Die poetische Note am Verschollensein

Frage

Wir zerbrechen uns seit einigen Tagen den Kopf über das Wort „verschollen“. Von welchem Wort leitet es sich ab? Gibt es nur diese eine Zeitform bei diesem Wort? Was ist der Infinitiv dieses Wortes? Kann etwas nur verschollen sein oder auch gerade dabei sein zu verschellen/verschallen/…. ?

Antwort

Guten Tag Herr H. und Herr B.,

das Adjektiv verschollen kommt tatsächlich von einem Verb, nämlich von verschallen. Es ist eine alte Perfektform – heute heißt es ja verschallen, verschallte/verscholl, verschallt –, die sich vom Verb gelöst und im 19. Jahrhundert die Bedeutung seit längerer Zeit mit unbekanntem Aufenthaltsort abwesend, unauffindbar erhalten hat. Man geht davon aus, dass die heutige Verwendung von verschollen, das ja eigentlich verklungen, verhallt bedeutete, als euphemistischer (beschönigender, verhüllender) Ausdruck für verschwunden, für Tot gehalten entstanden ist. Der, die oder das Verschollene ist also, poetisch ausgedrückt, verhallt und verklungen.

Das mag so besehen schön und dichterisch klingen, diese poetische Note ist aber leider ohne jeden Belang, wenn jemand konkret mit einer verschollenen Person oder Sache konfrontiert ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Über Uhr und Stunde

Frage

Woher kommt bitte der Ausdruck „Uhr“ als Zeitangabe (z. B. „Es ist ein Uhr“)? Handelt es sich um eine Abkürzung? Denn „Uhr“ mit Großbuchstaben ist nach wie vor Substantiv, aber als Zeitangabe im Gegensatz zum Ding „die Uhr“ ist die Zeitangabe ja unveränderlich und ohne Pluralform. Wie sind die Zusammenhänge, vielleicht von „Es ist eins an der Uhr“ […] zu „Es ist ein Uhr“?

Antwort

Guten Tag Frau T.,

Sie stellen eine berechtigte Frage: Warum verwenden wir das Wort Uhr bei der Angabe der Stunde des Tages? Wenn wir beim Ursprung (dieses Wort konnte ich mir hier einfach nicht verkneifen) von Uhr anfangen, wird die Sache nicht auf Anhieb deutlicher. Es zeigt sich dann nämlich, dass man die Frage eigentlich umgekehrt formulieren muss: Weshalb verwenden wir Uhr für ein Zeitmessgerät?

Das Wort Uhr kam vom griechischen ὥρα über das lateinischen hora zu uns und bedeutete wie dieses Stunde (vgl. eng. hour, frz. heure, ital. ora, span. u. port. hora, nld. uur). Uhr wurde für Zeitangaben verwendet und dabei häufig auch gebeugt (eine Uhr, zwei Uhren). Im Laufe der Zeit war in Zeitangaben nur noch die ungebeugte Singularform Uhr gebräuchlich (ein Uhr, zwei Uhr). Dann verschiebt sich die Bedeutung vom Gemessenen auf das Messende, das heißt, seit dem 15. Jahrhundert wird Uhr auch für Stundenmesser und Uhrwerk verwendet. Im heutigen Deutschen ist Uhr mit der ursprünglichen Bedeutung Stunde nur in Zeitangaben bewahrt geblieben.

Für den Begriff Stunde gab es nämlich auch schon ein Wort: stunta bedeutete schon im Althochdeutschen Stunde, Zeit, Zeitpunkt. Man nimmt an, dass es eine Ableitung des Stamms stand (zu stehen) ist. Ursprünglich soll es stehender Punkt, Haltepunkt im Zeitverlauf bedeutet haben, später festgesetzte Zeit, bestimmter Zeitraum. Seit etwa dem 15. Jahrhundert bezeichnet Stunde wie heute den auf der Uhr markierten Zeitabschnitt des 24-stündigen Tages.

Etwas gar grob zusammengefasst haben sich Uhr und Stunde im gleichen Bedeutungsfeld bewegt, bis ab etwa dem 15. Jahrhundert jedes Wort seine eigene Aufgabe erhielt. Bei der Zeitangabe Uhr für die Stunde des Tages kommen sie einander auch heute noch sehr nahe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (4)

Maharadscha, Maharani, mega, Michelsdorf und Mecklenburg

Vor ein paar Tagen bin ich in der Sommerflaute wieder einmal über einen alten Filmklassiker gestolpert: Der Tiger von Eschnapur von Fritz Lang aus dem Jahr 1958. Es geht dabei um eine etwas komplizierte Abenteuer- und Liebesgeschichte, in der ein blutrünstiger Tiger, ein tapferer deutscher Ingenieur, eine bildschöne indische Tempeltänzerin, die durch Heirat mit dem Maharadscha zur Maharani wird, sowie zünftige Portionen Liebe, Heldenmut, Eifersucht und Hinterhältigkeit eine Rolle spielen. Wenn Sie melodramatisches Drama und Abenteuer mögen, sicher empfehlenswert.

Mir geht es hier aber mehr um die schönen Wörter Maharani und Maharadscha, deren Herkunft ich kurz nachgeschlagen habe (solche Dinge tun Sprachler bei Hitze und Sommerflaute …). Die beiden Wörter kommen aus dem Hindi, der Sprache, die vor allem in Nordindien gesprochen wird und offizielle Amtssprache Indiens ist. Die Wörter setzen sich aus zwei Teilen zusammen, nämlich

mahā = groß
rājā = König, Fürst; rānī = Königin, Fürstin

Ein Maharadscha ist also ein großer Fürst und hat entsprechend einen höheren Rang als ein Radscha.

Interessant finde ich, dass diese Wörter zeigen, dass es trotz beträchtlicher Distanz eine Verwandtschaft zwischen den indischen und den europäischen Sprachen gibt, die zusammen die indoeuropäische Sprachfamilie bilden:

rājā und rānī sind mit rex (lat. für König), regieren und über zwei Ecken mehr auch mit reich/rich/riche/rico/ricco verwandt;

mahā ist mit griechisch mega und mit dem alten germanischen Wort mikil = groß verwandt. „Überlebt“ hat mikil noch in Ortsnamen wie Michelsdorf und Mecklenburg.

Nun sollte auch klar sein, was die Wörter im Titel miteinander zu tun haben. Sie sind miteinaner verwandt: groß. Den krampfhaften Versuch, sie alle vier in einem eleganten und humoristischen Schlusssatz zusammenzubringen, erspare ich Ihnen heute.

Kommentare (1)

Wählen und wollen

Dieses Wochenende geht Deutschland zur Wahl. Deutschlands Bürgerinnen und Bürger haben dieses Wochenende die Möglichkeit, ihr Wahlrecht bei den Wahlen zum Bundestag auszuüben. Von diesem einmal hart erkämpfte Recht sollten meiner Meinung nach alle Gebrauch machen. Doch meine Meinung hierzu hat natürlich nichts mit Sprache, dem Thema dieses Blogs, zu tun.

Was hingegen mit Sprache oder besser Sprachgeschichte zu tun hat, ist die Herkunft des Wortes wählen (und des dazugehörende Substantivs Wahl). Wer nun eine spannende Geschichte erwartet, wird enttäuscht sein. Im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen von Wolfgang Pfeifer steht:

wählen Vb. ‘(unter mehreren Möglichkeiten) aussuchen, nach eigenem Ermessen bestimmen’, ahd. wellen (8. Jh.), mhd. weln, wel(l)en […] ist zu der unter wollen (s. d.) angegebenen Wurzel ie. *u̯el- ‘wollen, wählen’ gebildet. Ahd. wellen (aus germ. *waljan) tritt auch als Infinitiv in das Paradigma des unter wollen behandelten Verbs ein.
(Zitiert nach DWDS)

Kurz zusammengefasst: wählen ist sprachgeschichtlich eng mit wollen verwandt.

Wer wählt, gibt an was er/sie will. Wenn Sie zur Wahl gehen, geben Sie mit Ihrer Stimme an, was Sie wollen. Sie geben mit Ihrer Stimme also nicht an, was Sie nicht wollen. Dessen sollten Sie sich bewusst sein, wenn Sie Ihre Stimme einer Partei geben.

Man verzeihe mir bitte diese außersprachliche Abschweifung.

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Badeblume, Meerestau, königliches Kraut und andere aromatische Gewächse

Weil der Lavendel im Garten gerade so schön blüht, heute wieder einmal etwas Wortgeschichtliches.

Lavendel

 

Wie Sie vielleicht wissen, befällt mich hin und wieder die etymologische Neugier. Wieso heißt der Lavendel so, wie er heißt? Meine Französisch- und Italienischkenntnisse hatten mir schon eingeflüstert, dass der Name etwas mit laver resp. lavare (= waschen) zu tun haben könnte. Der Lavendel ist zurzeit zwar auch in nördlicheren Gebieten eine beliebte Gartenpflanze, aber er kommt ursprünglich doch aus südlicheren Gefilden, wo man laver und lavare sagt. Das würde dann ja passen.

Nach den Angaben der etymologischen Wörterbücher stimmt es sogar. Die Herkunft ist zwar unsicher, aber man nimmt an, dass es auf ein wahrscheinlich in Italien gebildetes lateinisches lavindula, lavendula zurückgeht, was ungefähr was zum Waschen dient bedeutete. Der Lavendel diente als wohlriechender Zusatz zum Wasch- oder Badewasser und verdankt seinen Namen wahrscheinlich dieser Tatsache.

Beim Lavendel war ich also auf der richtigen Spur. Bei einer anderen aromatischen Pflanze waren meine Vermutungen weniger zutreffend. Den Rosmarin assoziierte ich spontan mit Meerrose. Dabei störte mich weder die fehlende Ähnlichkeit mit einer Rose noch die Tatsache, dass das Wort dann eigentlich weiblich sein müsste, während es bei uns, aber auch z. B. im Französischen (romarin) und Italienischen (rosmarino) männlich ist. Bei marin (Meer-) lag ich noch richtig. Die Pflanze wuchs ursprünglich vor allem in Küstengebieten. Bei ros aber lag ich falsch. Dieser Wortteil wird nicht auf rosa = Rose, sondern auf ros = Tau zurückgeführt. Der Rosmarin trägt also den poetische Namen Meerestau, vielleicht dank der silbergrauen Unterseite seiner Blätter oder weil er im Tau des Meeres besonders gut wachsen soll.

Auch der Thymian trägt einen interessanten Namen. Er geht über ein paar „Umwege“ auf das griechische thýmon = Thymian zurück, das wiederum von thýein = ein Rauch- oder Brandopfer darbringen abgeleitet sei. Man habe diese Pflanze ihres Duftes wegen bei Brandopfern verwendet.

Der Basilikum kommt von griechisch basilikós = königlich, fürstlich. Es handelt sich also – dem stimmen sicher viele Fans von Tomaten und Insalata caprese zu – um ein königliches Kraut.

Langweiliger oder, wenn man will, mysteriöser ist schließlich die Herkunft der Namen Majoran und Oregano. Beide gehen auf ein griechisches Wort zurück. Beide waren aber auch im Griechischen schon Lehnwörter und bei beiden ist die weitere Herkunft unbekannt.

So weit der Exkurs in die Herkunft der Namen einiger aromatischer Pflanzen. Viel interessanter wäre natürlich, welche Köstlichkeiten man mit ihnen zubereiten kann, doch Rezepte gehören (leider!) nicht in diesen Blog.

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Toilette, wie das Tüchlein zum WC wurde

Morgen früh verreise ich für ein paar Tage nach Frankreich. Mehr oder weniger dazu passend habe ich mir heute Morgen auf der Toilette die Frage gestellt, woher das Wort Toilette kommt – aus dem Französischen, das ist klar, aber was bedeutete es ursprünglich?

Das Wort toilette bedeutete ursprünglich Tüchlein. Es ist eine Verkleinerungsform von toile = Tuch. Nun geht es dabei nicht, wie ich vermutete, um eine alte Stoffvariante des Toilettenpapiers oder um ein Tuch oder Tüchlein, das man verhüllend vor den „Ort des Geschehens“ spannte. Verhüllend ist das Wort aber dennoch. Es ist ein Euphemismus, also eine beschönigende oder mildernde Bezeichnung für etwas, das man als anstößig oder unangenehm empfinden könnte. Euphemismen benutzen wir viel und ausgiebig.

Wer an geistiger Umnachtung leidet ist nicht sehr müde im Kopf, sondern wahnsinnig. Ein leichtes Mädchen ist nicht eine junge Frau mit der Figur eines modernen Models, sondern eine Prostituierte. Wer dahingegangen ist, ist nicht einfach weg, sondern tot. Wenn etwas preiswert ist, ist es nicht unbedingt seinen Preis wert, sondern billig. Und wenn die Chefin meine Mitarbeiter sagt, meint sie nicht diejenigen, mit denen sie direkt zusammenarbeitet, sondern ihre Untergebenen.

Was für ein Tüchlein war die toilette? Es war ein Tuch, auf dem die Gegenstände ausgebreitet wurden, die man für die Haar- und Körperpflege benötigte. Danach wurde es im übertragenen Sinne zu Körperpflege, Ankleiden, Frisieren, Sichzurechtmachen (vgl. Toilette machen), zum Namen eines Möbelstücks, an dem man Toilette machte, und auch zu einer Bezeichnung für elegante, festliche Kleidung. Damit sind wir aber immer noch nicht bei der euphemistischen Toilette, die ich eingangs meinte. Über das ebenfalls französische cabinet de toilette = kleiner Raum für die Köperpflege, Waschraum wurde es im Deutschen zuerst ebenfalls in diesem Sinne verwendet. Ab Anfang des zwanzigsten Jahrhundert wurde Toilette dann auch verhüllend für Klosett, Abort verwendet. Über so viele Schritte wurde das Tüchlein zum WC.

Lustig ist übrigens, dass Abort und Klosett auch Euphemismen sind. Abort ist eigentlich nur ein abgelegener Ort und Klosett stammt vom englischen Wort closet = abgeschlossener Raum. So ersetzt ein Euphemismus immer wieder einen anderen, der zu gewöhnlich geworden ist. Toilette, Klosett, WC (water closet), was von weit kommt, klingt offenbar besser.

Ich verabschiede mich nun für eine Woche und bringe Ihnen vielleicht einen schönen neuen Euphemismus aus Frankreich mit.

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Der Seehecht in der See und die Seerose im See

Frage

Wo liegt der Grund dafür, dass der See männlich ist, die Nordsee und Ostsee aber weiblich? Ich fahre ja auch an die See, wenn ich ans Meer fahre. […] Das Meer ist auch die See. Der See ist ein Binnengewässer. Bin sehr auf Ihre Antwort gespannt.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

ursprünglich war See ein männliches Wort und bezeichnete eine große Wasserfläche, die sowohl ein Binnensee als auch ein Meer sein konnte. Im Westgermanischen ist daneben schon früh eine weibliche Variante entstanden. Die heutige Bedeutungsunterscheidung zwischen der See = Binnensee und die See = Meer hat sich aber erst im Neuhochdeutschen allgemein voll herausgebildet.

Eine schöne Theorie zu dieser Bedeutungsunterscheidung sagt, dass man in den niederdeutschen Dialekten, also im Norden, die See sagte. Dort kannte man eigentlich nur das Meer und keine Binnenseen. Weiter im Süden, wo man der See sagte, hatte man umgekehrt Binnengewässer, aber kein Meer. Wenn diese Theorie stimmt, könnte man sagen, dass die See im heutigen Standardddeutschen, das auf dem Hochdeutschen basiert, ein Lehnwort aus dem Niederdeutschen ist. In meinem südlichen Dialekt gibt es auch heute noch nur der See und das Meer, die See verwenden wir nicht (außer in »importierten« Namen wie Ostsee und Nordsee).

Die strenge Unterscheidung zwischen der See und die See ist also sprachgeschichtlich relativ jüngeren Datums. Auffallend finde ich in diesem Zusammenhang, dass die meisten Zusammensetzungen mit See an erster Stelle etwas mit Meer zu tun haben: Vom Seehecht über den Seehund und den Seeteufel bis zur Seezunge, sie schwimmen alle im Salzwasser. Seeleute, Seefahrerinnen, Seeräuber und Seejungfrauen, sie alle haben ihren Wirkungsbereich auf dem oder im Meer. Eine Ausnahme ist die Seerose genannte Pflanze, deren Habitat nicht die See, sondern ein See oder ein anderes stilles Binnengewässer ist. Eine Erklärung für diese Verteilung muss ich Ihnen leider schuldig bleiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Quellen u.a. hier und hier.

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Ist steinreich reich an Steinen?

Vor Kurzem sah ich eine Fernsehsendung über das Sauerland. Bei den Bildern schöner alter Fachwerkhäuser machte der Präsentator neben einem historischen auch einen kleinen Exkurs in die Wortgeschichte: Die ärmeren Leute bauten ihre Häuser mit Holz, Stroh und Lehm, die Reichen hingegen konnten sich für den Hausbau Steine leisten. Daher komme auch die Wendung steinreich, also so reich, dass man sich ein Haus aus Stein leisten konnte. Diese Erklärung hat mir sehr gut gefallen. Doch mit solch schönen wortgeschichtlichen Erklärungen gilt es meistens vorsichtig umzugehen. Das ist, leider, auch hier der Fall.

Die Erklärung mit den steinernen Häusern der Reichen ist nämlich nicht die einzige. Andere Erklärungen sagen, steinreich komme von reich an Edelsteinen oder – mit etwas geringerem Bling-Bling-Gehalt – mit so viel Geld, wie man Steine findet; des Geldes so viel besitzend, als man etwa in steinigen Gegenden Steine sammeln kann oder bei dem das Geld wie Steine aufeinandergehäuft ist. Diese Erklärungen klingen ebenso schön wie einleuchtend. Aber auch sie sind nicht unumstritten.

Für die langweiligste, jedoch wahrscheinlichste Erklärung halte ich die Vermutung, dass steinreich einfach eine Verstärkung ist, die in Anlehnung zu Intensivierungen wie steinhart und steinalt gebildet wurde. Im Wörterbuch der Brüder Grimm finden sich weitere Bildungen dieser Art: steinfremd, steinfest, steinfromm, steinmüde, steinplump, steinrau(h), steintaub (sehr fremd, sehr fest, sehr fromm, sehr müde, sehr plump, sehr rau, sehr taub). War stein- also ein Vorläufer von zum Beispiel knall-, super-, mega- und voll-, der sich ohne die Hilfe der modernen Kommunikationsmittel nicht ganz so weit verbreiten konnte wie diese?

Für die letzte Interpretation spricht auch die Betonung des Wortes. Während bei steinreich im Sinne von reich an Steinen der ersten Teil stein- die Hauptbetonung trägt (ein stéínreicher Acker), werden bei steinreich im Sinne von sehr reich beide Teile ungefähr gleich betont, wie dies auch bei steinalt und steinhart der Fall ist (eine stéínréíche Familie). Doch man könnte auch argumentieren, dass die Akzentverschiebung erst später erfolgt ist …

Es ist schade, dass die schöne Erklärung aus der Sendung über das Sauerland und seine Fachwerkhäuser wahrscheinlich nicht zutrifft. Wer sie aber wie ich trotzdem mag: Die anderen Erklärungen können auch nicht steinfest bewiesen werden.

Quellen u.a. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Etymologisches Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer im DWDS.

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Der Mut, die Anmut und die Demut

Frage

Laut Duden stammen „der Mut“, „die Anmut“ und „die Demut“ alle vom mittelhochdeutschen, althochdeutschen „muot“. Normalerweise würde ich denken, dass das Genus gleich sein muss, wie bei anderen komplexen Nomen üblich ist. Warum hier nicht.

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

im Prinzip haben präfigierte und zusammengesetzte Nomen das gleiche Geschlecht wie das (rechte) Basiswort.

der Eierlöffel wie der Löffel
die Astgabel wie die Gabel
das Hackmesser wie das Messer
der Unterteller wie der Teller

So ist das im Prinzip auch bei Wortbildungen, in denen Mut am Schluss steht:

der Edelmut, der Hochmut, der Lebensmut, der Löwenmut,  der Opfermut, der Heldenmut, der Todesmut, der Übermut, der Wagemut, der Wankelmut wie der Mut

Bei die Anmut und die Demut ist dem aber tatsächlich nicht so. Das lässt sich teilweise dadurch erklären, dass diese beiden Wörter keine direkten Ableitungen von Mut sind, auch wenn sie auf den ersten Blick so aussehen.

Demut ist eine weibliche Abstraktbildung zu einem alten Adjektiv, das die Bedeutung demütig hatte. Sehr vereinfachend ausgedrückt ging die Ableitung also so vor sich: Mut → demütig → Demut.

Die genaue Herkunft von Anmut ist ungeklärt. Es wird vermutet, dass es eine Rückbildung zu anmutig ist, das wiederum von anmuten kommt. Auch hier eine vereinfachende Darstellung der Ableitungsgeschichte: Mut → anmuten → anmutig → Anmut.

Wie man sieht, ist die Ableitungsgeschichte hier nicht ganz so gradlinig, wie man es der Form der Wörter nach vermuten würde. Damit lässt sich der Unterschied beim Wortgeschlecht teilweise erklären – jedenfalls besser als mit der manchmal nicht einmal humoristisch gemeinten hobbywortgeschichtlichen Feststellung, Mut sei eine männliche Eigenschaft und Anmut und Demut seien weibliche Tugenden. Was müsste man dann von der Unverstand  und die Intelligenz halten?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


Die entsprechenden etymologischen Angaben finden Sie unter anderem im DWDS, jeweils unter dem Abschnitt „Etymologie“:

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Schlecht war früher schlicht

Zum Wochenende wieder einmal etwas Wortgeschichte. Ich bin kürzlich auf den Zusammenhang zwischen schlecht und schlicht gestoßen, der mir vorher gar nicht bewusst war.

Das alte Adjektiv sleht bedeutete ursprünglich glatt, geglättet, eben. Es ist unter anderem mit schleichen (ursprünglich = gleiten) verwandt. Später erhielten schlecht und seine abgelautete Variante schlicht auch die Bedeutung einfach, schlicht.

Dann geschah, was häufiger geschieht: Ursprünglich neutral Begriffe können eine negative Bedeutung erhalten. Bekannte Beispiele sind Weib, Dirne, gemein und ordinär, die ursprünglich Frau, Mädchen, allgemein und gewöhnlich bedeuteten (vgl. hier). Und auch gewöhnlich hat ja manchmal schon einen eher negativen Beigeschmack, zum Beispiel wenn es um Design, Schönheit, Essen, Wein u. Ä. geht.

Zurück zu schlecht: Ab dem 15. Jahrhundert wird schlecht als Gegensatzwort zu ausgezeichnet, kostbar, wertvoll verwendet und erhält so langsam die Bedeutung minderwertig, nicht gut. Es hat also einen ähnlichen „Abstieg“ hinter sich, wie die oben erwähnten Wörter. Der leere Platz im Wortschatz, der dadurch hätte entstehen können, wurde durch schlicht aufgefüllt. Schlicht wurde das neue Schlecht – oder so ähnlich.

So kam das Adjektiv schlecht zu seiner negativen Ladung. Seine ursprünglich neutrale Bedeutung überlebt noch in den Adverbien schlechthin und schlechtweg, wenn damit geradezu, einfach gemeint ist. Und schlicht bedeutet schlechtweg immer noch schlicht.

Kommentare (1)