So viel sei zu dieser Frage bemerkt

Bei schönen, eher gehobenen Formulierungen und Wendungen kann man manchmal ziemlich ins Stolpern geraten, wenn man sie Deutschlernenden auf Anhieb genau erklären soll. So viel sei gleich zu Beginn zum heutigen Thema gesagt: vor allem für Grammatikbegeisterte.

Frage

In the short story „Mozart auf der Reise nach Prag“ by Eduard Mörike, the first sentence of the 4th paragraph is:

Von dem Kostüm der beiden Passagiere sei überdies soviel bemerkt.

I have two questions about the sentence above:

  1. Why the perfect tense of the verb „bemerken“ is formed using „sein“ instead of „haben“? According to Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache, the perfect tense form should be „hat bemerkt“.
  2. Is this sentence Konjunktiv I or Konjuntiv II? Why use subjunctive mood in this sentence?

Herr D. möchte also wissen, weshalb in Mörikes Satz, den er zitiert, das Verb bemerken mit dem Hilfsverb sein steht und warum er im Konjunktiv formuliert ist. Meine Antwort an Herrn D. gebe ich hier auf Deutsch wieder:

Antwort

Die Formulierung etwas sei gesagt/erwähnt/bemerkt gehört eher zum gehobenen Sprachgebrauch. Sie bedeutet etwas soll gesagt werden. Mörike meint also:

Von dem Kostüm der beiden Passagiere soll überdies so viel bemerkt werden.
Ich möchte außerdem so viel über das Kostüm der beiden Passagiere sagen.

Die Form, die Sie hier eigentlich interessiert ist sei bemerkt. Sie lässt sich wie folgt analysieren:

Verb: bemerken
Person und Numerus: 3. Person Singular
Tempus: Präsens
Modus: Konjunktiv I
Genus Verbi: Zustandspassiv

Das Hilfsverb sein ist hier also nicht das Hilfsverb des Perfekts, sondern das Hilfsverb, mit dem das Zustands- oder sein-Passiv gebildet wird. Zum Beispiel:

Aktiv: Ich öffne die Tür.
Vorgangspassiv: Die Tür wird geöffnet.
Zustandspassiv: Die Tür ist geöffnet.

Aktiv: Wir besiegen den Gegner.
Vorgangspassiv: Der Gegner wird besiegt.
Zustandspassiv: Der Gegner ist besiegt.

Bei Verben wie sagen, erwähnen und bemerken ist das sein-Passiv (es ist gesagt/erwähnt/bemerkt) unüblich oder selten. Nur im Konjunktiv I kommt es bei diesen Verben in mehr oder weniger festen Wendungen wie diesen vor:

Folgendes sei gesagt
Davon sei so viel erwähnt
Dazu sei nur bemerkt, dass …

Wenn der Konjunktiv I im Hauptsatz steht – wo er nur selten zu finden ist –, drückt er einen Wunsch oder eine Aufforderung aus:

Das Geburtstagskind lebe hoch!
Gott sei Dank.
Das verstehe, wer will.

Und eben:

 Davon sei so viel bemerkt.

All dies klingt recht trocken und kompliziert. Das hat man davon, wenn man bis ins Detail gehen will oder muss. Mehr sei deshalb hierzu nicht gesagt.

Der Fall der als kompliziertes Phänomen geltenden als-Gruppe

Die als-Gruppen haben es Ihnen in angetan. In letzter Zeit jedenfalls haben viele Ihrer Fragen mit diesem Thema zu tun. Es ist auch ein Gebiet der deutschen Grammatik, in der es viele Formulierungsmöglichkeiten und Unsicherheiten gibt. Mit der Grundregel „Die als-Gruppe steht im gleichen Fall, wie das Wort, auf das sie sich bezieht” kommt man nämlich sehr oft nicht sehr weit. Auch bei der heutigen Frage ist dies so:

Frage

Heißt es „dem als Held verehrten Mann“ oder „dem als Helden verehrten Mann, „den als Wissenschaftler arbeitenden Männern“ oder „den als Wissenschaftlern arbeitenden Männern“? Ich bin der Meinung, dass jeweils die erste Version richtig ist, aber seit mir widersprochen wurde, bin ich nicht mehr ganz sicher.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

in beiden Fällen ist Ihre Formulierung korrekt. Die als-Gruppe steht nach der Grundregel im gleichen Fall wie das Substantiv, auf das sie sich bezieht. In diesen Beispielen kommt aber hinzu, dass die als-Gruppe von einem Partizip abhängig ist. Dann hat die als-Gruppe den gleichen Kasus wie im entsprechenden Satz:

Der Mann wird [von vielen] als Held verehrt.

der [von vielen] als Held verehrte Mann
den [von vielen] als Held verehrten Mann
dem [von vielen] als Held verehrten Mann
des [von vielen] als Held verehrten Mannes

Die Männer arbeiten als Wissenschaftler.

die als Wissenschaftler arbeitenden Männer
den als Wissenschaftler arbeitenden Männern
der als Wissenschaftler arbeitenden Männer

Die von einem Partizip abhängigen als-Gruppen als Held und als Wissenschaftler stehen also immer im Nominativ. Sie beziehen sich sozusagen auf das Subjekt der Verbhandlung, die vom Partizip ausgedrückt wird.

Hier noch ein Beispiel mit einem Adjektiv:

Der Mann arbeitet als freier Künstler.

der als freier Künstler arbeitende Mann
den als freier Künstler arbeitenden (nicht: als freien Künstler arbeitenden)
dem als freier Künstler arbeitenden Mann (nicht: als freiem Künstler arbeitenden)
des als freier Künstler arbeitenden Mann (nicht: als freien Künstlers arbeitenden)

Und mit wie funktioniert es übrigens genau gleich:

Der Filmregisseur arbeitet wie ein Besessener.

dem wie ein Besessener arbeitenden Filmregisseur

Das Tier sieht wie ein Mammut aus.

eines wie ein Mammut aussehenden Tieres

Wenn wir als Muttersprachige nicht in Regeln denken, geht es hier zum Glück meistens automatisch gut. Falls Sie aber wegen dieser als kompliziertes Phänomen geltenden als-Gruppe wieder einmal unsicher werden, können Sie auch hier nachschauen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Als wer oder wen gibt man sich aus?

Wenn es nicht um die Rechtschreibung geht, gehören mit als eingeleitete Wortgruppen zu den größten Fragenlieferanten! In welchem Fall steht die als-Gruppe? Hier wieder einmal ein Spezialfall: als und reflexive Verben:

Frage

Ist in folgendem Satz der Nominativ „ich“ oder der Akkusativ „mich“ richtig?

Er hat sich als ich ausgegeben.
Er hat sich als mich ausgegeben

Antwort

Guten Tag H.,

Wenn eine als-Gruppe wie hier von einem reflexiven Verb abhängig ist, steht sie gewöhnlich im Nominativ und nicht wie das Reflexivpronomen im Akkusativ:

Der Mann spielte sich gern als großer Gönner auf.
Wie stellt man sich als neuer Nachbar vor?
Du siehst dich wohl als der Retter des Universums.
Er gibt sich als ihr bester Freund aus.

Die als-Gruppe bezieht sich also auf das Subjekt und nicht auf das Reflexivpronomen.

Nur noch selten (nicht mehr bei echten reflexiven Verben) wird auch der Bezug auf das Reflexivpronomen gemacht. Dann steht der Akkusativ:

Du siehst dich wohl als den Retter des Universums.
Er gibt sich als ihren besten Freund aus.

Siehe auch hier.

Das beantwortet Ihre Frage aber noch nicht ganz. Wenn die als-Gruppe ein Personalpronomen ist, scheint die Lage etwas anders zu sein. Dann kommt bei reflexiv verwendeten Verben der Akkusativ häufiger vor:

Er gibt sich als mich aus.

Der Nominativ ist aber auch möglich:

Er gibt sich als ich aus.

Und wenn Sie einmal gar nicht mehr wissen, was nun möglich ist: Die Unsicherheit lässt sich hier elegant mit für umgehen:

Er gibt sich für mich aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf wen bin ich eifersüchtig?

Es würde zu weit führen, wenn ich behauptete, dass ich zu allen Zeiten und in allen Lebenslagen gegen Eifersucht gefeit bin, doch zurzeit bin ich mir keinerlei eifersüchtiger Gefühle bewusst. Es geht hier nicht um persönliche Bekenntnisse eines eifersüchtigen Linguisten und auch nicht um eine genaue Definition des Begriffs Eifersucht. Es geht um J.s Frage, auf die ich zu meinem Erstaunen keine klare und eindeutige Antwort finden konnte: Wenn man Gefühle der Eifersucht hegt, auf wen ist man dann eifersüchtig?

Frage

Ich würde gern wissen, wie man „eifersüchtig auf jemanden“ korrekt benutzt und ob das in anderen Sprachen (z. B. im Italienischen) ebenso verwendet wird. Ein Beispiel: Ich (als Mann) habe eine Freundin und merke, dass mein Bruder anfängt, mit meiner Freundin zu flirten. Bin ich dann eifersüchtig auf meine Freundin oder auf meinen Bruder? […]

Antwort

Guten Tag J.,

das Adjektiv eifersüchtig wird vor allem im Sinne von neidisch mit auf verwendet. Wenn es hingegen um die Furcht geht, jemandes Liebe mit einer anderen Person teilen zu müssen, kommt auf nicht häufig vor. Wenn ich sehe, dass mein Bruder anfängt, mit meiner Freundin zu flirten, werde ich eifersüchtig, reagiere ich eifersüchtig, bin ich eifersüchtig. Wenn hier überhaupt eine Person mit auf angeführt wird, ist das Deutsche sehr inkonsequent: Ich bin eifersüchtig auf meine Freundin oder ich bin eifersüchtig auf meinen Bruder. Beides kommt vor. Ich finde auch keine Definition, die eine der beiden Varianten ausschließen würde.

Auch beim mit neidisch verwandten eifersüchtig gibt es mehr als eine Gebrauchsvariante. Der große Bruder kann eifersüchtig auf die kleine Schwester sein, weil sie viel Aufmerksamkeit von der Mutter erhält. Man kann aber auch sagen, dass er eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit ist, die die kleine Schwester von der Mutter erhält. Noch ein Beispiel der syntaktischen Vielseitigkeit von eifersüchtig:

  • eifersüchtig sein, weil andere Leute Erfolg haben
  • eifersüchtig auf andere Leute sein, weil sie Erfolg haben
  • eifersüchtig auf den Erfolg anderer Leute sein

Wenn eifersüchtig mit auf steht, können in Liebes- und anderen Dingen nur Wortbedeutung und Kontext klären, was genau gemeint ist. (Erstaunlicherweise scheint dies meistens gut zu funktionieren, denn sonst hätte sich hier wohl eine klarere Regel ergeben.) Ich kann auf meinen Bruder eifersüchtig sein, weil er mit meiner Freundin flirtet. Ich kann auf meine Freundin eifersüchtig sein, weil ich nicht will, dass jemand anders mit ihr flirtet. Ich kann daneben auch noch eifersüchtig auf meinen Bruder sein, weil er eine tolle Freundin hat und ich keine. Ich bin dann auf seine Freundin eifersüchtig …

Ich wage es nicht anzugeben, wie dieses Adjektiv in anderen Sprachen verwendet wird. Wenn die Situation auch nur annähernd so komplex ist wie im Deutschen, ist muttersprachige Expertise gefragt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Viel zu tun und viel zu erzählen haben

Frage

Der Satz „Ich habe etwas zu erledigen“ bedeutet, dass ich etwas erledigen muss. Der Satz „Ich habe etwas zu erzählen“ bedeutet, dass ich etwas erzählen kann. […] Die Satzkonstruktion ist gleich, aber der Sinn verschieden. Wieso ist das so?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

die Wendung zu+Infintiv+haben hat oft die Funktion eines Modalverbs. Mit welchem Modalverb sie ausgedrückt werden kann, ist tatsächlich nicht so klar. Sie kann eine Notwendigkeit ausdrücken:

Ich habe noch viel zu tun = Ich muss noch viel tun.

Sie kann aber auch eine Möglichkeit ausdrücken:

Wer viel reist, hat viel zu erzählen = Wer viel reist, kann viel erzählen.

Mit etwas zu _en haben wird also gesagt: etwas _en müssen oder etwas _en können. Eine weitere Bedeutung hat die Wendung, wenn sie verneint ist:

Sie haben nicht viel zu tun = Sie müssen nicht viel tun.
Sie haben nichts zu erzählen = Sie können nichts erzählen.
Sie haben sich hier nicht zu äußern = Sie dürfen sich hier nicht äußern.

Siehe auch hier.

Ob mit der Formulierung Notwendigkeit oder Möglichkeit ausgedrückt wird, ergibt sich erst aus dem Kontext. Es ist ihr nicht von vornherein eine genaue Bedeutung zuzuordnen. Damit ist diese Formulierung tatsächlich nicht so einfach für Deutschlernende. Ähnliches gibt es aber nicht nur im Deutschen. Zum Beispiel:

de: Ich habe viel zu tun.
nl: Ik heb veel te doen.
en: I have a lot do to.
fr: J’ai beaucoup à faire
it: Ho molto da fare.

de: Ich habe viel zu erzählen.
nl: Ik heb veel te vertellen.
en: I have a lot to tell.
fr: J’ai beaucoup à raconter.
it: Ho molto da raccontare.

Nicht allen Deutschlernenden dürfte diese Konstruktion also gleich viele Schwierigkeiten bereiten.

Die Antwort auf die Frage, wie genau wir es schaffen, jeweils problemlos den richtigen modalen Aspekt einer so formulierten Äußerung zu erkennen, muss ich Ihnen leider schuldig bleiben. Manchmal frage ich mich einfach, wie wir es bei so viel Mehrdeutigkeit überhaupt schaffen, einander auch nur annähernd zu verstehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Unser beider Frauen und unsere beiden Frauen

Frage

Sind die folgenden beiden Sätze richtig und gleichbedeutend?

Wir kommen mit unser beider Frauen.
Wir kommen mit unseren beiden Frauen.

Antwort

Guten Tag H.,

beide Sätze sind (grammatisch) richtig, auch wenn der erste eher etwas gehoben/antiquiert wirkt. Die Bedeutung der beiden Äußerungen ist nicht ganz dieselbe. Unser kulturelle Kontext macht es aber relativ schwierig, den Unterschied klar aufzuzeigen. Wenn Frau und Mann mit meine, dein oder unsere stehen, ist in unserem Kulturkreis meistens von Paaren die Rede. Deshalb werden viele den beiden oben stehenden Sätzen die gleiche Bedeutung zuordnen: Wir kommen beide mit Partnerin.

Mit Hilfe eines anderen Beispiels lässt sich besser aufzeigen, worin die beiden Formulierungen sich unterscheiden. Bei Hunden und Herrchen oder Frauchen liegt das zahlenmäßige Verhältnis viel weniger stark bei eins zu eins. (NB: Auch die Art des mit unser ausgedrückten Verhältnisses ist anders!)

a) unser beider Hunde = die Hunde, die uns beiden gehören

In Satz a) bezieht sich beider auf unser. Es geht also um zwei „Besitzende“ und um mehrere Hunde. Über die Zahl der Hunde wird nichts gesagt. Die beiden Hundebesitzenden können zwei, drei oder mehr Hunde haben.

b) unsere beiden Hunde = die beiden Hunde, die uns gehören

In Satz b) bezieht beiden sich auf Hunde. Es geht also um zwei Hunde. Darüber, wie viele wir sind, wird nichts gesagt. Die Hundebesitzenden können auch mehr als zwei Personen sein, zum Beispiel eine mehrköpfige Familie.

Nur wenn es um zwei Hunde und um zwei Besitzende geht, sind sowohl a) als auch b) mögliche Formulierungen.

Keine der beiden Formulierungen klärt übrigens die Besitzverhältnisse eindeutig: Es ist nicht klar, ob die Hunde gemeinsam den gleichen Personen gehören oder ob jeder Hund ein eigenes Herrchen oder Frauchen hat.

Kommen wir nun wieder auf die Formulierungen in Ihrer Frage zurück:

c) unser beider Frauen = die Frauen, zu denen wir beide gehören

In Satz c) sind Frauen gemeint, zu denen wir beide gehören. Wir sind zu zweit. Die Anzahl der Frauen ist nicht bestimmt. Wir könnten zum Beispiel zwei Personen und die Frauen deren (erwachsene) Töchter sein.

d) unsere beiden Frauen = die beiden Frauen, zu denen wir gehören

In Satz d) hingegen geht es um zwei Frauen. Wie viele Personen wir sind, ist nicht näher bestimmt. Wenn wir im klassischen Kontext bleiben, könnten wir zum Beispiel ein Vater mit seinen Söhnen und die Frauen die Frau/Mutter und die Tochter/Schwester sein.

Nur wenn von zwei Personen in Verbindung mit  zwei (anderen) Frauen die Rede ist, sind sowohl c) als auch d) mögliche Formulierungen. Das klingt nun alles sehr uneindeutig, und das ist es ohne Kontext auch. Normalerweise erschließt sich aber aus dem weiteren Zusammenhang mehr oder weniger eindeutig, um wie viele Personen in Begleitung wie vieler (anderer) Frauen es geht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das unbeständige »entlang«

Falls Sie am heutigen 1. Mai frei haben und einen Spaziergang an Bach, Fluss oder See erwägen, spazieren sie dann das Ufer entlang, dem Ufer entlang, entlang dem Ufer oder entlang des Ufers? Oder gar am Ufer entlang? Heute geht es wieder um ein Wort, das sich nicht so leicht in ein grammatisches Korsett zwängen lässt.

Frage

Ich wende mich heute mit folgendem Problem an Sie:

spazieren … an den Ufern der Neiße entlang

Diese Formulierung verstehe ich grammatikalisch nicht so ganz. Die Präposition steht doch entweder mit Akkusativ, „die Straße entlang“, oder mit Dativ, „entlang der Straße“. Könnte man also den obigen Satz auch so formulieren:

entlang den Ufern der Neiße
die Ufer der Neiße entlang

So wäre es für mich verständlicher. Vielleicht handelt es sich in dem Buch um literarische Sprache?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

das Wort entlang sieht harmlos aus, aber in grammatischer Hinsicht ist es ziemlich widerspenstig. Es weigert sich, einer einzigen Klasse zugeordnet zu werden.

Eine mögliche Verwendung ist die einer klassischen Präposition, das heißt, entlang steht vor dem Substantiv. Bei der Wahl des ihm folgenden Falles ist die Lage schon weniger eindeutig. Möglich sind sowohl der Genitiv als auch der Dativ:

Wir spazierten entlang der Ufer der Neiße.
Entlang des Wanderweges stehen Informationstafeln.

Wir spazierten entlang den Ufern der Neiße.
Entlang dem Wanderweg stehen Informationstafeln.

Häufig gefällt sich entlang aber als nachgestellte Präposition (Postposition). Dann ist der Akkusativ üblich:

Wir spazierten die Ufer der Neiße entlang.
Den Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Der Dativ kommt hier ebenfalls vor. Heutzutage verrät er aber meistens Sprecher und Sprecherinnen aus dem Süden, vor allem aus der Schweiz. Die folgenden Formulierungen genießen deshalb wohl kaum das Wohlwollen aller Hüter der deutschen Sprache:

Wir spazierten den Ufern der Neiße entlang.
Dem Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Im Beispielsatz, um den es Ihnen in Ihrer Frage geht, übernimmt entlang eine weitere Rolle: Es tritt nicht als Präposition, sondern adverbial auf. Es hat dann keinen Einfluss auf den Fall. Der Kasus wird durch die Präposition an bestimmt, die hier den Dativ fordert:

Wir spazierten an den Ufern der Neiße entlang.
Am Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Diese Verwendung ist übrigens nicht literarisch. Sie ist allgemeinsprachlich und klingt in meinen Ohren manchmal sogar ein bisschen holprig.

Das Wort entlang kann also Adverb, Präposition oder Postposition sein und verschiedene Kasus bei sich haben. Wahrlich kein Beispiel grammatischer Unverrückbarkeit und unverbrüchlicher Kasustreue! Falls Sie deshalb wieder einmal unsicher werden sollten, können Sie alles hier noch einmal nachlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zur Beugung heiliggesprochener Päpste (u. a.)

Hier eine Frage zu einem (fast) aktuellen Anlass:

Frage

Ich möchte Sie fragen, wie die folgende Wortgruppe korrekt gesprochen werden muss:

die Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II.

a) Heiligsprechung der Päpste Johannes des Dreiundzwanzigsten und Johannes Paul des Zweiten
b) Heiligsprechung der Päpste Johannes des Dreiundzwanzigsten und Johannes Pauls des Zweiten
c) die Heiligsprechung der Päpste Johannes der Dreiundzwanzigste und Johannes Paul der Zweite

Mich interessiert vor allem, ob der absolute Nominativ in der Version c) falsch oder richtig ist.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

Mit Titeln versehene Namen wie diese werden gebeugt. Ganz so einfach, wie es klingt, ist es aber nicht. Was wird gebeugt und was bleibt ungebeugt?

Standardsprachlich korrekt ist in diesem Fall a):

Heiligsprechung der Päpste Johannes des Dreiundzwanzigsten und Johannes Paul des Zweiten

Es ist eine Zusammenziehung von:

Heiligsprechung des Papstes Johannes des Dreiundzwanzigsten und
Heiligsprechung des Papstes Johannes Paul des Zweiten

Wenn ein Titel mit einem Artikel steht, ist der Titel der Kern der Wortgruppe und der Name die nähere Bestimmung (Apposition). Gebeugt wird ggf. der Titel und der Name bleibt ungebeugt:

die Regierungszeit des Königs Friedrich Willhelm
am Hof der Zarin Katharina
Heiligsprechung des Papstes Johannes
Heiligsprechung des Papstes Johannes Paul

Steht der Titel ohne Artikel, wird er zu einer näheren Bestimmung des Namens „degradiert“ und bleibt ungebeugt. Gebeugt wird dann der Name:

die Regierungszeit König Friedrich Willhelms oder vorangestellt
König Friedrich Willhelms Regierungszeit

am Hof Zarin Katharinas oder
an Zarin Katharinas Hof

die Heiligsprechung Papst Johannes Pauls oder
Papst Johannes Pauls Heiligsprechung

Das ist aber noch nicht alles. Ihr Interesse gilt ja vor allem der nachgestellten Ergänzung des Herrschernamens. Diese wird immer gebeugt, ganz gleich ob weiter vorn der Titel oder der Name der Kern der Wortgruppe ist:

die Regierungszeit des Königs Friedrich Willhelm des Zweiten
die Regierungszeit König Friedrich Willhelms des Zweiten

am Hof der Zarin Katharina der Großen
am Hof Zarin Katharinas der Großen

die Heiligsprechung des Papstes Johannes des Dreiundzwanzigsten
die Heiligsprechung Papst Johannes’ des Dreiundzwanzigsten

die Heiligsprechung des Papstes Johannes Paul des Zweiten
die Heiligsprechung Papst Johannes Pauls des Zweiten

Das klingt kompliziert und das ist es auch (zumal noch gar nicht alles Sagenswerte gesagt worden ist). Meist geht es gut, ohne dass man diese „Regeln“ kennt. Es ist aber nicht erstaunlich, dass dennoch des Öfteren andere Formulierungen zu hören sind.

Die Sache funktioniert übrigens nicht nur bei Herrschern und Päpsten so. Auch Menschen geringeren Standes werden so behandelt, wenn ihr Name mit einem Titel, einer Verwandtschaftsbezeichnung o. Ä. verwendet wird.

Steht die Personenbezeichnung ohne Artikel, wird der Name gebeugt:

Tante Tinas Gärtnerei
Bundeskanzlerin Merkels Reden
Dozent Anderlings Unterricht
die Bilder Pieter Breughels des Jüngeren

Mit Artikel wird ggf. der Titel, die Berufsbezeichnung usw. gebeugt:

die Gärtnerei meiner Tante Tina
die Reden der Bundeskanzlerin Merkel
der Unterricht des Dozenten Anderling
die Bilder des Malers Pieter Breughel des Jüngeren

Und wenn Sie alles noch einmal nachlesen wollen, finden Sie  hier, hier und hier entsprechende Angaben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn »hinzu kommen« korrekt getrennt geschrieben wird

Wenn ein trennbares Verb wie hinzukommen in einem Hauptsatz steht, wird der abtrennbare Teil hinter das Verb an den Schluss des Satzes gestellt. Sonst schreibt man zusammen. So weit die Grundregel. Wie Herrn L.s Frage zeigt, gibt es aber noch einen seltenen dritten Fall.

Frage

Muss „Hinzu komme“ in diesem Satz getrennt geschrieben werden? (Indirekte Rede: Präsens Konjunktiv)

Hinzukomme, dass davon auch die regionale Wirtschaft profitiere.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

das Verb hinzukommen wird im Prinzip zusammengeschrieben. In Ihrem Satz schreibt man hinzu aber trotzdem vom Verb getrennt:

Hinzu komme, dass davon auch die regionale Wirtschaft profitiere.

Das hat nichts damit zu tun, dass es sich um den Konjunktiv der indirekten Rede handelt. Die Getrenntschreibung gilt auch zum Beispiel in der Vergangangenheit und im Indikativ:

Hinzu kommt/kam/käme/, dass davon auch die Wirtschaft …

Die Getrenntschreibung hinzu komme hat vielmehr mit der etwas sonderbaren Satzstellung zu tun. Dafür muss ich ein bisschen ausholen. Wir haben es hier mit einem einleitenden Hauptsatz (Hinzu kommt) und einem dass-Satz zu tun. In einem deutschen Hauptsatz (Aussagesatz) steht die gebeugte Verbform immer an zweiter Stelle. Vor ihr, im sogenannten Vorfeld, steht nicht mehr und nicht weniger als ein Satzteil:

Peter kommt heute Abend nicht.
Kaum ein Mensch kommt noch zu uns.
Meinen Eltern kommt das gar nicht ungelegen.
Heute Abend kommt wahrscheinlich niemand mehr vorbei.
Wahrscheinlich kommt kein weiterer Gast hinzu.
Es kommt hinzu, dass davon auch die Wirtschaft profitiert.

Wie man sieht, kann das Subjekt, ein Objekt oder eine Adverbialbestimmung an erster Stelle stehen. In seltenen Fällen kann auch der abtrennbare Teil eines trennbaren Verbs (der sonst am Schluss des Satzes steht) diese erste Stelle einnehmen:

Hinzu kommt, dass davon auch die Wirtschaft profitiert.

Der abtrennbare Verbteil wird in solchen Fällen getrennt vom Basisverb geschrieben, obwohl er direkt vor diesem steht. Nur so kann die beinahe unantastbare Zweitstellung der gebeugten Verbform im deutschen Hauptsatz gewährleistet werden. Weitere Beispiele:

Fest steht die Tatsache, dass die gebeugte Verbform an zweiter Stelle steht.
Hinauf ging er über die Treppe, herunter kam er über den Balkon.
Zusammen kam dabei eine erfreulich hohe Summe.

Der letzte Satz zeigt, dass solche Formulierungen nicht immer stilistische Höhepunkte sind. Weiter gilt, dass sie fast nur bei trennbaren Verben möglich sind, deren abtrennbarer Teil und Basis noch eine recht große Eigenbedeutung haben. Nicht möglich sind zum Beispiel:

*Zu gab sie den Fehler nicht.
*An ist zu nehmen, dass alles stimmt.
*Ein lade ich nur, wen ich mag.

Siehe auch hier.

Diese Randerscheinung der deutschen Wortstellung (und Rechtschreibung) illustriert wieder einmal, weshalb man bei der Getrennt- und Zusammenschreibung im Bereich der deutschen Verben manchmal so unsicher werden kann. Es gibt keine exakte Trennlinie zwischen getrennt geschriebenen Verbgruppen und zusammengeschriebenen Verbzusammensetzungen. Obwohl feststehen, hinzukommen und hinaufgehen im Allgemeinen Verbzusammensetzungen sind, können sich fest, hinzu und hinauf manchmal wie selbstständige Adverbien benehmen. Fest steht nur, dass nicht alles immer eindeutig feststeht.

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn »A und B ist« richtig ist

Die meisten von uns haben auf der Schule gelernt, dass bei einem zweiteiligen Subjekt, bei dem die Subjektteile mit und verbunden sind, das Verb im Plural stehen muss:

Die alte Dame und ihr Sohn gingen jeden Tag im Park spazieren.
Nach der Werbung folgen der TV-Krimi und ein Diskussionsprogramm.

So weit, so einfach. Es gibt aber Ausnahmen. Diese Ausnahmen gleiten meist unbemerkt an uns vorbei, doch Sie können verunsichern, wenn wir darüber nachdenken und uns daran erinnnern, was wir auf der Schule gelernt haben. Hier die Frage von Frau S.:

Frage

Es geht um die korrekte Formulierung des folgenden Satzes:

Natürlich war dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.
Natürlich waren dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.

Selbst denke ich, dass die zweite Version korrekt ist. Mir fehlt jedoch die fachgerechte Begründung.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

beide Sätze sind richtig formuliert.

Das Verb kann nach der allgemeinen Grundregel im Plural stehen, weil das Subjekt aus zwei mit und verbundenen Teilen besteht.

Natürlich waren dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.

Das Verb kann aber auch im Singular stehen, weil die beiden Subjektteile eng miteinander verbunden sind und als eine Einheit aufgefasst werden. Das sieht man daran, dass sie eine gemeinsame Bestimmung haben: sehr viel bezieht sich sowohl auf Kleinarbeit als auch auf Konzentration:

Natürlich war dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.

Weitere Beispiele von Sätzen, in denen ein mehrteiliges Subjekt mit und eine gemeinsame Bestimmung hat und als eine Einheit aufgefasst werden kann:

Viel Glück und Sonnenschein soll dich begleiten.
Viel Glück und Sonnenschein sollen dich begleiten.

Münsters Grund und Boden ist zehn Milliarden Euro wert.
Münsters Grund und Boden sind zehn Milliarden Euro wert.

Ihre totale Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit war unerträglich.
Ihre totale Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit waren unerträglich.

Zum diesem Thema gäbe es noch viel mehr zu sagen. Die Grundregel sowie weitere Ausnahmen und Beispiele finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik. Wie so oft sind auch hier die Übergänge zwischen der Grundregel und den Ausnahmen fließend. Als kleiner Trost für nun ganz Verunsicherte kann gelten: Der Plural ist hier (fast) immer richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp