Das Sprichwort, die Sprichwörter – oder Sprichworte?

Frage

Ich lese gerade bei Ihnen, dass die Mehrzahl von „Sprichwort“ „Sprichwörter“ sein soll. Ist die Mehrzahl aber nicht „Sprichworte“?

Ein Wort –> mehrere Wörter –> was dann z. B. ein Sprichwort ergibt –> mehrere Sprichworte.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

die Mehrzahl von Sprichwort lautet Sprichwörter. So steht es nicht nur in CanooNet, sondern auch in allen anderen mir zur Verfügung stehenden Wörterbüchern. Man hört und liest entsprechend auch Sprichwörtersammlung und Sprichwörterbuch.

Wenn man die übliche Bedeutungsunterscheidung zwischen Wort–Wörter und Wort–Worte nimmt, würde man tatsächlich eher Sprichworte erwarten. Man zählt einzelne Wörter und muss lernen, wie man schwierige Wörter richtig schreibt. Man spricht weise Worte und muss die richtigen Worte finden, um etwas Schwieriges auszudrücken. Ein Sprichwort besteht aus mehreren Wörtern, die zusammen ein mehr oder weniger weises Wort ergeben. Ergo: Der Plural müsste Sprichworte lauten.

Wie es aber in der Sprache so üblich ist, gibt es keine absolute Regeln – auch hier nicht: Der allgemein übliche und akzeptierte Plural von Sprichwort ist nicht Sprichworte, sondern Sprichwörter. Fragen Sie mich jetzt bitte nicht, warum das so ist!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bei gutem, schönem, heiterem Wetter: dreimal em

Eine Frage, die immer wieder auftaucht, betrifft die Beugung aufeinanderfolgender Adjektive. Weil der Beispielsatz in der folgenden Frage so gut zum heutigen Wetterbild passt, tische ich Ihnen gleich zum Wochenanfang etwas schwerere Kost auf.

Frage

Selbst Deutschlehrer können mir meine Frage nicht eindeutig beantworten: Heißt es „bei gutem, sonnigem, heiterem Wetter“ oder „bei gutem, sonnigen, heiteren Wetter“? Ich meine, in der Schule einmal die zweite Variante gelernt zu haben, aber sicher bin ich mir inzwischen nicht mehr.

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

es ist nicht so erstaunlich, dass Ihnen niemand eine eindeutige Antwort geben kann. Ich kann es auch nicht. Die Situation ist nämlich nicht so einfach. Im Prinzip gilt, dass aufeinanderfolgende Adjektive gleich gebeugt werden:

gutes, sonniges, heiteres Wetter
wegen guten, sonnigen, heiteren Wetters
gute, sonnige, heitere Witterung
bei guter, sonniger, heiterer Witterung

Dies ist auch im Dativ Singular mit der Endung em korrekt:

bei gutem, sonnigem, heiterem Wetter

Bei der Endung em kommt aber auch die folgende Formulierung vor:

bei gutem, sonnigen, heiteren Wetter

In der heutigen Standardsprache wird die Formulierung mit der sogenannten parallelen Beugung (überall em) bevorzugt. Die zweite Formulierung (nur einmal em, dann en) wird nicht von allen als richtig anerkannt. Am besten verwenden Sie hier deshalb die parallele Beugung:

bei gutem, sonnigem, heiterem Wetter
in fröhlichem, ungezwungenem Rahmen
mit schönem, großem und ruhigem Balkon

Nur damit niemand meint, die parallele Beugung hänge irgendwie mit positiven Beschreibungen zusammen, folgt hier noch ein letztes Beispiel:

von graugrünem, schleimigem, stinkendem Moos überzogen

So weit, so gut. Anders sieht es aus, wenn das zweite Adjektiv als Substantiv verwendet wird. Dann überwiegen in der Standardsprache die Formen mit em/en. Die parallele Beugung em/em gilt hier als veraltet:

Betrieb verbietet ehemaligem Angestellten den Zugang
veraltet: Betrieb verbietet ehemaligem Angestelltem den Zugang
Gespräch mit Europas jüngstem Abgeordneten
veraltet: Gespräch mit Europas jüngstem Abgeordnetem

Das Gleiche gilt für die Dativendung er bei weiblichen substantivierten Adjektiven:

Betrieb verbietet ehemaliger Angestellten den Zugang
veraltet: Betrieb verbietet ehemaliger Angestellter den Zugang
Gespräch mit Europas jüngster Abgeordneten
veraltet: Gespräch mit Europas jüngster Abgeordneter

Wie Sie sehen, ist die Situation wieder einmal alles andere als einfach und eindeutig! Mehr dazu finden Sie in der CanooNet-Grammatik hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aus stark wird schwach – und umgekehrt.

Frage

Ich bin über ein Verb gestolpert, das mich ein bisschen irritiert. Normalerweise endet das Partizip Perfekt bei regelmäßigen Verben auf -t (gesagt, gefühlt, gebildet). Bei unregelmäßigen Verben ist die Endung -en (gelesen, gerufen, gesessen). Das dachte ich zumindest. Dann stieß ich auf mahlen: mahlen, mahlte, gemahlen. […]

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

ein paar wenige Verben haben tatsächlich neben sonst regelmäßigen Formen ein unregelmäßiges Partizip Perfekt. Meist lassen sich Vermischungen von unregelmäßigen (starken) und regelmäßigen (schwachen) Formen damit erklären, dass viele Verben sich im Laufe der Zeit von unregelmäßigen zu regelmäßigen Verben entwickelt haben. Bei einigen Verben ist diese Entwicklung (noch) nicht abgeschlossen. Das führt dazu, dass es Verben gibt, die sowohl starke als auch schwache Formen haben. Zum Beispiel:

gären, gor/gärte, gegoren/gegärt
saugen, sog/saugte, gesogen/gesaugt
melken, molk/melkte, gemolken/(gemelkt)
backen, backte/buk, gebacken

Bei den folgenden Verben ist nur das Perfektpartizip unregelmäßig:

mahlen, mahlte, gemahlen
salzen, salzte, gesalzen/gesalzt
spalten, spaltete, gespalten/gespaltet

Interessant ist, dass es auch Verben gibt, die in die umgekehrte Richtung gehen: regelmäßige Verben, die unregelmäßige Formen annehmen. Ein bekanntes Beispiel ist das Verb winken, das nicht nur mit dem schwachen Partizip gewinkt, sonder auch schon häufig mit dem starken Partizip gewunken verwendet wird; dies in Analogie mit den starken Formen getrunken, gestunken und gesunken. Es ist übrigens nicht das erste regelmäßige Verb, das unregelmäßige Formen annimmt. Ihm vorgegangen sind zum Beispiel die Partizipien gepriesen und verdorben, die die ursprünglich regelmäßigen Formen gepreist und verderbt verdrängt haben.

Wie man sieht, ist nichts in der Sprache absolut fest und unveränderlich; nicht einmal die starken Verben. Doch wenn Sie der Kritik eifriger Sprachhüter entgehen wollen, verwenden Sie in der Standardsprache vorläufig trotzdem besser nur gewinkt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Jeans und Shorts: der Numerus fremdsprachlicher Hosen.

Frage

Ich lese gerade in einem Buch erst von „den Hotpants“ und dann von „einer Shorts“. Sind bei englischen Begriffen für eine Hose wie bei „Jeans“ immer Singular und Plural möglich? Und dann meine ich auch schon einmal „eine Short“ gehört zu haben. Könnte man sich das so erklären, dass man hier ein Plural-s sieht, das dann umgangssprachlich im Singular weggelassen wird.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

bei den Hosen gibt es im Deutschen in Hinblick auf Einzahl und Mehrzahl eine erstaunliche Variantenvielfalt:

Er trug eine schwarze Hose.
Er trug schwarze Hosen.
Er trug ein Paar schwarze Hosen.

All diese Formulierungen können sich standardsprachlich korrekt auf ein einzelnes schwarzes Kleidungsstück beziehen. Das erklärt vielleicht, warum es bei Beinkleidern bezeichnenden Fremdwörtern zu Unsicherheiten kommen kann. Mehr oder weniger allgemein akzeptiert ist, dass Jeans wie Hose sowohl im Singular als auch im Plural ein einzelnes Kleidungsstück bezeichnet:

Sie trug eine schwarze Jeans.
Sie trug schwarze Jeans.
Sie trug ein Paar schwarze Jeans.

Der Singular eine Jeans kann vielleicht als Verkürzung von eine Jeanshose erklärt werden.

Bei Shorts und Hotpants gilt dies nach meinem Sprachgefühl und den mir zur Verfügung stehenden Wörterbüchern nicht. Hier scheint standardsprachlich nur der Plural üblich zu sein. Kleidungsstücke kommen aber wie zum Beispiel Lebensmittel und Toilettenartikel vor allem in der gesprochenen Alltagssprache vor, in der die Formenvielfalt oft größer ist als in der besser dokumentierten geschriebenen Sprache. Es ist also möglich, dass die Variante eine Shorts im Alltag ebenso häufig verwendet wird wie eine Jeans. Die Form eine Short hingegen scheint mir – wie Ihnen – eine umgangssprachliche Form zu sein, die überkorrekt aus dem Plural „zurückvereinzahlt“ wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Autos gebeugt werden

Frage

Es geht mal wieder um den Genitiv bei Eigennamen. Heißt es: „Der Aufbau besteht im Wesentlichen aus der Hinterachse des Touareg“ oder „des Touaregs“? Und wie verhält es sich beim VW Transporter? Transporter ist in dem Fall ja ein Eigenname. Hört sich aber merkwürdig an, wenn man „die Hinterachse des Transporter“ schreibt.

Antwort

Guten Tag O.,

von Autos verstehe ich nur sehr wenig, aber am besten schreiben Sie:

die Hinterachse des Touaregs
die Hinterachse des VW Transporters

Die Bezeichnungen Touareg und VW Transporter sind zwar Marken- oder Produktnamen, aber so, wie sie in den Beispielen verwendet werden, keine wirklichen Eigennamen. Sie bezeichnen nicht wie zum Beispiel Rhein, Maria oder Herr Müller eine einzelne, individuelle Einheit, sondern einen Vertreter einer Gattung. Mit Maria meint man eine ganz bestimmte Person (auch wenn es viele Personen gibt, die diesen Namen tragen). Mit Touareg meinen Sie hier nicht ein ganz bestimmtes, individuelles Auto, sondern allgemeiner ein Auto der Gattung Touareg. Touareg bezeichnet eine bestimmte Art Auto, wie zum Beispiel Eiche eine bestimmte Art Laubbaum bezeichnet. Solche Marken- und Produktnamen nehmen eine Position zwischen den eigentlichen Eigennamen und den „gewöhnlichen“ Gattungsbezeichnungen ein.

Das klingt jetzt alles etwas haarspalterisch, soll aber die Begründung dafür sein, warum man solche Bezeichnungen am besten wie gewöhnliche Substantive behandelt und ihnen im Genitiv ein s anhängt.

Die endungslosen Varianten kommen aber auch vor.  Marken- und Produktnamen sind ja, wie gesagt, auch ein wenig Eigennamen. Außerdem klingen die Namen von Automodellen oft sehr fremdländisch. Fremdwörter werden im Genitiv häufiger ohne Endung verwendet (vgl. des Espressos oder des Espresso). Deshalb liest man auch oft des Touareg.

Bevor man mich nun der Schleichwerbung bezichtigt – ich erhalte wirklich keine Vergütung aus Wolfsburg –, sei noch Folgendes erwähnt: Das Gesagte gilt auch für die Hinterachsen des 3er Cabrios, des Insignias, des Picassos, des Mulitplas, des Space Stars, des Mondeos, des Picantos usw. oder eben des 3er Cabrio, des Insignia, des Picasso, des Mulitpla, des Mondeo, des Space Star, des Picanto usw. Kenner mögen mir die Wahl der Modellnamen verzeihen. Ich verstehe wirklich nicht viel von Autos und fahre einen ganz unprätentiösen kleinen Japaner.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Immer endungslos sind Modellnamen, die auf  Ziffern oder auf ein (gesprochenes) s enden. Zum Beispiel: des SL 600, des C70; des Avensis, des Espace, des Matiz.

Glitt er neben ihr oder neben sie ins Bett?

Frage

Es ist mir einmal mehr unmöglich, eine Frage zu klären, trotz des Versuchs, diverse Erklärungen auf Webseiten zu verstehen. Heißt es „Er glitt neben IHR ins Bett“ oder „Er glitt neben SIE ins Bett“ oder ist beides richtig und enthält eine unterschiedliche Aussage?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Wort neben gehört zu den Präpositionen, die mit dem Dativ oder dem Akkusativ stehen können. Sie werden deshalb gelegentlich auch Wechselpräpositionen genannt. Man verwendet den Dativ, wenn eine Ortsangabe gemacht wird (wo?), und den Akkusativ, wenn das Ziel einer Bewegung angebend wird (wohin?):

Er liegt neben ihr (wo?)
Er legt sich neben sie (wohin?)

Manchmal sind in einem Satz beide Sehensweisen möglich:

Er glitt neben ihr ins Bett.
Wo glitt er ins Bett? – Neben ihr.

Er glitt neben sie ins Bett
Wohin glitt er? – Neben sie ins Bett.

Zwischen den beiden Formulierungen, gibt es, wenn überhaupt, nur einen geringen Bedeutungsunterschied. Sehen Sie auch die allgemeinen Angaben zu dieser Art von Präpositionen, insbesondere: „Oft sind beide Sehensweisen möglich“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wann kann man den Polizisten ohne Endung anklagen?

Frage

In der Zeitung las ich die Überschrift „Anklage gegen Polizist erhoben“. Nach gegen steht aber der Akkusativ. Müsste es dann nicht heißen: „Anklage gegen Polizisten erhoben“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

nach gegen steh der Akkusativ (gegen wen oder was?) und die Akkusativform von Polizist lautet den Polizisten. Trotzdem steht in Ihrer Zeitung ganz korrekt „Anklage gegen Polizist erhoben“. Wieso?

Wenn ein Substantiv der en/en-Klasse (ein schwach gebeugtes Substantiv) im Singular steht und kein Artikel oder Adjektiv vorangeht, lässt man die Endung en in der Regel weg. Zum Beispiel:

a) von Mensch zu Mensch
b) von einem Menschen zum anderen Menschen

a) das Gespräch zwischen Arzt und Patient
b) das Gespräch zwischen dem Arzt und dem Patienten

a) Der Professor, begleitet durch Assistent Müller, …
b) Der Professor, begleitet durch seinen Assistenten Müller, …

a) Das Orchester spielt ohne Dirigent.
b) Das Orchester spielt ohne einen Dirigenten.
b) Das Orchester spielt ohne echten Dirigenten.

a) Als Student konnte man ihn nicht bezeichnen.
b) Als gewissenhaften Studenten konnte man ihn nicht bezeichnen.

a) Anklage gegen Polizist erhoben
b) Anklage gegen einen Polizisten erhoben
b) Anklage gegen fehlbaren Polizisten erhoben

Das Weglassen der Endung ist bei allein stehenden Formen standardsprachlich korrekt und üblich (Beispielsätze a). Es hat damit zu tun, dass die Endung en oft als Pluralendung missverstanden werden könnte. In den anderen Fällen (Beispielsätze b), darf die Endung en aber nicht weggelassen werden.

Dies ist wieder einmal so ein Fall, der zeigt, dass man Sprache nicht mit Mathematik verwechseln darf. Hier ergibt nämlich eins (gegen mit Akkusativ) und eins (Akkusativ ist Polizisten) nicht zwei (gegen Polizisten), sondern eher so etwas wie anderthalb (gegen Polizist).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mit oder ohne wen oder wem?

Frage

Heißt es in der folgenden Formulierung einem oder einen? „Sie haben das Recht, die Gesellschaft mit oder ohne einen/einem Nachfolger ihrer Wahl weiterzuführen.“

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

man sagt und schreibt normalerweise:

mit oder ohne einen Nachfolger

Die Präposition mit verlangt den Dativ: mit einem Nachfolger. Nach ohne steht der Akkusativ: ohne einen Nachfolger. Da die beiden Wortgruppen in diesen beiden Fällen nicht die gleiche Form haben, sollte man sie eigentlich nicht zusammenziehen. Es müsste also heißen: mit einem Nachfolger oder ohne einen Nachfolger. Da die Wendungen mit oder ohne und mit und ohne häufig vorkommen und ausformuliert sehr schwerfällig klingen, hat sich auch in der Standardsprache eingebürgert, sie mit dem Akkusativ zu verwenden. Da ohne der Wortgruppe näher steht, hat es sozusagen bei der Fallzuteilung gewonnen:

Wir werden die Sache mit oder ohne dich zu Ende führen.
Apfelkuchen mit oder ohne gesüßte Schlagsahne
Warum gibt es deutsche Flaggen mit und ohne den Adler?
Das Gerät kann mit und ohne einen Festnetzanschluss betrieben werden.

Dies gilt übrigens nur für die Formulierungen mit oder ohne und mit und ohne. Die nachfolgenden Formulierungen gelten zumindest standardsprachlich als unschön, auch wenn der Fall der am nächsten stehenden Präposition verwendet wird:

von und über die Leute reden
Wenn man ab oder via einen europäischen Flughafen fliegt, …
Übersetzungen aus und in die italienische Sprache

Besser – so umständlich es manchmal auch klingen mag – sind Formulierungen wie diese:

von den Leuten und über die Leute reden
Wenn ein europäischer Flughafen Abflug- oder Umsteigeort ist, …
Übersetzungen aus dem Italienischen und ins Italienische

Kein Problem ist die Zusammenziehung dann, wenn sich die Wortformen in den verschiedenen Fällen nicht voneinander unterscheiden:

viel von und über sich reden
Wenn man ab oder via Wien fliegt, …

Einen Überblick zu diesem Thema finden Sie in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Falles und Stückes oder Falls und Stücks

Frage

Viele Autoren, vor allem solche, die zur Schachtelsatzbildung neigen, verwenden liebend gern bei der Flexion die es-Variante  (Beispiel: Falles, Stückes). In bestimmten Fällen ist es zwingend notwendig, in manchen gebräuchlich. Mich erinnert der penetrante Gebrauch an das Martin-Luther-Deutsch seiner Bibelübersetzungen. Was ist nun gutes Deutsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

die Endung es ist tatsächlich in gewissen Fällen zwingend und in anderen unüblich. In vielen Fällen aber ist sowohl der Genitiv mit s als auch der Genitiv mit es möglich und korrekt (siehe hier).

Ob man Falles, Stückes und Arbeitstages oder Falls, Stücks und Arbeitstags verwendet, ist keine Frage der Grammatik, sondern eine Frage des Stils. Man könnte versuchen hier lange Listen von Kriterien aufzustellen, wann eher der es-Genitiv gewählt wird und wann eher nur das s zum Zuge kommt. Das hilft einem im Alltag aber nicht sehr viel weiter. Oft spielt einfach der Rhythmus des Satzes bei der Wahl der einen oder der anderen Variante ein Rolle. Sehr oft sind eben einfach beide Formen üblich.

Wenn man ausschließlich den es-Genitiv verwendet, kann ein Text recht altmodisch und gestelzt aussehen. Es ist aber auch nicht notwendig, in einem „modernen“ Text so viel wie möglich den s-Genitiv zu verwenden. Wie immer, wenn es um Geschmack und Stil geht, liegt die Kunst darin, die richtige Mischung zu finden. Dabei muss man kein Regelbuch und kein Goldwäglein zur Hand nehmen. Vieles ist grammatisch und stilistisch möglich – und allen recht machen kann man es auch bei dieser Frage nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Was frägst du?“, frug er

Frage

Gibt es die Wortform frägt von fragen in der dritten Person Einzahl?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

in der heutigen Standardsprache sind beim Verb fragen nur die regelmäßigen Formen du fragst und er fragt gebräuchlich. Dasselbe gilt für die Vergangenheitsform fragte. Die Formen frägst und frägt sowie in der Vergangenheit frug und früge gelten als veraltet oder regionalsprachlich.

Die unregelmäßigen Formen traten anfänglich im Niederdeutschen auf, wahrscheinlich unter dem Einfluss der starken Formen von tragen (trägt, trug usw.). Luther schrieb noch ausschließlich fragt und fragte. Bei Goethe und Schiller kamen dann neben fragt und fragte schon einige frägt und frug vor. Die Hochzeit der unregelmäßigen Formen war das 19. Jahrhundert: Georg Büchner, Friedrich Engels, Theodor Fontane, Heinrich Heine, E.T.A. Hoffmann, Karl May, C.F. Meyer, Eduard Mörike: sie alle verwendeten (auch) die starken Formen.

Später wurden aber frägt und frug im Standarddeutschen wieder weniger verwendet. Heute gelten sie standardsprachlich als veraltet. Die deutsche Sprache hatte also schon früher ihre Modeerscheinungen – in diesem Fall sogar eine „hausgemachte“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp