Infinitivgruppen: kein „zu“, kein Komma

Frage

Ich habe eine Kommafrage zu diesem Satz: „Den Kontakt zu unseren Kunden stärken, heißt …“ Steht vor „heißt“ ein Komma? […]

Antwort

Guten Tag Herr G.,

vor heißt steht hier kein Komma:

Den Kontakt zu unseren Kunden stärken heißt …

Das ist einer der wenigen Fälle, in denen eine Infinitivgruppe ohne zu steht (die Infinitivgruppe ist Subjekt des Satzes; siehe hier, ganz unten). Erweiterte Infinitive ohne zu gelten nicht als „nebensatzähnlich“ und werden wie gewöhnliche Satzglieder behandelt. Sie werden also nicht durch Kommas abgetrennt:

Dich verstehen ist nicht einfach.
Mit dem Finger auf Leute zeigen gilt als unhöflich.
Den ganzen Tag arbeiten macht hungrig.
Den Kontakt zu unseren Kunden steigern heißt noch besser auf ihre Wünsche eingehen.

Ich kann Ihnen hierzu keine konkrete Kommaregel nennen, weil die meisten Kommaregeln „nur“ angeben, wo man ein Komma setzen muss oder kann. Dieser Fall (erweiterter Infinitiv ohne zu) wird nicht ausdrücklich genannt. Daraus folgt, dass man kein Komma setzt.

Man kann diese Sätze auch mit zu formulieren. Dann gibt es Regeln, nämlich die Kommaregeln für die Infinitivgruppen (siehe hier für eine Übersicht). Diese Regeln sagen, dass man hier ein Komma setzen kann:

Dich zu verstehen(,) ist nicht immer einfach.
Mit dem Finger auf Leute zu zeigen(,) gilt als unhöflich.
Den ganzen Tag zu arbeiten(,) macht hungrig.
Den Kontakt zu unseren Kunden zu stärken(,) heißt(,) noch besser auf ihre Wünsche einzugehen.

Zusammenfassend kann man sagen:

ohne Komma:
Die Kommaregeln verstehen ist nicht immer einfach.

mit fakultativem Komma:
Die Kommaregeln zu verstehen ist nicht immer einfach.
Die Kommaregeln zu verstehen, ist nicht immer einfach.

Dem habe ich vorerst nichts hinzuzufügen.

— Nachtrag —

Es gibt doch noch etwas hinzuzufügen: Wenn die Infinitivgruppe mit zu im übergeordneten Satz durch ein Verweisword wieder aufgenommen wird, ist das Komma obligatorisch (siehe hier unter Punkt c). Der folgende Fall fehlt also oben noch:

mit obligatorischem Komma:
Die Kommaregeln zu verstehen, das ist nicht immer einfach.

— —

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum das dass das das tötet …

Heute geht es um die Frage, warum das dass das das tötet und warum das orthografisch nicht korrekt ist:

Frage

Könnten Sie mir sagen, ob Kommas in diesem Satz fehlen, und falls ja, wo?

Antwort

Guten Tag Herr V.,

man muss bei diesem bekannten Spruch genau hinsehen, bis man seine Struktur erkennt. Dann sieht man aber, dass die Kommas richtig gesetzt sind. Der Gesamtsatz fängt mit einem dass-Satz an:

Dass das X mit Y verwechselt wird, …

Dann kommt der Hauptsatz:

… führt irgendwann dazu, …

gefolgt von zwei weiteren, durch und verbundenen gleichrangigen dass-Sätzen:

… dass das X das nicht mehr erträgt und dass das X das Y dann tötet

Dabei steht X für dass und Y für das. Wenn man nun alles zusammensetzt, erhält man diesen Satz:

Dass das X mit Y verwechselt wird, führt irgendwann dazu, dass das X das nicht mehr erträgt und dass das X das Y dann tötet

Und wenn man X und Y wieder ersetzt:

Dass das dass mit das verwechselt wird, führt irgendwann dazu, dass das dass das nicht mehr erträgt und dass das dass das das dann tötet.

Ein amüsantes Wortspiel. Doch nun kommt der pingelige Spielverderber: Die Kommas sind zwar richtig gesetzt, aber bei der Groß- und Kleinschreibung hapert es. Wo oben der bestimmte Artikel das vor dass und das steht, handelt es sich eigentlich um Substantivierungen, die großgeschrieben werden müssen. Nach den Rechtschreibregeln ganz richtig wäre also:

Dass das Dass mit das verwechselt wird, führt irgendwann dazu, dass das Dass das nicht mehr erträgt und dass das Dass das Das dann tötet.

So wäre es orthografisch korrekt, aber so viel Korrektheit ist leider auch witztötend.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Diese 1,5 Millonen monatliche(n) Nutzer

Frage

Ich hätte eine Frage zur Deklination nach Maßangaben an Sie. Sollte im folgenden Beispiel das Adjektiv „monatliche“ stark oder schwach dekliniert werden (auf den partitiven Genitiv soll verzichtet werden)?

Ein Jahr nach der Neugestaltung weist das Portal immer noch genau diese 1,5 Millionen monatliche(n) Nutzer aus.

Antwort

Guten Tag Frau F.,

nach Million als Mengenangabe steht wie nach Pfund, Tonne oder Gruppe der Genitiv oder eine Apposition mit Kasusangleichung (vgl. hier und hier):

1,5 Millionen monatlicher Nutzer
1,5 Millionen monatliche Nutzer

Da Sie den Genitiv ausschließen, bleibt die Apposition. Das bedeutet, dass das Adjektiv stark gebeugt wird:

1,5 Millionen monatliche Nutzer
diese 1,5 Millionen monatliche Nutzer
vgl. diese zwei Gruppen monatliche Nutzer

Nun ist aber Million keine gewöhnliche Mengenangabe. Das Wort erfüllt auch die Aufgabe einer Kardinalzahl (nach 999 999 geht es ja mit eine Million weiter) und als solche wird es manchmal auch behandelt. Ohne ein Artikelwort merkt man nichts davon, denn ein Adjektiv wird dann auch stark gebeugt:

150 000 monatliche Nutzer
1,5 Millionen monatliche Nutzer

Wenn aber ein gebeugtes Artikelwort vor die Kardinalzahl gestellt wird, ändert sich die Beugung des nachfolgenden Adjektivs. Man verwendet dann die schwache Endung:

diese 150 000 monatlichen Nutzer
diese 1,5 Millionen monatlichen Nutzer

Da ich in keiner mir zur Verfügung stehenden Grammatik Angaben zu diesem nicht allzu häufig vorkommenden Fall finden konnte, das Internet beide Formulierungen ausweist und für mich beide Formulierungen akzeptabel klingen, kann ich Ihnen nur sagen, dass m. M. n. beides möglich ist. Man kann Million hier als Mengenangabe verwenden:

Ein Jahr nach der Neugestaltung weist das Portal immer noch genau diese 1,5 Millionen monatliche Nutzer aus.
Ein Jahr nach der Neugestaltung weist das Portal immer noch genau diese Gruppe monatliche Nutzer aus.

aber auch wie eine Kardinalzahl:

Ein Jahr nach der Neugestaltung weist das Portal immer noch genau diese 1,5 Millionen monatlichen Nutzer aus.
Ein Jahr nach der Neugestaltung weist das Portal immer noch genau diese 150 000 monatlichen Nutzer aus.

Das liegt daran, dass Million einerseites wie Pfund oder Gruppe eine substantivische Mengenangabe ist, andererseits aber wie hundert oder tausend die Funktion einer Kardinalzahl hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Wer zweifelt, nimmt einfach den Genitiv: diese 1,5 Millionen monatlicher Nutzer.

Ein Schwimmbecken zum Längenschwimmen

Die Frage nach der Schreibung von substantivierten Infinitiven und Infinitivgruppen taucht immer wieder auf. Insbesondere nach zum und beim scheint es – den eingehenden Fragen nach zu urteilen – häufig zu Unsicherheiten zu kommen. Deshalb heute wieder einmal dieses Thema:

Frage

Ich weiß, dass nach der Präposition „zum“ das Verb substantiviert wird. Wie sieht die Schreibung in dieser Konstellation aus: zum + Substantiv + Verb?

Heißt es „ein Schwimmbecken zum Längen schwimmen“ oder „zum Längenschwimmen“? Verhält es sich also wie bei „zum Fahrradfahren“? Eigentlich schon, oder?

Antwort

Guten Tag Frau F.,

der Schwimmsport und der Radsport sind nicht ganz dasselbe, aber beim Längenschwimmen verhält es sich genau gleich wie beim Fahrradfahren, zumindest was die Rechtschreibung angeht: Man schreibt beides zusammen und mit einem großen Anfangsbuchstaben.

Man trifft insbesondere nach zum und beim häufig andere Schreibweisen an, aber nach der Rechtschreibregelung werden substantivierte Infinitivgruppen zusammengeschrieben, wenn sie aus nur zwei Teilen bestehen. Dabei muss man sich übrigens häufig unerbittlich über die Vorschläge der Rechtschreibprüfung hinwegsetzen!

nicht:
*beim Längen schwimmen
*beim Längen Schwimmen

besser nicht:
beim Längen-Schwimmen

sondern:
beim Längenschwimmen

Und weil es so schön einfach ist, hier noch ein paar Beispiele:

beim Kaffeetrinken
zum Ostereierverstecken
zum Bäumeausreißen
beim Promisgoogeln

Das gilt übrigens nicht nur, wenn wie oben ein Substantiv vom Infinitiv abhängig ist, sondern auch bei Verbindungen mit anderen Wortarten:

etwas zum Selbermachen
kein Grund zum Sichaufregen
beim Schnellfahren erwischt werden
beim Nichtbeachten der Vorfahrt

Siehe auch hier und hier.

Wie einige der oben stehenden Beispiele und die nachfolgende Wortschöpfung zeigen, ist es häufig besser, auf das Infinitivgruppensubstantivieren zu verzichten. Hier hilft stilistisch auch kein Bindestrich mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wurde die Kirche zu bauen begonnen? (II)

Es ist vielleicht einigen von Ihnen aufgefallen, dass hier gestern schon einmal ein Artikel zu diesem Thema stand. Durch die Bemerkung eines aufmerksamen Besuchers habe ich feststellen müssen, dass ich mich bei der ersten Beantwortung der Frage richtig klassisch verrannt hatte. Um Ihnen eine allzu lange und komplexe Richtigstellung zu ersparen, habe ich den Artikel zurückgezogen und stelle ich hier den zweiten Antwortversuch vor. Es geht um eine außergewöhnliche Konstruktion, die manchmal „langes Passiv“ genannt wird.

Frage

Könnten Sie mir bitte bestätigen, dass folgender Satz falsch ist:

Das Besondere an diesem Ort ist, dass die Kirche 1143 zu bauen begonnen wurde und es dann nur wenige Veränderungen gab

Es geht um den Satzteil „zu bauen begonnen wurde“. Grammatikalisch richtig, aber stilistisch äußerst unschön wäre meiner Meinung nach: „dass die Kirche 1143 gebaut zu werden begann […]“. Liege ich richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

der zitierte Satz ist außergewöhnlich und die Stellung der Jahrseszahl sorgt bei mir für Verwirrung, aber er ist nicht falsch. Betrachten wir den Satz zuerst einmal ohne diese Jahreszahl. Wir haben es dann mit einem unpersönlichen Passivsatz zu tun:

dass die Kirche zu bauen begonnen wurde

Das ist eine ungewöhnliche Konstruktion. Wie kommt sie zustande und was ist das Ungewöhnliche an ihr? Ich versuche dies anhand von drei Beispielsätzen zu zeigen. Beginnen wir im Aktiv:

Man begann die Kirche zu bauen
Man begann den Turm zu bauen
Man versuchte den Wagen zu reparieren (das klassische Beispiel bei diesem Thema)

Diese Sätze werden nun ins Passiv gesetzt:

Es wurde begonnen, die Kirche zu bauen
Es wurde begonnen, den Turm zu bauen
Es wurde versucht, den Wagen zu reparieren

und in einen Nebensatz umgeformt:

dass begonnen wurde, die Kirche zu bauen
dass begonnen wurde, den Turm zu bauen
weil versucht wurde, den Wagen zu reparieren

Bei den Verben versuchen, beginnen, vergessen, beabsichtigen kann die Infinitivgruppe nicht nur am Schluss, sondern auch innerhalb einer solchen Satzklammer stehen (kohärente Konstruktion). Das sieht dann so aus:

dass die Kirche zu bauen begonnen wurde
dass der Turm zu bauen begonnen wurde
weil der Wagen zu reparieren versucht wurde

Der aufmerksamen Betrachterin fällt hier auf, dass Turm, Wagen und analog auch Kirche nicht mehr im Akkusativ, sondern im Nominativ stehen. Diese Konstruktion wird auch „langes Passiv“ genannt. Durch die Integration der Infinitivgruppe in den übergeordneten Satz entsteht am Satzende eine Verbgruppe, die als eine Einheit angesehen wird: zu bauen begonnen wurde resp. zu reparieren versucht wurde. Das Akkusativobjekt der Infinitivgruppe wird zum Subjekt des übergeordneten Verbs uminterpretiert und steht dann im Nominativ. So kann es geschehen, dass den Turm zu der Turm wird:

dass begonnen wurde, den Turm zu bauen
dass der Turm zu bauen begonnen wurde
(nicht: dass den Turm zu bauen begonnen wurde?)

Das ist zwar rein logisch gesehen fragwürdig, aber die Sprache funktioniert nicht immer nach den Regeln der Logik. Hier noch zwei Beispiele:

weil das Fenster zu schließen vergessen wurde
Alle Produkte, die unfachmännisch zu reparieren versucht wurden …

Der langen Erklärung kurzer Sinn: Die Formulierung dass die Kirche zu bauen begonnen wurde ist zwar eine außergewöhnliche Konstruktion, sie ist aber im Deutschen so akzeptiert.

Kommen wir zu guter Letzt zur Stellung der Jahreszahl:

dass die Kirche 1143 zu bauen begonnen wurde

Wenn man den Infinitivsatz einfach wieder auslagert, erhält man diesen Satz:

dass begonnen wurde, die Kirche 1143 zu bauen

Das würde heißen, dass die Kirche im Jahr 1143 gebaut wurde. Große Bauprojekte dauerten damals (und auch heute noch!) um einiges länger. Deshalb ist der Satz für mich recht verwirrend, wenn ich ihn zu analysieren versuche. Gemeint ist:

dass 1143 begonnen wurde, die Kirche zu bauen

Die Jahreszahl gehört nicht zur Infinitivgruppe (mit bauen), sondern zum übergeordneten Satz (mit beginnen). Es müsste also eigentlich heißen:

dass 1143 die Kirche zu bauen begonnen wurde

Da nun aber die Kirche, wie wir oben gesehen haben, nicht mehr Akkusativobjekt, sondern Subjekt ist und das Subjekt eine starke Tendenz hat, an erster Stelle zu stehen, kann die Jahreszahl doch hinter Kirche in den (ursprünglichen) Infinitivsatz hineinrutschen:

Das Besondere an diesem Ort ist, dass die Kirche 1143 zu bauen begonnen wurde und es dann nur wenige Veränderungen gab

Nachdem ich nun den Satz auseinandergenommen und seine Konstruktion verteidigt habe, möchte ich doch dafür plädieren, solche Formulierungen mit Maßen zu verwenden. Es gibt einfachere und elegantere (und mich weniger in Verwirrung bringende) Arten, dasselbe auszudrücken. Zum Beispiel:

dass der Bau der Kirche 1143 begann
dass 1143 mit dem Bau der Kirche begonnen wurde

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Walpershofen und die Walpershof(en)er

Walpershofener wie Aachener oder Walpershofer wie Bremer, das ist heute die Frage:

Frage

Wie heißen die Bürger von Walpershofen, Walpershofer oder Walpershofener?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

bei Ortsnamen, die wie Walpershofen auf ein unbetontes en enden, kann das en wegfallen oder stehen bleiben, wenn ein er angehängt wird. Beides ist nach den Wortbildungsregeln des Deutschen richtig. Welche Variante die „richtige“ ist, entscheidet vor allem der heutige (Standard-)Sprachgebrauch in der betreffenden Ortschaft und deren Umgebung. Ein paar Beispiele mit und ohne Wegfall von en:

Bremer, Erlanger, Saarbrücker, Sankt-Galler (in Deutschland auch: Sankt-Gallener)
Aachener, Baden-Badener, Essener, Gießener

Eine feste Regel für die Bildung der Einwohnernamen auf er und der gleichlautenden Adjektive gibt es hier also nicht.

Wie ist es nun bei Walpershofen? Ein kurzer Blick ins Internet zeigt, dass vor allem die Variante ohne en üblich ist. Man findet unter anderem Artikel zum Walpershofer Weihnachtsmarkt und sieht, dass in den umliegenden Orten einige Straßen, die nach Walpershofen führen, Walpershofer Straße heißen. Die Einwohner und Einwohnerinnen von Walpershofen heißen also üblicherweise Walpershofer und Walpershoferinnen. Wenn man sie Walpershofener und Walpershofenerinnen nennt, liegt man zwar nicht grundsätzlich falsch, aber man „outet“ sich wahrscheinlich als ortsfremd.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Da auch ich ortsfremd bin – ich war noch nie auch nur in der Nähe von Walpershofen, einem Ort im Saarland – beruht meine Schlussfolgerung rein auf dem, was das Internet dazu hergibt. Falls zufällig jemand der knapp zweitausend Einwohner und Einwohnerinnen von Walpershofen oder sonst eine ortskundige Person diesen Artikel liest: Bestätigung oder Widerspruch sind willkommen!

Ein kleines a für alle

Wie das Jahr im Blog zu Ende ging, so fängt es auch wieder an: mit der Groß- und Kleinschreibung. Wenn Sie allen alles Gute für das Jahr 2018 gewünscht und dabei nur kleine a verwendet haben, haben Sie alles richtig geschrieben. Das Wörtchen all… schreibt man immer klein, das heißt auch dann, wenn es allein steht.

Frage

Heißt es „Museum für Alle“ oder „Museum für alle“? Es gibt zahlreiche ähnliche Bildungen wie „Schule für a/Alle“ oder „Design für a/Alle“ oder „Urlaub für a/Alle“, häufig in einem Kontext, in dem gemeint ist, dass auch behinderte Menschen gemeint sind. Im Internet finde ich auch auf sprachbewussten Seiten beide Schreibweisen, mitunter auch gemischt. […] Daher meine Frage, wie schreibt man es und warum? Spielt es eine Rolle, ob es wie ein Eigenname gebraucht wird?

Antwort

Guten Tag Herr W.,

Pronomen schreibt man auch dann klein, wenn sie alleine stellvertretend für ein Substantiv stehen. Das gilt auch dann, wenn es sich um Personen handelt:

ein Museum für alle
der Kampf von allen gegen alle
Urlaub für alle/jeden/beide/manche/niemanden/keinen

Siehe auch hier, hier und hier.

Am Satzanfang schreibt man natürlich auch diese Wörter groß. Sonst ist die Großschreibung nur dann gerechtfertigt, wenn das Pronomen Teil eines Eigennamens ist. Hier ein paar frei erfundene Beispiele (ich konnte kein Museum mit diesem Namen finden, habe aber auch nicht allzu intensiv gesucht):

Der Name des Museums ist „Museum für Alle“
Eine Ausstellung im Museum für Alle an der Lindenallee
Ich schicke mein Kind in die Schule für Alle in Hausheim

Wenn es sich im ein Museum, eine Schule oder ein Design handelt, das allen zugänglich sein sollte, schreiben Sie also Museum für alle, Schule für alle und Design für alle; so auch die im vergangenen Jahr viel erwähnte Ehe für alle.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein gutes neues/Neues Jahr

Am Ende des letzten Arbeitstages dieses Jahres wünsche ich Ihnen ein gutes neues Jahr – und dies nicht, ohne an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass man nun auch nach der amtlichen Rechtschreibregelung (§ 63 E4, Version 2017) »ein gutes Neues Jahr« schreiben kann.

Ob groß oder klein: Es möge für alle ein gutes Jahr werden!

Dr. Bopp

Das Gegenwartsdeutsch und das Gegenwartsdeutsche

Kurz vor Weihnachten wiederhole ich wieder einmal einen Wunsch: Bitte achten Sie darauf, dass Sie Ihre E-Mail-Adresse richtig eingeben! Nur so kann ich Ihnen auch antworten. Wenn Sie im vergangenen Jahr keine Antwort von mir erhalten haben, ist es nicht unwahrscheinlich, dass ich Ihnen schlicht nicht antworten konnte. Da aber auch ich nicht unfehlbar bin, kann es auch sein, dass ich die eine oder andere Mail versehentlich habe untergehen lassen. Für diesen Fall bitte ich Sie natürlich um Entschuldigung.

Hier die Antwort an Herrn A., dem ich nicht antworten konnte, weil die E-Mail-Adresse nicht stimmte. Als speziellen Weihnachtsservice veröffentliche ich seine Frage hier und hoffe, dass er sie auch liest.

Frage

Werden Substantive wie „Hochdeutsch“ und „Gegenwartsdeutsch“ wie Adjektive dekliniert? Muss es richtig heißen „im Gegenwartsdeutsch“ oder „im Gegenwartsdeutschen“?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

beides kommt vor. Sprachbezeichnungen werden häufig endungslos verwendet, wenn es um eine bestimmte, näher gekennzeichnete Art der Sprache geht:

ein gepflegtes Hochdeutsch
im alltäglichen Gegenwartsdeutsch
das Französisch des 15. Jahrhunderts
Mein Italienisch ist ein bisschen eingerostet.

Sprachbezeichnungen werden meist mit Adjektivendung verwendet, wenn die Sprache im Allgemeinen gemeint ist, insbesondere im Gegensatz zu anderen Sprachen oder Sprachvarianten:

das Hochdeutsche im Vergleich zum Niederdeutschen
der Kasusverfall im Gegenwartsdeutschen
aus dem Französischen ins Italienische übersetzen

Vgl. hier. Das ist aber keine in Stein gemeißelte Regel. Die Trennung wird nicht immer streng in dieser Weise eingehalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


Ich wünsche Ihnen allen schöne und geruhsame Weihnachtstage!


 

Versucht euch aber nicht zu sorgen – Komma?

Frage

Im Rahmen meiner textlichen Arbeiten bin ich auf eine Frage im Zusammenhang mit der Kommasetzung im erweiterten Infinitiv gestoßen […]. Es geht um den 2. Satz in der Passage:

Jedes Wort, das ihr lest, wird eine Bedeutung haben, und ihr werdet es verstehen. Versucht euch aber, deswegen nicht zu sehr zu sorgen.

Man erklärte mir, das Komma vor „deswegen“ sei nicht richtig und es müsse heißen: „Versucht aber, euch deswegen nicht zu sehr zu sorgen.“ Nach meiner Auffassung sind beide Formulierungen richtig, denn ich konnte bisher keine Regel finden, die vorschreibt, welche Worte oder Satzbestandteile zu einem erweiterten Infinitiv gehören oder gehören müssen.

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

die Stellung von aber ist etwas ungewöhnlich, aber möglich. Ihr Satz ist dann allerdings nur ohne Kommas korrekt:

Versucht euch aber deswegen nicht zu sehr zu sorgen

Es ist gar nicht so einfach, zu erklären, weshalb dies so ist. In gewissen Fällen muss man Infinitivgruppen durch Kommas abtrennen. Ihr Satz ist nicht so ein Fall. Sonst kann man Infinitivgruppen durch Kommas abtrennen, um die Struktur des Satzes zu verdeutlichen. Vgl. hier. Dass dies bei Ihrem Satz trotzdem nicht möglich ist, liegt daran, dass die Infinitivgruppe und der übergeordnete Satz miteinander verschränkt sind.

Übergeordneter Satz: Versucht aber
Infinitivgruppe: euch deswegen nicht zu sehr zu sorgen

Als ein Art Probe könnte gelten:

Versucht aber was zu tun? – euch deswegen nicht zu sehr zu sorgen

nicht: Versucht was zu tun? – *euch aber deswegen nicht zu sehr zu sorgen

Das aber gehört nicht zur Infinitivgruppe, sondern zum übergeordneten Satz. Bei „unverschränkter“ Formulierung kann man ein Komma setzen:

Versucht aber(,) euch deswegen nicht zu sehr zu sorgen

In Ihrem Satz ist das zur Infinitivgruppe gehörende euch in den übergeordneten Satz Versucht aber eingeschoben. Bei dieser „verschränkten“ Formulierung wird kein Komma gesetzt:

Versucht euch aber deswegen nicht zu sehr zu sorgen

Weitere Beispiele:

Versucht bitte(,) euch keine Sorgen zu machen!
„unverschränkt“,  Komma möglich
Versucht euch bitte keine Sorgen zu machen!
„verschränkt“, kein Komma

Sie haben versprochen(,) das Fahrrad zu reparieren
„unverschränkt“, Komma möglich
Sie haben das Fahrrad zu reparieren versprochen
„verschränkt“ – kein Komma

Ich habe versucht(,) es deutlich zu erklären / Ich habe es deutlich zu erklären versucht. Die Antwort ist etwas lang geraten. Ich hoffe aber(,) Sie nicht zu sehr gelangweilt zu haben / Ich hoffe Sie aber nicht zu sehr gelangweilt zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp