Nur weil es nicht ganz stimmt, heißt das nicht unbedingt, dass es falsch ist.

Frage

Wir haben hier eine Diskussion über einen Satz, von dem ich vermute, dass er grammatikalisch falsch ist. Der Satz lautet:

(1) Nur weil jemand dich nicht versteht, heißt das nicht, dass du es nicht gesagt hast!

Ich denke, dass der erste Satz falsch ist und dass diese Alternative funktionieren würde:

(2) Dass jemand dich nicht versteht, heißt nicht, dass du es nicht gesagt hast!

Können Sie mir bitte sagen ob der Satz (1) grammatikalisch richtig ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

Sie haben recht: Satz (1) klingt bei genauerem Hinhören tatsächlich etwas sonderbar. Die alternative Formulierung, die Sie vorschlagen ist hingegen problemlos:

Dass jemand dich nicht versteht, heißt nicht, dass du es nicht gesagt hast!

Der erste dass-Satz ist hier ein Subjektsatz, das heißt ein Nebensatz, der im Gesamtsatz die Rolle des Subjekts hat. Vgl.

Dass jemand dich nicht versteht, ist nicht erstaunlich.
Dass jemand dich nicht versteht, wird es immer geben.

Ein Begründungssatz mit weil kann diese Funktion nicht haben.

Nicht: *Nur weil jemand dich nicht versteht, ist nicht erstaunlich
Nicht: *Nur weil jemand dich nicht versteht, wird es immer geben.

Diesen Sätzen fehlt ein Subjekt. Dieses Subjekt wird oft mit es oder das eingefügt:

Nur weil jemand dich nicht versteht, heißt es/das nicht, dass du es nicht gesagt hast!

Das ist eine häufig vorkommende Ausdrucksweise.

Nur weil ich es nicht sage, heißt es nicht, dass ich es nicht weiß.
Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
Nur weil die Welt untergeht, heißt das noch lange nicht, dass es auch die Schweiz betrifft.

Sind Sätze dieser Art nun durch die Einführung eines unpersönlichen das/es-Subjekts „gerettet“? Wenn man die Ausdrucksweise genauer analysiert, ist sie auch mit das oder es nicht ganz richtig. Mit weil wird eine Begründung für das im Hauptsatz Gesagte eingeleitet. Das ist hier aber nicht der Fall. Mit nur weil wird nicht die Begründung dafür eingeleitet, weshalb es nicht heißt, dass … Mit nur weil wird vielmehr der Umstand angegeben, der nicht falsch interpretiert werden darf. Der Satz

Nur weil ich es nicht sage, heißt das nicht, dass ich es nicht weiß.

bedeutet:

Die Tatsache allein, dass ich es nicht sage, bedeutet nicht, dass ich es nicht weiß.

Die Verwendung von nur weil lässt sich durch eine andere Umschreibung erklären:

Nur weil ich es nicht sage, darfst du nicht denken, dass ich es nicht weiß.

Es handelt sich also um eine Zusammenziehung verschiedener Ausdrucksweisen, die zu einer Art festen Redewendung geworden ist:

nur weil …., heißt das/es [noch lange] nicht, dass …
nur weil …., bedeutet das/es [noch lange] nicht, dass …

So häufig diese Ausdrucksweise auch vorkommt und so prägnant sie oft auch klingt, sie sollte stilistisch gesehen mit Vorsicht verwendet werden, weil ihre Konstruktion grammatisch doch eher etwas zweifelhaft ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vom Glanz und der Pracht, vom Anbieter und vom Abonnenten

Frage

Ich habe eine Frage zum Thema Verschmelzung von Präpositionen und Artikeln […]

Laut Duden können

von einer Verschmelzung […] korrekterweise nur dann mehrere Nominalausdrücke abhängen, wenn diese die gleiche flektierte Artikelform haben:

Man sprach vom (= von dem) Leben und [vom (= von dem)] Erfolg der Ministerin.

Mehrere Nominalausdrücke, deren flektierte Artikelformen unterschiedlich sind, können nicht von einer Verschmelzung abhängen. In diesen Fällen wird die Präposition wiederholt.

Nicht korrekt: Man sprach vom Erfolg der Ministerin und den weiteren Plänen. Richtig: Man sprach vom Erfolg der Ministerin und von den weiteren Plänen. Nicht korrekt: Sie war vom Glanz und der Pracht des Festes wie betäubt. Richtig: Sie war vom Glanz und von der Pracht des Festes wie betäubt.

[Duden, Richtiges und gutes Deutsch, 7. Aufl. Mannheim 2011 (CD-ROM)]

Was aber ist mit Formulierungen wie der folgenden?

Diese wurden vom Anbieter und dem Abonnenten ausdrücklich für richtig erklärt.

Ist das erlaubt?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

hier muss ich etwas weiter ausholen: Die Dudenregel, die sich auf die verschmolzenen Formen bezieht, ist nämlich viel zu strikt formuliert. Es gibt aus meiner Sicht nichts gegen die folgende Formulierung einzuwenden:

vom Glanz und der Pracht (des Festes wie betäubt)

Sie kommt viel häufiger vor als:

vom Glanz und von der Pracht

Ich halte auch die folgenden Formulierungen für richtig:

vom Minister und der Regierung festgelegte Ziele
vom Bund und den Ländern finanziert
vom Bundesrat und der Geschäftspüfungskommission in Auftrag gegeben
die Geschichte vom Hasen und den Ostereiern

Diese Art der Zusammenziehung ist aber nicht immer zu empfehlen. Sie scheint hauptsächlich bei vom üblich zu sein, und zwar dann, wenn die beiden Begriffe relativ eng miteinander verbunden sind. Letzteres ist beim anderen Beispiel im Duden nicht der Fall. Der Erfolg der Ministerin und die weiteren Pläne sind zwei separate Gesprächsthemen. Deshalb besser:

Man sprach vom Erfolg der Ministerin und von den weiteren Plänen.

Bei anderen Präpositionen kommt diese Art der Zusammenziehung weniger vor:

am Rand und an der Seite
besser nicht: am Rand und der Seite

beim Essen und bei der Kleidung
eher nicht(?): beim Essen und der Kleidung

im Kindergarten und in der Schule
besser nicht: im Kindergarten und der Schule

ins Haus oder in den Garten
eher nicht(?): ins Haus oder den Garten

aus Liebe zur Kirche und zu den Menschen
besser nicht: zur Kirche und den Menschen

Die Duden-Regel, die Zusammenziehungen dieser Art grundsätzlich zu verbieten scheint, ist meiner Meinung nach zu stark und zu verallgemeinernd formuliert. Die Situation ist hier viel komplexer. (Ich müsste weiter untersuchen, um wirklich fundierte Aussagen machen zu können.) Die Regel hat allerdings den großen Vorteil, dass man immer richtig formuliert, wenn man sie anwendet.

Es ist auch nicht üblich, die Präposition wegzulassen und nur den Artikel zu nennen, wenn es eine verschmolzene Form gibt:

der Weg führt zum Museum und zur Kirche
besser nicht: zum Museum und der Kirche

der Weg führt zur Kirche und zum Museum
besser nicht: zur Kirche und dem Museum

die Liebe zur Musik und zur Technik
besser nicht: die Liebe zur Musik und der Technik

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich würde in Ihrem Beispielsatz zweimal vom empfehlen, und zwar deshalb, weil auch im zweiten Teil eine verschmolzene Form vorhanden ist:

Diese wurden vom Anbieter und vom Abonnenten ausdrücklich für richtig erklärt.

Ich ginge aber nicht so weit, vom Anbieter und dem Abonnenten als grundsätzlich falsch anzustreichen. Es geht in diesem Bereich oft nicht um „richtig“ und „nicht korrekt“, sondern um „besser“ und „eher nicht“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Trotzdem dennoch wie obwohl?

Frage

Wie unterscheiden sich die Konjunktionen „trotzdem“, „dennoch“ und „obwohl“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Wort obwohl ist eine Konjunktion, die einen Einräumungssatz (Konzessivsatz) einleitet. In einem Einräumungssatz wird eine Situation, eine Ursache geschildert, die nicht die zu erwartende oder gewünschte Wirkung hat:

Obwohl es stark regnete, fuhr sie mit dem Fahrrad zu Schule.
Sie fuhr mit dem Fahrrad zur Schule, obwohl es stark regnete.

In einem Satz mit dem Wort dennoch, wird die nicht gewünschte oder nicht zu erwartende Folge angegeben:

Es regnete stark und dennoch fuhr sie mit dem Fahrrad zur Schule.
Selbst wenn es stark regnete, fuhr sie dennoch mit dem Fahrrad zur Schule.

Dabei ist das Wort dennoch keine Konjunktion, sondern ein sogenanntes Konjunktionaladverb. Wie eine Konjunktion verbindet es zwei Sätze miteinander, es hat aber die Wortstellung eines Adverbs. Es ist ein Satzglied und kann als solches allein vor der konjugierten Verbform oder im Satzinnern stehen:

Dennoch fuhr sie mit dem Fahrrad zur Schule.
Sie fuhr dennoch mit dem Fahrrad zur Schule.

Zum Vergleich: Mit der Konjunktion obwohl ist dies nicht möglich:

nicht: *Obwohl regnete es stark …
nicht: *Es regnete obwohl stark …

(Vgl. auch Unterschied zwischen Konjunktionaladverbien und Konjunktionen.)

Ein spezieller Fall ist trotzdem. In der Standardsprache ist es wie dennoch ein Konjunktionaladverb. Es hat auch ungefähr die gleiche Bedeutung:

Es regnete stark und trotzdem fuhr sie mit dem Fahrrad zur Schule.
Selbst wenn es stark regnete, fuhr sie trotzdem mit dem Fahrrad zur Schule.

Manchmal wird trotzdem aber auch wie obwohl als Konjunktion verwendet. Es hat dann die gleiche Bedeutung wie obwohl:

Trotzdem es regnete, fuhr sie mit dem Fahrrad zur Schule.
Sie fuhr mit dem Fahrrad zur Schule, trotzdem es regnete.

Diese Verwendung von trotzdem ist aus der Formulierung trotz dem, dass entstanden.

Aber: Nicht alle finden trotzdem im Sinne von obwohl standardsprachlich korrekt. Vorsichtige unter Ihnen verwenden trotzdem deshalb besser nur mit der Bedeutung dennoch. Wenn Sie aber kein Problem mit trotzdem im Sinne von obwohl haben und die eventuelle Kritik, es sei umgangssprachlich, Sie nicht stört, können Sie trotzdem auch als konzessive Konjunktion verwenden. Sie verwenden dann also trotzdem dennoch wie obwohl.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie schreibst du denn, man/Mann!

Frage

Dass z. B. „Was redest du, Mann?“, „Was redet ihr, Mann?“ die richtige Schreibweise ist, ist ja bewiesen. Wie erklären Sie sich jedoch das Phänomen, dass es im alltäglichen Gebrauch (SMS/Chat/Internet-Foren) ausschließlich nur mit einem „n“ geschrieben wird ? Als Neologismus in dem Sinne kann man dies ja nicht bezeichnen,  da „man“ als Pronomen schon existiert. Aber wie kommt es, dass es eben v. a. unter Jugendlichen bei einem „n“ bleibt, auch wenn sich die meisten bewusst sind, dass „der Mann“ so geschrieben wird? […] Kann man also „man“ […] als schlichtweg komplett falsch bezeichnen, auch wenn es im Gebrauch deutlich überwiegt ?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

die Schreibung man statt Mann für die Interjektion ist tatsächlich kein Neologismus, sondern eher ein „Neographismus“ (eine Neuschreibung). Warum so viele im Internet diese Schreibung wählen, kann ich natürlich ohne genauere Untersuchungen nicht mit Sicherheit sagen. Es mag daran liegen, dass das Nomen Mann im Prinzip eine männliche Person in der Einzahl bezeichnet, während die Interjektion Mann auch an eine weibliche Person oder an mehrere Personen gerichtet sein kann. Das „klemmt“ irgendwie und deshalb wird auf die Schreibung man ausgewichen. Dies Schreibung man „klemmt“ allerdings auch, denn die Interjektion hat ja auch nicht die gleiche Funktion und Bedeutung wie das unbestimmte Personalpronomen man.

In der Umgangssprache im Internet werden nicht alle grammatischen und orthografischen Regeln eingehalten, die für die „normale“ schriftliche Standardsprache gelten. Und das ist auch nicht weiter schlimm. Der Ausruf Mann wird ohnehin höchst selten in einem Kontext verwendet, in dem eine regelkonforme Rechtschreibung wirklich wichtig wäre. Im informellen Internetgebrauch scheint die Schreibung man üblich zu sein, auch wenn nach der amtlichen Rechtschreibregelung Mann geschrieben werden sollte. In informellen Mails, Chats, SMS usw. gibt es gegen diese Form man nicht viel einzuwenden. Die Schreibung Mann! würde dort wahrscheinlich oft sogar als ziemlich antiquiert und unpassend empfunden werden. Im formelleren schriftlichen Verkehr gilt diese Schreibung aber (noch?) als falsch (sofern die Interjektion Mann dort überhaupt vorkommt). Wie man redet und schreibt, hängt in starkem Maße auch vom Kontext, der Umgebung und dem Medium ab. Es gelten nicht immer und überall die gleichen Standards.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie aufgebläht ist vorprogrammiert?

Kein neues Thema, aber nun hat es auch „Dr. Bopp“ erreicht: vorprogrammieren.

Frage

Ist das Wort „vorprogrammieren“ eigentlich korrekt? Die Vorsilbe „pro“ bedeutet ja schon „vor“. Oder gibt es einen semantischen Unterschied zwischen „programmieren“ und „vorprogrammieren“?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

programmiert wird immer vorher. Ein Programm gibt ja an, wie etwas verlaufen soll. So gesehen ist es also überflüssig, noch ein vor- vor das Verb zu stellen. Es gab und gibt dann auch verschiedene „Sprachpfleger“ und Stilbücher, die vorprogrammieren unter anderem als „überflüssiges Blähwort“ verdammen. Wenn vorprogrammieren die Bedeutung (den Ablauf) in einem Programm festlegen hat, sollte man tatsächlich auch einfach programmieren verwenden. Dennoch weiß sich vorprogrammieren im deutschen Wortschatz zu behaupten, und dies meiner Meinung nach ganz zu Recht.

Mit vorprogrammiert ist oft gemeint, dass etwas einer Sache innewohnt, dass es unausweichlich ist:

Damit ist ein Streit zwischen den beiden schon vorprogrammiert.
Das Fehlen eines Parkkonzepts programmiert ein Parkplatzproblem bereits vor.

Bei dieser Verwendung von vorprogrammieren verdeutlicht vor-, dass im Unterschied zu programmieren nicht eine bewusste, gewollte Handlung gemeint ist.

Mit vorprogrammieren kann auch unterstrichen werden, dass etwas programmiert wird, bevor man selbst dazu kommt, es zu programmieren:

Die Bildeinstellung wurde vom Hersteller vorprogrammiert.
Sein ganzes Leben war vorprogrammiert.

Das vor- ist also mehr als nur eine Verdopplung. Es fügt weitere Bedeutungselemente hinzu. Diese Art der Verdopplung ist bei Verben keinswegs ungebräuchlich. Im Deutschen haben wir nämlich die Neigung, mit Vorsilben nachdrücklich anzugeben, was gemeint ist – manchmal sogar ohne hinzukommende Bedeutungselemente. Ein paar Beispiele:

vom Tisch herunterfallen
aus dem Fenster hinausblicken
den Drachen im Wind aufsteigen lassen
Mehl in Säcke einfüllen
alte Möbel aufpimpen (pimpen heißt schon aufmotzen)
im nachfolgenden Text
mit aufgeblähten Segeln
ohne Vorankündigung

Ganz allein steht das Wort vorprogrammieren mit seiner „Verdopplung“ also nicht im deutschen Wortschatz – und bei Weitem nicht all diese „Verdopplungen“ sind einfach nur aufgebläht.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Tot, toter, toteste

Hier ist sie wieder einmal, die regelmäßig auftauchende Frage nach „unerlaubten“ Steigerungsformen:

Frage

Ist eine Steigerung von tot nicht etwas problematisch? Kann man (auch) toter als tot sein?

Antwort

Sehr geehrter Herr I.,

die Frage nach der Steigerung der sogenannten absoluten Adjektive wird recht häufig gestellt. Ich erlaube mir hier deshalb, statt einer ausführlichen Erklärung zwei Hinweise auf die Seiten von Canoonet zu anzugeben:

Steigerungsformen kommen auch bei „absoluten“ Adjektiven vor, wenn sie in einem übertragenen Sinne oder bewusst verstärkend verwendet werden. Sie haben natürlich Recht, dass tot in seiner Grundbedeutung ein absolutes Adjektiv ist, das nicht gesteigert werden kann. Wir gehen aber wie gesagt davon aus, dass „absolute“ Adjektive nicht immer ganz so absolut sind, das heißt, dass sie manchmal auch gesteigert werden können. Das gilt selbst für tot. Hier ein paar (Internet-)Zitate, die ich – es sei gleich vorweggenommen – für richig formuliert halte:

Vor dreißig Jahren hat ein Toter einem noch Toteren die Hand in den Hosenstall gesteckt.
(Anne Enright, „Das Familientreffen“, übersetzt von Hans-Christian Oeser)

Auf dem Schiff werden uns wilde Geschichten von toten Schiffspassagieren auf dem Grund des Königssees und noch toteren Bergsteigern in der Ostwand erzählt.

Ich habe Lebende gesehen, die einen toteren Eindruck gemacht haben als du.

… man spricht heutigentages übrigens gerade da am meisten vom Leben und vom Übergehen ins Leben, wo man in dem totesten Stoffe und in den totesten Gedanken versiert
(Hegel, „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, 3. Teil, 2. Abschnitt, B, a)

Den Rest des Jahres herrscht kulturell toteste Hose.

Irgendwann müssen Menschen begriffen haben, dass aus dem totesten Material, das wir uns denken können, aus toten Steinen, lebendiges flammendes Feuer zu gewinnen war, indem man sie aneinanderschlug, bis der Funke sprühte.
(Aus einer Predigt zur Karwoche)

Die Steigerungsformen von tot grundsätzlich zu verbieten bedeutet der Sprache zu enge Zügel anzulegen. Es ist tatsächlich wenig sinnvoll, das Adjektiv tot in der Grundbedeutung von nicht lebend zu steigern. Ein friedlich der Altersschwäche erlegenes Huhn ist nicht toter oder weniger tot als ein im Backofen brutzelndes Hähnchen. Die ethischen Fragen rund um den klinischen und den biologischen Tod sind u. a. deshalb so schwierig, weil wir nicht in den Begriffen mehr oder weniger tot, sondern lebend oder tot denken. Die obenstehenden Beispiele zeigen aber, dass das Wort tot nicht nur in diesem absoluten Sinne verwendet wird und dass es dann manchmal sogar Steigerungsformen hat.

Wenn diese Beispielsätze falsches oder schlechtes Deutsch wären, dann wären sie dies nicht, weil es die Steigerungsformen nicht geben könnte, sondern nur, weil es sie nicht geben dürfte. Wenn es toter und toteste wirklich nicht geben dürfte, müsste wohl auch die Wendung mehr tot als lebendig als unzulässige Vergleichsform rot angestrichen werden. Das Deutsche würde dadurch vielleicht etwas „präziser“, aber bestimmt nicht lebendiger.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie landschaftlich ist „öfters“?

Frage

Das Adverb „öfters“ wird einem des Öfteren angekreidet, und zwar mit der Begründung, es sei eine unzulässige Steigerung von „oft“. So weit so gut. In „Joseph und seine Brüder“ verwendet Thomas Mann ausschließlich „öfters“, nie „öfter“. […] Das DWDS sagt im Gegensatz zum Duden nicht, dass „öfters“ umgangssprachlich bzw. landschaftlich sei. Wie halte ich das Ganze nun? Ist „öfters“ eine unlogische Steigerung und spricht gegen die Logik des Schreibers? (Wobei das bei T. Mann vielleicht sehr zweifelhaft ist.)

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Wörtchen öfters ist ein Besserwisserwort, das heißt ein Wort, das Besserwisser anderen immer wieder gerne rot anstreichen. „Das Wort öfters gibt es nicht / ist falsch / sollte nicht verwendet weden“, wird gesagt. Mit der Bedeutung des Öfteren, mehrmals, ab und zu ist es aber recht gebräuchlich, auch in der Literatur, wie Sie selbst ja festgestellt haben. Im DWDS und im Deutschen Wörterbuch von Wahrig stehen keine Angaben dazu, dass es landschaftlich sei. Auch im Grimm-Wörterbuch kommt es vor, sogar mit einer Erklärung seiner Entstehung.

Weshalb soll man es dann trotzdem nicht benutzen? Die Leute, die ich etwas gar streng als Besserwisser bezeichne, berufen sich dabei auf den Duden. Aus irgendeinem Grund hat die Dudenredaktion beschlossen, öfters mit dem Prädikat „landschaftlich“ auszuzeichnen. Das hat automatisch zur Folge, dass es Leute gibt, die behaupten, es sei falsch das Wort öfters zu verwenden. Im Duden „Richtiges und gutes Deutsch“ wird aber bereits nuanciert:

Von den beiden Adverbformen wird heute öfter bevorzugt. Die Form öfters kommt häufig in der Umgangssprache vor; in Österreich ist sie allgemein üblich.
© Duden – Richtiges und gutes Deutsch, 7. Aufl. Mannheim 2011 [CD-ROM]

Das Wörtchen öfters wird hier nicht als landschaftlich, sondern als umgangssprachlich qualifiziert. Warum das so ist und weshalb die Form öfter heute bevorzugt werden soll, weiß ich nicht. Ich habe nämlich den Eindruck, dass mir die Form öfters ziemlich oft begegnet, auch in als standardsprachlich einzustufenden Texten und bestimmt nicht nur in Österreich.

Eine völlig unfundierte, auf keinerlei Nachforschung beruhende Vermutung sagt mir, dass die von Duden konstatierte heutige Bevorzugung von öfter (wenn es sie denn gibt) vor allem darauf zurückgeführt werden kann, dass in den Duden-Wörterbüchern steht, öfters sei landschaftlich. Die negativen Kommentare über öfters, die ich im Internet gelesen habe, berufen sich nämlich praktisch ausnahmslos auf die Angaben von Duden. Ist öfters tatsächlich landschaftlich/umgangssprachlich oder ist es von Duden dazu gemacht worden? Ich vermute Letzteres.

Das Wörtchen öfters ist kein eigentlicher Komparativ mehr (öfters als ist tatsächlich nicht zu empfehlen), sondern ein Adverb mit einer eigenen Bedeutung. Die Grundfrage lautet also nicht, ob öfters richtig oder falsch ist, sondern ob man diese Variante des Adverbs öfter auch standardsprachlich verwenden kann. Duden sagt „eher nicht“, DWDS gibt keine Anwendungsbeschränkungen an. Auch meiner Meinung nach kann man öfters problemlos verwenden, nicht nur in Österreich. Wie so oft bei solchen Fragen gilt allerdings, dass man sich nicht wundern sollte, wenn man öfters von jemandem wegen der Verwendung von öfters korrigiert wird. Vorsichtige Leute verwenden deshalb heute vielleicht tatsächlich besser nur öfter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man nach Pferden und Hamstern fragt

Wenn man dem Klischee glauben darf, sind die Deutschen immer ganz präzise und nimmt man es in Österreich und der Schweiz nicht weniger genau. Umso erstaunlicher finde ich es oft, wie ungenau gewisse Regeln und wie unscharf gewisse Unterschiede in der deutschen Sprache gehandhabt werden. Als Muttersprachige haben wir meist keine Ahnung, wie schwierig wir dadurch das Leben für die Deutschlernenden machen!

Frage

Pronominaladverb bei Tieren: Fragt man bei einem Pferd „Worum kümmerst du dich?“ oder „Um wen kümmerst du dich?“?

Antwort

Guten Tag L,

auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Nach der bekannten Grundregel verwendet man standardsprachlich ein Pronominaladverb der Form wo(r)-, wenn man nach Dingen usw. fragt:

Womit schlägst du den Nagel in die Wand.
Wonach riecht es hier?
Worüber lacht ihr?
Worunter haben sie sich versteckt?

Es gilt als umgangssprachlich, hier mit was, nach was, über was, unter was zu verwenden. Nach Personen fragt man hingegen nie mit einem Pronominaladverb, sondern immer mit der entsprechenden Kombination von Präposition und Personalpronomen:

Mit wem fährst du nach Warschau?
Nach wem riecht es hier?
Über wen lacht ihr?
Unter wem arbeiten sie?

Soweit haben wir es mit einer ziemlich klaren Regel zu tun. Wenn es aber um Tiere geht, ist die Lage nicht mehr ganz so eindeutig. Wenn eine Frage sich auf ein Tier bezieht, scheint die Form der Frage nämlich davon abzuhängen, welche Einstellung man zum Tier hat. Wenn das Tier als Aufgabe, als Instrument o. Ä. gesehen wird, steht eher das Pronominaladverb. Wenn das Tier als individuelles Lebewesen gesehen wird, steht eher das Personalpronomen.

Tiere als Aufgabe, um die man sich kümmert:

– Ich kümmere mich um die Hühner.
– Worum kümmerst du dich?

– Er kümmert sich um das Pferd (füttern, Stall ausmisten).
– Worum kümmert er sich?

Tiere als individuelle Lebewesen, um die man sich kümmert:

– Ich kümmere mich um mein preisgekröntes Zwerghuhn.
– Um wen kümmerst du dich?

– Er kümmert sich liebevoll um sein Pferd Fury.
– Um wen kümmert er sich?

Ein weiteres Beispiel:

– Ich spiele mit dem Hamster.
– Womit spielst du?
– Mit wem spielst du?

Bei der ersten Frage (womit?) ist der Hamster ein Spielzeug. Bei der zweiten Frage (mit wem?) ist er ein Spielgefährte.

Es gibt also keine allgemeine Regel dafür, mit welchen Fragewörtern nach Tieren gefragt wird. Dem Hamster wünsche ich übrigens, dass die Frage häufiger mit wem? als womit? lautet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Jemanden anrufen und zurückrufen

Frage

Gestört hat mich schon lange die Beendigung eines Gesprächs: „Tschüss, ich rufe dich zurück.“ Heute hört man diese Formulierung sogar bei gebildeten Moderatoren im deutschen Fernsehen. Seit 60 Jahren verwende ich und alle meine Kollegen die Formulierung: „Ich rufe zurück.“ Die oben genannte Formulierung bedeutet meiner Ansicht nach: Ich entferne mich (körperlich) von einem Menschen und er ruft mich zurück, ich soll wieder zurück kommen. Ist meine Ansicht richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

auch wenn man die Formulierung jemanden zurückrufen im Sinne von einen Telefonanruf durch einen Rückruf beantworten sehr oft hört, gilt sie (noch?) als umgangssprachlich oder regionalsprachlich. Wenn man es standardsprachlich ganz richtig machen will, sagt man, wie Sie es tun, besser: „Ich rufe zurück.“

Es stimmt, dass jemanden zurückrufen bedeutet, dass man eine Person, die im Begriff ist wegzugehen, durch Rufen auffordert zurückzukommen. Die umgangssprachliche Verwendung von zurückrufen im Zusammenhang mit dem Telefonieren ist deshalb aber nicht zwangsläufig ausgeschlossen. Wörter haben oft mehr als eine Bedeutung. Man konnte schon jemanden anrufen, bevor es Telefone gab:

jemanden durch Rufen auf sich aufmerksam machen: einen Bekannten auf der Straße anrufen
jemanden bitten, helfend einzugreifen: das Verfassungsgericht anrufen, Gottes Hilfe anrufen

Diese bereits bestehenden Bedeutungen haben nicht verhindert, dass anrufen auch die Bedeutung telefonisch mit jemandem Kontakt aufnehmen erhalten hat. In gleicher Weise ist es nicht grundsätzlich ausgeschlossen, dass jemanden zurückrufen auch eine neue, „telefonische“ Bedeutung erhält. In der Umgangssprache hat das Verb diese Bedeutung schon.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Erstmalig aufführen oder nicht?

Frage

Auf der Seite www.korrekturen.de wird behauptet, dass das Adjektiv „erstmalig“ nicht adverbial gebraucht werden könne.

Das Adjektiv erstmalig kann nicht adverbial verwendet werden, so kann man zwar von einer „erstmaligen Aufführung“ sprechen, es heißt aber nur „Das Stück wurde erstmals aufgeführt“ und nicht „Das Stück wurde erstmalig aufgeführt“.

Ich halte diese Aussage für falsch. Meines Wissens kann man jedes Adjektiv adverbial verwenden (eben, wie oben, durch Weglassen der Flexionsendung). Was sagen Sie?

Antwort

Guten Tag S.,

die Angabe, die Sie zitieren, ist nicht falsch. Ich finde nur, dass sie etwas zu streng formuliert ist. Man hört und liest zwar häufiger wurde erstmalig aufgeführt, aber standardsprachlich kann man diese Formulierung besser vermeiden. Warum?

Das Adjektiv erstmalig gehört zu einer Gruppe von Adjektiven, die üblicherweise nicht adverbial verwendet werden, weil sie selbst schon von Adverbien abgeleitet sind. Sie stehen sehr häufig vor Substantiven, die von Verben abgeleitet sind:

heute besuchen → der heutige Besuch
den Vertrag bald abschließen → der baldige Vertragsabschluss
oben erwähnen → die obige Erwähnung
einmal zahlen → einmalige Zahlung
erstmals aufführen → die erstmalige Aufführung

Man verwendet diese Gruppe von Adjektiven also dann, wenn in einem Satz „etwas Verbales“ durch ein Substantiv ausgedrückt wird. Ein Adverb, das ein Verb begleitet, wird zu einem Adjektiv, das ein entsprechendes Substantiv begleitet. Diese Aufgabe übernehmen, wie die Beispiele oben zeigen, u. a. mit ig gebildete Ableitungen (z. B. heute → heutig, ersmals → ersmalig).

Wenn wir nun wieder den umgekehrten Weg gehen, wird das Adjektiv, das beim Substantiv steht, wieder zu einem das Verb begleitenden Adverb. Dabei wird bei dieser Gruppe von Adjektiven nicht wie bei gewöhnlichen Adjektiven die endungslose Form gewählt, sondern das ursprüngliche Adverb, von dem das Adjektiv ja abgeleitet wurde:

der heutige Besuch → heute besuchen (nicht: heutig besuchen)
der baldige Vertragsabschluss → den Vertrag bald abschließen (nicht: baldig abschließen)
die obige Erwähnung → oben erwähnen (nicht: obig erwähnen)
die einmalige Zahlung → [nur] einmal / ein Mal zahlen (besser nicht: einmalig zahlen)
die erstmalige Aufführung → erstmals / zum ersten Mal aufführen (besser nicht: erstmalig aufführen)

Adjektive auf –malig wie einmalig, erstmalig und letztmalig werden zwar relativ häufig auch adverbial verwendet, aber stilistisch gesehen ist es besser, auf  zum Beispiel einmal, erstmals, letztmals oder zum ersten/letzten Mal zurückzugreifen.

Man kann also nicht sagen, dass ausnahmslos alle attributiv verwendeten Adjektive auch adverbial verwendet werden. Es gibt, wie man sieht, ein paar Ausnahmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp