Gastlichkeit, gute Küche, bekannte Weine und das Verb

Frage

Auf einer deutschen Seite zu Rechtschreibung und Grammatik wurde folgender Satz angeführt:

Die bekannte Schwarzwälder Gastlichkeit mit der guten Küche und den bekannten Weinen laden nach einer Wanderung zum Einkehren und Entspannen ein.

Der Fragesteller wollte wissen, ob es hier korrekterweise nicht „lädt“ heißen müsste. Sind Sie auch der Meinung, dass im obigen Satz das Verb im Singular stehen sollte?

Antwort

Guten Tag H.,

rein dem Sinn nach ist die Wahl des Plurals hier gut verständlich. Schließlich kann man sich während der Wanderung auf drei Dinge freuen: Gastlichkeit, eine gute Küche und bekannte Weine. Grammatisch ist es aber trotzdem nicht korrekt, hier die Mehrzahl für das Verb zu wählen.

Das Subjekt des Satzes ist der Singular die bekannte Schwarzwälder Gastlichkeit. Diese Nomengruppe steht im Singular und hat eine Wortgruppe bei sich, die mit der Präposition mit eingeleitet wird. Es handelt sich also nicht um ein mehrteiliges Subjekt, sondern um ein einteiliges Subjekt in der Einzahl, das eine Präpositionalgruppe als nähere Bestimmung bei sich hat. Diese Präpositionalgruppe hat keinen Einfluss auf die Form des Verbs. Das Verb des Satzes steht deshalb im Singular:

Die bekannte Schwarzwälder Gastlichkeit mit der guten Küche und den bekannten Weinen lädt nach einer Wanderung zum Einkehren und Entspannen ein.

Bei einem kürzeren und einfacheren Satz sieht man vielleicht ein bisschen besser, worum es geht:

Frau Rothenberger und Begleiter kamen zuletzt an.
aber:
Frau Rothenberger mit Begleiter kam zuletzt an. (nicht: *kamen)

Der Wirt mit seinen Freunden ging zum Saal zurück. (nicht: *gingen)
Der Kuchen mit Schlagsahne und einem Gläschen Likör schmeckte ausgezeichnet. (nicht: *schmeckten)

Grammatisch gesehen ist also A und B nicht dasselbe wie A mit B, obwohl dies bedeutungsmäßig oft der Fall ist. Bei solchen Konstruktionen laufen Bedeutung und Grammatik sozusagen nicht immer parallel. In dem hier behandelten Fall „gewinnt“ dann die Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vorzukunft in der Vergangenheit

Von der Vorzukunft in der Vergangenheit haben Sie wahrscheinlich noch nie gehört. Es ist auch eine Zeitform, die kaum jemand täglich verwendet.

Frage

Neulich habe ich den folgenden Satz gelesen: „Sie beschloss noch im selben Augenblick, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.“

Zuerst dachte ich, das wäre „Zukunft in der Vergangenheit“, aber das passt nicht. […] Ich frage mich auch, was die einfachere Alternative für den gegebenen Satz wäre. Es könnte nur „…sobald der Regen aufhört“ sein, denn „sobald der Regen aufgehört hätte“ hat eine andere Bedeutung. Sehr gerne würde ich den grammatikalischen Kontext des Satzes besser verstehen.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

die würde-Form aufgehört haben würde ist hier trotz Ihrer Zweifel eine Art Zukunft in der Vergangenheit. Es ist also keine Ersatzform für den Konjunktiv II. Deshalb würde aufgehört hätte nicht gut in den Satz passen.

Die würde-Form kommt häufig vor, wenn etwas Vergangenes in Bezug auf etwas anderes Vergangenes zukünftig war (Zukunft in der Vergangenheit):

Wir wussten, dass Marianne um 17 Uhr ankommen würde.
Als ihr in Nizza Rodolfo vorgestellt wurde, vermutete sie nicht, dass sie schon wenige Monate später mit ihm verheiratet sein würde.
Er nahm auf niemanden Rücksicht. Das würde er noch bereuen.

Um die Zeitverhältnisse in Ihrem recht komplexes Satz besser zu verstehen, nehmen wir ihn zuerst einmal auseinander:

Sie beschloss,
= Zeitpunkt X in der Vergangenheit
dass sie dorthin fahren würde, sobald der Regen aufgehört haben würde.
= zukünftig in Bezug auf den Zeitpunkt X

Dann ersetzen wir den dass-Satz durch eine Infinitivkonstruktion

Sie beschloss,
dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.

Die Zukünftigkeit sieht man gut, wenn man den Hauptsatz zuerst ins Präsens setzt:

Wir wissen, dass Marianne um 17 Uhr ankommen wird.
Wir wussten, dass Marianne um 17 Uhr ankommen würde.

Sie beschließt, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben wird.
Sie beschloss, dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.

Die Zeitverhältnisse sind in Ihrem Satz deshalb so kompliziert, weil der mit sobald eingeleitete Satz in Bezug auf dorthin fahren vorzeitig ist, in Bezug auf beschließen aber immer noch „zukünftig“. Die Form aufgehört haben würde ist also eigentlich nicht Zukunft in der Vergangenheit, sondern so etwas wie „Vorzukunft in der Vergangenheit“:

Sie beschließt dorthin zu fahren, sobald der Regen aufhören wird.
aufhören wird = Zukunft
Sie beschließt dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben wird.
aufgehört haben wird = Vorzukunft, vorzeitige Zukunft

Sie beschloss dorthin zu fahren, sobald der Regen aufhören würde.
aufhören würde = Zukunft in der Vergangenheit
Sie beschloss dorthin zu fahren, sobald der Regen aufgehört haben würde.
aufgehört haben würde = Vorzukunft in der Vergangenheit

Wie so oft, wenn es um die Verwendung von Zeitformen im Deutschen geht, sind dies keine eisernen Regeln. Genauso wie die Zukunft im Deutschen nicht immer mit dem Hilfsverb des Futurs werden ausgedrückt wird, wird auch die Zukunft in der Vergangenheit nicht immer mit der würde-Form gebildet. Die Struktur des Satzes, der Sie beschäftigt, sollte damit aber erklärt sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn es unmöglich wird, wird es unmöglich sein

Frage

Trotz langen Suchens habe ich keine eindeutige Erklärung für folgendes Problem finden können. Ist bei dem Ausdruck „es wird (un)möglich (sein)“ die Verwendung von „sein“ erforderlich? Beispiel:

Es wird unmöglich zu garantieren, dass …
Es wird unmöglich sein zu garantieren, dass …

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

beide Formulierungen sind richtig, sie haben aber nicht dieselbe Bedeutung.

Es wird unmöglich sein zu garantieren, dass …

Wir haben es hier mit dem Futur des Verbs sein zu tun, das heißt, werden ist hier das Hilfsverb des Futurs. Ein zukünftiger Zustand wird beschrieben.

Ohne sein sieht der Satz so aus:

Es wird unmöglich zu garantieren, dass …

Hier haben wir es mit dem Präsens des Verbs werden zu tun, das für die Angabe einer Zustandsveränderung verwendet wird. In diesem Satz wird somit nicht wie im ersten Satz ein zukünftiger Zustand, sondern eine gegenwärtige Zustandsveränderung beschrieben.

Rein formal sind also beide Formulierungen möglich. Wie sieht es nun mit der Bedeutung aus? Eine Zustandsveränderung hat einen zukünftigen anderen Zustand zur Folge. Der Vorgang des Unmöglichwerdens resultiert in zukünftigem Unmöglichsein. Da also – in Normalsprache ausgedrückt – etwas, das unmöglich wird, danach unmöglich ist, können in gewissen Situationen beide Formulierungen zutreffend sein.

Bei zu später Bestellung wird es unmöglich, eine rechtzeitige Lieferung zu garantieren.
Bei zu später Bestellung wird es unmöglich sein, eine rechtzeitige Lieferung zu garantieren.

Dank dieser guten Pflege wirst du bald wieder gesund.
Dank dieser guten Pflege wirst du bald wieder gesund sein.

Das gilt aber nur dann, wenn es keine Rolle spielt, ob ein gegenwärtiger Vorgang oder ein zukünftiger Zustand gemeint ist.

Weil diese Erklärung langsam zu lang wird, höre ich jetzt auf und hoffe, dass sie trotz ihrer Länge einigermaßen verständlich für Sie sein wird (oder einfach ist).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum „haben geöffnet gehabt“ doch richtig sein kann

Frage

Ein Kursteilnehmer fragte im Deutschunterricht einer Freundin von mir, was der Satz „Wir haben bis 19 Uhr geöffnet“ bedeute und ob das Perfekt sei. Wie erklärt man die möglichen und unterschiedlichen Verwendungen von „wir haben geöffnet“ (Präsens bzw. Perfekt) am besten?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

in Wir haben bis 19 Uhr geöffnet ist haben geöffnet tatsächlich kein Perfekt. Hier wird das Partizip geöffnet in Verbindung mit haben gleich verwendet wie das Adjektiv offen oder, eher umgangssprachlich, die Adverbien auf und zu.

Wir haben geöffnet/offen/auf. (= Unser Geschäft/Schalter ist geöffnet.)
Wir haben geschlossen/zu. (= Unser Geschäft/Schalter ist geschlossen.)

Es handelt sich hier also um das Präsens der mehr oder weniger festen Wendung geöffnet haben.

Präsens: Wir haben geöffnet.
Präteritum: Wir hatten geöffnet.
Perfekt: Wir haben geöffnet gehabt.

Und hiermit sind wir beim Unterschied zum Perfekt von öffnen. Es lautet ebenfalls wir haben geöffnet:

Präsens: wir öffnen
Präteritum: wir öffneten
Perfekt: wir haben geöffnet

Was im konkreten Fall gemeint ist, das Präsens der Wendung geöffnet haben oder das Perfekt des Verbs öffnen, gibt der Satzzusammenhang an. In diesem Fall ist es ganz einfach: Das Verb öffnen kann nicht ohne ein Akkusativobjekt stehen. Auch im Perfekt muss also immer angegeben werden, was geöffnet wird. Zum Beispiel:

Wir haben den Laden/die Fenster/eine Dose/ein paar Flaschen geöffnet.

Ohne einen Akkusativobjekt handelt es sich um die Wendung geöffnet haben = offen haben.

Wir haben bis 19 Uhr/heute/den ganzen Tag geöffnet.

Den Unterschied kann man also einfach daran erkennen, ob angegeben wird, was geöffnet wird, das heißt, ob ein Akkusativobjekt von geöffnet haben abhängig ist.

Für weniger fortgeschrittene Deutschlernende wahrscheinlich etwas hoch gegriffen, für alle anderen nicht sehr wichtig, aber für diejenigen, die ab und zu gerne mit Formen jonglieren, vielleicht doch interessant ist diese abschließende Feststellung: Auch wenn man das standardsprachlich verpönte doppelte Perfekt wie in

Wir haben heute Morgen die Fenster geöffnet gehabt

besser vermeiden sollte, kann man also sagen

Wir haben heute Morgen geöffnet gehabt

Letzteres ist zwar auch nicht die allereleganteste Formulierung, aber ein „erlaubtes“ einfaches Perfekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Shoppen, stöbern und schenken

Die Adventszeit steht schon wieder vor der Tür. Dazu passend heute eine Frage mit den Verben shoppen, stöbern und schenken.

Frage

Wie ist es richtig?

Shoppen, stöbern und schenken machen Spaß
oder:
Shoppen, stöbern und schenken macht Spaß.

Oder geht beides, je nachdem, ob man „Shoppen stöbern und schenken“ als singularisches oder mehrteiliges Subjekt auffasst?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

es gibt hier mehr als eine mögliche Formulierung und Schreibweise. Die Infinitive können nämlich als Verbformen oder als Substantive interpretiert werden.

Im ersten Fall, das heißt wenn die Infinitive als Verbformen angesehen werden, schreibt man sie klein und das Verb steht im Singular

a) Shoppen, stöbern und schenken macht Spaß.

Am besten sieht man den verbalen Charakter vielleicht, wenn man mit diesen Sätzen vergleicht:

Zu shoppen, zu stöbern und zu schenken macht Spaß.
Lange shoppen, intensiv stöbern und liebevoll schenken macht Spaß.

Wenn man die Infinitive als substantiviert ansieht, schreibt man sie groß. Die drei substantivierten Infinitive bilden dann ein mehrteiliges Subjekt. Bei einem mehrteiligen Subjekt steht das Verb normalerweise im Plural:

b) Shoppen, Stöbern und Schenken machen Spaß.

Doch wie so oft gibt es Ausnahmen: Wenn die Teile eines mehrteiligen Subjekts Infinitive sind, wird häufig von der Grundregel abgewichen (wahrscheinlich weil substantivierte Infinitive eine starke verbale Prägung haben und sie Verbformen resp. Infinitivgruppen z. T. sehr ähnlich sind). Das Verb steht dann nämlich häufig im Singular (vgl. hier):

c) Shoppen, Stöbern und Schenken macht Spaß.

Auch hier folgen zwei andere Formulierungen, die den substantivischen Charakter besser erkennen lassen sollten:

Das Shoppen, das Stöbern und das Schenken macht/machen Spaß.
Langes Shoppen, fröhliches Stöbern und liebevolles Schenken macht/machen Spaß.

Stilistisch gesehen gefallen mir die Variante a) oder die Variante c) mit dem Singular macht Spaß besser als die Formulierung b) mit machen Spaß.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Liken, likte, gelikt

Diese Woche habe ich gelesen, dass am 5. Oktober eine Neuausgabe des „Van Dale Großen Wörterbuches der niederländischen Sprache“ vorgestellt wurde (Van Dale Groot woordenboek van de Nederlandse taal). Van Dale ist für die Niederländischsprechenden so etwas wie der Duden für den deutschen Sprachraum. Neben Wörtern wie zelfscankassa (Selbstscankasse), profielfoto (Profilbild) und twitteraar (Twitterer) hat es auch das für Facebook-Fans unentbehrliche Verb liken in dieses renommierte Wörterbuch geschafft. Das bringt mich dazu, wieder einmal eine Frage aufzugreifen, die immer wieder in Sprachforen u. Ä. auftaucht: Wie werden die konjugierten Verbformen von liken im Deutschen geschrieben?

Die Antwort ist ganz einfach, auch wenn sich nicht alle mit den Resultaten anfreunden können: Man nimmt die Grundform liken, schneidet die Endung en ab und hängt die regelmäßigen Verbendungen an:

liken
ich like, du likst, er likt
ich likte, du liktest, er likte
ich habe gelikt

Ganz ähnlich auch zum Beispiel:

biken, bikte, gebikt
dopen, dopte, gedopt
saven, savte, gesavt
stylen, stylte, gestylt
tunen, tunte, getunt

So funktioniert es im Deutschen, selbst wenn dabei manchmal Formen entstehen, bei denen man mindestens zwei Anläufe braucht, bis man sie richtig interpretiert hat. Weitere Beispiele stehen in einem schon ziemlich alten, aber wie man sieht immer noch recht aktuellen Blogartikel: Wie konjugiert man englische Verben im Deutschen?

Sie finden das Verb liken übrigens noch nicht in den Canoonet-Wörterbüchern. Das wird sich aber bei der nächsten Datenaktualisierung bestimmt ändern. Was den Niederländern und Flamen recht ist, soll es uns auch sein.

Werde haben geliebt werden wollen

Manche Fragen können nur von besonders eifrigen Deutschlernenden oder eventuell von sehr an Regeln und Tabellen interessierten Muttersprachigen gestellt werden. Mir wäre sie jedenfalls spontan nicht in den Sinn gekommen.

Frage

Ein ausländischer Bekannter fragt: „Warum ist die Wortstellung im Futur II Aktiv Modalverben + haben (ich werde geliebt werden wollen haben), aber im Aktiv genau umgekehrt, haben + Modalverben (ich werde haben lieben wollen)?“ Und ich ergänze: Hat er überhaupt Recht?

Antwort                                                        

Sehr geehrter Herr W.,

wenn diese Formen verwendet würden, sähen sie so aus:

Ich werde haben lieben wollen.
Ich werde haben geliebt werden wollen.

Gemäß der üblichen Wortstellung für den Ersatzinfinitiv bei Modalverben sollte das Hilfsverb haben, von dem das Modalverb abhängig ist, m. E. in beiden Fällen nicht am Schluss, sondern am Anfang der abschließenden infiniten Verbgruppe stehen.

nicht: (werde) geliebt werden wollen haben
sondern: (werde) haben geliebt werden wollen

Aber – und hier kommt das große Aber – insbesondere der zweite Beispielsatz ist eine rein akademische Übung. Niemand verwendet das Futur II Passiv mit Modalverb, weil die Form auch für Muttersprachige nicht mehr zu handhaben ist. Eine finite und vier infinite Wortformen kann kaum jemand ohne längere Überlegung in (irgend)eine vernünftige Reihenfolge bringen.

Es ist übrigens nicht auszuschließen, dass andere bei dieser theoretischen Übung zu einem anderen als dem oben gezeigten Resultat kommen. Die Regel lässt sich nämlich nicht anhand der Sprachrealität überprüfen, das heißt, es ist nicht möglich, festzustellen, ob die vorgeschlagene Form auch wirklich regelmäßig so vorkommt.

Besser ist hier immer der Ersatz durch eine andere Formulierung. Zum Beispiel:

Ich werde gewollt haben, dass ich geliebt werde.
Ich habe wahrscheinlich geliebt werden wollen.
statt
Ich werde haben geliebt werden wollen.

Es wird nötig sein gewesen, die Waschmaschine zu reparieren.
Die Waschmaschine hat wahrscheinlich repariert werden müssen.
statt
Die Waschmaschine wird haben repariert werden müssen.

Es wird nicht möglich sein gewesen, diese Form zu bilden.
Diese Form hat wahrscheinlich nicht gebildet werden können.
statt
Diese Form wird nicht haben gebildet werden können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Noch einmal: Es wäre schön, wenn der Traum erfüllt …

Häufig ruft eine Frage eine weitere auf. Deshalb heute gleich noch einmal das Thema des Traumes, der hoffentlich in Erfüllung geht: Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird(?).

Frage

Meine Frage schließt an die an, in der gefragt wurde, ob es heißt: „Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.“ Immer öfter hört und liest man, dass geschrieben und gesagt wird: „Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird“, also in einer anderen Form. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

es ist standardsprachlich üblich, in Konstruktionen dieser Art (d. h. in irrealen Bedingungsätzen) in beiden Teilsätzen den Konjunktiv zu verwenden:

Es wäre schön, wenn du auch kommen würdest.
Es wäre schön, wenn wir alle fliegen könnten.

Nun ist es aber tatsächlich so, dass man im wenn-Satz manchmal auch dem Indikativ begegnet:

Es wäre schön, wenn du auch kommst.
Es wäre schön, wenn ihr uns beim Aufräumen helft.
(statt standardsprachlich:
Es wäre schön, wenn du auch kämest / kommen würdest.
Es wäre schön, wenn ihr uns beim Aufräumen helfen würdet.)

Diese Art der Formulierung im Indikativ ist eher als umgangssprachlich anzusehen. Sie kommt dann vor, wenn etwas ausgedrückt wird, das tatsächlich möglich und wahrscheinlich ist: Die Möglichkeit, dass du kommst, besteht. Man hält es für realistisch, dass beim Aufräumen geholfen wird.

Der Indikativ erscheint aber auch in der Umgangssprache kaum, wenn etwas Unmögliches oder Unwahrscheinliches ausgedrückt wird:

nicht: *Es wäre schön, wenn wir alle fliegen können.
nicht: *Es wäre schön, wenn ich dann Urlaub habe, aber das ist leider nicht so.

Während also standardsprachlich kein Unterschied zwischen wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Sachverhalten gemacht wird, kann dieser Unterschied umgangssprachlich durch die Verwendung des Konjunktivs resp. Indikativs aufgedrückt werden:

Umgangssprachlich:
a) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird.
b) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.

In Satz a) wird die Erfüllung des Traumes für möglich gehalten. In Satz b) hingegen kann die Erfüllung auch unmöglich oder unwahrscheinlich sein.

Standardsprachlich in beiden Fällen:
a), b) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.

Meine Antwort ist etwas lang ausgefallen; deshalb zusammenfassend hier noch eine kurze Antwort auf Ihre Frage: In korrektem Standarddeutsch gilt nur die Formulierung mit dem Konjunktiv in beiden Teilsätzen als richtig. Die mehr umgangssprachliche Verwendung des Indikativs im wenn-Satz ist aber nicht einfach nur ein unerklärlicher dummer Fehler, sondern sie folgt einer eigenen Regel und Präzisierungsmöglichkeit, die die Standardsprache (noch?) nicht kennt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Diese Befindungen basieren nur auf meinen eigenen Beobachtungen. Als wissenschaftlich fundierte Aussagen können sie deshalb nicht gelten. Es wäre inbesondere zu prüfen, ob es regionale und textsortengebundene Unterschiede bei der Verwendung des Indikativs im wenn-Satz gibt und ob und wie sich dieses Phänomen im Laufe der Zeit entwickelt hat.

Wenn der Traum erfüllt würde – oder erfüllt werden würde?

Frage

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir sagen könnten, welcher von diesen zwei Sätzen richtig ist (es handelt sich um einen Passivsatz im Konjunktiv II):

Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.
Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt werden würde.

Man kann es natürlich umformulieren („Es wäre so schön, wenn dieser Traum in Erfüllung gehen könnte / ginge“), aber ich würde gern wissen, ob dieses „werden würde“ richtig ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau C.,

der Unterschied zwischen erfüllt würde und erfüllt werden würde besteht darin, dass die erste Form ein Präsens und die zweite Form ein Futur ist. Da im Deutschen etwas Zukünftiges häufig im Präsens ausgedrückt wird (Ich fahre morgen weg = Ich werde morgen wegfahren; vgl. hier), sind beide Sätze richtig. Beginnen wir der Einfachheit halber im Indikativ. Die folgenden Sätze haben ungefähr dieselbe Bedeutung:

Ich hoffe, dass dieser Traum erfüllt wird.
Ich hoffe, dass dieser Traum erfüllt werden wird.

Wenn wir diesen Gedanken nun als sogenannten irrealen Bedingungssatz im Konjunktiv II formulieren, ergeben sich entsprechend zwei Formulierungsmöglichkeiten, die ebenfalls mehr oder weniger dasselbe ausdrücken:

Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.
Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt werden würde.

Im Passiv wird häufig das Präsens gewählt, wenn etwas Zukünftiges gemeint ist. Damit kann man das etwas schwerfällige doppelte Auftreten des Hilfsverbs werden – einmal für das Passiv und einmal für das Futur – vermeiden. Formen wie werden wird und werden würde sind aber keineswegs falsch oder grundsätzlich „schlechter“ als die einfachen Formen!

Manchmal gibt es kaum einen Unterschied:

Das Haus wird morgen abgebrochen werden.
Das Haus wird morgen abgebrochen.

Manchmal sind die „langen“ Formen wirklich etwas zu schwerfällig:

Mülltonnen, die am Donnerstag geleert werden würden, werden bereits am Mittwoch abgeholt werden.
Mülltonnen, die am Donnerstag geleert würden, werden bereits am Mittwoch abgeholt.

Umgekehrt drücken die „kurzen“ Formen manchmal den Aspekt des Zukünftigen nicht deutlich genug aus. Die erste der beiden folgenden Formulierungen gibt deutlicher an, dass das Problem nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft nicht gelöst werden wird:

ein Problem, das niemand lösen will und das deshalb nie gelöst werden wird
ein Problem, das niemand lösen will und das deshalb nie gelöst wird

Ob man in einem Satz zweimal das Hilfsverb werden verwendet oder es einmal fallen lässt, ob Sie also erfüllt würde oder erfüllt werden würde wählen, ist somit vielmehr eine stilistische als eine grammatische Entscheidung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kennen, kennen lernen und die Verbzeiten

Frage

Ich bitte um Hilfe bei folgender Formulierung:

Nach ihrem Eintritt ins Kloster gratulierte Marius ihr zu ihrem kühnen Entschluss.
Er hatte sie von gemeinsamer Zeit am Gymnasium gekannt.

Oder heißt es:

Er kannte sie von gemeinsamer Zeit am Gymnasium.

Grammatisch dürfte Plusquamperfekt richtig sein, es kommt mir hier aber sehr sperrig vor

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

mit dem Plusquamperfekt wird Vorzeitigkeit in Bezug auf etwas Vergangenes ausgedrückt. Ob es in Ihrem Satz die richtige Wahl ist, hängt also davon ab, ob wir es mit Vorzeitigkeit zu tun haben. Das ist nicht der Fall. Deshalb steht hier besser die einfache Vergangenheitsform:

Er kannte sie von gemeinsamer Zeit am Gymnasium.

Zum Zeitpunkt des Gratulierens kennt er sie ja immer noch und zwar immer noch von der Zeit am Gymnasium. Es gibt also keinen Grund, Vorzeitigkeit durch das Plusquamperfekt auszudrücken.

Anders sieht es aus, wenn man kennen lernen statt kennen verwendet. Der Zeitpunkt des Kennenlernens ist vor dem Zeitpunkt des Gratulierens. Die Verwendung des Plusquamperfekts ist dann also gerechtfertigt:

Er hatte sie am Gymnasium kennen gelernt.

Der Unterschied zwischen dem zeitlich begrenzten kennen lernen und dem andauernden kennen kann also manchmal einen Einfluss auf die Wahl der Zeitform haben. Das ist nicht gerade eine sensationelle grammatische Entdeckung. Interessant finde ich aber im Zusammenhang mit kennen, kennen lernen und den Verbzeiten immer wieder den Vergleich mit Sprachen wie dem Französischen und dem Italienischen.

In den romanischen Sprachen geben die Verbzeiten der Vergangenheit anders als im Deutschen an, ob eine Handlung oder ein Zustand zeitlich begrenzt oder andauernd ist. Das hat zur Folge, dass zum Beispiel im Französischen und Italienischen meist ein und dasselbe Verb für kennen und kennen lernen verwendet wird, nämlich connaître/conoscere. Was wir vor allem mit der Wortwahl ausdrücken müssen

kennen vs kennen lernen
a) Ich kannte sie nicht.
b) Ich lernte sie erst später kennen.

wird in diesen Sprachen meist rein grammatisch durch die Verbzeiten ausgedrückt:

imparfait vs passé composé
a) Je ne la connaissais pas.
b) Je l’ai connue seulement plus tard.

imperfetto vs perfetto
a) Non la conoscevo.
b) L’ho conosciuta solo più tardi.

Natürlich ist alles etwas komplexer. So gibt es im Französischen und Italienischen auch Wendungen für das zeitlich begrenzte kennen lernen (faire la connaissance de resp. fare la conoscenza di), dies unter anderem für den Fall, dass die Verbzeiten und/oder der Kontext nicht deutlich genug angeben, was genau gemeint ist. Interessant bleibt aber für mich immer wieder, wie verschiedene Sprachen ganz unterschiedliche Mittel einsetzen können, um dasselbe auszudrücken. Dank der klaren Funktion der Verbzeiten können das Französische und das Italienische hier mit einem Verb ausdrücken, wofür wir zwei verbale Ausdrücke brauchen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp