Eure Liebe und Zuneigung sucht …esgleichen

Frage

„Eure Liebe und Zugneigung sucht seinesgleichen“, sagt der Junge im Radio über seine Eltern. Meines Erachtens muss es heißen: „Eure Liebe und Zuneigung sucht ihresgleichen.“ Wie ist es richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

auch ich würde hier eher ihresgleichen als seinesgleichen nehmen:

Eure Liebe und Zuneigung sucht ihresgleichen.

Viel besser wäre allerdings:

Eure Liebe und Zuneigung suchen ihresgleichen.

Die Erklärung ist nicht einfach. Die Wahl seinesgleichen im zitierten Satz ist nämlich nicht unbegreiflich. Die Form des Indefinitpronomens …esgleichen richtet sich danach, worauf es sich bezieht. Hier bezieht es sich auf Liebe und Zuneigung, also auf zwei Substantive oder, anders gesagt, auf einen Plural der dritten Person. Daraus folgt, dass man die Form ihresgleichen der dritten Person Plural wählen sollte.

Der pluralische Charakter der Wortgruppe, auf die sich das Indefinitpronomen bezieht, ist aber gar nicht so eindeutig. Im zitierten Satz steht das Verb nämlich in der Einzahl (sucht). Wenn zwei durch und verbundene Subjektteile ein gemeinsames Artikelwort haben, das nur einmal genannt wird (hier: eure), können sie als eine Einheit angesehen werden. Das Verb kann dann ganz korrekt auch im Singular stehen (vgl. hier):

Eure Liebe und Zuneigung ist einzigartig oder
Eure Liebe und Zuneigung sind einzigartig.

Eure Liebe und Zuneigung kennt keine Grenzen oder
Eure Liebe und Zuneigung kennen keine Grenzen.

So weit, so gut, denn nun beginnt die große Unsicherheit. Wenn das Verb im Singular steht und wenn sich das Indefinitpronomen wie hier nach dem Subjekt richten muss, handelt es sich dann in diesem Satz um ein pluralisches Subjekt (zwei Nomen) oder um ein singularisches Subjekt (Verb im Singular)? Wenn man es als singularisches Subjekt ansieht, ist es dann männlich, weiblich oder sächlich? Es gibt dann eine starke Tendenz, diese Einheit als sächliches „Etwas“ zu verstehen und deshalb wie der Junge im Radio die sächliche Einzahlform seinesgleichen zu wählen.

Eure Liebe und Zuneigung sucht seinesgleichen.

Die Wahl für seinesgleichen ist also gar nicht so unverständlich. Ist sie aber auch korrekt? Ich denke, dass viele wie ich seinesgleichen hier für sehr zweifelhaft halten. Es ist besser, ihresgleichen zu wählen. In Kombination mit der Einzahl des Verbs „holpert“ aber auch die Formulierung mit ihresgleichen sehr. Es ist deshalb am besten, das Verb in den  Plural zu setzen:

Eure Liebe und Zuneigung suchen ihresgleichen.

… oder auf eine Formulierung mit einzigartig auszuweichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Morphen in und zu

Frage

Ich würde gerne „morphen“ im ungefähren Sinne von „verwandeln/umformen“ verwenden. Nun stellt sich mir die Frage, wäre „etwas zu etwas anderem morphen“ oder „etwas in etwas anderes morphen“ korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

im engeren Sinne bedeutet morphen: durch computergestütztes Verfahren die Abbildung von etwas in eine andere wechseln lassen. Sie möchten es offenbar in einem weiteren Sinne verwenden. Am besten machen Sie es einfach so, wie bei der ungefähren deutschen Entsprechung:

Der Regen verwandelte den Bach in einen reißenden Strom.
Der Regen verwandelte den Bach zu einem reißenden Strom.

Die Freiheitsstrafe wurde in eine Geldstrafe umgewandelt.
Die Freiheitsstrafe wurde zu einer Geldstrafe umgewandelt.

Gleichstrom in Wechselstrom umwandeln
Gleichstrom zu Wechselstrom umwandeln

Verwandlung und Umformung geschehen im Deutschen also sowohl von etwas in etwas als auch von etwas zu etwas. Wenn bei verwandeln, umwandeln und umformen beide Formulierungen möglich sind, sehe ich keinen Grund, weshalb dies bei morphen mit ähnlicher Bedeutung nicht ebenfalls so sein sollte:

etwas in etwas morphen
etwas zu etwas morphen

Beide Formulierungen sind also möglich. Die Wahl liegt ganz bei Ihnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verbformenpuzzle für den Urlaub (und für die Daheimgebliebenen)

Ein kleine Aufgabe, bei der mit Verbformen jongliert werden muss – nur für Leute, die solches auch wirklich mögen. Den anderen Urlauberinnen und Urlaubern empfehle ich ein Kreuzworträtsel oder ein gutes Buch. Auch ich ziehe in meiner Freizeit beides dem Futur II eines Modalverbs mit einem Infinitiv Passiv vor.

Frage

Ein Nicht-Muttersprachler bat in einem Onlineforum um die Korrektur einer Grammatikübung:

Something must be done. = Es muss etwas getan werden.
Something had to be done. = Es musste etwas getan werden.

und so weiter ohne Probleme bis:

Something will have had to be done. = ?

Sein Vorschlag „Es wird etwas getan werden gemusst haben“ klingt in meinen Ohren falsch, wohl wegen des „gemusst“. Aber ich bin selbst nicht sicher, was richtig wäre: „… werden haben müssen“, „… werden müssen haben“?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

es geht hier um eine Form, der man in der „freien Wildbahn“ nie begegnet und die entsprechend auch nur theoretisch ist.

Der Vorschlag im Forum ist tatsächlich nicht richtig, und zwar, wie Sie zu Recht bemerken, weil er das Partizip gewollt enthält. Was ist dann aber richtig? Wenn wir die Form langsam aufbauen, wird es vielleicht deutlicher. Es geht um das Futur II eines Modalverbs mit einem Infinitiv Passiv (wenn ich dieses Verbformenmonstrum tatsächlich richtig analysiere):

Präsens: Es muss etwas getan werden.
Futur I: Es wird etwas getan werden müssen.
Futur II: Es wird etwas getan werden müssen haben.

In den zusammengesetzten Zeiten steht bei Modalverben wie müssen und können nicht das Partizip Perfekt, sondern der sogenannte Ersatzinfinitiv:

Er hat etwas tun müssen (nicht: tun gemusst)
Es hat etwas getan werden müssen (nicht: *getan werden gemusst).
Es wird etwas getan werden müssen haben. (nicht: *getan werden gemusst haben).

Das ist aber noch nicht alles. Ihre Unsicherheit rührt wahrscheinlich daher, dass ein solcher Ersatzinfinitiv in der Regel am Schluss der Verbgruppe steht. Zum Beispiel:

etwas, was sie hat tun wollen (nicht: *tun wollen hat)
etwas, was sie hätten wissen müssen (nicht: *wissen müssen hätten)

Das Hilfsverb haben hat deshalb auch hier die Neigung, dem Ersatzinfinitiv müssen die letzte Position zu überlassen und weiter vorn zu stehen (obwohl haben hier im Gegensatz zum „Normalfall“nicht finit ist). Es gibt möglicherweise also mehr als eine Lösung, wobei die Fragezeichen meine wachsenden Zweifel an der Akzeptabilität der Formulierungen angeben sollen:

Es wird etwas getan werden müssen haben.
Es wird etwas haben getan werden müssen. (?)
Es wird etwas getan haben werden müssen. (??)

Die erste Form ist nach den allgemeinen Regeln gebildet. Die anderen nach einer Ausnahmeregel. Welche Regel hier im Standarddeutschen wirklich greift, kann m. E. nicht eindeutig gesagt werden, weil solche Formen in der Sprachrealität gar nicht vorkommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was, wenn der Indikativ steht oder der Konjunktiv stünde?

Frage

Bei einem „Was wäre, wenn“-Satz ist klar, dass man den Konjunktiv weiter verwenden muss. Aber wie verhält es sich beim „Was, wenn“-Satz?

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

ein Satz, der mit „Was, wenn“ anfängt, ist ein verkürzter Satz. Der mit was eingeleitete Hauptsatz ist nicht vollständig. Ob man im mit wenn eingeleiteten Nebensatz den Konjunktiv oder den Indikativ verwendet, hängt davon ab, wie der übergeordnete Satz ergänzt wird. Und nun ist es höchste Zeit für ein konkretes Beispiel:

Wenn der zu ergänzende Hauptsatz im Konjunktiv steht, ist der wenn-Satz ein irrealer Bedingungssatz:

Was wäre, wenn sie doch recht hätte?
⇒ Was, wenn sie doch recht hätte?

Was wäre geschehen, wenn du die Anwort nicht gewusst hättest?
⇒ Was, wenn du die Anwort nicht gewusst hättest?

Wenn der übergeordnete Satz im Indikativ steht, ist der wenn-Satz ist ein „normaler“ Bedingungssatz:

Was ist, wenn sie doch recht hat?
⇒ Was, wenn sie doch recht hat?

Was geschieht, wenn du die Antwort nicht weißt?
⇒ Was, wenn du die Antwort nicht weißt?

Es lässt sich also keine allgemeine Regel aufstellen, ob in einem „Was, wenn“-Satz der Konjunktiv oder der Indikativ stehen muss. Der Kontext bestimmt, ob es ich um einen normalen Bedingungssatz im Indikativ oder um einen irrealen Bedingungssatz im Konjunktiv handelt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So viel sei zu dieser Frage bemerkt

Bei schönen, eher gehobenen Formulierungen und Wendungen kann man manchmal ziemlich ins Stolpern geraten, wenn man sie Deutschlernenden auf Anhieb genau erklären soll. So viel sei gleich zu Beginn zum heutigen Thema gesagt: vor allem für Grammatikbegeisterte.

Frage

In the short story „Mozart auf der Reise nach Prag“ by Eduard Mörike, the first sentence of the 4th paragraph is:

Von dem Kostüm der beiden Passagiere sei überdies soviel bemerkt.

I have two questions about the sentence above:

  1. Why the perfect tense of the verb „bemerken“ is formed using „sein“ instead of „haben“? According to Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache, the perfect tense form should be „hat bemerkt“.
  2. Is this sentence Konjunktiv I or Konjuntiv II? Why use subjunctive mood in this sentence?

Herr D. möchte also wissen, weshalb in Mörikes Satz, den er zitiert, das Verb bemerken mit dem Hilfsverb sein steht und warum er im Konjunktiv formuliert ist. Meine Antwort an Herrn D. gebe ich hier auf Deutsch wieder:

Antwort

Die Formulierung etwas sei gesagt/erwähnt/bemerkt gehört eher zum gehobenen Sprachgebrauch. Sie bedeutet etwas soll gesagt werden. Mörike meint also:

Von dem Kostüm der beiden Passagiere soll überdies so viel bemerkt werden.
Ich möchte außerdem so viel über das Kostüm der beiden Passagiere sagen.

Die Form, die Sie hier eigentlich interessiert ist sei bemerkt. Sie lässt sich wie folgt analysieren:

Verb: bemerken
Person und Numerus: 3. Person Singular
Tempus: Präsens
Modus: Konjunktiv I
Genus Verbi: Zustandspassiv

Das Hilfsverb sein ist hier also nicht das Hilfsverb des Perfekts, sondern das Hilfsverb, mit dem das Zustands- oder sein-Passiv gebildet wird. Zum Beispiel:

Aktiv: Ich öffne die Tür.
Vorgangspassiv: Die Tür wird geöffnet.
Zustandspassiv: Die Tür ist geöffnet.

Aktiv: Wir besiegen den Gegner.
Vorgangspassiv: Der Gegner wird besiegt.
Zustandspassiv: Der Gegner ist besiegt.

Bei Verben wie sagen, erwähnen und bemerken ist das sein-Passiv (es ist gesagt/erwähnt/bemerkt) unüblich oder selten. Nur im Konjunktiv I kommt es bei diesen Verben in mehr oder weniger festen Wendungen wie diesen vor:

Folgendes sei gesagt
Davon sei so viel erwähnt
Dazu sei nur bemerkt, dass …

Wenn der Konjunktiv I im Hauptsatz steht – wo er nur selten zu finden ist –, drückt er einen Wunsch oder eine Aufforderung aus:

Das Geburtstagskind lebe hoch!
Gott sei Dank.
Das verstehe, wer will.

Und eben:

 Davon sei so viel bemerkt.

All dies klingt recht trocken und kompliziert. Das hat man davon, wenn man bis ins Detail gehen will oder muss. Mehr sei deshalb hierzu nicht gesagt.

Der Fall der als kompliziertes Phänomen geltenden als-Gruppe

Die als-Gruppen haben es Ihnen in angetan. In letzter Zeit jedenfalls haben viele Ihrer Fragen mit diesem Thema zu tun. Es ist auch ein Gebiet der deutschen Grammatik, in der es viele Formulierungsmöglichkeiten und Unsicherheiten gibt. Mit der Grundregel „Die als-Gruppe steht im gleichen Fall, wie das Wort, auf das sie sich bezieht” kommt man nämlich sehr oft nicht sehr weit. Auch bei der heutigen Frage ist dies so:

Frage

Heißt es „dem als Held verehrten Mann“ oder „dem als Helden verehrten Mann, „den als Wissenschaftler arbeitenden Männern“ oder „den als Wissenschaftlern arbeitenden Männern“? Ich bin der Meinung, dass jeweils die erste Version richtig ist, aber seit mir widersprochen wurde, bin ich nicht mehr ganz sicher.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

in beiden Fällen ist Ihre Formulierung korrekt. Die als-Gruppe steht nach der Grundregel im gleichen Fall wie das Substantiv, auf das sie sich bezieht. In diesen Beispielen kommt aber hinzu, dass die als-Gruppe von einem Partizip abhängig ist. Dann hat die als-Gruppe den gleichen Kasus wie im entsprechenden Satz:

Der Mann wird [von vielen] als Held verehrt.

der [von vielen] als Held verehrte Mann
den [von vielen] als Held verehrten Mann
dem [von vielen] als Held verehrten Mann
des [von vielen] als Held verehrten Mannes

Die Männer arbeiten als Wissenschaftler.

die als Wissenschaftler arbeitenden Männer
den als Wissenschaftler arbeitenden Männern
der als Wissenschaftler arbeitenden Männer

Die von einem Partizip abhängigen als-Gruppen als Held und als Wissenschaftler stehen also immer im Nominativ. Sie beziehen sich sozusagen auf das Subjekt der Verbhandlung, die vom Partizip ausgedrückt wird.

Hier noch ein Beispiel mit einem Adjektiv:

Der Mann arbeitet als freier Künstler.

der als freier Künstler arbeitende Mann
den als freier Künstler arbeitenden (nicht: als freien Künstler arbeitenden)
dem als freier Künstler arbeitenden Mann (nicht: als freiem Künstler arbeitenden)
des als freier Künstler arbeitenden Mann (nicht: als freien Künstlers arbeitenden)

Und mit wie funktioniert es übrigens genau gleich:

Der Filmregisseur arbeitet wie ein Besessener.

dem wie ein Besessener arbeitenden Filmregisseur

Das Tier sieht wie ein Mammut aus.

eines wie ein Mammut aussehenden Tieres

Wenn wir als Muttersprachige nicht in Regeln denken, geht es hier zum Glück meistens automatisch gut. Falls Sie aber wegen dieser als kompliziertes Phänomen geltenden als-Gruppe wieder einmal unsicher werden, können Sie auch hier nachschauen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Als wer oder wen gibt man sich aus?

Wenn es nicht um die Rechtschreibung geht, gehören mit als eingeleitete Wortgruppen zu den größten Fragenlieferanten! In welchem Fall steht die als-Gruppe? Hier wieder einmal ein Spezialfall: als und reflexive Verben:

Frage

Ist in folgendem Satz der Nominativ „ich“ oder der Akkusativ „mich“ richtig?

Er hat sich als ich ausgegeben.
Er hat sich als mich ausgegeben

Antwort

Guten Tag H.,

Wenn eine als-Gruppe wie hier von einem reflexiven Verb abhängig ist, steht sie gewöhnlich im Nominativ und nicht wie das Reflexivpronomen im Akkusativ:

Der Mann spielte sich gern als großer Gönner auf.
Wie stellt man sich als neuer Nachbar vor?
Du siehst dich wohl als der Retter des Universums.
Er gibt sich als ihr bester Freund aus.

Die als-Gruppe bezieht sich also auf das Subjekt und nicht auf das Reflexivpronomen.

Nur noch selten (nicht mehr bei echten reflexiven Verben) wird auch der Bezug auf das Reflexivpronomen gemacht. Dann steht der Akkusativ:

Du siehst dich wohl als den Retter des Universums.
Er gibt sich als ihren besten Freund aus.

Siehe auch hier.

Das beantwortet Ihre Frage aber noch nicht ganz. Wenn die als-Gruppe ein Personalpronomen ist, scheint die Lage etwas anders zu sein. Dann kommt bei reflexiv verwendeten Verben der Akkusativ häufiger vor:

Er gibt sich als mich aus.

Der Nominativ ist aber auch möglich:

Er gibt sich als ich aus.

Und wenn Sie einmal gar nicht mehr wissen, was nun möglich ist: Die Unsicherheit lässt sich hier elegant mit für umgehen:

Er gibt sich für mich aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf wen bin ich eifersüchtig?

Es würde zu weit führen, wenn ich behauptete, dass ich zu allen Zeiten und in allen Lebenslagen gegen Eifersucht gefeit bin, doch zurzeit bin ich mir keinerlei eifersüchtiger Gefühle bewusst. Es geht hier nicht um persönliche Bekenntnisse eines eifersüchtigen Linguisten und auch nicht um eine genaue Definition des Begriffs Eifersucht. Es geht um J.s Frage, auf die ich zu meinem Erstaunen keine klare und eindeutige Antwort finden konnte: Wenn man Gefühle der Eifersucht hegt, auf wen ist man dann eifersüchtig?

Frage

Ich würde gern wissen, wie man „eifersüchtig auf jemanden“ korrekt benutzt und ob das in anderen Sprachen (z. B. im Italienischen) ebenso verwendet wird. Ein Beispiel: Ich (als Mann) habe eine Freundin und merke, dass mein Bruder anfängt, mit meiner Freundin zu flirten. Bin ich dann eifersüchtig auf meine Freundin oder auf meinen Bruder? […]

Antwort

Guten Tag J.,

das Adjektiv eifersüchtig wird vor allem im Sinne von neidisch mit auf verwendet. Wenn es hingegen um die Furcht geht, jemandes Liebe mit einer anderen Person teilen zu müssen, kommt auf nicht häufig vor. Wenn ich sehe, dass mein Bruder anfängt, mit meiner Freundin zu flirten, werde ich eifersüchtig, reagiere ich eifersüchtig, bin ich eifersüchtig. Wenn hier überhaupt eine Person mit auf angeführt wird, ist das Deutsche sehr inkonsequent: Ich bin eifersüchtig auf meine Freundin oder ich bin eifersüchtig auf meinen Bruder. Beides kommt vor. Ich finde auch keine Definition, die eine der beiden Varianten ausschließen würde.

Auch beim mit neidisch verwandten eifersüchtig gibt es mehr als eine Gebrauchsvariante. Der große Bruder kann eifersüchtig auf die kleine Schwester sein, weil sie viel Aufmerksamkeit von der Mutter erhält. Man kann aber auch sagen, dass er eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit ist, die die kleine Schwester von der Mutter erhält. Noch ein Beispiel der syntaktischen Vielseitigkeit von eifersüchtig:

  • eifersüchtig sein, weil andere Leute Erfolg haben
  • eifersüchtig auf andere Leute sein, weil sie Erfolg haben
  • eifersüchtig auf den Erfolg anderer Leute sein

Wenn eifersüchtig mit auf steht, können in Liebes- und anderen Dingen nur Wortbedeutung und Kontext klären, was genau gemeint ist. (Erstaunlicherweise scheint dies meistens gut zu funktionieren, denn sonst hätte sich hier wohl eine klarere Regel ergeben.) Ich kann auf meinen Bruder eifersüchtig sein, weil er mit meiner Freundin flirtet. Ich kann auf meine Freundin eifersüchtig sein, weil ich nicht will, dass jemand anders mit ihr flirtet. Ich kann daneben auch noch eifersüchtig auf meinen Bruder sein, weil er eine tolle Freundin hat und ich keine. Ich bin dann auf seine Freundin eifersüchtig …

Ich wage es nicht anzugeben, wie dieses Adjektiv in anderen Sprachen verwendet wird. Wenn die Situation auch nur annähernd so komplex ist wie im Deutschen, ist muttersprachige Expertise gefragt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Viel zu tun und viel zu erzählen haben

Frage

Der Satz „Ich habe etwas zu erledigen“ bedeutet, dass ich etwas erledigen muss. Der Satz „Ich habe etwas zu erzählen“ bedeutet, dass ich etwas erzählen kann. […] Die Satzkonstruktion ist gleich, aber der Sinn verschieden. Wieso ist das so?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

die Wendung zu+Infintiv+haben hat oft die Funktion eines Modalverbs. Mit welchem Modalverb sie ausgedrückt werden kann, ist tatsächlich nicht so klar. Sie kann eine Notwendigkeit ausdrücken:

Ich habe noch viel zu tun = Ich muss noch viel tun.

Sie kann aber auch eine Möglichkeit ausdrücken:

Wer viel reist, hat viel zu erzählen = Wer viel reist, kann viel erzählen.

Mit etwas zu _en haben wird also gesagt: etwas _en müssen oder etwas _en können. Eine weitere Bedeutung hat die Wendung, wenn sie verneint ist:

Sie haben nicht viel zu tun = Sie müssen nicht viel tun.
Sie haben nichts zu erzählen = Sie können nichts erzählen.
Sie haben sich hier nicht zu äußern = Sie dürfen sich hier nicht äußern.

Siehe auch hier.

Ob mit der Formulierung Notwendigkeit oder Möglichkeit ausgedrückt wird, ergibt sich erst aus dem Kontext. Es ist ihr nicht von vornherein eine genaue Bedeutung zuzuordnen. Damit ist diese Formulierung tatsächlich nicht so einfach für Deutschlernende. Ähnliches gibt es aber nicht nur im Deutschen. Zum Beispiel:

de: Ich habe viel zu tun.
nl: Ik heb veel te doen.
en: I have a lot do to.
fr: J’ai beaucoup à faire
it: Ho molto da fare.

de: Ich habe viel zu erzählen.
nl: Ik heb veel te vertellen.
en: I have a lot to tell.
fr: J’ai beaucoup à raconter.
it: Ho molto da raccontare.

Nicht allen Deutschlernenden dürfte diese Konstruktion also gleich viele Schwierigkeiten bereiten.

Die Antwort auf die Frage, wie genau wir es schaffen, jeweils problemlos den richtigen modalen Aspekt einer so formulierten Äußerung zu erkennen, muss ich Ihnen leider schuldig bleiben. Manchmal frage ich mich einfach, wie wir es bei so viel Mehrdeutigkeit überhaupt schaffen, einander auch nur annähernd zu verstehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Unser beider Frauen und unsere beiden Frauen

Frage

Sind die folgenden beiden Sätze richtig und gleichbedeutend?

Wir kommen mit unser beider Frauen.
Wir kommen mit unseren beiden Frauen.

Antwort

Guten Tag H.,

beide Sätze sind (grammatisch) richtig, auch wenn der erste eher etwas gehoben/antiquiert wirkt. Die Bedeutung der beiden Äußerungen ist nicht ganz dieselbe. Unser kulturelle Kontext macht es aber relativ schwierig, den Unterschied klar aufzuzeigen. Wenn Frau und Mann mit meine, dein oder unsere stehen, ist in unserem Kulturkreis meistens von Paaren die Rede. Deshalb werden viele den beiden oben stehenden Sätzen die gleiche Bedeutung zuordnen: Wir kommen beide mit Partnerin.

Mit Hilfe eines anderen Beispiels lässt sich besser aufzeigen, worin die beiden Formulierungen sich unterscheiden. Bei Hunden und Herrchen oder Frauchen liegt das zahlenmäßige Verhältnis viel weniger stark bei eins zu eins. (NB: Auch die Art des mit unser ausgedrückten Verhältnisses ist anders!)

a) unser beider Hunde = die Hunde, die uns beiden gehören

In Satz a) bezieht sich beider auf unser. Es geht also um zwei „Besitzende“ und um mehrere Hunde. Über die Zahl der Hunde wird nichts gesagt. Die beiden Hundebesitzenden können zwei, drei oder mehr Hunde haben.

b) unsere beiden Hunde = die beiden Hunde, die uns gehören

In Satz b) bezieht beiden sich auf Hunde. Es geht also um zwei Hunde. Darüber, wie viele wir sind, wird nichts gesagt. Die Hundebesitzenden können auch mehr als zwei Personen sein, zum Beispiel eine mehrköpfige Familie.

Nur wenn es um zwei Hunde und um zwei Besitzende geht, sind sowohl a) als auch b) mögliche Formulierungen.

Keine der beiden Formulierungen klärt übrigens die Besitzverhältnisse eindeutig: Es ist nicht klar, ob die Hunde gemeinsam den gleichen Personen gehören oder ob jeder Hund ein eigenes Herrchen oder Frauchen hat.

Kommen wir nun wieder auf die Formulierungen in Ihrer Frage zurück:

c) unser beider Frauen = die Frauen, zu denen wir beide gehören

In Satz c) sind Frauen gemeint, zu denen wir beide gehören. Wir sind zu zweit. Die Anzahl der Frauen ist nicht bestimmt. Wir könnten zum Beispiel zwei Personen und die Frauen deren (erwachsene) Töchter sein.

d) unsere beiden Frauen = die beiden Frauen, zu denen wir gehören

In Satz d) hingegen geht es um zwei Frauen. Wie viele Personen wir sind, ist nicht näher bestimmt. Wenn wir im klassischen Kontext bleiben, könnten wir zum Beispiel ein Vater mit seinen Söhnen und die Frauen die Frau/Mutter und die Tochter/Schwester sein.

Nur wenn von zwei Personen in Verbindung mit  zwei (anderen) Frauen die Rede ist, sind sowohl c) als auch d) mögliche Formulierungen. Das klingt nun alles sehr uneindeutig, und das ist es ohne Kontext auch. Normalerweise erschließt sich aber aus dem weiteren Zusammenhang mehr oder weniger eindeutig, um wie viele Personen in Begleitung wie vieler (anderer) Frauen es geht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp