Kommas richtig setzen ist nicht immer einfach – Infinitivgruppen als Subjekt

Frage

„Die Elekotromobilität effektiv fördern(,) ist ein wichtiger Schritt bei der Reduktion der CO2-Emissionen.“ Muss nach „fördern“ eine Komma stehen?

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

erweiterte Infinitive am Satzanfang stehen meistens mit zu. Dann gilt die Regel, dass die Infinitivgruppe durch ein Komma abgetrennt werden kann, um die Struktur des Gesamtsatzes zu verdeutlichen. In den folgenden Sätzen kann das eingeklammerte Komma also stehen, es kann aber auch weggelassen werden:

Mit dem Finger auf Leute zu zeigen[,] gilt als unhöflich.
Den ganzen Tag zu arbeiten[,] macht hungrig.
Kommas richtig zu setzen[,] ist nicht immer einfach.
Die Elekotromobilität effektiv zu fördern[,] ist ein wichtiger Schritt bei der Reduktion der CO2-Emissionen.

Ihr Satz ist aber nicht ganz gleich formuliert. Er zeigt, dass es natürlich wieder ein Aber gibt: Wenn ein erweiterter Infinitiv Subjekt des Satzes ist und vor dem Verb steht, kann er auch ohne zu verwendet werden. Er zählt dann nicht zu den Infinitivgruppen, die in der Rechtschreibregel gemeint sind, und kann nicht durch ein Komma abgetrennt werden. Ohne zu heißt hier auch ohne Komma:

Mit dem Finger auf Leute zeigen gilt als unhöflich.
Den ganzen Tag arbeiten macht hungrig.
Kommas richtig setzen ist nicht immer einfach.

Und damit sind wir endlich auch bei Ihrem Satz, der ohne Komma geschrieben wird:

Die Elekotromobilität effektiv fördern ist ein wichtiger Schritt bei der Reduktion der CO2-Emissionen.

Es ist wirklich nicht immer einfach, Kommas richtig zu setzen! Und warum die Infinitivgruppe im vorhergehenden Satz durch ein Komma abgetrennt werden muss, lesen Sie hier (resp. §75.3 der amtl. Rechtschreibregelung).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vorzukunft in der Vergangenheit

Von der Vorzukunft in der Vergangenheit haben Sie wahrscheinlich noch nie gehört. Es ist auch eine Zeitform, die kaum jemand täglich verwendet.

Frage

Neulich habe ich den folgenden Satz gelesen: „Sie beschloss noch im selben Augenblick, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.“

Zuerst dachte ich, das wäre „Zukunft in der Vergangenheit“, aber das passt nicht. […] Ich frage mich auch, was die einfachere Alternative für den gegebenen Satz wäre. Es könnte nur „…sobald der Regen aufhört“ sein, denn „sobald der Regen aufgehört hätte“ hat eine andere Bedeutung. Sehr gerne würde ich den grammatikalischen Kontext des Satzes besser verstehen.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

die würde-Form aufgehört haben würde ist hier trotz Ihrer Zweifel eine Art Zukunft in der Vergangenheit. Es ist also keine Ersatzform für den Konjunktiv II. Deshalb würde aufgehört hätte nicht gut in den Satz passen.

Die würde-Form kommt häufig vor, wenn etwas Vergangenes in Bezug auf etwas anderes Vergangenes zukünftig war (Zukunft in der Vergangenheit):

Wir wussten, dass Marianne um 17 Uhr ankommen würde.
Als ihr in Nizza Rodolfo vorgestellt wurde, vermutete sie nicht, dass sie schon wenige Monate später mit ihm verheiratet sein würde.
Er nahm auf niemanden Rücksicht. Das würde er noch bereuen.

Um die Zeitverhältnisse in Ihrem recht komplexes Satz besser zu verstehen, nehmen wir ihn zuerst einmal auseinander:

Sie beschloss,
= Zeitpunkt X in der Vergangenheit
dass sie dorthin fahren würde, sobald der Regen aufgehört haben würde.
= zukünftig in Bezug auf den Zeitpunkt X

Dann ersetzen wir den dass-Satz durch eine Infinitivkonstruktion

Sie beschloss,
dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.

Die Zukünftigkeit sieht man gut, wenn man den Hauptsatz zuerst ins Präsens setzt:

Wir wissen, dass Marianne um 17 Uhr ankommen wird.
Wir wussten, dass Marianne um 17 Uhr ankommen würde.

Sie beschließt, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben wird.
Sie beschloss, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.

Die Zeitverhältnisse sind in Ihrem Satz deshalb so kompliziert, weil der mit sobald eingeleitete Satz in Bezug auf dorthin fahren vorzeitig ist, in Bezug auf beschließen aber immer noch „zukünftig“. Die Form aufgehört haben würde ist also eigentlich nicht Zukunft in der Vergangenheit, sondern so etwas wie „Vorzukunft in der Vergangenheit“:

Sie beschließt dorthin zu fahren, sobald der Regen aufhören wird.
aufhören wird = Zukunft
Sie beschließt dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben wird.
aufgehört haben wird = Vorzukunft, vorzeitige Zukunft

Sie beschloss dorthin zu fahren, sobald der Regen aufhören würde.
aufhören würde = Zukunft in der Vergangenheit
Sie beschloss dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.
aufgehört haben würde = Vorzukunft in der Vergangenheit

Wie so oft, wenn es um die Verwendung von Zeitformen im Deutschen geht, sind dies keine eisernen Regeln. Genauso wie die Zukunft im Deutschen nicht immer mit dem Hilfsverb des Futurs werden ausgedrückt wird, wird auch die Zukunft in der Vergangenheit nicht immer mit der würde-Form gebildet. Die Struktur des Satzes, der Sie beschäftigt, sollte damit aber erklärt sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Wettlauf mit der Zeit und gegen die Zeit

Frage

Wie heißt es richtig: „Wettlauf mit der Zeit“ oder „Wettlauf gegen die Zeit“

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

spontan würde man ja sagen, dass es einen großen Unterschied zwischen etwas mit jemandem tun und etwas gegen jemanden tun gibt. Es hört sich sogar ziemlich gegenteilig an. Trotzdem kommen hier beide Formulierungen vor und gelten beide als korrekt:

ein Wettlauf mit der Zeit
ein Wettlauf gegen die Zeit

Es gibt noch nicht einmal einen wesentlichen Bedeutungsunterschied. Das hat mit einer unterschiedlichen Betrachtungsweise des Phänomens Wettlauf zu tun. Ein Wettlauf oder ein Wettrennen ist ein Geschehen, dass man mit jemandem unternimmt, indem man gegen diese Person oder diese Personen antritt. Nimmt man mit, gibt man an, wer auch am Wettlauf teilnimmt. Nimmt man gegen, gibt man an, wer die Gegenpartei ist.

Im Märchen gewinnt der Igel das Wettrennen mit dem Hasen.
Im Märchen gewinnt der Igel das Wettrennen gegen den Hasen.

Diese beiden Sichtweisen sind, wie oben schon gezeigt, auch bei der Verwendung von Wettlauf im übertragenen Sinne möglich. Je sportlicher und kompetitiver ein Wettlauf, ein Wettrennen o. Ä. ist, desto stärker nimmt allerdings die Formulierung mit gegen überhand. So werden Fußballspiele im Allgemeinen nur gegen eine andere Mannschaft ausgetragen und liest man häufiger über den Titelkampf von Tyson Fury gegen Wladimir Klitschko als über den Titelkampf von Tyson Fury mit Wladimir Klitschko.

Zum Glück für mich (und für diejenigen, die es gerne möglichst kurz und bündig haben, leider) ist die Beantwortung dieser Frage für mich heute weder ein Wettlauf gegen die Zeit noch ein Wettlauf mit der Zeit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dessen, deren und deren nachfolgende Nachbarn

Frage

Ich habe Probleme bei der Deklination des Adjektivs „zurückhaltend“ in folgendem Satz:

Viele Menschen sind verärgert über das Ministerium und dessen zurückhaltendem(?) Engagement in dieser Frage.

Ist diese Form korrekt?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

die Form zurückhaltendem ist hier nicht korrekt. Das Problem, über das Sie hier stolpern, ist wahrscheinlich die Beugung des Adjektivs nach dessen. Dieses Phänomen sorgt nicht nur bei Ihnen, sondern auch bei vielen anderen häufiger zu Unsicherheiten. Aber gehen wir der Reihe nach vor:

Die Wortgruppe, zu der zurückhaltend gehört, ist von über abhängig. Die Präposition über verlangt hier den Akkusativ (über wen oder was verärgert?). Weiter gilt, dass dessen keinen Einfluss auf das ihm folgende Adjektiv hat. Damit ist gemeint, dass das Adjektiv gleich gebeugt wird, wie wenn gar kein Artikelwort vor ihm steht (starke Beugung, siehe auch hier).

Viele Menschen sind verärgert über zurückhaltendes Engagement.
Viele Menschen sind verärgert über das Ministerium und [über] zurückhaltendes Engagement.
Viele Menschen sind verärgert über das Ministerium und [über] dessen zurückhaltendes Engagement.

Richtig ist also die stark gebeugte Form zurückhaltendes:

Viele Menschen sind verärgert über das Ministerium und dessen zurückhaltendes Engagement in dieser Frage.

Wie bereits gesagt, ist hier die Hauptschwierigkeit für viele, dass ein Adjektiv nach dessen und übrigens auch deren stark gebeugt wird. Wenn Sie einmal unsicher sind, wie es nach dessen oder deren weitergehen soll, lassen Sie dessen oder deren einfach weg, achten Sie sich nicht allzu sehr auf den Sinn des verbleibenden Satzes(!) und sehen Sie, wie das Adjektiv dann gebeugt würde. Das ist die zu wählende Form. Zum Beispiel:

Sie lebt mir ihrer Mutter und deren neuem Freund in H.
vgl. mit neuem Freund

ein alter Lastwagen, auf dessen kleiner Ladefläche vier Schafe standen
vgl. auf kleiner Ladefläche standen vier Schafe

Das ist nicht gut für die Firmen und deren Angestellte.
vgl. Das ist nicht gut für Angestellte

Die Bestrafung des Jungen war wegen dessen unerlaubter Online-Bestellung von Waren erfolgt.
vgl. wegen unerlaubter Online-Bestellung

Die Wörtchen deren und dessen machen es uns deshalb schwierig, weil sie auf –en enden und so wie ganz normale Artikelwörter aussehen. Sie sind aber unveränderlich und haben keinen Einfluss auf das ihnen folgende Adjektiv (vgl. hier). Häufig geht es trotzdem spontan gut. Und wenn Sie doch einmal nicht wissen, wie dessen und deren und deren nachfolgende Nachbarn behandelt werden sollten, kennen Sie nun einen kleinen Trick.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der manchmal divenhafte Genitiv: sich Vorbilder[n] bedienen?

Hin und wieder wird ja das Verschwinden des Genitivs beklagt. Dass er tatsächlich immer weniger verwendet wird, hat er zum Teil sich selbst zu verdanken. Er kann nämlich so wählerisch und anspruchsvoll sein, dass wir gezwungen sind, auf andere Formulierungen auszuweichen. Heute wieder einmal ein Beispiel des etwas divenhaften Verhaltens des Genitivs:

Frage

Vorbilder oder Vorbildern, mit oder ohne n?

Die Wissenschaftler bedienen sich Vorbilder der Natur.
Die Wissenschaftler bedienen sich Vorbildern der Natur.

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

eine einfache Antwort kann ich Ihnen hier leider nicht geben, denn keine der beiden Formulierungen ist standardsprachlich möglich.

Das Verb sich bedienen verlangt den Genitiv. Und hier entsteht das Problem: Eine Wortgruppe kann nämlich in der Regel nicht im Genitiv stehen, wenn sie nicht ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv enthält (Ausnahme: Eigennamen). Hier ein paar Beispiele, bei denen diese Bedingung nicht erfüllt ist:

nicht: der Verkauf Milchpulvers, der Verkauf Fahrräder
nicht: ein Glas Weins
nicht: mangels Beweise
nicht: die Einstellung des Mannes als Mitarbeiters
nicht: Sie enthielten sich Alkohols. Sie enthielten sich Kommentare.

Das ist auch in Ihrem Beispiel der Fall. Die Genitivform Vorbilder kann (u. a.*) deshalb nicht verwendet werden, weil sie nicht von einem Artikel oder Adjektiv begleitet wird.

nicht: Die Wissenschaftler bedienen sich Vorbilder der Natur.

In solchen Fällen wird u. a. auf den Dativ oder eine Formulierung mit von ausgewichen (z. B. mangels Beweisen; der Verkauf von Fahrrädern). Bei sich bedienen ist dies aber standardsprachlich nicht anerkannt. Deshalb sollten Sie auch die Dativform Vorbildern nicht verwenden.

nicht: Die Wissenschaftler bedienen sich Vorbildern der Natur.
nicht: Die Wissenschaftler bedienen sich von Vorbildern der Natur.

Die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist eine andere Formulierung zu wählen. Sie könnten ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv hinzufügen. Zum Beispiel:

Die Wissenschaftler bedienen sich einiger/verschiedener Vorbilder der Natur.

Sie können auch ein anderes Verb wählen. Zum Beispiel:

Die Wissenschaftler benutzen/verwenden Vorbilder der Natur.

Das Verb sich bedienen ist übrigens nicht das einzige, bei dem es zu solchen Problemen kommen kann. Hier noch zwei Beispiele:

nicht: Sie enthielten sich Kommentare.
aber z. B.:
Sie enthielten sich jeglicher Kommentare.
Sie verzichteten auf Kommentare.

nicht: Sie war Protests nicht mehr fähig.
aber z. B.:
Sie ist nicht mehr zu Protest fähig.

Insbesondere das zweite Beispiel zeigt, dass der Genitiv immer häufiger auch dann durch entsprechende andere Konstruktionen ersetzt wird, wenn er eigentlich stehen könnte. Das könnte ein Grund dafür sein, dass Verben mit Genitivobjekt immer seltener verwendet werden.

Sie war heftigen Protests nicht mehr fähig.
häufiger:
Sie war nicht mehr zu heftigem Protest fähig.

Entschuldigen Sie bitte, dass die Antwort so lang ausgefallen ist. Ich fand diesen Fall so interessant, dass ich mich einer detaillierteren Erklärung bedienen wollte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Eine weitere Bedingung, die erfüllt sein muss, damit eine Wortgruppe im Genitiv stehen kann, ist, dass mindestens ein Wort die Genitivendung [e]s oder er hat. Auch diese Bedingung erfüllt Vorbilder nicht.

 

Beim ersten Mal lesen/Lesen?

Frage

Muss „lesen“ in dem Satz „beim ersten Mal lesen“ groß- oder kleingeschrieben werden?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Beantwortung dieser Frage fällt mir schwer, weil der Satz zwar gut verständlich, streng genommen aber nicht korrekt formuliert ist. Ich halte die Formulierung beim ersten Mal lesen/Lesen nämlich für die Zusammenziehung zweier verschiedener Wendungen mit beim:

Man merkt es beim Lesen nicht.
Man merkt es beim ersten Mal nicht.

Diese beiden Formulierungen lassen sich eigentlich nicht zusammenziehen:

nicht: Man merkt es beim [beim] ersten Mal Lesen nicht.

Man kann in diesem Sinne nicht etwas beim ersten Mal lesen. Man kann etwas zum ersten Mal lesen oder etwas das erste Mal lesen. Entsprechend könnten Sie so formulieren:

Man merkt es beim Zum-ersten-Mal-Lesen nicht.
Man merkt es beim Das-erste-Mal-Lesen nicht.

Besser sind aber eindeutig Formulierungen wie diese:

Man merkt es nicht, wenn man es zum ersten Mal liest.
Man merkt es beim ersten Lesen/Durchlesen nicht.

Ebenfalls möglich wäre diese Formulierung, in der beim zweimal genannt wird. Für mich hat sie aber nicht ganz die gleiche Bedeutung:

Man merkt es beim ersten Mal beim Lesen nicht.

So weit, so gut. Wenn Sie nun trotzdem auf Ihrer Formulierung beharren, würde ich diese Schreibung vorschlagen:

Man merkt es beim ersten Mal Lesen nicht.

Man kann dann das substantivierte Lesen als eine nominale Apposition zu Mal sehen (bei welchem ersten Mal? – beim ersten Mal Lesen), ähnlich wie bei diesen umgangssprachlichen Formulierungen:

Beim ersten Mal Fieber brachte ich das Kind sofort zum Hausarzt.
Wir hatten am Anfang nie Streit, aber beim ersten Mal Kino ging’s los!

Andere Analysen sind nicht ausgeschlossen. Ich würde aber zumindest in formelleren Kontexten sowieso zu einer anderen Formulierung raten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aufforderndes »Sie« will wiederholt sein

Frage

Ich habe eine Frage zu folgendem Satz:

Rufen Sie uns an und wählen dafür 555333.

Muss hier die Anrede „Sie“ auch im Satz nach dem „und“ genannt werden oder handelt es sich bereits so um eine grammatikalisch korrekte Version?

Antwort

Sehrt geehrter Herr M.,

das „Sie“ der Höflichkeitsform fällt bei einer standardsprachlich formulierten mehrteiligen Aufforderung nicht weg, das heißt, es muss bei jedem Verb wiederholt werden (vgl. hier):

Rufen Sie uns an und wählen Sie dafür 555333.
Beruhigen Sie sich und kommen Sie mit!
Kommen Sie bitte herein, nehmen Sie Platz und fühlen Sie sich wie zu Hause.

In der Kürze liegt die Würze, unnötige Wiederholungen sind schwerfällig und im Zeitalter der Kurzmitteilungen zählt jedes Zeichen. Dennoch sollte, wie man sieht, in einer korrekten Formulierung nicht immer einfach alles weggelassen werden, was mehr als einmal genannt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Apposition und der Dativ

Es geht hier heute darum, dass bei nachgestellten näheren Bestimmungen häufig der Dativ anzutreffen ist, wo eigentlich ein anderer Fall stehen müsste.

Frage

Wie stehen Sie zu folgenden nicht kongruenten Dativ-Appositionen. Für mein Sprachgefühl klingen sie völlig korrekt, ja sogar besser als der formal korrekte kongruente Kasus:

Ich habe keine Entschuldigung für diese Niederlage, der höchsten seit 1984.
Wir bummelten über die Rue Saint Honoré, der ältesten Pariser Straße.
Ich sah in Richtung meines Chefs, dem größten Besserwisser überhaupt.

[…] Halten Sie bestimmte solcher Konstrukte für standardsprachlich? Oder ist das schlichtweg falsch?

Auf Ihrer Canoonet-Seite zu Appositionen wird nur der kongruente Kasus als korrekt bezeichnet. Mich würde auch interessieren, was Ihr persönliches Sprachgefühl zu den ersten beiden Beispielen sagt, unabhängig von formaler Korrektheit.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

standardsprachlich stehen Appositionen (Substantive als nähere Bestimmungen) je nach ihrer Form im gleichen Fall wie das Bezugswort oder im Nominativ. Vor allem in der Umgebung des Genitivs, aber auch an anderen Stellen kommt wie in Ihren Beispielen der Dativ häufiger vor. Diese Verwendung des Dativs ist standardsprachlich (noch?) nicht akzeptiert. Ihre Beispiele gelten also standardsprachlich als nicht korrekt, denn es müsste richtig heißen:

Ich habe keine Entschuldigung für diese Niederlage, die höchste seit 1984.
Wir bummeln über die Rue Saint Honoré, die älteste Pariser Straße.
Ich sah in Richtung meines Chefs, des größten Besserwissers überhaupt.

Vgl. die Angaben zur Übereinstimmung im Kasus auf dieser Seite (insbesondere auch die standardsprachlich nicht korrekten Beispiele im Dativ).

Appositionen werden schon seit Längerem in dieser allgemeinen Weise in den Dativ gesetzt. Heinrich Bauer erwähnt dieses Phänomen bereits 1832 in einer Fußnote seiner Grammatik der neuhochdeutschen Sprache*. Die Tendenz, den Dativ als den allgemeinen Kasus der Apposition zu verwenden, hat sich seither weiter verbreitet, und zwar so stark, dass sie häufig gar nicht mehr allen auffällt. Doch auch heute ist diese Verwendung des Dativs wie schon zu Bauers Zeiten standardsprachlich (noch) nicht akzeptiert.

Mein persönliches Sprachgefühl ist in diesem Bereich übrigens nicht mehr sehr aussagekräftig. Durch das Zusammenstellen der Grammatik und die Beantwortung von Fragen zu diesem Thema kenne ich die Regel bewusst. Ich bin deshalb nicht mehr in der Lage, in diesem Bereich, in dem eine gewisse Unsicherheit herrscht, „spontan“ zu formulieren und zu analysieren.** Wir haben es hier mit einem Phänomen zu tun, in der sich die Sprache in eine andere Richtung zu entwickeln scheint, als die Regeln es vorschreiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Bauer, H., 1832: Vollständige Grammatik der neuhochdeutschen Sprache. Bd. IV. Berlin 1832. S. 81.


** Vergleichen Sie es mit der persönlichen Beurteilung von wie in größer wie: Halten wir alle hier wie spontan für falsch, oder vermeiden wir es einfach nur deshalb, weil wir gelernt haben und wissen, dass es standardsprachlich nicht richtig ist? Es ist schwierig, diese Frage eindeutig zu beantworten.

2 cm Durchmesser große Kugeln?

Frage

Wie würden Sie in dem Satz „Den Teig in 2 cm Durchmesser große Kugeln formen“ Bindestriche setzen – wenn überhaupt?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

wenn ich diesen Satz so schreiben würde, dann wie oben ganz ohne Bindestriche. Wie „würde“ schon andeutet, folgt nun das Aber: Ich halte diese Formulierung für falsch oder zumindest für stilistisch fragwürdig.

Es ist nämlich nicht üblich, zu sagen, dass etwas 2 cm Durchmesser groß ist, ebenso wenig wie man von einem 20 m Höhe großen Turm, einem 5 mm Tiefe großen Loch oder einer 10 km Länge großen oder langen Strecke spricht. Der Vergleich hinkt natürlich, weil es für die Angabe von Höhe, Tiefe und Länge auch die Adjektive hoch, tief und lang gibt, während ein entsprechendes Adjektiv fehlt, wenn es um den Durchmesser geht. Dennoch sollten Sie Durchmesser nicht einfach vor groß setzen, sondern ähnlich formulieren, wie wenn man Höhe, Tiefe oder Länge verwendet. Zum Beispiel:

ein Turm mit einer Höhe von 20 m
ein Loch mit einer Tiefe von 5 mm
eine Strecke von 10 km Länge

Und mit Durchmesser:

Den Teig in Kugeln mit einem Durchmesser von 2 cm formen.
Den Teig in Kugeln von 2 cm im Durchmesser formen.
Den Teig in Kugeln von 2 cm Durchmesser formen.         .

In einem Rezept halte ich die Angabe Durchmesser übrigens gar nicht für notwendig. Es versteht sich von selbst, dass der Durchmesser gemeint sein muss und nicht etwa der Kugelradius oder der Kugelumfang. Sie könnten also auch einfach schreiben:

Den Teig in 2 cm große Kugeln formen.

Ich koche und backe regelmäßig und gern, und es würde mir beim Lesen eines Rezeptes gar nichts anderes in den Sinn kommen, als dass 2 cm große Kugeln einen Durchmesser von 2 cm haben sollten. Nicht immer ist absolute Präzision notwendig – auch nicht im Deutschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Als solchen, als solchem, als eines solchen

Frage

In einer deutschen Übersetzung stieß ich auf eine Formulierung, die mich stocken ließ:

Vielmehr geht es um die Parodie des Begriffs als solchem.

Zum Straucheln brachte mich nun der Dativ im Attribut nach „als“ gleich in doppelter Hinsicht. Zunächst musste ich genau deshalb kurz innehalten, zugleich aber scheint er bei mehrfacher Wiederholung eigentümlicherweise auch nicht gänzlich fehlgeleitet. Wie schätzten Sie diese Verwendung hier ein?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

standardsprachlich gilt der Dativ als solchem hier nicht als korrekt. Ganz „fehlgeleitet“ ist er aber nicht:

Im Prinzip steht die Wendung als solches im gleichen Kasus wie das Wort, auf das sie sich bezieht (und zwar als eigenständiges Neutrum oder mit dem gleichen Genus wie das Bezugswort):

der Begriff als solches/solcher
den Begriff als solches/solchen
dem Begriff als solchem/solchem

Was nun noch fehlt, ist der Genitiv. Der Genitiv wäre sächlich und männlich als solchen, aber er ist hier auch nicht die richtige Lösung.

Das Deutsche meidet nämlich Nomen- und Pronomengruppen im Genitiv, wenn sie

  • nicht mindestens ein konjugiertes Artikelwort oder Adjektiv enthalten und
  • nicht mindestens ein Element der Gruppe eine s- oder eine r-Endung hat.

Zum Beispiel:

nicht: der Konsum Alkohols
sondern: der Konsum von Alkohol
aber: der Konsum reinen Alkohols (vgl. hier)

nicht: wegen Regenfälle
sondern: wegen Regenfällen
aber: wegen heftiger Regenfälle (vgl. hier)

Die Dativform als solchem in der zitierten Textstelle ist also nicht völlig aus der Luft gegriffen. Wenn der Genitiv nicht passt, weichen wir gerne auf den Dativ aus. Wahrscheinlich deshalb klingt des Begriffs als solchem in Ihren Ohren gar nicht so falsch. Wie das Beispiel wegen Regenfällen oben zeigt, ist dieses Ausweichen auf den Dativ manchmal sogar standardsprachlich abgesegnet. In anderen Fällen, wie hier bei des Begriffs als solchem, gilt die Verwendung des Dativs aber standardsprachlich (noch?) nicht als korrekt.

Weil hier also nicht die Genitivform als solchen stehen kann, aber standardsprachlich auch nicht auf die Dativform als solchem ausgewichen werden darf, muss umformuliert werden. Am einfachsten geht dies so:

des Begriffs des Originals als eines solchen

Die als-Gruppe steht wie das Bezugswort im Genitiv und dank eines enthält die Genitivgruppe ein Artikelwort mit der Genitivendung es: Alles ist wieder in Ordnung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp