Zweimal em: die parallele Beugung

Ein „alter Hut“, der aber immer wieder auftaucht, ist die Beugung von aufeinanderfolgenden Adjektiven mit der Endung em. Da diese Frage doch noch vielen zu schaffen macht, soll das Thema gleich zu Anfang des Jahres wieder einmal kurz aufgegriffen werden (und dann bis mindestens 2015 nicht mehr im Blog erscheinen):

Frage

Darf ich fragen, was richtig ist:

Mit nochmaligem bestem Dank     oder
Mit nochmaligem besten Dank

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

beides kommt vor und beides gilt als richtig. In der heutigen Standardsprache wird die parallele Beugung (Parallelflexion), also zweimal em, bevorzugt. Früher war das allerdings anders: Die Wechselflexion (also em – en) galt als Regel oder zumindest als stilistisch besser. Doch schon vor dreißig Jahren (1984) schrieb die Dudengrammatik zu diesem Thema:

Die frühere Regel, daß in diesem Falle beim Dativ Singular und Genitiv Plural das zweite der artikellosen Adjektive nach Typ II (schwach) gebeugt werden müsse, gilt nicht mehr.

Siehe auch die Angaben zur Beugung von aufeinanderfolgenden Adjektiven in der LEO-Grammatik. Und falls Sie dann noch Zeit und Lust haben: Es gibt es auch noch einen älteren Blogeintrag zu diesem Thema.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eines der besten Schnitzel, das oder die …?

Frage

Ich habe eine grammatische Frage: Heißt es „Das ist eines der besten Schnitzel, das ich je gegessen habe“ oder „Das ist eines der besten Schnitzel, die ich je gegessen habe“?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

richtig sind die folgenden Formulierungen:

Das ist das beste Schnitzel, das ich je gegessen habe.
Das ist eines der besten Schnitzel, die ich je gegessen habe.

Ob man das Relativpronomen das oder die wählt, hängt davon ab, auf welches vorhergehende Wort sich das Pronomen bezieht.

Beim ersten Satz bezieht sich das Relativpronomen auf die Wortgruppe das beste Schnitzel, also auf ein sächliches Wort in der Einzahl. Man wählt deshalb das entsprechende sächliche Relativpronomen der Einzahl: das.

Bei Konstruktionen der Art eine/einer/eines der … bezieht sich das Relativpronomen in der Regel auf das vorhergehende Substantiv im Plural, nicht auf eines. Nicht das mit eines bezeichnete Beispiel, sondern die Gruppe, zu der es gehört (hier: der besten Schnitzel), wird näher bestimmt. Man wählt deshalb die Pluralform des Relativpronomens: die.

Weitere Beispiele:

einer der letzten Menschen, die noch hier wohnen
eine der berühmtesten Künstlerinnen, die hier aufgetreten sind
einer der schönsten Städtenamen, die ich kenne
eines der Museen, die ich in Berlin besuchen werde
Sie ist eine der wenigen, denen er noch vertraut.

Ich hoffe für Sie, dass das Beispiel in Ihrer Frage nicht nur ein erdachtes Beispiel war. Ein gutes Schnitzel ist nie zu verachten (außer wenn man Schnitzel nicht mag). Eines der besten Schnitzel, die man je gegessen hat, ist natürlich noch viel besser. Ich würde es auch genießen, wenn es mir mit dem Relativpronomen das statt die angeboten würde! Grammatik ist gut, Kulinarik ist besser!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Reihenfolge der Kasus in Canoonet

Eine Frage, die immer wieder auftaucht, bezieht sich auf die Reihenfolge der Kasus. In den Tabellen in Canoonet stehen die Fälle nämlich in einer anderen Reihenfolge (Nom. – Akk. – Dat. – Gen.), als wir es aus der klassischen Grammatik kennen (Nom. – Gen. – Dat. – Akk.) Das ist für viele ungewohnt und führt begreiflicherweise immer wieder zu Fragen. Es ist also an der Zeit, diese Frage wieder einmal kurz im Blog zu behandeln. Das Ende des Jahres ist ja ein guter Moment, Liegengebliebenes abzuarbeiten:

Frage

Mir ist aufgefallen, dass der Akkusativ bei Ihnen der zweite Fall ist. Das finde ich nur bei Canoonet so. An allen anderen Stellen ist es der vierte Fall und so habe ich es auch in der Schule gelernt. Warum ist das so? Wenn ich Canoonet auch für die beste Seite halte zum Thema Rechtschreibung, so besuche ich doch meistens auch andere Anbieter. Das mit dem Akkusativ ist wirklich sehr gewöhnungsbedürftig. Aber vielleicht gibt es ja einen guten Grund?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

Sie sind nicht der Einzige, der sich darüber wundert, dass in Canonet die Reihenfolge der Kasus wie folgt angegeben wird: Nominativ – Akkusativ – Dativ – Genitiv. Wir verwenden also nicht die aus der klassischen lateinischen Grammatiktradition stammende Reihenfolge Nominativ – Genitiv – Dativ – Akkusativ. Eine kurze Begründung habe ich in einem älteren Blogeintrag schon einmal gegeben. Sie finden ihn hier. Da dieser Eintrag schon einige Jährchen alt ist, möchte ich hier ergänzend zwei Zitate etwas jüngeren Datums anführen:

Duden, „Die Grammatik“, 8. Auflage, 2009, Randnummer 199:

In Listen und Tabellen werden in der vorliegenden Grammatik die Kasusmerkmale in der folgenden Anordnung gezeigt:

Nominativ -> Akkusativ -> Dativ -> Genitiv

Diese Abfolge hat die folgenden Vorteile:

(i) Als formaler Grund lässt sich der Formenzusammenfall (Synkretismus) bei bestimmten Paradigmen nennen […]. Nominativ und Akkusativ fallen bei Paradigmen mit den Merkmalen Neutrum, Femininum oder Plural immer zusammen; ein Unterschied besteht nur in der 1. und 2. Person des Personalpronomens bei einem Teil der Maskulina im Singular.
(ii) Als funktionaler Grund lassen sich die Regeln für die Kasusvergabe beim Verb nennen […]:
(a) Wenn ein Verb nur 1 nominales Satzglied verlangt, steht dieses im Nominativ, zum Beispiel: Der Hund bellt.
(b) Wein ein Verb 2 nominale Satzglieder verlangt, steht dasjenige mit der aktiveren semantischen Rolle im Nominativ, das andere im Akkusativ, zum Beispiel: Der Hund sucht den Knochen.
(c) Wenn ein Verb 3 nominale Satzglieder verlangt, steht dasjenige mit der aktivsten semantischen Rolle im Nominativ, das mit der am wenigsten aktiven Rolle im Akkusativ und das dritte im Dativ, zum Beispiel: Der Hund bringt dem Herrchen den Ball.
(d) Verben mit Genitivobjekten sind Sonderfälle, zum Beispiel: Der Hund bemächtigt sich des Knochens.

Wahrig, „Richtiges Deutsch leicht gemacht“, 2009, S. 209:

Nominativ
Akkusativ
Dativ
Genitiv

Während in älteren Grammatiken meist die Kasus der traditionellen Lateingrammatik entsprechend in der Reihenfolge Nominativ – Genitiv – Dativ – Akkusativ aufgelistet werden, werden sie heute zunehmend in der hier gewählten Reihenfolge präsentiert. Dabei spielt vor allem die abnehmende Ähnlichkeit mit dem Nominativ eine Rolle.

Die Reihenfolge Nominativ – Akkusativ – Dativ – Genitiv kommt also nicht nur in Canoonet, sondern auch in anderen neueren Grammatiken vor. Auch im Sprachunterricht, insbesondere im Fremdsprachenunterricht (Deutsch für Fremdsprachige), begegnet man ihr häufiger. Sie hat sich aber in den Flexionstabellen der online abrufbaren Wörterbücher tatsächlich (noch?) nicht durchgesetzt. Die meisten von ihnen verwenden die klassische Darstellung.

Ich möchte hier noch hinzufügen, dass die Reihenfolge der Kasus in Tabellen eigentlich gar nicht so wichtig ist. Ob es nun der Hund – den Hund – dem Hund – des Hundes oder der Hund – des Hundes – dem Hund – den Hund ist, eine andere Reihenfolge ist höchstens etwas gewöhnungsbedürftig. Hauptsache, die Information stimmt und wird einigermaßen konsequent angeboten. Ganz so einfach ist es vielleicht nicht, aber ich hoffe, dass es niemanden allzu sehr stört, wenn wir in Canoonet eine andere Reihenfolge der Kasus anbieten, als er oder sie gewohnt ist – oder war.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In den Bus einsteigen – unsere Vorliebe für die Vorsilbe

Frage

Wir haben eine Streitfrage, heißt es jetzt eigentlich „Ich steige in den Bus ein“ oder „Ich steige in den Bus“? Heißt es „Ich steige aus dem Bus“ oder „Ich steige aus dem Bus aus“? Bin mir ziemlich unsicher.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

wieder einmal sind beide Formulierungen üblich und richtig:

Ich steige in den Bus ein.
Ich steige in den Bus.

Ich steige aus dem Bus.
Ich steige aus dem Bus aus.

Im Deutschen haben wir nämlich ein starkes Bedürfnis, mit Vorsilben nachdrücklich anzugeben, was gemeint ist. Oft sind diese Vorsilben für das Verständnis gar nicht unbedingt notwendig. Hier weitere Beispiele, die mit und ohne solche Vorsilben richtig und verständlich sind:

vom Tisch herunterfallen
vom Tisch fallen

aus dem Fenster hinausblicken
aus dem Fenster blicken

zum Gipfel aufsteigen
zum Gipfel steigen

Mehl in Säcke einfüllen
Mehl in Säcke füllen

mit aufgeblähten Segeln
geblähten Segeln

im nachfolgenden Text
im folgenden Text

ohne Vorankündigung
ohne Ankündigung

Ein schönes und in diesem Zusammenhang häufiger zitiertes Beispiel ist pimpen – aufpimpen. Obwohl pimpen ungefähr aufmachen, aufmotzen entspricht und es also das Bedeutungselement auf bereits in sich birgt, wird es häufig in der Form aufpimpen verwendet. Das Gepimpte wird zum Aufgepimpten. Oft finden wir ein einfaches Verb einfach zu wenig aussagekräftig.

Die meisten dieser Formulierungen drücken in gewissem Sinne zweimal dasselbe aus. Das ist hier aber nicht weiter schlimm, denn unsere Sprache ist mehr als nur ein Mittel, sich mit möglichst wenig Aufwand so präzise wie möglich auszudrücken. Es ist zwar richtig, dass man Doppelungen und Wiederholungen in zum Beispiel wissenschaftlichen oder knappen, rein informativen (journalistischen) Texten besser weglässt, das heißt aber nicht, dass man sie immer und überall tunlichst zu vermeiden hat. Natürlich reicht es zu sagen, dass das Mehl in Säcke gefüllt wird. Die Präposition in gibt ausreichend an, wie das Füllen in Bezug auf die Säcke geschieht. Dennoch wird häufig nicht nur etwas in etwas gefüllt, sondern auch nachdrücklicher und bildhafter in etwas eingefüllt. Auch das auf in zum Gipfel aufsteigen ist im Prinzip „überflüssig“. Das Konzept Gipfel gibt bereits an, dass aufwärts gestiegen wird. Es lässt sich ja in der Regel schlecht auf einen Gipfel heruntersteigen (Filme mit spektakulären Stunt-Einlagen einmal außer Acht gelassen). Das auf in aufsteigen zeigt aber deutlicher als nur einfaches steigen, dass es zum Gipfel zünftig bergauf geht.

Wenn Sie also ausdrücken wollen, dass Sie irgendwo einsteigen, können Sie ruhig sagen, dass Sie in den Bus oder in den Zug einsteigen. Ohne ein- ist es aber auch richtig – und sogar schön kurz und bündig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe auch einen ähnlichen Blogartikel zum Verb vorprogammieren.

Angela Merkels Mobiltelefon im Genitiv

Frage

In einem Blogbeitrag von Kristin Kopf auf dem Sprachlog erwähnt sie kurz folgende Genitiv-Konstruktion, die in der Zeit abgedruckt worden war, und gab mir den Tipp, mich mit meinen Fragen an Sie zu wenden:

[sie] verlangte, die mutmaßliche Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons im Bundestag zu thematisieren.

Meine Frage dazu: Ist diese Konstruktion grammatikalisch korrekt? In der gesprochenen Sprache ist mir Vergleichbares bisher noch nicht begegnet. Warum nicht? Weil es unelegant klingt oder weil es wirklich formal falsch ist?

Antwort

Guten Tag A,,

diese Formulierung fällt nicht nur Ihnen auf. Warum? Es geht hier einerseits um das Sprachsystem und andererseits darum, was üblich ist. Nach dem Sprachsystem ist es nicht grundsätzlich ausgeschlossen, Genitive in dieser Weise anzuhäufen. Eine Wortgruppe mit einem vorangestellten Genitivattribut wie diese:

Angela Merkels Mobiltelefon

kann im Prinzip in den Genitiv gesetzt werden:

die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons

Ebenso zum Beispiel:

Annas kleines Kaninchen
der Käfig Annas kleinen Kaninchens

Oder als Genitivobjekt:

Konsulin Müllers verstorbener Bruder
Sie gedachten Konsulin Müllers verstorbenen Bruders.

In der heutigen (Standard-)Sprache wird aber vermieden, Wortgruppen mit einem vorangestellten Genitivattribut im Genitiv zu verwenden. Solche Formulierungen sind wahrscheinlich etwas zu verschachtelt und zu „genitivlastig“. Sie entsprechen jedenfalls nicht dem heutigen Sprachgebrauch. Üblicher ist es, zum Beispiel wie folgt zu formulieren:

die Ausspähung des Mobiltelefons von Angela Merkel
die Ausspähung des Mobiltelefons der Bundeskanzlerin

der Käfig von Annas kleinem Kaninchen
der Käfig des kleinen Kaninchens von Anna

Sie gedachten des verstorbenen Bruders von Konsulin Müller.

Wenn ich doch noch irgendwo „Doppelgenitive“ dieser Art entdecke, denke ich immer, dass es dem Autor oder der Autorin vor allem darum ging, eine Formulierung mit von zu vermeiden. Es wird ja immer wieder gesagt, dass der Genitiv furchtbar bedroht sei und dass die Formulierung mit von anstelle des Genitivs furchtbar schlechtes umgangssprachliches Deutsch sei. Um eine vermeintlich schlechte Formulierung zu vermeiden, wird dann auf eine in meinen Augen wirklich schlechte ausgewichen. Ich glaube nicht, dass  Formulierungen wie Angela Merkels Mobiltelefons irgendjemandem spontan aus der Tastatur fließen.

Kurz zusammengefasst: Formulierungen wie diese sind nicht grundsätzlich falsch, aber nicht üblich.

Und weil es keine Ausnahme ohne Ausnahmen gibt, sei noch Folgendes erwähnt: Nach Präpositionen, die den Genitiv verlangen, kommt diese Art der Kombination von zwei Genitiven etwas häufiger vor:

während Angela Merkels morgendlicher Regierungserklärung
aufgrund Berlusconis enormen Reichtums
wegen Karls guter Figur

Es gäbe hierzu noch vieles zu sagen (wie immer, wenn es um den Genitiv geht), aber ich befürchte, dass Sie dann Dr. Bopps langen Kommentars überdrüssig würden. Nein, Dr. Bopps Kommentars überdrüssig werden kann zwar passieren, aber so formuliert klingt es mindestens ebenso sonderbar wie die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das hartnäckige »zu«

Sprachökonomie (≈ etwas mit möglichst wenig Aufwand sagen) heißt unter anderem, dass vieles weggelassen statt wiederholt wird. Vieles kann und sollte auch weggelassen werden, aber es ist nicht immer möglich. 

Frage

„Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und organisieren.“ Meines Erachtens müsste es heißen: „… zu koordinieren und zu organisieren.“ Was ist richtig und wie lässt sich das begründen?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Sie haben recht. Das zweite zu darf nicht weggelassen werden. Wenn Wörter in einem Satz wiederholt werden, ist es oft möglich und auch anzuraten, sie einmal wegzulassen:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und die Veranstaltung zu organisieren.

Problemlos ist hier das Weglassen des Akkusativobjekts die Veranstaltung. Es ist nicht nur gut möglich, diese Wortgruppe wegzulassen, es ist stilistisch sogar viel besser, sie beim zweiten Verb nicht noch einmal zu nennen:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und zu organisieren,

Es ist viel ökonomischer, etwas nicht zwei- oder sogar dreimal zu erwähnen, wenn dies nicht notwendig ist. Wir lassen deshalb in unserem täglichen Sprachgebrauch andauernd Satzteile, Wörter und Wortteile weg. Zum Beispiel (Weglassbares in eckigen Klammern):

Mein Laptop ist alt und [mein Laptop] sollte ersetzt werden.
Die Firma bestellt [ihn] und bezahlt ihn.
Ich finde das eine gute Idee, die Firma [findet das] vielleicht eher nicht [eine gute Idee].
Ich muss mich einmal aufraffen und [ich muss einmal] nachfragen.

Vieles kann und wird also weggelassen. Es gibt aber ein paar Ausnahmen. Zu diesen nicht weglassbaren Wörtern gehört das zu, das bei einem Infinitiv steht. Wenn mehrere Infinitive in einem Satz vorkommen, muss das zu bei jedem Verb wiederholt werden:

Es begann zu stürmen und zu regnen.
Wie ist es, berühmt zu sein und viel Geld zu verdienen?
Nutzen Sie die Zeit, um das restliche Gemüse zu waschen, zu schälen und zu schneiden.

Und eben:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und zu organisieren.

In all diesen Sätzen können die fett hervorgehobenen zu nicht weggelassen werden. Weitere Beispiele dazu, was nicht weggelassen werden kann, finden Sie in der Canoonet-Grammatik.

Warum genau dieses zu nicht wegfallen darf, weiß ich leider nicht. Viel mehr, als dass es offenbar ein hartnäckiges kleines Wörtchen ist, kann ich dazu nicht sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In die oder in der Akte notieren

Schon wieder die Wechselpräpositionen! Wer sie im Griff hat, wundert sich vielleicht, aber sie geben häufig zu Fragen Anlass. Deshalb hier gleich noch eine Frage zu diesem Thema. Verben wie notieren in Frau W.s Frage lassen nämlich auch mich immer wieder zweifeln.

Frage

Ich bin mir gerade sehr unsicher, welche der folgenden Varianten richtig ist: „in die Akte notieren“ (wie „in die Akte schreiben“) oder „in der Akte notieren“ (wie „in der Akte vermerken/festhalten“)? Oder geht beides?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

die Antwort geben Sie bereits selbst: Beide Varianten sind möglich und richtig:

in der Akte notieren  – wo aufschreiben?
in die Akte notieren – wohin  schreiben?

Im Dativ (in der Akte) ist die Akte der Ort des Schreibens. Im Akkusativ (in die Akte) ist die Akte der Zielort des Geschriebenen. Oder so. Es ist immer schwierig, diese Unterschiede in eindeutige und leicht verständliche Worte zu fassen. Es gibt einen Bedeutungsunterschied, aber sehr oft sind beide Sehensweisen und somit sowohl der Dativ als auch der Akkusativ möglich. Zum Beispiel:

Ich notiere die Adresse schnell in meiner Agenda.
Ich notiere die Adresse schnell in meine Agenda.

Das Verb notieren ist übrigens bei Weitem nicht das einzige Verb, bei dem sowohl eine statische Ortsangabe im Dativ als auch eine dynamische Zielangabe im Akkusativ stehen können. Hier noch ein paar Beispiele, weil es so schön ist:

ein Schild an die Fassade anbringen
ein Schild an der Fassade anbringen

Rouge auf die Wangen auftragen
Rouge auf den Wangen auftragen

sich in ein neues Gebiet einarbeiten
sich in einem neuen Gebiet einarbeiten

die Stiefmütterchen in das Beet einpflanzen
die Stiefmütterchen im Beet einpflanzen

die Schnapsflasche in den Schrank einschließen
die Schnapsflasche im Schrank einschließen

das Bücherregal an die Wand montieren
das Bücherregal an der Wand montieren

sich auf den Sitzsack niederlassen
sich auf dem Sitzsack niederlassen

die Beute in große Kisten verpacken
die Beute in großen Kisten verpacken

ins Nichts verschwinden
im Nichts verschwinden

sich unter das Bett verstecken
sich unter dem Bett verstecken

u. a. m.

Nicht immer sind beide Fälle gleich üblich. Beim letzten Beispiel, verstecken, ist der Akkusativ zwar möglich, aber üblich ist vor allem der Dativ.

Nicht immer sind bei allen Bedeutungen eines Verbs beide Fälle möglich. So kann man sich auf einem oder auf einen Sitzsack niederlassen, aber in übertragenem Sinne kann man sich nur in einem Land niederlassen.

Nicht immer ist der Bedeutungsunterschied so gering wie anfangs gesagt. Ein schönes Beispiel ist verteilen:

Die Schüler verteilen sich in ihre Klassen (sie gehen in ihre jeweilige Klasse)
Die Schüler verteilen sich in ihren Klassen (sie setzen sich in ihrer jeweiligen Klasse auseinander)

Ganz so einfach, wie die Grundregel vermuten lässt, sind die Wechselpräpositionen also nicht. Vieles ist nicht über einfache Regeln ableitbar. Was das eigene Sprachgefühl nicht spontan eingibt, muss man sich ins Gedächtnis einprägen – oder etwa im Gedächtnis einprägen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Im oder ins Restaurant essen gehen

Die sogenannten Wechselpräpositionen (Präpositionen, die mit dem Akkusativ und mit dem Dativ stehen können) haben es hin und wieder in sich. Manchmal sogar beim Restaurantbesuch. Was für Deutschlernende schwierig sein kann, ist für Muttersprachige meist problemlos – bis in gewissen Fällen eine einigermaßen einleuchtende Erklärung gefunden werden sollte. Hier wieder einmal ein Fall, in dem es mehr als eine korrekte Formulierung gibt:

Frage

Ich bin auf Zusammensetzung mit dem Verb „gehen“ gestoßen, die mir Schwierigkeiten bereitet. Hier zwei Beispiele, die ich gefunden habe:

essen gehen: Ich würde lieber abends in einem guten Restaurant essen gehen.
baden gehen: Nach der Arbeit gehen wir im See baden.

Meine Frage: Warum „in einem guten Restaurant“ und „im See“ und nicht „in ein gutes Restaurant“ und „in den See“? Für mich verlangt das Verb „gehen“ den Akkusativ und nicht den Dativ. Denkt man vielleicht bei dieser Konstruktion nicht an das Verb „gehen“, sondern an die Verben „essen“ und „baden“?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

bei Konstruktionen dieser Art sind sowohl der Dativ als auch der Akkusativ möglich. Welcher Fall in Ihren Beispielen steht, hängt davon ab, welche Konstruktion verwendet wird:

a) gehen, um irgendwo etwas zu tun:
Wo esse ich? – Ich esse im Restaurant.
Wo bade ich? – Ich bade im See.

b) irgendwohin gehen, um etwas zu tun
Wohin gehe ich? – Ich gehe ins Restaurant.
Wohin gehe ich? – Ich gehe in den See. (vgl. Bemerkung unten)

Sie haben den Unterschied also richtig erkannt. Im ersten Fall ist die mit in eingeleitete Wortgruppe von essen resp. baden abhängig. Im zweiten Fall ist sie von gehen abhängig.

Oft sind ohne größeren Bedeutungsunterschied beide Konstruktionen möglich:

a) Ich gehe in einem guten Restaurant essen.
b) Ich gehe in ein gutes Restaurant essen.

a) Wir gehen im See baden
b) Wir gehen in den See baden (meist eher: Wir gehen an den See baden).

Bei der Verwendung des Akkusativs (b) wird mehr betont, dass man sich irgendwohin begibt, um etwas zu tun. Bei der Verwendung des Dativs (a) wird der Ort, an dem etwas getan wird, stärker hervorgehoben. Sie können also – und hier folgt für alle, die es bereits vermisst haben, dás Standardbeispiel – sowohl im Supermarkt als auch in den Supermarkt einkaufen gehen. In beiden Fällen begehen Sie keinen Verstoß gegen die deutsche Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie wird durchabfertigen konjugiert?

Herr P. hatte eine Frage zu einem Verb, das modernes Reisen erheblich vereinfacht – falls alles klappt: durchabfertigen (bei Umsteigen oder Unterbrechung der Reise bis zum Endziel abfertigen).

Frage

In einer Diskussion bin ich auf das Verb „durchabfertigen“ gestoßen. Es geht darum, wie es konjugiert wird: „ich durchabfertige“, „ich abfertige durch“ oder vielleicht „ich fertige durch ab“?

Wenn man das Wort mit Verben wie „wiederherstellen“ und „miteinbeziehen“ vergleicht, so ist „ich fertige durch ab“ naheliegend, ähnlich wie „ich stelle wieder her“ und „ich beziehe mit ein“. Allerdings klingt es in meinen Ohren doch falsch. […] Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?  Warum ist „ich stelle wieder her“ akzeptabel, „ich fertige durch ab“ aber nicht (sofern nicht nur ich das so sehe)?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

das Verb durchabfertigen könnte als direkte Übersetzung von check through oder als Rückbildung von Durchabfertigung entstanden sein. Genaue Angaben dazu habe ich leider nicht. Entstanden ist jedenfalls ein sehr ungewöhnliches Verb mit zwei im Prinzip abtrennbaren Teilen: durch+ab+fertigen.

In Anlehnung an ähnliche Konstrukte wie miteinbeziehen (ich beziehe etwas mit ein) und wiederherstellen (ich stelle etwas wieder her), müssten die finiten Hauptsatzformen von durchabfertigen lauten: ich fertige etwas durch ab.

Diese Form kommt aber nicht nur Ihnen und mir äußerst seltsam vor, sondern offenbar allen Sprachbenutzern. Sie wird (vorläufig?) nicht gebraucht. Durch diese Unsicherheit beim Gebrauch gehört durchabfertigen zu den Verben, die nur im Infinitiv und im Partizip gebräuchlich sind:

durchabfertigen, durchabzufertigen
durchabgefertigt

sowie eventuell die zusammengeschriebenen Nebensatzformen:

Möchten Sie, dass ich Ihr Gepäck durchabfertige?

Damit steht durchabfertigen keineswegs alleine da. Von beispielsweise den folgenden Verben sind ebenfalls nur die zusammengeschriebenen Wortformen üblich: bergsteigen, gegensprechen, punktschweißen, rückerstatten, seiltanzen, weitspringen.

Ein Unterschied zwischen einerseits dúrchabfertigen und andererseits wiederhérstellen und mitéínbeziehen ist die Betonung (auf dem ersten bzw. dem zweiten Element). Wichtiger erscheint mir hier aber die Tatsache, dass mit und wieder im Gegensatz zu durch auch als selbstständige Adverbien verwendet werden, und zwar mit der gleichen Bedeutung wie das Verbelement. In getrennt geschriebener Hauptsatzstellung fallen sie also allein stehend weniger auf:

miteinbeziehen – ich beziehe es mit ein
vgl.

mit aufladen – ich lade es mit auf
mit dazugehören – das gehört mit dazu

wiederherstellen – ich stelle es wieder her
vgl.
wieder mitnehmen – ich nehme es wieder mit
wieder zurücklegen – ich lege es wieder zurück

Im Gegensatz dazu kann durch nicht mit der gleichen Bedeutung allein stehen, die es in durchabfertigen hat:

durchabfertigen – ??ich fertige durch ab
nicht: durch xyen

Dieser Unterschied zeigt sich indirekt auch darin, dass immer eine gewisse Unsicherheit besteht, ob man mit einbeziehen oder miteinbeziehen resp. wieder herstellen oder wiederherstellen schreiben soll. Diese Unsicherheit besteht bei durchabfertigen nicht, das heißt, die Schreibung durch abfertigen kommt gar nicht in Frage.

Die fehlende relative Selbstständigkeit des ersten Wortteils ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass die getrennten Wortformen von durchabfertigen nicht verwendet werden. Man könnte umgekehrt aber auch sagen, dass die getrennten Formen von miteinbeziehen und wiederherstellen nur dank der relativen Selbstständigkeit von mit und wieder möglich sind. Verben mit zwei abtrennbaren Präfixen sind nämlich in der deutschen Sprache große Ausnahmen, die eigentlich nicht oder eben nur schlecht in unsere Wortbildungs- und Konjugationsmuster passen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dort vorn oder dort hinten?

Frage

„Vorn“ und „hinten“, ich frage mich schon seit langer Zeit, was nun eigentlich richtig ist. Zum Beispiel: Man wird am Sonntagmorgen von jemandem nach dem Weg gefragt, der wissen möchte, wo die Kirche in Kirchhausen steht. Glücklicherweise sieht man die Kirchturmspitze schon von weitem, deutet auf sie und sagt:

„Die Kirche sehen Sie dort vorne“ – oder vielleicht „dort hinten“?

Was stimmt? Oder kann man beides sagen ?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

man kann sowohl dort vorn als auch dort hinten sagen. Man kann außerdem auch dort drüben oder einfach dort sagen. Die Verwendung von Orts- und Richtungsadverbien ist stark vom sprachlichen Kontext und von der realen Umgebung abhängig. Wenn man auf die Kirche zeigt, lautet eine mehr oder weniger neutrale begleitende Aussage:

Die Kirche sehen Sie dort.
Die Kirche sehen Sie dort drüben.

Wenn vorn oder hinten verwendet wird, können verschiedene Aspekte eine Rolle spielen. Zum Beispiel:

Die Kirche sehen Sie dort vorn.
Die Kirche sehen Sie dort hinten.

  • in Fahrt- oder Gehrichtung → dort vorn
  • entgegen der Fahrt- oder Gehrichtung → dort hinten
  • in einem Tal Richtung Talausgang → dort vorn
  • in einem Tal Richtung oberes Talende → dort hinten
  • teilweise oder ganz durch andere Gebäude oder etwas anderes verdeckt → dort hinten
  • In vielen Ortschaften wissen die Leute „einfach“, wo vorn im Dorf und wo hinten im Dorf ist, weil es schließlich immer so war. Dabei können wiederum verschiedene Aspekte die Grundlage für die Unterscheidung sein. (Manchmal sind sich aber die Leute vorn im Dorf und hinten im Dorf nicht darüber einig, welcher Teil des Dorfes vorn und welcher hinten ist.)

Diese Aspekte sind oft nicht allzu klar. Es kann deshalb vorkommen, dass zwei Personen auf der Straße zwar in die gleiche Richtung zeigen, aber nicht die gleiche Wortwahl treffen. Die eine sagt dort vorn, die andere dort drüben. Deshalb ist das Zeigen viel wichtiger als der begleitende Text.

Im Gegensatz zu oben und unten sind vorn und hinten keine festliegenden Größen. In hügeligen und bergigen Gegenden hat man es deshalb meist einfacher: Die Kirche ist entweder dort oben oder dort unten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp