Ein Schwimmbecken zum Längenschwimmen

Die Frage nach der Schreibung von substantivierten Infinitiven und Infinitivgruppen taucht immer wieder auf. Insbesondere nach zum und beim scheint es – den eingehenden Fragen nach zu urteilen – häufig zu Unsicherheiten zu kommen. Deshalb heute wieder einmal dieses Thema:

Frage

Ich weiß, dass nach der Präposition „zum“ das Verb substantiviert wird. Wie sieht die Schreibung in dieser Konstellation aus: zum + Substantiv + Verb?

Heißt es „ein Schwimmbecken zum Längen schwimmen“ oder „zum Längenschwimmen“? Verhält es sich also wie bei „zum Fahrradfahren“? Eigentlich schon, oder?

Antwort

Guten Tag Frau F.,

der Schwimmsport und der Radsport sind nicht ganz dasselbe, aber beim Längenschwimmen verhält es sich genau gleich wie beim Fahrradfahren, zumindest was die Rechtschreibung angeht: Man schreibt beides zusammen und mit einem großen Anfangsbuchstaben.

Man trifft insbesondere nach zum und beim häufig andere Schreibweisen an, aber nach der Rechtschreibregelung werden substantivierte Infinitivgruppen zusammengeschrieben, wenn sie aus nur zwei Teilen bestehen. Dabei muss man sich übrigens häufig unerbittlich über die Vorschläge der Rechtschreibprüfung hinwegsetzen!

nicht:
*beim Längen schwimmen
*beim Längen Schwimmen

besser nicht:
beim Längen-Schwimmen

sondern:
beim Längenschwimmen

Und weil es so schön einfach ist, hier noch ein paar Beispiele:

beim Kaffeetrinken
zum Ostereierverstecken
zum Bäumeausreißen
beim Promisgoogeln

Das gilt übrigens nicht nur, wenn wie oben ein Substantiv vom Infinitiv abhängig ist, sondern auch bei Verbindungen mit anderen Wortarten:

etwas zum Selbermachen
kein Grund zum Sichaufregen
beim Schnellfahren erwischt werden
beim Nichtbeachten der Vorfahrt

Siehe auch hier und hier.

Wie einige der oben stehenden Beispiele und die nachfolgende Wortschöpfung zeigen, ist es häufig besser, auf das Infinitivgruppensubstantivieren zu verzichten. Hier hilft stilistisch auch kein Bindestrich mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wurde die Kirche zu bauen begonnen? (II)

Es ist vielleicht einigen von Ihnen aufgefallen, dass hier gestern schon einmal ein Artikel zu diesem Thema stand. Durch die Bemerkung eines aufmerksamen Besuchers habe ich feststellen müssen, dass ich mich bei der ersten Beantwortung der Frage richtig klassisch verrannt hatte. Um Ihnen eine allzu lange und komplexe Richtigstellung zu ersparen, habe ich den Artikel zurückgezogen und stelle ich hier den zweiten Antwortversuch vor. Es geht um eine außergewöhnliche Konstruktion, die manchmal „langes Passiv“ genannt wird.

Frage

Könnten Sie mir bitte bestätigen, dass folgender Satz falsch ist:

Das Besondere an diesem Ort ist, dass die Kirche 1143 zu bauen begonnen wurde und es dann nur wenige Veränderungen gab

Es geht um den Satzteil „zu bauen begonnen wurde“. Grammatikalisch richtig, aber stilistisch äußerst unschön wäre meiner Meinung nach: „dass die Kirche 1143 gebaut zu werden begann […]“. Liege ich richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

der zitierte Satz ist außergewöhnlich und die Stellung der Jahrseszahl sorgt bei mir für Verwirrung, aber er ist nicht falsch. Betrachten wir den Satz zuerst einmal ohne diese Jahreszahl. Wir haben es dann mit einem unpersönlichen Passivsatz zu tun:

dass die Kirche zu bauen begonnen wurde

Das ist eine ungewöhnliche Konstruktion. Wie kommt sie zustande und was ist das Ungewöhnliche an ihr? Ich versuche dies anhand von drei Beispielsätzen zu zeigen. Beginnen wir im Aktiv:

Man begann die Kirche zu bauen
Man begann den Turm zu bauen
Man versuchte den Wagen zu reparieren (das klassische Beispiel bei diesem Thema)

Diese Sätze werden nun ins Passiv gesetzt:

Es wurde begonnen, die Kirche zu bauen
Es wurde begonnen, den Turm zu bauen
Es wurde versucht, den Wagen zu reparieren

und in einen Nebensatz umgeformt:

dass begonnen wurde, die Kirche zu bauen
dass begonnen wurde, den Turm zu bauen
weil versucht wurde, den Wagen zu reparieren

Bei den Verben versuchen, beginnen, vergessen, beabsichtigen kann die Infinitivgruppe nicht nur am Schluss, sondern auch innerhalb einer solchen Satzklammer stehen (kohärente Konstruktion). Das sieht dann so aus:

dass die Kirche zu bauen begonnen wurde
dass der Turm zu bauen begonnen wurde
weil der Wagen zu reparieren versucht wurde

Der aufmerksamen Betrachterin fällt hier auf, dass Turm, Wagen und analog auch Kirche nicht mehr im Akkusativ, sondern im Nominativ stehen. Diese Konstruktion wird auch „langes Passiv“ genannt. Durch die Integration der Infinitivgruppe in den übergeordneten Satz entsteht am Satzende eine Verbgruppe, die als eine Einheit angesehen wird: zu bauen begonnen wurde resp. zu reparieren versucht wurde. Das Akkusativobjekt der Infinitivgruppe wird zum Subjekt des übergeordneten Verbs uminterpretiert und steht dann im Nominativ. So kann es geschehen, dass den Turm zu der Turm wird:

dass begonnen wurde, den Turm zu bauen
dass der Turm zu bauen begonnen wurde
(nicht: dass den Turm zu bauen begonnen wurde?)

Das ist zwar rein logisch gesehen fragwürdig, aber die Sprache funktioniert nicht immer nach den Regeln der Logik. Hier noch zwei Beispiele:

weil das Fenster zu schließen vergessen wurde
Alle Produkte, die unfachmännisch zu reparieren versucht wurden …

Der langen Erklärung kurzer Sinn: Die Formulierung dass die Kirche zu bauen begonnen wurde ist zwar eine außergewöhnliche Konstruktion, sie ist aber im Deutschen so akzeptiert.

Kommen wir zu guter Letzt zur Stellung der Jahreszahl:

dass die Kirche 1143 zu bauen begonnen wurde

Wenn man den Infinitivsatz einfach wieder auslagert, erhält man diesen Satz:

dass begonnen wurde, die Kirche 1143 zu bauen

Das würde heißen, dass die Kirche im Jahr 1143 gebaut wurde. Große Bauprojekte dauerten damals (und auch heute noch!) um einiges länger. Deshalb ist der Satz für mich recht verwirrend, wenn ich ihn zu analysieren versuche. Gemeint ist:

dass 1143 begonnen wurde, die Kirche zu bauen

Die Jahreszahl gehört nicht zur Infinitivgruppe (mit bauen), sondern zum übergeordneten Satz (mit beginnen). Es müsste also eigentlich heißen:

dass 1143 die Kirche zu bauen begonnen wurde

Da nun aber die Kirche, wie wir oben gesehen haben, nicht mehr Akkusativobjekt, sondern Subjekt ist und das Subjekt eine starke Tendenz hat, an erster Stelle zu stehen, kann die Jahreszahl doch hinter Kirche in den (ursprünglichen) Infinitivsatz hineinrutschen:

Das Besondere an diesem Ort ist, dass die Kirche 1143 zu bauen begonnen wurde und es dann nur wenige Veränderungen gab

Nachdem ich nun den Satz auseinandergenommen und seine Konstruktion verteidigt habe, möchte ich doch dafür plädieren, solche Formulierungen mit Maßen zu verwenden. Es gibt einfachere und elegantere (und mich weniger in Verwirrung bringende) Arten, dasselbe auszudrücken. Zum Beispiel:

dass der Bau der Kirche 1143 begann
dass 1143 mit dem Bau der Kirche begonnen wurde

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Walpershofen und die Walpershof(en)er

Walpershofener wie Aachener oder Walpershofer wie Bremer, das ist heute die Frage:

Frage

Wie heißen die Bürger von Walpershofen, Walpershofer oder Walpershofener?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

bei Ortsnamen, die wie Walpershofen auf ein unbetontes en enden, kann das en wegfallen oder stehen bleiben, wenn ein er angehängt wird. Beides ist nach den Wortbildungsregeln des Deutschen richtig. Welche Variante die „richtige“ ist, entscheidet vor allem der heutige (Standard-)Sprachgebrauch in der betreffenden Ortschaft und deren Umgebung. Ein paar Beispiele mit und ohne Wegfall von en:

Bremer, Erlanger, Saarbrücker, Sankt-Galler (in Deutschland auch: Sankt-Gallener)
Aachener, Baden-Badener, Essener, Gießener

Eine feste Regel für die Bildung der Einwohnernamen auf er und der gleichlautenden Adjektive gibt es hier also nicht.

Wie ist es nun bei Walpershofen? Ein kurzer Blick ins Internet zeigt, dass vor allem die Variante ohne en üblich ist. Man findet unter anderem Artikel zum Walpershofer Weihnachtsmarkt und sieht, dass in den umliegenden Orten einige Straßen, die nach Walpershofen führen, Walpershofer Straße heißen. Die Einwohner und Einwohnerinnen von Walpershofen heißen also üblicherweise Walpershofer und Walpershoferinnen. Wenn man sie Walpershofener und Walpershofenerinnen nennt, liegt man zwar nicht grundsätzlich falsch, aber man „outet“ sich wahrscheinlich als ortsfremd.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Da auch ich ortsfremd bin – ich war noch nie auch nur in der Nähe von Walpershofen, einem Ort im Saarland – beruht meine Schlussfolgerung rein auf dem, was das Internet dazu hergibt. Falls zufällig jemand der knapp zweitausend Einwohner und Einwohnerinnen von Walpershofen oder sonst eine ortskundige Person diesen Artikel liest: Bestätigung oder Widerspruch sind willkommen!

Ein kleines a für alle

Wie das Jahr im Blog zu Ende ging, so fängt es auch wieder an: mit der Groß- und Kleinschreibung. Wenn Sie allen alles Gute für das Jahr 2018 gewünscht und dabei nur kleine a verwendet haben, haben Sie alles richtig geschrieben. Das Wörtchen all… schreibt man immer klein, das heißt auch dann, wenn es allein steht.

Frage

Heißt es „Museum für Alle“ oder „Museum für alle“? Es gibt zahlreiche ähnliche Bildungen wie „Schule für a/Alle“ oder „Design für a/Alle“ oder „Urlaub für a/Alle“, häufig in einem Kontext, in dem gemeint ist, dass auch behinderte Menschen gemeint sind. Im Internet finde ich auch auf sprachbewussten Seiten beide Schreibweisen, mitunter auch gemischt. […] Daher meine Frage, wie schreibt man es und warum? Spielt es eine Rolle, ob es wie ein Eigenname gebraucht wird?

Antwort

Guten Tag Herr W.,

Pronomen schreibt man auch dann klein, wenn sie alleine stellvertretend für ein Substantiv stehen. Das gilt auch dann, wenn es sich um Personen handelt:

ein Museum für alle
der Kampf von allen gegen alle
Urlaub für alle/jeden/beide/manche/niemanden/keinen

Siehe auch hier, hier und hier.

Am Satzanfang schreibt man natürlich auch diese Wörter groß. Sonst ist die Großschreibung nur dann gerechtfertigt, wenn das Pronomen Teil eines Eigennamens ist. Hier ein paar frei erfundene Beispiele (ich konnte kein Museum mit diesem Namen finden, habe aber auch nicht allzu intensiv gesucht):

Der Name des Museums ist „Museum für Alle“
Eine Ausstellung im Museum für Alle an der Lindenallee
Ich schicke mein Kind in die Schule für Alle in Hausheim

Wenn es sich im ein Museum, eine Schule oder ein Design handelt, das allen zugänglich sein sollte, schreiben Sie also Museum für alle, Schule für alle und Design für alle; so auch die im vergangenen Jahr viel erwähnte Ehe für alle.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein gutes neues/Neues Jahr

Am Ende des letzten Arbeitstages dieses Jahres wünsche ich Ihnen ein gutes neues Jahr – und dies nicht, ohne an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass man nun auch nach der amtlichen Rechtschreibregelung (§ 63 E4, Version 2017) »ein gutes Neues Jahr« schreiben kann.

Ob groß oder klein: Es möge für alle ein gutes Jahr werden!

Dr. Bopp

Das Gegenwartsdeutsch und das Gegenwartsdeutsche

Kurz vor Weihnachten wiederhole ich wieder einmal einen Wunsch: Bitte achten Sie darauf, dass Sie Ihre E-Mail-Adresse richtig eingeben! Nur so kann ich Ihnen auch antworten. Wenn Sie im vergangenen Jahr keine Antwort von mir erhalten haben, ist es nicht unwahrscheinlich, dass ich Ihnen schlicht nicht antworten konnte. Da aber auch ich nicht unfehlbar bin, kann es auch sein, dass ich die eine oder andere Mail versehentlich habe untergehen lassen. Für diesen Fall bitte ich Sie natürlich um Entschuldigung.

Hier die Antwort an Herrn A., dem ich nicht antworten konnte, weil die E-Mail-Adresse nicht stimmte. Als speziellen Weihnachtsservice veröffentliche ich seine Frage hier und hoffe, dass er sie auch liest.

Frage

Werden Substantive wie „Hochdeutsch“ und „Gegenwartsdeutsch“ wie Adjektive dekliniert? Muss es richtig heißen „im Gegenwartsdeutsch“ oder „im Gegenwartsdeutschen“?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

beides kommt vor. Sprachbezeichnungen werden häufig endungslos verwendet, wenn es um eine bestimmte, näher gekennzeichnete Art der Sprache geht:

ein gepflegtes Hochdeutsch
im alltäglichen Gegenwartsdeutsch
das Französisch des 15. Jahrhunderts
Mein Italienisch ist ein bisschen eingerostet.

Sprachbezeichnungen werden meist mit Adjektivendung verwendet, wenn die Sprache im Allgemeinen gemeint ist, insbesondere im Gegensatz zu anderen Sprachen oder Sprachvarianten:

das Hochdeutsche im Vergleich zum Niederdeutschen
der Kasusverfall im Gegenwartsdeutschen
aus dem Französischen ins Italienische übersetzen

Vgl. hier. Das ist aber keine in Stein gemeißelte Regel. Die Trennung wird nicht immer streng in dieser Weise eingehalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


Ich wünsche Ihnen allen schöne und geruhsame Weihnachtstage!


 

Versucht euch aber nicht zu sorgen – Komma?

Frage

Im Rahmen meiner textlichen Arbeiten bin ich auf eine Frage im Zusammenhang mit der Kommasetzung im erweiterten Infinitiv gestoßen […]. Es geht um den 2. Satz in der Passage:

Jedes Wort, das ihr lest, wird eine Bedeutung haben, und ihr werdet es verstehen. Versucht euch aber, deswegen nicht zu sehr zu sorgen.

Man erklärte mir, das Komma vor „deswegen“ sei nicht richtig und es müsse heißen: „Versucht aber, euch deswegen nicht zu sehr zu sorgen.“ Nach meiner Auffassung sind beide Formulierungen richtig, denn ich konnte bisher keine Regel finden, die vorschreibt, welche Worte oder Satzbestandteile zu einem erweiterten Infinitiv gehören oder gehören müssen.

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

die Stellung von aber ist etwas ungewöhnlich, aber möglich. Ihr Satz ist dann allerdings nur ohne Kommas korrekt:

Versucht euch aber deswegen nicht zu sehr zu sorgen

Es ist gar nicht so einfach, zu erklären, weshalb dies so ist. In gewissen Fällen muss man Infinitivgruppen durch Kommas abtrennen. Ihr Satz ist nicht so ein Fall. Sonst kann man Infinitivgruppen durch Kommas abtrennen, um die Struktur des Satzes zu verdeutlichen. Vgl. hier. Dass dies bei Ihrem Satz trotzdem nicht möglich ist, liegt daran, dass die Infinitivgruppe und der übergeordnete Satz miteinander verschränkt sind.

Übergeordneter Satz: Versucht aber
Infinitivgruppe: euch deswegen nicht zu sehr zu sorgen

Als ein Art Probe könnte gelten:

Versucht aber was zu tun? – euch deswegen nicht zu sehr zu sorgen

nicht: Versucht was zu tun? – *euch aber deswegen nicht zu sehr zu sorgen

Das aber gehört nicht zur Infinitivgruppe, sondern zum übergeordneten Satz. Bei „unverschränkter“ Formulierung kann man ein Komma setzen:

Versucht aber(,) euch deswegen nicht zu sehr zu sorgen

In Ihrem Satz ist das zur Infinitivgruppe gehörende euch in den übergeordneten Satz Versucht aber eingeschoben. Bei dieser „verschränkten“ Formulierung wird kein Komma gesetzt:

Versucht euch aber deswegen nicht zu sehr zu sorgen

Weitere Beispiele:

Versucht bitte(,) euch keine Sorgen zu machen!
„unverschränkt“,  Komma möglich
Versucht euch bitte keine Sorgen zu machen!
„verschränkt“, kein Komma

Sie haben versprochen(,) das Fahrrad zu reparieren
„unverschränkt“, Komma möglich
Sie haben das Fahrrad zu reparieren versprochen
„verschränkt“ – kein Komma

Ich habe versucht(,) es deutlich zu erklären / Ich habe es deutlich zu erklären versucht. Die Antwort ist etwas lang geraten. Ich hoffe aber(,) Sie nicht zu sehr gelangweilt zu haben / Ich hoffe Sie aber nicht zu sehr gelangweilt zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ich und kein anderer werde/wird?

Frage

Im folgenden Satz bin ich mir unsicher, ob das Verb „werden“ richtig konjugiert ist:

Ich und kein anderer wird das Buch lesen.

[…] Ich würde das fragliche Verb im Deutschen nach dem Subjekt „ich“ ausrichten.

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

in diesem speziellen Fall, bei dem man sofort ins Stolpern gerät, wenn man den „Fehler“ macht, darüber nachzudenken, gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann die Formulierung a) als zusammengezogenen Satz oder b) als einen Satz mit einer Apposition oder einem Einschub interpretieren.

a) Ich und kein anderer wird das Buch lesen.
b) Ich – und kein anderer – werde das Buch lesen.

Im Fall a) behandelt man den Satz als eine (krasse) Zusammenziehung von zwei Sätzen:

Ich und kein anderer wird das Buch lesen.
Ich [werde das Buch lesen] und kein anderer wird das Buch lesen.

Du und niemand anders wird bei uns einziehen.
Du [wirst bei uns einziehen] und niemand anders wird bei uns einziehen.

Meine Nachbarn, nicht Christina hat mir geholfen.
Meine Nachbarn [haben mir geholfen,] nicht Christina hat mir geholfen.

Im Fall b) sind und kein anderer, und niemand anders und nicht Christina lockere Appositionen oder verstärkende Einschübe, die man mit Kommas oder Gedankenstrichen abtrennt. Das Verb richtet sich dann nach dem Subjekt und nicht nach der Apposition oder dem Einschub:

Ich, und kein anderer, werde das Buch lesen.
Ich – und kein anderer – werde das Buch lesen.

Du, und niemand anders, wirst bei uns einziehen.
Du – und niemand anders – wirst bei uns einziehen.

Meine Nachbarn, nicht Christina, haben mir geholfen.
Meine Nachbarn – nicht Christina – haben mir geholfen.

In a) bleibt die Verbform ein Stolperstein und in b) ist das Komma vor „und“ zumindest gewöhnungsbedürftig. Deshalb empfiehlt es sich, solche Formulierungen, wenn überhaupt, mit Maßen zu benutzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gleichzeitiges und vorzeitiges Abnehmen im Infinitiv

In den letzten Tagen ist mir gleich zweimal eine Frage begegnet, die sich Muttersprachige kaum je stellen, die aber Deutsch Unterrichtenden vielleicht bekannt vorkommt. Hier die Frage von Frau W.:

Frage

Es geht um den Infinitivsatz „Mir war es immer wichtig, mehr abgenommen zu haben als meine Freundin“. Finden die Geschehen im Haupt- und Infinitivsatz gleichzeitig statt oder findet das Geschehen im Infinitivsatz vorher statt?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

der Infinitivsatz in Ihrem Beispiel ist vorzeitig. Das Geschehen im Infinitivsatz findet vorher statt. Zum Zeitpunkt, in dem es der sprechenden Person wichtig ist, hat das Abnehmen bereits stattgefunden. Das liegt am Infinitiv Perfekt abgenommen zu haben.

In einem Infinitivsatz drückt der einfache Infinitiv (Infinitiv Präsens) Gleichzeitigkeit und der Infinitiv Perfekt Vorzeitigkeit in Bezug auf den übergeordneten Satz aus. Dies ist unabhängig davon der Fall, in welchem Tempus der übergeordnete Satz steht.

Gleichzeitigkeit:
Mir ist wichtig, mehr abzunehmen als meine Freundin.
Mir war wichtig, mehr abzunehmen als meine Freundin.

Vorzeitigkeit:
Mir ist wichtig, mehr abgenommen zu haben als meine Freundin.
Mir war wichtig, mehr abgenommen zu haben als meine Freundin.

Bei Gleichzeitigkeit steht in einem Infinitivsatz also der Infinitiv Präsens, auch wenn das Geschehen in der Vergangeheit stattgefunden hat.

Ein weiteres Beispiel:

Gleichzeitigkeit:
Wir fahren nach Graz, um unsere Freunde zu besuchen.
Wir fuhren nach Graz, um unsere Freunde zu besuchen.

Vorzeitigkeit:
Wir verlassen Graz, ohne unsere Freunde besucht zu haben.
Wir verließen Graz, ohne unsere Freunde besucht zu haben.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass der einfache Infinitiv auch Nachzeitigkeit ausdrücken kann:

Nachzeitigkeit:
Ich freue mich heute schon, euch nächste Woche in Graz zu besuchen

In Infinitivsätzen drückt der Infinitiv Präsens also nicht Gegenwart, sondern Gleichzeitigkeit (o. Nachzeitigkeit) aus. Der Infinitiv Perfekt drückt weniger Vergangenheit als Vorzeitigkeit in Bezug auf etwas anderes aus. Wie so oft bei den Verbformen hat der Name der Form nur bedingt etwas mit der Bedeutung zu tun.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man Tschechische Republik, Deutsche Bank und Alte Post beugt

Wenn man nicht darüber nachdenkt, geht es eigentlich immer gut. Nur wenn es beim Schreiben einmal ganz genau stimmen soll, kommen immer wieder einige ins Zweifeln: die Beugung des Adjektivs in mehrteiligen Eigennamen. 

Frage

Werden zu einem mehrteiligen Namen gehörende Adjektive dekliniert? Zum Beispiel „Rote Armeefraktion“: Heißt es „Teile der sogenannten Rote Armee Fraktion“ oder „Teile der sogenannten Roten Armee Fraktion“?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

mehrteilige Eigennamen werden grundsätzlich gleich gebeugt wie „gewöhnliche“ Wortgruppen. Das gilt nicht nur für die gesprochene, sondern auch für die geschriebene Sprache. Sie sagen und schreiben also:

Siehe Nachtrag unten
[[die Rote Armeefraktion

der Roten Armeefraktion
Teile der sogenannten Roten Armeefraktion]]

Es ist ganz einfach. Hier trotzdem noch einige mehr oder weniger bekannte Beispiele, die dieses Prinzip veranschaulichen sollen:

die Tschechische Republik
Er wohnt in der Tschechischen Republik

das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK)
Sie arbeitet beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz
Der Hauptsitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz ist in Genf

Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF)
eine Sendung des Zweiten Deutschen Fernsehens

Deutsche Bank
die Direktion der Deutschen Bank

das Gasthaus Alte Post
Wir treffen uns heute Abend in der Alten Post

der Filmpreis Goldener Bär
Der Film hat den Goldenen Bären gewonnen

Eigennamen, selbst Firmen- und Markennamen, sind also nicht „unberührbar“. Wenn sie wie eine gewöhnliche Wortgruppe aufgebaut sind, dürfen sie auch so behandelt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

NACHTRAG:

Jan Schreiber hat mich in seinem Kommentar auf einen Fehler hingewiesen: Die Rote Armeefraktion ist keine Armeefraktion, die rot ist, und wird auch nicht so geschrieben. Es ist eine Fraktion der Roten Armee (jedenfalls in der Sicht der Gründer und Mitglieder) und sollte entsprechend Rote-Armee-Fraktion geschrieben werden. Es ist eine der seltenen Zusammensetzung dieser Art, bei der die Beugung unsicher ist. Das Adjektiv kann gebeugt werden, aber auch ungebeugt bleiben:

der Rote-Armee-Fraktion / der Roten-Armee-Fraktion
der Arme-Sünder-Glocke / der Armen-Sünder-Glocke (o. der Armesünderglocke)

Es ist also gerade bei diesem Beispiel nicht ganz so einfach. Wie Jan Schreiber ziehe ich übrigens aufgrund der Struktur der Zusammensetzung die ungebeugte Version der Rote-Armee-Fraktion vor.

Ich bitte insbesondere Frau L. dafür um Entschuldigung, dass ich das Beispiel zu schnell übernommen und falsch analysiert habe. Die übrigen Beispiele sind korrekt.