Dahin und dorthin oder da hin und dort hin?

Frage

Ich habe eine Frage die mich schon länger beschäftigt. Es geht um das Wort „dahin“. Schreibt man „Kannst du die Vase dahin stellen“ oder „Kannst du die Vase da hinstellen“?

Antwort

Guten Tag,

wenn Sie sich in gepflegtem schriftlichem Standarddeutsch ausdrücken wollen oder müssen, schreiben Sie am besten

Du kannst die Vase dahin stellen.

Ihr Zweifel kommt wahrscheinlich daher, dass dahin und dorthin mit der örtlichen Bedeutung an diesen/jenen Ort umgangssprachlich sehr häufig getrennt verwendet werden:

Da kannst du die Vase nicht hinstellen.
Du solltest sie dort nicht hinstellen.
Da musst du unbedingt einmal hinfahren.
Kein Zug und kein Bus fährt dort heute noch hin.

Standardsprachlich sollten dahin und dorthin hier nicht getrennt verwendet werden:

Dahin kannst du die Vase nicht stellen.
Du solltest sie nicht dorthin stellen.
Dahin musst du unbedingt einmal fahren.
Kein Zug und kein Bus fährt heute noch dorthin.

Entsprechend schreiben Sie also besser die Vase dahin stellen als die Vase da hinstellen. Etwas ganz Ähnliches gilt übrigens auch für die Fragewörter woher und wohin (siehe hier).

Für den Fall, dass Sie sich nun wundern, dass diese Formen als „falsch“ gelten, sei das Folgende gesagt: Sie sind nicht wirklich falsch. In der gesprochenen Alltagssprache kommen sie zum Teil so häufig vor, dass man sie als zur Grammatik des gesprochenen Alltagsdeutschen gehörend betrachten sollte. Auch in der geschriebenen Sprache kommen sie regelmäßig vor, so dass es wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit ist, bis dieser Artikel – mehr als jetzt schon – nur noch ein stilistischer Hinweis ist. Ob und wann es so weit kommt, möchte ich dahingestellt sein lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Mehr zur Schreibung von dahin in Verbindung mit Verben finden Sie hier.

Unklarer Bezug: Notwehrfälle mit Schusswaffen aus Österreich

„Warnung“: Wer immer und überall eindeutige Formulierungen haben will, wird enttäuscht sein.

Frage

Es geht um Notwehrfälle die in Österreich stattgefunden haben, bei welchen eine Schusswaffe verwendet wurde. Die Formulierung ist:

Es sind bereits viele Fälle von Notwehr mit Schusswaffen aus Österreich in die Medien gekommen.

Nun wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass man den Satz auch so verstehen könnte, dass nicht die Fälle in Österreich stattgefunden haben, sondern dass lediglich die Schusswaffen aus Österreich waren. Ist die ursprüngliche Formulierung wirklich dermaßen unverständlich? […]

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

Ihr Satz kann ohne weiteren Zusammenhang tatsächlich zweierlei bedeuten:

– viele Fälle aus Österreich, in denen es um Notwehr mit Schusswaffen geht
– viele Fälle von Notwehr mit aus Österreich stammenden Schusswaffen

Rein grammatisch gibt es sogar eine dritte Variante, die nur durch ihre Bedeutung relativ unwahrscheinlich ist:

– viele Fälle von österreichischer Notwehr mit Schusswaffen

Beim spontanen ersten Lesen Ihres Satzes habe ich den Satz so verstanden, wie Sie ihn gemeint haben. Die zweite Interpretationsmöglichkeit habe ich erst beim Weiterlesen erkannt. Ich bin der Meinung, dass Sie Ihren Satz nicht anpassen müssen, weil ich annehme, dass er nicht allein steht. Vorher oder nachher (oder eventuell in einem Text, auf den verwiesen wird) steht der weitere Zusammenhang, aus dem hervorgeht, ob es um Notwehrfälle aus Österreich oder um Schusswaffen aus Österreich geht. Eine solche Formulierung steht selten wie oben im Titel ganz allein für sich. Wenn Sie sich trotzdem eindeutig und ebenso kurz ausdrücken möchten, können Sie den Satz auch wie folgt abfassen. Er ist nicht sehr elegant, aber eindeutig:

Es sind bereits viele Fälle aus Österreich von Notwehr mit Schusswaffen in die Medien gekommen.

Es kommt übrigens sehr häufig vor, dass ohne weiteren Kontext nicht eindeutig ist, worauf sich ein Teil des Satzes bezieht.

Sie fuhr mit den Nachbarn und ihren Kindern weg.
Wessen Kinder sind das?
Ich nehme den Kuchen und den Kaffee ohne Sahne.
Nehme ich nur den Kaffee oder beides ohne Sahne?
Herr M. kam mit einem Auto aus Deutschland.
Kam Herr Müller aus Deutschland oder kam er mit einem deutschen Auto?

Das Deutsche lässt uns hier bei der Formulierung oft viel Freiheit und gelegentlich – wenn man sehr auf exakte Formulierungen besteht – sogar im Stich. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn normalerweise steht ein Satz ja innerhalb eines Zusammenhangs, aus dem sich ergibt, welche Lesung gemeint ist. Und manchmal ist es ja auch egal, wie der Bezug genau aussieht: Ob sie nun aus Rio zurückkommen mit Medaillen oder ob sie zurückkommen mit Medaillen aus Rio, Hauptsache:

Sie kommen erfolgreich mit Medaillen aus Rio zurück.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Max und Moritz und die Form des Verbs

Frage

Ich habe Ihnen schon einmal eine Frage zum Numerus vorgelegt. Mein Beispielsatz lautete:

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.

Dass hier der Singular „wurde“ verwendet wird, haben Sie damals folgendermaßen erklärt: Es handelt sich um die Zusammenziehung zweier Sätze, bei der das Hilfsverb „wird“ nur einmal genannt wird, da es in beiden Sätzen identisch ist. Wie übertrage ich diese Erklärung auf den folgendermaßen abgewandelten Satz:

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz vom Schuldirektor gelobt.

Auch dieser Satz ist meinem Sprachgefühl nach mit dem Singular „wurde“ korrekt; er kann dies aber wohl nur dann sein, wenn man davon ausgeht, dass auch hier zwei Sätze mit jeweils einem eigenen Subjekt und einem eigenen Prädikat vorliegen. […]

Genau dieselbe Frage würde sich bei Sätzen wie „Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren“ und „Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz“ stellen.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

es geht hier um Sätze mit mehreren Subjekten und einem und. Kurz zusammengefasst gilt in solchen Fällen die folgende vereinfachende Regel:

a) Wenn in einem Satz mit mehr als einem Subjekt der Rest des Satzes für alle Subjekte identisch ist, handelt es sich um ein mehrteiliges Subjekt. Das Verb richtet sich nach der Mehrteiligkeit des Subjekts und steht im Plural.

b) Wenn in einem Satz mit mehr als ein Subjekt sich weitere Teile des Satzes auf das eine resp. das andere Subjekt beziehen, handelt es sich um einen zusammengezogenen Satz. In zusammengezogenen Sätzen richtet sich das Verb nach dem Subjekt, das ihm am nächsten steht.

Diese Faustregel gilt nur für Aneinanderreihungen mit und. Sie ist weder wissenschaftlich präzis noch wirklich leicht verständlich. Deshalb folgen hier ein paar Beispiele, die illustrieren sollen, was gemeint ist:

a) Mehrteiliges Subjekt
Nur die Subjekte unterscheiden sich voneinander – Das Verb steht im Plural

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz gelobt.

In der Deutschstunde wurden Max und Moritz vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz vom Lehrer gelobt.

Max und Moritz wurden um 11 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 11 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reisten Max und Moritz nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Innsbruck.

Max und Moritz trinken Bier.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Bier.

b) Zusammengezogene Sätze
Die Subjekte und weitere Satzteile unterscheiden sich voneinander – Das Verb richtet sich nach dem ihm am nächsten stehenden Subjekt.

In der Deutschstunde wurde Max gelobt und Moritz getadelt.
In der Deutschstunde wurde Max gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz getadelt.

In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer und Moritz von der Schuldirektorin gelobt.
In der Deutschstunde wurde Max vom Lehrer gelobt.
In der Deutschstunde wurde Moritz von der Schuldirektorin gelobt.

Max wurde um 11 Uhr und Moritz um 12 Uhr geboren.
Max wurde um 11 Uhr geboren.
Moritz wurde um 12 Uhr geboren.

Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck und Moritz nach Bregenz.
Vergangenes Jahr reiste Max nach Innsbruck.
Vergangenes Jahr reiste Moritz nach Bregenz.

Max trinkt Bier und Moritz Wein.
Max trinkt Bier.
Moritz trinkt Wein.

Ich hoffe nur, dass die große Zahl an Beispielen mit den Namen Max und Moritz nicht mehr verwirrt als erhellt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Könnte er es reparieren lassen haben?

Heute wieder einmal etwas für die Fans von Verbformenpuzzles:

Frage

Wie heißt es richtig?

Er könnte es repariert haben lassen.
Er könnte es reparieren haben lassen.

Für mich ist nur die erste Variante korrekt. Aber ein Kollege plädiert für die zweite Lösung. Wer hat recht?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

richtig ist hier theoretisch der Infinitiv reparieren, denn es geht um die Formulierung etwas reparieren lassen. Die Form haben sollte aber an einer anderen Stelle stehen: 

Er lässt es reparieren.
Er hat es reparieren lassen.
Er könnte es reparieren lassen haben.

Solche komplexen „Verbanhäufungen“ kommen aber praktisch kaum vor, weil (fast) niemand sie spontan bilden kann, ohne mindestens dreimal neu ansetzen zu müssen. In der Regel formuliert man anders. Zum Beispiel:

Es ist möglich, dass er es hat reparieren lassen oder (vgl. hier)
Es ist möglich, dass er es reparieren lassen hat.
Er hat es vielleicht/wahrscheinlich reparieren lassen.

Es wäre also auch nicht ganz richtig gewesen, wenn Sie sich von Ihrem Kollegen hätten überzeugen lassen können – oder so …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gekochtes Fleisch und Gemüse oder der Bezug des attributiven Adjektivs

Frage

Ich hätte eine grundlegende Frage zur Ellipse: Bei einem gemeinsamen Attribut (hier Adjektiv) zu zwei Substantiven muss das Attribut nur einmal genannt werden, z. B. „gekochtes Fleisch und Gemüse“. Wenn ich das Attribut nur auf das erste Substantiv beziehen möchte, müsste ich doch einige Worte umstellen, also „Gemüse und gekochtes Fleisch“ schreiben.

Ist dies eine feste Regelung, die selbst dann gilt, wenn sich das Adjektiv inhaltlich nur auf das erste Substantiv beziehen kann?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

ein gemeinsames Attribut kann, aber muss nicht weggelassen werden. Umgekehrt bezieht sich ein Adjektiv, das vor zwei Substantiven steht, nicht automatisch auf beide Substantive. Es gibt keine einfache Regel, die den Bezug eines Adjektivs in solchen Reihungen eindeutig festlegt.

So bezieht sich das Adjektiv in:

gekochtes Fleisch und Gemüse
junge Männer und Frauen

sehr wahrscheinlich auf beide Substantive, die ihm folgen. Dieser Bezug ergibt sich aus der Bedeutung der Wörter und wahrscheinlich auch aus dem weiteren Zusammenhang. Wenn Sie aber unbezweifelbar angeben wollen, dass sowohl das Fleisch als auch das Gemüse gekocht sind resp. dass alle Leute jung sind, müssen Sie das Adjektiv wiederholen:

gekochtes Fleisch und gekochtes Gemüse
junge Männer und junge Frauen

Wenn Sie umgekehrt eindeutig angeben wollen, dass sich das Adjektiv nur auf das Substantiv bezieht, vor dem es steht, müssen Sie tatsächlich die Reihenfolge ändern oder ein anderes Adjektiv ergänzen:

Gemüse und gekochtes Fleisch
Frauen und junge Männer

gekochtes Fleisch und rohes/gedämpftes/… Gemüse
junge Männer und ältere Frauen

Solche Eingriffe sind aber meist nicht notwendig, weil der weitere Satzzusammenhang angibt, worauf sich ein Adjektiv genau bezieht.

Gewisse Regeln gibt es aber doch, zum Beispiel dann, wenn ein Artikelwort mit ins Spiel kommt. Wenn das Adjektiv zusammen mit einem Artikelwort weggelassen wird, bezieht es sich in der Regel auf beide Substantive

das gekochte Fleisch und Gemüse (beides ist gekocht)
diese jungen Männer und Frauen (Männer und Frauen sind jung)

Steht beim zweiten Substantiv ein Artikelwort, kann sich das Adjektiv nur dann auch darauf beziehen, wenn es wiederholt wird:

das gekochte Fleisch und das gekochte Gemüse
die jungen Männer und die jungen Frauen

aber:

das gekochte Fleisch und das Gemüse
(nur das Fleisch ist gekocht, der Zustand des Gemüses ist unbestimmt)
die jungen Männer und die Frauen
(die Männer sind jung, die Frauen unbestimmten Alters)

Wenn man es in Worte und Regeln fassen will, kann der Bezug des Adjektivs in Reihungen also recht kompliziert werden. Normalerweise ergibt sich aber – wie oben schon gesagt – problemlos aus dem Kontext, was genau gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mehr Import als Export – Man importiert mehr, als exportiert wird

Frage

Folgender Satz erscheint mir merkwürdig:

Deutschland importiert mehr Holzabfälle als exportiert werden.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

der Satz ist vielleicht nicht gerade ein Meisterwerk deutscher Formulierkunst, aber er ist m. E. richtig. Es fehlt ihm nur ein Komma:

Deutschland importiert mehr Holzabfälle, als exportiert werden.

Bei einem vergleichenden als in Verbindung mit einem Wort oder einer Wortgruppe steht vor als kein Komma:

Deutschland importiert mehr Holzabfälle als vor einigen Jahren.
Wir haben mehr Sitzplätze als nötig.
Sie haben mehr Produkte eingekauft als ihre Konkurrenz.

Man setzt dann ein Komma, wenn als einen Nebensatz einleitet (vgl. hier). In diesen Fällen sind die Nebensätze problemlos als solche zu erkennen:

Deutschland importiert mehr Holzabfälle, als man es früher tat.
Wir haben mehr Sitzplätze, als wir Besucher erwarten.
Sie haben mehr Produkte eingekauft, als sie es sich finanziell erlauben können.

In den folgenden Fällen ist es vielleicht ein bisschen schwieriger, die Nebensätze zu erkennen, denn sie sind nicht vollständig. Ein Satzteil fehlt in ihnen, weil er mit einem Satzteil im übergeordneten Satz identisch ist und deshalb nicht wiederholt wird (das ist übrigens bei anderen Nebensätzen in der Regel nicht möglich). Man erkennt sie aber trotzdem recht gut daran, dass sie ein eigenes konjugiertes Verb haben:

Deutschland importiert mehr Holzabfälle, als exportiert werden.
Wir haben mehr Sitzplätze, als nötig sind.
Sie haben mehr Produkte eingekauft, als sie verkaufen können.

Ob Deutschland wirklich mehr Holzabfälle importiert als exportiert, weiß ich nicht. Ich kann nur sagen, dass die Form des zitierten Satzes mit dieser Aussage zwar etwas gar knapp, aber dennoch akzeptabel ist (wenn Sie ihn mit einem Komma ergänzen).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ich lasse es dich wissen und du lässt es dir schmecken

Heute wieder einmal der Beweis, dass es häufig kurze Fragen sind, die lange Antworten nach sich ziehen.

Frage

Was ist richtig? „Ich lasse es dich wissen“ oder „Ich lasse es dir wissen“? Und heißt es „Lass es dich schmecken“ oder „Lass es dir schmecken“?

Antwort

Guten Tag N.,

die kurze Antwort ist einfach: Im ersten Satz muss dich stehen, im zweiten dir:

Ich lasse es dich wissen.
Lass es dir schmecken!

Schwieriger wird es bei der Erklärung weshalb. Obwohl die Konstruktionen ganz ähnlich aussehen, steht einmal der Akkusativ und einmal der Dativ. Ich musste ehrlich gesagt ein Weilchen nachdenken, bis ich die Begründung für diesen Unterschied gesehen habe.

Es geht in beiden Sätzen um einen sogenannten Akkusativ mit Infinitiv (AcI, siehe hier). In einer solchen Konstruktion stehen zwei Verben: das Hauptverb (hier: lassen) und ein Infinitiv (hier: wissen resp. schmecken). Das Besondere daran ist, dass der vom Hauptverb abhängige Akkusativ gleichzeitig das zum Infinitiv gehörende Subjekt ist.

Ich lasse es dich wissen.

Hier ist dich ein von lassen abhängiger Akkusativ: Ich lasse dich etwas tun, nämlich es wissen. Gleichzeitig entspricht dich sinngemäß dem Subjekt der Infinitivgruppe. Vgl. Du weißt es.

Du lässt es dir schmecken.

Hier ist es der von lassen abhängige Akkusativ: Du lässt es etwas tun, nämlich dir schmecken. Gleichzeitig entspricht es sinngemäß dem Subjekt der Infinitivgruppe. Vgl. Es schmeckt dir.

Im ersten Satz ist dich vom Hauptverb lassen abhängig und es gehört zum Infinitiv wissen. Beim zweiten Satz ist es vom Hauptverb lassen abhängig und dir gehört zum Infinitiv schmecken. Die Sätze sehen sehr ähnlich aus, aber die Pronomen sind anders über die Verben verteilt. Im ersten Satz steht dich im Akkusativ, der vom Hauptverb lassen verlangt wird, im zweiten Satz steht dir im Dativ, der vom Infinitiv schmecken verlangt wird.

Etwas leichter verständlich wäre die ganze Sache wahrscheinlich dann, wenn die deutsche Wortstellung die folgende Wortfolge zuließe, die eigentlich nach der Satzstruktur zu erwarten wäre:

*Ich lasse dich es wissen.

Üblich ist hier aber die schwierig zu erklärende „verschränkte“ Wortfolge:

Ich lasse es dich wissen.

Bevor Sie nun beim Deutschlernen über solchen Konstruktionen verzweifeln, sei dies gesagt: Solche Sätze zu beherrschen lernt man kaum dadurch, dass man sich komplizierte Regeln einpaukt, sondern durch Zuhören, Lesen, Schreiben und Sprechen. Auch als muttersprachigen „Sprachler“ hat es mich einige Mühe gekostet, die unterschiedlichen Strukturen der beiden Sätze genau zu erkennen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Solch, solches, ein solch, ein solches, solch ein garstiges Wetter!

Das Wörtchen solch… lässt sich nicht mit einem Satz erklären. Es hat die Eigenschaften eines Pronomens, eines Artikelwortes und eines Adjektivs und kann im Satz ganz unterschiedlich verwendet werden. Ich muss Sie deshalb dafür um Nachsicht bitten, dass dieser Beitrag zu Herrn L.s einfacher und kurzer Frage recht lang ausgefallen ist und trotzdem bei Weitem nicht alle Facetten behandelt. Er soll vor allem aufzeigen, wie vielfältig die Formulierungsmöglichkeiten mit solch sind.

Frage

Heißt es „solch“ oder „solche“ oder ist hier beides möglich?

Eine Blume am Armaturenbrett: Solch(e) liebevolle Details finden sich nur in Oldtimern.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

die meisten Muttersprachigen werden wie Sie vermuten oder einfach wissen, dass hier beide Formulierungen möglich sind:

Solche liebevolle(n) Details finden sich nur in Oldtimern.
Solch liebevolle Details finden sich nur in Oldtimern.

Es gibt dabei allerdings einen kleinen Unterschied: Die gebeugte Form solche bezieht sich auf Details oder eigentlich auf die ganze Nomengruppe liebevolle Details. Seine Bedeutung ist so beschaffen, so geartet:

solche liebevollen Details = so beschaffene liebevolle Details
bei solchem garstigen Wetter = bei garstigem Wetter dieser Art

Die endungslose Form solch bestimmt adverbial das Adjektiv liebevoll näher. Es hat ungefähr die gleiche Bedeutung wie so:

solch liebevolle Details = so liebevolle Details
bei solch garstigem Wetter = bei so garstigem Wetter

Das Wörtchen solch hat noch mehr auf Lager: Im Singular kann man es auch mit dem unbestimmten Artikel ein kombinieren, und zwar auf mehr als eine Art:

ein solches liebevolles Detail
ein solch liebevolles Detail
solch ein liebevolles Detail

bei einem solchen garstigen Wetter
bei einem solch garstigen Wetter
bei solch einem garstigen Wetter

So viele verschiedene Möglichkeiten! Zur Problematik der Beugung des Adjektivs nach solch und solche schweige ich deshalb hier. Für eine solche komplexe, eine solch komplexe oder solch eine komplexe Frage verweise ich Sie auf diese Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf oder unter www.canoonet.eu?

Frage

Was ist korrekt: „Interessierte finden auf ODER unter www.canoonet.eu weiterführende Informationen“?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

beide Formulierungen kommen häufig vor und beide sind richtig. Aber warum? Schließlich ist auf dem Tisch auch nicht dasselbe wie unter dem Tisch.

Zuerst sollte man hier auf und unter nicht allzu wörtlich nehmen. Weiter kann man eine Angabe wie www.canoonet.eu oder http://www.canoonet.eu als eine Internetadresse, aber auch als eine Website ansehen und entsprechend behandeln:

Interessierte finden auf der Website www.canoonet.eu weiterführende Informationen.
Interessierte finden unter der Adresse www.canoonet.eu weiterführende Informationen.

Oder ein bisschen kürzer:

Interessierte finden auf www.canoonet.eu weiterführende Informationen.
Interessierte finden unter www.canoonet.eu weiterführende Informationen.

Die unterschiedlichen Präpositionen können also auf unterschiedliche Betrachtungsweisen zurückgeführt werden. Diese Information lässt sich übrigens nicht so auf oder unter www.canoonet.eu finden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Idee des Individuums als Fall[s]?

Neben dem Komma und den Inseln gibt auch der Fall nach als immer wieder Anlass zu Fragen. Heute geht es um die als-Gruppe bei einem Genitiv. 

Frage

Wir schlagen uns mit einem Satz herum, bei dem unser Sprachgefühl dem widerspricht, was wir für grammatikalisch korrekt halten. Der Satz lautet:

Die Idee des Individuums als Falls und somit als Protagonisten einer Fallgeschichte wird hier Realität.

Wir hadern gefühlsmäßig mit den Genitivformen „Falls“ und „Protagonisten“, finden aber keinen Beleg dafür, dass diese im Nominativ stehen dürfen.

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

die als-Gruppe steht nach der Grundregel im gleichen Fall wie das Wort, auf das sie sich bezieht:

Gefüllte Kirschtomaten wurden als kleiner Gruß aus der Küche serviert.
Als erfahrenen Programmier hätte dich das nicht erstaunen müssen.
Die Wissenschaft wurde mit dem Internet als neuem Kommunikationsmedium konfrontiert.
Die Herrscher bedienten sich der Religion als eines Mittels der Unterdrückung.

ABER: Es gibt zahlreiche Ausnahmen. Eine davon betrifft Fälle, in denen das Bezugswort wie in Ihrem Beispiel ein Wort im Genitiv oder im Speziellen ein Genitivattribut ist. In solchen Fällen steht die als-Gruppe nur dann im Genitiv, wenn sie ein Artikelwort enthält. Ohne Artikelwort steht sie meist bzw. immer im Nominativ. Ihr Gefühl täuscht Sie also nicht. In Ihrem Beispiel steht die als-Gruppe ohne Artikelwort und ohne gebeugtes Adjektiv. Sie sollte deshalb im Nominativ stehen:

Die Idee des Individuums als Fall und somit als Protagonist einer Fallgeschichte wird hier Realität.

Ebenso zum Beispiel:

Die Herrscher bedienten sich der Religion als Mittel der Unterdrückung.
die Rolle des Staates als Handelspartner
die Förderung des Kindes als Individuum und als Teil der Gruppe

Mehr dazu finden Sie hier und hier, denn das Ganze ist leider noch ein bisschen komplexer. Die Häufigkeit der als-Gruppe als Problemfall wird Sie nach dem Lesen dieser Abschnitte kaum mehr erstaunen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp