Deodorants, Deodorante – und Deodorantien?

Frage

Der Plural von „Antitranspirant“ ist gemäß dem Wörterbuch „Antitranspirants“. Ich finde aber in der Literatur immer wieder den Begriff „Antitranspirantien“ (oder auch „Deodorant – Deodorantien“). Kann man diesen so stehen lassen?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

die Wörter Antitranspirant und Deodorant (Desodorant) kommen aus dem Englischen und werden im Plural wie dort mit s gebildet. Daneben kommt auch die deutsche Pluralendung e vor:

das Antitranspirant – die Antitranspirants, auch die Antitranspirante
das Deodorant – die Deodorants,  auch die Deodorante

Der übergroße Teil der Substantive auf –ant ist männlich und wird schwach gebeugt (zum Beispiel Informant – Informanten, Lieferant – Lieferanten, Konsonant – Konsonanten). Sie sollen uns hier nicht weiter interessieren, denn Antitranspirant und Deodorant sind sächlich. Es gibt nur wenige sächliche Substantive dieser Form, und wenn sie nicht wie diese beiden aus dem Englischen stammen, kommen sie häufig aus dem Französischen (zum Beispiel Restaurant – Restaurants, Pendant – Pendants, Fondant – Fondants).

Woher kommen nun die Pluralformen Deodorantien und Antitranspirantien, die Sie ebenfalls entdeckt haben. Aus dem Englischen oder Französischen stammen sie ja nicht. Sie klingen sehr fachsprachlich, ich weiß aber nicht, ob sie nicht einfach pseudofachsprachlich sind. Sie gehören eigentlich zu einer latinisierenden Singularform Deodorans und Antitranspirans, werden aber (fälschlich?) nicht nur bei dieser Singularform verwendet.

das Antitranspirans – die Antitranspirantien (o. Antitranspiranzien)
das Deodorans – die Deodorantien (o. Deodoranzien)

Weitere sächliche Substantive dieser Form mit einem Plural auf –antien, -anzien oder –antia:

Adjuvans (unterstützender Bestandteil)
Antioxidans (Autoxidation verhindernder Zusatz)
Koagulans (Blutgerinnung förderndes Mittel)
Laxans (Abführmittel)
Relaxans (Muskeln entspannendes Arzneimittel)
Roborans (Stärkungsmittel)
Stimulans (stimulierendes Mittel)

Meine Empfehlung für Deodorant und Antitranspirant: Verwenden Sie insbesondere in allgemeinen Texten nur die Singularformen auf -ant und die Pluralformen auf -ants oder -ante. Wer dennoch nicht auf den Plural Antitranspirantien und Deodorantien verzichten will, sollte erwägen, auch im Singular die latinisierten Formen Antitranspirans und Deodorans zu gebrauchen. Wenn es schon wissenschaftlich klingen soll, dann auch auf der ganzen Linie.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kunstzentrum Karlskaserne im Genitiv – mit oder ohne s?

Schon wieder der Genitiv!

Frage

Welche korrekten Möglichkeiten gibt es, wenn man mehrteilige Namen oder Firmenbezeichnungen wie etwa das Quartier 206, das Labor Wieden, das Kunstzentrum Karlskaserne etc. in den Genitiv setzt?

die Türen des Quartier 206 / des Quartiers 206 / des „Quartier 206“ …
die Errichtung des Kunstzentrum Karlskaserne / des Kunstzentrums Karlskaserne

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

mehrteilige Namen von Firmen, Instituten, Gebäuden usw. werden im Prinzip gleich gebeugt wie „normale“ Wortgruppen:

des Bahnhofs Zoo
des Theaters an der Wien
des Hotels Sacher
des Nassauer Hofs
des Nationalparks Hohe Tauern

ebenso:

des Quartiers 206
des Labors Wieden
des Kunstzentrums Karlskaserne

Dies gilt insbesondere auch für längere Namen dieser Art:

des Gustav-Müller-Instituts zur modernen Wissenschaft
des Vereins für Deutsche Schäferhunde
des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft
des Verbundes Schweizer Reinigungsungsunternehmen

Ganz so eindeutig ist die Lage aber nicht. Es gibt im Deutschen eine Tendenz, Eigennamen im Genitiv ungebeugt zu lassen, wenn sie mit einem Artikel o. Ä. stehen. Manchmal werden deshalb kürzere mehrteilige Eigennamen ähnlich wie einteilige Eigennamen mit Artikel nicht gebeugt:

des Bahnhof Zoo
des Theater an der Wien
des Hotel Sacher
des Nassauer Hof
des Nationalpark Hohe Tauern
des Quartier 206
des Labor Wieden
des Kunstzentrum Karlskaserne

Diese Formulierungen sind meist weniger üblich als diejenigen mit einer Genitivendung. Sie kommen aber relativ häufig vor, so dass ich sie nicht als grundsätzlich falsch bezeichnen kann. Ich würde hier allerdings immer die gebeugte Variante als die bessere empfehlen.

Manchmal ist das Vorkommen der endungslosen Form in der geschriebenen Sprache dadurch zu erklären, dass man meint oder gar behauptet, man dürfe Eigennamen nicht verändern. Das ist nicht der Fall! Mehrteilige Eigennamen können resp. sollten (auch in Anführungszeichen) gebeugt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dativ oder Genitiv: der Nachfolger von MS-DOS, dem klassischen Betriebssystem / des klassischen Betriebssystems?

Manchmal gefällt es mir einfach, sozusagen als Gegenpol zu den feurigen Verteidigern und Verteidigerinnen des Genitivs Fälle aufzuzeigen, in denen der Genitiv gerade fehl am Platz ist. So auch heute:

Frage

Ich wende ich mich wieder einmal mit einer Frage an Sie:

Der Nachfolger von MS-DOS, dem klassischen PC-Betriebssystem, …

oder

Der Nachfolger von MS-DOS, des klassischen PC-Betriebssystems, …

Welche Version würden Sie bevorzugen?

Antwort

Sehr geehrter Herr V.,

richtig ist hier die Übereinstimmung im Fall. Das Bezugswort MS-DOS steht im Dativ, den von verlangt. Eine Apposition (nähere Bestimmung in der Form eines Substantivs) mit Artikel sollte deshalb auch im Dativ stehen:

der Nachfolger von MS-DOS, dem klassischen PC-Betriebssystem
am Beispiel von China, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt
die Lieferung von Reis, diesem wichtigen Grundnahrungsmittel

Die Apposition steht dann im Genitiv, wenn auch das Bezugswort im Genitiv steht:

der Nachfolger des bekannten MS-DOS, des klassischen PC-Betriebssystems
am Beispiel Chinas, des bevölkerungsreichsten Landes der Welt
die Bedeutung des Reises, dieses wichtigen Grundnahrungsmittels

Der Fall der Apposition richtet sich hier also nicht nach dem Fall, der stehen könnte oder eventuell stehen sollte, sondern ganz einfach nach dem Fall, der wirklich verwendet wird.

Mehr Informationen zur Apposition und dem Fall, in dem sie steht, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie wenn, als wenn, als ob

Fragen entstehen dort, wo Unsicherheit herrscht. Unsicherheit herrscht oft dort, wo mehrere Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Deshalb steht in den Antworten hier oft, dass sowohl die eine als auch die andere Formulierung möglich und richtig ist (oder eben auch: richtig sind). Eher selten sind die Fälle, in denen es so viele Möglichkeiten gibt wie beim heutigen Thema:

Frage

Ich lese oft die Formulierung „wie wenn“ oder gar „als wie wenn“. Ich bin mir sicher gelernt zu haben, dass das falsch ist und zum Beispiel „als ob“ eingesetzt werden muss. Nun habe ich sogar auf Deutschlandradio die Formulierung „wie wenn“ gehört. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es ist mir nicht bekannt, dass man wie wenn nicht verwenden sollte, wenn man es durch als ob ersetzen kann. Beide Nebensatzeinleitungen sind auch standardsprachlich korrekt. Weiter kann man auch als wenn oder nur als (direkt gefolgt vom gebeugten Verb) verwenden. Ganz alles ist aber doch nicht erlaubt: Kombinierte Formen wie als wie wenn oder wie wenn als ob werden standardsprachlich höchstens bewusst scherzhaft verwendet.

Hier dann endlich ein paar Beispiele:

Sie fühlte sich, wie wenn sie seit Tagen nicht geschlafen hätte.
Sie fühlte sich, als wenn sie seit Tagen nicht geschlafen hätte.
Sie fühlte sich, als ob sie seit Tagen nicht geschlafen hätte.
Sie fühlte sich, als hätte sie seit Tagen nicht geschlafen.

Er tut so, wie wenn er uns nicht kennen würde.
Er tut so, als wenn er uns nicht kennen würde.
Er tut so, als ob er er uns nicht kennen würde.
Er tut so, als würde uns nicht kennen.

Und um es noch „schlimmer“ zu machen: In den Beispielsätzen habe ich überall den Konjunktiv II verwendet. In dieser Art von Sätzen, den sogenannten irrealen Vergleichssätzen, ist er auch die am meisten verwendete Form. Es ist aber auch möglich, hier den Konjunktiv I zu verwenden:

Sie fühlte sich, wie wenn / als wenn / als ob sie seit Tagen nicht geschlafen habe.
Sie fühlte sich, als habe sie seit Tagen nicht geschlafen.

Er tut so, wie wenn / als wenn / als ob er uns nicht kenne.
Er tut so, als kenne er uns nicht.

Manchmal steht vor allem in der gesprochenen Sprache sogar der Indikativ. Für mich klingt dies vor allem mit als ob vertretbar, wenn das im Nebensatz Ausgedrückte sehr wahrscheinlich zutrifft:

Es sieht so aus, als ob alles wieder funktioniert.
Es klingt, als ob du beleidigt bist.

Der Indikativ ist übrigens nicht möglich, wenn der Nebensatz nur mit als eingeleitet wird. Diese Einschränkung hat zur Folge, dass die Gesamtzahl der theoretisch möglichen Formulierungen eines irrealen Vergleichssatzes doch nicht ganz ein volles Dutzend ist!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Anglizismus des Jahres 2014

Über Wörterwahlen zu berichten überlasse ich normalerweise anderen. Wer sich dafür interessiert, findet zum Beispiel in der guten alten Wikipedia Übersichten der jeweiligen Wörter und Unwörter des Jahres in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein.

Anglizismus2104
(Wörterwolke von Anglizismus des Jahres)

Wie jedes Jahr sei hier aber trotzdem auf den Anglizismus des Jahres hingewiesen, der traditionell den Wörterwahlreigen abschließt. Gewonnen hat den Titel „Anglizismus des Jahres 2014“:

Blackfacing

Mehr dazu lesen Sie auf der Website Anglizismus des Jahres und im Sprachlog.

250 g Rote Bete(n)

Herr T.s Frage löst das Problem, was ich heute Abend u. a. kochen soll. Es gibt etwas, das ich schon länger nicht mehr gegessen habe, obwohl es mir sehr gut schmeckt: Rote Bete (die ich von zu Hause aus allerdings Randen nenne). Herr T. wollte mir jedoch keine Kochtipps geben, sondern etwas ganz anderes wissen:

Frage

Heißt es „250 g Rote Bete“ oder „250 g Rote Beten“ – also mit „Bete“ im Plural, so wie es ja auch heißen würde „250 g Möhren“ o. Ä.?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

beide Formulierungen kommen vor:

a) 250 g Rote Beten (wie z. B. 250 g Möhren, Kartoffeln)
b) 250 g Rote Bete (wie z. B. 250 g Lauch/Porree, Brot)

a) Die Roten Beten kochen, schälen und in Würfel schneiden.
b) Die Rote Bete kochen, schälen und in Würfel schneiden.

Beide Varianten sind auch grammatisch vertretbar. Bei a) bezeichnet Rote Bete eine Wurzelknolle, d. h., es ist eine Gattungsbezeichnung. Man verwendet dann wie bei zum Beispiel Möhren und Kartoffeln den Plural. Bei b) bezeichnet Rote Bete eine Gemüsesorte, d. h., es ist eine Stoffbezeichnung. Als solche steht es wie zum Beispiel Lauch/Porree oder Brot im Singular.

Ein ganz schneller Blick ins Internet zeigt, dass zumindest in online verfügbaren Rezepten die Verwendung als Stoffbezeichnung im Singular häufiger vorzukommen scheint. Es ist also üblicher, Rote Bete sprachlich als eine Gemüsesorte wie Lauch zu behandeln und nicht wie bei den Kartoffeln die einzelnen Knollen vor sich zu sehen. Aber weit wichtiger ist: Hauptsache, es schmeckt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vater und Mutters Auto, Hänsel und Gretels Eltern, Heidi und Vitos Liebe

Frage

Heißt es Vater und Mutters Auto oder Vaters und Mutters Auto, wenn das Auto den beiden gehört?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

im Allgemeinen werden bei mit und verbundenen Substantiven beide gebeugt:

die Renovation des Rathauses und des Bahnhofgebäudes
nach dem Verlust ihres Vaters und ihres Bruders
die Werke des Dichters und Pastors Johann Rist

Wie immer gibt es auch Ausnahmen: Bei geläufigen Wortpaaren mit und sowie bei mit und verbundenen Personenamen kann die Genitivendung des ersten Wortes gelegentlich wegfallen. Man behandelt dann die ganze Verbindung als eine zusammengehörende Einheit die als Ganzes gebeugt wird. Zum Beispiel:

ein Dichter des Sturm und Drangs
die Verbannung seines eigenen Fleisch und Blutes
Hänsel und Gretels Eltern
der Sündenfall Adam und Evas

Oder etwas „aktueller“:

William und Kates Baby
Heidi und Vitos geheime Liebe

Entsprechend kann man auch sagen:

Vater und Mutters Auto

Hier ist allerdings immer auch die Beugung beider Substantive resp. Namen möglich:

ein Dichter des Sturms und Drangs
die Verbannung seines eigenen Fleisches und Blutes
Hänsels und Gretels Eltern
der Sündenfall Adams und Evas
Williams und Kates Baby
Heidis und Vitos geheime Liebe

Vaters und Mutters Auto

Im Zweifelsfall sollten Sie beide mit und verbundenen Nomen beugen. Das ist immer richtig.

—–

Dann noch ein Exkurs für Liebhaber und Liebhaberinnen von Logik und Eindeutigkeit: Auch wenn man es vielleicht gerne hätte, ist keine der Formulierungen ohne Kontext eindeutig. Zum Beispiel:

Heidi und Vitos geheime Liebe

Das ist entweder die geheime Liebe von Heidi und Vito zueinander oder aber Heidis Einstellung zu Vitos geheimer Liebe.

Heidis und Vitos geheime Liebe

Das kann ebenfalls die geheime Liebe von Heidi und Vito zueinander sein, aber auch Heidis geheime Liebe für jemand und Vitos geheime Liebe für jemand (anders).

Wie man sieht, bringt die Beugung und Nichtbeugung des ersten Namens keine eindeutige Bedeutungsunterscheidung mit sich. Nur der weitere Zusammenhang kann klären, was genau gemeint ist. Das gilt auch für

Vater und Mutters Auto
= das Auto von Vater und Mutter oder
= Vater und das Auto von Mutter

Vaters und Mutters Auto
= das Auto von Vater und Mutter (ein Auto) oder
= das Auto von Vater und das Auto von Mutter (zwei Autos)

Beide Formulierungen könne das Auto bezeichnen, das Vater und Mutter zusammen gehört. Beide könne ohne Kontext aber auch anders interpretiert werden.

Schon wieder so eine uneindeutige Antwort! Manche wünschen sich wohl, Dr. Bopp würde sich etwas mehr des Wenn[s] und Abers enthalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was würdest du tun, wenn du alles …?

Frage

Ein bekannter Mobilfunkanbieter warb Ende des vergangenen Jahres mit der Frage „Was würdest du tun, wenn du alles kannst?“. Ist hier nicht Konjunktiv II anzuwenden („Was würdest du tun, wenn du alles könntest?“)?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

in der Standardsprache steht in der Regel in beiden Sätzen eines Bedingungsgefüges der gleiche Modus. Anders gesagt: Bei Satzgefügen mit einem Bedingungssatz mit wenn und einem Hauptsatz steht in der Regel in beiden Sätzen der Indikativ oder in beiden Sätzen der Konjunktiv. Ein paar Beispiele mit dem Indikativ:

Wenn der Zug verspätet ist, warten wir im Restaurant auf euch.
Das Fest findet im Garten statt, wenn es die Wetterverhältnisse zulassen.
Was geschieht, wenn jemand alle Zahlen errät?
Wenn du alle Zahlen errätst, gewinnst du den Hauptpreis.

Der Konjunktiv steht bei einem irrealen Bedingungssatz. Ein irrealer Bedingungssatz beschreibt einen Sachverhalt, der möglich oder wahrscheinlich ist, der aber nur in Gedanken konstruiert wird. Dabei formuliert der Nebensatz eine Bedingung, die – wenn sie erfüllt wäre – eine bestimmte Folge hätte.

Es wäre gut für sie, wenn sie bald eine neue Stelle fänden.
Wenn ich genug Zeit gehabt hätte, hätte ich euch besucht.
Was würde geschehen, wenn jemand alle Zahlen erraten würde?
Du würdest den Hauptpreis gewinnen, wenn du alle Zahlen erraten würdest.

Standardsprachlich heißt es entsprechend auch besser:

Was würdest du tun, wenn du alles könntest?
Was würdest du tun, wenn du alles tun könntest?

Der Satz, der in der Werbung benutzt wird, ist allerdings nicht einfach völlig falsch. Er ist umgangssprachlich. Wir sind nicht nur bei Lidl und Aldi gerne sparsam, sondern oft auch bei sprachlichen Äußerungen. Oft geben wir im Deutschen nur einmal an, was genau gemeint ist. Bei einem Bedingungsgefüge reicht es im Prinzip, wenn nur in einem der Teilsätze mit einem Konjunktiv angegeben wird, dass es sich um ein „irreales“ Gefüge handelt:

Was würdest du tun, wenn du alles kannst?
Was tust du, wenn du alles könntest?

Diese standardsprachlich besser zu vermeidenden Formulierungen gefallen mir persönlich auch stilistisch nicht. Man kann aber nicht sagen, dass die umgangssprachlichen Äußerungen unverständlich sind. Man versteht genau, was gemeint ist.

Der Mobilfunkanbieter hat sich vielleicht für die umgangssprachliche Variante entschieden, um „eine größere Nähe“ zur potenziellen Kundschaft bewirken. Vielleicht schwebte der Marktetingabteilung auch eine andere implizite Botschaft vor. Wie dem auch sei, einen Werbespruch der Art „Was wäre, wenn …“ halte ich mit und ohne standardsprachliche Verwendung des Konjunktivs für riskant. Es ist für Konkurrenz und unzufriedene Kundschaft wirklich zu einfach, ihm eine ganz andere Wendung zu geben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Geschmeichelt oder nicht geschmeichelt?

Frage

Bei Ihnen wird „geschmeichelt“ als Adjektiv ausgewiesen, ich bin aber der Meinung, dass es sich immer um ein Verb „schmeicheln“ oder ein Partizip oder eine Passivform „geschmeichelt“ handelt. Eine adjektivische Nutzung ist mir nicht bewusst.

Antwort

Guten Tag D.,

in den folgenden Beispielen ist geschmeichelt als Adjektiv (oder adjektivisch verwendetes Partizip) anzusehen:

ein geschmeicheltes Bild (ein sehr günstiges, zu günstiges Bild)
eine geschmeichelte Darstellung der Ereignisse (eine zu positive Darstellung)

Aus heutiger Sicht könnte geschmeichelt streng genommen auch in den folgenden Formulierungen als Adjektiv bezeichnet werden:

geschmeichelt sein
sich geschmeichelt fühlen

wie

zufrieden sein
sich zufrieden fühlen

Das Verb schmeicheln ist nämlich ein intransitives Verb (jemandem schmeicheln) und intransitive Verben können kein Zustandspassiv bilden. Zum Beispiel:

jemandem danken
nicht: *gedankt sein
nicht: *sich gedankt fühlen

Aber zum Beispiel:

jemanden ehren
geehrt sein
sich geehrt fühlen

Diese für ein intransitives Verb untypischen Verwendungen des Partizips geschmeichelt sind wahrscheinlich ein Überbleibsel aus einer Zeit, als schmeicheln nicht nur mit dem Dativ, sondern auch mit dem Akkusativ verwendet wurde. Ein paar Beispiele:

Bey meiner Treu, ich sag es ohne sie zu schmeicheln, sie sind ein Kerl, der es, hohl mich der Teuffel, mit manchem Cantor annehmen könnte.
[G. E. Lessing, Weiber sind Weiber, 5. Auftritt, 1749]

Ich danke Gott mit Saitenspiel, 
dass ich kein König worden. Ich wär geschmeichelt worden viel, 
und wär vielleicht verdorben.
[Matthias Claudius, Täglich zu singen, 1777]

Dolon, schmeichle dich nicht mit der Hoffnung, dein Leben zu retten
[Ilias, 10, 435, übers. von F. L. Graf zu Stolbert, 1781]

Im heutigen Deutschen ist schmeicheln, wie bereits gesagt, ein intransitives Verb, das heißt, es wird nicht mehr mit dem Akkusativ verwendet:

jemandem schmeicheln
Sie schmeichelte dem Grafen mit schönen Worten.
Die Hose schmeichelt Ihrer Figur.

Außer in Formulierungen der eingangs genannten Art sollte geschmeichelt deshalb genauso wenig adjektivisch verwendet werden wie gedankt oder geholfen. Es heißt also nicht:

*die gedankten Helferinnen und Helfer
*die geholfene Kundschaft
*der geschmeichelte Graf

Fazit: Man kann geschmeichelt als Adjektiv verwenden. Es gibt allerdings nur geschmeichelte (zu günstige) Darstellungen und Bilder, nicht aber *mit schönen Worten geschmeichelte Leute.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von »guten Mutes« über »jedes/jeden Kommentars« zu »dieses Jahres«

Frage

Heißt es „sich jedes Kommentars enthalten“ oder „sich jeden Kommentars enthalten“?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

Zweifelsfälle sind oft deshalb Zweifelsfälle, weil es mehr als eine korrekte Formulierung gibt. Das ist auch hier so, denn beides ist möglich (vgl. hier):

Sie wurden gebeten, sich jeden Kommentars zu enthalten.
Sie wurden gebeten, sich jedes Kommentars zu enthalten.

Vor männlichen und sächlichen Substantiven kann das Indefinitpronomen jeder sowohl mit der Endung es als auch mit der schwachen Endung en stehen. Dies gilt aber nur dann, wenn das Substantiv die Genitivendung es oder s hat:

sich jedes/jeden Kommentars enthalten
im Leben jedes/jeden Mannes
die Erfüllung jedes/jeden Wunsches

aber nur

im Leben jedes Menschen
das Mandat jeder und jedes Abgeordneten

Nach eines steht dahingegen immer jeden:

im Leben eines jeden Mannes
das Mandat einer und eines jeden Abgeordneten

Hier zeigt sich eine interessante Tendenz in der deutschen Sprache: Bei den Endungen sind wir sparsam. Es reicht im Prinzip, den Genitiv nur einmal anzugeben. Deshalb wird dann, wenn schon ein s-Genitiv (Genitivendung es oder s) steht, häufig auf die schwache Endung en ausgewichen.

im Leben jeden Mannes
im Leben eines jeden Menschen

Der Genitiv muss aber einmal angegeben werden. Wenn sonst kein s-Genitiv vorhanden ist, muss die Endung es verwendet werden:

im Leben jedes Menschen

Dieser Ersatz der Endung es ist bei den Adjektiven am weitesten fortgeschritten: Sie haben die Genitivendung es im heutigen Deutsch aufgegeben. Während man früher noch voll süßes Weines (Luther), gutes Muthes und heutiges Tages sagte, heißt es heute nur noch voll süßen Weines, guten Mutes und heutigen Tages.

Gegenpol sind hier der bestimmte und der unbestimmte Artikel, bei denen der Ersatz von es auch heute noch unmöglich ist:

im Leben des/eines Mannes
sich des/eines Kommentars enthalten.

Zwischen den Adjektiven und den Artikeln stehen die Pronomen. Viele von ihnen haben Merkmale beider Wortklassen, das heißt, manche verhalten sie sich eher wie Artikelwörter und manche eher wie Adjektive. Das zeigt sich auch in diesem Fall: Einige Pronomen lassen wie die Adjektive den Ersatz von es im Genitiv zu, bei anderen ist dies wie bei den Artikeln (noch) nicht möglich. Die folgende Aufstellung soll diese Situation anhand einiger Beispiele aufzeigen:

Adjektive nur mit en

guten Mutes sein
eine Quelle großen Vergnügens

Pronomen nur mit en

die Ursache solchen Unbehagens
im Leben desselben Mannes (das es versteckt sich allerdings in des…)

Pronomen mit en oder es (vgl. hier)

die Ursache allen Übels
das Schicksal alles Menschlichen

Im Leben jedes/jeden Mannes
im Leben jedes Menschen

die Lösung manchen Rätsels
ein großer Wunsch manches Menschen

die Eltern welches/welchen Kindes
die Abenteuer welches Helden

Pronomen nur mit es

am Ende meines Lebens
Anfang dieses Monats
am Ende jenes Sommers

Artikel nur mit es

die Eltern des Kindes
im Leben eines Mannes

Es gibt also eine Tendenz, die Endung es dort aufzugeben, wo bereits ein s-Genitiv steht. Während dies bei den Adjektiven durchgehend der Fall ist, leisten die Artikel noch erfolgreich Widerstand. Die Pronomen stehen irgendwo dazwischen.

Ganz schön zeigt sich diese Entwicklung beim bekannten Beispiel dieses Jahres. Vor allem bei Zeitangaben setzt sich immer mehr diesen und jenen statt dieses und jenes durch:

Anfang diesen Monats wie z. B. Anfang nächsten Monats
am Ende jenen Jahres wie z. B. am Ende manchen Jahres

Statt standardsprachlich richtig:

Anfang dieses Monats
am Ende jenes Jahres

Wie man oben sieht, sind die Formen diesen Monats und jenen Jahres nicht einfach unerklärliche Nachlässigkeiten, sondern die Folge einer Entwicklung, die offenbar noch nicht abgeschlossen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp