Hände und Füße, beide oder beides?

Frage

Ist in folgendem Satz „wird beides“ oder „werden beide“ richtig?

Die Hände und die Füße können trotzdem kalt sein. Durch Reiben und Bewegung wird beides / werden beide schnell wieder durchblutet und warm.

Antwort

Guten Tag H.,

ich halte hier nur wird beides für richtig (allerdings nicht für ein stilistisches Meisterwerk):

Hände und Füße können trotzdem kalt sein. Durch Reiben und Bewegung wird beides schnell wieder durchblutet und warm.

Bei der Erklärung, warum, bin ich allerdings ein wenig ins Schwimmen gekommen. Hier trotzdem ein Versuch:

Die Pluralform beide bezieht sich auf zwei Lebewesen oder Dinge. Wenn sie alleine steht, verweist sie – etwas gar mathematisch ausgedrückt – auf zwei X oder auf ein X und ein Y. Beim Lesen der Mehrzahlform erwarte ich also einen Verweis auf zwei Einheiten. Da Einheiten im Singular zu stehen pflegen, erwarte ich somit einen Verweis auf ein Substantiv im Plural (2 X) oder auf zwei Substantive, die im Singular stehen (1 X und 1 Y).

Die Väter sind beide gekommen.
Wir haben nur zwei Stühle und beide sind kaputt.

Der Vater und die Mutter, sie sind beide gekommen.
Wir haben nur einen Tisch und einen Stuhl und beide sind kaputt.

Bei Hände und Füße haben wir es aber mit zwei im Plural stehenden Substantiven zu tun. Dadurch „klemmt“ der Bezug: Welche beiden sind gemeint: zwei Hände, zwei Füße oder etwa eine Hand und ein Fuß? Dieses beide kann sich nicht auf Hände und Füße beziehen. Nicht möglich sind also Verweise wie diese:

*Die Väter und die Mütter waren beide anwesend.
*Wir haben Tische und Stühle und beide sind kaputt.
Hände und Füße sind kalt. *Durch Reiben und Bewegung werden beide wieder warm.

Diese Einschränkung ist übrigens rein Formal. Die Bezugswörter X und Y müssen nicht unbedingt eine individuelle Einheit darstellen. Es können auch Wörter wie Gruppe, Reihe, Paar usw. sein, die mehrere einzelne Elemente umfassen. Wichtig ist nur, dass sie im Singular stehen:

Gruppe A und Gruppe B stellen sich beide auf der rechten Seite auf.
Ich sah nur ein Paar Hände und ein Paar Füße, komischerweise beide auf gleicher Höhe.

Kommen wir nun zur Singularform beides. Mit ihr kann man zwei Größen, Umstände oder Sachverhalte zu einer Einheit zusammenfassen. Als Einschränkung gilt, dass sich beides nicht auf Lebewesen beziehen kann. Dafür ist es sonst freier in der Anwendung: Man kann es auch für im Plural stehende Substantive verwenden:

Der Tisch und der Stuhl, beides ist kaputt (o. beide sind kaputt).
Der Tisch und die Stühle, beides ist kaputt.

Isst du beides, den Apfel und den Keks?
Isst du beides, die Äpfel und die Kekse?

Hände und Füße sind kalt. Durch Reiben und Bewegung wird beides wieder warm.

Beide und beides; Plural und Singular; Personen, Dinge, Größen und Sachverhalte – so kompliziert kann es sein. Auch wenn man fast beides, Hände und Füße, braucht, um die Unterschiede zu erklären, sind beide und beides beim spontanen Sprechen und Schreiben in der Regel kein Problem.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fragende Aufforderungen und vorwurfsvolle Fragen

Frage

Folgende Frage konnte ich mit meinem Lehrbuch nicht beantworten. Daher schreibe ich Ihnen. Wieso kann ein Fragesatz auch ein Vorwurf sein?

Antwort

Sehr geehrte Frau Y.,

ich vermute, dass es bei Ihrer Frage darum geht, dass man einen Satz, der wie eine Frage formuliert ist, nicht als Frage meint. Das hat damit zu tun, dass die Form eines Satzes nicht immer mit mit der Absicht übereinstimmt, mit der er geäußert wird.

Es gibt im Deutschen u. a. Aussagesätze, Fragesätze und Aufforderungssätze. Wie ihr Name sagt, werden sie in der Regel für Aussagen, für Fragen beziehungsweise für Aufforderungen verwendet:

Du schreibst alles auf.
Schreibst du alles auf?
Schreib alles auf!

So weit ist alles recht einfach. Nun ist es aber so, dass wir uns nicht immer an dieses strikte Schema halten. Wir verwenden Aussagesätze und Fragesätze für Aufforderungen, Aussagesätze für Fragen und Fragesätze für Aussagen. Nur die Aufforderungssätze bleiben in der Regel ihrer eigentlichen Aufgabe treu. Ein paar Beispiele:

Aussagesatz:

Aussage: Du gehst weg.
Frage: Du gehst schon weg?
Aufforderung: Du gehst sofort weg!

Fragesatz:

Frage: Gehst du weg?
Aufforderung: Gehst du jetzt weg!
Aufforderung: Würden Sie bitte weggehen? (der Höflichkeit zuliebe sogar mit Fragezeichen!)
Aussage: Wer hört schon auf mich? (rhetorische Frage = Niemand hört auf mich)

Und damit wären wir beim Kern Ihrer Frage: Fragesätze können auch als vorwurfsvolle Aussagesätze gemeint sein. Häufig stehen sie dann im Konjunktiv, der Indikativ kommt aber auch vor:

Hättest du nicht besser aufpassen können!
= Wenn du aufgepasst hättest, wäre das nicht passiert.

Hätten Sie nicht früher kommen können!
= Sie hätten früher kommen müssen.

Bist du bescheuert!
= Du bist bescheuert!

Auch wenn diese Sätze die Form einer Frage haben, muss man sie als Vorwurf verstehen. In der Schrift kann man diese Bedeutung mit einem Ausrufezeichen verdeutlichen.

Das alles klingt recht kompliziert und nicht allzu deutlich – und manchmal ist es das auch. Im Prinzip geben der Kontext und die Betonung (resp. in der Schrift Punkt, Frage- und Ausrufezeichen) an, was gemeint ist. Aber manchmal ist doch nicht ganz klar, ob zum Beispiel eine Aussage als Frage oder eine Frage als Vorwurf gemeint ist. Diese Subtilitäten bei der Formulierung – so schön sie auch sein können – gehören zu den Tücken der zwischenmenschlichen Verständigung. Das hat schon manchen Ärger verursacht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Verschwörer erbostes Geschrei und was daran stark ist

Frage

Ich habe zwei Fälle mit Genitiv, bei denen ich sehr unsicher bin, was nun korrekt wäre. Es geht eher in die freie literarische Richtung:

Es ertönt der Verschwörer erboste Geschrei.

Noch unsicherer bin ich mir hier:

ungeachtet des Monarchen hässlichen/hässlicher Visage

Ich tendiere zur ersten Variante, weil es ja auch heißt: „ungeachtet der hässlichen Visage des Monarchen“. Können Sie mir da vielleicht irgendwie weiterhelfen?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

diese Art der Genitivkonstruktion ist außer bei Eigennamen veraltender oder poetischer Sprachgebrauch. Eine nähere Bestimmung im Genitiv (Genitivattribut) steht in der heutigen Sprache normalerweise nicht vor, sondern nach dem Wort, das sie bestimmt. Wenn Sie dennoch so formulieren möchten, dann wie folgt:

Es ertönt der Verschwörer erbostes Geschrei.
ungeachtet des Monarchen hässlicher Visage

Im ersten Satz ist es die starke Endung des sächlichen Nominativs Singular, im zweiten Beispiel ist er die starke Endung des weiblichen Genitivs Singular. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass es sich um eine starke Endung handelt. Die Adjektive stehen nämlich mit den entsprechenden schwachen Endungen e resp. en, wenn man das Ganze etwas moderner formuliert:

Es ertönt das erboste Geschrei der Verschwörer.
ungeachtet der hässlichen Visage des Monarchen

Worin liegt der Unterschied? Mit Artikel wird das Adjektiv schwach gebeugt:

das erboste Geschrei
(ungeachtet) der hässlichen Visage

Wenn Sie nun ein Genitivattribut voranstellen, ersetzt es den bestimmten Artikel das resp. der. Ohne einen zu ihm gehörenden Artikel wird das Adjektiv stark gebeugt:

der Verschwörer erbostes Geschrei
(ungeachtet) des Monarchen hässlicher Visage

Diese Wortstellung kommt heute vor allem mit Eigennamen vor:

Frau Boltes erbostes Geschrei
(wegen) Gollums hässlicher Visage

Siehe auch hier die Angaben zur starken Flexion unter „ohne Artikel“.

Ob ein Genitivattribut vor oder nach dem Substantiv steht, das es bestimmt, hat also ganz konkret auch einen Einfluss auf die Endung eines Adjektivs, das dasselbe Substantiv bestimmt. Um mit einem bescheidenen Beispiel zu schließen:

der tolle Service des Canoonet-Teams
Canoonets toller Service

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kann man stolz auf einen selbst sein?

Frage

Ist der Satz „Am Ende ist man stolz auf einen selbst“ grammatikalisch richtig oder muss es heißen „Am ist man stolz auf sich selbst“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Das Reflexivpronomen sich wird dann verwendet, wenn es sich in der dritten Person auf das Subjekt des Satzes bezieht. Das gilt auch dann, wenn das unpersönliche man Subjekt ist. In Ihrem Satz ist die Person, auf die man stolz ist, identisch mit dem Subjekt man. Das Pronomen, das nach auf folgt, bezieht sich somit auf das Subjekt. Die richtige Wahl ist hier deshalb sich (evtl. mit verstärkendem selbst), nicht einen selbst:

Am Ende ist man stolz auf sich [selbst].

Vgl.

Am Ende ist er/sie stolz auf sich [selbst].
Am Ende sind sie stolz auf sich [selbst].

Auch in den folgenden Beispielen steht nicht einen oder einem, sondern sich:

Vor dem Essen sollte man sich die Hände waschen.
(nicht: … sollte man einem selbst die Hände waschen)
Man darf sich nicht wundern, dass …
(nicht: Man darf einen selbst nicht wundern, dass …)
Wenn man mit sich und der Welt zufrieden ist …
(nicht: Wenn man mit einem selbst und der Welt zufrieden ist …)

Das unpersönliche Pronomen einen steht dann, wenn es sich nicht auf das Subjekt des Verbs bezieht:

Es darf einen nicht wundern, dass …
Man möchte ja, das jemand auf einen stolz ist.

Solche Formulierungen mit einen und einem werden heute allerdings von vielen vermieden, weil sie eine allgemein gemeinte Aussage mit einem rein männlichen Pronomen ausdrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Achtfache als oder wie – oder was?

Frage

Wie heißt es richtig: das Achtfache als/wie bisher vermutet

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

standardsprachlich steht bei das X-fache weder als noch wie, sondern der Genitiv:

das Achtfache des bisher Vermuteten
das Achtfache dessen, was  bisher vermutet wurde

Einen „klassischen“ Vergleich formuliert man mit x-mal:

achtmal so viel wie bisher vermutet

Eine weitere Formulierung, der man häufiger begegnet, ist diese:

achtmal mehr als bisher vermutet

Doch damit sollten Sie vorsichtig sein, denn die deutsche Sprachgemeinschaft ist sich höchsten in der Theorie, nicht jedoch in der Praxis darüber einig, was genau mit achtmal mehr gemeint ist: das Achtfache oder das Neunfache? Am besten vermeidet man deshalb Formulierungen der Art x-mal mehr als. Es gibt dann auch keine Diskussion darüber, ob die gemäß dem Zauberspiegel tausendmal schönere Königstochter namens Schneewittchen tausendmal so schön oder tausendundeinmal so schön ist wie die böse Märchenkönigin. Mehr dazu lesen Sie im schon etwas älteren Artikel „Schneewittchens tausendundeinfache Schönheit“ (und den dazugehörenden Kommentaren).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Finessen der Wortstellung: es dir empfehlen vs dir das empfehlen

Frau T.s Frage steht stellvertretend für die Schwierigkeiten, denen Lehrerinnen und Lehrer im DaF-Unterricht im Bereich der Wortstellung begegnen (DaF = Deutsch als Fremdsprache). Sie zeigt auch, wie wichtig in diesem Bereich gute, auf das Lernniveau abgestimmte Unterrichtsmittel sind, denn alles auf einmal „richtig“ und verständlich erklären kann niemand. Dafür ist die relativ freie, aber eben nicht ganz freie deutsche Wortstellung viel zu komplex.

Es folgt also keine umfassende Betrachtung eines bestimmten Phänomens, sondern nur zwei Beispiele, die aufzeigen, dass man bei der Bestimmung der deutschen Wortstellung manchmal auf ganz verschiedene Dinge achten muss. Wer es genauer wissen möchte, folgt den Links in die Grammatik.

Frage

Ich habe ein Problem, meinen DaF-Schülern den Satzbau korrekt zu erklären, denn jedes Mal wenn ich nach einem angeblich immer korrekten Schema arbeite, kann ich es gleich mit einem meiner Meinung nach richtigem Beispiel widerlegen.

Korrekt laut Lehrbuch:

Ich kann dir das empfehlen.
Subjekt + Modalverb + Dativ + bekanntes Objekt + Verb

Meiner Meinung nach ebenso korrekt, aber nicht dem Schema entsprechend ist diese Formulierung:

Ich kann es dir empfehlen.
Subjekt + Modalverb + bekanntes Objekt + Dativ + Verb

Auch laut Lehrbuch korrekt:

Ich schenke meinem Vater ein Handy zum Geburtstag.
Subjekt + Verb + Dativ + Objekt + Adverbialbestimmung

Aber dann:

Ich schenke meinem Vater morgen ein Handy.
Subjekt + Verb + Dativ+ Adverbialbestimmung + Objekt

Ich wäre dankbar zu wissen, auf welchen Regeln dies beruht, um meine Schüler nicht zu verunsichern. Deutsch zu lernen, ist schon schwer genug.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

die Wortstellung des Deutschen ist deshalb so schwierig zu vermitteln, weil es nur wenige wirklich feste Regeln gibt. Es gibt vor allem mehr oder weniger starke Tendenzen. Deshalb finden Sie zu beinahe jeder „festen“ Regel meist mühelos Gegenbeispiele. Die Regeln und Tendenzen sind auch viel komplexer, als sie in Lehrmitteln dargestellt werden können.

Eine Übersicht über die wichtigsten Tendenzen finden Sie hier.

Beim ersten Beispiel, das Sie anführen, spielt für die Wortfolge nicht nur die Art der Satzglieder eine Rolle, sonder vor allem die Tatsache, dass es sich um Pronomen handelt. Die Personalpronomen, das Reflexivpronomen sich und das Indefinitpronomen man stehen nämlich in der Regel vor Nomen und anderen Pronomen:

Ich kann dir das Buch empfehlen.
Ich kann dir das empfehlen.

Das Personalpronomen dir steht vor das. (Vgl. hier.)

Wenn wie in Ihrem „Gegenbeispiel“ zwei Personalpronomen vorhanden sind, kommt der Akkusativ vor dem Dativ:

Ich kann es dir empfehlen.

Das Personalpronomen im Akkusativ es steht vor dem Personalpronomen im Dativ dir. (Siehe hier unter „Pronomen: Akkusativobjekt vor Dativobjekt“.)

Bei Ihrem zweiten Beispiel spielt die Art der Adverbialbestimmung eine Rolle:

Ich schenke meinem Vater ein Handy zum Geburtstag.
oder
Ich schenke meinem Vater zum Geburtstag ein Handy.
aber nur
Ich schenke meinem Vater morgen ein Handy.

Die Schwierigkeit ist hier, dass zum Geburtstag als sogenannte gebundene Adverbialbestimmung angesehen werden kann, aber auch als freie Adverbialbestimmung. Als gebundene, das heißt fest zu schenken gehörende Adverbialbestimmung steht zum Geburtstag am Schluss. Als freie Adverbialbestimmung steht es wie die freie Adverbialbestimmung morgen vor dem unbestimmten Objekt ein Handy. (Siehe hier.)

Die Art des Satzgliedes, Bestimmtheit und Unbestimmtheit, die Wortart (Personalpronomen oder Nomen resp. anderes Pronomen) und die Art der Bindung der Adverbialbestimmung (frei oder gebunden), all diese Aspekte spielen bei der Wortstellung in Ihren eigentlich ganz einfachen Beispielsätzen eine Rolle! Versuchen Sie also nicht, den Schülern eiserne, immer gültige Regeln zu vermitteln, denn es gibt sie kaum. Es ist vielleicht besser, ihnen „nur“ mit Hilfe des Lehrwerks die wichtigsten Tendenzen aufzuzeigen. Wie die Beispiele zeigen, ist eine umfassende Darstellung des Problems für den DaF-Unterricht meist viel zu komplex.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Unter anderem geht immer, unter anderen nicht

Frage

Eine Anregung und Bitte hätte ich zudem noch: Wäre es möglich, einen kleinen Artikel zum Gebrauch der Wortgruppe „unter anderem“ zu erstellen? Das ist […] auch so ein Thema, an dem sich immer wieder die Geister scheiden.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

es gibt tatsächlich immer wieder Diskussionen darüber, ob es nun unter anderem oder unter anderen heißen muss. Diese Diskussionen sind manchmal überflüssig, weil häufig beides möglich ist. Aber natürlich nicht immer.

Die Verwendung von unter anderem ist eigentlich ganz einfach. Es ist eine feste adverbiale Wendung wie zum Beispiel von neuem, ohne weiteres, trotz allem und außerdem. Sie kann überall dort stehen, wo man auch das in der Bedeutung sehr ähnliche zum Beispiel verwenden kann.

  1. Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderem Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  2. Die Unterscheidung von Konkreta und Abstrakta spielt unter anderem in der Syntax eine Rolle.
  3. Auf diese Weise soll unter anderem die Abwanderung deutscher Studierender an ausländische Hochschulen verhindert werden.
  4. Er hat mich unter anderem beschimpft und einen Lügner genannt.
  5. Das Thema wird unter anderem von Frau Dr. Mayer behandelt.
  6. An der Veranstaltung sprach unter anderem Frau Dr. Mayer.
  7. Zu den Besuchern gehörte unter anderem auch sein Bruder.

In all diesen Fällen kann unter anderem problemlos durch zum Beispiel ersetzt werden. In all diesen Fällen ist die unpersönliche adverbiale Wendung unter anderem als korrekt anzusehen. (Siehe aber unten die stilistische Anmerkung.)

Bei der Verwendung von unter anderen gibt es mehr Einschränkungen, denn anderen in unter anderen ist nicht unpersönlich, sondern es steht stellvertretend für ein bestimmtes Substantiv. Anders gesagt: Die Formulierung unter anderen ist nur dann möglich, wenn man nach anderen ein Substantiv ergänzen kann und dieses Substantiv eine Gruppe von gleichartigen Dingen oder Leuten bezeichnet, zu denen das Genannte/ die genannte Person auch gehört.

Bei den oben stehenden Sätzen ist das in den folgenden Fällen möglich:

  1. Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderen Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
    Vgl.: Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderen [Artikeln] Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  2. An der Veranstaltung sprach unter anderen Frau Dr. Mayer.
    Vgl.: An der Veranstaltung sprach unter anderen [Sprecherinnen] Frau Dr. Mayer.
  3. Zu den Besuchern gehörte unter anderen auch sein Bruder.
    Vgl.: Zu den Besuchern gehörte unter anderen [Besuchern] auch sein Bruder.

Bei den anderen Beispielsätzen, insbesondere 2. bis 4., kann kein solches Substantiv ergänzt werden und ist unter anderen deshalb ausgeschlossen.

Ein Zweifelsfall ist auf den ersten Blick der fünfte Satz:

  1. Das Thema wird unter anderem/anderen von Frau Dr. Mayer behandelt.

Wenn gesagt werden soll, dass neben anderen Personen auch Frau Dr. Mayer das Thema behandelt, ist hier nur unter anderem möglich. Man kann nämlich nicht in dieser Weise ergänzen:

  • *Das Thema wird unter anderen [Sprecherinnen] von Frau Dr. Mayer behandelt.

Möglich ist diese Formulierung:

  • Das Thema wird von, unter anderen [Sprecherinnen], Frau Dr. Mayer behandelt.

Oder eventuell auch diese, aber mit anderer Bedeutung:

  • Dieses Thema wird unter anderen [Themen] von Frau Dr. Mayer behandelt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unter anderem immer dann geht, wenn auch zum Beispiel stehen kann. Im Gegensatz dazu kann unter anderen nur dann verwendet werden, wenn es stellvertretend für ein bestimmtes Substantiv im Plural steht.

Dann noch eine letzte Bemerkung: Wenn grammatisch beides geht, genießt stilistisch gesehen bei Dingen oft unter anderem und bei Personen meist unter anderen den Vorzug:

  • Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderem Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  • An der Veranstaltung sprach unter anderen Frau Dr. Mayer.
  • Zu den Besuchern gehörte unter anderen auch sein Bruder.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Deine Opa und Oma – ganz ohne Wiederholung geht es nicht.

Frage

Wie heißt es: „dein XY und dein AZ“ oder „deine XY und AZ“? Beide sind männlich.

Antwort

Sehr geehrter Herr E.,

Sie sollten hier „dein“ wiederholen:

dein Sebastian und dein Tom

Wenn man bei zwei Nomen ein gemeinsames Artikelwort weglässt, fasst man die beiden Nomen zu einer Einheit zusammen. Bei Personen läuft das in der Regel darauf hinaus, dass man beim Weglassen eines gemeinsamen Artikelwortes mit beiden Nomen ein und dieselbe Person bezeichnet. Ein Beispiel:

dein Freund und dein Nachbar (oft zwei Personen)
dein Freund und Nachbar (eine Person)

der italienische Unternehmer und der italienische Politiker (oft zwei Personen)
der italienische Unternehmer und Politiker (eine Person)

Die folgenden Formulierungen sind deshalb nicht möglich, wenn es sich um zwei Personen handelt (und bei einer Person äußerst befremdlich)

*dein Sebastian und Tom
*lieber Sebastian und Tom

Man kann auch nicht zwei in der Einzahl stehende Nomen mit einem Artikelwort in der Mehrzahl verwenden, das sich auf beide Nomen beziehen soll:

nicht: *Deine Freund und Lehrer haben dir gratuliert.
sondern: Dein Freund und dein Lehrer haben dir gratuliert.

Entsprechend heißt es besser nicht:

*deine Sebastian und Tom
*liebe Sebastian und Tom

sondern eben:

dein Sebastian und dein Tom
lieber Sebastian, lieber Tom

Zusammenfassen ließen sich die beiden Namen zum Beispiel so:

deine Freunde/Kollegen/Nachbarn Sebastian und Tom

Wenn XY und AZ weiblich sind, funktioniert es genau gleich:

deine Freundin und Nachbarin (eine Person)
deine Freundin und deine Nachbarin (oft zwei Personen)

nicht: *Deine Freundin und Lehrerin haben dir gratuliert.
sondern: deine Freundin und deine Lehrerin haben dir gratuliert.

nicht: *deine Sandra und Jasmin /  *liebe Sandra und Jasmin
sondern: deine Sandra und deine Jasmin / liebe Sandra, liebe Jasmin

Und auch bei gemischtgeschlechtlichen Grüßen sollte man nicht zusammenfassen:

nicht: *deine Oma und Opa
sondern: deine Oma und dein Opa

Manchmal geht es eben nicht ohne Wiederholung.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Sprachler und Artikelschreiber Dr. Bopp

Von oder vom Schwager Albert

Frage

Heißt es „von“ oder doch „vom“?

Von/Vom Schwager Albert borgten wir ein hochwertiges Fernglas aus Armeebeständen.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

beides ist möglich. Wenn Sie von Schwager Albert schreiben, ist die Verwandtschaftsbezeichnung Schwager Teil des Namens. Wenn Sie vom Schwager Albert sagen, ist Schwager nicht Teil des Namens, sondern der Name ist eine genauere Angabe, um welchen Schwager es sich handelt.

Etwas „grammatischer“ gesagt: In der Formulierung ohne Artikel ist der Personenname der Kern der Wortgruppe und die Verwandtschaftsbezeichnung eine Apposition. Eine Apposition ist ein nähere Bestimmung (ein Attribut) in der Form eines Substantivs oder einer Substantivgruppe. In der Formulierung mit Artikel (vom = von dem) ist umgekehrt die Verwandtschaftsbezeichnung der Kern der Wortgruppe und der Personenname ist eine Apposition. Weglassbar ist (standardsprachlich) jeweils die Apposition:

Anwesend war auch [Schwager] Albert.
Anwesend war auch mein Schwager [Albert].
Es geht auch ohne [Schwager] Albert.
Es geht auch ohne den Schwager [Albert].
Wir haben das Fernglas von [Schwager] Albert geborgt.
Wir haben das Fernglas vom Schwager [Albert] geborgt.

Am deutlichsten wird der Unterschied im Genitiv:

[Schwager] Alberts Fernglas
das Fernglas des Schwagers [Albert]

Das Ganze funktioniert übrigens auch mit Titeln, Berufsbezeichnungen usw.

Anwesend war auch [Trainer] Uli Forte.
Anwesend war auch der Trainer [Uli Forte].
Sie spielen ohne [Stürmerin] Maya Groß.
Sie spielen ohne die Stürmerin [Maya Groß].
Sie sprachen mit [Anwalt] K.
Sie sprachen mit dem Anwalt [K.].
nach Aussage der Bundeskanzlerin [Merkel]
nach [Bundeskanzlerin] Merkels Aussage

Vgl. auch hier und hier.

So einfach können manchmal der Kern der Wortgruppe und die nähere Bestimmung die Stellung wechseln. Je nach Kontext wählen Sie die eine oder die andere Formulierung. Möglich sind wie in Ihrem Beispiel oft beide. Sie können Ihre Fragen also gerne an Linguist Stephan Bopp oder an den Linguisten Stephan Bopp richten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Stauen und sich stauen

Ein Verb, das am Bach spielende Kinder lieben und Menschen im dichten Urlaubsverkehr gar nicht mögen: stauen.

Frage

  1. Der Verkehr staut auf der Strecke zwischen …
  2. Der Verkehr staut sich auf der Strecke zwischen …

Ist die erste Version gutes Deutsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

die erste Version ist nicht richtig formuliert. Mit dem Verb stauen wird eine aktive Handlung ausgedrückt: etwas (Fließendes) zum Stillstand bringen. Es fordert zwingend die Angabe dessen, was gestaut wird:

einen Fluss stauen
Ein kleiner Damm staut den Bach.
Wir stauten das Wasser mit Steinen und Brettern.

Wenn etwas durch Stauen zum Stillstand gekommen ist, verwendet man sich stauen:

Das Wasser staut sich hinter dem Damm.

Und entsprechend auch, wenn es um das fahrbare Blech geht …

Der Verkehr staut sich zwischen Hartheim-Heistersheim und Freiburg-Mitte.
Am Nachmittag stauten sich die Autos auf über 500 km.

… oder auch andernorts:

Die Massen stauten sich vor den Toren der Stadt.
Die Hitze staut sich zwischen den Häusern.
Aber im Innern staut sich die Wut, bis man platzt.

Zusammenfassend könnte man somit sagen:

etwas stauen = etwas zum Stillstand bringen
sich stauen = zum Stillstand kommen / gekommen sein

Sie sagen und schreiben deshalb besser, dass der Verkehr sich staut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp