Fragende Aufforderungen und vorwurfsvolle Fragen

Frage

Folgende Frage konnte ich mit meinem Lehrbuch nicht beantworten. Daher schreibe ich Ihnen. Wieso kann ein Fragesatz auch ein Vorwurf sein?

Antwort

Sehr geehrte Frau Y.,

ich vermute, dass es bei Ihrer Frage darum geht, dass man einen Satz, der wie eine Frage formuliert ist, nicht als Frage meint. Das hat damit zu tun, dass die Form eines Satzes nicht immer mit mit der Absicht übereinstimmt, mit der er geäußert wird.

Es gibt im Deutschen u. a. Aussagesätze, Fragesätze und Aufforderungssätze. Wie ihr Name sagt, werden sie in der Regel für Aussagen, für Fragen beziehungsweise für Aufforderungen verwendet:

Du schreibst alles auf.
Schreibst du alles auf?
Schreib alles auf!

So weit ist alles recht einfach. Nun ist es aber so, dass wir uns nicht immer an dieses strikte Schema halten. Wir verwenden Aussagesätze und Fragesätze für Aufforderungen, Aussagesätze für Fragen und Fragesätze für Aussagen. Nur die Aufforderungssätze bleiben in der Regel ihrer eigentlichen Aufgabe treu. Ein paar Beispiele:

Aussagesatz:

Aussage: Du gehst weg.
Frage: Du gehst schon weg?
Aufforderung: Du gehst sofort weg!

Fragesatz:

Frage: Gehst du weg?
Aufforderung: Gehst du jetzt weg!
Aufforderung: Würden Sie bitte weggehen? (der Höflichkeit zuliebe sogar mit Fragezeichen!)
Aussage: Wer hört schon auf mich? (rhetorische Frage = Niemand hört auf mich)

Und damit wären wir beim Kern Ihrer Frage: Fragesätze können auch als vorwurfsvolle Aussagesätze gemeint sein. Häufig stehen sie dann im Konjunktiv, der Indikativ kommt aber auch vor:

Hättest du nicht besser aufpassen können!
= Wenn du aufgepasst hättest, wäre das nicht passiert.

Hätten Sie nicht früher kommen können!
= Sie hätten früher kommen müssen.

Bist du bescheuert!
= Du bist bescheuert!

Auch wenn diese Sätze die Form einer Frage haben, muss man sie als Vorwurf verstehen. In der Schrift kann man diese Bedeutung mit einem Ausrufezeichen verdeutlichen.

Das alles klingt recht kompliziert und nicht allzu deutlich – und manchmal ist es das auch. Im Prinzip geben der Kontext und die Betonung (resp. in der Schrift Punkt, Frage- und Ausrufezeichen) an, was gemeint ist. Aber manchmal ist doch nicht ganz klar, ob zum Beispiel eine Aussage als Frage oder eine Frage als Vorwurf gemeint ist. Diese Subtilitäten bei der Formulierung – so schön sie auch sein können – gehören zu den Tücken der zwischenmenschlichen Verständigung. Das hat schon manchen Ärger verursacht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verloren sein und verloren gegangen sein

Frage

Eine Frage zu den folgenden beiden Sätzen:

Meine Brille ist verloren gegangen.
Meine Brille ist verloren.

Den zweiten Satz sagt man ja so eigentlich nicht (anders als: „Die Tür wurde geöffnet. Die Tür ist geöffnet“). Wie kann man das am Besten erklären?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

bei der Frage nach ist verloren und ist verloren gegangen geht es vor allem um die Wortwahl im Zusammenhang mit dem Verb verlieren und nicht um eine allgemeine Grammatikregel. Das Passiv von etwas verlieren ist rein grammatisch gesehen etwas wird verloren (Vorgangspassiv) bzw. etwas ist verloren (Zustandspassiv).

Wenn es um Dinge geht, verwendet man aber statt des Passivs verloren werden / verloren sein meistens die Wendung verloren gehen / verloren gegangen sein (auch zusammengeschrieben: verlorengehen, verlorengegangen). Zum Beispiel:

(sehr) selten:
Die Brille wird verloren.
Die Brille ist verloren.
Durch die Reorganisation werden viele Arbeitsplätze verloren.
Durch die Reorganisation sind viele Arbeitsplätze verloren.

üblich:
Die Brille geht verloren.
Die Brille ist verloren gegangen.
Durch die Reorganisation gehen viele Arbeitsplätze verloren.
Durch die Reorganisation sind viele Arbeitsplätze verloren gegangen.

Die Passivform verloren sein wird eigentlich nur dann verwendet, wenn etwas oder jemand rettungslos verloren, zum Untergang bestimmt oder dem Verderben ausgeliefert ist:

Die Schlacht ist verloren.
Die Schiffbrüchigen waren verloren.
Ihre Seele ist für immer verloren.

Das Passiv wird/ist verloren wird also deshalb selten verwendet, weil es häufig durch die Wendung verloren gehen ersetzt (blockiert) wird. Nur wenn es um etwas geht, das rettungslos und unumkehrbar verloren ist, verwendet man üblicherweise verloren sein.

Die Formulierung „Meine Brille ist verloren“ ist nicht grundsätzlich falsch. Damit ist in der Regel aber nicht gemeint, dass ich einfach nicht mehr weiß, wo meine Brille ist. Ich würde mich höchstens dann so äußern (mit dramatischer Geste und pathetischem Ausrufezeichen!), wenn meine Brille unter eine Straßenwalze geraten oder in den Fluten des Rheinfalles verschwunden wäre.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Heiße Temperaturen?

Frage

Man liest und hört in den Medien dauernd von „heißen Temperaturen“. Ist das korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

stilistisch gesehen sind heiße und kalte Temperaturen ungefähr gleich gut wie teure und billige Preise. Standardsprachlich spricht man üblicherweise von hohen und tiefen oder niedrigen Temperaturen (und von hohen und tiefen oder niedrigen Preisen).

Bei uns hier kann übrigens von heißen oder besser hohen Temperaturen nicht die Rede sein. Der Sommer hat in letzter Zeit leider zwei bis drei Gänge zurückgeschaltet. Es war schon sehr heiß, aber ein Gang weniger hätte gereicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Noch einmal: Es wäre schön, wenn der Traum erfüllt …

Häufig ruft eine Frage eine weitere auf. Deshalb heute gleich noch einmal das Thema des Traumes, der hoffentlich in Erfüllung geht: Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird(?).

Frage

Meine Frage schließt an die an, in der gefragt wurde, ob es heißt: „Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.“ Immer öfter hört und liest man, dass geschrieben und gesagt wird: „Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird“, also in einer anderen Form. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

es ist standardsprachlich üblich, in Konstruktionen dieser Art (d. h. in irrealen Bedingungsätzen) in beiden Teilsätzen den Konjunktiv zu verwenden:

Es wäre schön, wenn du auch kommen würdest.
Es wäre schön, wenn wir alle fliegen könnten.

Nun ist es aber tatsächlich so, dass man im wenn-Satz manchmal auch dem Indikativ begegnet:

Es wäre schön, wenn du auch kommst.
Es wäre schön, wenn ihr uns beim Aufräumen helft.
(statt standardsprachlich:
Es wäre schön, wenn du auch kämest / kommen würdest.
Es wäre schön, wenn ihr uns beim Aufräumen helfen würdet.)

Diese Art der Formulierung im Indikativ ist eher als umgangssprachlich anzusehen. Sie kommt dann vor, wenn etwas ausgedrückt wird, das tatsächlich möglich und wahrscheinlich ist: Die Möglichkeit, dass du kommst, besteht. Man hält es für realistisch, dass beim Aufräumen geholfen wird.

Der Indikativ erscheint aber auch in der Umgangssprache kaum, wenn etwas Unmögliches oder Unwahrscheinliches ausgedrückt wird:

nicht: *Es wäre schön, wenn wir alle fliegen können.
nicht: *Es wäre schön, wenn ich dann Urlaub habe, aber das ist leider nicht so.

Während also standardsprachlich kein Unterschied zwischen wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Sachverhalten gemacht wird, kann dieser Unterschied umgangssprachlich durch die Verwendung des Konjunktivs resp. Indikativs aufgedrückt werden:

Umgangssprachlich:
a) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird.
b) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.

In Satz a) wird die Erfüllung des Traumes für möglich gehalten. In Satz b) hingegen kann die Erfüllung auch unmöglich oder unwahrscheinlich sein.

Standardsprachlich in beiden Fällen:
a), b) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.

Meine Antwort ist etwas lang ausgefallen; deshalb zusammenfassend hier noch eine kurze Antwort auf Ihre Frage: In korrektem Standarddeutsch gilt nur die Formulierung mit dem Konjunktiv in beiden Teilsätzen als richtig. Die mehr umgangssprachliche Verwendung des Indikativs im wenn-Satz ist aber nicht einfach nur ein unerklärlicher dummer Fehler, sondern sie folgt einer eigenen Regel und Präzisierungsmöglichkeit, die die Standardsprache (noch?) nicht kennt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Diese Befindungen basieren nur auf meinen eigenen Beobachtungen. Als wissenschaftlich fundierte Aussagen können sie deshalb nicht gelten. Es wäre inbesondere zu prüfen, ob es regionale und textsortengebundene Unterschiede bei der Verwendung des Indikativs im wenn-Satz gibt und ob und wie sich dieses Phänomen im Laufe der Zeit entwickelt hat.

Wenn der Traum erfüllt würde – oder erfüllt werden würde?

Frage

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir sagen könnten, welcher von diesen zwei Sätzen richtig ist (es handelt sich um einen Passivsatz im Konjunktiv II):

Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.
Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt werden würde.

Man kann es natürlich umformulieren („Es wäre so schön, wenn dieser Traum in Erfüllung gehen könnte / ginge“), aber ich würde gern wissen, ob dieses „werden würde“ richtig ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau C.,

der Unterschied zwischen erfüllt würde und erfüllt werden würde besteht darin, dass die erste Form ein Präsens und die zweite Form ein Futur ist. Da im Deutschen etwas Zukünftiges häufig im Präsens ausgedrückt wird (Ich fahre morgen weg = Ich werde morgen wegfahren; vgl. hier), sind beide Sätze richtig. Beginnen wir der Einfachheit halber im Indikativ. Die folgenden Sätze haben ungefähr dieselbe Bedeutung:

Ich hoffe, dass dieser Traum erfüllt wird.
Ich hoffe, dass dieser Traum erfüllt werden wird.

Wenn wir diesen Gedanken nun als sogenannten irrealen Bedingungssatz im Konjunktiv II formulieren, ergeben sich entsprechend zwei Formulierungsmöglichkeiten, die ebenfalls mehr oder weniger dasselbe ausdrücken:

Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.
Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt werden würde.

Im Passiv wird häufig das Präsens gewählt, wenn etwas Zukünftiges gemeint ist. Damit kann man das etwas schwerfällige doppelte Auftreten des Hilfsverbs werden – einmal für das Passiv und einmal für das Futur – vermeiden. Formen wie werden wird und werden würde sind aber keineswegs falsch oder grundsätzlich „schlechter“ als die einfachen Formen!

Manchmal gibt es kaum einen Unterschied:

Das Haus wird morgen abgebrochen werden.
Das Haus wird morgen abgebrochen.

Manchmal sind die „langen“ Formen wirklich etwas zu schwerfällig:

Mülltonnen, die am Donnerstag geleert werden würden, werden bereits am Mittwoch abgeholt werden.
Mülltonnen, die am Donnerstag geleert würden, werden bereits am Mittwoch abgeholt.

Umgekehrt drücken die „kurzen“ Formen manchmal den Aspekt des Zukünftigen nicht deutlich genug aus. Die erste der beiden folgenden Formulierungen gibt deutlicher an, dass das Problem nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft nicht gelöst werden wird:

ein Problem, das niemand lösen will und das deshalb nie gelöst werden wird
ein Problem, das niemand lösen will und das deshalb nie gelöst wird

Ob man in einem Satz zweimal das Hilfsverb werden verwendet oder es einmal fallen lässt, ob Sie also erfüllt würde oder erfüllt werden würde wählen, ist somit vielmehr eine stilistische als eine grammatische Entscheidung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hallo alle!

Frage

Ist die Begrüßung „hallo alle“ richtiges und gutes Deutsch?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

ob hallo alle richtiges und gutes Deutsch ist, hängt davon ab, was Sie darunter verstehen. Als Begrüßung ist es standardsprachlich nicht üblich und in einer formelleren Umgebung auch nicht zu empfehlen. In einer informellen Situation unter Freunden und guten Bekannten gibt es meiner Meinung nach nichts dagegen einzuwenden.

Rein grammatisch folgt nach hallo die Angabe der oder des Begrüßten, und zwar im Nominativ. Zum Beispiel:

Hallo, liebe Nachbarinnen und Nachbarn!
Hallo, mein lieber Schatz!
Hallo, du kleiner Stinker!

Wenn man bei der Begrüßung alle meint, ist also hallo alle grammatisch gesehen korrekt:

Hallo[,] alle!

Oder auch zum Beispiel:

Hallo, alle zusammen!
Hallo allerseits!

Ob diese Begrüßung üblich und passend ist, hängt wie oben bereits gesagt von der Situation und den beteiligten Personen ab. Was an einem Ort problemlos möglich ist, kann an anderer Stelle äußerst unpassend sein. Ob etwas richtiges und gutes Deutsch ist, hat oft nicht nur mit Grammatik, sondern auch mit Fingerspitzengefühl und Gewandtheit im gesellschaftlichen Umgang zu tun.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine Unabhängigkeit?

Frage

Habe eben im Radio folgenden Satz gehört:

Die Katalanen sollen über eine Unabhängigkeit abstimmen.

Ich empfinde den unbestimmten Artikel als grammatikalisch falsch. Was ist Ihre Meinung?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

wenn man diesen Satz isoliert betrachtet, ist der unbestimmte Artikel eine stilistisch unschön. (Es könnte sich um typische Journalistensprache handeln.) Gemeint ist die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien. Dann ist der bestimmte Artikel üblich:

Die Katalanen sollen über die Unabhängigkeit (von Spanien) abstimmen.
Die Schotten haben sich gegen die Unabhängigkeit entschieden.

Es ist aber keineswegs ausgeschlossen, Unabhängigkeit mit dem unbestimmten Artikel zu verwenden. Hier zwei (deutlich soeben von mir erfundene) Beispiele:

Die Katalanen sollen über eine Unabhängigkeit abstimmen, die die Zugehörigkeit zur EU in Frage stellt.
Die Katalanen sollen über eine Unabhängigkeit abstimmen, welche die Einheit von Spanien weniger gefährdet.

Mit eine Unabhängigkeit ist dann eine Art von Unabhängigkeit gemeint. Das Wort Unabhängigkeit kann zwar als abstrakter Allgemeinbegriff nicht mit dem unbestimmten Artikel (und nicht im Plural) stehen, aber wenn eine von anderen abgrenzbare Art der Unabhängigkeit gemeint ist, kann man auch von einer Unabhängigkeit reden.

Wenn im Radiobericht nicht, wie ich vermute, allgemein von der Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien die Rede war, sondern von einer Art, die Unabhängigkeit zu gestalten, die sich von anderen möglichen Arten der Unabhängigkeit unterscheidet, dann könnte eine also doch die richtige Artikelwahl gewesen sein. Ohne Kontext lässt sich das aber nicht entscheiden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Salsasauce und Diebstahl

Wenn Sie sich über Ausdrücke wie La-Ola-Welle und Salsasauce wundern oder gar ärgern, können Sie wahrscheinlich spanisch. Wenn Sie sich fragen, was an diesen Wörtern nicht stimmen könnte: Es sind Tautologien oder Pleonasmen, das heißt Ausdrücke, die zweimal dasselbe ausdrücken (ola = sp. für Welle, salsa = sp. für Sauce). Solches „doppelt Gemoppelte“ gibt es immer wieder, manchmal aus Unkenntnis eines (Fremd)-Wortes, manchmal bewusst zur Erzeugung eines bestimmten Effektes und manchmal auch einfach, weil es praktischer und verständlicher ist.

Solche tautologischen oder pleonastischen Ausdrücke werden oft sehr kritisch beurteilt. Was ist aber so falsch an La-Ola-Welle, wenn kein Mensch weiß, was la ola bedeutet? Und Salsa mag dann im Spanischen einfach Sauce bedeuten, in der deutschsprachigen Küche und Gastronomie wird damit in der Regel eine bestimmte mexikanische Zubereitungsart mit Chili, Tomaten, Zwiebeln und anderen Zutaten bezeichnet. So hat man dann am Grillfest die Wahl zwischen Barbecue-, Knoblauch- und Salsasauce. Es gibt schließlich auch den lateinamerikanischen Tanz mit dem Namen Salsa, und den meinen wir ja nicht, wenn wir Sauce neben das Gegrillte auf den Teller schöpfen.

Ich will nun nicht alle Tautologien, Pleonasmen und Redundanzen verteidigen. Auch ich finde, dass man nicht bereits schon sagen, sondern sich für eines der beiden Wörter entscheiden sollte. Ich meine nur, dass Doppelungen häufig nicht einfach falsch oder überflüssig sind. Manchmal geht es um die Erzeugung eines komischen Effekts (Nur über meine tote Leiche!), manchmal um Verdeutlichung (Im Land der Zwerge ist ein kleiner Zwerg kleiner als ein großer) und manchmal sind sie praktischer und verständlicher als die einfache Formulierung (HIV-Viren statt „korrekt“ HI-Viren oder HIVs). Im Umgang mit solchen Ausdrücken und Wendungen braucht man keine Liste mit „richtig“ und „falsch“, sondern ein bisschen Fingerspitzengefühl.

Tautologien sind übrigens nichts Neues. Ein schönes Beispiel ist das Wort Diebstahl. Es war mir nie aufgefallen, bis ein Kalenderblatt mich kürzlich darauf hingewiesen hat. Es hieß schon im Mittelhochdeutschen diupstāle, diepstāl. Der erste Teil ist mit dem heutigen Dieb verwandt und bedeutete Diebstahl, Gestohlenes. Der zweite Teil ist natürlich mit stehlen verwandt und bedeutete auch Stehlen. Diebstahl ist also eigentlich gestohlenes Diebesgut – doppelt Gemoppeltes vom Feinsten!

Vielleicht geschieht mit Salsasauce einmal dasselbe wie mit Diebstahl: Das Wort wird als eigenes Wort lexikalisiert und fällt niemandem mehr als Tautologie auf. Vielleicht gerät die Sauce aber auch einfach wieder in Vergessenheit. Saucen unterliegen Trends und Moden, Diebstähle wird es wohl immer geben.

Im vierzehntägigen Rhythmus?

Ich habe mich zuerst gefragt, was an vierzehntägiger Rhythmus falsch sein soll. Warum es falsch sein könnte und ich es letztlich dennoch nicht für falsch halte, lesen Sie hier:

Frage

Auf einer Webseite, die ein Kollege von mir überarbeitet, ist von mehreren Gruppenangeboten die Rede. Bezüglich jener Gruppen, die nicht jede, sondern nur jede zweite Woche stattfinden, steht da: „Bei Gruppen mit 14-tägigem Rhythmus bitte die Termine telefonisch […] erfragen.“ Nun wurde ich gefragt, ob es nicht „mit 14-täglichem Rhythmus“ heißen muss, denn laut Duden bedeutet 14-tägig zwei Wochen dauernd, 14-täglich hingegen sich alle zwei Wochen wiederholend. Dennoch klingt „mit 14-täglichem Rhythmus“ irgendwie komisch. Um ganz sicher zu gehen, frage ich Sie.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

wenn man es genau nimmt und die genannte Unterscheidung zwischen –tägig und –täglich streng anwendet, passt hier weder vierzehntägig noch vierzehntäglich:

vierzehntägig = vierzehn Tage dauernd
vierzehntäglich = im Abstand von 14 Tagen wiederkehrend

Nicht der Rhythmus, sondern der Abstand zwischen zwei Treffen ist vierzehn Tage dauernd. Nicht der Rhythmus, sondern die Treffen sind im Abstand von vierzehn Tagen wiederkehrend. Wenn Sie es also ganz genau nehmen, weichen Sie aus auf zum Beispiel:

bei Gruppen mit einem 14-Tage-Rhythmus
bei Gruppen mit einem Rhythmus von 14 Tagen
bei Gruppen, die sich in vierzehntägigem Abstand treffen

Ganz so streng müssen Sie aber in diesem Fall nicht sein. Oft ist es recht wichtig, welche Form man wählt (vgl. hier). So freuen sich die Großeltern vielleicht über den vierzehntäglichen Besuch der fünf dynamischen Enkelkinder, aber ein vierzehntägiger Besuch wäre ihnen doch etwas zu anstrengend. Ich finde dreimonatliche Arbeitstreffen eindeutig weniger belastend als dreimonatige Arbeitstreffen. In Verbindung mit Rhythmus ist diese Verwechslungsgefahr aber nicht gegeben. Sie können es deshalb auch ein bisschen weniger genau nehmen und die häufig vorkommende und gut verständliche Formulierung mit vierzehntägig verwenden:

bei Gruppen mit vierzehntägigem Rhythmus

Das Adjektiv vierzehntägig drückt hier nur aus, dass der Rhythmus etwas mit vierzehn Tagen zu tun hat, womit eigentlich alles klar wäre. Ein kleines Wort der Warnung ist allerdings angebracht: Wenn Sie sich für die Formulierung mit vierzehntägigem Rhythmus entscheiden, sind Kopfschütteln oder Kommentare von Menschen, die es ganz genau nehmen, nicht auszuschließen …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So groß wie ein Fünfcentstück

Eine Frage aus dem Bereich der Wortungetümkandidaten. Unter Wortungetümen verstehe ich nicht nur ganz lange Wörter, sondern auch Zusammensetzungen mit einer komplizierten Struktur. Heute geht es um zwei Wörter, die vielleicht nicht ganz das Prädikat „Wortungetüm“ verdienen, bei denen man sich aber doch überlegen sollte, ob eine Umschreibung nicht leserfreundlicher wäre.

Frage

Wie schreibt man eigentlich „Zweieurostück-groß“, „5-Cent-Stück-groß“ und Ähnliches? Also es geht um Dinge, die so groß sind wie ein Zweieurostück oder ein Fünfcentstück. Was wird hier groß- oder kleingeschrieben? Kommen Bindestriche hin und, wenn ja, wo?

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

wenn Sie mit einem Wort beschreiben möchten, dass ein Ding so groß ist wie ein Zweieurostück oder ein Fünfcentstück, gibt es auf der Ebene der Rechtschreibung verschiedene Lösungen:

zweieurostückgroß; ein zweieurostückgroßes Ding
fünfcentstückgroß; eine füncentstückgroße Sache

Zweieurostück-groß; ein Zweieurostück-großes Brandloch
Fünfcentstück-groß; eine Fünfcentstück-große Wunde

2-Euro-Stück-groß; ein 2-Euro-Stück-großer Rostfleck
5-Cent-Stück-groß; die 5-Cent-Stück-großen Farbkleckse

*In Verbindungen mit Bindestrich werden die Substantive großgeschrieben, auch wenn der Gesamtbegriff wie hier ein Adjektiv ist. Siehe hier.

Da ich immer für Zurückhaltung bei der Verwendung des Bindestrichs bin, würde ich mich unter Bedrohung mit einer geladenen Pistole für die erste Variante entscheiden. Meine unverbindliche Empfehlung für bessere Lesbarkeit ist aber eine ganz andere:

ein Ding, das so groß ist wie ein Zweieurostück
eine Sache von/mit der Größe eines Fünfcentstücks

Das ist nicht ganz so kurz und „schnittig“ formuliert, aber es liest sich einfacher.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp