Die bekannte(,) leidige Frage nach dem Komma zwischen Adjektiven

Frage

Es geht um die Kommasetzung zwischen Adjektiven. Mit der folgenden Faustregel komme ich nicht klar. Wenn man ein „und“ zwischen die Adjektive setzen kann, steht ein Komma: „ein leichter, herber Rotwein“. Wenn das zweite Adjektiv mehr zum Substantiv gehört, steht kein Komma: „ein bekannter spanischer Autor“. Es gibt ja so viele Zweifelsfälle, und ich habe das Gefühl, dass es keiner mehr richtig weiß, abgesehen von den klaren Fällen. Hier noch einige Beispiele:

eine kleine vogelhafte Frau
ein zierlicher kleiner Kopf
ein alter rundlicher Kahn
ein großer runder Raum
ein riesiger halbmondförmiger Eichentisch
ein feiner halbkreisförmiger Schnitt

Antwort

Guten Tag Frau M,

Sie gehen offenbar etwas zu stark davon aus, dass es bei der Kommasetzung zwischen zwei Adjektiven immer nur eine richtige Lösung gibt. Das ist nicht so. Häufig sind beide Schreibungen vertretbar. Aus diesem Grund gibt es so viele Zweifel und keine eindeutige Regel. Auch ich halte die Faustregel mit „und“, die Sie zitieren, häufig nicht für allzu nützlich. Ich empfehle Ihnen deshalb ein einfache Faustregel, die mir am besten hilft: die Betonung.

Wenn in der gesprochenen Sprache eine deutliche Pause gemacht wird, setzt man ein Komma. Hört man zwischen den beiden Adjektiven keine Pause, wird auch kein Komma gesetzt:

a) ein anderes, umweltfreundliches Verfahren
(statt eines nicht umweltfreundlichen Verfahrens)

b) ein anderes umweltfreundliches Verfahren
(ein weiteres umweltfreundliches Verfahren)

Hier gibt es einen Bedeutungsunterschied, den man in der gesprochenen Sprache mit Hilfe einer deutlich hörbaren Pause ausdrückt. Diese Pause entspricht in der geschriebenen Sprache einem Komma:

Wenn wie in a) eine Pause gemacht werden muss, muss ein Komma stehen. Wenn wie in b) keine Pause gemacht werden darf, darf kein Komma stehen. (Vgl. hier)

Und nun kommt das, was immer wieder für Unsicherheit sorgt: In vielen Fällen ist beides möglich. Manchmal ist es vom Kontext abhängig, ob man ein Komma schreibt oder nicht:

c) Ich mag keine schweren, süßen Weine. Ich will einen leichten, herben Rotwein.
(mit Pause gesprochen = der Rotwein soll leicht und herb sein)

d) Ich will keinen schweren, sondern einen leichten herben Rotwein.
(ohne Pause gesprochen = der herbe Rotwein soll leicht sein)

Häufig ist sogar ohne wesentlichen Bedeutungsunterschied beides möglich:

e) eine kleine, vogelhafte Frau
(mit Pause gesprochen = eine Frau, die klein und vogelhaft ist)

f) eine kleine vogelhafte Frau
(ohne Pause gesprochen = eine vogelhafte Frau, die klein ist)

Zwischen e) und f) gibt es keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied. Sie können schreiben, wie Sie betonen würden. Wenn beide Betonungen möglich sind, sind auch beide Schreibungen (mit und ohne Komma) richtig.

Fragen Sie sich also jedes Mal, wenn Sie zweifeln, ob Sie für die richtige Bedeutung eine Pause machen müssen. Wenn die Antwort ja lautet, setzen Sie ein Komma (Beispiele a und c). Wenn Sie für die Bedeutung keine Pause machen dürfen, setzen Sie kein Komma (Beispiele b und d). Ist eine Formulierung mit und ohne Pause richtig, kann sie auch mit und ohne Komma geschrieben werden (Beispiele e und f). Sie wählen dann einfach, was Ihnen „natürlicher“ erscheint.

Alle Beispiele in Ihrer Frage können im Prinzip mit und ohne Komma geschrieben werden, weil mit und ohne Pause gesprochen werden kann.

Zusammenfassend zum Komma zwischen zwei aufeinanderfolgenden Adjektiven:

  • Pause obligatorisch = Komma obligatorisch
  • Pause nicht möglich = kein Komma
  • Pause möglich = Komma möglich

Ich hoffe, dass die bekannte leidige Frage oder eben die bekannte, leidige Frage nach dem Komma zwischen aufeinanderfolgenden Adjektiven nun für etwas weniger Unsicherheit sorgt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Man selbst sein und sich selbst sein

Frage

Mein Kollege im Korrektorat hat den Satz „Man kann sich selbst sein“ in „Man kann man selbst sein“ korrigiert. Meiner Meinung nach ist das falsch. Ich glaube nicht, dass „man“ die Funktion eines Reflexivpronomens übernehmen kann.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

die Formulierung Ihres Kollegen ist nicht falsch. Die standardsprachlich korrekte Formulierung ist tatsächlich:

Man kann man selbst sein.

Hier steht nicht das Reflexivpronomen, sondern ein Personalpronomen oder im Fall von man ein unbestimmtes Pronomen im Nominativ. Wir haben es nämlich mit einer Konstruktion zu tun, in der das Verb sein zwei Nominative, das Subjekt und ein Prädikativ, miteinander verbindet:

Wer kann wer oder was sein?

Das Problem: Ein Reflexivpronomen im Nominativ gibt es nicht (vgl. hier).

Standardsprachlich steht hier deshalb zweimal das Personalpronomen:

Wer bin ich? – Ich bin ich selbst.
Wer willst du sein? – Du willst du selbst sein.
Wer kann sie sein? – Sie kann sie selbst sein.
Wer dürfen wir sein? – Wir dürfen wir selbst sein.

Das gilt auch für das unbestimmte man:

Wer kann man sein? – Man kann man selbst sein.

Soweit die grammatisch korrekte Version in der Standardsprache. Wahrscheinliche Reaktionen sind nun zustimmendes „Ja, natürlich“ oder zweifelndes „Wirklich?“.

Mehr oder weniger umgangssprachlich verwendet man in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz bei dieser Wendung nämlich häufig „trotzdem“ das Reflexivpronomen:

Ich kann mich selber sein.
Er kann sich selbst sein
Man kann sich selber sein.

Auch wenn sie anderswo mit viel Skepsis empfangen wird, kommt diese „falsche“ Formulierung im südlichen deutschen Sprachraum vermutlich mindestens so häufig vor wie die korrekte. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass sie in Ihren Ohren gar nicht falsch klingt. Wenn in einem Text eher Umgangssprachliches erlaubt ist, kann insbesondere im südlichen deutschen Sprachraum auch Man kann sich selbst sein stehen. In einem formellen, standardsprachlichen Text wählen Sie besser Man kann man selbst sein (oder noch besser eine andere Formulierung).

In der Wendung sich selbst sein wird das Reflexivpronomen sich also auch im Nominativ verwendet. Das kann man nun sehr abwegig finden, aber wir verwenden sich problemlos auch im Dativ, obwohl es ursprünglich nur im Akkusativ vorkam (vgl. mit den Formen mich und dich). Was ist also „falscher“, das Personalpronomen ausnahmsweise auch einmal rückbezüglich zu verwenden oder das Reflexivpronomen ausnahmsweise auch einmal im Nominativ zuzulassen? In der Standardsprache gilt nur man selbst sein als richtig, „im Süden“ findet man (auch) sich selbst sein akzeptabel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

The Evanses’ house auf Deutsch

Frage

Eine englische Familie Evans hat ein Haus. Auf Englisch schreibt man:

the Evanses’ house

Wie lautet die deutsche Entsprechung?

das Haus von den Evans / der Evans
das Haus von den Evanses / der Evanses

Antwort

Guten Tag Herr T.,

zuerst stellt sich mir die Frage, ob man überhaupt so formulieren soll. Formulierungen wie

das Haus der Müllers
das Auto der Schmidts

oder mit einem s-Laut am Schluss

die Kinder der Schulz[ens]
der Hund der Weiß[ens]

kommen im Deutschen vor, sie sind aber in der heutigen Standardsprache nicht sehr üblich. Sie sind entweder eher umgangssprachlich oder passen auf einer gehobeneren Ebene zum Beispiel zu Namen von Dynastien u. Ä (die Hochzeiten der Windsors, das Gold der Romanovs).

Wenn Sie damit nicht einverstanden sind oder aus einem anderen Grund dennoch so formulieren wollen, kommt für den englischen Namen Evans am ehesten die endungslose Variante die Evans (statt die Evansens) in Frage:

das Haus der Evans

Als standardsprachlich übliche Entsprechung für the Evanses’ house würde ich aber diese Formulierung empfehlen:

das Haus der Familie Evans

Sie hat außerdem den Vorteil, dass sofort deutlich ist, wie der Familienname lautet, ohne dass man sich über das s am Schluss oder ungebräuchliche Endungen Gedanken machen muss.

Zuletzt möchte ich noch von der englischen Pluralbildung Evanses abraten. Es macht in der Schrift und erst recht im Ton einen überkorrekten oder etwas gezierten Eindruck, wenn man in einem deutschen Text einen englischen Familiennamen in dieser Weise beugt. Es ist aber nicht grundsätzlich falsch oder unmöglich, diese Formulierung zu verwenden:

das Haus der Evanses

Wie so häufig gibt es also mehr als nur eine Möglichkeit. Mein Favorit ist hier aber eindeutig: das Auto der Familie Müller, die Kinder des Ehepaars Schulz, der Hund der Familie Weiß und das Haus der Familie Evans.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Steht ein Komma vor »als etwas zu essen«?

Frage

Es geht um diesen Satz:

Sie hatte Schlaf noch mehr nötig,(??) als etwas zu essen.

Mir ist unklar, ob diese Infinitivkonstruktion mit Komma abgetrennt wird, weil mit „etwas zu essen“ ja eigentlich ein Substantiv gemeint ist, wenn man schreiben würde „als Essen“. Vergleichbar hier ein Satz aus dem Netz: „Eine Jause ist mehr als etwas zu essen.“

Antwort

Guten Tag Herr E.,

Sie zweifeln zu Recht, denn richtig ist die Schreibung ohne Komma:

Sie hatte Schlaf noch mehr nötig als etwas zu essen.

Das liegt daran, dass „etwas zu essen“ zwar wie eine Infinitivgruppe aussieht, hier aber  eine Pronomengruppe ist:

Infinitivgruppe:
etwas zu essen = dass man etwas isst
(engl. to eat something, frz. manger quelque chose)

Pronomengruppe
etwas zu essen = etwas, das man essen kann
(engl. something to eat, frz. quelque chose à manger)

Vor vergleichendem „als“ steht dann ein Komma, wenn es einen Nebensatz oder eine Infinitivgruppe einleitet (siehe hier und hier). In Ihrem Satz ist aber eine Pronomengruppe gemeint. Deshalb setzen Sie kein Komma:

Sie hatte Schlaf noch mehr nötig als etwas zu essen.
vgl. Sie hatte Schlaf noch mehr nötig als Essen.

Es gab nicht mehr als etwas zu trinken.
vgl. Es gab nicht mehr als ein Getränk.

Aber zum Beispiel:

Sie kann besser schlafen, als etwas zu essen.
vgl. Sie kann besser schlafen, als zu essen.

Sie konnten nichts anderes mehr tun, als etwas zu trinken.
vgl. Sie konnten nichts anderes mehr tun, als zu trinken.

Manchmal ist es gar nicht so einfach, den Unterschied zwischen Pronomengruppe und Infinitivgruppe festzulegen, weil beides möglich ist:

Eine Jause ist mehr als etwas zu essen  (vgl. mehr als nur Esswaren)
Eine Jause ist mehr, als etwas zu essen (vgl. mehr, als nur zu essen)

Ob mit oder ohne Komma: Hauptsache, es gibt etwas zu essen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Großes »Viertel« und kleines »viertel« in Uhrzeitangaben

Nach meinem Urlaub auf (vgl. hier) Gran Canaria kann ich sagen, dass diese Insel ein empfehlenswertes Reiseziel ist, egal ob Sie sich in großen Touristenzentren wohl fühlen oder ob Sie es wie ich lieber ländlich-ruhig haben. Ich bin also eigentlich entspannt und ausgeruht, aber um nicht gleich in rasendem Tempo loszulegen, nehme ich den Blogfaden mit einer Frage im Viertelstundenbereich wieder auf.

Frage

Mich beschäftigen immer wieder die Uhrzeitangaben mit „Viertel/viertel“ mit „um“ oder Artikel. Auch im Duden finde ich leider unterschiedliche Angaben, die für mich nicht zufriedenstellend sind. Ich füge einige Beispiele an:

es ist ein Viertel vor, nach eins
es ist Viertel vor, nach eins
wir treffen uns um viertel acht, um drei viertel acht
um viertel acht (Viertel nach sieben)

Antwort

Guten Tag Frau R.,

ganz einfach gesagt ist bei der Schreibung von Viertel/viertel in diesem Zusammenhang entscheidend, welches Viertelstundensystem Sie verwenden. Wie Ihnen vielleich bekannt ist, gibt es im deutschen Sprachgebiet zwei verschiedene Arten die Uhrzeiten x Uhr 15 und x Uhr 45 anzugeben.

Wenn man das „Viertel-vor-und-Viertel-nach-acht-System“ benutzt, schreibt man Viertel groß. Wenn man das „Viertel-und-drei-viertel-acht-System“ verwendet schreibt man viertel klein:

um 8 Uhr 15 = um Viertel nach acht / um viertel neun
um 8 Uhr 45 = um Viertel vor neun / um drei viertel neun

es ist 8 Uhr 15 = es ist Viertel nach acht / es ist viertel neun
um 8 Uhr 45 = es ist Viertel vor neun / es ist drei viertel neun

Siehe auch hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eingeleitete und integrierte wörtliche Wiedergabe

Frage

Es geht um folgende Satzkonstruktion:

Auf die Frage „War es schön?“ folgt ein muffliges „Kann sein“.

Ich würde die Satzzeichen (Doppelpunkt, Komma, Doppelpunkt) folgendermaßen ergänzen:

Auf die Frage: „War es schön?“, folgt ein muffliges: „Kann sein“.

Liege ich damit richtig?

Antwort

Bei eingeleiteten Zitaten mit Begleitsatz gelten die Regeln, die hier dargestellt werden. Weniger oft wird ein anderer Fall in den Rechtschreibbüchern dargestellt: Ein Zitat kann eng in den Satz integriert sein. Dann sieht die Zeichensetzung etwas einfacher aus (nämlich so).

Der Übergang zwischen „eingeleitet“ und „integriert“ ist allerdings fließend. Integrierte Zitate stehen häufig am Satzanfang oder im Satzinnern oder sie haben ein Artikelwort, ein Adjektiv oder ein Attribut bei sich. Am besten sieht man den Unterschied wahrscheinlich an konkreten Beispielen:

a) eingeleitet direkte Rede
b) integrierte direkte Rede

a) Sie hat gesagt: „Ich gehe nach Hause.“
b) Sie hat „Ich gehe nach Hause“ gesagt.

a) Er fragte: „Wer kommt mit?“, aber niemand antwortete.
b) Auf seine Frage „Wer kommt mit?“ antwortete niemand.

a) Das bekannte Sprichwort lautet: „Eile mit Weile“.
b) Das Sprichwort „Eile mit Weile“ ist sehr bekannt.

a) Nicht alle mögen diese Frage: „Woran denkst du?“
a) „Woran denkst du?“, wollte er schon wieder wissen.
b) „Woran denkst du?“ ist eine Frage, die nicht alle mögen.

a) Das Kind rief laut: „Ich esse das nicht!“
b) Laut klang das „Ich esse das nicht!“ des Kindes.
b) Laut klang sein „Das esse ich nicht!“.

Für Ihren Satz bedeutet dies, dass er ohne zusätzliche Doppelpunkte und ohne ein Komma auskommt:

a) Die Mutter fragte: „War es schön?“, und ich antwortete mufflig: „Kann sein.“
b) Auf die Frage „War es schön?“ folgte ein muffliges „Kann sein“.

Er war also so richtig geschrieben, wie Sie ihn zuerst angegeben haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die doppelte Menge wie sonst oder als sonst?

Frage

Muss es „die doppelte Menge wie sonst“ oder „die doppelte Menge als sonst“ heißen? Wenn ich paraphrasiere, ginge beides: „doppelt so viel wie sonst“ und (mit leicht geändertem Inhalt) „mehr als sonst“. Aber was ist korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

kein Wunder, dass Sie zweifeln, denn beides will nicht so recht passen:

Ich nehme die doppelte Menge wie sonst. [?]
Ich nehme die doppelte Menge als sonst. [?]

Manche entscheiden sich sogar für als wie, was in der Standardsprache ganz bestimmt nicht richtig ist:

*Ich nehme meist etwa die doppelte Menge als wie auf der Packung steht.

Die Unsicherheit kommt daher, dass es weder die doppelte Menge wie sonst noch die doppelte Menge als sonst heißt, sondern doppelt so viel wie sonst. So heißt es zum Beispiel auch nicht die dreifache Menge als/wie sonst, sondern dreimal so viel wie sonst. Sie sagen also viel besser:

Ich nehme doppelt so viel wie sonst.

Wenn man nicht auf das Wort Menge verzichten will, sind auch andere Formulierungen möglich, zum Beispiel:

Ich nehme das Doppelte der Menge, die ich sonst nehme.
Ich nehme das Doppelte der üblichen Menge.

Und weil es so schön ist, gleich noch ein paar Beispiele:

statt: *Für vier Personen nehmen Sie die doppelte Menge wie oben angegeben.
besser: Für vier Personen nehmen Sie doppelt so viel wie oben angegeben.
oder: Für vier Personen nehmen Sie das Doppelte der oben angegebenen Menge.

statt: *Wir haben diesmal die doppelte Summe wie beim letzten Mal bezahlt.
besser: Wir haben diesmal doppelt so viel wie beim letzten Mal bezahlt.
oder: Wir haben diesmal das Doppelte der Summe vom letzten Mal bezahlt.

statt: *Es gab mindestens die doppelte Anzahl Anmeldungen als verfügbare Plätze.
besser: Es gab mindestens doppelt so viele Anmeldungen wie verfügbare Plätze.
oder: Die Anzahl Anmeldungen war mindestens doppelt so hoch wie die der verfügbaren Plätze.

Und wenn Sie großer Fan des Karnevals, des Faschings und der Fas(t)nacht sind: Feiern Sie schön, aber trinken Sie nicht viel mehr als die doppelte Menge wie sonst – ähh – nicht viel mehr als doppelt so viel wie sonst. Ich erlaube mir diese onkelhaft ermahnenden Worte hier nur deshalb, weil echte Fans des Narrentreibens in dieser Zeit des Jahres ohnehin keine Zeit für Sprachblogs haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist es mehr als etwas zu essen oder ist es mehr, als etwas zu essen?

Falls Sie den Titel nicht gleich verstanden haben: Das ist so gewollt. Es geht nämlich um etwas zu essen und einen subtilen Unterschied, der sich auf die Kommasetzung auswirkt.

Frage

Es geht um den Satz:

Sie brauchte Schlaf wahrscheinlich noch mehr,(?) als etwas zu essen.

Mir ist unklar, ob diese Infinitivkonstruktion mit Komma abgetrennt wird, weil mit „etwas zu essen“ ja eigentlich ein Substantiv gemeint ist, wenn man schreiben würde „als Essen“. Vergleichbar hier ein Satz aus dem Netz: „Eine Jause ist mehr als etwas zu essen.“

Antwort

Guten Tag Herr E.,

die Frage lautet genau genommen nicht, ob die Infinitivgruppe etwas zu essen durch ein Komma abgetrennt werden muss. Sie lautet vielmehr, ob etwas zu essen in Ihrem Satz überhaupt eine Infinitivgruppe ist. Es kann nämlich a) eine Infinitivgruppe oder b) eine Pronomengruppe sein.

Man sollte bei Erklärungen für Phänomene der deutschen Sprache eigentlich nicht mit Übersetzungen arbeiten, aber hier macht ein Vergleich mit z. B. dem Englischen oder Französischen die Sache so schön deutlich (falls man – und das ist ein Problem bei Erklärung durch Übersetzung – diese Fremdsprachen genügend beherrscht). Deshalb füge ich im Folgenden ausnahmsweise einmal eine Übersetzung hinzu:

a) Infinitivgruppe
etwas zu essen = dass man etwas isst
eng. to eat something
frz. (de) manger quelque chose

b) Pronomengruppe (vgl. hier)
etwa zu essen = etwas, das man essen kann
eng. something to eat
frz. quelque chose à manger

Kommen wir nun zu Ihrem Satz und dem fraglichen Komma: Vor vergleichendem als steht nur dann ein Komma, wenn es einen Nebensatz oder eine Infinitivgruppe einleitet (siehe hier). In Ihrem Satz ist eine Pronomengruppe gemeint.** Deshalb sollten Sie hier kein Komma setzen:

Sie brauchte Schlaf wahrscheinlich noch mehr als etwas zu essen.
(… als etwas, das sie essen kann).

Und hier ein Beispiel, in dem etwas zu essen als Ganzes eine Infinitivgruppe ist und durch ein Komma abgetrennt werden muss:

Sie geht jetzt besser schlafen, als etwas zu essen.
(… als dass sie etwas isst)

In Ihrem zweiten Beispiel kann etwas zu essen einfach beides sein:

Pronomengruppe:
Eine Jause ist mehr als etwas zu essen.
(… mehr als etwas, das man Essen kann)

Infinitivgruppe:
Eine Jause ist mehr, als etwas zu essen.
(… mehr, als dass man etwas isst)

Hier ist der Unterschied nicht allzu groß. Manchmal ist es aber doch recht wichtig, ob man ein Komma setzt oder nicht:

Sie gingen ohne etwas zu essen weg. (= ohne Esswaren)
Sie gingen, ohne etwas zu essen, weg. (= ohne dass sie etwas gegessen hätten)

Bring mir etwas zu essen statt nur etwas zu trinken.
Bring mir etwas zu essen, statt nur etwas zu trinken.

Bei der Wendung etwas zu x-en muss man also manchmal entscheiden, ob es eine Pronomengruppe oder eine Infinitivgruppe ist, damit die Kommas auch richtig gesetzt werden. Zum Glück gehört das zu den kleinen kniffligen Hürden, die man im täglichen Schreibleben nicht sehr häufig nehmen muss.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Eine Infinitivgruppe kann nicht von bejahtem, uneingeschränktem brauchen abhängig sein, zum Beispiel nicht: *Sie brauchte den Apfel zu essen.

Die Meldepflicht der Berufskrankheiten und die Wahrscheinlichkeitsberechnung eines Meteoriteneinschlags

Frage

Laut Duden 9 „Kompositum“ ist es nicht korrekt, zu einer Zusammensetzung ein Genitivattribut zu stellen, das inhaltlich nur zum ersten Bestandteil der Zusammensetzung gehört. Also nicht: „Meldepflicht der Berufskrankheiten“, weil nicht die Berufskrankheiten die Pflicht zur Meldung haben; sie sollen gemeldet werden. Richtig heißt es: „die Pflicht zur Meldung von Berufskrankheiten“.

Ich frage mich, wie streng diese Regel auszulegen ist, z. B. bei Genitivattributen, die inhaltlich eher zum ersten Bestandteil gehören, etwa „Finanzierungsquelle der Behörden“.

Antwort

Guten Tag Frau N.,

Ein Genitivattribut darf sich tatsächlich nicht nur auf den ersten Teil einer Zusammensetzung beziehen. Ein Genitivattribut bezieht sich immer auf die ganze Zusammensetzung:

nicht: *Meldepflicht der Berufskrankheiten
sondern: Pflicht zur Meldung von Berufskrankheiten

Wie schon in Ihrer Frage gesagt: Die Berufskrankheiten haben nicht Plicht, etwas zu melden, sondern es geht darum, dass es eine Pflicht gibt, Berufskrankheiten zu melden.

nicht: *Wahrscheinlichkeitsberechnung eines Meteoriteneinschlags
sondern: Berechnung der Wahrscheinlichkeit eines Meteoriteneinschlags

Die Wahrscheinlichkeitsberechnung eines Meteoriteneinschlags ist nicht korrekt, weil sich das Genitivattribut eines Meteoriteneischlags nur auf Wahrscheinlichkeit bezieht (die Wahrscheinlichkeit eines Meteoriteneinschlags wird berechnet).

Wahrscheinlichkeitsberechungen des astronomischen Institutes (hinsichtlich eines Meteoriteneinschlags)

Die Wahrscheinlichkeitsberechung des astronomischen Institutes hingegen ist hier korrekt, denn das Genitivattribut des astronomischen Institutes bezieht sich auf die ganze Zusammensetzung Wahrscheinlichkeitsberechung (das astronomische Institut macht eine Wahrscheinlichkeitsberechnung).

Dieses Prinzip wird eigentlich immer eingehalten, es gibt aber Zweifelsfälle. Nehmen wir den ebenfalls im Duden genannten Finanzverwalter dieser Gesellschaft. Er ist der Verwalter der Finanzen der Gesellschaft. Das Genitivattribut bezieht sich so gesehen auf Finanzen, den ersten Teil der Zusammensetzung. Trotzdem ist diese Formulierung richtig: Da man auch sagen kann, dass der gute Mann Finanzverwalter bei dieser Gesellschaft ist, bezieht sich das Genitivattribut dieser Gesellschaft auch auf die ganze Zusammensetzung Finanzverwalter.

Kommen wir nun endlich zu Ihrem Zweifelsfall: Finanzierungsquellen der Behörden. Ob diese Formulierung akzeptabel ist, hängt davon ab, was genau gemeint ist.

nicht richtig: Finanzierungsquellen der Behörden = Quellen für die Finanzierung der Behörden
richtig: Finanzierungsquellen der Behörden = Quellen der Behörden für die (eigene) Finanzierung

Wenn die Regierung  Quellen für die Finanzierung der Behörden sucht, kann man nicht sagen:

Die Regierung sucht Finanzierungsquellen der Behörden.

Damit würde gesagt, dass die Regierung danach forscht, aus welchen Quellen sich die Behörden finanzieren. Wenn die Regierung sich aber Sorgen darüber macht, aus welchen Quellen die Behörden sich finanzieren, kann man sagen:

Die Regierung macht sich sorgen über die Finanzierungsquellen der Behörden.

Diese Formulierung ist wiederum nicht korrekt, wenn gemeint ist, dass sich die Regierung Sorgen macht, wie sie die Behören finanzieren soll …

Der Kontext ist also sehr wichtig bei der Beurteilung, ob in diesen Fällen ein Genitivattribut möglich ist oder nicht.

Ich hoffe, dass nun klarer geworden ist, warum der *Erklärungsversuch dieses Phänomens nicht richtig ist, der Erklärungsversuch des Sprachdoktors (zumindest diese Formulierung) hingegen schon.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenig, weniger, wenigerer

Wenn der Genitiv tatsächlich vom Untergang bedroht ist – man hört zwar in letzter Zeit nicht mehr so viel davon –, ist er auch ein bisschen selbst schuld daran, dass er weniger verwendet wird. Manchmal macht er uns nämlich das Sprachleben nicht einfacher, wie Herrn M.s Frage zur Form weniger zeigt:

Frage

Meist bleibt das Wort „wenig“ ungebeugt, obwohl man die Beugung eventuell auch anwenden könnte. Mit dem Wort „weniger“ verhält es sich da schon etwas anders, da dieses anscheinend immer ungebeugt bleibt:

Es erschienen immer weniger Menschen zu den Vorträgen.
Man kommuniziert mit deutlich weniger Personen.
Man kämpfte gegen weitaus weniger Richtlinien an.

[…] Problematisch verhält es sich meines Erachtens, wenn man hier den Genitiv anzuwenden versucht, da es ja „wenig“ von „weniger“ zu unterscheiden gilt:

Sie nimmt sich weniger Menschen an.
(Es sind wenige Menschen, deren sie sich annimmt.)

Man könnte ja dann – um den Unterschied deutlich zu machen – auch folgende Formulierung anwenden:

Sie nimmt sich wenigerer Menschen an, als es im Vorjahr der Fall war.
(Es sind weniger Menschen, deren sie sich annimmt, als …)

Erachten Sie diese Formulierung als korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die Komparativform weniger ist unveränderlich. Die Form wenigerer ist nicht korrekt. Daraus ergibt sich, wie Sie richtig beschrieben haben, eine Schwierigkeit im Genitiv.

Abgesehen vom Problem der Unterscheidung mit dem Genitiv von wenig, gibt es noch eine Schwierigkeit: Im Deutschen kann eine Wortgruppe u. a dann nicht im Genitiv stehen, wenn sie nicht mindestens ein Wort mit der Genitivendung (e)s oder er enthält. Die Steigerungsform weniger hat keine solche Endung, denn das er markiert ja die Steigerung, nicht einen Fall.

Eine Lösung für diese Form im Genitiv könnte dann sein, einfach ein er anzuhängen, doch die Steigerungsform weniger beharrt nun einmal darauf, unveränderlich zu sein. Man muss deshalb – wie in anderen Fällen auch – auf eine andere Formulierung ausweichen. Bei den folgenden Beispielen gebe ich auch die Form mehr an, für die dasselbe gibt:

Bei Genitivattributen und einigen Präpositionen weicht man auf eine Präpositionalgruppe mit von aus:

nach der Ansicht von mehr/weniger Menschen als früher
aufgrund von mehr/weniger Hinweisen als beim letzten Fall

Bei einigen Präpositionen kann auf den Dativ ausgewichen werden:

während mehr/weniger Tagen als im letzten Monat

(Vgl. die Angaben hier und hier)

Bei Genitivobjekten wie in Ihrem Beispiel muss eine andere Formulierung gewählt werden:

Sie nimmt sich einer größeren/geringeren Anzahl Menschen an.
Sie kümmert sich um mehr/weniger Menschen.

Die Lösung für dieses Genitivproblem ist also nicht die Form *wenigerer, sondern eine andere Formulierung. Einen hiermit verwandten Fall beschreibt dieser ältere Blogeintrag.

Der Genitiv kann sich also ziemlich eigensinnig benehmen. Zum Glück merken wir das beim Sprechen und Schreiben meistens nicht, weil wir die oben stehenden Ausweichmanöver unbewusst ganz gut beherrschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp