Im Namen meiner Geschwister und mir?

Frage

In einem Dankschreiben lass ich neulich: „Im Namen meiner Geschwister und mir möchte ich mich für … bedanken.“ Frage: Ist das Personalpronomen im Dativ hier richtig?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

der Satz ist so nicht korrekt. Die Formulierung im Namen meiner Geschwister und in meinem Namen kann nicht in dieser Weise zusammengezogen werden. Der einfache Dativ mir passt nicht, denn es steht dann eigentlich: im Namen meiner Geschwister und [im Namen] mir.

Die einfachste Lösung ist, mir einfach wegzulassen. Im Prinzip gibt mich in mich bedanken schon an, dass der Dank auch von mir ausgeht:

Im Namen meiner Geschwister möchte ich mich für … bedanken.

Auch ich hätte aber die Neigung, stärker zu betonen, dass meine Geschwister und ich uns gemeinsam bedanken. Dann gibt es verschiedene andere Möglichkeiten. Man kann zum Beispiel alles ausformulieren:

Im Namen meiner Geschwister und in meinem Namen möchte ich mich für … bedanken.

Die Formulierung mich in meinem Namen bedanken wirkt auf mich hier allerdings etwas seltsam und wortreich.

Man kann auch statt des Genitivattributs meiner Geschwister ein Formulierung mit von wählen. Dann passt auch das einfache mir, weil ein weggelassenes von dazugedacht werden kann:

Im Namen von meinen Geschwistern und mir möchte ich mich für … bedanken.

Ich halte dies für eine gut vertretbare Formulierung, aber nicht allen gefällt der Ersatz des Genitivattributs durch ein von-Attribut. Eine bessere Lösung könnte dann ein einfaches auch sein:

Auch im Namen meiner Geschwister möchte ich mich für … bedanken.
Ich möchte mich auch im Namen meiner Geschwister für … bedanken.

Nicht alles lässt sich einfach kurz und bündig zusammenziehen. Dann muss man flexibel nach anderen Formulierungen Ausschau halten.

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nicht immer kann „es“ am Anfang stehen: *Es machen sie sich gemütlich

Frage

Ich beschäftige mich zurzeit mit der Redewendung „es sich gemütlich machen“. Dabei geht es mir um die Klärung des Pronomens „es“. Welche syntaktische Funktion übt „es“ aus? Und warum kann „es“ nicht das Vorfeld besetzen? Beispielsatz:

Sie machen es sich gemütlich zu Hause.

Aber nicht akzeptabel:

* Es machen sie sich gemütlich zu Hause.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

das Wörtchen es hat einige besondere Eigenschaften, die eine schnelle und einfache Einordnung nicht immer einfach machen. Hier ist es allerdings nicht so kompliziert – wenn man es einmal weiß.

In der Wendung es sich gemütlich machen ist es ein formales Akkusativobjekt, das heißt, es hat im Satz die Funktion eines formalen Akkusativobjekts. Nur formal ist es deshalb, weil es keine eigentliche Bedeutung hat. Diese Funktion hat es auch in anderen festen Wendungen wie zum Beispiel es eilig haben, es jemandem angetan haben, es gut mit jemandem meinen. (Eine Übersicht darüber, was es alles sein kann, finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.)

Dieses es kann tatsächlich nicht am Satzanfang vor dem Verb (im Vorfeld) stehen. Das gilt immer, wenn es die Funktion eines Akkusativobjekts oder Prädikativs hat:

Siehst du das Haus? – NICHT: *Es haben wir gekauft.
Ich kenne das Spiel gut. – NICHT: *Es spiele ich gern.

Anna ist Anwältin. – NICHT: *Es ist Petra auch.
Ihr seid bestimmt müde. – NICHT: *Es sind wir auch.

Um einen korrekten Satz zu erhalten, muss man entweder das statt es verwenden oder die Wortfolge ändern.

Das Pronomen es kann auch dann nicht im Vorfeld stehen, wenn es ein formales Akkusativobjekt ist:

NICHT: *Es haben wir eilig.
NICHT: *Es machen sie sich gemütlich zu Hause.

Hier kann nicht einmal durch das ersetzt werden, so dass nur die Umstellung möglich ist.

Das Pronomen es kann vor allem als Subjekt, als formales Subjekt oder als sogenanntes Platzhalter-es oder im Vorfeld stehen:

Siehst du das Haus? – Es gehört uns.
Es regnet.
Es freut uns, dass ihr kommen wollt.
Es wurden viele Exemplare verkauft.

Die Erklärung dafür, warum genau es als Akkusativobjekt oder Prädikativ nicht im Vorfeld stehen darf, kann ich so schnell leider nicht finden. Hoffentlich habe ich es abgesehen davon gut erklärt (nicht: *Es habe ich abgesehen davon hoffentlich gut erklärt). Was sonst noch alles im Vorfeld stehen kann oder eben nicht, finden Sie auf dieser Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gebeugt oder ungebeugt: Vermeintliche Vergiftete und vermeintlich Vergiftete?

Frage

Es geht diesmal um das Adjektiv „vermeintlich“. Ich frage mich, ob es vor einem Substantiv immer gebeugt wird oder ob es auch ungebeugt geht, wenn es vor einem substantivierten Adjektiv oder Partizip steht. Konkret: Muss es zwingend heißen: „Der vermeintliche Vergiftete entpuppte sich als kerngesund“, oder geht auch: „Der vermeintlich Vergiftete entpuppte sich als kerngesund“?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

was hier möglich ist, hat weniger mit dem Adjektiv vermeintlich zu tun als mit der Tatsache, dass es vor einem substantivierten Partizip steht. Dann kann das Adjektiv im Prinzip gebeugt und ungebeugt sein:

In Ihrem Beispiel kann vermeintlich nach der Substantivierung von vergiftete zu der Vergiftete hinzugefügt werden. Dann ist es ein attributives Adjektiv, das gebeugt wird:

der vergiftete Mann → der Vergiftete → der vermeintliche Vergiftete

Es kann aber auch vor der Substantivierung zu vergiftete treten. Dann ist es ein adverbial verwendetes Adjektiv, das auch nach der Substantivierung ungebeugt bleibt:

der vergiftete Mann → der vermeintlich vergiftete Mann → der vermeintlich Vergiftete

Beide Konstruktionen sind möglich und gut vertretbar:

Der vermeintliche Vergiftete entpuppte sich als kerngesund.
Der vermeintlich Vergiftete entpuppte sich als kerngesund.

Ich sehe in diesem Fall übrigens keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied. Dem glücklichen Manne, um den es hier geht, ist es bestimmt gleichgültig, ob er ein vermeintlicher Vergifteter oder ein vermeintlich Vergifteter ist. Wichtig ist vor allem, dass er in beiden Fällen kerngesund ist.

Andere Beispiele (z. T. mit deutlichem Bedeutungsunterschied):

die fleißigen Studierenden
die fleißig Studierenden

die selbstständige Mitarbeitende
die selbstständig Mitarbeitende

der schöne Frisierte
der schön Frisierte

das gemeinsame Ersparte
das gemeinsam Ersparte

Man muss aber nicht jedesmal analysieren, ob das Partizip durch ein adverbiales Adjektiv näher bestimmt und dann substantiviert wird oder ob ein attributives Adjektiv zum substantivierten Partizip tritt. Meist macht man das ohne langes Nachdenken richtig.

Mir fällt hierbei übrigens auf, dass sich nicht durch eine allgemeine Regel vorhersagen lässt, ob es fast keinen, einen kleinen oder einen wesentlichen Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Formulierungsarten gibt. Das ergibt sich jeweils aus der Bedeutung der einzelnen Wörter und dem  Kontext.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nach Friesland und ins Saarland

Heute gleich noch eine Frage zu geografischen Begriffen:

Frage

Meine Tochter flog nach Swasiland / ins Swasiland. Was ist korrekt? Nur die erste Variante? (Ich weiß, dass der offizielle Name des Staates seit einigen Jahren Eswatini ist.)

Antwort

Guten Tag Herr T.,

der Name Swasiland gehört (ganz korrekt: gehörte bis 2018) zu den Namen, die ohne Artikel verwendet werden. Das gilt auch für zum Beispiel Deutschland, England, Estland, Finnland, Friesland, Griechenland, Irland, Island, Jütland, Lettland, Neufundland, Neuseeland, Schottland, Thailand. Richtig ist also, wie Sie vermuten, nur die Formulierung ohne Artikel:

Meine Tochter flog nach Swasiland.
Sie wohnte in Swasiland.
Sie kam aus Swasiland.

Einig andere Namen, die auf -land enden, werden allerdings mit Artikel verwendet: das Baskenland, das Burgenland, das Saarland, das Sauerland, das Vogtland, das Westjordanland, das Waadtland u. a. m.:

Meine Tochter fuhr ins Baskenland.
Sie wohnte im Baskenland.
Sie kam aus dem Baskenland.

Wer Deutsch als Muttersprache hat, weiß erstaulicherweise in den meisten Fällen, ob ein Länder- oder Regionenname auf -land mit oder ohne Artikel verwendet wird. Alle anderen müssen lernen, dass man zum Beispiel nach Friesland, aber ins Saarland fährt, denn welche Namen dies sind, bestimmt nur der Gebrauch. Außer der Tendenz, dass Länder auf -land ohne Artikel und Regionen auf -land eher mit Artikel stehen, gibt es wieder einmal keine feste Regel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ganz ohne „dass“: Ich hoffe, die Erklärung ist nützlich

Frage

Könnten Sie mir bitte bei folgendem „Problem“ behilflich sein? In einer deutschen Zeitung hab ich gelesen: „Ich hoffe, die Stadt hat sich nicht verändert.“ Fehlt hier nicht die Konjunktion „dass“ („Ich hoffe, dass sich die Stadt nicht verändert hat“)? Oder ist das korrekt so? Gibt es dazu eine Regel? Ich möchte diesen Artikel mit meinen Schülern im Unterricht lesen und wenn einer von ihnen danach fragt, dann wäre ich überfragt …

Antwort

Guten Tag Frau K.,

uneingeleitete Nebensätze kommen häufig bei der indirekten Rede vor:

Sie sagt, sie habe Hunger.
Er behauptet, er habe schon gegessen.

Das ist aber nicht der einzige Fall. Bei gewissen Verben – grob gesagt bei Verben, die eine Annahme oder einen Wunsch ausdrücken – kann ebenfalls ein nicht eingeleiteter Nebensatz stehen. Zum Beispiel:

Wir hoffen, das Wetter bleibt gut.
Ich denke, du solltest jetzt nach Hause gehen.
Man befürchtet, die Preise steigen noch weiter.
Glaubst du, ich habe nichts besseres zu tun?
Ich nahm an, er würde mir das Geld leihen.
Es ist besser, Sie kommen später noch einmal zurück (= Ich finde es besser, wenn …)

Diese uneingeleiteten Nebensätze gehören eher, aber nicht ausschließlich der gesprochenen Sprache an. In der gesprochenen Sprache kommen sie häufig vor. Sie können in der Regel durch einen dass-Satz ersetzt werden:

Wir hoffen, dass das Wetter gut bleibt.
Ich denke, dass du jetzt nach Hause gehen solltest.
Man befürchtet, dass die Preise noch weiter steigen.
Glaubst du, dass ich nichts besseres zu tun habe?
Ich nahm an, dass er mir das Geld leihen würde.
Es ist besser, dass/wenn Sie später noch einmal zurückkommen.

Es gibt keine präzise und feste Regel, bei welchen Verben solche uneingeleiteten Nebensätze möglich sind. Da aber in der Regel auch ein dass-Satz möglich ist, müssen Schüler und Schülerinnen im Fremdsprachenunterricht solche Sätze (vorerst) nur erkennen können.

Ich hoffe, diese Erklärung ist nützlich – oder in formalerem, geschriebenem Deutsch eher: Ich hoffe, dass diese Erklärung nützlich ist.

Ein schönes Wochenende, entweder von normaler Länge oder dank Halloween, Reformationstag oder Allerheiligen in verlängerter Form wünscht Ihnen

Dr. Bopp

Eine bessere Version unser/unserer selbst – unser oder unserer?

Frage

Einerseits heißt es „eine bessere Version von uns selbst werden“. Wenn man andererseits den von-Dativ nicht verwenden möchte, heißt es dann im Genitiv richtig „eine bessere Version unser selbst werden“ oder „eine bessere Version unserer selbst werden“? […]

Antwort

Guten Tag Herr B.,

der Genitiv des Personalpronomens wir ist unser. Der Genitiv von wir selbst lautet enstprechend unser selbst:

eine bessere Version unser selbst werden

Auch die Genitivform euer des Personalpronomens der zweiten Person Mehrzahl führt häufiger zu Zweifeln:

eine bessere Version euer selbst werden

Andere Formulierungen mit den Genitivformen unser bzw. euer:

Wir müssen uns stärker unser selbst bewusst werden.
ein Medium, durch das wir unser selbst gewahr werden können
Werdet ihr euer selbst nicht überdrüssig?

Neben unser und euer kommen auch die Formen unserer/unsrer und euerer/eurer vor:

eine bessere Version uns[e]rer selbst werden
eine bessere Version eu[e]rer selbst werden
Wir müssen uns stärker uns[e]rer selbst bewusst werden.
Werdet ihr eu[e]rer selbst nicht überdrüssig?

Auch ohne selbst:

Erbarmt euch unser/uns[e]rer!
Sie werden sich euer/eu[e]rer annehmen.

Siehe auch die Angaben zur Flexion der Personalpronomen in der LEO-Grammatik.

Die Formen uns[e]rer und eu[e]rer sind eigentlich Genitivformen der Possessive unser und euer; vgl.:

das Haus uns[e]rer Freunde
das Alter eu[e]rer Kinder

Obwohl uns[e]rer und eu[e]rer auch in standardsprachlichen Texten als Personalpronomen vorkommen, werden sie nicht von allen als korrekt akzeptiert. Sie haben sich wahrscheinlich deshalb (beinahe) etablieren können, weil die gebeugten Formen unser und euer des Personalpronomens irgendwie endungslos wirken. Sie sind ja mit den ungebeugten Formen unser und euer des Possesivs identisch; vgl.:

unser Freund
euer Kind

Der vermeintlichen Endungslosigkeit wird dann abgeholfen, indem man wie beim Possessiv eine Genitivendung -er anfügt, obwohl das Personalpronomen bereits eine Genitivendung -er hat:

eine bessere Version uns[e]rer selbst
eine bessere Version eu[e]rer selbst

Die Gentivformen der Personalpronomen wir und ihr kommen selten vor, weil viele zweifeln – oder viele zweifeln, weil die Formen selten vorkommen. Sie klingen auch recht gehoben. Wie dem auch sei, häufig werden Formulierungen dieser Art vermieden. Auch ich verwende die Genitivformen unser und euer nie. Und damit sind wir wieder ganz am Anfang Ihrer Frage:

eine bessere Version von uns selbst werden
Habt Erbarmen mit uns!
Sie werden sich um euch kümmern.

Wahre Anhänger und Anhängerinnen des Genitivs werden hier aber trotz Seltenheit, eventueller Zweifel und formaler Gehobenheit Formulierungen mit unser und euer verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Direkte Rede wird auch gehört

Frage

Ich würde gern wissen, ob ich das so schreiben kann oder lieber nicht, weil „hören“ eigentlich nichts mit der wörtlichen Rede zu tun hat:

„Wehre dich nur, es wird dir nichts nützen“, hörte sie wie aus weiter Ferne sein widerwärtiges Nuscheln.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

Ihr Satz ist so richtig formuliert und geschrieben. Die direkte Rede gibt wörtlich etwas Gesagtes, Geschriebenes, Gedachtes usw. wieder. Da etwas Gesagtes auch gehört und etwas Geschriebenes auch gelesen wird, kann eine direkte Rede auch bei Verben wie „hören“ und „lesen“ stehen.

„Hör auf zu weinen, Männer tun das nicht“, hörte er als Junge immer wieder.
„Von kleinen Kindern fernhalten“, las sie auf der Verpackung.

Häufig steht im redebegleitenden Satz mit „hören“ eine Angabe zur sprechenden Person oder etwas Ähnliches.

„Pass auf, wo du hintrittst!“, hörte ich als Kind immer wieder von meiner Mutter.
„Ich komme gleich wieder“, hörte er als Letztes von ihr.
Als Antwort hörten wir nur: „Das geht Sie nichts an.“
„Ich werde dir geben, was du brauchst“, hörte sie sein widerwärtiges Nuscheln.

Häufig wird also bei redebegleitendem hören angegeben, von wem oder woher das Zitierte stammt, das gehört wird (von der Mutter; von ihr; als Antwort; sein Nuscheln).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Grammatikfehler und Rechtschreibfehler

Frage

Handelt es sich beim nachfolgenden Fehler um einen Grammatik- oder Rechtschreibfehler: „Meine Mutter *laste mich in Ruhe.“ Meines Wissens wird dies als Grammatikfehler klassifiziert, da hier ein Fehler in der Formenbildung vorliegt.

Antwort

Guten Tag V.,

Sie haben recht: Es handelt sich bei diesem laste um einen Grammatikfehler. Die Grammatik bestimmt, welche Wörter und Wortformen man wählt. Die Rechtschreibung bestimmt nur, wie diese Wörter und Wortformen geschrieben werden.

Das Verb lassen ist ein unregelmäßiges Verb. Das Präteritum der 3. Person Einzahl lautet ließ, nicht lasste. In Ihrem Beispielsatz (Meine Mutter laste mich nicht in Ruhe) steht nicht die richtige Wortform. Es wurde ein Fehler bei der Wahl/Bildung der Wortform gemacht, also ein Grammatikfehler.

Für die Spitzfindigen unter uns enthält der Satz in Ihrer Frage dennoch einen „indirekten“ Rechtschreibfehler: Wenn lassen regelmäßig gebeugt würde, wäre die korrekte Schreibung der Vergangenheitsform lasste, nicht laste. Es würde also ein s fehlen.

Ein echter Rechtschreibfehler wäre es zum Beispiel, wenn lies statt ließ stünde: Meine Mutter lies mich nicht in Ruhe. Die Formen lies und ließ klingen gleich, sie werden nur unterschiedlich geschrieben. Wer s statt ß schreibt, sündigt gegen die Rechtschreibregeln.

Die bereits erwähnten Spitzfindigen könnten allerdings auch behaupten, dass es sich bei lies um einen Grammatikfehler handeln könnte. Wenn statt lassen das Verb lesen gemeint wäre (nicht sehr wahrscheinlich, aber theoretisch nicht unmöglich), würde die Schreibweise lies stimmen. Da lesen hier aber gar nicht passt und die Imperativform lies erst recht nicht, wäre lies statt ließ ein Grammatikfehler.

Wie man sieht, scheinen Grammatikfehler und Rechtschreibfehler manchmal gar nicht so weit auseinanderzuliegen. Dennoch ist die Trennung eindeutig: Die Grammatik bestimmt, wie man formuliert, und die Rechtschreibung bestimmt, wie das Formulierte mit Buchstaben ausgedrückt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das ist ein Haus – Was ist „Das“?

Was ein Haus ist, dürfte bekannt sein. Es geht um die Frage nach der Funktion und Wortklasse von „Das“ in „Das ist ein Haus“.

Frage

In dem Satz „Das ist ein (Haus, Apfel, Tisch, etc.)“ übernimmt das Wort „Das“ vermutlich die Funktion des Subjekts. Um welche Wortart handelt es sich aber dabei? Die klassischen Definitionen im Internet schließen Nomen, (Demonstrativ-)Pronomen und Artikel aus. Handelt es sich um einen Sonderfall oder bin ich ganz auf dem Holzweg?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

Sie sind nicht auf dem Holzweg. Im Satz „Das ist ein Haus“ hat das tatsächlich die Funktion des Subjekts. Es ist das Subjekt in einem Gleichsetzungssatz:

  • Das = Subjekt
  • ist = Verb (Kopula)
  • ein Haus = Prädikativ (prädikativer Nominativ, Gleichsetzungsnominativ)

Dabei wird das gewöhnlich als Demonstrativpronomen bezeichnet. Es weist stellvertretend auf etwas hin (hier auf Haus). Wie die sächlichen Demonstrativpronomen dies und jenes oder das sächliche Fragepronomen welches kann es sich auch auf nicht Sächliches und nicht im Singular Stehendes beziehen:

Das ist ein Apfel.
Dies/Jenes ist ein Apfel.
Welches ist der leckerste Apfel?

Das ist meine Zahnbürste.
Dies/Jenes ist meine Zahnbürste.
Welches ist deine Zahnbürste?

Das sind meine Möbel.
Dies/Jenes sind meine Möbel.
Welches sind deine Möbel?

Eine weitere Besonderheit ist erwähnenswert: In den letzten Beispielen steht das Verb im Plural. In Gleichsetzungssätzen steht das Verb im Plural, wenn das Subjekt und der Gleichsetzungsnominativ nicht den gleichen Numerus haben:

Mein größter Besitz sind meine Kinder.
Eine gute Idee wären optische Warnsignale.
Wer sind diese Leute?
Das sind meine Möbel.

Siehe auch hier unter „Subjekt und Gleichsetzungsnominativ mit unterschiedlichem Numerus“.

Wir haben es bei diesem das also tatsächlich mit einer Art Sonderfall zu tun.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Obligatorische Verbergänzung: Kann man etwas aufzwingen, ohne anzugeben, wem man es aufzwingt?

Frage

Meistens wird das Verb „aufzwingen“ mit einem Dativobjekt verwendet. Ist es grammatisch korrekt, dieses auch ohne ein solches Dativobjekt zu verwenden? Ein entsprechender Beispielsatz wäre: „Das Gesetz ist aufgezwungen“, oder: „Ich zwinge das Gesetz auf.“

Können Sie mir noch sagen, wie oder wo ich das selbst herausfinden kann, ohne Sie zu fragen?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

das auf in aufzwingen gibt an, dass auf jemanden eingewirkt wird, um etwas zu erreichen (wie zum Beispiel auch in auferlegen oder aufschwatzen). Die Person oder die Personen, auf die eingewirkt wird, setzt man in den Dativ. Es ist deshalb nicht gut möglich, aufzwingen ohne Dativobjekt zu verwenden. Das Verb aufzwingen zwingt uns sozusagen ein Dativobjekt auf:

Ich zwinge dem Volk / dem Parlament/ ihnen das Gesetz auf.

Wenn nicht genannt wird, wem etwas auferlegt wird, ist es besser zum Beispiel erzwingen, durchsetzen oder etwas Ähnliches zu verwenden:

Ich erzwinge das Gesetz.
Ich führe das Gesetz mit Zwang ein.

Nur beim Partizip II wird das Dativobjekt häufiger weggelassen, wenn es als Adjektiv verwendet wird. In der Regel geht dann aus dem Kontext hervor, wem etwas aufgezwungen wird:

In seinem aufgezwungenen Exil schreibt der Autor …
(= dem Autor aufgezwungen)
mit freiwilligen oder aufgezwungenen Veränderungen fertig werden
(= jemandem / einem aufgezwungen)
Die Bevölkerung wehrt sich gegen das von der Regierung aufgezwungene Gesetz
(= der Bevölkerung aufgezwungen)

Ausführliche Angaben dazu, mit welchen Objekten und anderen Ergänzungen ein Verb stehen muss oder kann, sind schwierig zu finden. Ich behelfe mich normalerweise mit Quellen wie um Beispiel DWDS, Pons, Duden, LEO und anderen. Keines der Wörterbücher listet alle Möglichkeiten auf, aber zusammen ergeben sie ein besseres Bild. Eine umfassende Darstellung aller Möglichkeiten erhält man aber auch so kaum.

Es gibt auch sogenannte Valenzwörterbücher. Sie beschreiben, grob gesagt, mit welchen Ergänzungen Verben im Satz stehen können bzw. müssen. So ist zum Beispiel online das E-Valbu (Elektronisches Valenzwörterbuch deutscher Verben1) des IDS Mannheim verfügbar. Es ist wissenschaftlich gut fundiert, hat aber für durchschnittliche Sprachinteressierte zwei Nachteile: Viele Verben wie zum Beispiel aufzwingen sind nicht darin zu finden. Bei den Verben, die beschrieben sind, ist es schwierig, sich in den umfangreichen Informationen und zahlreichen Abkürzungen zurechtzufinden (siehe zum Beispiel den Eintrag zwingen). Das kann man allerdings weniger den Wörterbuchmacherinnen und -machern ankreiden als vielmehr der Komplexität der deutschen Verbstrukturen: So vieles ist möglich, dass es äußerst schwierig ist, alles ausführlich und übersichtlich zu beschreiben. Für stark linguistisch Interessierte ist es aber ein gutes Nachschlagwerk.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 E-Valbu basiert auf: Helmut Schumacher, Jacqueline Kubczak, Renate Schmidt, Vera Ruiter: VALBU – Valenzwörterbuch deutscher Verben, Gunter Narr Verlag, Tübingen, 2004