Dasselbe ist meist auch das Gleiche

Vor allem aus dem Bereich Deutsch als Fremdsprache erreichen mich immer wieder Fragen zu demselben / zum gleichen Thema. Das liegt aus meiner Sicht vor allem daran, dass einige hier etwas zu einer strengen Regel erheben, was in Wirklichkeit gar nicht so streng gehandhabt wird. Ich werde versuchen, hier anhand einer schon etwas älteren Frage „ein für allemal“ Klarheit zu verschaffen (was mir natürlich nicht gelingen wird):

Frage

Sprechen Rumänen und Moldawier die gleiche oder dieselbe Sprache? Gibt es einen Unterschied zwischen „das Gleiche“ und „dasselbe“?

Antwort

Sehr geehrte Frau A.,

mit der/die/das gleiche drückt man Identität aus:

Er trägt das gleiche T-Shirt wie gestern.
Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft.
Sie geht in die gleiche Schule wie Maria.
Ich kaufe das gleiche Smartphone wie du.
Rumänen und Moldawier sprechen die gleiche Sprache.

Mit derselbe/dieselbe/dasselbe drückt man ebenfalls Identität aus, aber meist „nur“ Identität des Einzelnen, also wenn es um ein und dasselbe geht:

Er trägt dasselbe T-Shirt wie gestern.
Sie geht in dieselbe Schule wie Maria.
Rumänen und Moldawier sprechen dieselbe Sprache.

Man verwendet derselbe/dieselbe/dasselbe eher nicht, wenn es um Identität der Art geht:

besser nicht: Sie haben beide dasselbe T-Shirt gekauft.
sondern: Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft.

besser nicht: Ich habe dasselbe Smartphone in Weiß.
sondern: Ich habe das gleiche Smartphpone in Weiß.

Faustregel: Der/die/das gleiche X geht immer, derselbe/dieselbe/dasselbe X bei Identität des Einzelnen. Wenn Sie unsicher sind, was Sie nehmen sollen, wählen Sie besser der/die/das gleiche X, das ist fast immer richtig.

Das ist aber nicht ganz alles: Wenn es zu Missverständnissen kommen kann, drückt der/die/das gleiche besser die Identität der Art und derselbe/dieselbe/dasselbe besser die Identität des Einzelnen aus:

Sie fahren beide denselben Wagen (= ein Auto, in dem beide fahren)
Sie fahren beide den gleichen Wagen (= zwei Autos der gleichen Marke)

Da in Ihrem Beispiel kein solches Missverständnis entstehen kann, können Sie sowohl dieselbe Sprache also auch die gleiche Sprache verwenden:

Rumänen und Moldawier sprechen dieselbe / die gleiche Sprache.

So und ähnlich sehen dies u. a. LEOs deutsche Grammatik, DWDS und die Dudengrammatik (8. Aufl., 2009, Randnr. 382).

ABER: Es gibt auch Grammatiken, die den Sonderfall zur allgemeinen Regel erheben und behaupten, dass man immer unterscheiden müsse, das heißt, dass man das gleiche X ausschließlich bei Identität der Art verwenden dürfe. Nach diesen Grammatiken, die noch häufig im Fremdsprachenunterricht verwendet werden, dürfte man also nur dieselbe Sprache sagen.

Die strenge Unterscheidung zwischen dasselbe und das gleiche kann noch relativ gut bei Kleidern und Autos, also den Standardbeispielen angewandt werden. Bei abstrakten Begriffen wie zum Beispiel Gefühlen, Gedanken und Vorstellungen grenzt es aber oft ans Philosophische, diese Unterscheidung machen zu wollen. Bei den folgenden Beispielen ist der Unterschied nur nach längerer Denkarbeit oder gar nicht zu erklären:

im selben Moment
im gleichen Moment

Ich habe dieselbe Geschichte schon einmal gehört.
Ich habe die gleiche Geschichte schon einmal gehört.

Sie hatten beide dieselbe Idee.
Sie hatten beide die gleiche Idee.

Wir sind zu derselben Schlussfolgerung gekommen.
Wir sind zur gleichen Schlussfolgerung gekommen.

Du sagst jeden Tag dasselbe.
Du sagst jeden Tag das Gleiche.

Die strenge Unterscheidung dasselbe – das gleiche ist künstlich und in vielen Bereichen auch sehr unpraktisch. Statt dasselbe X kann – auch im Standarddeutschen – das gleiche X stehen. Das kommt auf dasselbe oder eben aufs Gleiche heraus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine Unabhängigkeit?

Frage

Habe eben im Radio folgenden Satz gehört:

Die Katalanen sollen über eine Unabhängigkeit abstimmen.

Ich empfinde den unbestimmten Artikel als grammatikalisch falsch. Was ist Ihre Meinung?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

wenn man diesen Satz isoliert betrachtet, ist der unbestimmte Artikel eine stilistisch unschön. (Es könnte sich um typische Journalistensprache handeln.) Gemeint ist die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien. Dann ist der bestimmte Artikel üblich:

Die Katalanen sollen über die Unabhängigkeit (von Spanien) abstimmen.
Die Schotten haben sich gegen die Unabhängigkeit entschieden.

Es ist aber keineswegs ausgeschlossen, Unabhängigkeit mit dem unbestimmten Artikel zu verwenden. Hier zwei (deutlich soeben von mir erfundene) Beispiele:

Die Katalanen sollen über eine Unabhängigkeit abstimmen, die die Zugehörigkeit zur EU in Frage stellt.
Die Katalanen sollen über eine Unabhängigkeit abstimmen, welche die Einheit von Spanien weniger gefährdet.

Mit eine Unabhängigkeit ist dann eine Art von Unabhängigkeit gemeint. Das Wort Unabhängigkeit kann zwar als abstrakter Allgemeinbegriff nicht mit dem unbestimmten Artikel (und nicht im Plural) stehen, aber wenn eine von anderen abgrenzbare Art der Unabhängigkeit gemeint ist, kann man auch von einer Unabhängigkeit reden.

Wenn im Radiobericht nicht, wie ich vermute, allgemein von der Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien die Rede war, sondern von einer Art, die Unabhängigkeit zu gestalten, die sich von anderen möglichen Arten der Unabhängigkeit unterscheidet, dann könnte eine also doch die richtige Artikelwahl gewesen sein. Ohne Kontext lässt sich das aber nicht entscheiden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Salsasauce und Diebstahl

Wenn Sie sich über Ausdrücke wie La-Ola-Welle und Salsasauce wundern oder gar ärgern, können Sie wahrscheinlich spanisch. Wenn Sie sich fragen, was an diesen Wörtern nicht stimmen könnte: Es sind Tautologien oder Pleonasmen, das heißt Ausdrücke, die zweimal dasselbe ausdrücken (ola = sp. für Welle, salsa = sp. für Sauce). Solches „doppelt Gemoppelte“ gibt es immer wieder, manchmal aus Unkenntnis eines (Fremd)-Wortes, manchmal bewusst zur Erzeugung eines bestimmten Effektes und manchmal auch einfach, weil es praktischer und verständlicher ist.

Solche tautologischen oder pleonastischen Ausdrücke werden oft sehr kritisch beurteilt. Was ist aber so falsch an La-Ola-Welle, wenn kein Mensch weiß, was la ola bedeutet? Und Salsa mag dann im Spanischen einfach Sauce bedeuten, in der deutschsprachigen Küche und Gastronomie wird damit in der Regel eine bestimmte mexikanische Zubereitungsart mit Chili, Tomaten, Zwiebeln und anderen Zutaten bezeichnet. So hat man dann am Grillfest die Wahl zwischen Barbecue-, Knoblauch- und Salsasauce. Es gibt schließlich auch den lateinamerikanischen Tanz mit dem Namen Salsa, und den meinen wir ja nicht, wenn wir Sauce neben das Gegrillte auf den Teller schöpfen.

Ich will nun nicht alle Tautologien, Pleonasmen und Redundanzen verteidigen. Auch ich finde, dass man nicht bereits schon sagen, sondern sich für eines der beiden Wörter entscheiden sollte. Ich meine nur, dass Doppelungen häufig nicht einfach falsch oder überflüssig sind. Manchmal geht es um die Erzeugung eines komischen Effekts (Nur über meine tote Leiche!), manchmal um Verdeutlichung (Im Land der Zwerge ist ein kleiner Zwerg kleiner als ein großer) und manchmal sind sie praktischer und verständlicher als die einfache Formulierung (HIV-Viren statt „korrekt“ HI-Viren oder HIVs). Im Umgang mit solchen Ausdrücken und Wendungen braucht man keine Liste mit „richtig“ und „falsch“, sondern ein bisschen Fingerspitzengefühl.

Tautologien sind übrigens nichts Neues. Ein schönes Beispiel ist das Wort Diebstahl. Es war mir nie aufgefallen, bis ein Kalenderblatt mich kürzlich darauf hingewiesen hat. Es hieß schon im Mittelhochdeutschen diupstāle, diepstāl. Der erste Teil ist mit dem heutigen Dieb verwandt und bedeutete Diebstahl, Gestohlenes. Der zweite Teil ist natürlich mit stehlen verwandt und bedeutete auch Stehlen. Diebstahl ist also eigentlich gestohlenes Diebesgut – doppelt Gemoppeltes vom Feinsten!

Vielleicht geschieht mit Salsasauce einmal dasselbe wie mit Diebstahl: Das Wort wird als eigenes Wort lexikalisiert und fällt niemandem mehr als Tautologie auf. Vielleicht gerät die Sauce aber auch einfach wieder in Vergessenheit. Saucen unterliegen Trends und Moden, Diebstähle wird es wohl immer geben.

Im vierzehntägigen Rhythmus?

Ich habe mich zuerst gefragt, was an vierzehntägiger Rhythmus falsch sein soll. Warum es falsch sein könnte und ich es letztlich dennoch nicht für falsch halte, lesen Sie hier:

Frage

Auf einer Webseite, die ein Kollege von mir überarbeitet, ist von mehreren Gruppenangeboten die Rede. Bezüglich jener Gruppen, die nicht jede, sondern nur jede zweite Woche stattfinden, steht da: „Bei Gruppen mit 14-tägigem Rhythmus bitte die Termine telefonisch […] erfragen.“ Nun wurde ich gefragt, ob es nicht „mit 14-täglichem Rhythmus“ heißen muss, denn laut Duden bedeutet 14-tägig zwei Wochen dauernd, 14-täglich hingegen sich alle zwei Wochen wiederholend. Dennoch klingt „mit 14-täglichem Rhythmus“ irgendwie komisch. Um ganz sicher zu gehen, frage ich Sie.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

wenn man es genau nimmt und die genannte Unterscheidung zwischen –tägig und –täglich streng anwendet, passt hier weder vierzehntägig noch vierzehntäglich:

vierzehntägig = vierzehn Tage dauernd
vierzehntäglich = im Abstand von 14 Tagen wiederkehrend

Nicht der Rhythmus, sondern der Abstand zwischen zwei Treffen ist vierzehn Tage dauernd. Nicht der Rhythmus, sondern die Treffen sind im Abstand von vierzehn Tagen wiederkehrend. Wenn Sie es also ganz genau nehmen, weichen Sie aus auf zum Beispiel:

bei Gruppen mit einem 14-Tage-Rhythmus
bei Gruppen mit einem Rhythmus von 14 Tagen
bei Gruppen, die sich in vierzehntägigem Abstand treffen

Ganz so streng müssen Sie aber in diesem Fall nicht sein. Oft ist es recht wichtig, welche Form man wählt (vgl. hier). So freuen sich die Großeltern vielleicht über den vierzehntäglichen Besuch der fünf dynamischen Enkelkinder, aber ein vierzehntägiger Besuch wäre ihnen doch etwas zu anstrengend. Ich finde dreimonatliche Arbeitstreffen eindeutig weniger belastend als dreimonatige Arbeitstreffen. In Verbindung mit Rhythmus ist diese Verwechslungsgefahr aber nicht gegeben. Sie können es deshalb auch ein bisschen weniger genau nehmen und die häufig vorkommende und gut verständliche Formulierung mit vierzehntägig verwenden:

bei Gruppen mit vierzehntägigem Rhythmus

Das Adjektiv vierzehntägig drückt hier nur aus, dass der Rhythmus etwas mit vierzehn Tagen zu tun hat, womit eigentlich alles klar wäre. Ein kleines Wort der Warnung ist allerdings angebracht: Wenn Sie sich für die Formulierung mit vierzehntägigem Rhythmus entscheiden, sind Kopfschütteln oder Kommentare von Menschen, die es ganz genau nehmen, nicht auszuschließen …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So groß wie ein Fünfcentstück

Eine Frage aus dem Bereich der Wortungetümkandidaten. Unter Wortungetümen verstehe ich nicht nur ganz lange Wörter, sondern auch Zusammensetzungen mit einer komplizierten Struktur. Heute geht es um zwei Wörter, die vielleicht nicht ganz das Prädikat „Wortungetüm“ verdienen, bei denen man sich aber doch überlegen sollte, ob eine Umschreibung nicht leserfreundlicher wäre.

Frage

Wie schreibt man eigentlich „Zweieurostück-groß“, „5-Cent-Stück-groß“ und Ähnliches? Also es geht um Dinge, die so groß sind wie ein Zweieurostück oder ein Fünfcentstück. Was wird hier groß- oder kleingeschrieben? Kommen Bindestriche hin und, wenn ja, wo?

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

wenn Sie mit einem Wort beschreiben möchten, dass ein Ding so groß ist wie ein Zweieurostück oder ein Fünfcentstück, gibt es auf der Ebene der Rechtschreibung verschiedene Lösungen:

zweieurostückgroß; ein zweieurostückgroßes Ding
fünfcentstückgroß; eine füncentstückgroße Sache

Zweieurostück-groß; ein Zweieurostück-großes Brandloch
Fünfcentstück-groß; eine Fünfcentstück-große Wunde

2-Euro-Stück-groß; ein 2-Euro-Stück-großer Rostfleck
5-Cent-Stück-groß; die 5-Cent-Stück-großen Farbkleckse

*In Verbindungen mit Bindestrich werden die Substantive großgeschrieben, auch wenn der Gesamtbegriff wie hier ein Adjektiv ist. Siehe hier.

Da ich immer für Zurückhaltung bei der Verwendung des Bindestrichs bin, würde ich mich unter Bedrohung mit einer geladenen Pistole für die erste Variante entscheiden. Meine unverbindliche Empfehlung für bessere Lesbarkeit ist aber eine ganz andere:

ein Ding, das so groß ist wie ein Zweieurostück
eine Sache von/mit der Größe eines Fünfcentstücks

Das ist nicht ganz so kurz und „schnittig“ formuliert, aber es liest sich einfacher.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das ziemlich altertümliche »derselben«

Ein etwas verstaubt klingendes und wohl gerade deshalb gehoben anmutendes Wort ist derselben, wenn damit nicht der Gleichen gemeint ist. Wie wird es verwendet?

Frage

Darf man „derselben“ synonym für „deren“ verwenden? Zum Beispiel

eine Wohnung, deren Eigentümer sich in Frankreich aufhält
eine Wohnung, derselben Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Ob es eigentümlich klingt, spielt keine Rolle, lediglich, inwiefern es grammatikalisch noch zu akzeptieren wäre.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Demonstrativpronomen der-/die-/dasselbe wird nicht als Relativpronomen verwendet. Es heißt also nicht:

*eine Wohnung, derselben Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Hier sollte die Genitivform deren stehen:

eine Wohnung, deren Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Der-/die-/dasselbe wird also nicht als Relativpronomen verwendet. Es kann sich aber als Demonstrativpronomen auf etwas vorher Genanntes beziehen:

Er brachte einen großen Krug und setzte denselben auf den Tisch.
[denselben = ihn/diesen]
Dann öffnete er eine Schublade und entnahm derselben einen Brief.
[derselben = ihr/dieser]
Füllen Sie das Formular aus und senden Sie dasselbe an unten stehende Adresse.
[dasselbe = es/dieses]

Als Genitivattribut wird derselben resp. desselben in der Regel dem Wort nachgestellt, das es bestimmt:

Es geht um die Wohnung im dritten Stock. Der Eigentümer derselben hält sich in Frankreich auf.
[der Eigentümer derselben = ihr/deren Eigentümer] 
Er brachte einen großen Krug und goss den Inhalt desselben in die Becher.
 [den Inhalt desselben = seinen/dessen Inhalt]
Der geneigte Leser dieser Seiten mag mir nach der Lektüre derselben eine gewisse Blauäugigkeit vorwerfen.
[nach der Lektüre derselben = nach ihrer/deren Lektüre]

Je nach Geschmack klingen solche Formulierungen etwas verstaubt, gehoben oder beides. Die Verwendung von der-/die-/dasselbe als verweisendes Wort gilt dann auch als veraltend – auch im Genitiv! Mehr zu diesem Pronomen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In den Bus einsteigen – unsere Vorliebe für die Vorsilbe

Frage

Wir haben eine Streitfrage, heißt es jetzt eigentlich „Ich steige in den Bus ein“ oder „Ich steige in den Bus“? Heißt es „Ich steige aus dem Bus“ oder „Ich steige aus dem Bus aus“? Bin mir ziemlich unsicher.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

wieder einmal sind beide Formulierungen üblich und richtig:

Ich steige in den Bus ein.
Ich steige in den Bus.

Ich steige aus dem Bus.
Ich steige aus dem Bus aus.

Im Deutschen haben wir nämlich ein starkes Bedürfnis, mit Vorsilben nachdrücklich anzugeben, was gemeint ist. Oft sind diese Vorsilben für das Verständnis gar nicht unbedingt notwendig. Hier weitere Beispiele, die mit und ohne solche Vorsilben richtig und verständlich sind:

vom Tisch herunterfallen
vom Tisch fallen

aus dem Fenster hinausblicken
aus dem Fenster blicken

zum Gipfel aufsteigen
zum Gipfel steigen

Mehl in Säcke einfüllen
Mehl in Säcke füllen

mit aufgeblähten Segeln
geblähten Segeln

im nachfolgenden Text
im folgenden Text

ohne Vorankündigung
ohne Ankündigung

Ein schönes und in diesem Zusammenhang häufiger zitiertes Beispiel ist pimpen – aufpimpen. Obwohl pimpen ungefähr aufmachen, aufmotzen entspricht und es also das Bedeutungselement auf bereits in sich birgt, wird es häufig in der Form aufpimpen verwendet. Das Gepimpte wird zum Aufgepimpten. Oft finden wir ein einfaches Verb einfach zu wenig aussagekräftig.

Die meisten dieser Formulierungen drücken in gewissem Sinne zweimal dasselbe aus. Das ist hier aber nicht weiter schlimm, denn unsere Sprache ist mehr als nur ein Mittel, sich mit möglichst wenig Aufwand so präzise wie möglich auszudrücken. Es ist zwar richtig, dass man Doppelungen und Wiederholungen in zum Beispiel wissenschaftlichen oder knappen, rein informativen (journalistischen) Texten besser weglässt, das heißt aber nicht, dass man sie immer und überall tunlichst zu vermeiden hat. Natürlich reicht es zu sagen, dass das Mehl in Säcke gefüllt wird. Die Präposition in gibt ausreichend an, wie das Füllen in Bezug auf die Säcke geschieht. Dennoch wird häufig nicht nur etwas in etwas gefüllt, sondern auch nachdrücklicher und bildhafter in etwas eingefüllt. Auch das auf in zum Gipfel aufsteigen ist im Prinzip „überflüssig“. Das Konzept Gipfel gibt bereits an, dass aufwärts gestiegen wird. Es lässt sich ja in der Regel schlecht auf einen Gipfel heruntersteigen (Filme mit spektakulären Stunt-Einlagen einmal außer Acht gelassen). Das auf in aufsteigen zeigt aber deutlicher als nur einfaches steigen, dass es zum Gipfel zünftig bergauf geht.

Wenn Sie also ausdrücken wollen, dass Sie irgendwo einsteigen, können Sie ruhig sagen, dass Sie in den Bus oder in den Zug einsteigen. Ohne ein- ist es aber auch richtig – und sogar schön kurz und bündig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe auch einen ähnlichen Blogartikel zum Verb vorprogammieren.

Das hartnäckige »zu«

Sprachökonomie (≈ etwas mit möglichst wenig Aufwand sagen) heißt unter anderem, dass vieles weggelassen statt wiederholt wird. Vieles kann und sollte auch weggelassen werden, aber es ist nicht immer möglich. 

Frage

„Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und organisieren.“ Meines Erachtens müsste es heißen: „… zu koordinieren und zu organisieren.“ Was ist richtig und wie lässt sich das begründen?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Sie haben recht. Das zweite zu darf nicht weggelassen werden. Wenn Wörter in einem Satz wiederholt werden, ist es oft möglich und auch anzuraten, sie einmal wegzulassen:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und die Veranstaltung zu organisieren.

Problemlos ist hier das Weglassen des Akkusativobjekts die Veranstaltung. Es ist nicht nur gut möglich, diese Wortgruppe wegzulassen, es ist stilistisch sogar viel besser, sie beim zweiten Verb nicht noch einmal zu nennen:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und zu organisieren,

Es ist viel ökonomischer, etwas nicht zwei- oder sogar dreimal zu erwähnen, wenn dies nicht notwendig ist. Wir lassen deshalb in unserem täglichen Sprachgebrauch andauernd Satzteile, Wörter und Wortteile weg. Zum Beispiel (Weglassbares in eckigen Klammern):

Mein Laptop ist alt und [mein Laptop] sollte ersetzt werden.
Die Firma bestellt [ihn] und bezahlt ihn.
Ich finde das eine gute Idee, die Firma [findet das] vielleicht eher nicht [eine gute Idee].
Ich muss mich einmal aufraffen und [ich muss einmal] nachfragen.

Vieles kann und wird also weggelassen. Es gibt aber ein paar Ausnahmen. Zu diesen nicht weglassbaren Wörtern gehört das zu, das bei einem Infinitiv steht. Wenn mehrere Infinitive in einem Satz vorkommen, muss das zu bei jedem Verb wiederholt werden:

Es begann zu stürmen und zu regnen.
Wie ist es, berühmt zu sein und viel Geld zu verdienen?
Nutzen Sie die Zeit, um das restliche Gemüse zu waschen, zu schälen und zu schneiden.

Und eben:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und zu organisieren.

In all diesen Sätzen können die fett hervorgehobenen zu nicht weggelassen werden. Weitere Beispiele dazu, was nicht weggelassen werden kann, finden Sie in der Canoonet-Grammatik.

Warum genau dieses zu nicht wegfallen darf, weiß ich leider nicht. Viel mehr, als dass es offenbar ein hartnäckiges kleines Wörtchen ist, kann ich dazu nicht sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Irgendwohin gehen oder irgendwo hingehen

Frage

Schon lange bin ich auf der Suche, was richtig ist. Es geht um folgende Wörter: „irgendwo hingehen“ oder „irgendwohin gehen“ bzw. „nirgendwo“, „überallhin“.

Ich denke, es heißt „irgendwohin gehen“. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es „irgendwo hingehen“ auch gibt.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

in „einwandfreiem“ Standarddeutsch schreiben Sie:

irgendwohin gehen

Die Richtungsadverbien woher und wohin werden allerdings in der gesprochenen Alltagssprache häufig durch die getrennte Variante wo … her und wo … hin ersetzt. Ein paar Beispiele:

Standard: (Gesprochene) Alltagssprache auch:
Woher kommst du? Wo kommst du her?
Wohin gehst du? Wo gehst du hin?
Ich weiß nicht, wohin er gegangen ist. Ich weiß nicht, wo er hingegangen ist.
Ich weiß nicht, woher sie kommt. Ich weiß nicht, wo sie herkommt.
Entsprechend:
Sie sind irgendwohin gegangen. Sie sind irgendwo hingegangen.
Sie könnten überallher kommen. Sie könnten überall herkommen.

Die getrennten Formen kommen häufig vor, aber sie sollten in der geschriebenen Standardsprache vermieden werden (heißt es in den meisten Grammatiken, Stilbüchern usw.).

Auch bei den Formen irgendwohin/irgendwo hin, nirgendwohin/nirgendwo hin, überallhin/überall hin, irgendwoher/irgendwo her usw. sollten entsprechend die zusammengeschriebenen Formen vorgezogen werden. Die folgende Diskussion kommt Eltern von Nachwuchs, der das Kleinkindalter hinter sich gelassen hat, eventuell bekannt vor:

– Ich will irgendwo hingehen.
– Du gehst heute Abend nirgendwo hin!
– Ich kann überall hingehen, wo ich hinwill!
– Ich weiß nicht, wo du diese Ideen herhast.
– Ich werde sie schon irgendwo herhaben.
– Ob sie nun überall oder nirgendwo herkommen, du bleibst hier!

In schriftlicher Standardsprache geben Sie diesen „Gedankenaustausch“ also besser so wieder:

– Ich will irgendwohin gehen.
– Du gehst heute Abend nirgendwohin!
– Ich kann überallhin gehen, wohin ich will!
– Ich weiß nicht, woher du diese Ideen hast.
– Ich werde sie schon irgendwoher haben.
– Ob sie nun überall- oder nirgendwoher kommen, du bleibst hier!.

Ich befürchte allerdings, dass die korrekte Schreibweise in diesem Fall für den Ausgang des Abends völlig irrelevant ist oder, falls sie unvorsichtigerweise erwähnt wird, die Wirkung von ins Feuer gegossenem Öl hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In kariert, in Kariert oder einach kariert

Wieder einmal eine ganz einfache Frage zur Rechtschreibung, die sich nicht ganz so einfach beantworten lässt:

Frage

Werden folgende Farbbezeichnungen groß- oder kleingeschrieben?

– Die Sofadecke gibt es in Kariert, in Gestreift und in Gemustert.
– Die Sofadecke gibt es in kariert, in gestreift und in gemustert.

kariert gestreift gemustert

Antwort

Guten Tag H.,

auf die Gefahr hin, kleinkariert zu wirken [Verzeihung, ich konnte es einfach nicht lassen], zuerst diese Bemerkung: Das in sollten Sie weglassen:

Die Sofadecke gibt es kariert, gestreift und gemustert.

Das in wird üblicherweise bei Farbbezeichnungen verwendet. Die Adjektive (oder adjektivisch verwendeten Partizipien) kariert, gestreift und gemustert sind keine Farbbezeichnungen. Endungslose Farbadjektive werden häufiger als Substantive verwendet:

ein schönes Blau
dieses Gelb
in einem knalligen Rot
in Grün

Das gilt nicht für die folgenden Adjektive. Es heißt normalerweise nicht:

*ein schönes Kariert
*dieses Gestreift
*in einem bunten Gemustert

(Ich weiß nicht, ob solche Wendungen in der Mode- und Designerbranche vorkommen – diese Bemerkung zeigt, dass ich es mir vorstellen könnte –, aber sie gehören nicht zum allgemeinen Sprachgebrauch.)

Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, ob Sie korrekt in gemustert oder in Gemustert schreiben müssen, weil die Formulierung meiner Meinung nach eigentlich nicht richtig ist. Wenn Sie nicht damit einverstanden sind und Sie trotzdem in verwenden wollen oder müssen, würde ich für die Kleinschreibung in kariert, in gestreift, in gemustert plädieren. Die Begründung für die Großschreibung von zum Beispiel in Rot und auf Deutsch ist die amtlichen Regelung § 58 E2:

»Substantivierungen, die auch ohne Präposition üblich sind, werden nach § 57(1) auch dann großgeschrieben, wenn sie mit einer Präposition verbunden werden«

Wie oben gesagt, ist es nicht gebräuchlich, die Adjektive kariert, gestreift und gemustert als Substantivierungen zu verwenden. Sie fallen also nicht unter diese Regel und werden nicht großgeschrieben. Sie sind eher Verbindungen wie gegen bar, von fern oder von privat, die gemäß § 58.3.1 kleingeschrieben werden (vgl. hier). 

Man kann allerdings auch argumentieren, dass die Adjektive in Ihrem Beispiel (ausnahmsweise) wie Farbbezeichnungen verwendet werden und deshalb analog großgeschrieben werden sollten. Auch wenn ich die Kleinschreibung aus den genannten Gründen vorziehe, halte ich diese Argumentation nicht für grundsätzlich falsch.

Eine eindeutige Antwort – außer dass Sie hier in besser weglassen – kann ich Ihnen also nicht geben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp