So viele Konjunktive!?

Frage

Was hat es mit dem Konjunktiv Plusquamperfekt auf sich? Ich bin da über ein Beispiel gestolpert (der Satz ist nicht von mir):

Hätte ich die Wäsche bügeln können, wenn du sie aufgehängt hättest?

„Hätte ich die Wäsche bügeln können“ wird als Konjunktiv Plusquamperfekt bezeichnet. Für mich ist das nichts anderes als ein ganz normaler Konjunktiv 2 (mit Modalverb in diesem Fall). Ich verstehe nicht, warum das Konjunktiv Plusquamperfekt sein soll.

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

bei den Namen für grammatische Phänomene ist vieles oft nicht ganz so klar, wie wir es gerne hätten. Das ist auch bei etwas – auf den ersten Blick – so Einfachem wie den Namen für die Konjunktivformen des Verbs der Fall: Es werden mehr Namen verwendet, als es Formen gibt.

Einerseits gibt es die „klassischen“ Namen, die sich rein an der Form orientieren und oft wenig bis nichts mit der eigentlichen Verwendung der Formen zu tun haben. Dazu gehört der Name Konjunktiv Plusquamperfekt. Daneben gibt es die Begriffe Konjunktiv I und Konjunktiv II. Sie umfassen jeweils eine bestimmte Gruppe von Verbformen, die in bestimmten Zusammenhängen und Satzarten verwendet werden: der Konjunktiv I zum Beispiel in der indirekten Rede, der Konjunktiv II zum Ausdruck von allerlei „Irrealem“ (siehe hier).

Man kann die „klassischen“ Namen wie folgt über die Begriffe Konjunktiv I und II verteilen:

Konjunktiv I
Konjunktiv (I) Präsens: er gehe / er spreche
Konjunktiv (I) Perfekt: er sei gegangen / er habe gesprochen
Konjunktiv I Futur I: er werde gehen / er werde sprechen
Konjunktiv I Futur II: er werde gegangen sein / er werde geprochen haben

Konjunktiv II
Konjunktiv (II) Präteritum: er ginge / er spräche
Konjunktiv (II) Plusquamperfekt: er wäre gegangen / er hätte gesprochen
würde-Formen

Konjunktiv II Futur I: er würde gehen / er würde sprechen
Konjunktiv II Futur II: er würde gegangen sein / er würde gesprochen haben

Wenn keine weiteren Angaben gemacht werden, ist übrigens mit Konjunktiv I häufig einfach der Konjunktiv Präsens (er gehe) und mit Konjunktiv II einfach der Konjunktiv Präteritum (er ginge) gemeint.

Eine andere Art, die Zeitformen zu benennen, die im Unterricht häufiger verwendet wird, ist diese:

Konjunktiv I Gegenwart: er gehe / er spreche
(= Konjunktiv Präsens)
Konjunktiv I Vergangenheit: er sei gegangen / er habe gesprochen
(= Konjunktiv Perfekt)
Konjunktiv I Zukunft: er werde gehen / er werde sprechen
(= Konjunktiv I Futur I)

Konjunktiv II Gegenwart: er ginge / er spräche
(= Konjunktiv Präteritum)
Konjunktiv II Vergangenheit: er wäre gegangen / er hätte gesprochen
(= Konjunktiv Plusquamperfekt)

Ersatzformen mit „würde“
würde-Form Gegenwart: er würde gehen / er würde sprechen
(= Konjunktiv II Futur I)
würde-Form Vergangenheit: er würde gegangen sein / er würde gesprochen haben
(= Konjunktiv II Futur II)

Die würde-Formen sind meist Ersatzformen für die „eigentlichen“ Konjunktiv-II-Formen. Sie werden im heutigen Deutschen immer häufiger verwendet und einige bezeichnen sie bereits als Konjunktiv III.

So viele Namen und so viele Formen! Viel einfacher kann ich es leider auch nicht machen, aber wenn man sich nicht allzu sehr durch die Vielfalt der Namen beeindrucken lässt, ist es gar nicht so kompliziert. Ein ganz anderes Kapitel ist natürlich die Verwendung des Konjunktivs. Doch davon soll hier nicht auch noch die Rede sein, denn dann wird es wirklich kompliziert!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Grenzfall der Konjugation: Wenn ich oder mein Kind krank …

Wenn ein Satz ein mehrteiliges Subjekt hat und die Subjektteile mit oder verbunden sind, wird es oft ziemlich holprig. Das findet auch Frau G.

Frage

Wer kann mir weiterhelfen, wie ich folgenden Nebensatz richtig formuliere?

Wenn ich oder mein Kind krank ist …

Mich stört hier das Verb „ist“, würde in diesem Fall auch „sind“ passen?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

die Form sind ist hier nicht üblich. Sie steht dann, wenn die beiden Teile des Subjekts mit und verbunden sind:

Wenn ich und mein Kind (= wir) krank sind …

Wenn die Subjekteile mit oder verbunden sind, ist diese Zusammenziehung zu wir nicht möglich.

Möglich ist die Form ist:

Wenn ich oder mein Kind krank ist …

Bei einer solchen Verbindung mit oder richtet sich das Verb in der Regel nämlich nach dem Subjektteil, der ihm am nächsten steht. Weitere Beispiele:

Wenn deine Schwester oder du etwas gesagt hättest …
Wenn du oder deine Schwester etwas gesagt hätte …

Sie oder Ihr Rechtsvertreter wird rechtzeitig informiert.
Ihr Rechtsvertreter oder Sie werden rechtzeitig informiert.

Solche Sätze klingen aber oft ziemlich seltsam oder unnatürlich. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Verbform ist des Beispielsatzes in Ihrer Frage Sie stört. Aus diesem Grund ist es oft besser, auf eine andere Formulierung auszuweichen. Zum Beispiel:

Wenn jemand von uns – ich oder mein Kind – krank ist …
Wenn ich krank bin oder mein Kind es ist …

Wenn eine von euch, du oder deine Schwester, etwas gesagt hätte …
Wenn du und deine Schwester nicht geschwiegen hätten …

Man wird Sie oder Ihren Rechtsvertreter rechtzeitig informieren.
Wir informieren Sie oder Ihren Rechtsvertreter rechtzeitig.

Siehe auch diese Seite unter „Zwei verschiedene Personen mit oder“.

Manchmal stößt man in der Grammatik an die Grenzen des Möglichen. Die Regel kennen ist dann gut, flexibel und einfallsreich formulieren aber besser!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Helmut und seine Liebe(n) im Genitiv

Frage

Mit einem Freund bin ich unterschiedlicher Meinung über die richtige Verwendung von „seiner“ und „seinen“ im folgenden Satz, welchen ich in ein Gedicht eingebaut hatte:

Herr Müller wird dann aufgeschrieben
Zum Wohl Helmuts und seinen Lieben

H.  widersprach und setzte sich für „seiner“ Lieben ein.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

Ihr Freund hat recht. Richtig ist:

zum Wohl Helmuts und seiner Lieben

Hier ist nämlich der Genitiv gefragt:

zu wessen Wohl?
zum Wohl Helmuts und
zum Wohl seiner Lieben

Im Genitiv ist also ohne Satzzusammenhang nicht ersichtlich, ob es sich um eine einzelne weibliche Person (seine Liebe) oder um mehrere Personen (seine Lieben) handelt, also ob seine liebe Frau oder Freundin resp. seine lieben Angehörigen gemeint sind. Diese Undeutlichkeit kann man aber nicht klären, indem man seinen statt seiner verwendet. Meistens ergibt sich aus dem Kontext, was gemeint ist, und sonst muss umformuliert werden. In diesem Fall fände ich die „Undeutlichkeit“ gar nicht so undeutlich, selbst wenn der (weitere) Kontext keine genauen Schlüsse zulässt. Wenn Helmut eine besondere Liebe hat, gehört sie auch zu seinen Lieben, die sich sicher gerne ein bisschen mitgemeint fühlen. Und wenn er keine hat, ist ohnehin die Mehrzahl gemeint. In der Sprache ist selten mathematische Präzision gefragt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verbformenpuzzle für den Urlaub (und für die Daheimgebliebenen)

Ein kleine Aufgabe, bei der mit Verbformen jongliert werden muss – nur für Leute, die solches auch wirklich mögen. Den anderen Urlauberinnen und Urlaubern empfehle ich ein Kreuzworträtsel oder ein gutes Buch. Auch ich ziehe in meiner Freizeit beides dem Futur II eines Modalverbs mit einem Infinitiv Passiv vor.

Frage

Ein Nicht-Muttersprachler bat in einem Onlineforum um die Korrektur einer Grammatikübung:

Something must be done. = Es muss etwas getan werden.
Something had to be done. = Es musste etwas getan werden.

und so weiter ohne Probleme bis:

Something will have had to be done. = ?

Sein Vorschlag „Es wird etwas getan werden gemusst haben“ klingt in meinen Ohren falsch, wohl wegen des „gemusst“. Aber ich bin selbst nicht sicher, was richtig wäre: „… werden haben müssen“, „… werden müssen haben“?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

es geht hier um eine Form, der man in der „freien Wildbahn“ nie begegnet und die entsprechend auch nur theoretisch ist.

Der Vorschlag im Forum ist tatsächlich nicht richtig, und zwar, wie Sie zu Recht bemerken, weil er das Partizip gewollt enthält. Was ist dann aber richtig? Wenn wir die Form langsam aufbauen, wird es vielleicht deutlicher. Es geht um das Futur II eines Modalverbs mit einem Infinitiv Passiv (wenn ich dieses Verbformenmonstrum tatsächlich richtig analysiere):

Präsens: Es muss etwas getan werden.
Futur I: Es wird etwas getan werden müssen.
Futur II: Es wird etwas getan werden müssen haben.

In den zusammengesetzten Zeiten steht bei Modalverben wie müssen und können nicht das Partizip Perfekt, sondern der sogenannte Ersatzinfinitiv:

Er hat etwas tun müssen (nicht: tun gemusst)
Es hat etwas getan werden müssen (nicht: *getan werden gemusst).
Es wird etwas getan werden müssen haben. (nicht: *getan werden gemusst haben).

Das ist aber noch nicht alles. Ihre Unsicherheit rührt wahrscheinlich daher, dass ein solcher Ersatzinfinitiv in der Regel am Schluss der Verbgruppe steht. Zum Beispiel:

etwas, was sie hat tun wollen (nicht: *tun wollen hat)
etwas, was sie hätten wissen müssen (nicht: *wissen müssen hätten)

Das Hilfsverb haben hat deshalb auch hier die Neigung, dem Ersatzinfinitiv müssen die letzte Position zu überlassen und weiter vorn zu stehen (obwohl haben hier im Gegensatz zum „Normalfall“nicht finit ist). Es gibt möglicherweise also mehr als eine Lösung, wobei die Fragezeichen meine wachsenden Zweifel an der Akzeptabilität der Formulierungen angeben sollen:

Es wird etwas getan werden müssen haben.
Es wird etwas haben getan werden müssen. (?)
Es wird etwas getan haben werden müssen. (??)

Die erste Form ist nach den allgemeinen Regeln gebildet. Die anderen nach einer Ausnahmeregel. Welche Regel hier im Standarddeutschen wirklich greift, kann m. E. nicht eindeutig gesagt werden, weil solche Formen in der Sprachrealität gar nicht vorkommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein paar Kilo(s) zu viel?

Frage

Ich sitze an Korrekturen und bin über den Plural von „Kilo“ gestolpert. In unterschiedlichen Quellen trat manchmal ein Plural gekennzeichnet auf, manchmal nicht. Können Sie mir bitte erklären, ob und wie die Pluralvarianten verwendet werden?

Sicher bin ich mir in der Verwendung mit der genauen Anzahl: „Sie wog 75 Kilo.“ Jedoch schwanke ich bei dem Satz: „Ich veränderte die Einstellung des Gerätes, falls er doch ein paar Kilo(s) zu viel haben sollte.“

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

nach einer Zahlenangabe ist Kilo wie viele andere männliche und sächliche Maß- und Mengenangaben unveränderlich:

75 Kilo
zweieinhalb Kilo
100 Kilo

Wenn die Angabe Kilo nicht nach einer Zahlenangabe steht, kann sie auch als mehrere einzelne Einheiten aufgefasst werden und im Plural stehen:

ein paar Kilos zu viel / ein paar Kilo zu viel
einige wenige Kilos / einige wenige Kilo
Dutzende Kilos Abfall / Dutzende Kilo Abfall
Jetzt geht es den Kilos an den Kragen!

Siehe auch hier (insbesondere unter „Singular oder Plural“)

Das gilt übrigens nicht nur für das Wort Kilo, sondern auch für andere männliche und sächliche Maß- und Mengenangaben. Hier noch ein paar Beispiele:

einige Grade wärmer / einige Grad wärmer
ein paar Gramme mehr / ein paar Gramm mehr
Petro-Dollars für die Energiewende

Und auch der Euro ist trotz allem, was häufig behauptet wird, nicht immer unveränderlich:

ihre sauer verdienten Euros

Einfacher sind in dieser Hinsicht die weiblichen Maß- und Mengenangaben. Sie werden im Plural immer gebeugt:

20 Tonnen
100 Meilen
3 Ellen Seide
7 Kisten Sekt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das unbeständige »entlang«

Falls Sie am heutigen 1. Mai frei haben und einen Spaziergang an Bach, Fluss oder See erwägen, spazieren sie dann das Ufer entlang, dem Ufer entlang, entlang dem Ufer oder entlang des Ufers? Oder gar am Ufer entlang? Heute geht es wieder um ein Wort, das sich nicht so leicht in ein grammatisches Korsett zwängen lässt.

Frage

Ich wende mich heute mit folgendem Problem an Sie:

spazieren … an den Ufern der Neiße entlang

Diese Formulierung verstehe ich grammatikalisch nicht so ganz. Die Präposition steht doch entweder mit Akkusativ, „die Straße entlang“, oder mit Dativ, „entlang der Straße“. Könnte man also den obigen Satz auch so formulieren:

entlang den Ufern der Neiße
die Ufer der Neiße entlang

So wäre es für mich verständlicher. Vielleicht handelt es sich in dem Buch um literarische Sprache?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

das Wort entlang sieht harmlos aus, aber in grammatischer Hinsicht ist es ziemlich widerspenstig. Es weigert sich, einer einzigen Klasse zugeordnet zu werden.

Eine mögliche Verwendung ist die einer klassischen Präposition, das heißt, entlang steht vor dem Substantiv. Bei der Wahl des ihm folgenden Falles ist die Lage schon weniger eindeutig. Möglich sind sowohl der Genitiv als auch der Dativ:

Wir spazierten entlang der Ufer der Neiße.
Entlang des Wanderweges stehen Informationstafeln.

Wir spazierten entlang den Ufern der Neiße.
Entlang dem Wanderweg stehen Informationstafeln.

Häufig gefällt sich entlang aber als nachgestellte Präposition (Postposition). Dann ist der Akkusativ üblich:

Wir spazierten die Ufer der Neiße entlang.
Den Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Der Dativ kommt hier ebenfalls vor. Heutzutage verrät er aber meistens Sprecher und Sprecherinnen aus dem Süden, vor allem aus der Schweiz. Die folgenden Formulierungen genießen deshalb wohl kaum das Wohlwollen aller Hüter der deutschen Sprache:

Wir spazierten den Ufern der Neiße entlang.
Dem Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Im Beispielsatz, um den es Ihnen in Ihrer Frage geht, übernimmt entlang eine weitere Rolle: Es tritt nicht als Präposition, sondern adverbial auf. Es hat dann keinen Einfluss auf den Fall. Der Kasus wird durch die Präposition an bestimmt, die hier den Dativ fordert:

Wir spazierten an den Ufern der Neiße entlang.
Am Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Diese Verwendung ist übrigens nicht literarisch. Sie ist allgemeinsprachlich und klingt in meinen Ohren manchmal sogar ein bisschen holprig.

Das Wort entlang kann also Adverb, Präposition oder Postposition sein und verschiedene Kasus bei sich haben. Wahrlich kein Beispiel grammatischer Unverrückbarkeit und unverbrüchlicher Kasustreue! Falls Sie deshalb wieder einmal unsicher werden sollten, können Sie alles hier noch einmal nachlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zur Beugung heiliggesprochener Päpste (u. a.)

Hier eine Frage zu einem (fast) aktuellen Anlass:

Frage

Ich möchte Sie fragen, wie die folgende Wortgruppe korrekt gesprochen werden muss:

die Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II.

a) Heiligsprechung der Päpste Johannes des Dreiundzwanzigsten und Johannes Paul des Zweiten
b) Heiligsprechung der Päpste Johannes des Dreiundzwanzigsten und Johannes Pauls des Zweiten
c) die Heiligsprechung der Päpste Johannes der Dreiundzwanzigste und Johannes Paul der Zweite

Mich interessiert vor allem, ob der absolute Nominativ in der Version c) falsch oder richtig ist.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

Mit Titeln versehene Namen wie diese werden gebeugt. Ganz so einfach, wie es klingt, ist es aber nicht. Was wird gebeugt und was bleibt ungebeugt?

Standardsprachlich korrekt ist in diesem Fall a):

Heiligsprechung der Päpste Johannes des Dreiundzwanzigsten und Johannes Paul des Zweiten

Es ist eine Zusammenziehung von:

Heiligsprechung des Papstes Johannes des Dreiundzwanzigsten und
Heiligsprechung des Papstes Johannes Paul des Zweiten

Wenn ein Titel mit einem Artikel steht, ist der Titel der Kern der Wortgruppe und der Name die nähere Bestimmung (Apposition). Gebeugt wird ggf. der Titel und der Name bleibt ungebeugt:

die Regierungszeit des Königs Friedrich Willhelm
am Hof der Zarin Katharina
Heiligsprechung des Papstes Johannes
Heiligsprechung des Papstes Johannes Paul

Steht der Titel ohne Artikel, wird er zu einer näheren Bestimmung des Namens „degradiert“ und bleibt ungebeugt. Gebeugt wird dann der Name:

die Regierungszeit König Friedrich Willhelms oder vorangestellt
König Friedrich Willhelms Regierungszeit

am Hof Zarin Katharinas oder
an Zarin Katharinas Hof

die Heiligsprechung Papst Johannes Pauls oder
Papst Johannes Pauls Heiligsprechung

Das ist aber noch nicht alles. Ihr Interesse gilt ja vor allem der nachgestellten Ergänzung des Herrschernamens. Diese wird immer gebeugt, ganz gleich ob weiter vorn der Titel oder der Name der Kern der Wortgruppe ist:

die Regierungszeit des Königs Friedrich Willhelm des Zweiten
die Regierungszeit König Friedrich Willhelms des Zweiten

am Hof der Zarin Katharina der Großen
am Hof Zarin Katharinas der Großen

die Heiligsprechung des Papstes Johannes des Dreiundzwanzigsten
die Heiligsprechung Papst Johannes’ des Dreiundzwanzigsten

die Heiligsprechung des Papstes Johannes Paul des Zweiten
die Heiligsprechung Papst Johannes Pauls des Zweiten

Das klingt kompliziert und das ist es auch (zumal noch gar nicht alles Sagenswerte gesagt worden ist). Meist geht es gut, ohne dass man diese „Regeln“ kennt. Es ist aber nicht erstaunlich, dass dennoch des Öfteren andere Formulierungen zu hören sind.

Die Sache funktioniert übrigens nicht nur bei Herrschern und Päpsten so. Auch Menschen geringeren Standes werden so behandelt, wenn ihr Name mit einem Titel, einer Verwandtschaftsbezeichnung o. Ä. verwendet wird.

Steht die Personenbezeichnung ohne Artikel, wird der Name gebeugt:

Tante Tinas Gärtnerei
Bundeskanzlerin Merkels Reden
Dozent Anderlings Unterricht
die Bilder Pieter Breughels des Jüngeren

Mit Artikel wird ggf. der Titel, die Berufsbezeichnung usw. gebeugt:

die Gärtnerei meiner Tante Tina
die Reden der Bundeskanzlerin Merkel
der Unterricht des Dozenten Anderling
die Bilder des Malers Pieter Breughel des Jüngeren

Und wenn Sie alles noch einmal nachlesen wollen, finden Sie  hier, hier und hier entsprechende Angaben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn man täglich gölfe …

So schön der Umlaut in den Verbformen des Konjunktivs auch klingen mag (z. B. sähe, flösse, schlüge), er ist nur sehr beschränkt anwendbar.

Frage

Eine Kleinigkeit: Kann man im Konjunktiv Präsens auch sagen: „gölfe“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Konjunktiv Präsens des eher umgangssprachlichen Verbs golfen (Golf spielen) wird ausschließlich ohne Umlaut gebildet (vgl. hier):

Sie sagte, dass sie täglich golfe.

Auch alle anderen Verben, selbst die unregelmäßigen, bilden die Formen des Konjunktivs Präsens (Konjunktiv I), ohne umzulauten. Umgelautet wird nur bei der Bildung der Formen des Konjunktivs Präteritum (Konjunktiv II) und dies nur bei gewissen unregelmäßigen Verben. Zum Beispiel:

essen – aß – äße
sprechen – sprach – spräche
fließen – floss – flösse
ziehen – zog – zöge
fahren – fuhr – führe
schlagen – schlug – schlüge

Bei einem einzigen regelmäßigen Verb sind umgelautete Formen im Konjunktiv II weit verbreitet (allerdings standardsprachlich nicht von allen akzeptiert):

brauchen – brauchte – brauchte/bräuchte
Was ich noch bräuchte, ist eine gute Idee.
(stand. besser: Was ich noch brauchte / brauchen würde …)

Die Form gölfe passt also nicht ins Konjugationssystem des Deutschen. Es gibt diese Form von golfen ebenso wenig wie zum Beispiel schäue zu schauen, löbe zu loben und flüche zu fluchen. Es heißt deshalb:

Konjunktiv I: Sie sagte, dass sie täglich golfe.
Konjunktiv II: Sein Handicap könnte tiefer sein, wenn er täglich golfte (o. golfen würde).

Wenn man täglich gölfe …; auch wenn es vielleicht lustig oder edel anmüte, es pässe einfach nicht in unser Verbsystem.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zweimal em: die parallele Beugung

Ein „alter Hut“, der aber immer wieder auftaucht, ist die Beugung von aufeinanderfolgenden Adjektiven mit der Endung em. Da diese Frage doch noch vielen zu schaffen macht, soll das Thema gleich zu Anfang des Jahres wieder einmal kurz aufgegriffen werden (und dann bis mindestens 2015 nicht mehr im Blog erscheinen):

Frage

Darf ich fragen, was richtig ist:

Mit nochmaligem bestem Dank     oder
Mit nochmaligem besten Dank

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

beides kommt vor und beides gilt als richtig. In der heutigen Standardsprache wird die parallele Beugung (Parallelflexion), also zweimal em, bevorzugt. Früher war das allerdings anders: Die Wechselflexion (also em – en) galt als Regel oder zumindest als stilistisch besser. Doch schon vor dreißig Jahren (1984) schrieb die Dudengrammatik zu diesem Thema:

Die frühere Regel, daß in diesem Falle beim Dativ Singular und Genitiv Plural das zweite der artikellosen Adjektive nach Typ II (schwach) gebeugt werden müsse, gilt nicht mehr.

Siehe auch die Angaben zur Beugung von aufeinanderfolgenden Adjektiven in der LEO-Grammatik. Und falls Sie dann noch Zeit und Lust haben: Es gibt es auch noch einen älteren Blogeintrag zu diesem Thema.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Angela Merkels Mobiltelefon im Genitiv

Frage

In einem Blogbeitrag von Kristin Kopf auf dem Sprachlog erwähnt sie kurz folgende Genitiv-Konstruktion, die in der Zeit abgedruckt worden war, und gab mir den Tipp, mich mit meinen Fragen an Sie zu wenden:

[sie] verlangte, die mutmaßliche Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons im Bundestag zu thematisieren.

Meine Frage dazu: Ist diese Konstruktion grammatikalisch korrekt? In der gesprochenen Sprache ist mir Vergleichbares bisher noch nicht begegnet. Warum nicht? Weil es unelegant klingt oder weil es wirklich formal falsch ist?

Antwort

Guten Tag A,,

diese Formulierung fällt nicht nur Ihnen auf. Warum? Es geht hier einerseits um das Sprachsystem und andererseits darum, was üblich ist. Nach dem Sprachsystem ist es nicht grundsätzlich ausgeschlossen, Genitive in dieser Weise anzuhäufen. Eine Wortgruppe mit einem vorangestellten Genitivattribut wie diese:

Angela Merkels Mobiltelefon

kann im Prinzip in den Genitiv gesetzt werden:

die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons

Ebenso zum Beispiel:

Annas kleines Kaninchen
der Käfig Annas kleinen Kaninchens

Oder als Genitivobjekt:

Konsulin Müllers verstorbener Bruder
Sie gedachten Konsulin Müllers verstorbenen Bruders.

In der heutigen (Standard-)Sprache wird aber vermieden, Wortgruppen mit einem vorangestellten Genitivattribut im Genitiv zu verwenden. Solche Formulierungen sind wahrscheinlich etwas zu verschachtelt und zu „genitivlastig“. Sie entsprechen jedenfalls nicht dem heutigen Sprachgebrauch. Üblicher ist es, zum Beispiel wie folgt zu formulieren:

die Ausspähung des Mobiltelefons von Angela Merkel
die Ausspähung des Mobiltelefons der Bundeskanzlerin

der Käfig von Annas kleinem Kaninchen
der Käfig des kleinen Kaninchens von Anna

Sie gedachten des verstorbenen Bruders von Konsulin Müller.

Wenn ich doch noch irgendwo „Doppelgenitive“ dieser Art entdecke, denke ich immer, dass es dem Autor oder der Autorin vor allem darum ging, eine Formulierung mit von zu vermeiden. Es wird ja immer wieder gesagt, dass der Genitiv furchtbar bedroht sei und dass die Formulierung mit von anstelle des Genitivs furchtbar schlechtes umgangssprachliches Deutsch sei. Um eine vermeintlich schlechte Formulierung zu vermeiden, wird dann auf eine in meinen Augen wirklich schlechte ausgewichen. Ich glaube nicht, dass  Formulierungen wie Angela Merkels Mobiltelefons irgendjemandem spontan aus der Tastatur fließen.

Kurz zusammengefasst: Formulierungen wie diese sind nicht grundsätzlich falsch, aber nicht üblich.

Und weil es keine Ausnahme ohne Ausnahmen gibt, sei noch Folgendes erwähnt: Nach Präpositionen, die den Genitiv verlangen, kommt diese Art der Kombination von zwei Genitiven etwas häufiger vor:

während Angela Merkels morgendlicher Regierungserklärung
aufgrund Berlusconis enormen Reichtums
wegen Karls guter Figur

Es gäbe hierzu noch vieles zu sagen (wie immer, wenn es um den Genitiv geht), aber ich befürchte, dass Sie dann Dr. Bopps langen Kommentars überdrüssig würden. Nein, Dr. Bopps Kommentars überdrüssig werden kann zwar passieren, aber so formuliert klingt es mindestens ebenso sonderbar wie die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp