Sätze ohne Verb

Für heute ausnahmsweise einmal eine theoretische Frage:

Frage

Aus meinem privaten Umfeld wurde die Frage an mich herangetragen, ob Sätze notwendigerweise immer ein Verb enthalten müssen.  […] Wie sieht es zum Beispiel mit dem folgenden Beispiel von Frage und Antwort in wörtlicher Rede aus? Frage: „Wie geht es dir?“ – Antwort: „Gut.“  Ist diese elliptische Antwort satzwertig?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

der Begriff Satz wird meist so definiert, dass ein Satz aus einem Verb (Prädikat) und von ihm abhängigen Satzteilen besteht, die nach den Regeln der Syntax zusammengefügt werden. Eine Äußerung ohne Verb ist nach dieser Definition also kein Satz.

Dennoch gibt es eigenständige Äußerungen ohne ein Verb. Die Dudengrammatik zum Beispiel nennt sie „satzwertige Ausdrücke“. Sie können in zwei Gruppen eingeteilt werden:

1) Interjektionen (Ausrufe) und Anreden gelten als satzwertige Ausdrücke:

au! hallo, Achtung!; Holger!

2) Ellipsen sind Äußerungen, in denen Redeteile weggelassen werden. Sie können als satzwertige Ausdrücke bezeichnet werden, wenn sie allein stehen, obwohl sie kein Verb enthalten. Sie werden aber auch unvollständige Sätze genannt, weil das zugehörige Verb einfach weggelassen wird. Sie unterscheiden sich dadurch von Interjektionen und Anreden, dass ein Verb ergänzt werden kann und dass evtl. vorhandene flektierbare Wörter sich nach diesem weggelassenen Verb richten. Sie stehen in dem Fall, in dem sie auch stehen, wenn das Verb nicht weggelassen wird. Zum Beispiel:

a) Ist es ein großer Schrank? – Ja, ein ganz großer.
b) Willst du einen Kaffe? – Ja, einen ganz großen.
c) Bist du einem Elefanten begegnet? – Ja, einem ganz großen.

Die Form der Wortgruppe ein_ ganz groß_ richtet sich hier danach, ob sie a) Subjekt, b) Akkusativobjekt oder c) Dativobjekt zum weggelassenen Verb ist.

Weitere Beispiele von Ellipsen:

Ganz interessant, dieser Blogeintrag. [Er ist …]
Wer da? [… ist …]
Schönes Wochenende! [Ich wünsche dir ein …]
Ende gut, alles gut. [Ist das …, ist …]

Die Antwort gut auf die Frage Wie geht es dir? ist eine Ellipse (vgl. [Mir geht es] gut) und als solche satzwertig. Man kann sie also als Satz bezeichnen, sollte dann aber der Deutlichkeit halber ergänzen, dass es sich um einen elliptischen oder unvollständigen Satz handelt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Als als

Frage

Ich bin über folgende Formulierung gestolpert:

Es könnte nicht anders als als Schulmeisterei verstanden werden.

Müssen beide „als“ in diesem Fall stehen gelassen werden?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

die beiden hintereinanderstehenden als sind richtig. Man kann keines von ihnen weglassen. Das erste als gehört zu einem Vergleich mit anders:

Es könnte nicht anders als so verstanden werden.

Das zweite als leitet eine nähere Erläuterung ein:

– wie verstanden werden?
als Schulmeisterei verstanden werden

Wenn Sie nun im ersten Satz für so die Wortgruppe als Schulmeisterei einfügen, stehen zwei als hintereinander:

Es könnte nicht anders als als Schulmeisterei verstanden werden.

Früher war es üblich, in solchen Fällen das erste als durch denn zu ersetzen:

Es könnte nicht anders denn als Schulmeisterei verstanden werden.

Das klingt heute aber eher altmodisch oder sehr gehoben (vgl. hier).

Für die Grammatik ist als als also kein Problem. Ich möchte aber dennoch dies ergänzen: Davon abgesehen, dass zwei als hintereinander nicht unbedingt wie eine rhetorische Meisterleistung klingen, sind solche Konstruktionen manchmal auch schwierig verständlich. Das zeigt ja auch Ihre Frage.  Es empfiehlt sich deshalb oft, eine andere Formulierung zu erwägen.

Es folgen noch einige Beispiele, die ich ganz schnell und unsystematisch ergoogelt habe:

Fühlt man sich als Frau anders als als Mann?
Egal wo, als Mann muss man beim Friseur weniger zahlen als als Frau.
Sie erregen eher als Ausländer als als Frauen Aufsehen. (Thema: Unterwegs als Frau in Nepal)
Wenn sich Männer als als Männer verkleidete Frauen in die Damensitzung schmuggeln (aus einem Bericht über die Damensitzung eines Karnevalsgesellschaft)

Sehr häufig ist allerdings eines der beiden als tatsächlich eines zu viel:

*Erkranken Männer häufiger als als Frauen?
*Frauen sind dabei drei- bis viermal häufiger betroffen als als Männer.

Ein weiterer Grund, doppeltem als gegenüber eine gewisse Skepsis walten zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Grammatikfragen-Dauerbrenner: wegen wem oder wegen wessen?

Der liebe Genitiv wirft immer wieder Hürden auf. Selbst wer ihn sehr mag, sieht sich manchmal vor Probleme gestellt. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit Pronomen.

Frage

Das umgangssprachliche „wegen was“ wird in der Standardsprache durch „weswegen“ ersetzt. Zum Beispiel: „Weswegen bist du verärgert?“ Wie aber lautet die standardsprachliche Entsprechung zu „wegen wem“? Ich dachte an „wessentwegen“. Aber laut Duden hat „wessentwegen“ die Bedeutung „weswegen“.

Antwort

Guten Tag H.,

hier kann ich Ihnen leider wieder einmal keine einfache und eindeutige Antwort geben. Die Frage wegen wessen? scheint vor allem Deutschlernende und allgemein Menschen zu interessieren, die gern systematisch vorgehen. Im konkreten standarddeutschen Sprachgebrauch taucht dieses Problem nur selten auf. (Ich bin in meinem persönlichen „Schreibleben“ jedenfalls noch nie bewusst über diese Hürde gestolpert.) Das ist vielleicht ein Grund dafür, dass die Grammatiken, Wörterbücher usw., so weit mir bekannt ist, keine Angaben dazu machen. Wir haben es hier meiner Meinung nach mit einer Art Lücke im aktuellen deutschen Sprachsystem zu tun: Wie fragt man mit wegen nach einer Person?

  • Die Formulierung wegen wem ist für viele rein umgangssprachlich.
  • Die Form wessentwegen ist veraltet und wird nicht/kaum mehr verwendet.
  • Die Form weswegen fragt nur nach Inhalten (umgangssprachlich wegen was).
  • Die Frage wegen welcher Person klingt meistens viel zu umständlich.

Es bleibt also nur noch wegen wessen übrig. Diese Form ist nicht falsch, denn sie entspricht dem, was bei der Anwendung der allgemeinen Regeln „herauskommt“. Sie klingt aber recht ungewöhnlich und kommt nur selten vor.

Ich kann Ihnen deshalb nur Folgendes empfehlen: Umgangssprachlich und sowieso im Süden des deutschen Sprachraums können Sie wegen wem verwenden. Wenn Ihnen diese Formulierung nicht zusagt oder gar ein Gräuel ist (der Dativ nach wegen löst bei manchen heftige allergische Reaktionen aus), dann kommt wegen wessen in Frage. Es klingt allerdings für viele, auch für mich, recht ungewöhnlich.

In einem formellen standardsprachlichen Text ist es deshalb vielleicht am besten, wenn möglich auf eine andere Formulierung auszuweichen – falls Sie dies nicht ohnehin schon unbewusst getan haben. Zum Beispiel:

Wegen wessen tun Sie das?
→ Für wen tun Sie das? oder
→ Wem zuliebe tun Sie das? oder
→ Auf wessen Veranlassung tun Sie das?

Wegen wessen bist du verärgert?
→ Wer hat dich verärgert?
→ Über wen ärgerst du dich?

Ich weiß, dass eine Antwort wie diese für diejenigen, die systematisches Vorgehen und Eindeutigkeit mögen, wenig befriedigend ist. Ich kann aber auch derentwegen keine Regel aufzeigen, die es nicht gibt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sechs Millionen fröhliche/fröhlicher Besucher kümmerte die Adjektivbeugung wohl wenig

Frage

Wieder taucht ein kleiner Zweifelsfall auf:

Jährlich kommen über 6 Millionen fröhliche/fröhlicher Besucher aus der ganzen Welt zum Oktoberfest.

Ich denke, es handelt sich um die starke Adjektivdeklination, ohne Artikel, Kardinalzahl, also „fröhliche“ (Nominativ Plural). Aber irgendwie klingt „fröhlicher“ auch nicht falsch. Wie komme ich nur darauf?

Oktoberfest

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

möglich sind tatsächlich beide Formulierungen:

Jährlich kommen mehr als 6 Millionen fröhliche Besucher zum Oktoberfest.
Jährlich kommen mehr als 6 Millionen fröhlicher Besucher zum Oktoberfest.

Das liegt daran, dass das Substantiv Million hier nicht als Zahlwort, sondern als Maßeinheit wie Pfund oder Tonne behandelt wird. Bei Mengenangaben gelten andere Regeln als bei den Kardinalzahlen.

Bei einer Mengenangabe kann das Gemessene als Apposition im gleichen Fall stehen wie die Maßeinheit:

Jährlich kommen mehr als 6 Millionen fröhliche Besucher.
ein Fest mit mehr als 6 Millionen fröhlichen Besuchern

Vgl.
Täglich werden 450 Tonnen frische Fische verkauft.
mit ungefähr drei Pfund gemahlenen Haselnüssen

Das Gemessene kann aber auch im Genitiv stehen (partitiver Genitiv):

Jährlich kommen mehr als 6 Millionen fröhlicher Besucher.
ein Fest mit mehr als 6 Millionen fröhlicher Besucher

Vgl.
Täglich werden 450 Tonnen frischer Fische verkauft.
mit ungefähr drei Pfund gemahlener Haselnüsse

Natürlich ist das Ganze noch ein kleines bisschen komplexer (siehe hier), aber hiermit sollte erklärt sein, weshalb im Beispielsatz oben auch die Form fröhlicher stehen kann.

Wenn Millionen in der Mehrzahl als unbestimmte Mengenangabe verwendet wird, gibt es sogar noch eine weitere Variante: die Präpositionalgruppe mit von (siehe hier):

Jährlich kommen Millionen fröhliche Besucher.
Jährlich kommen Millionen fröhlicher Besucher.
Jährlich kommen Millionen von fröhlichen Besuchern.

Kein Wunder, dass man bei dieser Variantenvielfalt unsicher werden kann! Deshalb gilt: am besten nicht zu viel darüber nachdenken, dann kommt es meistens gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mir ist/hat viel an ihm gelegen?

Frage

Mir kam neulich die Frage, ob es einen Bedeutungsunterschied zwischen gelegen haben und gelegen sein in Verbindung mit Personen gibt. Was wäre standardsprachlich korrekt? Welche Zeitformen sind richtig? Also zum Beispiel:

Mir ist viel an ihm gelegen.
Mir hat viel an ihm gelegen.

Mir war viel an ihm gelegen.
Mir hatte viel an ihm gelegen.

Gibt es dafür eine Regel oder eine Empfehlung? Wären alle vier Zeitformen grammatikalisch korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

alle Formulierungen sind korrekt. Etwas verwirrend ist hier wahrscheinlich, dass es sich um zwei verschiedene Wendungen handelt, die einander sehr ähnlich sind:

a) jemandem liegt viel an jemandem/etwas
b) jemandem ist viel an jemandem/etwas gelegen

Es gibt keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Formulierungen:

Mir liegt viel an ihm = Mir ist viel an ihm gelegen.

Die Form ist gelegen ist hier also keine Vergangenheitsform. Es ist eine Form des Präsens, wie zum Beispiel auch ist geöffnet in die Tür ist geöffnet eine Präsensform ist. Zu den einzelnen Zeitformen:

Präsens:
a) Mir liegt viel an ihm.
b) Mir ist viel an ihm gelegen

Präteritum:
a) Mir lag viel an ihm.
b) Mir war viel an ihm gelegen.

Perfekt:
a) Mir hat viel an ihm gelegen.
b) Mir ist viel an ihm gelegen gewesen.

Plusquamperfekt
a) Mir hatte viel an ihm gelegen.
b) Mir war viel an ihm gelegen gewesen.

Im Perfekt und im Plusquamperfekt sind übrigens insbesondere die Formulierungen b) selten und stilistisch nicht unbedingt empfehlenswert.

Wenn Sie dasselbe ausdrücken wollen, haben Sie also nicht diese beiden Möglichkeiten:

Mir ist viel an ihm gelegen.
Mir hat viel an ihm gelegen.

sondern diese beiden im Präsens:

Mir ist viel an ihm gelegen.
Mir liegt viel an ihm.

oder diese beiden im Perfekt:

Mir hat viel an ihm gelegen.
Mir ist viel an ihm gelegen gewesen.

Je mehr ich diese Beispielsätze ohne weiteren Kontext nebeneinanderstelle, desto verwirrender werden sie. Manchmal ist eine allzu systematische Darstellung eher verwirrend als erhellend. Ich höre deshalb an dieser Stelle auf, denn es liegt mir viel daran und es ist mir viel daran gelegen, nicht allzu unverständliche Antworten zu formulieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bis einschließlich zum Dritten

Die Wendung bis einschließlich hat es anscheinend in sich. Ich halte sie eigentlich eher für überflüssig (siehe hier, zum Ersten), aber Sie sind natürlich nicht alle damit einverstanden und möchten sie trotzdem verwenden. Dabei kommt es manchmal zu Fragen zum Kasus, der bei bis einschließlich steht (vgl. hier, zum Zweiten). Und wie so oft bei Problemfällen spielt unser aller Lieblingskasus Genitiv eine Rolle – oder eben keine Rolle. Deshalb hier: bis einschließlich zum Dritten:

Frage

Ist in der folgenden Formulierung der Dativ oder der Genitiv richtig?

– bis einschließlich dem 6. Oktober 2013
– bis einschließlich des 6. Oktobers 2013

Ich tendiere wegen „einschließlich“ zum Genitiv.

Antwort

Guten Tag H.,

die Präposition einschließlich verlangt tatsächlich den Genitiv. Nach den Angaben in Wörterbüchern u. Ä. ist einschließlich in dieser Bedeutung aber keine Präposition, sondern ein Adverb. Als Adverb hat es keinen Einfluss auf den Fall der nachfolgenden Wortgruppe, das heißt, es steht hier kein Genitiv. Fallbestimmend ist bis, das allein stehend bei Zeitangaben den Akkusativ verlangt:

bis nächsten Sonntag → bis einschließlich nächsten Sonntag
bis diesen Freitag → bis einschließlich diesen Freitag
bis nächste Woche → bis einschließlich nächste Woche
vom zehnten bis fünfzehnten Oktober → vom zehnten bis einschließlich fünfzehnten Oktober.

Und entsprechend mit oder häufiger ohne Artikel:

bis einschließlich den 6. Oktober 2013
bis einschließlich 6. Oktober 2013 (= bis einschließlich sechsten Oktober 2013)

Man kann sämtliche Fallprobleme übrigens umgehen, indem man das Adverb einschließlich nachstellt:

bis zum sechsten Oktober 2013 einschließlich
bis 6. Oktober einschließlich (= bis sechsten Oktober einschließlich)

So viel zur „grammatisch korrekten“ Antwort. Die Formulierung

bis einschließlich dem 6. Oktober

kommt nämlich trotz des oben Gesagten sehr häufig vor. Sie lässt sich dadurch erklären, dass bis vor einschließlich gleich behandelt wird wie bis zu. Nach bis zu steht der Dativ:

bis zum 6. Oktober → bis zu einschließlich dem 6. Oktober → bis einschließlich dem 6. Oktober

Diese Formulierung kommt bei Datumsangaben so häufig vor, dass man sie eigentlich kaum als falsch bezeichnen kann. Aber vielleicht sollte man sich ohnehin überlegen, ob dieses ziemlich schwerfällig klingende einschließlich nicht besser einfach weggelassen werden kann:

bis zum 6. Oktober 2013

Nach allgemeinem Verständnis ist hier der 6. Okober einbegriffen, auch wenn weder davor noch dahinter einschließlich steht. Aber ich fange an mich zu wiederholen …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lass es mich, lass es mir, lass mich mir …

Frage

Heißt es:

a) Lass es mich den ganzen Tag bewusst sein, dass …
b) Lass es mir den ganzen Tag bewusst sein, dass …

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

es hat ein Weilchen gedauert, bis ich sicher war, welche Variante richtig ist. Ein noch etwas längeres Weilchen hat es gedauert, bis mir klar war, weshalb. Nun denn, richtig ist:

Lass es mir den ganzen Tag bewusst sein, dass …

Es folgt nun noch eine Erklärung, die etwas länger und komplizierter ausfällt: Es geht um eine Konstruktion, die Akkusativ mit Infinitiv genannt wird. Sie kommt wie hier bei lassen vor, aber auch bei den Verben hören, sehen, fühlen, spüren und heißen (= befehlen). Das Hauptverb lassen wird mit dem Infinitiv bewusst sein verbunden. Dabei ist der vom Hauptverb abhängige Akkusativ es auch das zum Infinitiv gehörende Subjekt. Die restlichen Satzteile mir und den ganzen Tag gehören zum Infinitivsatz. Also:

Lass es mir den ganzen Tag bewusst sein, dass …
= Lasse zu/Veranlasse, dass es mir den ganzen Tag bewusst ist, dass …

Weitere Beispiele mit dieser besonderen Konstruktion:

Ich arbeite heute zu Hause.
Lass mich heute zu Hause arbeiten.

Er antwortet mir sofort.
Lass ihn mir sofort antworten.

Und dann noch einmal Ihr Satz in einer anderen Form:

Ich bin mir den ganzen Tag bewusst, dass …
Lass mich mir den ganzen Tag bewusst sein, dass…

Das mich, das die Verunsicherung verursacht, hat sich wohl aus dieser Konstruktion eingeschlichen. Zwei ganz ähnliche Formulierungen:

a) Es ist mir bewusst, dass, …
b) Ich bin mir bewusst, dass …

führen zu einem ähnlichen Resultat, wenn sie in einen Akkusativ mit Infinitiv umgewandelt werden:

a) Lass es mir bewusst sein, dass …
b) Lass mich mir bewusst sein, dass …

Die Formulierung mit mich mir finde ich übrigens kein stilistisches Meisterwerk. Allgemein vermieden werden sollten zwei aufeinanderfolgende mich:

Ich freue mich auf das Wochenende.
Lass mich mich auf das Wochenende freuen.

Wie wir gesehen haben, ist das doppelte mich aus rein grammatischer Sicht korrekt. Es ist aber verwirrend und trägt nicht gerade zu einem guten Verständnis bei. Man endet also besser nicht mit einem Akkusativ mit Infinitiv wie diesem:

Lassen Sie mich mich mit freundlichen Grüßen von Ihnen verabschieden

Dr. Bopp

PS: Mehr zum Akkusativ mit Infinitiv und Beispiele mit anderen Hauptverben finden Sie in der Canoonet-Grammatik.

Die Inselfrage

Aus irgendeinem Grund wird Deutschlernenden immer wieder gerne die Verwendung der Präpositionen bei Inselnamen vorgelegt; meist in etwas gar vereinfachter Form. Ganz so eindeutig und einfach, wie viele es gerne hätten, ist es nämlich nicht. Es kommt deshalb immer wieder zu Fragen – und gelegentlich sogar zu erhitzten Diskussionen.

Frage

Ich habe gelernt, dass ich die Präposition „aus“ verwenden muss, wenn ich nach meinem Heimatland gefragt werde: „Ich komme aus Kolumbien, aus Deutschland, aus den USA, aus der Schweiz, usw.“ Aber jetzt sagt jemand, dass nicht die Präposition „aus“, sondern die Präposition „von“ verwenden muss, wenn ich in den Kanarischen Inseln oder in den Philippinen geboren wurde: Ich komme von den Philippinen, von den Kanarischen Inseln. Stimmt es und warum?

Insel

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

die unterschiedliche Wahl der Präpositionen hat damit zu tun, dass man bei Ländern im Allgemeinen das Bild hat, dass man sich innerhalb von ihnen befindet. Bei Inseln hingegen ist das Bild, dass man sich oben auf ihnen befindet:

Wo?
Ich bin in Deutschland / in Österreich / in Spanien.
Ich bin in der Schweiz / in der Türkei / in den Niederlanden.

Ich bin auf Sardinien / auf Sylt.
Ich bin auf der Mainau / auf den Kanarischen Inseln.

Bei Richtungsangaben wird es komplizierter. Hier muss man zwischen Namen mit Artikel und Namen ohne Artikel unterscheiden:

Wohin?
Ich fahre nach Deutschland / nach Österreich / nach Spanien.
Ich fahre in die Schweiz / in die Türkei / in die Niederlande.
Ich fahre in das schöne Österreich.

Ich fliege nach Sardinien/ nach Kreta.
Ich fahre auf die Mainau / auf die Kanarischen Inseln.
Ich fliege auf das schöne Sardinien.

Bei Herkunftsangaben machen die Grammatiken keine Angaben mehr.  Entsprechend(?) ist die Unterscheidung nicht mehr so streng. Es gilt im Allgmeinen:

Woher?
Ich komme aus Deutschland / aus Österreich / aus Spanien.
Ich komme aus der Schweiz / aus der Türkei / aus den Niederlanden.

Ich komme aus Sardinien / aus Kreta / aus dem schönen Sardinien.**
Ich komme von/(aus) den Antillen / von/(aus) den Kanarischen Inseln.

Die „Grundregel“ ist also schon recht kompliziert. Es halten sich auch lange nicht alle immer daran, und nicht immer sind dies einfach „Leute, die kein Deutsch können“. Wenn eine Insel nämlich als Land oder größere Verwaltungseinheit gesehen wird, können die Präpositionen wie bei Ländern auf dem Festland verwendet werden, ohne dass man gleich von einem Regelverstoß sprechen muss. Es geht dann weniger um die geografische Gestalt als um die politische Verwaltungseinheit. Zum Beispiel:

die Menschenrechtssituation auf Jamaika oder in Jamaika
arbeitslos auf Grönland oder in Grönland

Autofahren auf den Philippinen oder in den Philippinen
von den Philippinen kommen oder aus den Philippinen kommen

Wenn eine Insel ein ganzer Kontinent ist, verschwindet das „Inselgefühl“ sogar ganz. Es heißt immer

in Australien
nach Australien
aus Australien

Ich hätte es gerne einfacher gehalten, aber ganz so eindeutig, wie einige es behaupten, ist die Situation in dieser Inselfrage leider(?) nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Je kleiner und deutscher die Insel, desto stärker offenbar die Tendenz, hier von zu verwenden:

Ich komme von/(aus) Sylt

So, da wären wir

Es ist nicht erstaunlich, dass Deutschlernende sich bei einer Aussage wie derjenigen im Titel wundern, weshalb die Konjunktivform wären steht. Erstaunlich ist eigentlich eher, dass Muttersprachige sich nicht darüber wundern.

Frage

Why is Konjunktiv II preferred in this sentence: „Da wären wir“? This is the statement of someone who arrives at his/her destination, for instance in a taxi on the way home.

Warum wird in diesem Satz der Konjunktiv II bevorzugt: „Da wären wir“? Es ist die Aussage einer Person, die an ihrem Ziel angekommen ist, zum Beispiel in einem Taxi auf dem Weg nach Hause. [Antwort unten nur auf Deutsch]

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

in diesem Satz steht tatsächlich der Konjunktiv II:

So, da wären wir.

Es ist aber auch möglich, den Indikativ zu verwenden, ohne dass sich die Grundaussage wesentlich ändert:

So, da sind wir.

Die Hauptfunktion des Konjunktivs II ist es, mögliche, angenommene, nur gedachte, aber nicht reale Sachverhalte auszudrücken. Zum Beispiel:

Es wäre schön, wenn es so wäre.
An deiner Stelle wäre ich vorsichtig.
Wenn wir nur schon dort wären!

Im Satz, den Sie zitieren, ist der Sachverhalt aber nicht irreal, sondern ganz wirklich: „Wir“ sind tatsächlich am Zielort angekommen. Es geht hier um eine Verwendung des Konjunktivs II in Sätzen, die ein Resultat ausdrücken, das man meist mit einiger Mühe erreicht hat. Dieser besondere Konjunktiv II wird also nur bei Feststellung der folgenden Art verwendet (vgl. hier):

Da wären wir.
Das wäre geschafft!
Das hätten wir (endlich)!
Damit wäre die Lieferung komplett.

Die Sätze könnten auch im Indikativ stehen, es würde ihnen aber etwas fehlen: Je nach Betonung klingt hier mit dem Konjunktiv II ein kleiner Seufzer der Erleichterung oder ein zufriedenes Aufschnaufen durch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es kann einem auch ohne es kalt sein

Frage

Meine Bekannte, eine Germanistin von der […], behauptet, richtig sei nur „Es ist mir kalt“ oder „Mir ist es kalt“. „Mir ist kalt“ lehnt Sie eindeutig ab, aber viele sprechen doch so. Wie sehen Sie das?

Antwort

Seht geehrter Herr E.,

es gibt eine Art Grundregel, die sagt, dass ein deutscher Aussagesatz ein Subjekt hat. Wenn man diese Regel anwendet, ist die Formulierung

Mir ist kalt.

falsch, weil sie kein Subjekt hat, noch nicht einmal ein rein formales. Die Sätze

Mir ist es kalt.
Es ist mir kalt.

hingegen verstoßen nicht gegen diese Regel, denn sie haben ja das formale Subjekt es. Ich vermute, dass Ihre Bekannte den ersten Satz aus diesem Grund ablehnt.

So weit, so gut. Es gibt natürlich keine Regel ohne Ausnahme. Einige Verben und verbale Wendungen, die ein unangenehmes Empfinden bezeichnen, können ohne dieses unpersönliche es, das heißt ohne Subjekt verwendet werden. Zum Beispiel:

Mich friert schon den ganzen Tag.
Ihm graute vor der Prüfung.
Mir schaudert vor den Konsequenzen.
Bei diesem Anblick wurde ihr übel.
Mir ist/wird ganz schlecht.
Mir ist kalt/warm.
Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt.

In all diesen Sätzen kann ein unpersönliches es als formales Subjekt eingesetzt werden, es muss aber nicht eingesetzt werden. Beispielsätze wie mir ist kalt, ihr ist kalt finden sich auch in vielen Wörterbüchern (zum Beispiel: Duden, DWDS, Wahrig, Pons).

Weiter kommen subjektlose Sätze bei Passivkonstruktionen mit intransitiven Verben mit einem Objekt vor. Das klingt ziemlich kompliziert. Zwei, drei Beispiele können hier deshalb sicher erhellend sein:

Dem Manne kann geholfen werden.
Auf deine Hilfe wird gerechnet.
Der Opfer wurde in der Kirche gedacht.

Ebenfalls ohne Subjekt:

Mit ihm ist nicht zu spaßen.
Dir ist nicht mehr zu helfen.

Subjektlose Sätze kommen im Deutschen also vor. Sie sind zwar eine Ausnahme, aber es gibt keinen Grund, die weit verbreitete Formulierung Mir ist kalt als falsch zu bezeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp