und manchmal ist es ja auch egal, wie der Bezug genau aussieht: Ob sie nun aus Rio zurückkommen mit Medaillen oder ob sie zurückkommen mit Medaillen aus Rio, Hauptsache:

Sie kommen erfolgreich mit Medaillen aus Rio zurück.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Max und Moritz und die Form des Verbs

Frage

Ich habe Ihnen schon einmal eine Frage zum Numerus vorgelegt. Mein Beispielsatz lautete:

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.

Dass hier der Singular „wurde“ verwendet wird, haben Sie damals folgendermaßen erklärt: Es handelt sich um die Zusammenziehung zweier Sätze, bei der das Hilfsverb „wird“ nur einmal genannt wird, da es in beiden Sätzen identisch ist. Wie übertrage ich diese Erklärung auf den folgendermaßen abgewandelten Satz:

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz vom Schuldirektor gelobt.

Auch dieser Satz ist meinem Sprachgefühl nach mit dem Singular „wurde“ korrekt; er kann dies aber wohl nur dann sein, wenn man davon ausgeht, dass auch hier zwei Sätze mit jeweils einem eigenen Subjekt und einem eigenen Prädikat vorliegen. […]

Genau dieselbe Frage würde sich bei Sätzen wie „Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren“ und „Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz“ stellen.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

es geht hier um Sätze mit mehreren Subjekten und einem und. Kurz zusammengefasst gilt in solchen Fällen die folgende vereinfachende Regel:

a) Wenn in einem Satz mit mehr als einem Subjekt der Rest des Satzes für alle Subjekte identisch ist, handelt es sich um ein mehrteiliges Subjekt. Das Verb richtet sich nach der Mehrteiligkeit des Subjekts und steht im Plural.

b) Wenn in einem Satz mit mehr als ein Subjekt sich weitere Teile des Satzes auf das eine resp. das andere Subjekt beziehen, handelt es sich um einen zusammengezogenen Satz. In zusammengezogenen Sätzen richtet sich das Verb nach dem Subjekt, das ihm am nächsten steht.

Diese Faustregel gilt nur für Aneinanderreihungen mit und. Sie ist weder wissenschaftlich präzis noch wirklich leicht verständlich. Deshalb folgen hier ein paar Beispiele, die illustrieren sollen, was gemeint ist:

a) Mehrteiliges Subjekt
Nur die Subjekte unterscheiden sich voneinander – Das Verb steht im Plural

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz gelobt.

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz vom Lehrer gelobt.

Max und Moritz wurden um 11 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 11 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reisten Max und Moritz nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Innsbruck.

Max und Moritz trinken Bier.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Bier.

b) Zusammengezogene Sätze
Die Subjekte und weitere Satzteile unterscheiden sich voneinander – Das Verb richtet sich nach dem ihm am nächsten stehenden Subjekt.

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz getadelt.

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz von der Schuldirektorin gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz von der Schuldirektorin gelobt.

Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 12 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Bregenz.

Max trinkt Bier und Moritz Wein.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Wein.

Ich hoffe nur, dass die große Zahl an Beispielen mit den Namen Max und Moritz nicht mehr verwirrt als erhellt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Könnte er es reparieren lassen haben?

Heute wieder einmal etwas für die Fans von Verbformenpuzzles:

Frage

Wie heißt es richtig?

Er könnte es repariert haben lassen.
Er könnte es reparieren haben lassen.

Für mich ist nur die erste Variante korrekt. Aber ein Kollege plädiert für die zweite Lösung. Wer hat recht?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

richtig ist hier theoretisch der Infinitiv reparieren, denn es geht um die Formulierung etwas reparieren lassen. Die Form haben sollte aber an einer anderen Stelle stehen: 

Er lässt es reparieren.
Er hat es reparieren lassen.
Er könnte es reparieren lassen haben.

Solche komplexen „Verbanhäufungen“ kommen aber praktisch kaum vor, weil (fast) niemand sie spontan bilden kann, ohne mindestens dreimal neu ansetzen zu müssen. In der Regel formuliert man anders. Zum Beispiel:

Es ist möglich, dass er es hat reparieren lassen oder (vgl. hier)
Es ist möglich, dass er es reparieren lassen hat.
Er hat es vielleicht/wahrscheinlich reparieren lassen.

Es wäre also auch nicht ganz richtig gewesen, wenn Sie sich von Ihrem Kollegen hätten überzeugen lassen können – oder so …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gekochtes Fleisch und Gemüse oder der Bezug des attributiven Adjektivs

Frage

Ich hätte eine grundlegende Frage zur Ellipse: Bei einem gemeinsamen Attribut (hier Adjektiv) zu zwei Substantiven muss das Attribut nur einmal genannt werden, z. B. „gekochtes Fleisch und Gemüse“. Wenn ich das Attribut nur auf das erste Substantiv beziehen möchte, müsste ich doch einige Worte umstellen, also „Gemüse und gekochtes Fleisch“ schreiben.

Ist dies eine feste Regelung, die selbst dann gilt, wenn sich das Adjektiv inhaltlich nur auf das erste Substantiv beziehen kann?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

ein gemeinsames Attribut kann, aber muss nicht weggelassen werden. Umgekehrt bezieht sich ein Adjektiv, das vor zwei Substantiven steht, nicht automatisch auf beide Substantive. Es gibt keine einfache Regel, die den Bezug eines Adjektivs in solchen Reihungen eindeutig festlegt.

So bezieht sich das Adjektiv in:

gekochtes Fleisch und Gemüse
junge Männer und Frauen

sehr wahrscheinlich auf beide Substantive, die ihm folgen. Dieser Bezug ergibt sich aus der Bedeutung der Wörter und wahrscheinlich auch aus dem weiteren Zusammenhang. Wenn Sie aber unbezweifelbar angeben wollen, dass sowohl das Fleisch als auch das Gemüse gekocht sind resp. dass alle Leute jung sind, müssen Sie das Adjektiv wiederholen:

gekochtes Fleisch und gekochtes Gemüse
junge Männer und junge Frauen

Wenn Sie umgekehrt eindeutig angeben wollen, dass sich das Adjektiv nur auf das Substantiv bezieht, vor dem es steht, müssen Sie tatsächlich die Reihenfolge ändern oder ein anderes Adjektiv ergänzen:

Gemüse und gekochtes Fleisch
Frauen und junge Männer

gekochtes Fleisch und rohes/gedämpftes/… Gemüse
junge Männer und ältere Frauen

Solche Eingriffe sind aber meist nicht notwendig, weil der weitere Satzzusammenhang angibt, worauf sich ein Adjektiv genau bezieht.

Gewisse Regeln gibt es aber doch, zum Beispiel dann, wenn ein Artikelwort mit ins Spiel kommt. Wenn das Adjektiv zusammen mit einem Artikelwort weggelassen wird, bezieht es sich in der Regel auf beide Substantive

das gekochte Fleisch und Gemüse (beides ist gekocht)
diese jungen Männer und Frauen (Männer und Frauen sind jung)

Steht beim zweiten Substantiv ein Artikelwort, kann sich das Adjektiv nur dann auch darauf beziehen, wenn es wiederholt wird:

das gekochte Fleisch und das gekochte Gemüse
die jungen Männer und die jungen Frauen

aber:

das gekochte Fleisch und das Gemüse
(nur das Fleisch ist gekocht, der Zustand des Gemüses ist unbestimmt)
die jungen Männer und die Frauen
(die Männer sind jung, die Frauen unbestimmten Alters)

Wenn man es in Worte und Regeln fassen will, kann der Bezug des Adjektivs in Reihungen also recht kompliziert werden. Normalerweise ergibt sich aber – wie oben schon gesagt – problemlos aus dem Kontext, was genau gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Italienisch essen und verstehen

Frage

Könnten Sie mir bei folgendem Satz (eines Kunden) weiterhelfen?

Nicht nur Italienisch essen, sondern auch verstehen

Beim ersten Durchlesen hätte ich „italienisch“ einfach kleingeschrieben und gem. amtlicher Regelung gefragt: „Wie“ isst man? Bei „verstehen“ klappt das aber irgendwie nicht, dort wäre wohl „Was?“ die richtige Frage, was wiederum Großschreibung bedeuten würde. Was würden Sie tun?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

Ihre Argumentation trifft genau zu: In Verbindung mit dem Verb essen ist italienisch ein adverbial verwendetes Adjektiv, das kleingeschrieben werden sollte (wie essen?). In Verbindung mit verstehen ist es eine substantivierte Sprachbezeichnung, die großgeschrieben werden sollte (was verstehen?). Wenn Sie es also ganz korrekt machen wollen, schreiben Sie:

Nicht nur italienisch essen, sondern auch Italienisch verstehen.

Das ist auch die Schreibung, die ich einem rechtschreibempfindlichen Kunden vorschlagen würde. Wenn Sie aber – wie ich vermute – das Wortspiel des Kunden respektieren müssen, dann bleibt Ihnen so oder so nichts anderes übrig, als eine Rechtschreibregel zu brechen.

Sie können der Tendenz folgen, sich bei grammatischen Zweifeln nach dem näher stehenden Verb zu richten, und kleinschreiben:

Nicht nur italienisch essen, sondern auch verstehen.

Sie können auch vom (vermutlichen) Fokus der Kundschaft auf Sprachkurse, Sprachanwendungen o. Ä. ausgehen und großschreiben:

Nicht nur Italienisch essen, sondern auch verstehen.

In beiden Fällen klemmt es auf der Rechtschreibebene (und meiner Meinung nach nicht nur dort), aber der Slogan ist gerettet – außerdem erhöht gelegentlich lecker italienisch zu essen und (ein paar Worte) Italienisch zu verstehen den Lebensgenuss ohnehin mehr als die perfekte Beherrschung der Groß- und Kleinschreibung.*

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Extreme Rechtschreibfans mögen mir diese Verallgemeinerung verzeihen!