Wahlkampf, Wahlkämpfer, Wahlkämpfende

Frage

Was soll man nur von der Form „die Wahlkämpfenden“ (für „die sich *im* Wahlkampf Engagierenden“ oder „die *im* Wahlkampf Tätigen“) bzw. „die wahlkämpfenden Parteien“ halten?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

die Form wahlkämpfend ist eine Wortbildung, die verständlich und nach den Wortbildungsmustern des Deutschen möglich ist:

der Wahlkampf = der Kampf um die Wahl
Wahlkämpfer/in = der/die um die Wahl Kämpfende
wahlkämpfend = um die Wahl kämpfend
die Wahlkämpfenden = die um die Wahl Kämpfenden

Man muss also rein formal gesehen wahlkämpfend nicht als direkte Ableitung von Wahlkampf interpretieren. Vielleicht war es ja diese „Ableitungsgeschichte“, die Sie irritiert hat. Eine Ableitung dieser Art wäre aber möglich, wenn man zum Beispiel ein (fiktives) von Wahlkampf abgeleitetes Verb wahlkämpfen annimmt:

der Wahlkampf -> (wahlkämpfen) -> wahlkämpfend

Dieses Verb könnte man dann (theoretisch) auch gleich den Wörtern Wahlkämpfer und Wahlkämpferin zugrunde legen.

Wörter haben oft die Neigung, in gleichartigen Wortbildungsgruppen aufzutreten. Eine Wortbildung wie Wahlkampf birgt bereits weitere Ableitungen wie Wahlkämpfer und wahlkämpfend in sich, die dann manchmal tatsächlich vorkommen – oder oft auch nicht. In diesem Fall ist das zentrale Wort der Gruppe eine Zusammensetzung mit einem Substantiv mit verbalem Charakter (-kampf). Weitere Beispiele ähnlicher Art:

Wettkampf, wettkämpfend, Wettkämpfer/Wettkämpferin
Tagtraum, tagträumend, Tagträumer/Tagträumerin
Raumfahrt, raumfahrend, Raumfahrer/Raumfahrerin
Glücksspiel, glücksspielend, Glücksspieler/Glücksspielerin
Freiheitsliebe, freiheitsliebend
Leberleiden, leberleidend

Die Wortschöpfung wahlkämpfend überzeugt wahrscheinlich stilistisch nicht alle, sie ist aber leicht verständlich und nach deutschen Wortbildungsmustern gebildet. Praktisch ist auch, dass man, wenn man will, mit der Substantivierung die Wahlkämpfenden die ständige Wiederholung von Wahlkämpfer und Wahlkämpferinnen vermeiden kann. Grammatisch gibt es nichts gegen wahlkämpfend einzuwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Raffinerie, raffiniert und raffineriert?

Frage

Warum ist in der Raffinerie aufbereitetes Öl raffiniert, und nicht raffineriert?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

aus einer Raffinerie kommt tatsächlich kein raffineriertes, sondern raffiniertes Öl. Das hat mit der Entstehungsgeschichte dieser Wörter zu tun. Unser raffinieren kommt vom französischen Verb raffiner mit der Bedeutung verfeinern. Auch das Wort Raffinerie kommt aus dem Französischen. Es ist dort eine Ableitung von raffiner. Eine Raffinerie heißt also so, weil dort etwas raffiniert wird. Das Wort Raffinerie ist wie Raffinage, Raffinat, Raffinesse und Raffinement von raffinieren (eigentlich von seinem französischen Cousin raffiner) abgeleitet, nicht umgekehrt:

raffinieren → Raffinerie

Es ist also nicht mehr notwendig, für die Tätigkeit, die in einer Raffinerie ausgeführt wird, das Verb raffinerieren abzuleiten. Man leitet ja zum Beispiel von Dekoration auch nicht dekorationieren ab, weil es ja schon dekorieren mit dieser Bedeutung gibt, und auch was in einer Verwaltung oder Regierung geschieht oder geschehen sollte, nennt man nicht verwaltungieren oder regierungieren, weil man die betreffende Tätigkeit ja schon mit dem Grundwort verwalten resp. regieren ausdrücken kann.

Raffiniertes Öl ist wörtlich verstanden verfeinertes Öl, ein raffinierter Plan ist eigentlich ein verfeinerter Plan und ein raffiniertes Gericht zeigt viel Raffinement, also Verfeinerung. Was genau mit verfeinert oder eben raffiniert gemeint ist, hängt vom Wort, bei dem es steht, und vom weiteren Zusammenhang ab.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hellrotbraun, hell-rotbraun, helles Rotbraun

Frage

Ich habe eine Frage zur Zusammen- und Getrenntschreibung von Farben. Man schreibt ja sowohl „hellrot“ als auch „rotbraun“ […] zusammen. Gilt das auch für die Kombination aus beiden: „hellrotbraun“? Das scheint mir zwar logisch, wirkt aber merkwürdig. […] Wäre „hell rotbraun“ oder „hell-rotbraun“ akzeptabel? Oder müsste man auf Umformulierungen ausweichen wie z. B. „in einem hellen Rotbraun gefärbt“?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

die deutlichste Farbbezeichnung ist in hellem Rotbraun. In der Regel werden nämlich nur einfache Farbbezeichnungen mit hell- oder dunkel- kombiniert: hellrot, hellbraun, hellrosa, hellbeige, hellviolett usw. Nicht üblich sind solche Kombinationen bei komplexen Farbbezeichnungen wie flaschengrün, olivbraun oder fahlgelb. Es heißt also in der Regel nicht hellflaschengrün, dunkelolivbraun oder hellfahlgelb. Die Kombination hellrotbraun kommt Ihnen wahrscheinlich deshalb merkwürdig vor.

Bei Mischfarben kommt hinzu, dass undeutlich ist, ob die gesamte Farbe oder nur die erste Farbe durch hell bestimmt wird:

hellrotbraun
hellrot-braun (hellrot und braun)
hell-rotbraun (helles Rotbraun)

Doch dieses Argument finde ich nicht sehr stark, denn was genau gemeint ist, wird meist durch den weiteren Satzzusammenhang geklärt und kann notfalls durch einen verdeutlichenden Bindestrich angegeben werden.

Wenn Sie die Farbbezeichnung trotz der genannten Einwände verwenden möchten – sie ist nicht grundsätzlich unmöglich –, dann können Sie sie zusammenschreiben oder ggf. den verdeutlichenden Bindestrich verwenden:

hellrotbraun o. hell-rotbraun

Deutlicher und üblicher ist, wie eingangs gesagt, die Formulierung helles Rotbraun
in hellem Rotbraun.
Hier ein paar Beispiele:

Jetzt möchte ich gerne meine Haare in einem hellen Rotbraun tönen.
Ihre Grundfarbe ist variabel und reicht von einem hellen Rotbraun bis zu einem hellen Graubraun.
Die Farbe schwankt zwischen hellem Strohgelb und dunklem Rotbraun.
Ich würde gerne ein Band 28/24 in dunklem Rotbraun oder Dunkelbraun bestellen.

Die Farbbezeichnungen, die nicht direkt mit hell und dunkel kombinierbar sind, werden übrigens in der Regel auch nicht gesteigert. Das ist so richtig schön konsequent.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Einwandererinnen und Einwanderinnen

Frage

Im Zusammenhang mit der Mahnwache in Berlin und nachfolgenden Sendebeiträgen auf ARD ist mir der Begriff „Einwandererin“ aufgefallen. Oft schon bemerkte ich, dass bei dieser Form weiblicher Nennung das „er“ vor dem „in“ nicht mehr genannt wird. Frau gewöhnt sich dran, keine Frage. Was mich aber erstaunt, dass […] Canoo-Net dazu meint: Begriff unbekannt. Erstaunlich an sich – frau gibts längst nicht immer – stellt sich mir nun die Frage, was denn nun „richtig“ ist: Enwandererin oder Einwanderin?

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

wir können mehr, als Sie uns zutrauen! Wenn die weibliche Endung –in zu einem männlichen Nomen der Form –erer tritt, fällt im Standarddeutschen ein er weg (vgl. hier und hier). Zum Beispiel:

Zauberer – Zauberin
Ruderer – Ruderin
Bewunderer – Bewunderin

Und ebenso:

Einwanderer – Einwanderin
Zuwanderer – Zuwanderin

Sie finden das Wort Einwandererin deshalb nicht in Canoonet, weil es (zumindest standardsprachlich) Einwanderin heißt. Wenn Sie nach Einwanderin oder z. B. der Wortbildungsgeschichte von Einwanderer gesucht hätten, hätten Sie den Eintrag gefunden (Einwanderin, Einwander…, Einwanderer). Wir bemühen uns nämlich, immer auch die weiblichen Personenbezeichnungen anzugeben. Dass wirklich keine einzige fehlt, kann ich natürlich nicht garantieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schifffahrtsgesellschaft und Raumfahrtbehörde: …fahrt und das Fugen-s

Dass das Fugen-s in Zusammensetzungen ein Stolperstein sein kann, wusste ich schon, denn es kommt regelmäßig in Ihren Fragen vor. Heute geht es um einen ganz besonders unsystematische Art der Wortzusammensetzung.

Frage

Warum schreibt man Raumfahrtbehörde ohne Fugenelement s?

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

verzeihen Sie mir bitte diese vielleicht überflüssige und ziemlich pedantische erste Antwort: Man schreibt Raumfahrtbehörde ohne Fugen-s, weil man das Wort auch ohne Fugen-s spricht. Es geht hier also nicht um eine Frage der Rechtschreibung, sondern um eine Frage der Wortbildung. Das ist nicht immer allen klar.

Bei zusammengesetzten Wörtern mit einem Wort der Art ...fahrt als erstem Element kommen sowohl Bildungen mit Fugen-s als auch Bildungen ohne Fugen-s vor. Es gibt keine feste Regel, das heißt, richtig ist, was üblich ist. Zum Beispiel:

In Zusammensetzungen im Sport steht Abfahrt immer mit s:

Abfahrtsrennen, Abfahrtsläuferin, Abfahrtssieger

Bei der Bahn usw. ist die Verwendung freier. Üblich sind Formen sowohl mit als auch ohne Fugen-s:

Abfahrtsgleis/Abfahrtgleis, Abfahrtszeit/Abfahrtzeit

Und hier noch ein paar Beispiele, die wenig zu einer eindeutigen Klärung beitragen:

Immer (oder meistens) mit Fugen-s:

Anfahrt: Anfahrtsweg, Anfahrtskosten
Zufahrt: Zufahrtsstraße, Zufahrtsrampe
Wohlfahrt: Wohlfahrtsamt, Wohlfahrtsempfänger
Schifffahrt: Schifffahrtsgesellschaft, Schifffahrtsweg

Mit oder ohne Fugen-s gebräuchlich:

Einfahrt: Einfahrtsstraße/Einfahrtstraße, Einfahrtserlaubnis/Einfahrterlaubnis
Vorfahrt: Vorfahrtsschild/Vorfahrtschild, Vorfahrtsstraße/Vorfahrtstraße
Seefahrt: Seefahrtsschule/Seefahrtschule, Seefahrtsbuch/Seefahrtbuch

Immer ohne Fugen-s:

Luftfahrt: Luftfahrtgesellschaft, Luftfahrtindustrie
Raumfahrt: Raumfahrtbehörde, Raumfahrttechnik

Zusammensetzungen mit Raumfahrt an erster Stelle gehören also zu den Zusammensetzungen, die ohne Fugen-s gebildet werden.

Zur Frage, warum dies so ist, kann ich höchstens sagen, dass es vielleicht in Analogie mit Luftfahrt geschieht. Warum aber Luftfahrt in Zusammensetzungen ohne Fugen-s steht, während Seefahrt häufig mit und ohne stehen kann und Schifffahrt immer ein Fugen-s verlangt, entzieht sich nicht nur meiner Kenntnis, ich kann es nicht einmal erraten. Ich erkenne weder formal noch inhaltlich einen Unterschied zwischen diesen Wörtern, der dies erklären könnte.

Manchmal ist es einfach erstaunlich, wie unsystematisch die (manchmal um ihre Präzision und Deutlichkeit gerühmte) deutsche Sprache sein kann. Im Fall von Zusammensetzungen der Art …fahrt[s]… ist die Situation ganz besonders unklar: Das Fugen-s kommt häufig, aber nicht immer vor. Es ist dann auch nicht erstaunlich, dass selbst in Wörterbüchern nicht überall die gleichen Formen angegeben werden. Am meisten erstaunt mich aber, dass es mir bis zur Beantwortung dieser Frage gar nie aufgefallen war, wie uneinheitlich wir hier vorgehen. Für Muttersprachige scheint dies also kein allzu großes Problem zu sein (solange sie nicht anfangen, darüber nachzudenken …). Deutschlernende haben es hier bestimmt viel schwerer!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Anglizismus des Jahres und (ausnahmsweise) Wort der Woche

Die Zeit der Wörter des Jahres ist wieder angebrochen. Auch dieses Jahr weise ich nur auf einen dieser Beautycontests hin: Die Wahl des Anglizismus des Jahres ist (schon seit einem Weilchen) eröffnet. Bis zum 21. Dezember können auch Sie Ihre Kandidaten hier vorschlagen.

Bei Canoonet gibt es keine Wörter des Jahres. Ich möchte aber ausnahmsweise einmal mein persönliches Wort der Woche vorstellen, weil ich es so schön finde und weil es zeigt, wie flexibel die deutsche Wortbildung sein kann. Das Wort der Woche ist:

kühlschrankgroß

Überall wurde in den Nachrichten und in den Zeitungen berichtet, dass die kühlschrankgroße Landesonde oder der kühlschrankgroßen Kometenlander Philae auf einem Kometen gelandet ist, der den nur für erfahrene Präsentatoren und Präsentatorinnen nach mehrmaligem vorherigem Üben aussprechbaren Namen Tschurjumow-Gerassimenko trägt (ein guter Kandidat für den Namen der Woche, wenn es den denn gäbe).

Das Wort ist nicht neu – als zum Beispiel die Handys immer kleiner wurden, nannte man ältere Modelle gerne einmal kühlschrankgroß –, aber es zeigt schön die Flexibilität der deutschen Wortbildung. Wenn etwas so groß wie ein Kühlschrank ist, dann ist es kurz gesagt kühlschrankgroß. Und jedes Mal, wenn man den Kühlschrank als Vergleichsgröße benötigt, kann man dieses Wort wieder neu bilden, ganz gleich ob es jemals im Wörterbuch gestanden hat oder stehen wird.

Wenn wir schon dabei sind, hier noch weitere Beispiele:

erbsengroß – so groß wie eine Erbst
bärenstark – so stark wie ein Bär
fingerlang – so lang wie ein Finger
papierdünn – so dünn wie Papier

Der Flexibilität sind übrigens kaum Grenzen gesetzt, denn solche Zusammensetzungen bedeuten bei Weitem nicht immer „so x wie Y“:

schulterlang – lang bis auf die Schultern
ideenreich – reich an Ideen
tränennass – nass von Tränen
wasserdicht – dicht in Bezug auf Wasser
bettreif – reif fürs Bett
idiotensicher – so sicher, dass auch Idioten risikolos damit umgehen können
usw. usw. usw.

Und damit auch der „Dr. Bopp“ in mir noch zum Zuge kommt: Vergessen Sie nicht, dass solche Bildungen klein- und zusammengeschrieben werden!

Im vierzehntägigen Rhythmus?

Ich habe mich zuerst gefragt, was an vierzehntägiger Rhythmus falsch sein soll. Warum es falsch sein könnte und ich es letztlich dennoch nicht für falsch halte, lesen Sie hier:

Frage

Auf einer Webseite, die ein Kollege von mir überarbeitet, ist von mehreren Gruppenangeboten die Rede. Bezüglich jener Gruppen, die nicht jede, sondern nur jede zweite Woche stattfinden, steht da: „Bei Gruppen mit 14-tägigem Rhythmus bitte die Termine telefonisch […] erfragen.“ Nun wurde ich gefragt, ob es nicht „mit 14-täglichem Rhythmus“ heißen muss, denn laut Duden bedeutet 14-tägig zwei Wochen dauernd, 14-täglich hingegen sich alle zwei Wochen wiederholend. Dennoch klingt „mit 14-täglichem Rhythmus“ irgendwie komisch. Um ganz sicher zu gehen, frage ich Sie.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

wenn man es genau nimmt und die genannte Unterscheidung zwischen –tägig und –täglich streng anwendet, passt hier weder vierzehntägig noch vierzehntäglich:

vierzehntägig = vierzehn Tage dauernd
vierzehntäglich = im Abstand von 14 Tagen wiederkehrend

Nicht der Rhythmus, sondern der Abstand zwischen zwei Treffen ist vierzehn Tage dauernd. Nicht der Rhythmus, sondern die Treffen sind im Abstand von vierzehn Tagen wiederkehrend. Wenn Sie es also ganz genau nehmen, weichen Sie aus auf zum Beispiel:

bei Gruppen mit einem 14-Tage-Rhythmus
bei Gruppen mit einem Rhythmus von 14 Tagen
bei Gruppen, die sich in vierzehntägigem Abstand treffen

Ganz so streng müssen Sie aber in diesem Fall nicht sein. Oft ist es recht wichtig, welche Form man wählt (vgl. hier). So freuen sich die Großeltern vielleicht über den vierzehntäglichen Besuch der fünf dynamischen Enkelkinder, aber ein vierzehntägiger Besuch wäre ihnen doch etwas zu anstrengend. Ich finde dreimonatliche Arbeitstreffen eindeutig weniger belastend als dreimonatige Arbeitstreffen. In Verbindung mit Rhythmus ist diese Verwechslungsgefahr aber nicht gegeben. Sie können es deshalb auch ein bisschen weniger genau nehmen und die häufig vorkommende und gut verständliche Formulierung mit vierzehntägig verwenden:

bei Gruppen mit vierzehntägigem Rhythmus

Das Adjektiv vierzehntägig drückt hier nur aus, dass der Rhythmus etwas mit vierzehn Tagen zu tun hat, womit eigentlich alles klar wäre. Ein kleines Wort der Warnung ist allerdings angebracht: Wenn Sie sich für die Formulierung mit vierzehntägigem Rhythmus entscheiden, sind Kopfschütteln oder Kommentare von Menschen, die es ganz genau nehmen, nicht auszuschließen …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fuchsiafarben oder fuchsienfarben?

Frage

Heißt es fuchsiafarben oder fuchsienfarben?

Antwort

Sehr geehrte Frau U.,

meine spontane Antwort lautet:

fuchsiafarben

Das sächliche Wort Fuchsia ist eine Farbbezeichnung und hat keinen Plural. Pumps in Fuchsia sind also fuchsiafarben.
Fuchsia
Der Plural Fuchsien gehört zum Pflanzennamen die Fuchsie.

Fuchsie

Und nun kommen die ersten Zweifel daran, ob die obige spontane Begründung die einzig mögliche ist. Der Farbname Fuchsia ist natürlich vom lateinischen (oder vom englischen?) Namen der Fuchsie abgeleitet. Etwas in Fuchsia hat also ganz einfach die Farbe einer Fuchsie. Man kann die Farbbezeichnung deshalb auch einfach links liegen lassen und wie bei rosenfarben und lilienweiß direkt „durch die Blume“ sprechen:

fuchsienfarben

Die Pumps können also auch als fuchsienfarben umschrieben werden.

Die gleiche Auswahlmöglichkeit zwischen der (unveränderlichen) Farbbezeichung und der Pflanze, die der Farbbezeichnung ihren Namen gegeben hat, gibt es auch bei zum Beispiel:

auberginefarben – auberginenfarben
olivfarbig – olivenfarbig
orangefarben – orangenfarben

Und zu guter Letzt noch ein Beispiel, bei dem ich nie genau weiß, welche Farbe eigentlich gemeint ist:

mauvefarbig – malvenfarbig

Lassen Sie sich nicht dadurch verunsichern, dass nicht all diese Farbadjektive in allen Wörterbüchern vorkommen. Sie sind trotzdem alle korrekt gebildet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das »fert« in »fertig«

Die Frage ist schon etwas älteren Datums, aber sie kam mir heute beim Anblick des Wortes fertig wieder in den Sinn. Es ist ein unauffälliges und auf den ersten Blick kaum weiter erwähnenswertes Wort. Wenn man aber genauer hinsieht, ist es ein Beweis dafür, dass die Sprachentwicklung ursprünglich leicht Durchschaubares im Laufe der Zeit vollständig undurchsichtig werden lassen kann.

Frage

Vielleicht einfach aber dennoch diskutiert: „fertig“ = Wortstamm „fert“ und Endung „ig“? Oder gibt es eine andere Erklärung, da „fert“ als Wort nicht existiert und alle zusammengesetzten Wörter „fertig“ als Bestandteil haben.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

beim Wort fertig ist tatsächlich die Endung ig zu erkennen, mit der häufig Adjektive gebildet werden. Zum Beispiel:

ehrgeizig, bärtig, rutschig, abhängig, faulig, sofortig

Im Gegensatz zu Ehrgeiz, Bart, rutschen, abhängen, faul und sofort gibt es das Grundwort fert aber nicht – oder besser gesagt: nicht mehr. Das Wort fertig gab es bereits im Althochdeutschen als fartîc, fertîc. Ursprünglich hatte es die Bedeutung zur Fahrt bereit. Wenn man abfahrtbereit war, war man also fährtig. Damals war alles noch deutlich durchschaubar. Dann haben sich die Wörter Fahrt und fertig aber durch die Jahrhunderte hinweg selbstständig weiterentwickelt, und zwar so, dass der Zusammenhang zwischen ihnen heute nicht mehr ersichtlich ist. Die Sprachentwicklung hat den Ursprung des Wortes fertig undurchsichtig gemacht. Nur die Endung ig zeigt noch, dass es einmal ein abgeleitetes Wort war.

Wenn man sich etwas tiefer mit der Wortbildung beschäftigt, trifft man auf allen Ebenen auf solche halbwegs bis ganz „verdüsterte“ Wortbildungen. Hier nur ein paar Beispiele:

emsig: zu veraltet Emse „Ameise“
fähig: zu mittelhochdt. vahen, einer alten Form von fangen
scheußlich: mittelhochdt. schiuzlich, zu schiuzen „Abscheu empfinden“
schleunig(st): mittelhochdt. sliunec, zu sliune „eilig“ und sliunen „beeilen“.
berüchtigt: Partizip von berüchtigen „ins Gerede bringen“, vgl. ruchbar „öffentlich bekannt“
erlaucht: mittelhochdt. (mitteldt.) erluht, Partizip von erluhten „erleuchten“

Auch bei den Substantiven gibt es solche undurchsichtigen Bildungen. So muss Unflat (widerlicher Schmutz, Dreck) verneinter *Flat sein, aber das Grundwort vlat (Schönheit, Zierlichkeit) kennen wir nicht mehr. Die Himbeere war wahrscheinlich eine Beere der Hinde, hintberi, die wir klanglich abgeschliffen haben. Und die Nachtigall war einmal eine Zusammensetzung von Nacht und einem angenommenen germanischen Verb *galan (singen), also eine Nachtsängerin.

Bei vielen solchen undurchsichtigen Wörtern machen wir uns weiter keine Gedanken. Manchmal aber wollen wir doch wieder Ordnung in die Sache bringen. Dann interpretieren wir volksetymologisch um. Die Sintflut (große Flut) machen wir zur Sündflut oder das Eichhörnchen (aikurna) zu einer Zusammensetzung aus Eiche und einem kleinen Horn (mehr dazu hier). Doch beim Schmetterling geben es die meisten dann wieder auf. Das zarte Insekt kann einfach nichts mit schmettern zu tun haben (hat es auch nicht, siehe hier).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Notenbankchefs und Bindestrich-Haarspaltereien

Frage

Eine kurze Frage:

1) US-Notenbank-Chef oder
2) US-Notenbankchef

Ist beides zulässig? Ich bevorzuge Variante 1).

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

wie viele Bindestriche hier benötigt werden, hängt davon ab, was genau gesagt werden soll. Eine dreiteilige Zusammensetzung wie diese (US + Notenbank + Chef) kann auf mehr als eine Art interpretiert werden:

1) der US-Notenbank-Chef = der Chef der amerikanischen Notenbank
2) der US-Notenbankchef = der amerikanische Notenbankchef

Wenn man die Struktur der Zusammensetzung mit Hilfe von Klammern darstellt:

1) [[US-Notenbank]-Chef]
2) [US-[Notenbankchef]]

Auch bei zum Beispiel seinem britischen Amtskollegen sind beide Formulierungen möglich:

1) Mark Carney, der Chef der britischen Notenbank
2) Mark Carney, der britische Notenbankchef

Im ersten Fall wird ein Wort mit einem Bindestrich (US-Notenbank) mit einem weiteren Wort (Chef) kombiniert. Dann schreibt man nach der Regel zwischen allen Teilen der Zusammensetzung einen Bindestrich (US-Notenbank-Chef).

Im zweiten Fall wird eine Abkürzung (US) mit einem weiteren Wort (Notenbankchef) kombiniert. Dann reicht nach der Regel ein Bindestrich (US-Notenbankchef).

Als „allgemeine Berufsbezeichnung“ würde auch ich 1) vorziehen. Das ist aber eine subjektive Einschätzung und die Variante 2) ist keineswegs falsch. Eine präzise Unterscheidung machen zu wollen würde nämlich zu einem ziemlich haarspalterischen Unternehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp