Ist oder sind Social Media?

Frage

„Social Media“ ist laut Wörterbuch ein Pluralwort, dennoch wird das Verb oft im Singular verwendet. Plural klingt in meinen Ohren auch schrecklich. Beispiel:

Social Media sind kein Hype, sondern Realität.

Was denken Sie darüber? Ist es zulässig den Singular zu verwenden?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

auch ich würde Ihnen empfehlen, Social Media als Pluralwort zu verwenden:

Social Media sind kein Hype, sondern Realität.

Gründe dafür sind:

– Die deutsche Entsprechung ist ebenfalls ein Plural: soziale Medien.
– Im Englischen ist media eigentlich eine Pluralform von medium.

Woher kommt dann die relativ häufige Verwendung des Verbs in der Einzahl (Social Media ist …)? Der Singular kommt wahrscheinlich auch aus dem Englischen, denn dort kann der Begriff social media sowohl in der Einzahl als auch in der Mehrzahl verwendet werden. Er steht, grob gesagt, mit dem Singular (social media is), wenn er allgemein als Sammelbegriff verstanden wird. Er steht mit dem Plural (social media are), wenn eine Mehrzahl einzelner Medien gemeint ist (Facebook, Twitter, Youtube, LinkedIn, Blogs, Wikis usw.).

Das Gleiche ist im Englischen auch bei media (Medien) möglich:

The media is responsable for her death.
The media are responsable for her death.

Im Deutschen hingegen steht immer der Plural:

Die Medien sind für ihren Tod verantwortlich

ganz gleich ob die Medien als eine Gesamtheit gemeint sind oder als eine Mehrzahl einzelner Medien gesehen werden.

Auch andere Sammelbegriffe können im Englischen als Singular und als Plural behandelt werden. Zum Beispiel:

The data are correct.
The data is correct.

Her family is rich.
Her family are rich.

Im Deutschen haben wir hier viel weniger Freiheit. Wir müssen uns bei der Wahl der Verbform auch bei Sammelbegriffen nach der morphologischen Form des Substantivs richten:

Die Daten sind korrekt.
Ihre Familie ist reich.

Deshalb würde ich empfehlen, den englischen Lehnbegriff Social Media der in dieser Hinsicht viel weniger flexiblen deutschen Grammatik anzupassen und immer nur als Plural zu verwenden. Wie wäre es übrigens mit soziale Medien?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Entbiehrt, entbahr, entbohren

Frage

Auf Wiktionary finde ich beim Verb „entbehren“ auch die Präteritumformen „entbahr, entbahrst usw.“, die Partizip II-Form „entbohren“ sowie die Konjunktiv II-Formen „entbähre, entbährest usw.“. Ähnliche Ausführungen finde ich auf http//verben.texttheater.net/Rote_Liste. Sind das obsolete oder nur (noch) regional gebrauchte Formen?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Verb entbehren wird im heutigen Standarddeutsch schwach gebeugt.

entbehren; entbehrst, entbehrt; entbehrte, hat entbehrt

Das entnehme ich u. a. den Wörterbüchern Canoonet, Duden, Pons und Wahrig. Bei Grimm steht u. a., dass die schwachen Formen im 17. Jahrhundert aufkamen. Ob es Regionalsprachen oder Dialekte gibt, in denen die sonst nicht mehr üblichen starken Formen entbiehrst, entbahr, entbähre, entbohren noch verwendet werden, weiß ich leider nicht.

Ihre Frage rief bei mir die Frage auf, woher entbehren überhaupt kommt. Das Verb entbehren geht auf die althochdeutsche Form inberan zurück. Sie bedeutete nicht (bei sich) tragen. Den Verbstamm ber von beran = tragen finden wir heute übrigens noch in verschiedener Form in anderen Wörtern: Bahre, Bürde, Eimer (über Eimbar = einhenkliges Gefäß), Gebärde und gebären. Beim Verb gebären sind die starken Formen bis heute erhalten geblieben: gebierst, gebar, gebäre, geboren. Bei entbehren hingegen haben die schwachen Formen, wie gesagt, die starken Formen verdrängt.

Ich weiß nicht, weshalb Wiktionary die starken Formen noch aufführt. Sie werden auch in der gehobenen Schriftsprache nicht mehr verwendet. In der „Roten Liste“, die Sie ebenfalls zitieren, werden die Formen zwar aufgeführt, sie sind aber mit einem Sternchen gekennzeichnet. Dieses Sternchen hat folgende Bedeutung:

Auch starke Formen, die es früher, in Dialekten oder anderweitig abseits der Hauptströmungen des Deutschen gab oder gibt, können hier – mit einem * gekennzeichnet – aufgenommen werden.

In dieser eher mit einem Augenzwinkern zu lesenden Liste stehen zum Beispiel auch die folgenden Präteritumsformen von beginnen:

begann, begonde*, begunde*, begonnte*, begunnte*, begünte*, begunste*

Als Referenz für das heutige Deutsch entbehrt diese Liste also einer gewissen Aussagekraft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alles und jeder und die Einzahl

Heute geht es wieder einmal um eine „feste“ Grammatikregel, die gar nicht so fest ist:

Frage

Heute habe ich eine Frage zur Kongruenz. Es heißt ja: „Hans und Otto solltEN heutzutage flexibel sein.“ Wenn ich aber statt „Hans und Otto“ „alles und jeder“ einsetze, ist es – zumindest nach meinem Sprachgefühl – anders: „Alles und jeder solltE heutzutage flexibel sein.“ Können Sie Licht ins grammatikalische Dunkel bringen?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

das Verb steht hier tatsächlich im Singular*:

Alles und jeder sollte heutzutage flexibel sein.

Die Grundregel lautet: Bei einem mehrteiligen Subjekt, dessen Teile mit und verbunden sind, steht das Verb im Plural:

Hans und Otto sollten heutzutage flexibel sein.
Mutter und Kind sind wohlauf.
Nach der Werbung folgen der TV-Krimi und ein Diskussionsprogramm.
Ein unbezwingbarer Drang zum Schreiben und eine überaus reiche Vorstellungskraft ließen diesen Roman entstehen.

Es gibt aber verschiedene Ausnahmen. In diesem Fall kann man sogar zwei Arten von Ausnahmen anführen:

1) Wenn die Subjektteile als eine Einheit aufgefasst werden, kann des Verb im Singular stehen (vgl. hier):

Münchens Grund und Boden wird immer teurer.
Groß und Klein freute sich auf das Fest.

2) Bei Subjektteilen im Singular, die von kein, nicht ein, mancher oder jeder begleitet werden, steht das Verb im Singular (vgl. hier):

Kein Versprechen und keine Drohung wird mich davon abhalten.
Schon manche Mitarbeiterin, mancher Mitarbeiter und manche Führungskraft hat sich diese Frage gestellt.
Jede Pflanze und jedes Tier ist schützenswert.
ebenso:
Jeder und jede sollte sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Man kann alles und jeder beiden Ausnahmegruppen zuordnen. Entsprechend steht das Verb in der Einzahl. Mehr zur Grundregel, die die meisten von uns einmal gelernt haben, und weitere Ausnahmen, die viel weniger bekannt sind, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Hier muss wirklich die Einzahl stehen, auch wenn die integrierte Grammatik- und Rechtschreibkontrolle meines Textverarbeitungsprogramms fälschlich erst dann zufrieden ist, wenn ich sollte durch sollten ersetze. Fazit: Man traue der automatischen Kontrolle nur bedingt!

Siehe und sieh!

Frage

In unserem Arbeitsalltag als technische Übersetzer stolpern wir oft über Querverweise auf Abbildungen, Tabellen usw. mit dem kleinen Wörtchen „siehe“. Wird dieses groß- oder kleingeschrieben oder gibt es keine wirkliche Konvention. Zum Beispiel: „Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe/Siehe Abbildung 3 auf Seite 7).“ Und wie verhält es sich mit den Punkten?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

eine allgemeingültige Regelung gibt es meines Wissens nicht, aber die folgenden Schreibweisen kommen häufig vor und sind recht praktisch:

Der Verweis wird oft in Klammern gesetzt. Man schreibt siehe dann klein und verwendet direkt nach dem Verweis keinen Punkt:

Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe Abbildung 3, Seite 7). Sie wird mit Schalter C bedient.
Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe Abbildung 3, Seite 7) und wird mit Schalter C bedient.
Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe Abbildung 3, Seite 7), wo auch der Schalter C zu finden ist.

Man kann dem Verweis auch etwas mehr Gewicht geben, indem man ihn nicht in Klammern setzt, sondern nach einem Punkt separat aufführt. Auch dann verwendet man üblicherweise kein Ausrufezeichen, obwohl es sich bei siehe um eine Art Befehlsform des Verbs sehen handelt.

Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels. Siehe Abbildung 3 auf Seite 7.

Weiter gibt es noch die folgende Art des Verweises. Man beachte, dass hier zwischen dem eigentlichen Verweis und demjenigen, wozu der Verweis angegeben wird, kein Komma steht (nein, auch nicht vor siehe im ersten Beispiel!):

Für die Montage der Warnleuchte siehe Anleitung B auf Seite 7.
Siehe Anleitung B auf Seite 7 für die Montage der Warnleuchte.

Dies sind nicht die einzig möglichen Schreibweisen, aber mit diesen einfachen „Regeln“ bin ich bis jetzt immer gut gefahren.

Wenn wir schon dabei sind, hier noch ein paar Worte zur Form: siehe mit e steht nur in Verweisen und Ausrufen:

Siehe Seite 7.
Siehe da, es funktioniert!
Und siehe, ein Engel des Herrn erschien.

Die „gewöhnliche“ Befehlsform von sehen ist sieh ohne e:

Sieh mich bitte an!
Sieh dir den Text noch einmal an!
Sieh her und sei ruhig!

Noch eine allerletzte Bemerkung und dann werde ich wirklich ruhig sein: Auch wenn die Befehlsform sieh! kein e am Schluss hat, kommt sie ganz ohne Apostroph aus!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Drittel der Schüler ist/sind

Frage

Ich vergesse stets die Regel und finde auch leider keinen Beleg. Heißt es „wird“ oder „werden“?

Ein Drittel aller Schüler werden direkt von der Grundschule übernommen.

Antwort

Guten Tag J.,

auf Ihre Frage gibt es zwei Antworten: eine für Liebhaber und Liebhaberinnen eindeutiger, strenger Grammatikregeln und eine für diejenigen, die es etwas lockerer nehmen.

Wenn eine Mengenangabe mit einer Bruchzahl Subjekt ist, richtet sich das Verb in der Regel nach der Bruchzahl, nicht nach dem Gemessenen:

Singular:
Ein Viertel der Waldfläche ist abgebrannt.
Ein Drittel aller Schüler wird direkt von der Grundschule übernommen.

Plural:
Drei Viertel der Waldfläche sind abgebrannt.
Zwei Drittel aller Schüler werden direkt von der Grundschule übernommen.

Neben dieser „syntaktischen Logik“ gibt es aber auch die „semantische Logik“: Seltener richtet sich das Verb nämlich sinngemäß nach dem Gemessenen:

Drei Viertel der Waldfläche ist abgebrannt.
Ein Drittel aller Schüler werden direkt von der Grundschule übernommen.

Diese nach dem Sinn konstruierten Formulierungen werden allerdings nicht von allen als standardsprachlich korrekt akzeptiert. Deshalb gilt wieder einmal: Wenn Sie es vorziehen, garantiert von keinem freundlichen Mitmenschen auf einen „Fehler“ hingewiesen zu werden, wählen Sie hier für das Verb die Übereinstimmung mit der Bruchzahl (also: Ein Drittel aller Schüler wird …). Siehe auch: Mengenangabe als Subjekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Riefend gibt es!

„Riefend gibt es nicht!“, lautet der Kommentar von Lollo, der oder die vielleicht den ebenso fiktiven Familiennamen Rosso trägt und des Weiteren leider eine falschen E-Mail-Adresse angegeben hat. Diese Behauptung möchte ich nicht gänzlich unwidersprochen lassen, zumal das Wort riefend tatsächlich im Canoonet-Wörterbuch zu finden ist.

Man findet riefend natürlich nicht bei den Wortformen des Verbs rufen. Es gibt im Deutschen schließlich nur das Partizip Präsens rufend und das Partizip Perfekt gerufen. Wenn es zu rufen gehören würde, müsste riefend aber eine Art Partizip Präteritum sein:

Er rennt aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Er rannte aus vollem Halse *riefend auf uns zu.

Die Narren ziehen singend und tanzend durch die Straßen.
Die Narren zogen *sangend und *tanztend durch die Straßen.

Partizipformen dieser Art (*) gibt es nicht. Trotz seines Namens Partizip Präsens kann dieses Partizip nämlich nicht nur im Präsens verwendet werden. Es drückt keine Zeit aus. Es drückt aus, dass die Verbhandlung verlaufend ist, und wird manchmal wie oben adverbial oder meistens als Adjektiv verwendet (z. B. rufende Eulen, singende Lerchen, tanzende Schwäne). Es kann sowohl in Kombination mit der Gegenwart als auch zusammen mit der Vergangenheit stehen:

Er rennt/rannte aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Die Narren ziehen/zogen singend und tanzend durch die Straßen.

Heute wird deshalb häufig der weniger irreführende Name Partizip I verwendet.

Die Wortform riefend kann also nicht zu rufen gehören, genauso wenig wie sangend eine Form von singen oder tanztend eine Form von tanzen ist. Weshalb steht riefend trotzdem im Wörterbuch? – Es gehört ganz regelmäßig zum Verb riefen, das wie seine Variante riefeln die Bedeutung mit Riefen (= Rillen) versehen hat.

Das Wort riefend ist alles andere als ein Anwärter auf eine Spitzenposition in der Liste der am häufigsten verwendeten Wortformen. Manchmal ist es sogar nur ein triefend oder reifend mit Flüchtigkeitsfehler. Man darf ihm aber trotzdem nicht einfach mit der Behauptung „Riefend gibt es nicht!“ die Daseinsberechtigung absprechen. Auch wenn dies wahrscheinlich außer Scrabble-Spielern, die die entsprechenden Buchstaben legen können, kaum jemanden interessiert: Riefend gibt es!

Ist oder sind die Groß- und Kleinschreibung problematisch?

Frage

Wir sind uns sehr uneins. Heißt es:

Die Groß- und Kleinschreibung bereitet ihm große Probleme.

oder:

Die Groß- und Kleinschreibung bereiten ihm große Probleme.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

hoffenlich waren Sie nicht allzu sehr uneins, denn beides ist möglich:

Die Groß- und Kleinschreibung bereitet ihm große Probleme.

Hier wird die Wortgruppe die Groß- und Kleinschreibung als eine Einheit aufgefasst. Die beiden Subjektteile sind durch den gemeinsamen Artikel die und den gemeinsamen Wortteil …schreibung eng miteinander verbunden. Entsprechend steht das Verb in der Einzahl: bereitet.

Die Groß- und Kleinschreibung bereiten ihm große Probleme.

Hier wird die Wortgruppe Groß- und Kleinschreibung als zwei separate Subjektteile behandelt (Großschreibung und Kleinschreibung). Entsprechend steht das Verb in der Mehrzahl: bereiten.

Wieder einmal führen unterschiedliche Sehensweisen zu unterschiedlichen Resultaten. Die Groß- und Kleinschreibung ist als ein Rechtschreibphänomen problematisch oder die Groß- und Kleinschreibung sind als zwei verschiedene Schreibweisen problematisch. Beide Auffassungen und Formulierungen gelten als korrekt. Mehr dazu lesen Sie, wenn Sie möchten, auf dieser Seite in LEOs Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Seit ich fünf bin

Frage

Wie muss es richtig heißen: „Ich kann lesen, seit ich 5 Jahre alt bin“ oder „seit ich 5 Jahre als war“? Oder sage ich besser: „Ich kann lesen, seit ich 5 Jahre geworden bin/geworden war“? Jetzt bin ich schon beträchtlich älter als 5.

Antwort

Guten Tag M.,

es heißt üblicherweise:

Ich kann lesen, seit ich fünf Jahre alt bin.

Das ist die am häufigsten vorkommende, gebräuchliche Ausdrucksweise, auch wenn sie bei genauerem Hinschauen und allzu „logischem“ Interpretieren aus dem Munde von Fünfundwanzig- oder Fünfundfünfzigjährigen etwas seltsam klingen mag. Man ist ja spätestens, wenn man sechs Jahre alt geworden ist, nicht mehr fünf.

Eine andere, aber selten verwendet Formulierung ist:

Ich kann lesen, seit ich fünf Jahre alt geworden bin.

Auch hier könnte bei genauerem Betrachten stören, dass die meisten, die dies sagen, schon lange nicht mehr fünf Jahre alt sind.

Dennoch sollte man die Formulierungen

Ich kann lesen, seit ich fünf Jahre alt war.
Ich kann lesen, seit ich fünf Jahre alt geworden war.

nicht verwenden. Man kann nämlich im Deutschen das Präteritum (war) besser nicht mit dem Präsens (kann) kombinieren. Vgl.

nicht: Es kommen viele neue Kunden, seit wir den Laden umbauten.
sondern: Es kommen viele neue Kunden, seit wir den Laden umgebaut haben.
oder: Es kommen viele neue Kunden, seit der Laden umgebaut ist.

Möglich wäre seit ich fünf Jahre alt war in einer Formulierung wie dieser:

Ich konnte lesen, seit ich fünf Jahre alt war, als …

Die gebräuchlichste und in der Regel problemlos verstandene Formulierung ist hier also seit ich x Jahre alt bin:

Seit ich vierzig Jahre alt bin, brauche ich eine Lesebrille.
„Seit ich dreißig bin“, sagt die heute Neunundvierzigjährige, „hat mich das Publikum am Leben erhalten“.
Ich arbeite im Filmbereich, seit ich zwanzig bin.
Ich kann lesen, seit ich fünf Jahre alt bin.

Wenn Ihnen seit ich fünf Jahre alt bin trotz allem nicht gefallen will, können Sie auf die folgende Formulierung ausweichen:

Ich kann seit meinem sechsten Lebensjahr lesen.

Ob es hier das fünfte oder das sechste Lebensjahr heißen muss, ist dann wieder eine ganz andere Frage …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Rechtsklicken Sie?

Frage

Bei uns kam die Diskussion auf, ob es das Wort „rechtsklicken“ überhaupt gibt. Zum Beispiel:

Rechtsklicken Sie auf das Objekt, um das Kontextmenü zu öffnen.

Ich finde, dass das furchtbar klingt, bin mir aber nicht sicher, ob man es dennoch verwenden kann/darf.

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

wenig subtil ausgedrückt könnte man sagen: Wenn Sie ein Wort verwenden, gibt es das Wort. Die Frage ist nur, ob es verständlich und üblich ist.

Ist rechtsklicken verständlich? – Die meisten, die regelmäßiger mit einer Computermaus arbeiten, sollten eigentlich verstehen, was mit rechtsklicken gemeint ist.

Ist rechtsklicken üblich? – Das Wort kommt relativ häufig vor. Selbst ein eingefleischter Apple-Nutzer wie ich hat es schon hin und wieder gelesen. (Ich besitze keine Macintosh-Aktien und bin auch sonst in keiner Weise mit Apple verwandt oder verschwägert. Ich erwähne dies nur, weil Apple-Mäuse in der Regel keine rechte Maustaste haben.)

Ihr Zweifel ist aber dennoch verständlich. Das Verb rechtsklicken gehört zu einer Gruppe von zusammengesetzten Verben, die häufig nur im Infinitiv (und Partizip) verwendet werden. Andere Beispiele sind:

bauchtanzen, fehlernähren, kaltschweißen, paarlaufen, seilhüpfen, tieftauchen

Bei den konjugierten Formen entsteht im Hauptsatz nämlich eine Problem: Ist das Verb trennbar, wie seine Betonung es eigentlich vermuten ließe, oder ist es untrennbar? Heißt es also ich rechtsklicke oder ich klicke rechts? Diese Frage stellt sich bei rechtsklicken auch für die Befehlsform, die man in Anleitungen u. Ä. häufiger antrifft:

a) Rechtsklicken Sie auf das Objekt!
b) Klicken Sie rechts auf das Objekt!
c) Klicken Sie auf das Objekt rechts!

Die meisten werden wohl einverstanden sein, dass für das Verb rechtsklicken nur die untrennbare Variante a) in Frage kommt.

Weshalb „klemmt“ die Formulierung aber trotzdem irgendwie? Das hat mit der Betonung zu tun. Das Verb rechtsklicken wird auf dem ersten Teil betont: rechtsklicken. Verben, die auf dem ersten Teil betont werden, sind normalerweise trennbar. Zum Beispiel:

einladen: Laden Sie die Waren ein!
entladen: Entladen Sie den Wagen!

umfahren: Fahren sie den Kegel um!
umfahren: Umfahren Sie den Kegel!

anklicken: Klicken Sie das Objekt an!
verklicken: Verklicken Sie sich nicht!
rechtsklicken: Rechtsklicken Sie auf das Objekt!

Deshalb klingt die ungetrennte Befehlsform Rechtsklicken Sie! ungewohnt. Solche ungetrennten Formen kommen allerdings auch bei einigen anderen Verben vor, die auf dem ersten Wortteil betont werden. Zum Beispiel:

Downloaden Sie hier unseren Katalog!
Staubsaugen Sie die Teppiche regelmäßig!

Der langen Rede kurzer Sinn: Gegen den Infinitiv rechtsklicken als fachsprachlichen Begriff gibt es wenig einzuwenden. Es ist auch nicht „verboten“, ungetrennte Formen wie Rechtsklicken Sie! oder Rechtsklicke! zu verwenden. Sie klingen für viele eher ungewohnt, aber sie sind nicht grundsätzlich falsch. Stilistisch gesehen würde ich aber trotzdem in den meisten Fällen eine etwas wortreichere Formulierung verwenden:

Klicken Sie mit der rechten Maustaste auf das Objekt!

Dasselbe gilt übrigens auch für doppelklicken

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Befehle Er/Sie heute nicht mehr so!

Frage

Es geht um die etwas altertümliche Anrede „er“. Benutzt man hierbei bei einem Befehl den Imperativ oder den Konjunktiv? Heißt es also beispielsweise „Gib Er mir das Buch!“ oder „Gebe Er mir das Buch!“? Ich bin auf Beispiele gestoßen, die beide Möglichkeiten nahelegen, aber eine eindeutige Aussage habe ich nicht gefunden.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

diese Form der Anrede und Aufforderung ist nicht nur etwas altertümlich, sondern hoffnungslos veraltet. Ob Sie jemanden nun mit „Nehme Er Platz!“ oder „Nimm Er Platz!“ auffordern sich zu setzen, die zu erwartenden Reaktionen sind verwundertes Kopfschütteln, beleidigtes Schnauben,  nicht verstehendes „Wie bitte?“ oder einfach amüsiertes Lächeln. Die Anrede „Er“ für einen Mann oder „Sie“ für eine Frau wurde gegenüber Untergebenen und Standesniedrigeren verwendet.

Johann, melde Er der Gräfin meine Ankunft!
Frau Wirtin, hat Sie guten Wein im Hause?

Das ist ein weiterer Grund, weshalb man diese Anrede heute nur noch scherzhaft oder in Kostümfilmen und historischen Romanen verwenden sollte.

Eine Aufforderung in der dritten Person steht im Prinzip im Konjunktiv I. Dies ist uns aber nicht bewusst, weil die Formen des Indikativs und des Konjunktivs in der dritten Person Plural (Sie)  identisch sind:

Geben Sie mir ein Glas Wasser!
Nehmen Sie Platz!

Der Konjunktiv ist nur noch beim Verb sein ersichtlich:

Seien Sie still!

In den veralteten Befehlsformen der dritten Person Einzahl (Er, Sie) steht ebenfalls der Konjunktiv I. Er ist meistens identisch mit dem Imperativ der zweiten Person Einzahl:

Hole Sie ein Glas Wasser!
Sei er still!
Führe Sie die Kinder hinaus!

Dabei konnte wie im Imperativ die Endung e wegfallen:

Schweig[e] Er!

Nur bei den Verben, die im Imperativ Singular einen Ablaut haben, ist der Unterschied ersichtlich:

Gebe Er mir ein Glas Wasser! (nicht Gib Er …!)
Helfe Er mir auf das Pferd! (nicht Hilf Er …!)
Nehme Sie sich der Kinder an! (nicht Nimm Sie …!)
Trete Sie näher! (nicht Tritt Sie …!)

Man verwendet hier also nicht die Imperativformen der zweiten (!) Person Singular, sondern die Konjunktiv-I-Formen der dritten Person Singular. Bei so viel Formengleichheit ist es allerdnigs nicht erstaunlich, dass sich nicht immer alle an diese Regel halten und gehalten haben.

Dr. Bopp