Von »guten Mutes« über »jedes/jeden Kommentars« zu »dieses Jahres«

Frage

Heißt es „sich jedes Kommentars enthalten“ oder „sich jeden Kommentars enthalten“?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

Zweifelsfälle sind oft deshalb Zweifelsfälle, weil es mehr als eine korrekte Formulierung gibt. Das ist auch hier so, denn beides ist möglich (vgl. hier):

Sie wurden gebeten, sich jeden Kommentars zu enthalten.
Sie wurden gebeten, sich jedes Kommentars zu enthalten.

Vor männlichen und sächlichen Substantiven kann das Indefinitpronomen jeder sowohl mit der Endung es als auch mit der schwachen Endung en stehen. Dies gilt aber nur dann, wenn das Substantiv die Genitivendung es oder s hat:

sich jedes/jeden Kommentars enthalten
im Leben jedes/jeden Mannes
die Erfüllung jedes/jeden Wunsches

aber nur

im Leben jedes Menschen
das Mandat jeder und jedes Abgeordneten

Nach eines steht dahingegen immer jeden:

im Leben eines jeden Mannes
das Mandat einer und eines jeden Abgeordneten

Hier zeigt sich eine interessante Tendenz in der deutschen Sprache: Bei den Endungen sind wir sparsam. Es reicht im Prinzip, den Genitiv nur einmal anzugeben. Deshalb wird dann, wenn schon ein s-Genitiv (Genitivendung es oder s) steht, häufig auf die schwache Endung en ausgewichen.

im Leben jeden Mannes
im Leben eines jeden Menschen

Der Genitiv muss aber einmal angegeben werden. Wenn sonst kein s-Genitiv vorhanden ist, muss die Endung es verwendet werden:

im Leben jedes Menschen

Dieser Ersatz der Endung es ist bei den Adjektiven am weitesten fortgeschritten: Sie haben die Genitivendung es im heutigen Deutsch aufgegeben. Während man früher noch voll süßes Weines (Luther), gutes Muthes und heutiges Tages sagte, heißt es heute nur noch voll süßen Weines, guten Mutes und heutigen Tages.

Gegenpol sind hier der bestimmte und der unbestimmte Artikel, bei denen der Ersatz von es auch heute noch unmöglich ist:

im Leben des/eines Mannes
sich des/eines Kommentars enthalten.

Zwischen den Adjektiven und den Artikeln stehen die Pronomen. Viele von ihnen haben Merkmale beider Wortklassen, das heißt, manche verhalten sie sich eher wie Artikelwörter und manche eher wie Adjektive. Das zeigt sich auch in diesem Fall: Einige Pronomen lassen wie die Adjektive den Ersatz von es im Genitiv zu, bei anderen ist dies wie bei den Artikeln (noch) nicht möglich. Die folgende Aufstellung soll diese Situation anhand einiger Beispiele aufzeigen:

Adjektive nur mit en

guten Mutes sein
eine Quelle großen Vergnügens

Pronomen nur mit en

die Ursache solchen Unbehagens
im Leben desselben Mannes (das es versteckt sich allerdings in des…)

Pronomen mit en oder es (vgl. hier)

die Ursache allen Übels
das Schicksal alles Menschlichen

Im Leben jedes/jeden Mannes
im Leben jedes Menschen

die Lösung manchen Rätsels
ein großer Wunsch manches Menschen

die Eltern welches/welchen Kindes
die Abenteuer welches Helden

Pronomen nur mit es

am Ende meines Lebens
Anfang dieses Monats
am Ende jenes Sommers

Artikel nur mit es

die Eltern des Kindes
im Leben eines Mannes

Es gibt also eine Tendenz, die Endung es dort aufzugeben, wo bereits ein s-Genitiv steht. Während dies bei den Adjektiven durchgehend der Fall ist, leisten die Artikel noch erfolgreich Widerstand. Die Pronomen stehen irgendwo dazwischen.

Ganz schön zeigt sich diese Entwicklung beim bekannten Beispiel dieses Jahres. Vor allem bei Zeitangaben setzt sich immer mehr diesen und jenen statt dieses und jenes durch:

Anfang diesen Monats wie z. B. Anfang nächsten Monats
am Ende jenen Jahres wie z. B. am Ende manchen Jahres

Statt standardsprachlich richtig:

Anfang dieses Monats
am Ende jenes Jahres

Wie man oben sieht, sind die Formen diesen Monats und jenen Jahres nicht einfach unerklärliche Nachlässigkeiten, sondern die Folge einer Entwicklung, die offenbar noch nicht abgeschlossen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So viele Konjunktive!?

Frage

Was hat es mit dem Konjunktiv Plusquamperfekt auf sich? Ich bin da über ein Beispiel gestolpert (der Satz ist nicht von mir):

Hätte ich die Wäsche bügeln können, wenn du sie aufgehängt hättest?

„Hätte ich die Wäsche bügeln können“ wird als Konjunktiv Plusquamperfekt bezeichnet. Für mich ist das nichts anderes als ein ganz normaler Konjunktiv 2 (mit Modalverb in diesem Fall). Ich verstehe nicht, warum das Konjunktiv Plusquamperfekt sein soll.

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

bei den Namen für grammatische Phänomene ist vieles oft nicht ganz so klar, wie wir es gerne hätten. Das ist auch bei etwas – auf den ersten Blick – so Einfachem wie den Namen für die Konjunktivformen des Verbs der Fall: Es werden mehr Namen verwendet, als es Formen gibt.

Einerseits gibt es die „klassischen“ Namen, die sich rein an der Form orientieren und oft wenig bis nichts mit der eigentlichen Verwendung der Formen zu tun haben. Dazu gehört der Name Konjunktiv Plusquamperfekt. Daneben gibt es die Begriffe Konjunktiv I und Konjunktiv II. Sie umfassen jeweils eine bestimmte Gruppe von Verbformen, die in bestimmten Zusammenhängen und Satzarten verwendet werden: der Konjunktiv I zum Beispiel in der indirekten Rede, der Konjunktiv II zum Ausdruck von allerlei „Irrealem“ (siehe hier).

Man kann die „klassischen“ Namen wie folgt über die Begriffe Konjunktiv I und II verteilen:

Konjunktiv I
Konjunktiv (I) Präsens: er gehe / er spreche
Konjunktiv (I) Perfekt: er sei gegangen / er habe gesprochen
Konjunktiv I Futur I: er werde gehen / er werde sprechen
Konjunktiv I Futur II: er werde gegangen sein / er werde geprochen haben

Konjunktiv II
Konjunktiv (II) Präteritum: er ginge / er spräche
Konjunktiv (II) Plusquamperfekt: er wäre gegangen / er hätte gesprochen
würde-Formen

Konjunktiv II Futur I: er würde gehen / er würde sprechen
Konjunktiv II Futur II: er würde gegangen sein / er würde gesprochen haben

Wenn keine weiteren Angaben gemacht werden, ist übrigens mit Konjunktiv I häufig einfach der Konjunktiv Präsens (er gehe) und mit Konjunktiv II einfach der Konjunktiv Präteritum (er ginge) gemeint.

Eine andere Art, die Zeitformen zu benennen, die im Unterricht häufiger verwendet wird, ist diese:

Konjunktiv I Gegenwart: er gehe / er spreche
(= Konjunktiv Präsens)
Konjunktiv I Vergangenheit: er sei gegangen / er habe gesprochen
(= Konjunktiv Perfekt)
Konjunktiv I Zukunft: er werde gehen / er werde sprechen
(= Konjunktiv I Futur I)

Konjunktiv II Gegenwart: er ginge / er spräche
(= Konjunktiv Präteritum)
Konjunktiv II Vergangenheit: er wäre gegangen / er hätte gesprochen
(= Konjunktiv Plusquamperfekt)

Ersatzformen mit „würde“
würde-Form Gegenwart: er würde gehen / er würde sprechen
(= Konjunktiv II Futur I)
würde-Form Vergangenheit: er würde gegangen sein / er würde gesprochen haben
(= Konjunktiv II Futur II)

Die würde-Formen sind meist Ersatzformen für die „eigentlichen“ Konjunktiv-II-Formen. Sie werden im heutigen Deutschen immer häufiger verwendet und einige bezeichnen sie bereits als Konjunktiv III.

So viele Namen und so viele Formen! Viel einfacher kann ich es leider auch nicht machen, aber wenn man sich nicht allzu sehr durch die Vielfalt der Namen beeindrucken lässt, ist es gar nicht so kompliziert. Ein ganz anderes Kapitel ist natürlich die Verwendung des Konjunktivs. Doch davon soll hier nicht auch noch die Rede sein, denn dann wird es wirklich kompliziert!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Grenzfall der Konjugation: Wenn ich oder mein Kind krank …

Wenn ein Satz ein mehrteiliges Subjekt hat und die Subjektteile mit oder verbunden sind, wird es oft ziemlich holprig. Das findet auch Frau G.

Frage

Wer kann mir weiterhelfen, wie ich folgenden Nebensatz richtig formuliere?

Wenn ich oder mein Kind krank ist …

Mich stört hier das Verb „ist“, würde in diesem Fall auch „sind“ passen?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

die Form sind ist hier nicht üblich. Sie steht dann, wenn die beiden Teile des Subjekts mit und verbunden sind:

Wenn ich und mein Kind (= wir) krank sind …

Wenn die Subjekteile mit oder verbunden sind, ist diese Zusammenziehung zu wir nicht möglich.

Möglich ist die Form ist:

Wenn ich oder mein Kind krank ist …

Bei einer solchen Verbindung mit oder richtet sich das Verb in der Regel nämlich nach dem Subjektteil, der ihm am nächsten steht. Weitere Beispiele:

Wenn deine Schwester oder du etwas gesagt hättest …
Wenn du oder deine Schwester etwas gesagt hätte …

Sie oder Ihr Rechtsvertreter wird rechtzeitig informiert.
Ihr Rechtsvertreter oder Sie werden rechtzeitig informiert.

Solche Sätze klingen aber oft ziemlich seltsam oder unnatürlich. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Verbform ist des Beispielsatzes in Ihrer Frage Sie stört. Aus diesem Grund ist es oft besser, auf eine andere Formulierung auszuweichen. Zum Beispiel:

Wenn jemand von uns – ich oder mein Kind – krank ist …
Wenn ich krank bin oder mein Kind es ist …

Wenn eine von euch, du oder deine Schwester, etwas gesagt hätte …
Wenn du und deine Schwester nicht geschwiegen hätten …

Man wird Sie oder Ihren Rechtsvertreter rechtzeitig informieren.
Wir informieren Sie oder Ihren Rechtsvertreter rechtzeitig.

Siehe auch diese Seite unter „Zwei verschiedene Personen mit oder“.

Manchmal stößt man in der Grammatik an die Grenzen des Möglichen. Die Regel kennen ist dann gut, flexibel und einfallsreich formulieren aber besser!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Für sich selbst oder für einen selbst?

Frage

Wie wird am besten und vor allem richtig formuliert?

Als Kissen ist es ein wunderbares Geschenk für andere oder für einen selbst.

oder

Als Kissen ist es ein wunderbares Geschenk für andere oder für sich selbst.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

richtig ist hier einen:

Als Kissen ist es ein wunderbares Geschenk für andere oder für einen selbst.

Das Reflexivpronomen sich wird dann verwendet, wenn es mit dem Subjekt des Satzes identisch ist. Das Subjekt ist hier aber nicht man, sondern es (das Kissen). Deshalb steht nicht das Reflexivpronomen sich, sondern das Indefinitpronomen einen. Der Akkusativ einen vertritt hier man, das ja nur im Nominativ verwendet werden kann.

Das heißt jetzt aber nicht, dass unpersönliches für sich selbst immer vermieden werden sollte. Ganz im Gegenteil! Man verwendet in unpersönlichen Formulierungen dann sich selbst, wenn auch bei persönlichen Formulierungen sich selbst steht, also wenn es mit dem Subjekt identisch ist:

Er kauft das Kissen für sich selbst.
Sie kauft das Kissen für sich selbst.
Man kauft das Kissen für sich selbst.

In unpersönlichen Formulierungen steht dann einen selbst (oder im Dativ einem selbst) wenn in persönlichen Formulierungen das Personalpronomen steht:

Es ist ein wunderbares Geschenk für andere oder für ihn selbst.
Es ist ein wunderbares Geschenk für andere oder für sie selbst.
Es ist ein wunderbares Geschenk für andere oder für einen selbst.

Er behält es, weil es ihm selbst so gut gefällt …
Sie behält es, weil es ihr selbst so gut gefällt …
Man behält es, weil es einem selbst so gut gefällt …

… und weil er/sie/man sich selbst ja sonst nichts gönnt.

Zum Schluss noch eine Bemerkung ganz anderer Art: Es ist im Rahmen einer geschlechtergerechteren Formulierung immer wieder überlegenswert, ob es nicht auch anders als mit den männlichen Formen einen und einem gesagt werden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dasselbe ist meist auch das Gleiche

Vor allem aus dem Bereich Deutsch als Fremdsprache erreichen mich immer wieder Fragen zu demselben / zum gleichen Thema. Das liegt aus meiner Sicht vor allem daran, dass einige hier etwas zu einer strengen Regel erheben, was in Wirklichkeit gar nicht so streng gehandhabt wird. Ich werde versuchen, hier anhand einer schon etwas älteren Frage „ein für allemal“ Klarheit zu verschaffen (was mir natürlich nicht gelingen wird):

Frage

Sprechen Rumänen und Moldawier die gleiche oder dieselbe Sprache? Gibt es einen Unterschied zwischen „das Gleiche“ und „dasselbe“?

Antwort

Sehr geehrte Frau A.,

mit der/die/das gleiche drückt man Identität aus:

Er trägt das gleiche T-Shirt wie gestern.
Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft.
Sie geht in die gleiche Schule wie Maria.
Ich kaufe das gleiche Smartphone wie du.
Rumänen und Moldawier sprechen die gleiche Sprache.

Mit derselbe/dieselbe/dasselbe drückt man ebenfalls Identität aus, aber meist „nur“ Identität des Einzelnen, also wenn es um ein und dasselbe geht:

Er trägt dasselbe T-Shirt wie gestern.
Sie geht in dieselbe Schule wie Maria.
Rumänen und Moldawier sprechen dieselbe Sprache.

Man verwendet derselbe/dieselbe/dasselbe eher nicht, wenn es um Identität der Art geht:

besser nicht: Sie haben beide dasselbe T-Shirt gekauft.
sondern: Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft.

besser nicht: Ich habe dasselbe Smartphone in Weiß.
sondern: Ich habe das gleiche Smartphpone in Weiß.

Faustregel: Der/die/das gleiche X geht immer, derselbe/dieselbe/dasselbe X bei Identität des Einzelnen. Wenn Sie unsicher sind, was Sie nehmen sollen, wählen Sie besser der/die/das gleiche X, das ist fast immer richtig.

Das ist aber nicht ganz alles: Wenn es zu Missverständnissen kommen kann, drückt der/die/das gleiche besser die Identität der Art und derselbe/dieselbe/dasselbe besser die Identität des Einzelnen aus:

Sie fahren beide denselben Wagen (= ein Auto, in dem beide fahren)
Sie fahren beide den gleichen Wagen (= zwei Autos der gleichen Marke)

Da in Ihrem Beispiel kein solches Missverständnis entstehen kann, können Sie sowohl dieselbe Sprache also auch die gleiche Sprache verwenden:

Rumänen und Moldawier sprechen dieselbe / die gleiche Sprache.

So und ähnlich sehen dies u. a. LEOs deutsche Grammatik, DWDS und die Dudengrammatik (8. Aufl., 2009, Randnr. 382).

ABER: Es gibt auch Grammatiken, die den Sonderfall zur allgemeinen Regel erheben und behaupten, dass man immer unterscheiden müsse, das heißt, dass man das gleiche X ausschließlich bei Identität der Art verwenden dürfe. Nach diesen Grammatiken, die noch häufig im Fremdsprachenunterricht verwendet werden, dürfte man also nur dieselbe Sprache sagen.

Die strenge Unterscheidung zwischen dasselbe und das gleiche kann noch relativ gut bei Kleidern und Autos, also den Standardbeispielen angewandt werden. Bei abstrakten Begriffen wie zum Beispiel Gefühlen, Gedanken und Vorstellungen grenzt es aber oft ans Philosophische, diese Unterscheidung machen zu wollen. Bei den folgenden Beispielen ist der Unterschied nur nach längerer Denkarbeit oder gar nicht zu erklären:

im selben Moment
im gleichen Moment

Ich habe dieselbe Geschichte schon einmal gehört.
Ich habe die gleiche Geschichte schon einmal gehört.

Sie hatten beide dieselbe Idee.
Sie hatten beide die gleiche Idee.

Wir sind zu derselben Schlussfolgerung gekommen.
Wir sind zur gleichen Schlussfolgerung gekommen.

Du sagst jeden Tag dasselbe.
Du sagst jeden Tag das Gleiche.

Die strenge Unterscheidung dasselbe – das gleiche ist künstlich und in vielen Bereichen auch sehr unpraktisch. Statt dasselbe X kann – auch im Standarddeutschen – das gleiche X stehen. Das kommt auf dasselbe oder eben aufs Gleiche heraus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Genitiv lebt dank Analogie

Frage

Vielleicht  können sie mir auch heute helfen. Steht „dank“ mit Dativ oder Genitiv. Hier ist eine Diskussion entstanden, richtig ist ja wohl  beides, aber was ist geläufiger? Zum Beispiel:

Feuchtigkeitsschutz dank innovativen Sensors
Feuchtigkeitsschutz dank innovativem Sensor

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

im Standarddeutschen kann die Präposition dank sowohl mit dem Dativ als auch mit dem Genitiv stehen:

Feuchtigkeitsschutz dank innovativem Sensor
Feuchtigkeitsschutz dank innovativen Sensors

Der Genitiv kommt vor allem im Plural häufiger vor:

Feuchtigkeitsschutz dank innovativer Sensoren
auch: Feuchtigkeitsschutz dank innovativen Sensoren

Der Dativ lässt sich durch die Herkunft der Präposition erklären. Sie ist eigentlich eine Verkürzung der Wendung Dank sei:

Dank sei ihrem Einfluss → dank ihrem Einfluss

Der Genitiv ist hier aber dabei, den Dativ zu verdrängen. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass bei anderen Präpositionen dieser Art der Genitiv üblich ist. Zum Beispiel:

kraft ihres Amtes
statt schöner Worte
zeit seines Lebens

Bei diesen Wendungen lässt sich der Genitiv ebenfalls durch die jeweils zugrundeliegende Wendung erklären (durch die Kraft ihres Amtes; an der Statt schöner Worte; in der Zeit seines Lebens). All diese Präpositionen haben sich aber stark von der ursprünglichen Formulierung gelöst, was unter anderem an der Kleinschreibung zu sehen ist. Das gab dem Genitiv die Möglichkeit, sich auch nach dank einzunisten, und zwar so gründlich, dass er heute auch standardsprachlich als korrekt (oder sogar als Vorzugsvariante) gilt.

Richtig ist also beides. Wenn es darum geht, ob die Verfechter des Genitivs oder die dem Dativ treu Gebliebenen recht haben, ist das Resultat ein Unentschieden. Siehe auch hier.

Eine eindeutige, fundierte Antwort auf die Frage, was geläufiger ist, kann ich hier leider nicht geben. Seit es üblich ist, den Untergang des Genitivs heraufzubeschwören (oder hat sich das schon wieder gelegt?) neigen viele dazu, den Dativ zu vermeiden, wenn sich auch nur der leiseste Zweifel meldet. Das dürfte stark zur weiteren Verbreitung des Genitivs nach dank beitragen. Etwas Ähnliches ist übrigens der Präposition trotz geschehen: Mittlerweile steht trotz sehr häufig mit dem Genitiv, obwohl es ursprünglich den heute standardsprachlich gerade noch tolerierten Dativ verlangte.

Wie man sieht, kommt man mit logischen und historischen Argumenten nicht immer sehr weit. Was ist richtig(er): der „historische“ Dativ oder der „analoge“ Genitiv? Richtig ist letzlich, was üblich ist. Das ist nach „dank“ (vorläufig noch?) beides.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine Stunde hochnotpeinlichen Verhörs

Frage

Wie schreibt man korrekt: „nach einer Stunde hochnotpeinlichem Verhör“ oder „nach einer Stunde hochnotpeinlichen Verhörs“?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

beides ist möglich. Es handelt sich hier um eine Maß- oder Mengenangabe im weiteren Sinne. Wenn das Gemessene wie hier ein Singular ist, steht es im heutigen Deutschen in der Regel im gleichen Fall wie die Maß- oder Mengenangabe. Das ist hier der von nach geforderte Dativ:

eine Stunde hochnotpeinliches Verhör
nach einer Stunde hochnotpeinlichem Verhör

Es ist ebenfalls möglich, den sogenannten partitiven Genitiv zu verwenden:

eine Stunde hochnotpeinlichen Verhörs
nach einer Stunde hochnotpeinlichen Verhörs

Der Genitiv gilt hier allerdings als veraltet. In diesem Fall passt er stilistisch aber recht gut zum ebenfalls altertümlich anmutenden Wort hochnotpeinlich. Siehe auch die Angaben in der Canoonet-Grammatik.

Mir stellt sich hier noch eine ganz andere Frage. Woher kommt hochnotpeinlich? Bei der heutigen, in der Regel scherzhaft gemeinten Verwendung bedeutet es so viel wie sehr streng. Ein hochnotpeinliches Verhör ist ein sehr strenges Verhör, hochnotpeinliche Fragen sind sehr strenge Fragen.

Historisch gesehen war  hochnotpeinlich aber noch viel strenger als das, was wir heute unter sehr streng verstehen: Ein hochnotpeinliches Gericht war ein Gericht, das über schwere Verbrechen urteilte und die Todesstrafe verhängen konnte.

Wie kam das Gericht zu dieser Beifügung? Das Adjektiv peinlich gehört zu Pein (Strafe, Qual, Schmerz). Etwas Peinliches hatte mit Strafe und Schmerz zu tun. Das Adjektiv kam insbesondere in der Rechtssprache vor, wo es die Bedeutung mit Folterschmerzen verbunden hatte. Peinliche Fragen sind auch heutzutage unangenehm, aber im 16. Jahrhundert waren sie zweifellos noch viel unangenehmer: Peinliche Fragen waren nämlich Fragen, die unter Androhung oder Anwendung der Folter gestellt wurden.

Peinlich war also mit Folter verbunden. Die Verstärkung hochpeinlich oder notpeinlich bezog sich auf verschärfte Folter und eine Steigerungsstufe weiter sind wir bei hochnotpeinlich angelangt. Es war also eindeutig vorzuziehen, nicht vor einem hochnotpeinlichen Gerichte erscheinen zu müssen! Deshalb schrieb Gottfried August Bürger in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Ballade „Der Kaiser und der Abt“, wenn auch bereits eher scherzhaft  (von ihm stammt auch eine der bekanntesten Fassungen der „Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“):

Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität [Beklemmung],
Der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht.

Ein hochnotpeinliches Verhör im 16. Jahrhundert war also um einiges schmerzhafter als das, was man heute scherzhaft als ein hochnotpeinliches Verhör bezeichnet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Über das Weglassen gemeinsamer Adjektive

Heute geht es um eine Frage, der viele beim Verfassen von Reklametexten, Produktbeschreibungen und Ähnlichem begegnen – und die auch das geschlechtergerechte Formulieren im Deutschen ziemlich umständlich machen kann.

Frage

Ich wollte wissen, wie man ein Adjektiv handhabt, das sich auf zwei Substantive mit verschiedenem Genus bezieht. Soll das Adjektiv dann im Plural oder Singular stehen. Das Beispiel ist: „mit Stoff oder Leder bezogene/r Sitz und Rückenlehne“.

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

es ist nicht möglich, in dieser Weise zu formulieren. Wenn zwei Substantive nicht in Genus (Geschlecht) und Numerus (Zahl) übereinstimmen, kann ein gemeinsames Attribut oder ein gemeinsamer Begleiter nicht weggelassen werden. Das bedeutet, dass ein vorangestelltes Adjektiv sich nur dann auf zwei Substantive beziehen kann, wenn diese das gleiche Genus und den gleichen Numerus haben. Mehr dazu finden Sie hier.

Diese Bedingung ist in Ihrem Beispiel nicht erfüllt: Sitz ist männlich und Rückenlehne ist weiblich. Das adjektivische Partizip bezogen… kann sich also nicht auf beide Substantive beziehen.

nicht: mit Stoff oder Leder bezogener Sitz und Rückenlehne
nicht: mit Stoff oder Leder bezogene Sitz und Rückenlehne

nicht: graues Armaturenbrett und Türverkleidungen
nicht: graue Türverkleidungen und Armaturenbrett

Sie müssen deshalb umformulieren. Zum Beispiel:

mit Stoff oder Leder bezogener Sitz und mit Stoff oder Leder bezogene Rückenlehne
Sitz und Rückenlehne sind mit Stoff oder Leder bezogen
Sitz und Rückenlehne mit Stoff oder Leder bezogen

graues Armaturenbrett und graue Türverkleidungen
Armaturenbrett und Türverkleidungen grau

Wenn das nicht möglich ist, können Sie eventuell mit Schrägstrichen, Klammern o. Ä. arbeiten (wovon ich aber abraten würde):

Mit Stoff oder Leder bezogene(r) Sitz und Rückenlehne

Die Einschränkung, dass ein vorangestelltes Adjektiv oder Artikelwort sich nicht auf zwei Substantive mit unterschiedlichem Genus beziehen kann, macht es oft so schwierig, eine elegant kurze Formulierung zu finden, wenn es um Frauen und Männer geht.

Sehr geehrte Frau Müller und sehr geehrter Herr Müller
nicht: sehr geehrte Frau Müller und Herr Müller
nicht: sehr geehrte Herr und Frau Müller

Liebe Anna, lieber Tom
Nicht: Liebe Anna und Tom

Letzteres wäre nicht so nett für Tom, denn auf ihn kann das Adjektiv liebe sich eigentlich nicht beziehen.

jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer
nicht: jede Teilnehmerin und Teilnehmer

Suche einen jungen Mitarbeiter oder eine junge Mitarbeiterin
nicht: Suche einen jungen Mitarbeiter oder Mitarbeiterin

Hier kann es häufig hilfreich sein, dass die oben genannte „Übereinstimmungsregel“ nicht ganz vollständig formuliert ist. Das gemeinsame Attribut kann nämlich dann trotzdem weggelassen werden, wenn es vor beiden Substantiven dieselbe Form hat.** Das ist insbesondere im Plural der Fall, wo Adjektive in allen drei Genera gleich dekliniert werden. Deshalb wird oft auf den Plural ausgewichen, wenn einfacher formuliert werden soll:

alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer
alle Teilnehmenden

Mit freundlichen Grüßen (auch an die geschätzten Leserinnen und Leser dieses Blogs)

Dr. Bopp

** Man kann diese Einschränkung also vereinfachen, indem man rein formal formuliert: Gemeinsame Attribute und Begleiter können nicht weggelassen werden, wenn sie nicht vor beiden Substantiven die gleiche Form haben.

Der Fall in »der Meinung sein«

Heute schon wieder der Fall eines ungewöhnlichen Falles:

Frage

Dürfte ich eine Frage stellen:

Ich bin der Meinung, dass …

In welchem Fall steht „der Meinung“? Genitiv oder Dativ? Ich bin mir nämlich nicht sicher, welcher der beiden folgenden Sätze richtig ist:

Diese Meinung, deren ich nicht bin, wird häufig vertreten. (Gen.)
Diese Meinung, der ich nicht bin, wird häufig vertreten. (Dat.)

Der zweite klingt besser, aber auch irgendwie nicht ganz richtig. Oder ist keine dieser Formulierungen korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

keine der beiden Formulierungen klingt wirklich richtig, weil keine von ihnen wirklich richtig ist. In der Wendung der Meinung sein steht Meinung im Genitiv. Es handelt sich um einen prädikativen Genitiv, d.h. um einen Genitiv, der über das Verb sein mit dem Subjekt verbunden ist. Solche Genitive kommen nur noch bei bestimmten Substantiven in relativ festen Wendungen vor. Zum Beispiel:

der/gleicher/anderer Ansicht sein
der/gleicher/anderer Meinung sein
guten Mutes, guter Laune, guter Dinge sein
gleichen Alters sein
guter Hoffnung sein
voller Erwartung, voller Hoffnung, voller Spannung sein
des Glaubens sein
reinen Herzens sein
bäuerlicher Herkunft sein
natürlichen Ursprungs sein

Es müsste also theoretisch heißen:

*Diese Meinung, deren (o. derer) ich nicht bin, wird häufig vertreten.

Warum theoretisch und warum das Sternchen vor dem Beispielsatz? Bei festen Wendungen ist es oft so, dass syntaktisch nicht alles möglich ist, was bei „normalen“ Wendungen vorkommt. So ist es bei diesen Wendungen z. B. nicht möglich (oder sehr ungebräuchlich), einen Relativsatz zu bilden:

nicht: *die (üble) Laune, deren wir sind
nicht: *das Alter, dessen sie sind
nicht: *das reine Herz, dessen ihr seid
nicht: *die Meinung, deren ich nicht bin

Sie können hier deshalb besser auf eine andere Formulierung ausweichen. Zum Beispiel:

Diese Meinung, die ich nicht teile, wird häufig vertreten.

Ich hoffe, dass Sie hier mit mir einer Meinung sein werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Worte sind genug gewechselt – Lasst mich das Subjekt sehn!

Frage

„Der Worte sind genug gewechselt, Lasst mich auch endlich Taten sehn!“ (Goethe)

Ich brauche Ihre Hilfe: „der Worte“? Was ist das Subjekt? Ich verstehe also die Grammatik dieses Satzes nicht.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Goethes Dichtersprache hält sich nicht immer an die aktuellen Regeln der deutschen Grammatik! Vieles im folgenden Erklärungsversuch entspricht also nicht dem, was im heutigen Standarddeutschen möglich oder üblich ist.

Der erste Schritt zur Lösung Ihres Problems liegt beim Wort genug. Es wird in diesem Goethezitat als unbestimmtes Pronomen verwendet. Als solches kann es zu einer Pronomengruppe erweitert werden. Hier hat es ein Gentivattribut bei sich: der Worte.

genug der Worte

Dies ist bei genug heute noch in gehobenem oder (absichtlich) veraltendem Sprachgebrauch üblich: genug des Guten/des Guten genug, genug der leeren Worte, genug des Lamentierens.

Um es nun gleich zu „verraten“: Die Rolle des Subjekts wird hier durch die Pronomengruppe genug der Worte erfüllt. Das ist aber nicht ganz unproblematisch, denn das Pronomen genug ist im Prinzip ein Singular und die Verbform sind ist ein Plural. Da genug der Worte bedeutungsmäßig eine Mehrzahl ist, steht das Verb nach der Bedeutung im Plural:

Es sind genug der Wort gewechselt (worden) …
Genug der Worte sind gewechselt (worden) …

Schließlich wird – entgegen der sonst geltenden Regel – das Genitivattribut vom Wortgruppenkern genug getrennt und allein ins Vorfeld, das heißt vor das konjugierte Verb gestellt:

Der Worte sind genug gewechselt …

Und damit ist der Aufbau von Goethes Satz analysiert. Niemand spricht oder schreibt allerdings heute so, außer vielleicht wenn absichtlich alte Dichtersprache imitiert wird. Ein nicht allzu gelungenes Beispiel zum Schluss: Der Antwort soll dies das Ende sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp