Wie man auf ein Ungeheuer verweist

 Frage

Wie Sie auf Ihrer Website erklären, kann man sich mit einem Pronominaladverb nicht auf Lebewesen beziehen. Auch ist es nicht üblich, das Fürwort „es“ in Verbindung mit einer Präposition zu benutzen. Das bringt mich aber ganz schön in die Bredouille, wenn ich diesen Satz übersetzen will:

„[…] said the monster would be returning tonight, which means we have to wait for it.

Schreibe ich nun …

„[…] sagte, das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir darauf warten müssen.“

oder

„[…] sagte, das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir auf es warten müssen.“

Antwort

Sehr geehrter Herr V.,

es handelt sich tatsächlich um eine Art „Klemme“. Die Verwendung von darauf kommt eigentlich nicht in Frage (siehe hier unter „Gebrauch und Einschränkungen“). Sie könnten eventuell das ziemlich umgangssprachlich klingende auf es verwenden:

… was bedeutet, dass wir auf es warten müssen.

Stilistisch besser wäre es aber, diese Konstruktion zu vermeiden, indem Sie den Satz umformulieren. Zum Beispiel:

… das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir auf das Monster/die Seeschlange/den Drachen/das Gespenst (oder welche Form das Ungeheuer auch haben möge) warten müssen.

… das Ungeheuer werde heute Nacht wiederkommen, was bedeutet, dass wir auf seine Rückkehr warten müssen.

… das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir es hier erwarten müssen.

Zwei weitere Beispiele, in denen man sich in der gleichen Zwickmühle befindet:

Sie führte das Pferd in den Stall und legte Futter für das Tier bereit. (statt: dafür/für es)
Er merkte, dass das Kind hinter ihm her lief, und wartete auf sie/ihn. (statt: darauf, auf es)

Es gibt hier also eine Lücke im Verweissystem des Deutschen, die man am besten mit einer (kleinen) Umformulierung umgeht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn man täglich gölfe …

So schön der Umlaut in den Verbformen des Konjunktivs auch klingen mag (z. B. sähe, flösse, schlüge), er ist nur sehr beschränkt anwendbar.

Frage

Eine Kleinigkeit: Kann man im Konjunktiv Präsens auch sagen: „gölfe“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Konjunktiv Präsens des eher umgangssprachlichen Verbs golfen (Golf spielen) wird ausschließlich ohne Umlaut gebildet (vgl. hier):

Sie sagte, dass sie täglich golfe.

Auch alle anderen Verben, selbst die unregelmäßigen, bilden die Formen des Konjunktivs Präsens (Konjunktiv I), ohne umzulauten. Umgelautet wird nur bei der Bildung der Formen des Konjunktivs Präteritum (Konjunktiv II) und dies nur bei gewissen unregelmäßigen Verben. Zum Beispiel:

essen – aß – äße
sprechen – sprach – spräche
fließen – floss – flösse
ziehen – zog – zöge
fahren – fuhr – führe
schlagen – schlug – schlüge

Bei einem einzigen regelmäßigen Verb sind umgelautete Formen im Konjunktiv II weit verbreitet (allerdings standardsprachlich nicht von allen akzeptiert):

brauchen – brauchte – brauchte/bräuchte
Was ich noch bräuchte, ist eine gute Idee.
(stand. besser: Was ich noch brauchte / brauchen würde …)

Die Form gölfe passt also nicht ins Konjugationssystem des Deutschen. Es gibt diese Form von golfen ebenso wenig wie zum Beispiel schäue zu schauen, löbe zu loben und flüche zu fluchen. Es heißt deshalb:

Konjunktiv I: Sie sagte, dass sie täglich golfe.
Konjunktiv II: Sein Handicap könnte tiefer sein, wenn er täglich golfte (o. golfen würde).

Wenn man täglich gölfe …; auch wenn es vielleicht lustig oder edel anmüte, es pässe einfach nicht in unser Verbsystem.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

»Sowie« ist doch nicht ganz »und«

Die Konjunktion sowie wird in den Wörterbüchern u. a. mit und, und außerdem, und auch umschrieben. Sie dient dazu, die Glieder einer Aufzählung miteinander zu verbinden. Dieses sowie ist vor allem dann praktisch, wenn eine Häufung von und vermieden werden soll: Hans und Erna sowie meine Eltern waren da. Bis jetzt ging ich immer davon aus, dass – abgesehen von stilistischen Kriterien –  sowie immer für und stehen kann. Nach Frau B.s Frage bin ich aber nicht mehr ganz dieser Meinung.

Frage

Heute bin ich über einen Satz gestolpert, in dem „sowie“ als Aufzählung in einer längeren Phrase verwendet wird. Meiner Meinung nach ist diese Verwendung nicht richtig. […] Hier der Satz:

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Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

auch ich bin der Meinung, dass hier nicht sowie verwendet werden sollte. Bei der Begründung, warum dies so ist, muss ich allerdings ein bisschen spekulieren.

Ich denke, dass sowie trotz der Zusammenschreibung im Satz noch ähnlich wie ergänzendes ebenso wie behandelt wird:

Hans und Erna und meine Eltern waren da.
Hans und Erna sowie meine Eltern waren da.
Hans und Erna, ebenso wie meine Eltern, waren da.

Die Abeilungsleiterin und ihr Stellvertreter waren abwesend.
Die Abeilungsleiterin sowie ihr Stellvertreter waren/war abwesend.
Die Abeilungsleiterein, ebenso wie ihr Stellvertreter, war abwesend.

Dass hier bei der Aufzählung mit sowie auch der Singular war stehen kann, zeigt schon, dass es einen gewissen Unterschied zwischen und und sowie gibt (mehr zur Verbform bei sowie hier).

Auch bei der Aufzählung von Infinitivsätzen und Nebensätzen ist der Ersatz von und durch sowie (resp. ebenso wie) einfach:

Ich vergaß die Fenster zu schließen und die Gas- und Wasserzufuhr auszudrehen.
Ich vergaß die Fenster zu schließen sowie die Gas- und Wasserzufuhr auszudrehen.
Ich vergaß die Fenster zu schließen, ebenso wie die Gas- und Wasserzufuhr auszudrehen.

Ich hoffe, dass es dir und Peter gefallen hat und dass ihr bald wiederkommt.
Ich hoffe, dass es dir und Peter gefallen hat sowie dass ihr bald wiederkommt.
Ich hoffe, dass es dir und Peter gefallen hat, ebenso wie, dass ihr bald wiederkommt.

Wenn aber Hauptsätze miteinander verbunden werden sollen, „klemmt“ es. Die Wortstellung ist nämlich nach dem nebenordnenden und anders als nach unterordnendem ebenso wie:

Er hat sie eingeladen und sie haben die Einladung angenommen.
Er hat sie eingeladen, ebenso wie sie die Einladung angenommen haben.

Verhält sich sowie nun wie und oder wie ebenso wie? Wenn wir in den Beispielsätzen und resp. ebenso wie durch sowie ersetzen, erhalten wird Folgendes:

*Er hat sie eingeladen sowie sie haben die Einladung angenommen.
Er hat sie eingeladen, sowie sie die Einladung angenommen haben.

Der erste Satz ist m. E. schlichtweg falsch. Der Einfluss von ebenso wie ist wohl noch so stark, dass die Hauptsatzwortstellung nach sowie nicht möglich ist. Der zweite Satz ist nicht falsch, aber er wird anders verstanden: sowie bedeutet als Nebensatzeinleitung sobald.

Die Konjunktion sowie weigert sich sozusagen, Hauptsätze in einer Aufzählung miteinander zu verbinden. Auch die folgenden Sätze sind demnach falsch formuliert:

*Er ist hellbraun und gräulich sowie er hat Schlappohren.
*Sie müssen die Ware nicht einpacken sowie Sie müssen nicht Schlange stehen.

Auch in Ihrem Satz kann und nicht durch sowie ersetzt werden, weil in ihm zwei Hauptsätze, in diesem Fall Befehlssätze, miteinander verbunden werden. Es ist deshalb besser, hier nicht sowie zu verwenden. Besser zum Beispiel:

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Man könnte also zusammenfassend sagen, dass aufzählendes sowie trotz der Bedeutung und auch immer noch eine unterordnende Konjunktion ist, der allerdings bei der Aufzählung von Sätzen die Bedeutung sowie = sobald im Wege steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das ziemlich altertümliche »derselben«

Ein etwas verstaubt klingendes und wohl gerade deshalb gehoben anmutendes Wort ist derselben, wenn damit nicht der Gleichen gemeint ist. Wie wird es verwendet?

Frage

Darf man „derselben“ synonym für „deren“ verwenden? Zum Beispiel

eine Wohnung, deren Eigentümer sich in Frankreich aufhält
eine Wohnung, derselben Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Ob es eigentümlich klingt, spielt keine Rolle, lediglich, inwiefern es grammatikalisch noch zu akzeptieren wäre.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Demonstrativpronomen der-/die-/dasselbe wird nicht als Relativpronomen verwendet. Es heißt also nicht:

*eine Wohnung, derselben Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Hier sollte die Genitivform deren stehen:

eine Wohnung, deren Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Der-/die-/dasselbe wird also nicht als Relativpronomen verwendet. Es kann sich aber als Demonstrativpronomen auf etwas vorher Genanntes beziehen:

Er brachte einen großen Krug und setzte denselben auf den Tisch.
[denselben = ihn/diesen]
Dann öffnete er eine Schublade und entnahm derselben einen Brief.
[derselben = ihr/dieser]
Füllen Sie das Formular aus und senden Sie dasselbe an unten stehende Adresse.
[dasselbe = es/dieses]

Als Genitivattribut wird derselben resp. desselben in der Regel dem Wort nachgestellt, das es bestimmt:

Es geht um die Wohnung im dritten Stock. Der Eigentümer derselben hält sich in Frankreich auf.
[der Eigentümer derselben = ihr/deren Eigentümer] 
Er brachte einen großen Krug und goss den Inhalt desselben in die Becher.
 [den Inhalt desselben = seinen/dessen Inhalt]
Der geneigte Leser dieser Seiten mag mir nach der Lektüre derselben eine gewisse Blauäugigkeit vorwerfen.
[nach der Lektüre derselben = nach ihrer/deren Lektüre]

Je nach Geschmack klingen solche Formulierungen etwas verstaubt, gehoben oder beides. Die Verwendung von der-/die-/dasselbe als verweisendes Wort gilt dann auch als veraltend – auch im Genitiv! Mehr zu diesem Pronomen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zweimal em: die parallele Beugung

Ein „alter Hut“, der aber immer wieder auftaucht, ist die Beugung von aufeinanderfolgenden Adjektiven mit der Endung em. Da diese Frage doch noch vielen zu schaffen macht, soll das Thema gleich zu Anfang des Jahres wieder einmal kurz aufgegriffen werden (und dann bis mindestens 2015 nicht mehr im Blog erscheinen):

Frage

Darf ich fragen, was richtig ist:

Mit nochmaligem bestem Dank     oder
Mit nochmaligem besten Dank

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

beides kommt vor und beides gilt als richtig. In der heutigen Standardsprache wird die parallele Beugung (Parallelflexion), also zweimal em, bevorzugt. Früher war das allerdings anders: Die Wechselflexion (also em – en) galt als Regel oder zumindest als stilistisch besser. Doch schon vor dreißig Jahren (1984) schrieb die Dudengrammatik zu diesem Thema:

Die frühere Regel, daß in diesem Falle beim Dativ Singular und Genitiv Plural das zweite der artikellosen Adjektive nach Typ II (schwach) gebeugt werden müsse, gilt nicht mehr.

Siehe auch die Angaben zur Beugung von aufeinanderfolgenden Adjektiven in der LEO-Grammatik. Und falls Sie dann noch Zeit und Lust haben: Es gibt es auch noch einen älteren Blogeintrag zu diesem Thema.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eines der besten Schnitzel, das oder die …?

Frage

Ich habe eine grammatische Frage: Heißt es „Das ist eines der besten Schnitzel, das ich je gegessen habe“ oder „Das ist eines der besten Schnitzel, die ich je gegessen habe“?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

richtig sind die folgenden Formulierungen:

Das ist das beste Schnitzel, das ich je gegessen habe.
Das ist eines der besten Schnitzel, die ich je gegessen habe.

Ob man das Relativpronomen das oder die wählt, hängt davon ab, auf welches vorhergehende Wort sich das Pronomen bezieht.

Beim ersten Satz bezieht sich das Relativpronomen auf die Wortgruppe das beste Schnitzel, also auf ein sächliches Wort in der Einzahl. Man wählt deshalb das entsprechende sächliche Relativpronomen der Einzahl: das.

Bei Konstruktionen der Art eine/einer/eines der … bezieht sich das Relativpronomen in der Regel auf das vorhergehende Substantiv im Plural, nicht auf eines. Nicht das mit eines bezeichnete Beispiel, sondern die Gruppe, zu der es gehört (hier: der besten Schnitzel), wird näher bestimmt. Man wählt deshalb die Pluralform des Relativpronomens: die.

Weitere Beispiele:

einer der letzten Menschen, die noch hier wohnen
eine der berühmtesten Künstlerinnen, die hier aufgetreten sind
einer der schönsten Städtenamen, die ich kenne
eines der Museen, die ich in Berlin besuchen werde
Sie ist eine der wenigen, denen er noch vertraut.

Ich hoffe für Sie, dass das Beispiel in Ihrer Frage nicht nur ein erdachtes Beispiel war. Ein gutes Schnitzel ist nie zu verachten (außer wenn man Schnitzel nicht mag). Eines der besten Schnitzel, die man je gegessen hat, ist natürlich noch viel besser. Ich würde es auch genießen, wenn es mir mit dem Relativpronomen das statt die angeboten würde! Grammatik ist gut, Kulinarik ist besser!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Reihenfolge der Kasus in Canoonet

Eine Frage, die immer wieder auftaucht, bezieht sich auf die Reihenfolge der Kasus. In den Tabellen in Canoonet stehen die Fälle nämlich in einer anderen Reihenfolge (Nom. – Akk. – Dat. – Gen.), als wir es aus der klassischen Grammatik kennen (Nom. – Gen. – Dat. – Akk.) Das ist für viele ungewohnt und führt begreiflicherweise immer wieder zu Fragen. Es ist also an der Zeit, diese Frage wieder einmal kurz im Blog zu behandeln. Das Ende des Jahres ist ja ein guter Moment, Liegengebliebenes abzuarbeiten:

Frage

Mir ist aufgefallen, dass der Akkusativ bei Ihnen der zweite Fall ist. Das finde ich nur bei Canoonet so. An allen anderen Stellen ist es der vierte Fall und so habe ich es auch in der Schule gelernt. Warum ist das so? Wenn ich Canoonet auch für die beste Seite halte zum Thema Rechtschreibung, so besuche ich doch meistens auch andere Anbieter. Das mit dem Akkusativ ist wirklich sehr gewöhnungsbedürftig. Aber vielleicht gibt es ja einen guten Grund?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

Sie sind nicht der Einzige, der sich darüber wundert, dass in Canonet die Reihenfolge der Kasus wie folgt angegeben wird: Nominativ – Akkusativ – Dativ – Genitiv. Wir verwenden also nicht die aus der klassischen lateinischen Grammatiktradition stammende Reihenfolge Nominativ – Genitiv – Dativ – Akkusativ. Eine kurze Begründung habe ich in einem älteren Blogeintrag schon einmal gegeben. Sie finden ihn hier. Da dieser Eintrag schon einige Jährchen alt ist, möchte ich hier ergänzend zwei Zitate etwas jüngeren Datums anführen:

Duden, „Die Grammatik“, 8. Auflage, 2009, Randnummer 199:

In Listen und Tabellen werden in der vorliegenden Grammatik die Kasusmerkmale in der folgenden Anordnung gezeigt:

Nominativ -> Akkusativ -> Dativ -> Genitiv

Diese Abfolge hat die folgenden Vorteile:

(i) Als formaler Grund lässt sich der Formenzusammenfall (Synkretismus) bei bestimmten Paradigmen nennen […]. Nominativ und Akkusativ fallen bei Paradigmen mit den Merkmalen Neutrum, Femininum oder Plural immer zusammen; ein Unterschied besteht nur in der 1. und 2. Person des Personalpronomens bei einem Teil der Maskulina im Singular.
(ii) Als funktionaler Grund lassen sich die Regeln für die Kasusvergabe beim Verb nennen […]:
(a) Wenn ein Verb nur 1 nominales Satzglied verlangt, steht dieses im Nominativ, zum Beispiel: Der Hund bellt.
(b) Wein ein Verb 2 nominale Satzglieder verlangt, steht dasjenige mit der aktiveren semantischen Rolle im Nominativ, das andere im Akkusativ, zum Beispiel: Der Hund sucht den Knochen.
(c) Wenn ein Verb 3 nominale Satzglieder verlangt, steht dasjenige mit der aktivsten semantischen Rolle im Nominativ, das mit der am wenigsten aktiven Rolle im Akkusativ und das dritte im Dativ, zum Beispiel: Der Hund bringt dem Herrchen den Ball.
(d) Verben mit Genitivobjekten sind Sonderfälle, zum Beispiel: Der Hund bemächtigt sich des Knochens.

Wahrig, „Richtiges Deutsch leicht gemacht“, 2009, S. 209:

Nominativ
Akkusativ
Dativ
Genitiv

Während in älteren Grammatiken meist die Kasus der traditionellen Lateingrammatik entsprechend in der Reihenfolge Nominativ – Genitiv – Dativ – Akkusativ aufgelistet werden, werden sie heute zunehmend in der hier gewählten Reihenfolge präsentiert. Dabei spielt vor allem die abnehmende Ähnlichkeit mit dem Nominativ eine Rolle.

Die Reihenfolge Nominativ – Akkusativ – Dativ – Genitiv kommt also nicht nur in Canoonet, sondern auch in anderen neueren Grammatiken vor. Auch im Sprachunterricht, insbesondere im Fremdsprachenunterricht (Deutsch für Fremdsprachige), begegnet man ihr häufiger. Sie hat sich aber in den Flexionstabellen der online abrufbaren Wörterbücher tatsächlich (noch?) nicht durchgesetzt. Die meisten von ihnen verwenden die klassische Darstellung.

Ich möchte hier noch hinzufügen, dass die Reihenfolge der Kasus in Tabellen eigentlich gar nicht so wichtig ist. Ob es nun der Hund – den Hund – dem Hund – des Hundes oder der Hund – des Hundes – dem Hund – den Hund ist, eine andere Reihenfolge ist höchstens etwas gewöhnungsbedürftig. Hauptsache, die Information stimmt und wird einigermaßen konsequent angeboten. Ganz so einfach ist es vielleicht nicht, aber ich hoffe, dass es niemanden allzu sehr stört, wenn wir in Canoonet eine andere Reihenfolge der Kasus anbieten, als er oder sie gewohnt ist – oder war.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In den Bus einsteigen – unsere Vorliebe für die Vorsilbe

Frage

Wir haben eine Streitfrage, heißt es jetzt eigentlich „Ich steige in den Bus ein“ oder „Ich steige in den Bus“? Heißt es „Ich steige aus dem Bus“ oder „Ich steige aus dem Bus aus“? Bin mir ziemlich unsicher.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

wieder einmal sind beide Formulierungen üblich und richtig:

Ich steige in den Bus ein.
Ich steige in den Bus.

Ich steige aus dem Bus.
Ich steige aus dem Bus aus.

Im Deutschen haben wir nämlich ein starkes Bedürfnis, mit Vorsilben nachdrücklich anzugeben, was gemeint ist. Oft sind diese Vorsilben für das Verständnis gar nicht unbedingt notwendig. Hier weitere Beispiele, die mit und ohne solche Vorsilben richtig und verständlich sind:

vom Tisch herunterfallen
vom Tisch fallen

aus dem Fenster hinausblicken
aus dem Fenster blicken

zum Gipfel aufsteigen
zum Gipfel steigen

Mehl in Säcke einfüllen
Mehl in Säcke füllen

mit aufgeblähten Segeln
geblähten Segeln

im nachfolgenden Text
im folgenden Text

ohne Vorankündigung
ohne Ankündigung

Ein schönes und in diesem Zusammenhang häufiger zitiertes Beispiel ist pimpen – aufpimpen. Obwohl pimpen ungefähr aufmachen, aufmotzen entspricht und es also das Bedeutungselement auf bereits in sich birgt, wird es häufig in der Form aufpimpen verwendet. Das Gepimpte wird zum Aufgepimpten. Oft finden wir ein einfaches Verb einfach zu wenig aussagekräftig.

Die meisten dieser Formulierungen drücken in gewissem Sinne zweimal dasselbe aus. Das ist hier aber nicht weiter schlimm, denn unsere Sprache ist mehr als nur ein Mittel, sich mit möglichst wenig Aufwand so präzise wie möglich auszudrücken. Es ist zwar richtig, dass man Doppelungen und Wiederholungen in zum Beispiel wissenschaftlichen oder knappen, rein informativen (journalistischen) Texten besser weglässt, das heißt aber nicht, dass man sie immer und überall tunlichst zu vermeiden hat. Natürlich reicht es zu sagen, dass das Mehl in Säcke gefüllt wird. Die Präposition in gibt ausreichend an, wie das Füllen in Bezug auf die Säcke geschieht. Dennoch wird häufig nicht nur etwas in etwas gefüllt, sondern auch nachdrücklicher und bildhafter in etwas eingefüllt. Auch das auf in zum Gipfel aufsteigen ist im Prinzip „überflüssig“. Das Konzept Gipfel gibt bereits an, dass aufwärts gestiegen wird. Es lässt sich ja in der Regel schlecht auf einen Gipfel heruntersteigen (Filme mit spektakulären Stunt-Einlagen einmal außer Acht gelassen). Das auf in aufsteigen zeigt aber deutlicher als nur einfaches steigen, dass es zum Gipfel zünftig bergauf geht.

Wenn Sie also ausdrücken wollen, dass Sie irgendwo einsteigen, können Sie ruhig sagen, dass Sie in den Bus oder in den Zug einsteigen. Ohne ein- ist es aber auch richtig – und sogar schön kurz und bündig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe auch einen ähnlichen Blogartikel zum Verb vorprogammieren.

Angela Merkels Mobiltelefon im Genitiv

Frage

In einem Blogbeitrag von Kristin Kopf auf dem Sprachlog erwähnt sie kurz folgende Genitiv-Konstruktion, die in der Zeit abgedruckt worden war, und gab mir den Tipp, mich mit meinen Fragen an Sie zu wenden:

[sie] verlangte, die mutmaßliche Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons im Bundestag zu thematisieren.

Meine Frage dazu: Ist diese Konstruktion grammatikalisch korrekt? In der gesprochenen Sprache ist mir Vergleichbares bisher noch nicht begegnet. Warum nicht? Weil es unelegant klingt oder weil es wirklich formal falsch ist?

Antwort

Guten Tag A,,

diese Formulierung fällt nicht nur Ihnen auf. Warum? Es geht hier einerseits um das Sprachsystem und andererseits darum, was üblich ist. Nach dem Sprachsystem ist es nicht grundsätzlich ausgeschlossen, Genitive in dieser Weise anzuhäufen. Eine Wortgruppe mit einem vorangestellten Genitivattribut wie diese:

Angela Merkels Mobiltelefon

kann im Prinzip in den Genitiv gesetzt werden:

die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons

Ebenso zum Beispiel:

Annas kleines Kaninchen
der Käfig Annas kleinen Kaninchens

Oder als Genitivobjekt:

Konsulin Müllers verstorbener Bruder
Sie gedachten Konsulin Müllers verstorbenen Bruders.

In der heutigen (Standard-)Sprache wird aber vermieden, Wortgruppen mit einem vorangestellten Genitivattribut im Genitiv zu verwenden. Solche Formulierungen sind wahrscheinlich etwas zu verschachtelt und zu „genitivlastig“. Sie entsprechen jedenfalls nicht dem heutigen Sprachgebrauch. Üblicher ist es, zum Beispiel wie folgt zu formulieren:

die Ausspähung des Mobiltelefons von Angela Merkel
die Ausspähung des Mobiltelefons der Bundeskanzlerin

der Käfig von Annas kleinem Kaninchen
der Käfig des kleinen Kaninchens von Anna

Sie gedachten des verstorbenen Bruders von Konsulin Müller.

Wenn ich doch noch irgendwo „Doppelgenitive“ dieser Art entdecke, denke ich immer, dass es dem Autor oder der Autorin vor allem darum ging, eine Formulierung mit von zu vermeiden. Es wird ja immer wieder gesagt, dass der Genitiv furchtbar bedroht sei und dass die Formulierung mit von anstelle des Genitivs furchtbar schlechtes umgangssprachliches Deutsch sei. Um eine vermeintlich schlechte Formulierung zu vermeiden, wird dann auf eine in meinen Augen wirklich schlechte ausgewichen. Ich glaube nicht, dass  Formulierungen wie Angela Merkels Mobiltelefons irgendjemandem spontan aus der Tastatur fließen.

Kurz zusammengefasst: Formulierungen wie diese sind nicht grundsätzlich falsch, aber nicht üblich.

Und weil es keine Ausnahme ohne Ausnahmen gibt, sei noch Folgendes erwähnt: Nach Präpositionen, die den Genitiv verlangen, kommt diese Art der Kombination von zwei Genitiven etwas häufiger vor:

während Angela Merkels morgendlicher Regierungserklärung
aufgrund Berlusconis enormen Reichtums
wegen Karls guter Figur

Es gäbe hierzu noch vieles zu sagen (wie immer, wenn es um den Genitiv geht), aber ich befürchte, dass Sie dann Dr. Bopps langen Kommentars überdrüssig würden. Nein, Dr. Bopps Kommentars überdrüssig werden kann zwar passieren, aber so formuliert klingt es mindestens ebenso sonderbar wie die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das hartnäckige »zu«

Sprachökonomie (≈ etwas mit möglichst wenig Aufwand sagen) heißt unter anderem, dass vieles weggelassen statt wiederholt wird. Vieles kann und sollte auch weggelassen werden, aber es ist nicht immer möglich. 

Frage

„Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und organisieren.“ Meines Erachtens müsste es heißen: „… zu koordinieren und zu organisieren.“ Was ist richtig und wie lässt sich das begründen?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Sie haben recht. Das zweite zu darf nicht weggelassen werden. Wenn Wörter in einem Satz wiederholt werden, ist es oft möglich und auch anzuraten, sie einmal wegzulassen:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und die Veranstaltung zu organisieren.

Problemlos ist hier das Weglassen des Akkusativobjekts die Veranstaltung. Es ist nicht nur gut möglich, diese Wortgruppe wegzulassen, es ist stilistisch sogar viel besser, sie beim zweiten Verb nicht noch einmal zu nennen:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und zu organisieren,

Es ist viel ökonomischer, etwas nicht zwei- oder sogar dreimal zu erwähnen, wenn dies nicht notwendig ist. Wir lassen deshalb in unserem täglichen Sprachgebrauch andauernd Satzteile, Wörter und Wortteile weg. Zum Beispiel (Weglassbares in eckigen Klammern):

Mein Laptop ist alt und [mein Laptop] sollte ersetzt werden.
Die Firma bestellt [ihn] und bezahlt ihn.
Ich finde das eine gute Idee, die Firma [findet das] vielleicht eher nicht [eine gute Idee].
Ich muss mich einmal aufraffen und [ich muss einmal] nachfragen.

Vieles kann und wird also weggelassen. Es gibt aber ein paar Ausnahmen. Zu diesen nicht weglassbaren Wörtern gehört das zu, das bei einem Infinitiv steht. Wenn mehrere Infinitive in einem Satz vorkommen, muss das zu bei jedem Verb wiederholt werden:

Es begann zu stürmen und zu regnen.
Wie ist es, berühmt zu sein und viel Geld zu verdienen?
Nutzen Sie die Zeit, um das restliche Gemüse zu waschen, zu schälen und zu schneiden.

Und eben:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und zu organisieren.

In all diesen Sätzen können die fett hervorgehobenen zu nicht weggelassen werden. Weitere Beispiele dazu, was nicht weggelassen werden kann, finden Sie in der Canoonet-Grammatik.

Warum genau dieses zu nicht wegfallen darf, weiß ich leider nicht. Viel mehr, als dass es offenbar ein hartnäckiges kleines Wörtchen ist, kann ich dazu nicht sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp