Ihr alle, die mir gratuliert hab… – wie geht’s weiter?

Frage

Deutsch ist meine Muttersprache, doch sicher gibt es dennoch immer mal etwas, worüber es sich nachzudenken lohnt. So meinte letztens jemand, er müsste mich darauf aufmerksam machen,

Vielen herzlichen Dank an euch alle, die mir zum Geburtstag gratuliert haben.

sei falsch. Er teilte mir aber nicht mit, welche Korrektur ihm vorschwebte. […] Ganz ungebräuchlich, wenn auch richtig, klingt für mich:

Vielen herzlichen Dank an euch alle, die ihr mir zum Geburtstag gratuliert habt.

Alles in allem: Ist das ursprünglich Geschriebene falsch? […]

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

in diesem Fall haben Sie die eher ungewöhnliche Formulierung gewählt. Wenn ein Relativpronomen das Subjekt des Relativsatzes ist und sich auf ein Pronomen der ersten oder zweiten Person bezieht, wird normalerweise hinter dem Relativpronomen der Nominativ des Personalpronomens eingefügt. Das Verb richtet sich dann nach diesem Personalpronomen. Das klingt kompliziert, es wird aber wie so oft mit Hilfe einiger konkreter Beispiele einfacher:

Ich, die ich immer mein Bestes getan habe
Wer will dir schon helfen, der du immer alles besser weißt.
Es ist für uns besonders schlimm, die wir uns so lange darauf vorbereitet haben.
Euch, die ihr den guten Mann schon lange gewarnt habt, macht er nun Vorwürfe.

Und entsprechend in Ihrem Beispielsatz:

Vielen herzlichen Dank an euch alle, die ihr mir zum Geburtstag gratuliert habt.

Das Personalpronomen wird seltener auch wie in Ihrem ersten Satz weggelassen. Dann steht das Verb in der dritten Person (vgl. auch hier):

Ich, die immer allen zu helfen versucht
Wer will dir schon helfen, der immer alles besser weiß.
Es ist für uns besonders schlimm, die sich so lange darauf vorbereitet haben.
Euch, die ihn schon lange gewarnt haben, macht er nun Vorwürfe.

Vielen herzlichen Dank an euch alle, die mir zum Geburtstag gratuliert haben.

Diese Formulierungen gelten ebenfalls als richtig, sie sind aber eher unüblich. Sie lassen auch mich beim Lesen stutzen, weil es hier tatsächlich einen Konflikt gibt zwischen der ersten oder zweiten Person, auf die sich der Relativsatz bezieht, und der dritten Person, die das Relativpronomen normalerweise fordert. Diesen Konflikt überbrücken wir, die wir solche Unklarheiten nicht mögen, dann häufig, indem wir das entsprechende Personalpronomen in den Relativsatz „hineinschmuggeln“. Kurz: Ihre ursprüngliche Formulierung ist zwar richtig, aber weniger gebräuchlich als Ihr zweiter Vorschlag.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn man täglich gölfe …

So schön der Umlaut in den Verbformen des Konjunktivs auch klingen mag (z. B. sähe, flösse, schlüge), er ist nur sehr beschränkt anwendbar.

Frage

Eine Kleinigkeit: Kann man im Konjunktiv Präsens auch sagen: „gölfe“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Konjunktiv Präsens des eher umgangssprachlichen Verbs golfen (Golf spielen) wird ausschließlich ohne Umlaut gebildet (vgl. hier):

Sie sagte, dass sie täglich golfe.

Auch alle anderen Verben, selbst die unregelmäßigen, bilden die Formen des Konjunktivs Präsens (Konjunktiv I), ohne umzulauten. Umgelautet wird nur bei der Bildung der Formen des Konjunktivs Präteritum (Konjunktiv II) und dies nur bei gewissen unregelmäßigen Verben. Zum Beispiel:

essen – aß – äße
sprechen – sprach – spräche
fließen – floss – flösse
ziehen – zog – zöge
fahren – fuhr – führe
schlagen – schlug – schlüge

Bei einem einzigen regelmäßigen Verb sind umgelautete Formen im Konjunktiv II weit verbreitet (allerdings standardsprachlich nicht von allen akzeptiert):

brauchen – brauchte – brauchte/bräuchte
Was ich noch bräuchte, ist eine gute Idee.
(stand. besser: Was ich noch brauchte / brauchen würde …)

Die Form gölfe passt also nicht ins Konjugationssystem des Deutschen. Es gibt diese Form von golfen ebenso wenig wie zum Beispiel schäue zu schauen, löbe zu loben und flüche zu fluchen. Es heißt deshalb:

Konjunktiv I: Sie sagte, dass sie täglich golfe.
Konjunktiv II: Sein Handicap könnte tiefer sein, wenn er täglich golfte (o. golfen würde).

Wenn man täglich gölfe …; auch wenn es vielleicht lustig oder edel anmüte, es pässe einfach nicht in unser Verbsystem.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie wird durchabfertigen konjugiert?

Herr P. hatte eine Frage zu einem Verb, das modernes Reisen erheblich vereinfacht – falls alles klappt: durchabfertigen (bei Umsteigen oder Unterbrechung der Reise bis zum Endziel abfertigen).

Frage

In einer Diskussion bin ich auf das Verb „durchabfertigen“ gestoßen. Es geht darum, wie es konjugiert wird: „ich durchabfertige“, „ich abfertige durch“ oder vielleicht „ich fertige durch ab“?

Wenn man das Wort mit Verben wie „wiederherstellen“ und „miteinbeziehen“ vergleicht, so ist „ich fertige durch ab“ naheliegend, ähnlich wie „ich stelle wieder her“ und „ich beziehe mit ein“. Allerdings klingt es in meinen Ohren doch falsch. […] Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?  Warum ist „ich stelle wieder her“ akzeptabel, „ich fertige durch ab“ aber nicht (sofern nicht nur ich das so sehe)?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

das Verb durchabfertigen könnte als direkte Übersetzung von check through oder als Rückbildung von Durchabfertigung entstanden sein. Genaue Angaben dazu habe ich leider nicht. Entstanden ist jedenfalls ein sehr ungewöhnliches Verb mit zwei im Prinzip abtrennbaren Teilen: durch+ab+fertigen.

In Anlehnung an ähnliche Konstrukte wie miteinbeziehen (ich beziehe etwas mit ein) und wiederherstellen (ich stelle etwas wieder her), müssten die finiten Hauptsatzformen von durchabfertigen lauten: ich fertige etwas durch ab.

Diese Form kommt aber nicht nur Ihnen und mir äußerst seltsam vor, sondern offenbar allen Sprachbenutzern. Sie wird (vorläufig?) nicht gebraucht. Durch diese Unsicherheit beim Gebrauch gehört durchabfertigen zu den Verben, die nur im Infinitiv und im Partizip gebräuchlich sind:

durchabfertigen, durchabzufertigen
durchabgefertigt

sowie eventuell die zusammengeschriebenen Nebensatzformen:

Möchten Sie, dass ich Ihr Gepäck durchabfertige?

Damit steht durchabfertigen keineswegs alleine da. Von beispielsweise den folgenden Verben sind ebenfalls nur die zusammengeschriebenen Wortformen üblich: bergsteigen, gegensprechen, punktschweißen, rückerstatten, seiltanzen, weitspringen.

Ein Unterschied zwischen einerseits dúrchabfertigen und andererseits wiederhérstellen und mitéínbeziehen ist die Betonung (auf dem ersten bzw. dem zweiten Element). Wichtiger erscheint mir hier aber die Tatsache, dass mit und wieder im Gegensatz zu durch auch als selbstständige Adverbien verwendet werden, und zwar mit der gleichen Bedeutung wie das Verbelement. In getrennt geschriebener Hauptsatzstellung fallen sie also allein stehend weniger auf:

miteinbeziehen – ich beziehe es mit ein
vgl.

mit aufladen – ich lade es mit auf
mit dazugehören – das gehört mit dazu

wiederherstellen – ich stelle es wieder her
vgl.
wieder mitnehmen – ich nehme es wieder mit
wieder zurücklegen – ich lege es wieder zurück

Im Gegensatz dazu kann durch nicht mit der gleichen Bedeutung allein stehen, die es in durchabfertigen hat:

durchabfertigen – ??ich fertige durch ab
nicht: durch xyen

Dieser Unterschied zeigt sich indirekt auch darin, dass immer eine gewisse Unsicherheit besteht, ob man mit einbeziehen oder miteinbeziehen resp. wieder herstellen oder wiederherstellen schreiben soll. Diese Unsicherheit besteht bei durchabfertigen nicht, das heißt, die Schreibung durch abfertigen kommt gar nicht in Frage.

Die fehlende relative Selbstständigkeit des ersten Wortteils ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass die getrennten Wortformen von durchabfertigen nicht verwendet werden. Man könnte umgekehrt aber auch sagen, dass die getrennten Formen von miteinbeziehen und wiederherstellen nur dank der relativen Selbstständigkeit von mit und wieder möglich sind. Verben mit zwei abtrennbaren Präfixen sind nämlich in der deutschen Sprache große Ausnahmen, die eigentlich nicht oder eben nur schlecht in unsere Wortbildungs- und Konjugationsmuster passen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mir ist/hat viel an ihm gelegen?

Frage

Mir kam neulich die Frage, ob es einen Bedeutungsunterschied zwischen gelegen haben und gelegen sein in Verbindung mit Personen gibt. Was wäre standardsprachlich korrekt? Welche Zeitformen sind richtig? Also zum Beispiel:

Mir ist viel an ihm gelegen.
Mir hat viel an ihm gelegen.

Mir war viel an ihm gelegen.
Mir hatte viel an ihm gelegen.

Gibt es dafür eine Regel oder eine Empfehlung? Wären alle vier Zeitformen grammatikalisch korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

alle Formulierungen sind korrekt. Etwas verwirrend ist hier wahrscheinlich, dass es sich um zwei verschiedene Wendungen handelt, die einander sehr ähnlich sind:

a) jemandem liegt viel an jemandem/etwas
b) jemandem ist viel an jemandem/etwas gelegen

Es gibt keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Formulierungen:

Mir liegt viel an ihm = Mir ist viel an ihm gelegen.

Die Form ist gelegen ist hier also keine Vergangenheitsform. Es ist eine Form des Präsens, wie zum Beispiel auch ist geöffnet in die Tür ist geöffnet eine Präsensform ist. Zu den einzelnen Zeitformen:

Präsens:
a) Mir liegt viel an ihm.
b) Mir ist viel an ihm gelegen

Präteritum:
a) Mir lag viel an ihm.
b) Mir war viel an ihm gelegen.

Perfekt:
a) Mir hat viel an ihm gelegen.
b) Mir ist viel an ihm gelegen gewesen.

Plusquamperfekt
a) Mir hatte viel an ihm gelegen.
b) Mir war viel an ihm gelegen gewesen.

Im Perfekt und im Plusquamperfekt sind übrigens insbesondere die Formulierungen b) selten und stilistisch nicht unbedingt empfehlenswert.

Wenn Sie dasselbe ausdrücken wollen, haben Sie also nicht diese beiden Möglichkeiten:

Mir ist viel an ihm gelegen.
Mir hat viel an ihm gelegen.

sondern diese beiden im Präsens:

Mir ist viel an ihm gelegen.
Mir liegt viel an ihm.

oder diese beiden im Perfekt:

Mir hat viel an ihm gelegen.
Mir ist viel an ihm gelegen gewesen.

Je mehr ich diese Beispielsätze ohne weiteren Kontext nebeneinanderstelle, desto verwirrender werden sie. Manchmal ist eine allzu systematische Darstellung eher verwirrend als erhellend. Ich höre deshalb an dieser Stelle auf, denn es liegt mir viel daran und es ist mir viel daran gelegen, nicht allzu unverständliche Antworten zu formulieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So, da wären wir

Es ist nicht erstaunlich, dass Deutschlernende sich bei einer Aussage wie derjenigen im Titel wundern, weshalb die Konjunktivform wären steht. Erstaunlich ist eigentlich eher, dass Muttersprachige sich nicht darüber wundern.

Frage

Why is Konjunktiv II preferred in this sentence: „Da wären wir“? This is the statement of someone who arrives at his/her destination, for instance in a taxi on the way home.

Warum wird in diesem Satz der Konjunktiv II bevorzugt: „Da wären wir“? Es ist die Aussage einer Person, die an ihrem Ziel angekommen ist, zum Beispiel in einem Taxi auf dem Weg nach Hause. [Antwort unten nur auf Deutsch]

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

in diesem Satz steht tatsächlich der Konjunktiv II:

So, da wären wir.

Es ist aber auch möglich, den Indikativ zu verwenden, ohne dass sich die Grundaussage wesentlich ändert:

So, da sind wir.

Die Hauptfunktion des Konjunktivs II ist es, mögliche, angenommene, nur gedachte, aber nicht reale Sachverhalte auszudrücken. Zum Beispiel:

Es wäre schön, wenn es so wäre.
An deiner Stelle wäre ich vorsichtig.
Wenn wir nur schon dort wären!

Im Satz, den Sie zitieren, ist der Sachverhalt aber nicht irreal, sondern ganz wirklich: „Wir“ sind tatsächlich am Zielort angekommen. Es geht hier um eine Verwendung des Konjunktivs II in Sätzen, die ein Resultat ausdrücken, das man meist mit einiger Mühe erreicht hat. Dieser besondere Konjunktiv II wird also nur bei Feststellung der folgenden Art verwendet (vgl. hier):

Da wären wir.
Das wäre geschafft!
Das hätten wir (endlich)!
Damit wäre die Lieferung komplett.

Die Sätze könnten auch im Indikativ stehen, es würde ihnen aber etwas fehlen: Je nach Betonung klingt hier mit dem Konjunktiv II ein kleiner Seufzer der Erleichterung oder ein zufriedenes Aufschnaufen durch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wird oder werden mehr als eine Frage gestellt?

Frage

Wird das Verb im unten angegebenen Beispiel im Plural oder Singular benutzt?

„Mehr als eine Frage werden/wird gestellt?“

Antwort

Guten Tag A.,

im Prinzip ist es ganz einfach: Die gebeugte Verbform richtet sich nach dem Subjekt des Satzes. Ihre Frage zeigt aber, dass es doch nicht immer ganz so einfach ist.

Das Subjekt ist mehr als eine Frage. Die Person ist eindeutig: Es handelt sich um eine dritte Person. Beim Numerus wird es dann aber schwieriger: Ist mehr als eine Frage Einzahl oder Mehrzahl? Rein nach der Bedeutung ist es eine Mehrzahl. Schließlich ist eine Frage eine Einzahl, also muss mehr als eine Frage eine Mehrzahl sein. Trotzdem heißt es normalerweise:

Mehr als eine Frage wird gestellt.
Mehr als ein Gast hat sich beklagt.
In diesem Bericht wurde mehr als eine Datenquelle benutzt.

Es ist nicht üblich, hier das Verb im Plural zu verwenden. Das liegt daran, dass die Gegenwart der Einzahlform eine Frage so stark ist, dass sich das Verb nach dieser singularischen Form und nicht nach dem pluralischen Sinn richtet. Wenn wir nämlich eine Frage durch zwei Fragen ersetzen, muss das Verb auch im Plural stehen:

Mehr als zwei Fragen werden gestellt.
Mehr als zehn Gäste haben sich beklagt.
Im Bericht wurden mehr als hundert Datenquellen benutzt.

Das Verb richtet sich also bei Subjekten der Form mehr als nach der Substantivgruppe, die nach als steht. Dass Wendungen mit mehr als ein(e) eine pluralische Bedeutung haben, hat dabei keinen Einfluss auf die Verbform. Sie steht in der Einzahl. Das Substantiv ist also der Kern der Subjektgruppe – und mehr als ist „nur“ eine adverbialen Wendung, die das Zahlwort genauer bestimmt.

Ähnlich sind Formulierungen mit manche(r) und manch ein(e) im Singular:

Mancher Gast hat sich beklagt.
Manch eine Frage konnte nicht beantwortet werden.
Mancher Mensch lernt es nie.

Auch hier sind eindeutig mehrere Gäste, Fragen resp. Menschen gemeint. Trotzdem formulieren wir alles in der Einzahl. Das liegt daran, dass wir mit manch im Singular das Folgende ausdrücken (ich zitiere aus dem Duden, so schön kann ich selbst nicht formulieren):

einzelne Person od. Sache, die sich mit andern ihrer Art zu einer unbestimmten, aber ins Gewicht fallenden Anzahl summiert

Hier ist gewissermaßen der Nachdruck auf das Individuum / die individuelle Sache so stark, dass alles trotz pluralischer Gesamtbedeutung im Singular steht.

Ob es nun um mehr als ein oder manche(r) geht, in beiden Fällen richten wir uns bei der Formulierung des Satzes nach etwas anderem als der reinen Gesamtbedeutung. Und jetzt kommt, wie „Eingeweihte“ bereits vermuten, eine meiner Lieblingsschlussfolgerungen: Mit reiner Logik kommt man in der Sprache oft nicht weit. Manche Frage wurde mir aus diesem Grund gestellt und mehr als ein Blogeintrag schließt mit dieser Feststellung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das teure Hotel und der Gegenwartsbezug

Frage

Es geht darum, zwei Sätze zu verbinden: „Ihr wart in einem Hotel in New York“ und „Das Hotel ist/war teuer“.  Nun ist die Frage, ob es da zwei Möglichkeiten gibt oder die eine besser als die andere ist?

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer ist.

Oder heißt es am Ende:

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer war.

Ich meine, dass beide Lösungen i. O. sind. Und was meinen Sie?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

Ihre Frage zielt eigentlich darauf, ob es eine obligatorische Zeitenfolge gibt. Zuerst die allgemein Antwort, die für Liebhaber und Liebhaberinnen strenger Regeln enttäuschend, aber für „Freiheitsliebende“ eher erfreuliche sein mag: Im Gegensatz zu anderen Sprachen kennt das Deutsche keine streng geregelte Folge der Zeiten. In längeren geschriebenen Texten herrscht zwar gewöhnlich das Präsens oder das Präteritum vor, aber es gibt keine obligatorische Zeitenabfolge in aufeinanderfolgenden Sätzen (Consecutio Temporum; wenn Satz a im Tempus x, dann Satz b „zwangsläufig“ im Tempus y). Nur bei Nebensätzen und den ihnen übergeordneten Sätzen gibt es gewisse Tendenzen, die hier angedeutet werden.

In Ihrem Beispielsatz haben wir es mit zwei möglichen Sehensweisen oder Aspekten zu tun, die bei der Wahl der Verbform zu einem unterschiedlichen Resultat führen. Damit meine ich eigentlich nur: Auch ich finde beide Formulierungen richtig.

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer ist.

Bei der Verwendung der Präsensformt ist wird davon ausgegangen, dass es das Hotel zum Sprechzeitpunkt noch gibt und dass es immer noch teuer ist. Es gibt einen deutlichen Gegenwartsbezug. Eine mögliche Gesprächssituation wäre, dass jemand ebenfalls an Hotels in New York interessiert ist.

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer war.

Bei der Verwendung der Präteritumsform war wird nichts über den gegenwärtigen Zustand des Hotels gesagt. Es gibt keinen direkten Gegenwartsbezug. Das Hotel kann noch bestehen und immer noch teuer sein, es kann aber auch geschlossen oder ausgesprochen billig geworden sein. Die Formulierung bleibt innerhalb der Schilderung von etwas Vergangenem. Sie könnte zum Beispiel ein interessierter oder höflicher Kommentar zu einem Reisebericht sein.

Die Wahl der Zeitform hängt also vom weiteren Kontext ab. Wichtig ist hier nicht ein zeitliches Verhältnis zwischen zwei Teilsätzen (z.B. Gleichzeitigkeit oder Nachzeitigkeit), sondern die Frage, ob in einem Teilsatz ein Bezug zur Gegenwart besteht. Das ist auch in den folgenden, „selbstgestrickten“ Beispielsätzen der Fall:

Ohne direkten Gegenwartsbezug:

Ich traf dort eine Frau, die im Zirkus arbeitete.
Er sang ein Lied, das mir gut gefiel.
Ich wusste, dass er in Salzburg wohnte.

Mit Bezug auf die Gegenwart:

Ich traf dort eine Frau, die im Zirkus arbeitet.
Er sang ein Lied, das mir gut gefällt.
Ich wusste, dass er in Salzburg wohnt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vorgegenwart in der Zukunft: Sie haben es gleich geschafft

Eine Frage, die vielen bekannt vorkommen wird, die mit fortgeschritteneren Deutschlernenden zu tun haben. Sie zeigt, dass unsere Verbzeiten manchmal wenig mit der realen Zeit zu tun zu haben scheinen.

Frage

Hier sind zwei Fragen eines Schülers, der Deutsch als Fremdsprache lernt:

1. […]

2. Eine aktuelle Werbung von Macdonalds lautet: „Sie haben es gleich geschafft“. Warum wird hier das Perfekt verwendet, obwohl es um die Zukunft geht?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die Verbzeiten haben im Deutschen nur bedingt etwas mit den realen Zeitabläufen zu tun. Das ist auch hier der Fall. Obwohl das Perfekt den (etwas zu) viel sagenden deutschen Namen „Vorgegenwart“ trägt, wird mit ihm im Werbespruch, den Sie zitieren, ein Geschehen ausgedrückt, das erst in der Zukunft abgeschlossen sein wird. Diese Verwendung des Perfekts kann Perfekt des Zukünftigen genannt werden. Es kommt relativ selten vor:

Sie haben es gleich geschafft.
Halt durch, du hast die Aufgabe bald erledigt!
Spätestens nächsten Sommer haben wir den Umbau vollendet.

Das Perfekt kann diese Funktion nur dann haben, wenn im Satz eine Zeitangabe steht, die ausdrücklich angibt, dass es um etwas Zukünftiges geht (hier: gleich, bald, spätestens nächsten Sommer).

Ganz ähnlich ist die viel häufiger vorkommende Verwendung des Präsens für etwas Zukünftiges. Wenn der Kontext oder eine explizite Zeitangabe schon angibt, dass eine Aussage über ein zukünftiges Geschehen gemacht wird, reicht es, das Präsens zu verwenden. Der Aspekt des Zukünftigen muss nicht auch noch durch das werden des Futurs ausgedrückt werden (vgl. Präsens des Zukünftigen):

Ich fahre morgen nach Basel.
Wir reden noch einmal darüber, wenn wir mehr Zeit haben.
Nächstes Jahr feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

Beim Perfekt des Zukünftigen hat das Perfekt die Funktion, den Aspekt des Abgeschlossenseins anzugeben. Wenn der Aspekt des Zukünftigen durch ein anderes Element als das Verb angegeben wird, muss er nicht noch einmal durch das werden des Futurs II ausgedrückt werden:

Sie werden es dann geschafft haben.
Sie haben es bald geschafft.

Man kann also das Hilfsverb werden der Zeiten des Futurs einsparen, wenn das Zukünftige durch ein anderes Element ausgedrückt wird. (NB: kann, nicht muss).

Dass Verbzeiten nicht das ausdrücken, was man ihrem Namen nach von ihnen erwartet, kommt auch sonst häufiger vor. So können wir eine Erzählung, die in der Vergangenheit spielt, durch das sogenannte historische Präsens lebendiger gestalten. Ein Geschehen in der Vergangenheit wird in der Zeit der Gegenwart ausgedrückt (historisches Präsens):

Und plötzlich steht Hannibal mit seinem Heer vor den Toren Roms.
Die Künstlerin verbringt die Zeit bis zu ihrem Tod im Jahr 1923 in Nizza.

Ein anderes bekanntes Beispiel ist das Futur, wenn es keine Zukunft, sondern eine Vermutung über etwas Gegenwärtiges oder etwas Vergangenes ausdrückt:

Ich weiß nicht wo er ist. Er wird zu Hause sein.
Sie liegt noch im Bett. Sie wird gestern Abend wieder zu viel getrunken haben.

Die Namen der Verbzeiten geben wieder, was ihre Hauptfunktion ist. Wir verwenden die Zeiten aber häufig auch ganz anders!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nicht zu haben eingeladen werden können?

Es gibt Fragen, die fast nur von Deutschlernenden gestellt werden, die Tabellen mögen und gerne systematisch vorgehen. Weniger systematisch vorgehenden Lernenden fällt das Problem nicht auf und die meisten Muttersprachigen wissen gar nicht, dass es diese Frage überhaupt geben könnte (außer wenn sie gerne mit möglichst vielen Verbformen jonglieren). Ich hatte sie mir jedenfalls bis jetzt noch nie gestellt.

Frage

Nehmen wir diesen Satz:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen wird.

Er kann auch so geschrieben werden:

Peter bedauert es, nicht eingeladen zu werden.

Wie ist es bei diesem Satz:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden konnte.

Kann ich hier auch „zu“ statt „dass“ verwenden?

Antwort

Guten Tag A.,

nach bedauern kann tatsächlich sowohl ein dass-Satz als auch eine Infinitivkonstruktion mit zu stehen. Die Infinitivkonstruktion kann dann stehen, wenn das Subjekt im dass-Satz mit dem Subjekt des Hauptsatzes identisch ist. Das geht aber – wie ich dank Ihrer Frage feststellen konnte – nicht ganz immer:

Peter bedauert es, dass er (= Peter) nicht eingeladen wird.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen zu werden.

Wenn der Nebensatz vorzeitig ist (Präteritum o. Perfekt):

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen wurde.
Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen worden ist.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen worden zu sein.

Auch mit einem Modalverb funktioniert das gut (Peter kann nicht eingeladen werden, weil er kein Clubmitglied ist):

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden kann.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen werden zu können.

Wenn wir aber die Vorzeitigkeit mit einem Modalverb kombinieren, wird es schwierig:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden konnte.
Peter bedauert es, dass er nicht hat eingeladen werden können.

Die entsprechende Infinitivkonstruktion müsste wohl so aussehen:

→ (?) Peter bedauert es, nicht zu haben eingeladen werden können.
→ (??) Peter bedauert es, nicht eingeladen werden können zu haben.

Niemand verwendet aber Infinitivkonstruktionen wie diese. Sie sind rein theoretisch vielleicht möglich, werden aber nicht so realisiert. Während bei finiten (konjugierten) Verbgruppen Anhäufungen von Verbformen wie hat eingeladen werden können mit etwas Konzentration gerade noch zu meistern sind, wird uns dies bei Infinitivkonstruktionen offenbar doch etwas zu kompliziert. Nicht alles, was bei einer systematischen Betrachtungsweise theoretisch möglich sein müsste, ist es auch in der Praxis.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was tut das Verb, wenn Neuschnee gemessen wird?

Neuschnee?! Milde Temperaturen ließen hier in den letzten Tagen auf den Frühlingsanfang hoffen, auch wenn die Narzissen sich noch gewaltig zieren und die Amseln ihre Stimme noch für das echte Frühlingskonzert schonen. Das tun sie nicht zu Unrecht: Heute Morgen war wieder alles weiß: fünf Zentimeter Neuschnee. Die folgende Frage passt dazu (auch wenn es hier zum Glück keine 20 cm sind):

Frage

Wie heißt es richtig: Es fiel / fielen 20 cm Neuschnee.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

beide Formulierungen kommen vor:

Es fielen 20 cm Neuschnee.
Es fiel 20 cm Neuschnee.

Das es spielt dabei keine Rolle. Es ist nur ein Platzhalter, damit die Stelle vor dem Verb nicht leer bleibt. Es hat keinen Einfluss auf die Form des Verbs. Ohne es:

Heute fielen 20 cm Neuschnee.
Heute fiel 20 cm Neuschnee.

Das Subjekt ist hier eine Mengenangabe im Plural (20 cm) mit etwas Gemessenem im Singular (Neuschnee). Bei solchen Angaben hat das Verb zwei Möglichkeiten.

Es kann sich nach der Mengenangabe richten und im Plural stehen:

Es fielen 20 cm Neuschnee.
500 g Fleisch sind genug.
2 ml Impfstoff wurden gespritzt.

Dies ist die häufiger vorkommende Variante, die auch vor den strengsten Grammatikern Gnade findet.

Das Verb kann sich aber auch sinngemäß nach dem Gemessenen richten und im Singular stehen:

Es fiel 20 cm Neuschnee.
500 g Fleisch ist genug.
2 ml Impfstoff wurde gespritzt.

Die folgenden Beispiele sollen zeigen, dass auch der Singular nicht gänzlich abwegig ist:

Es fiel wenig / viel / 20 cm Neuschnee.
So viel / weniger / 500 g Fleisch ist genug.
Wie viel / aller / 2 ml Impfstoff wurde gespritzt.

Die Einzahl kommt nach den Angaben der Grammatiken aber weniger häufig vor und gilt bei den strengeren unter ihnen als nicht standardsprachlich oder sogar falsch. So weit würde ich nicht gehen, aber wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, schreiben Sie also:

Es fielen 20 cm Neuschnee.

In dieser Zeit des Jahres wäre ich allerdings froh, wenn gar kein Neuschnee mehr fiele. Bei „Es fiel kein Neuschnee“ gibt es auch keine Unsicherheiten beim Numerus des Verbs!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Vgl. die Angaben in der Canoonet-Grammatik.