Trennbare Verben

Eine Frage, die immer wieder einmal auftaucht und deren Beantwortung den meisten Muttersprachigen einiges Kopfzerbrechen bereiten kann:

Frage

In Singapur hatte ich eine interessante Diskussion mit einer Deutschstudentin. Ich konnte ihr leider nicht erklären, warum Verben teilweise im Satzbau getrennt werden (als Native-Speaker man macht es ja intuitiv richtig). Z.B. abfahren: Heute fährt Sven um 15 Uhr ab. Oder einkehren: Ich kehrte abends in eine Gastwirtschaft ein. Wie läßt sich dies grammatikalisch genau erklären und wie ist hier die Regel? Vielen Dank! G.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

nicht nur in Singapur, sondern auch an anderen Orten wundern sich Anderssprachige über gewisse deutsche Verben. Es geht hier nämlich um die sogenannten trennbaren Verben. Wenn sie in einem Hauptsatz stehen, wird der erste Teil abgetrennt und ganz an den Schluss des Satzes gestellt:

abfahren: Heute fährt Sven um 15 Uhr ab.
einkehren: Ich kehrte abends in eine Gastwirtschaft ein.
herumtreiben: Er treibt sich wieder irgendwo herum.

Man erkennt die trennbaren Verben im Allgemeinen daran, dass sie auf dem ersten Teil betont sind:

abfahren
einkehren
herumtreiben

Untrennbare Verben werden auf dem Verbstamm betont:

verfahren: Heute verfährt Sven sich sicher wieder.
betreiben: Sie betreibt eine Gastwirtschaft.

Diese Unterscheidung kann ziemlich wichtig sein. Ein bekanntes Beispiel ist das folgende:

umfahren: Er umfährt den Polizisten.
umfahren: Er fährt den Polizisten um.

Damit ist aber noch nicht alles gesagt, denn die Trennung gilt nur in Hauptsätzen. In Nebensätzen bleiben auch die trennbaren Verben ungetrennt:

…, dass Sven heute um 15 Uhr abfährt.
…, als ich abends in eine Gastwirtschaft einkehrte.
…, wenn er sich wieder irgendwo herumtreibt.

…, obwohl Sven sich sicher wieder verfährt.
…, weil sie eine Gastwirtschaft betreibt.

Das zwingt uns manchmal (aber wirklich nur ganz selten), einen Satz in der geschriebenen Form umzuformulieren, da es sonst zu ziemlich ernsten Missverständnissen kommen kann:

Es ist besser, wenn du den Polizisten umfährst.

Sie finden diese Informationen auch in unserer Grammatik: Trennbare Verben.
Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kein e bei „lädt“?

Es folgt eine Frage, die uns Muttersprachler(innen) trotz ihrer Einfachheit in akuten Erklärungsnotstand bringt. Warum? Weil wir in Fällen wie diesen meist gar nicht wissen, dass es ein Problem überhaupt gibt. Ohne in der Grammatik nachzuschlagen hätte ich jedenfalls die Antwort nicht gewusst. Und für die Deutschlernenden mag die Frage ein Trost sein, wenn nicht immer alles ganz perfekt geht: Es gibt einfach viel zu viele Regeln und Ausnahmen.

Frage:

Warum konjugieren wir die er/sie/es-Form von laden als lädt? Der Verbstamm hat ein -d am Ende, dann müsste die Form doch lädet sein.

Antwort:

Sehr geehrte Frau J.,

die allgemeine Regel lautet tatsächlich, dass u.a. in der 3. Person Einzahl Indikativ Präsens bei Verbstämmen, die auf d enden, ein e eingeschoben wird:

baden -> er/sie/es badet (nicht badt)
enden -> er/sie/es endet (nicht endt)
reden -> er/sie/es redet (nicht redt)
usw.

Siehe Grammatik, e-Erweiterung.

So weit, so gut. Diese Regel ist nicht allzu kompliziert. Aber wie so oft geht es natürlich nicht ohne Ausnahmen: Wenn der Verbstamm umgelautet oder abgelautet wird, dann darf kein e eingeschoben werden:

laden -> er/sie/es lädt (nicht: lädet)
treten -> er/sie/es tritt (nicht: trittet)

Siehe Grammatik, Ausnahmen zur e-Erweiterung. Sie finden diese Information u.a. indem sie bei der Flexionsansicht des Verbs laden unter Besonderheiten auf den Link „e-Erweiterung“ klicken.
Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer sind das? Was sind das?

Eine Frage, die im Internetformum „Deutsch als Fremdsprache“ diskutiert wurde, und zu der man mich um meine Meinung bat, beschäftigt sich damit, ob man im Deutschen Wer sind das? und Was sind das? sagen kann. Hier meine Antwort:

Auch mein Sprachgefühl sagt mir, dass die Fragen

Was sind das?
Wer sind das?

nicht korrekt formuliert sind. Ein Erklärungsversuch:

Die Fragewörter wer und was stehen im Prinzip mit dem Singular:

Wer wohnt dort?
Was geht hier vor?

Das ändert sich, wenn das Verb sein ist und ein Prädikativ im Plural folgt. Dann richtet sich das Verb nach dem Prädikativ:

Wer sind diese Leute?
Was sind Kaugummifrösche?

Bei den Konstruktionen

Was sind das, Adenome?
Adenome, was sind das?
Wer sind das, die anderen?
Diese Leute, wer sind das?

wird es schon schwieriger zu erklären, weshalb genau der Plural steht oder stehen darf. Auf jeden Fall ist das pluralische Element, für das das steht, explizit im Satz enthalten.

Letzteres scheint im Deutschen eine Bedingung zu sein, damit das Verb sein nach wer oder was im Plural stehen darf. Deshalb werden die isolierten Fragen

Wer sind das?
Was sind das?

nicht mehr als korrekt empfunden. Sowohl wer resp. was als auch das sind im Prinzip singularische Elemente und es steht kein anderes pluralisches Element im Satz, das eine Pluralform des Verbs unterstützen würde. Ein impliziter Verweis auf ein pluralisches Element außerhalb des Satzes scheint hier nicht auszureichen.

Sie haben recht, dass das sich auch auf nicht sächliche und nicht singularische Nomen beziehen kann. Aber auch hier gilt, dass dann das nicht sächliche oder nicht singularische Nomen explizit im Satz genannt wird. Vgl.

Das ist mein Wagen.
Das sind meine Kinder.

Dies ist auch keine knallharte Grammatikregel, wie wir sie normalerweise gerne hätten. Eine solche darf auch erst nach genauerer Untersuchung in größeren Textmengen formuliert werden. Ich hoffe aber trotzdem, dass die Antwort etwas deutlicher macht, weshalb das Sprachgefühl vieler hier offenbar keine Pluralform zulassen will.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verbformen mit „sein“, Aktiv oder Passiv?

Auch Grammatikfragen werden an Canoonet gestellt:

Wir sitzen derzeit über der Frage: was ist der Unterschied zwischen Aktiv und Zustandspassiv; es war passiert, es war besetzt, er war angekommen, er war überzeugt, es war eingezäumt. Welche Erkennungsmerkmale gibt es?

Für einen Hinweis wären wir dankbar!!

Antwort:

Sehr geehrte Frau B.,

Der wichtigste Unterschied liegt in der Bedeutung. Beim Aktiv tut/tat jemand etwas, geschieht/geschah etwas. Mit dem Zustandspassiv wird das Resultat einer Handlung oder eines Geschehens ausgedrückt. Siehe in Canoonet Aktiv und Passiv, Bedeutung.

Dieser Unterschied ist aber offenbar nicht immer ganz so einfach ersichtlich, vor allem dann nicht, wenn man Vergangenheitsformen verwendet. Deshalb hier ein paar formale Faustregeln:

Im Wörterbuch steht, mit welchem Hilfsverb ein Verb die Formen der Vergangenheit bildet. Wenn ein Verb, das die Vergangenheit mit haben bildet, mit dem Hilfsverb sein steht, handelt es sich in der Regel um ein Zustandspassiv:

besetzen, Hilsverb haben:
er hat die Stadt besetzt = Aktiv, Vorgegenwart
die Stadt ist besetzt = Zustandspassiv, Gegenwart

Verben, die die Vergangenheit mit sein bilden, können kein Zustandspassiv haben. Wenn ein solches Verb mit sein steht, handelt es sich somit um das Aktiv:

passieren, Hilfsverb sein:
es ist passiert = Aktiv, Vorgegenwart

Ein Zustandspassiv (sein-Passiv) kann in ein Vorgangspassiv (werden-Passiv) oder ein Aktiv mit man umgewandelt werden:

es war besetzt – es wurde besetztman besetzte es
er ist überzeugt – er wird überzeugtman überzeugt ihn

Bei einer mit sein gebildeten Form des Aktivs, ist dies nicht möglich:

es war passiert NICHT: es wurde passiert NICHT: man passierte es
er ist angekommen NICHT: er wird angekommen NICHT: man kommt ihn an

Weitere Informationen hierzu finden Sie in Canoonet unter Zustandspassiv und andere Konstruktionen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

wiederherstellen, wiederaufnehmen usw.

Herr K. schreibt:

Guten Tag!

Es hat mich sehr verblüfft, daß Ihr großartiges Canoonet das Wort „wiederherstellen“ nicht kennt. Die Form „wiederHERGESTELLT“ wird nur vom „Unknown Word Analyzer“ zerlegt.

Bekannt ist hingegen: „Wiederherstellung“

Andererseits kennt Canoonet das vergleichsweise viel seltenere Wort „wiederverwerten“.
Anzahl Google-Treffer:
3.650.000 für „wiederherstellen“ ohne „wieder herstellen“
1.630.000 für „wiederhergestellt“ ohne „wieder hergestellt“
53.400 für „wiederverwerten“ ohne „wieder verwerten“
134.000 für „wiederverwertet“ ohne „wieder verwertet“

Haben Sie eine Erklärung für das Fehlen von „wiederverwerten“?

Ich hoffe, dieses Feedback war Ihnen nicht nur eine Freude sondern auch eine Hilfe!

Schöne Grüße aus Wien

Antwort:

Sehr geehrter Herr K.,

Wir danken Ihnen für Ihr Interesse an unseren Sprachseiten, für Ihren Hinweis und natürlich auch für das „großartig“.

Dass das Verb „wiederherstellen“ im Gegensatz zu „wiederverwerten“ nicht in Canoonet zu finden ist, hat einen technischen Grund. So suchen Sie auch vergeblich nach zum Beispiel: wiederaufnehmen, wiedereinstellen, wiedergutmachen u.a.

Diese trennbaren Verben haben gemeinsam, dass sie im Hauptsatz nicht wie gewöhnliche trennbare Verben in zwei, sondern in drei Teile auseinanderfallen. Vergleichen Sie zum Beispiel:

wiederverwerten: Die Winzer nehmen die Flaschen zurück und verwerten(1) sie wieder(2).

ABER:
wiederherstellen: Entspannungsübungen stellen(1) das innere Gleichgewicht wieder(2) her(3).
wiedergutmachen: Wie mache(1) ich dieses Unrecht wieder(2) gut(3)?

Dies bedingt, dass einerseits eine neue Art der Datenerfassung und -aufbereitung und andererseits eine neue Darstellungsart für unsere Flexionstabellen eingeführt werden muss. Das ist natürlich nicht unmöglich, aber leider für die geringe Anzahl von Verben im Moment technisch zu aufwändig. Wir hoffen aber, das Fehlen dieser Verben in Zukunft einmal beheben zu können.

Und wir hoffen auch, dass Sie Canoonet dank der beinahe 20.000 anderen Verben trotzdem noch ein bisschen großartig finden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

erleuchtet haben

Herr S. schreibt:

Hallo zusammen,

wie sagen die erleuchteten Redakteure? Ich habe erleuchtet, oder ich bin erleuchtet?

Viel Spaß

Antwort:

Sehr geehrter Herr S.,

erleuchtete Redakteure werden wohl eher sagen, dass sie erleuchtet sind. Redakteure können aber durchaus auch sagen, dass sie etwas erleuchtet haben.

Das Verb „erleuchten“ steht mit dem Hilfsverb „haben“, d.h. das Perfekt (die Vorgegenwart) wird mit „haben“ gebildet. Siehe Eintrag „erleuchten“ in Canoonet.

Dies gilt sowohl für den wörtlichen als auch für den übertragenen Sinn:

„Er hat den Raum mit einer Taschenlampe erleuchtet.“
„Dieses Buch hat ihn in seinem ganzen Leben am meisten erleuchtet.“

Diese Sätze können in das Zustandspassiv gesetzt werden:

„Der Raum ist [von einer Taschenlampe] erleuchtet.“
„Er ist [durch dieses Buch] erleuchtet.“

Ein erleuchteter Raum oder ein erleuchteter Redakteur ist also erleuchtet (= Zustandspassiv), weil ihn jemand oder etwas erleuchtet hat (= Perfekt).

Die Angabe des Hilfsverbes in Wörterbüchern bezieht sich immer auf die Bildung der Formen des Perfekts. Sie wird deshalb gemacht, weil die Formen des Perfekts je nach Verb mit „haben“ oder mit „sein“ gebildet werden („ich habe gegessen“ vs „ich bin gegangen“). Für die Bildung des Zustandspassiv muss keine Angabe gemacht werden, da die Verben, bei denen es möglich ist, es immer mit „sein“ bilden.

Aus diesem Grund gibt unser Wörterbuch an, dass das Verb „erleuchten“ mit dem Hilsverb „haben“ steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„untergenommen“

Frau Q schreibt:

Liebes Wörterbuch-Team

Wäre es möglich, nähere Infos zur Bedeutung des trennbaren (!) Verbs „unternehmen“ zu bekommen?

Wir sind ein Team von Deutschlehrern, hauptsächlich Germanisten, denen das Partizip untergenommen zum ersten Mal in Ihrem Web-Wörterbuch begegnet ist (alle uns vorliegenden Wörterbücher nennen ausschliesslich die untrennbare Form–> Duden, Wahrig, Hueber, Langenscheidt). Einer unserer Schüler hat Anstrengungen „unter(ge)nommen“ und uns auf diese Form im Netz aufmerksam gemacht. Leider nennt jedoch auch Canoo nur für die uns allen bekannte untrennbare Form verschiedene Bedeutungen.

Handelt es sich bei „untergenommen“ nun um einen Fehler oder sollte es dieses Verb tatsächlich geben? Ist es vielleicht eine regionale Besonderheit oder eine veraltete Form?

Ich danke im Voraus stellvertretend für das Team für die Anstrengungen, die Sie diesbezüglich unternehmen :o)

Mit freundlichen Grüssen

Antwort:

Sehr geehrte Frau Q.,

Es gibt ein trennbares Verb „unternehmen“. Es kommt allerdings bei weitem nicht so häufig vor wie das untrennbare Verb und gilt als umgangssprachlich. Seine Bedeutung ist: „unter den Arm nehmen“. Das ‚Große Wörterbuch der deutschen Sprache in zehn Bänden‘ des Dudenverlages gibt folgenden Beispielsatz an: „Er hat das Kind untergenommen“.

Wir würden gerne für alle ca. 250.000 Einträge in unserem Wörterbuch eine Bedeutungserklärung, Gebrauchsinformationen usw. zur Verfügung stellen. Dies ist uns aber nur schon wegen des Umfangs der Aufgabe z.Z. noch nicht möglich. Deshalb finden Sie leider in Canoonet keine zusätzlichen Angaben zu diesem Verb.

Der kostenlose Online-Sprachservice Canoonet wird durch die WMTrans-Produkte der Canoo Engineering AG ermöglicht. Er entstand in Kooperation zwischen Mitarbeitern der Universität Basel, der Vrije Universiteit Amsterdam, des IDSIA Lugano und der Canoo Engineering AG.

Das Canoo-Wörterbuch baut auf verschiedenen elektronischen und traditionellen Wörtersammlungen (z.T. die von Ihnen genannten) auf, die durch weitere Quellen ergänzt werden. Jeder Eintrag ist durch unser Lexikographenteam einzeln in die Datenbank aufgenommen worden – wo nötig nach Prüfung mit Hilfe von anderen Wörterverzeichnissen und Webbrowsern

Die Angaben des Bedeutungswörterbuches durften wir von der Universität Tübingen übernehmen.

Wir hoffen, Sie hiermit ausführlich und schnell genug informiert zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp