In die oder in der Akte notieren

Schon wieder die Wechselpräpositionen! Wer sie im Griff hat, wundert sich vielleicht, aber sie geben häufig zu Fragen Anlass. Deshalb hier gleich noch eine Frage zu diesem Thema. Verben wie notieren in Frau W.s Frage lassen nämlich auch mich immer wieder zweifeln.

Frage

Ich bin mir gerade sehr unsicher, welche der folgenden Varianten richtig ist: „in die Akte notieren“ (wie „in die Akte schreiben“) oder „in der Akte notieren“ (wie „in der Akte vermerken/festhalten“)? Oder geht beides?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

die Antwort geben Sie bereits selbst: Beide Varianten sind möglich und richtig:

in der Akte notieren  – wo aufschreiben?
in die Akte notieren – wohin  schreiben?

Im Dativ (in der Akte) ist die Akte der Ort des Schreibens. Im Akkusativ (in die Akte) ist die Akte der Zielort des Geschriebenen. Oder so. Es ist immer schwierig, diese Unterschiede in eindeutige und leicht verständliche Worte zu fassen. Es gibt einen Bedeutungsunterschied, aber sehr oft sind beide Sehensweisen und somit sowohl der Dativ als auch der Akkusativ möglich. Zum Beispiel:

Ich notiere die Adresse schnell in meiner Agenda.
Ich notiere die Adresse schnell in meine Agenda.

Das Verb notieren ist übrigens bei Weitem nicht das einzige Verb, bei dem sowohl eine statische Ortsangabe im Dativ als auch eine dynamische Zielangabe im Akkusativ stehen können. Hier noch ein paar Beispiele, weil es so schön ist:

ein Schild an die Fassade anbringen
ein Schild an der Fassade anbringen

Rouge auf die Wangen auftragen
Rouge auf den Wangen auftragen

sich in ein neues Gebiet einarbeiten
sich in einem neuen Gebiet einarbeiten

die Stiefmütterchen in das Beet einpflanzen
die Stiefmütterchen im Beet einpflanzen

die Schnapsflasche in den Schrank einschließen
die Schnapsflasche im Schrank einschließen

das Bücherregal an die Wand montieren
das Bücherregal an der Wand montieren

sich auf den Sitzsack niederlassen
sich auf dem Sitzsack niederlassen

die Beute in große Kisten verpacken
die Beute in großen Kisten verpacken

ins Nichts verschwinden
im Nichts verschwinden

sich unter das Bett verstecken
sich unter dem Bett verstecken

u. a. m.

Nicht immer sind beide Fälle gleich üblich. Beim letzten Beispiel, verstecken, ist der Akkusativ zwar möglich, aber üblich ist vor allem der Dativ.

Nicht immer sind bei allen Bedeutungen eines Verbs beide Fälle möglich. So kann man sich auf einem oder auf einen Sitzsack niederlassen, aber in übertragenem Sinne kann man sich nur in einem Land niederlassen.

Nicht immer ist der Bedeutungsunterschied so gering wie anfangs gesagt. Ein schönes Beispiel ist verteilen:

Die Schüler verteilen sich in ihre Klassen (sie gehen in ihre jeweilige Klasse)
Die Schüler verteilen sich in ihren Klassen (sie setzen sich in ihrer jeweiligen Klasse auseinander)

Ganz so einfach, wie die Grundregel vermuten lässt, sind die Wechselpräpositionen also nicht. Vieles ist nicht über einfache Regeln ableitbar. Was das eigene Sprachgefühl nicht spontan eingibt, muss man sich ins Gedächtnis einprägen – oder etwa im Gedächtnis einprägen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie wird durchabfertigen konjugiert?

Herr P. hatte eine Frage zu einem Verb, das modernes Reisen erheblich vereinfacht – falls alles klappt: durchabfertigen (bei Umsteigen oder Unterbrechung der Reise bis zum Endziel abfertigen).

Frage

In einer Diskussion bin ich auf das Verb „durchabfertigen“ gestoßen. Es geht darum, wie es konjugiert wird: „ich durchabfertige“, „ich abfertige durch“ oder vielleicht „ich fertige durch ab“?

Wenn man das Wort mit Verben wie „wiederherstellen“ und „miteinbeziehen“ vergleicht, so ist „ich fertige durch ab“ naheliegend, ähnlich wie „ich stelle wieder her“ und „ich beziehe mit ein“. Allerdings klingt es in meinen Ohren doch falsch. […] Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?  Warum ist „ich stelle wieder her“ akzeptabel, „ich fertige durch ab“ aber nicht (sofern nicht nur ich das so sehe)?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

das Verb durchabfertigen könnte als direkte Übersetzung von check through oder als Rückbildung von Durchabfertigung entstanden sein. Genaue Angaben dazu habe ich leider nicht. Entstanden ist jedenfalls ein sehr ungewöhnliches Verb mit zwei im Prinzip abtrennbaren Teilen: durch+ab+fertigen.

In Anlehnung an ähnliche Konstrukte wie miteinbeziehen (ich beziehe etwas mit ein) und wiederherstellen (ich stelle etwas wieder her), müssten die finiten Hauptsatzformen von durchabfertigen lauten: ich fertige etwas durch ab.

Diese Form kommt aber nicht nur Ihnen und mir äußerst seltsam vor, sondern offenbar allen Sprachbenutzern. Sie wird (vorläufig?) nicht gebraucht. Durch diese Unsicherheit beim Gebrauch gehört durchabfertigen zu den Verben, die nur im Infinitiv und im Partizip gebräuchlich sind:

durchabfertigen, durchabzufertigen
durchabgefertigt

sowie eventuell die zusammengeschriebenen Nebensatzformen:

Möchten Sie, dass ich Ihr Gepäck durchabfertige?

Damit steht durchabfertigen keineswegs alleine da. Von beispielsweise den folgenden Verben sind ebenfalls nur die zusammengeschriebenen Wortformen üblich: bergsteigen, gegensprechen, punktschweißen, rückerstatten, seiltanzen, weitspringen.

Ein Unterschied zwischen einerseits dúrchabfertigen und andererseits wiederhérstellen und mitéínbeziehen ist die Betonung (auf dem ersten bzw. dem zweiten Element). Wichtiger erscheint mir hier aber die Tatsache, dass mit und wieder im Gegensatz zu durch auch als selbstständige Adverbien verwendet werden, und zwar mit der gleichen Bedeutung wie das Verbelement. In getrennt geschriebener Hauptsatzstellung fallen sie also allein stehend weniger auf:

miteinbeziehen – ich beziehe es mit ein
vgl.

mit aufladen – ich lade es mit auf
mit dazugehören – das gehört mit dazu

wiederherstellen – ich stelle es wieder her
vgl.
wieder mitnehmen – ich nehme es wieder mit
wieder zurücklegen – ich lege es wieder zurück

Im Gegensatz dazu kann durch nicht mit der gleichen Bedeutung allein stehen, die es in durchabfertigen hat:

durchabfertigen – ??ich fertige durch ab
nicht: durch xyen

Dieser Unterschied zeigt sich indirekt auch darin, dass immer eine gewisse Unsicherheit besteht, ob man mit einbeziehen oder miteinbeziehen resp. wieder herstellen oder wiederherstellen schreiben soll. Diese Unsicherheit besteht bei durchabfertigen nicht, das heißt, die Schreibung durch abfertigen kommt gar nicht in Frage.

Die fehlende relative Selbstständigkeit des ersten Wortteils ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass die getrennten Wortformen von durchabfertigen nicht verwendet werden. Man könnte umgekehrt aber auch sagen, dass die getrennten Formen von miteinbeziehen und wiederherstellen nur dank der relativen Selbstständigkeit von mit und wieder möglich sind. Verben mit zwei abtrennbaren Präfixen sind nämlich in der deutschen Sprache große Ausnahmen, die eigentlich nicht oder eben nur schlecht in unsere Wortbildungs- und Konjugationsmuster passen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Grammatikfragen-Dauerbrenner: wegen wem oder wegen wessen?

Der liebe Genitiv wirft immer wieder Hürden auf. Selbst wer ihn sehr mag, sieht sich manchmal vor Probleme gestellt. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit Pronomen.

Frage

Das umgangssprachliche „wegen was“ wird in der Standardsprache durch „weswegen“ ersetzt. Zum Beispiel: „Weswegen bist du verärgert?“ Wie aber lautet die standardsprachliche Entsprechung zu „wegen wem“? Ich dachte an „wessentwegen“. Aber laut Duden hat „wessentwegen“ die Bedeutung „weswegen“.

Antwort

Guten Tag H.,

hier kann ich Ihnen leider wieder einmal keine einfache und eindeutige Antwort geben. Die Frage wegen wessen? scheint vor allem Deutschlernende und allgemein Menschen zu interessieren, die gern systematisch vorgehen. Im konkreten standarddeutschen Sprachgebrauch taucht dieses Problem nur selten auf. (Ich bin in meinem persönlichen „Schreibleben“ jedenfalls noch nie bewusst über diese Hürde gestolpert.) Das ist vielleicht ein Grund dafür, dass die Grammatiken, Wörterbücher usw., so weit mir bekannt ist, keine Angaben dazu machen. Wir haben es hier meiner Meinung nach mit einer Art Lücke im aktuellen deutschen Sprachsystem zu tun: Wie fragt man mit wegen nach einer Person?

  • Die Formulierung wegen wem ist für viele rein umgangssprachlich.
  • Die Form wessentwegen ist veraltet und wird nicht/kaum mehr verwendet.
  • Die Form weswegen fragt nur nach Inhalten (umgangssprachlich wegen was).
  • Die Frage wegen welcher Person klingt meistens viel zu umständlich.

Es bleibt also nur noch wegen wessen übrig. Diese Form ist nicht falsch, denn sie entspricht dem, was bei der Anwendung der allgemeinen Regeln „herauskommt“. Sie klingt aber recht ungewöhnlich und kommt nur selten vor.

Ich kann Ihnen deshalb nur Folgendes empfehlen: Umgangssprachlich und sowieso im Süden des deutschen Sprachraums können Sie wegen wem verwenden. Wenn Ihnen diese Formulierung nicht zusagt oder gar ein Gräuel ist (der Dativ nach wegen löst bei manchen heftige allergische Reaktionen aus), dann kommt wegen wessen in Frage. Es klingt allerdings für viele, auch für mich, recht ungewöhnlich.

In einem formellen standardsprachlichen Text ist es deshalb vielleicht am besten, wenn möglich auf eine andere Formulierung auszuweichen – falls Sie dies nicht ohnehin schon unbewusst getan haben. Zum Beispiel:

Wegen wessen tun Sie das?
→ Für wen tun Sie das? oder
→ Wem zuliebe tun Sie das? oder
→ Auf wessen Veranlassung tun Sie das?

Wegen wessen bist du verärgert?
→ Wer hat dich verärgert?
→ Über wen ärgerst du dich?

Ich weiß, dass eine Antwort wie diese für diejenigen, die systematisches Vorgehen und Eindeutigkeit mögen, wenig befriedigend ist. Ich kann aber auch derentwegen keine Regel aufzeigen, die es nicht gibt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sechs Millionen fröhliche/fröhlicher Besucher kümmerte die Adjektivbeugung wohl wenig

Frage

Wieder taucht ein kleiner Zweifelsfall auf:

Jährlich kommen über 6 Millionen fröhliche/fröhlicher Besucher aus der ganzen Welt zum Oktoberfest.

Ich denke, es handelt sich um die starke Adjektivdeklination, ohne Artikel, Kardinalzahl, also „fröhliche“ (Nominativ Plural). Aber irgendwie klingt „fröhlicher“ auch nicht falsch. Wie komme ich nur darauf?

Oktoberfest

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

möglich sind tatsächlich beide Formulierungen:

Jährlich kommen mehr als 6 Millionen fröhliche Besucher zum Oktoberfest.
Jährlich kommen mehr als 6 Millionen fröhlicher Besucher zum Oktoberfest.

Das liegt daran, dass das Substantiv Million hier nicht als Zahlwort, sondern als Maßeinheit wie Pfund oder Tonne behandelt wird. Bei Mengenangaben gelten andere Regeln als bei den Kardinalzahlen.

Bei einer Mengenangabe kann das Gemessene als Apposition im gleichen Fall stehen wie die Maßeinheit:

Jährlich kommen mehr als 6 Millionen fröhliche Besucher.
ein Fest mit mehr als 6 Millionen fröhlichen Besuchern

Vgl.
Täglich werden 450 Tonnen frische Fische verkauft.
mit ungefähr drei Pfund gemahlenen Haselnüssen

Das Gemessene kann aber auch im Genitiv stehen (partitiver Genitiv):

Jährlich kommen mehr als 6 Millionen fröhlicher Besucher.
ein Fest mit mehr als 6 Millionen fröhlicher Besucher

Vgl.
Täglich werden 450 Tonnen frischer Fische verkauft.
mit ungefähr drei Pfund gemahlener Haselnüsse

Natürlich ist das Ganze noch ein kleines bisschen komplexer (siehe hier), aber hiermit sollte erklärt sein, weshalb im Beispielsatz oben auch die Form fröhlicher stehen kann.

Wenn Millionen in der Mehrzahl als unbestimmte Mengenangabe verwendet wird, gibt es sogar noch eine weitere Variante: die Präpositionalgruppe mit von (siehe hier):

Jährlich kommen Millionen fröhliche Besucher.
Jährlich kommen Millionen fröhlicher Besucher.
Jährlich kommen Millionen von fröhlichen Besuchern.

Kein Wunder, dass man bei dieser Variantenvielfalt unsicher werden kann! Deshalb gilt: am besten nicht zu viel darüber nachdenken, dann kommt es meistens gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bis einschließlich zum Dritten

Die Wendung bis einschließlich hat es anscheinend in sich. Ich halte sie eigentlich eher für überflüssig (siehe hier, zum Ersten), aber Sie sind natürlich nicht alle damit einverstanden und möchten sie trotzdem verwenden. Dabei kommt es manchmal zu Fragen zum Kasus, der bei bis einschließlich steht (vgl. hier, zum Zweiten). Und wie so oft bei Problemfällen spielt unser aller Lieblingskasus Genitiv eine Rolle – oder eben keine Rolle. Deshalb hier: bis einschließlich zum Dritten:

Frage

Ist in der folgenden Formulierung der Dativ oder der Genitiv richtig?

– bis einschließlich dem 6. Oktober 2013
– bis einschließlich des 6. Oktobers 2013

Ich tendiere wegen „einschließlich“ zum Genitiv.

Antwort

Guten Tag H.,

die Präposition einschließlich verlangt tatsächlich den Genitiv. Nach den Angaben in Wörterbüchern u. Ä. ist einschließlich in dieser Bedeutung aber keine Präposition, sondern ein Adverb. Als Adverb hat es keinen Einfluss auf den Fall der nachfolgenden Wortgruppe, das heißt, es steht hier kein Genitiv. Fallbestimmend ist bis, das allein stehend bei Zeitangaben den Akkusativ verlangt:

bis nächsten Sonntag → bis einschließlich nächsten Sonntag
bis diesen Freitag → bis einschließlich diesen Freitag
bis nächste Woche → bis einschließlich nächste Woche
vom zehnten bis fünfzehnten Oktober → vom zehnten bis einschließlich fünfzehnten Oktober.

Und entsprechend mit oder häufiger ohne Artikel:

bis einschließlich den 6. Oktober 2013
bis einschließlich 6. Oktober 2013 (= bis einschließlich sechsten Oktober 2013)

Man kann sämtliche Fallprobleme übrigens umgehen, indem man das Adverb einschließlich nachstellt:

bis zum sechsten Oktober 2013 einschließlich
bis 6. Oktober einschließlich (= bis sechsten Oktober einschließlich)

So viel zur „grammatisch korrekten“ Antwort. Die Formulierung

bis einschließlich dem 6. Oktober

kommt nämlich trotz des oben Gesagten sehr häufig vor. Sie lässt sich dadurch erklären, dass bis vor einschließlich gleich behandelt wird wie bis zu. Nach bis zu steht der Dativ:

bis zum 6. Oktober → bis zu einschließlich dem 6. Oktober → bis einschließlich dem 6. Oktober

Diese Formulierung kommt bei Datumsangaben so häufig vor, dass man sie eigentlich kaum als falsch bezeichnen kann. Aber vielleicht sollte man sich ohnehin überlegen, ob dieses ziemlich schwerfällig klingende einschließlich nicht besser einfach weggelassen werden kann:

bis zum 6. Oktober 2013

Nach allgemeinem Verständnis ist hier der 6. Okober einbegriffen, auch wenn weder davor noch dahinter einschließlich steht. Aber ich fange an mich zu wiederholen …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So, da wären wir

Es ist nicht erstaunlich, dass Deutschlernende sich bei einer Aussage wie derjenigen im Titel wundern, weshalb die Konjunktivform wären steht. Erstaunlich ist eigentlich eher, dass Muttersprachige sich nicht darüber wundern.

Frage

Why is Konjunktiv II preferred in this sentence: „Da wären wir“? This is the statement of someone who arrives at his/her destination, for instance in a taxi on the way home.

Warum wird in diesem Satz der Konjunktiv II bevorzugt: „Da wären wir“? Es ist die Aussage einer Person, die an ihrem Ziel angekommen ist, zum Beispiel in einem Taxi auf dem Weg nach Hause. [Antwort unten nur auf Deutsch]

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

in diesem Satz steht tatsächlich der Konjunktiv II:

So, da wären wir.

Es ist aber auch möglich, den Indikativ zu verwenden, ohne dass sich die Grundaussage wesentlich ändert:

So, da sind wir.

Die Hauptfunktion des Konjunktivs II ist es, mögliche, angenommene, nur gedachte, aber nicht reale Sachverhalte auszudrücken. Zum Beispiel:

Es wäre schön, wenn es so wäre.
An deiner Stelle wäre ich vorsichtig.
Wenn wir nur schon dort wären!

Im Satz, den Sie zitieren, ist der Sachverhalt aber nicht irreal, sondern ganz wirklich: „Wir“ sind tatsächlich am Zielort angekommen. Es geht hier um eine Verwendung des Konjunktivs II in Sätzen, die ein Resultat ausdrücken, das man meist mit einiger Mühe erreicht hat. Dieser besondere Konjunktiv II wird also nur bei Feststellung der folgenden Art verwendet (vgl. hier):

Da wären wir.
Das wäre geschafft!
Das hätten wir (endlich)!
Damit wäre die Lieferung komplett.

Die Sätze könnten auch im Indikativ stehen, es würde ihnen aber etwas fehlen: Je nach Betonung klingt hier mit dem Konjunktiv II ein kleiner Seufzer der Erleichterung oder ein zufriedenes Aufschnaufen durch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Für Babys wie mich

Frage

Wir haben eine Frage zur aktuellen Milupa-Werbung. Dort heißt es wörtlich: „Für lebhafte Babys, wie mich, oder mich, ist Muttermilch …“. Dabei sieht man Babys, die die jeweiligen Satzteile oder Wortfolgen als Schilder vor sich halten. Ich bin der Meinung, ohne eine korrekte Begründung dafür nennen zu können, dass „wie mich“ im Zusammenhang mit der Darstellung hier falsch ist. Ich denke, dass die Babys „wie ich“ auf ihren Tafeln halten müssten […].

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Formulierung wie mich in der Werbung des Babynahrungsherstellers ist nicht falsch. Ein mit wie eingeleitetes Attribut (Attribut = nähere Bestimmung) steht im Prinzip im gleichen Fall wie die Wortgruppe, auf die es sich bezieht (vgl. hier):

ein Mensch wie du
ein Baby wie ich
Babys wie ich

für einen Menschen wie dich
für ein Baby wie mich
für Babys wie mich

mit einem Menschen wie dir
mit einem Baby wie mir
mit Babys wie mir

Wenn man nun die einzelnen Schilder zu einem Satz zuzsammenfügt, sieht man, dass die Werbung ganz korrekt formuliert:

Für lebhafte Babys wie mich ist Muttermilch …
Für lebhafte Babys wie mich – oder mich – ist Muttermilch …

Es wäre auch möglich, hier wie ich zu verwenden. Die wie-Gruppe wird dann als verkürzter Vergleichssatz interpretiert (vgl. hier):

Für lebhafte Babys wie ich ist Muttermilch …
= Für lebhafte Babys, wie ich eines bin, ist Muttermilch …

In der Standardsprache wird die Übereinstimmung im Fall (für Babys wie mich) im Allgemeinen vorgezogen. Auch wenn der Werbebranche oft – und manchmal zu Recht – vorgeworfen wird, sie „verhunze“ die Sprache, ist also gegen die Texte dieser süßen schildertragenden Babys zumindest grammatisch nichts einzuwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wird oder werden mehr als eine Frage gestellt?

Frage

Wird das Verb im unten angegebenen Beispiel im Plural oder Singular benutzt?

„Mehr als eine Frage werden/wird gestellt?“

Antwort

Guten Tag A.,

im Prinzip ist es ganz einfach: Die gebeugte Verbform richtet sich nach dem Subjekt des Satzes. Ihre Frage zeigt aber, dass es doch nicht immer ganz so einfach ist.

Das Subjekt ist mehr als eine Frage. Die Person ist eindeutig: Es handelt sich um eine dritte Person. Beim Numerus wird es dann aber schwieriger: Ist mehr als eine Frage Einzahl oder Mehrzahl? Rein nach der Bedeutung ist es eine Mehrzahl. Schließlich ist eine Frage eine Einzahl, also muss mehr als eine Frage eine Mehrzahl sein. Trotzdem heißt es normalerweise:

Mehr als eine Frage wird gestellt.
Mehr als ein Gast hat sich beklagt.
In diesem Bericht wurde mehr als eine Datenquelle benutzt.

Es ist nicht üblich, hier das Verb im Plural zu verwenden. Das liegt daran, dass die Gegenwart der Einzahlform eine Frage so stark ist, dass sich das Verb nach dieser singularischen Form und nicht nach dem pluralischen Sinn richtet. Wenn wir nämlich eine Frage durch zwei Fragen ersetzen, muss das Verb auch im Plural stehen:

Mehr als zwei Fragen werden gestellt.
Mehr als zehn Gäste haben sich beklagt.
Im Bericht wurden mehr als hundert Datenquellen benutzt.

Das Verb richtet sich also bei Subjekten der Form mehr als nach der Substantivgruppe, die nach als steht. Dass Wendungen mit mehr als ein(e) eine pluralische Bedeutung haben, hat dabei keinen Einfluss auf die Verbform. Sie steht in der Einzahl. Das Substantiv ist also der Kern der Subjektgruppe – und mehr als ist „nur“ eine adverbialen Wendung, die das Zahlwort genauer bestimmt.

Ähnlich sind Formulierungen mit manche(r) und manch ein(e) im Singular:

Mancher Gast hat sich beklagt.
Manch eine Frage konnte nicht beantwortet werden.
Mancher Mensch lernt es nie.

Auch hier sind eindeutig mehrere Gäste, Fragen resp. Menschen gemeint. Trotzdem formulieren wir alles in der Einzahl. Das liegt daran, dass wir mit manch im Singular das Folgende ausdrücken (ich zitiere aus dem Duden, so schön kann ich selbst nicht formulieren):

einzelne Person od. Sache, die sich mit andern ihrer Art zu einer unbestimmten, aber ins Gewicht fallenden Anzahl summiert

Hier ist gewissermaßen der Nachdruck auf das Individuum / die individuelle Sache so stark, dass alles trotz pluralischer Gesamtbedeutung im Singular steht.

Ob es nun um mehr als ein oder manche(r) geht, in beiden Fällen richten wir uns bei der Formulierung des Satzes nach etwas anderem als der reinen Gesamtbedeutung. Und jetzt kommt, wie „Eingeweihte“ bereits vermuten, eine meiner Lieblingsschlussfolgerungen: Mit reiner Logik kommt man in der Sprache oft nicht weit. Manche Frage wurde mir aus diesem Grund gestellt und mehr als ein Blogeintrag schließt mit dieser Feststellung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zum Unterschied zwischen der Totale und der Illustrierten

Frage

Ich hätte mal wieder eine Frage, die mir Google leider nicht eindeutig beantworten kann. Es geht um die Totale als Einstellungsgröße beim Film. Beispiel: Die Kamera filmt die Begegnung in einer durchgehenden, statischen Totale(n). In dieser Form scheint kein Konsens zu bestehen, ob ein „n“ an die Totale gehängt wird; eine Regel hierzu ist mir leider nicht bekannt.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Wort die Totale als Bezeichnung einer Einstellungsgröße beim Film wird in der Regel wie ein „gewöhnliches“ Substantiv gebeugt. Es heißt also:

die Totale / in einer durchgehenden, statischen Totale

wie zum Beispiel:

die Straße / in einer durchgehenden Straße
die Aufnahme / in einer statischen Aufnahme

Die Beugung in einer … Totalen kommt allerdings auch vor. Das ist nicht einfach dumm und  falsch, sondern wie folgt zu erklären:

Weibliche Substantive, die auf e enden und abgesehen von der Großschreibung mit einem Adjektiv identisch sind, können zwei verschiedenen Beugungsklasse angehören:

Einerseits gibt es mit  -e von einem Adjektiv abgeleiteten Substantive, die wie andere weibliche Substantive gebeugt werden. Zum Beispiel:

die Breite / in der Breite / die Breiten, zwei Breiten
die Ebene / in einer Ebene / die Ebenen, zwei Ebenen
die Kontroverse / in einer Kontroverse / die Kontroversen, zwei Kontroversen
die Zentrale / in einer Zentrale / die Zentralen, zwei Zentralen

Anderseits gibt es substantivierte Adjektive, die auch als Substantive noch wie ein Adjektiv dekliniert werden. Zum Beispiel:

die Illustrierte / in einer Illustrierten / die Illustrierten, zwei Illustrierte
die Krachlederne / in einer Krachledernen / die Krachledernen, zwei Krachlederne

und natürlich viele weibliche Personenbezeichnungen:

die Angestellte / mit einer Angestellten / die Angestellten, zwei Angestellte
die Verdächtige / mit einer Verdächtigen / die Verdächtigen, zwei Verdächtige

Manchmal gibt es beide Beugungen nebeneinander:

das Interesse an der Fremde (an fernen Ländern)
das Interesse an der Fremden (an der fremden Frau)

die Vorteile einer Alternative (einer anderen Lösung)
die Meinung einer Alternativen (einer Frau, die einer Alternativbewegung angehört)

Größere Schwierigkeiten bereitet manchmal eine Gruppe von (meist) Fachwörtern, bei denen der Gebrauch zwischen substantivischer und adjektivischer Beugung schwankt:

a: die Diagonale / mit einer Diagonalen / die Diagonalen, zwei Diagonale
s: die Diagonale / mit einer Diagonale / die Diagonalen, zwei Diagonalen

a: die Parallele / mit einer Parallelen / die Parallelen, zwei Parallele
s: die Parallele / mit einer Parallele / die Parallelen, zwei Parallelen

(Gleiches oder Ähnliches gilt für zum Beispiel: die Horizontale, die Vertikale, die Waagrechte, die Senkrechte, die Variable.)

Es gibt hier also eine gewisse Unsicherheit, weil weibliche Substantive dieser Art zum Teil substantivisch und zum Teil adjektivisch gebeugt werden – und einige sogar nach beiden Deklinationsmustern. Ein Wort wie Totale könnte zu beiden Gruppen gehören, sollte aber (zumindest nach den Angaben in den Wörterbüchern) wie ein Substantiv gebeugt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das teure Hotel und der Gegenwartsbezug

Frage

Es geht darum, zwei Sätze zu verbinden: „Ihr wart in einem Hotel in New York“ und „Das Hotel ist/war teuer“.  Nun ist die Frage, ob es da zwei Möglichkeiten gibt oder die eine besser als die andere ist?

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer ist.

Oder heißt es am Ende:

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer war.

Ich meine, dass beide Lösungen i. O. sind. Und was meinen Sie?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

Ihre Frage zielt eigentlich darauf, ob es eine obligatorische Zeitenfolge gibt. Zuerst die allgemein Antwort, die für Liebhaber und Liebhaberinnen strenger Regeln enttäuschend, aber für „Freiheitsliebende“ eher erfreuliche sein mag: Im Gegensatz zu anderen Sprachen kennt das Deutsche keine streng geregelte Folge der Zeiten. In längeren geschriebenen Texten herrscht zwar gewöhnlich das Präsens oder das Präteritum vor, aber es gibt keine obligatorische Zeitenabfolge in aufeinanderfolgenden Sätzen (Consecutio Temporum; wenn Satz a im Tempus x, dann Satz b „zwangsläufig“ im Tempus y). Nur bei Nebensätzen und den ihnen übergeordneten Sätzen gibt es gewisse Tendenzen, die hier angedeutet werden.

In Ihrem Beispielsatz haben wir es mit zwei möglichen Sehensweisen oder Aspekten zu tun, die bei der Wahl der Verbform zu einem unterschiedlichen Resultat führen. Damit meine ich eigentlich nur: Auch ich finde beide Formulierungen richtig.

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer ist.

Bei der Verwendung der Präsensformt ist wird davon ausgegangen, dass es das Hotel zum Sprechzeitpunkt noch gibt und dass es immer noch teuer ist. Es gibt einen deutlichen Gegenwartsbezug. Eine mögliche Gesprächssituation wäre, dass jemand ebenfalls an Hotels in New York interessiert ist.

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer war.

Bei der Verwendung der Präteritumsform war wird nichts über den gegenwärtigen Zustand des Hotels gesagt. Es gibt keinen direkten Gegenwartsbezug. Das Hotel kann noch bestehen und immer noch teuer sein, es kann aber auch geschlossen oder ausgesprochen billig geworden sein. Die Formulierung bleibt innerhalb der Schilderung von etwas Vergangenem. Sie könnte zum Beispiel ein interessierter oder höflicher Kommentar zu einem Reisebericht sein.

Die Wahl der Zeitform hängt also vom weiteren Kontext ab. Wichtig ist hier nicht ein zeitliches Verhältnis zwischen zwei Teilsätzen (z.B. Gleichzeitigkeit oder Nachzeitigkeit), sondern die Frage, ob in einem Teilsatz ein Bezug zur Gegenwart besteht. Das ist auch in den folgenden, „selbstgestrickten“ Beispielsätzen der Fall:

Ohne direkten Gegenwartsbezug:

Ich traf dort eine Frau, die im Zirkus arbeitete.
Er sang ein Lied, das mir gut gefiel.
Ich wusste, dass er in Salzburg wohnte.

Mit Bezug auf die Gegenwart:

Ich traf dort eine Frau, die im Zirkus arbeitet.
Er sang ein Lied, das mir gut gefällt.
Ich wusste, dass er in Salzburg wohnt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp