Es wird geklatscht, geholfen und gedankt, aber nicht gewachsen, geglichen und begegnet

Es gibt Sachen, die man einfach richtig macht. Schwierig werden sie erst, wenn man sie zum Beispiel Deutschlernenden erklären soll. Eine solche Frage stellt Frau K. aus Russland.

Frage

Den Satz „Dem Arzt wird von den Patienten gedankt“ gebraucht man in der normalen Sprache selten oder vielleicht nie, aber grammatisch ist es doch möglich und richtig, oder? Warum ist es dann falsch, zu sagen „Dem Arzt wird von den Patienten begegnet“?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

nicht alle Verben können ins Passiv gesetzt werden. Im Allgemeinen können alle transitiven Verben, also Verben mit einem Akkusativobjekt, im Passiv stehen. Bei Ihren Beispielen handelt es sich aber um Sätze mit intransitiven Verben, das heißt Verben ohne ein Akkusativobjekt. Intransitive Verben können ebenfalls im Passiv stehen, aber nur dann, wenn das zu ihnen gehörende Subjekt der eigentliche Verursacher der Verbhandlung ist. Ein paar Beispiele können diese theoretische Beschreibung vielleicht ein bisschen verdeutlichen.

Bei den folgenden Sätzen ist das zum Verb gehörende Subjekt der eigentliche Träger oder Verursacher der Handlung. Das Subjekt klatscht, hilft, sorgt oder dankt bewusst und aktiv:

A: Die Zuschauer klatschen.
P: Es wird (von den Zuschauern) geklatscht.

A: Sie hilft der Nachbarin.
P: Der Nachbarin wird (von ihr) geholfen.

A: Der Vater sorgt für die Kinder.
P: Für die Kinder wird (vom Vater) gesorgt.

Ebenso:
A: Die Patienten danken dem Arzt.
P: Dem Arzt wird (von den Patienten) gedankt.

In den folgenden Sätzen ist das zum Verb gehörende Subjekt nicht der eigentliche Verursacher der Verbhandlung. Das Wachsen, Gleichen, Enden oder Begegnen ist hier keine bewusste und aktive Handlung des Subjekts:

A: Das Gras wächst schnell.
nicht: *Es wird vom Gras schnell gewachsen.

A: Sie gleicht ihrer Schwester.
nicht: *Ihrer Schwester wird von ihr geglichen.

A: Diese Substantive enden auf -ung.
nicht: *Von diesen Substantiven wird auf -ung geendet.

Ebenso:
A: Die Patienten begegnen dem Arzt.
nicht: *Dem Arzt wird von den Patienten begegnet.

Nur Verben mit einem aktiven Subjekt können also ins Passiv gesetzt werden. Eine Übersicht und weitere Beispiele finden Sie hier.

Man kann viele Verben ins Passiv setzen, aber das gilt nicht für alle. Oder im Passiv ausgedrückt: Viele Verben können ins Passiv gesetzt werden, aber es wird nicht für alle …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Skepsis mit »wollen«

Frage

Wieder einmal habe ich eine Frage. Es geht um die Zeiten bei Modalverben:

Die Polizei will den Dieb festgenommen haben.

Zuerst dachte ich, das wäre einfach ein Perfekt mit Modalverb. Aber eigentlich wäre das dann ja die Struktur mit doppeltem Infinitiv (festgenommen haben wollen).

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

es handelt sich hier um ein Modalverb im Präsens (will), das mit einem Infinitiv Perfekt steht (getan haben). 

Die Polizei will den Dieb festgenommen haben.

Gemeint ist: Die Polizei sagt, dass sie den Dieb festgenommen hat, aber der/die Schreibende ist skeptisch, ob das auch wirklich so ist. Mit wollen kann also eine Behauptung von Dritten zitiert und gleichzeitig mit dem Urteil „fraglich, zweifelhaft“ versehen werden. Siehe auch hier.

Kommen wir nun zu den Verbzeiten: Es geht hier um eine Behauptung in der Gegenwart (Präsens will), die sich auf etwas Vorzeitiges, das heißt etwas vorher Geschehenes, bezieht (Partizip Perfekt festgenommen haben). Weitere Beispiele:

Sie will nichts davon gewusst haben.
Der mutmaßliche Täter will den ganzen Abend zu Hause gewesen sein.

Wenn man in Ihrem Beispielsatz wollen ins Perfekt setzt, müsste der Satz so lauten:

Die Polizei hat den Dieb festgenommen haben wollen.

Das ist aber eine ungebräuchliche Formulierung. In der Vergangenheit heißt es eher:

Die Polizei wollte den Dieb festgenommen haben.
Sie wollte nichts davon gewusst haben.
Der mutmaßliche Täter wollte den ganzen Abend zu Hause gewesen sein.

Für Muttersprachige ist wollen mit der Bedeutung x sagt, aber ich finde es fraglich normalerweise kein Problem – außer vielleicht dann, wenn in einer Übung die Verbzeiten bestimmt werden sollen. Für Deutschlernende hingegen gilt, dass diese Verwendung von wollen gelernt sein will*.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Hier zeigt sich, dass wollen manchmal auch müssen ausdrücken kann!

Wie wenn, als wenn, als ob

Fragen entstehen dort, wo Unsicherheit herrscht. Unsicherheit herrscht oft dort, wo mehrere Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Deshalb steht in den Antworten hier oft, dass sowohl die eine als auch die andere Formulierung möglich und richtig ist (oder eben auch: richtig sind). Eher selten sind die Fälle, in denen es so viele Möglichkeiten gibt wie beim heutigen Thema:

Frage

Ich lese oft die Formulierung „wie wenn“ oder gar „als wie wenn“. Ich bin mir sicher gelernt zu haben, dass das falsch ist und zum Beispiel „als ob“ eingesetzt werden muss. Nun habe ich sogar auf Deutschlandradio die Formulierung „wie wenn“ gehört. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es ist mir nicht bekannt, dass man wie wenn nicht verwenden sollte, wenn man es durch als ob ersetzen kann. Beide Nebensatzeinleitungen sind auch standardsprachlich korrekt. Weiter kann man auch als wenn oder nur als (direkt gefolgt vom gebeugten Verb) verwenden. Ganz alles ist aber doch nicht erlaubt: Kombinierte Formen wie als wie wenn oder wie wenn als ob werden standardsprachlich höchstens bewusst scherzhaft verwendet.

Hier dann endlich ein paar Beispiele:

Sie fühlte sich, wie wenn sie seit Tagen nicht geschlafen hätte.
Sie fühlte sich, als wenn sie seit Tagen nicht geschlafen hätte.
Sie fühlte sich, als ob sie seit Tagen nicht geschlafen hätte.
Sie fühlte sich, als hätte sie seit Tagen nicht geschlafen.

Er tut so, wie wenn er uns nicht kennen würde.
Er tut so, als wenn er uns nicht kennen würde.
Er tut so, als ob er er uns nicht kennen würde.
Er tut so, als würde uns nicht kennen.

Und um es noch „schlimmer“ zu machen: In den Beispielsätzen habe ich überall den Konjunktiv II verwendet. In dieser Art von Sätzen, den sogenannten irrealen Vergleichssätzen, ist er auch die am meisten verwendete Form. Es ist aber auch möglich, hier den Konjunktiv I zu verwenden:

Sie fühlte sich, wie wenn / als wenn / als ob sie seit Tagen nicht geschlafen habe.
Sie fühlte sich, als habe sie seit Tagen nicht geschlafen.

Er tut so, wie wenn / als wenn / als ob er uns nicht kenne.
Er tut so, als kenne er uns nicht.

Manchmal steht vor allem in der gesprochenen Sprache sogar der Indikativ. Für mich klingt dies vor allem mit als ob vertretbar, wenn das im Nebensatz Ausgedrückte sehr wahrscheinlich zutrifft:

Es sieht so aus, als ob alles wieder funktioniert.
Es klingt, als ob du beleidigt bist.

Der Indikativ ist übrigens nicht möglich, wenn der Nebensatz nur mit als eingeleitet wird. Diese Einschränkung hat zur Folge, dass die Gesamtzahl der theoretisch möglichen Formulierungen eines irrealen Vergleichssatzes doch nicht ganz ein volles Dutzend ist!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was würdest du tun, wenn du alles …?

Frage

Ein bekannter Mobilfunkanbieter warb Ende des vergangenen Jahres mit der Frage „Was würdest du tun, wenn du alles kannst?“. Ist hier nicht Konjunktiv II anzuwenden („Was würdest du tun, wenn du alles könntest?“)?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

in der Standardsprache steht in der Regel in beiden Sätzen eines Bedingungsgefüges der gleiche Modus. Anders gesagt: Bei Satzgefügen mit einem Bedingungssatz mit wenn und einem Hauptsatz steht in der Regel in beiden Sätzen der Indikativ oder in beiden Sätzen der Konjunktiv. Ein paar Beispiele mit dem Indikativ:

Wenn der Zug verspätet ist, warten wir im Restaurant auf euch.
Das Fest findet im Garten statt, wenn es die Wetterverhältnisse zulassen.
Was geschieht, wenn jemand alle Zahlen errät?
Wenn du alle Zahlen errätst, gewinnst du den Hauptpreis.

Der Konjunktiv steht bei einem irrealen Bedingungssatz. Ein irrealer Bedingungssatz beschreibt einen Sachverhalt, der möglich oder wahrscheinlich ist, der aber nur in Gedanken konstruiert wird. Dabei formuliert der Nebensatz eine Bedingung, die – wenn sie erfüllt wäre – eine bestimmte Folge hätte.

Es wäre gut für sie, wenn sie bald eine neue Stelle fänden.
Wenn ich genug Zeit gehabt hätte, hätte ich euch besucht.
Was würde geschehen, wenn jemand alle Zahlen erraten würde?
Du würdest den Hauptpreis gewinnen, wenn du alle Zahlen erraten würdest.

Standardsprachlich heißt es entsprechend auch besser:

Was würdest du tun, wenn du alles könntest?
Was würdest du tun, wenn du alles tun könntest?

Der Satz, der in der Werbung benutzt wird, ist allerdings nicht einfach völlig falsch. Er ist umgangssprachlich. Wir sind nicht nur bei Lidl und Aldi gerne sparsam, sondern oft auch bei sprachlichen Äußerungen. Oft geben wir im Deutschen nur einmal an, was genau gemeint ist. Bei einem Bedingungsgefüge reicht es im Prinzip, wenn nur in einem der Teilsätze mit einem Konjunktiv angegeben wird, dass es sich um ein „irreales“ Gefüge handelt:

Was würdest du tun, wenn du alles kannst?
Was tust du, wenn du alles könntest?

Diese standardsprachlich besser zu vermeidenden Formulierungen gefallen mir persönlich auch stilistisch nicht. Man kann aber nicht sagen, dass die umgangssprachlichen Äußerungen unverständlich sind. Man versteht genau, was gemeint ist.

Der Mobilfunkanbieter hat sich vielleicht für die umgangssprachliche Variante entschieden, um „eine größere Nähe“ zur potenziellen Kundschaft bewirken. Vielleicht schwebte der Marktetingabteilung auch eine andere implizite Botschaft vor. Wie dem auch sei, einen Werbespruch der Art „Was wäre, wenn …“ halte ich mit und ohne standardsprachliche Verwendung des Konjunktivs für riskant. Es ist für Konkurrenz und unzufriedene Kundschaft wirklich zu einfach, ihm eine ganz andere Wendung zu geben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So viele Konjunktive!?

Frage

Was hat es mit dem Konjunktiv Plusquamperfekt auf sich? Ich bin da über ein Beispiel gestolpert (der Satz ist nicht von mir):

Hätte ich die Wäsche bügeln können, wenn du sie aufgehängt hättest?

„Hätte ich die Wäsche bügeln können“ wird als Konjunktiv Plusquamperfekt bezeichnet. Für mich ist das nichts anderes als ein ganz normaler Konjunktiv 2 (mit Modalverb in diesem Fall). Ich verstehe nicht, warum das Konjunktiv Plusquamperfekt sein soll.

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

bei den Namen für grammatische Phänomene ist vieles oft nicht ganz so klar, wie wir es gerne hätten. Das ist auch bei etwas – auf den ersten Blick – so Einfachem wie den Namen für die Konjunktivformen des Verbs der Fall: Es werden mehr Namen verwendet, als es Formen gibt.

Einerseits gibt es die „klassischen“ Namen, die sich rein an der Form orientieren und oft wenig bis nichts mit der eigentlichen Verwendung der Formen zu tun haben. Dazu gehört der Name Konjunktiv Plusquamperfekt. Daneben gibt es die Begriffe Konjunktiv I und Konjunktiv II. Sie umfassen jeweils eine bestimmte Gruppe von Verbformen, die in bestimmten Zusammenhängen und Satzarten verwendet werden: der Konjunktiv I zum Beispiel in der indirekten Rede, der Konjunktiv II zum Ausdruck von allerlei „Irrealem“ (siehe hier).

Man kann die „klassischen“ Namen wie folgt über die Begriffe Konjunktiv I und II verteilen:

Konjunktiv I
Konjunktiv (I) Präsens: er gehe / er spreche
Konjunktiv (I) Perfekt: er sei gegangen / er habe gesprochen
Konjunktiv I Futur I: er werde gehen / er werde sprechen
Konjunktiv I Futur II: er werde gegangen sein / er werde geprochen haben

Konjunktiv II
Konjunktiv (II) Präteritum: er ginge / er spräche
Konjunktiv (II) Plusquamperfekt: er wäre gegangen / er hätte gesprochen
würde-Formen

Konjunktiv II Futur I: er würde gehen / er würde sprechen
Konjunktiv II Futur II: er würde gegangen sein / er würde gesprochen haben

Wenn keine weiteren Angaben gemacht werden, ist übrigens mit Konjunktiv I häufig einfach der Konjunktiv Präsens (er gehe) und mit Konjunktiv II einfach der Konjunktiv Präteritum (er ginge) gemeint.

Eine andere Art, die Zeitformen zu benennen, die im Unterricht häufiger verwendet wird, ist diese:

Konjunktiv I Gegenwart: er gehe / er spreche
(= Konjunktiv Präsens)
Konjunktiv I Vergangenheit: er sei gegangen / er habe gesprochen
(= Konjunktiv Perfekt)
Konjunktiv I Zukunft: er werde gehen / er werde sprechen
(= Konjunktiv I Futur I)

Konjunktiv II Gegenwart: er ginge / er spräche
(= Konjunktiv Präteritum)
Konjunktiv II Vergangenheit: er wäre gegangen / er hätte gesprochen
(= Konjunktiv Plusquamperfekt)

Ersatzformen mit „würde“
würde-Form Gegenwart: er würde gehen / er würde sprechen
(= Konjunktiv II Futur I)
würde-Form Vergangenheit: er würde gegangen sein / er würde gesprochen haben
(= Konjunktiv II Futur II)

Die würde-Formen sind meist Ersatzformen für die „eigentlichen“ Konjunktiv-II-Formen. Sie werden im heutigen Deutschen immer häufiger verwendet und einige bezeichnen sie bereits als Konjunktiv III.

So viele Namen und so viele Formen! Viel einfacher kann ich es leider auch nicht machen, aber wenn man sich nicht allzu sehr durch die Vielfalt der Namen beeindrucken lässt, ist es gar nicht so kompliziert. Ein ganz anderes Kapitel ist natürlich die Verwendung des Konjunktivs. Doch davon soll hier nicht auch noch die Rede sein, denn dann wird es wirklich kompliziert!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Grenzfall der Konjugation: Wenn ich oder mein Kind krank …

Wenn ein Satz ein mehrteiliges Subjekt hat und die Subjektteile mit oder verbunden sind, wird es oft ziemlich holprig. Das findet auch Frau G.

Frage

Wer kann mir weiterhelfen, wie ich folgenden Nebensatz richtig formuliere?

Wenn ich oder mein Kind krank ist …

Mich stört hier das Verb „ist“, würde in diesem Fall auch „sind“ passen?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

die Form sind ist hier nicht üblich. Sie steht dann, wenn die beiden Teile des Subjekts mit und verbunden sind:

Wenn ich und mein Kind (= wir) krank sind …

Wenn die Subjekteile mit oder verbunden sind, ist diese Zusammenziehung zu wir nicht möglich.

Möglich ist die Form ist:

Wenn ich oder mein Kind krank ist …

Bei einer solchen Verbindung mit oder richtet sich das Verb in der Regel nämlich nach dem Subjektteil, der ihm am nächsten steht. Weitere Beispiele:

Wenn deine Schwester oder du etwas gesagt hättest …
Wenn du oder deine Schwester etwas gesagt hätte …

Sie oder Ihr Rechtsvertreter wird rechtzeitig informiert.
Ihr Rechtsvertreter oder Sie werden rechtzeitig informiert.

Solche Sätze klingen aber oft ziemlich seltsam oder unnatürlich. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Verbform ist des Beispielsatzes in Ihrer Frage Sie stört. Aus diesem Grund ist es oft besser, auf eine andere Formulierung auszuweichen. Zum Beispiel:

Wenn jemand von uns – ich oder mein Kind – krank ist …
Wenn ich krank bin oder mein Kind es ist …

Wenn eine von euch, du oder deine Schwester, etwas gesagt hätte …
Wenn du und deine Schwester nicht geschwiegen hätten …

Man wird Sie oder Ihren Rechtsvertreter rechtzeitig informieren.
Wir informieren Sie oder Ihren Rechtsvertreter rechtzeitig.

Siehe auch diese Seite unter „Zwei verschiedene Personen mit oder“.

Manchmal stößt man in der Grammatik an die Grenzen des Möglichen. Die Regel kennen ist dann gut, flexibel und einfallsreich formulieren aber besser!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verbformenpuzzle für den Urlaub (und für die Daheimgebliebenen)

Ein kleine Aufgabe, bei der mit Verbformen jongliert werden muss – nur für Leute, die solches auch wirklich mögen. Den anderen Urlauberinnen und Urlaubern empfehle ich ein Kreuzworträtsel oder ein gutes Buch. Auch ich ziehe in meiner Freizeit beides dem Futur II eines Modalverbs mit einem Infinitiv Passiv vor.

Frage

Ein Nicht-Muttersprachler bat in einem Onlineforum um die Korrektur einer Grammatikübung:

Something must be done. = Es muss etwas getan werden.
Something had to be done. = Es musste etwas getan werden.

und so weiter ohne Probleme bis:

Something will have had to be done. = ?

Sein Vorschlag „Es wird etwas getan werden gemusst haben“ klingt in meinen Ohren falsch, wohl wegen des „gemusst“. Aber ich bin selbst nicht sicher, was richtig wäre: „… werden haben müssen“, „… werden müssen haben“?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

es geht hier um eine Form, der man in der „freien Wildbahn“ nie begegnet und die entsprechend auch nur theoretisch ist.

Der Vorschlag im Forum ist tatsächlich nicht richtig, und zwar, wie Sie zu Recht bemerken, weil er das Partizip gewollt enthält. Was ist dann aber richtig? Wenn wir die Form langsam aufbauen, wird es vielleicht deutlicher. Es geht um das Futur II eines Modalverbs mit einem Infinitiv Passiv (wenn ich dieses Verbformenmonstrum tatsächlich richtig analysiere):

Präsens: Es muss etwas getan werden.
Futur I: Es wird etwas getan werden müssen.
Futur II: Es wird etwas getan werden müssen haben.

In den zusammengesetzten Zeiten steht bei Modalverben wie müssen und können nicht das Partizip Perfekt, sondern der sogenannte Ersatzinfinitiv:

Er hat etwas tun müssen (nicht: tun gemusst)
Es hat etwas getan werden müssen (nicht: *getan werden gemusst).
Es wird etwas getan werden müssen haben. (nicht: *getan werden gemusst haben).

Das ist aber noch nicht alles. Ihre Unsicherheit rührt wahrscheinlich daher, dass ein solcher Ersatzinfinitiv in der Regel am Schluss der Verbgruppe steht. Zum Beispiel:

etwas, was sie hat tun wollen (nicht: *tun wollen hat)
etwas, was sie hätten wissen müssen (nicht: *wissen müssen hätten)

Das Hilfsverb haben hat deshalb auch hier die Neigung, dem Ersatzinfinitiv müssen die letzte Position zu überlassen und weiter vorn zu stehen (obwohl haben hier im Gegensatz zum „Normalfall“nicht finit ist). Es gibt möglicherweise also mehr als eine Lösung, wobei die Fragezeichen meine wachsenden Zweifel an der Akzeptabilität der Formulierungen angeben sollen:

Es wird etwas getan werden müssen haben.
Es wird etwas haben getan werden müssen. (?)
Es wird etwas getan haben werden müssen. (??)

Die erste Form ist nach den allgemeinen Regeln gebildet. Die anderen nach einer Ausnahmeregel. Welche Regel hier im Standarddeutschen wirklich greift, kann m. E. nicht eindeutig gesagt werden, weil solche Formen in der Sprachrealität gar nicht vorkommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So viel sei zu dieser Frage bemerkt

Bei schönen, eher gehobenen Formulierungen und Wendungen kann man manchmal ziemlich ins Stolpern geraten, wenn man sie Deutschlernenden auf Anhieb genau erklären soll. So viel sei gleich zu Beginn zum heutigen Thema gesagt: vor allem für Grammatikbegeisterte.

Frage

In the short story „Mozart auf der Reise nach Prag“ by Eduard Mörike, the first sentence of the 4th paragraph is:

Von dem Kostüm der beiden Passagiere sei überdies soviel bemerkt.

I have two questions about the sentence above:

  1. Why the perfect tense of the verb „bemerken“ is formed using „sein“ instead of „haben“? According to Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache, the perfect tense form should be „hat bemerkt“.
  2. Is this sentence Konjunktiv I or Konjuntiv II? Why use subjunctive mood in this sentence?

Herr D. möchte also wissen, weshalb in Mörikes Satz, den er zitiert, das Verb bemerken mit dem Hilfsverb sein steht und warum er im Konjunktiv formuliert ist. Meine Antwort an Herrn D. gebe ich hier auf Deutsch wieder:

Antwort

Die Formulierung etwas sei gesagt/erwähnt/bemerkt gehört eher zum gehobenen Sprachgebrauch. Sie bedeutet etwas soll gesagt werden. Mörike meint also:

Von dem Kostüm der beiden Passagiere soll überdies so viel bemerkt werden.
Ich möchte außerdem so viel über das Kostüm der beiden Passagiere sagen.

Die Form, die Sie hier eigentlich interessiert ist sei bemerkt. Sie lässt sich wie folgt analysieren:

Verb: bemerken
Person und Numerus: 3. Person Singular
Tempus: Präsens
Modus: Konjunktiv I
Genus Verbi: Zustandspassiv

Das Hilfsverb sein ist hier also nicht das Hilfsverb des Perfekts, sondern das Hilfsverb, mit dem das Zustands- oder sein-Passiv gebildet wird. Zum Beispiel:

Aktiv: Ich öffne die Tür.
Vorgangspassiv: Die Tür wird geöffnet.
Zustandspassiv: Die Tür ist geöffnet.

Aktiv: Wir besiegen den Gegner.
Vorgangspassiv: Der Gegner wird besiegt.
Zustandspassiv: Der Gegner ist besiegt.

Bei Verben wie sagen, erwähnen und bemerken ist das sein-Passiv (es ist gesagt/erwähnt/bemerkt) unüblich oder selten. Nur im Konjunktiv I kommt es bei diesen Verben in mehr oder weniger festen Wendungen wie diesen vor:

Folgendes sei gesagt
Davon sei so viel erwähnt
Dazu sei nur bemerkt, dass …

Wenn der Konjunktiv I im Hauptsatz steht – wo er nur selten zu finden ist –, drückt er einen Wunsch oder eine Aufforderung aus:

Das Geburtstagskind lebe hoch!
Gott sei Dank.
Das verstehe, wer will.

Und eben:

 Davon sei so viel bemerkt.

All dies klingt recht trocken und kompliziert. Das hat man davon, wenn man bis ins Detail gehen will oder muss. Mehr sei deshalb hierzu nicht gesagt.

Wenn »A und B ist« richtig ist

Die meisten von uns haben auf der Schule gelernt, dass bei einem zweiteiligen Subjekt, bei dem die Subjektteile mit und verbunden sind, das Verb im Plural stehen muss:

Die alte Dame und ihr Sohn gingen jeden Tag im Park spazieren.
Nach der Werbung folgen der TV-Krimi und ein Diskussionsprogramm.

So weit, so einfach. Es gibt aber Ausnahmen. Diese Ausnahmen gleiten meist unbemerkt an uns vorbei, doch Sie können verunsichern, wenn wir darüber nachdenken und uns daran erinnnern, was wir auf der Schule gelernt haben. Hier die Frage von Frau S.:

Frage

Es geht um die korrekte Formulierung des folgenden Satzes:

Natürlich war dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.
Natürlich waren dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.

Selbst denke ich, dass die zweite Version korrekt ist. Mir fehlt jedoch die fachgerechte Begründung.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

beide Sätze sind richtig formuliert.

Das Verb kann nach der allgemeinen Grundregel im Plural stehen, weil das Subjekt aus zwei mit und verbundenen Teilen besteht.

Natürlich waren dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.

Das Verb kann aber auch im Singular stehen, weil die beiden Subjektteile eng miteinander verbunden sind und als eine Einheit aufgefasst werden. Das sieht man daran, dass sie eine gemeinsame Bestimmung haben: sehr viel bezieht sich sowohl auf Kleinarbeit als auch auf Konzentration:

Natürlich war dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.

Weitere Beispiele von Sätzen, in denen ein mehrteiliges Subjekt mit und eine gemeinsame Bestimmung hat und als eine Einheit aufgefasst werden kann:

Viel Glück und Sonnenschein soll dich begleiten.
Viel Glück und Sonnenschein sollen dich begleiten.

Münsters Grund und Boden ist zehn Milliarden Euro wert.
Münsters Grund und Boden sind zehn Milliarden Euro wert.

Ihre totale Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit war unerträglich.
Ihre totale Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit waren unerträglich.

Zum diesem Thema gäbe es noch viel mehr zu sagen. Die Grundregel sowie weitere Ausnahmen und Beispiele finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik. Wie so oft sind auch hier die Übergänge zwischen der Grundregel und den Ausnahmen fließend. Als kleiner Trost für nun ganz Verunsicherte kann gelten: Der Plural ist hier (fast) immer richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Sie bzw. eine andere Person mit dem Auto anreis…

Im Prinzip ist es ja ganz einfach: Das Verb richtet sich in Person und Numerus nach dem Subjekt. Problematisch wird es dann, wenn das Subjekt aus mehreren unterschiedlichen Teilen besteht. Das ist genau das Problem, vor das sich Frau J. gestellt sieht:

Frage

Ich benötige Ihre Hilfe bei folgendem Satz:

Wenn Sie bzw. die von Ihnen genannte Person mit dem Auto anreisen, geben Sie uns Bescheid.

Das Verb „anreisen“ passt ja eigentlich nur für „Sie“, nicht aber bei „wenn die von Ihnen berechtige Person mit dem Auto anreisen“. Wie gehe ich hier vor?

Antwort

Sehr geehrte Frau J.,

eine in Stein gemeißelte Regel zu dieser Frage gibt es nicht. Wenn das Subjekt eines Satzes aus zwei Teilen besteht, die mit oder oder bzw. verbunden sind und unterschiedlichen grammatischen Personen entsprechen, richtet sich das Verb meistens nach der Person, die ihm am nächsten steht.

Für Ihr Beispiel bedeutet diese wortreiche Erklärung, dass das Verb sich nach die von Ihnen genannte Person richtet, weil dieser Teil des Subjekts näher beim Verb steht:

Wenn Sie bzw. die von Ihnen genannte Person mit dem Auto anreist, geben Sie uns Bescheid.

Oder umgekehrt:

Wenn die von Ihnen genannte Person bzw. Sie selbst mit dem Auto anreisen, geben Sie uns Bescheid.

Zwei weitere Beispiele:

Entweder du oder sie kommt jetzt sofort her.
Entweder sie oder du kommst jetzt sofort her.

Ihr oder eure Vertretung wird rechtzeitig informiert werden.
Eure Vertretung oder ihr werdet rechtzeitig informiert werden.

Manche Stirn wird sich beim Lesen dieser Beispielsätze runzeln. Zusammenziehungen dieser Art klingen oft holprig oder gezwungen. Deshalb folgt nun noch ungefragt ein stilistischer Rat: Am besten vermeidet man solche Zusammenziehungen, zum Beispiel durch eine Umschreibung mit einem (unbestimmten) Pronomen:

Du oder sie, eine von euch kommt jetzt sofort her!
Wir werden euch resp. eure Vertretung rechtzeitig informieren.
Wenn jemand, d. h. Sie bzw. die von Ihnen genannte Person, mit dem Auto anreist, geben Sie uns Bescheid.

Oder vielleicht noch besser einfach:

Bei Anreise mit dem Auto geben Sie uns Bescheid.

Siehe auch die entsprechende Beschreibung auf dieser Seite.

Ich finde Fälle wie diesen ein schönes Beispiel dafür, dass man nicht immer versuchen sollte, auf Biegen und Brechen eine grammatisch korrekte Lösung zu finden. Guter Umgang mit Sprache kann sich auch darin zeigen, dass man solche Hürden elegant umgeht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp