In den Bus einsteigen – unsere Vorliebe für die Vorsilbe

Frage

Wir haben eine Streitfrage, heißt es jetzt eigentlich „Ich steige in den Bus ein“ oder „Ich steige in den Bus“? Heißt es „Ich steige aus dem Bus“ oder „Ich steige aus dem Bus aus“? Bin mir ziemlich unsicher.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

wieder einmal sind beide Formulierungen üblich und richtig:

Ich steige in den Bus ein.
Ich steige in den Bus.

Ich steige aus dem Bus.
Ich steige aus dem Bus aus.

Im Deutschen haben wir nämlich ein starkes Bedürfnis, mit Vorsilben nachdrücklich anzugeben, was gemeint ist. Oft sind diese Vorsilben für das Verständnis gar nicht unbedingt notwendig. Hier weitere Beispiele, die mit und ohne solche Vorsilben richtig und verständlich sind:

vom Tisch herunterfallen
vom Tisch fallen

aus dem Fenster hinausblicken
aus dem Fenster blicken

zum Gipfel aufsteigen
zum Gipfel steigen

Mehl in Säcke einfüllen
Mehl in Säcke füllen

mit aufgeblähten Segeln
geblähten Segeln

im nachfolgenden Text
im folgenden Text

ohne Vorankündigung
ohne Ankündigung

Ein schönes und in diesem Zusammenhang häufiger zitiertes Beispiel ist pimpen – aufpimpen. Obwohl pimpen ungefähr aufmachen, aufmotzen entspricht und es also das Bedeutungselement auf bereits in sich birgt, wird es häufig in der Form aufpimpen verwendet. Das Gepimpte wird zum Aufgepimpten. Oft finden wir ein einfaches Verb einfach zu wenig aussagekräftig.

Die meisten dieser Formulierungen drücken in gewissem Sinne zweimal dasselbe aus. Das ist hier aber nicht weiter schlimm, denn unsere Sprache ist mehr als nur ein Mittel, sich mit möglichst wenig Aufwand so präzise wie möglich auszudrücken. Es ist zwar richtig, dass man Doppelungen und Wiederholungen in zum Beispiel wissenschaftlichen oder knappen, rein informativen (journalistischen) Texten besser weglässt, das heißt aber nicht, dass man sie immer und überall tunlichst zu vermeiden hat. Natürlich reicht es zu sagen, dass das Mehl in Säcke gefüllt wird. Die Präposition in gibt ausreichend an, wie das Füllen in Bezug auf die Säcke geschieht. Dennoch wird häufig nicht nur etwas in etwas gefüllt, sondern auch nachdrücklicher und bildhafter in etwas eingefüllt. Auch das auf in zum Gipfel aufsteigen ist im Prinzip „überflüssig“. Das Konzept Gipfel gibt bereits an, dass aufwärts gestiegen wird. Es lässt sich ja in der Regel schlecht auf einen Gipfel heruntersteigen (Filme mit spektakulären Stunt-Einlagen einmal außer Acht gelassen). Das auf in aufsteigen zeigt aber deutlicher als nur einfaches steigen, dass es zum Gipfel zünftig bergauf geht.

Wenn Sie also ausdrücken wollen, dass Sie irgendwo einsteigen, können Sie ruhig sagen, dass Sie in den Bus oder in den Zug einsteigen. Ohne ein- ist es aber auch richtig – und sogar schön kurz und bündig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe auch einen ähnlichen Blogartikel zum Verb vorprogammieren.

Irgendwohin gehen oder irgendwo hingehen

Frage

Schon lange bin ich auf der Suche, was richtig ist. Es geht um folgende Wörter: „irgendwo hingehen“ oder „irgendwohin gehen“ bzw. „nirgendwo“, „überallhin“.

Ich denke, es heißt „irgendwohin gehen“. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es „irgendwo hingehen“ auch gibt.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

in „einwandfreiem“ Standarddeutsch schreiben Sie:

irgendwohin gehen

Die Richtungsadverbien woher und wohin werden allerdings in der gesprochenen Alltagssprache häufig durch die getrennte Variante wo … her und wo … hin ersetzt. Ein paar Beispiele:

Standard: (Gesprochene) Alltagssprache auch:
Woher kommst du? Wo kommst du her?
Wohin gehst du? Wo gehst du hin?
Ich weiß nicht, wohin er gegangen ist. Ich weiß nicht, wo er hingegangen ist.
Ich weiß nicht, woher sie kommt. Ich weiß nicht, wo sie herkommt.
Entsprechend:
Sie sind irgendwohin gegangen. Sie sind irgendwo hingegangen.
Sie könnten überallher kommen. Sie könnten überall herkommen.

Die getrennten Formen kommen häufig vor, aber sie sollten in der geschriebenen Standardsprache vermieden werden (heißt es in den meisten Grammatiken, Stilbüchern usw.).

Auch bei den Formen irgendwohin/irgendwo hin, nirgendwohin/nirgendwo hin, überallhin/überall hin, irgendwoher/irgendwo her usw. sollten entsprechend die zusammengeschriebenen Formen vorgezogen werden. Die folgende Diskussion kommt Eltern von Nachwuchs, der das Kleinkindalter hinter sich gelassen hat, eventuell bekannt vor:

– Ich will irgendwo hingehen.
– Du gehst heute Abend nirgendwo hin!
– Ich kann überall hingehen, wo ich hinwill!
– Ich weiß nicht, wo du diese Ideen herhast.
– Ich werde sie schon irgendwo herhaben.
– Ob sie nun überall oder nirgendwo herkommen, du bleibst hier!

In schriftlicher Standardsprache geben Sie diesen „Gedankenaustausch“ also besser so wieder:

– Ich will irgendwohin gehen.
– Du gehst heute Abend nirgendwohin!
– Ich kann überallhin gehen, wohin ich will!
– Ich weiß nicht, woher du diese Ideen hast.
– Ich werde sie schon irgendwoher haben.
– Ob sie nun überall- oder nirgendwoher kommen, du bleibst hier!.

Ich befürchte allerdings, dass die korrekte Schreibweise in diesem Fall für den Ausgang des Abends völlig irrelevant ist oder, falls sie unvorsichtigerweise erwähnt wird, die Wirkung von ins Feuer gegossenem Öl hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In kariert, in Kariert oder einach kariert

Wieder einmal eine ganz einfache Frage zur Rechtschreibung, die sich nicht ganz so einfach beantworten lässt:

Frage

Werden folgende Farbbezeichnungen groß- oder kleingeschrieben?

– Die Sofadecke gibt es in Kariert, in Gestreift und in Gemustert.
– Die Sofadecke gibt es in kariert, in gestreift und in gemustert.

kariert gestreift gemustert

Antwort

Guten Tag H.,

auf die Gefahr hin, kleinkariert zu wirken [Verzeihung, ich konnte es einfach nicht lassen], zuerst diese Bemerkung: Das in sollten Sie weglassen:

Die Sofadecke gibt es kariert, gestreift und gemustert.

Das in wird üblicherweise bei Farbbezeichnungen verwendet. Die Adjektive (oder adjektivisch verwendeten Partizipien) kariert, gestreift und gemustert sind keine Farbbezeichnungen. Endungslose Farbadjektive werden häufiger als Substantive verwendet:

ein schönes Blau
dieses Gelb
in einem knalligen Rot
in Grün

Das gilt nicht für die folgenden Adjektive. Es heißt normalerweise nicht:

*ein schönes Kariert
*dieses Gestreift
*in einem bunten Gemustert

(Ich weiß nicht, ob solche Wendungen in der Mode- und Designerbranche vorkommen – diese Bemerkung zeigt, dass ich es mir vorstellen könnte –, aber sie gehören nicht zum allgemeinen Sprachgebrauch.)

Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, ob Sie korrekt in gemustert oder in Gemustert schreiben müssen, weil die Formulierung meiner Meinung nach eigentlich nicht richtig ist. Wenn Sie nicht damit einverstanden sind und Sie trotzdem in verwenden wollen oder müssen, würde ich für die Kleinschreibung in kariert, in gestreift, in gemustert plädieren. Die Begründung für die Großschreibung von zum Beispiel in Rot und auf Deutsch ist die amtlichen Regelung § 58 E2:

»Substantivierungen, die auch ohne Präposition üblich sind, werden nach § 57(1) auch dann großgeschrieben, wenn sie mit einer Präposition verbunden werden«

Wie oben gesagt, ist es nicht gebräuchlich, die Adjektive kariert, gestreift und gemustert als Substantivierungen zu verwenden. Sie fallen also nicht unter diese Regel und werden nicht großgeschrieben. Sie sind eher Verbindungen wie gegen bar, von fern oder von privat, die gemäß § 58.3.1 kleingeschrieben werden (vgl. hier). 

Man kann allerdings auch argumentieren, dass die Adjektive in Ihrem Beispiel (ausnahmsweise) wie Farbbezeichnungen verwendet werden und deshalb analog großgeschrieben werden sollten. Auch wenn ich die Kleinschreibung aus den genannten Gründen vorziehe, halte ich diese Argumentation nicht für grundsätzlich falsch.

Eine eindeutige Antwort – außer dass Sie hier in besser weglassen – kann ich Ihnen also nicht geben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vom Glanz und der Pracht, vom Anbieter und vom Abonnenten

Frage

Ich habe eine Frage zum Thema Verschmelzung von Präpositionen und Artikeln […]

Laut Duden können

von einer Verschmelzung […] korrekterweise nur dann mehrere Nominalausdrücke abhängen, wenn diese die gleiche flektierte Artikelform haben:

Man sprach vom (= von dem) Leben und [vom (= von dem)] Erfolg der Ministerin.

Mehrere Nominalausdrücke, deren flektierte Artikelformen unterschiedlich sind, können nicht von einer Verschmelzung abhängen. In diesen Fällen wird die Präposition wiederholt.

Nicht korrekt: Man sprach vom Erfolg der Ministerin und den weiteren Plänen. Richtig: Man sprach vom Erfolg der Ministerin und von den weiteren Plänen. Nicht korrekt: Sie war vom Glanz und der Pracht des Festes wie betäubt. Richtig: Sie war vom Glanz und von der Pracht des Festes wie betäubt.

[Duden, Richtiges und gutes Deutsch, 7. Aufl. Mannheim 2011 (CD-ROM)]

Was aber ist mit Formulierungen wie der folgenden?

Diese wurden vom Anbieter und dem Abonnenten ausdrücklich für richtig erklärt.

Ist das erlaubt?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

hier muss ich etwas weiter ausholen: Die Dudenregel, die sich auf die verschmolzenen Formen bezieht, ist nämlich viel zu strikt formuliert. Es gibt aus meiner Sicht nichts gegen die folgende Formulierung einzuwenden:

vom Glanz und der Pracht (des Festes wie betäubt)

Sie kommt viel häufiger vor als:

vom Glanz und von der Pracht

Ich halte auch die folgenden Formulierungen für richtig:

vom Minister und der Regierung festgelegte Ziele
vom Bund und den Ländern finanziert
vom Bundesrat und der Geschäftspüfungskommission in Auftrag gegeben
die Geschichte vom Hasen und den Ostereiern

Diese Art der Zusammenziehung ist aber nicht immer zu empfehlen. Sie scheint hauptsächlich bei vom üblich zu sein, und zwar dann, wenn die beiden Begriffe relativ eng miteinander verbunden sind. Letzteres ist beim anderen Beispiel im Duden nicht der Fall. Der Erfolg der Ministerin und die weiteren Pläne sind zwei separate Gesprächsthemen. Deshalb besser:

Man sprach vom Erfolg der Ministerin und von den weiteren Plänen.

Bei anderen Präpositionen kommt diese Art der Zusammenziehung weniger vor:

am Rand und an der Seite
besser nicht: am Rand und der Seite

beim Essen und bei der Kleidung
eher nicht(?): beim Essen und der Kleidung

im Kindergarten und in der Schule
besser nicht: im Kindergarten und der Schule

ins Haus oder in den Garten
eher nicht(?): ins Haus oder den Garten

aus Liebe zur Kirche und zu den Menschen
besser nicht: zur Kirche und den Menschen

Die Duden-Regel, die Zusammenziehungen dieser Art grundsätzlich zu verbieten scheint, ist meiner Meinung nach zu stark und zu verallgemeinernd formuliert. Die Situation ist hier viel komplexer. (Ich müsste weiter untersuchen, um wirklich fundierte Aussagen machen zu können.) Die Regel hat allerdings den großen Vorteil, dass man immer richtig formuliert, wenn man sie anwendet.

Es ist auch nicht üblich, die Präposition wegzulassen und nur den Artikel zu nennen, wenn es eine verschmolzene Form gibt:

der Weg führt zum Museum und zur Kirche
besser nicht: zum Museum und der Kirche

der Weg führt zur Kirche und zum Museum
besser nicht: zur Kirche und dem Museum

die Liebe zur Musik und zur Technik
besser nicht: die Liebe zur Musik und der Technik

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich würde in Ihrem Beispielsatz zweimal vom empfehlen, und zwar deshalb, weil auch im zweiten Teil eine verschmolzene Form vorhanden ist:

Diese wurden vom Anbieter und vom Abonnenten ausdrücklich für richtig erklärt.

Ich ginge aber nicht so weit, vom Anbieter und dem Abonnenten als grundsätzlich falsch anzustreichen. Es geht in diesem Bereich oft nicht um „richtig“ und „nicht korrekt“, sondern um „besser“ und „eher nicht“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie aufgebläht ist vorprogrammiert?

Kein neues Thema, aber nun hat es auch „Dr. Bopp“ erreicht: vorprogrammieren.

Frage

Ist das Wort „vorprogrammieren“ eigentlich korrekt? Die Vorsilbe „pro“ bedeutet ja schon „vor“. Oder gibt es einen semantischen Unterschied zwischen „programmieren“ und „vorprogrammieren“?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

programmiert wird immer vorher. Ein Programm gibt ja an, wie etwas verlaufen soll. So gesehen ist es also überflüssig, noch ein vor- vor das Verb zu stellen. Es gab und gibt dann auch verschiedene „Sprachpfleger“ und Stilbücher, die vorprogrammieren unter anderem als „überflüssiges Blähwort“ verdammen. Wenn vorprogrammieren die Bedeutung (den Ablauf) in einem Programm festlegen hat, sollte man tatsächlich auch einfach programmieren verwenden. Dennoch weiß sich vorprogrammieren im deutschen Wortschatz zu behaupten, und dies meiner Meinung nach ganz zu Recht.

Mit vorprogrammiert ist oft gemeint, dass etwas einer Sache innewohnt, dass es unausweichlich ist:

Damit ist ein Streit zwischen den beiden schon vorprogrammiert.
Das Fehlen eines Parkkonzepts programmiert ein Parkplatzproblem bereits vor.

Bei dieser Verwendung von vorprogrammieren verdeutlicht vor-, dass im Unterschied zu programmieren nicht eine bewusste, gewollte Handlung gemeint ist.

Mit vorprogrammieren kann auch unterstrichen werden, dass etwas programmiert wird, bevor man selbst dazu kommt, es zu programmieren:

Die Bildeinstellung wurde vom Hersteller vorprogrammiert.
Sein ganzes Leben war vorprogrammiert.

Das vor- ist also mehr als nur eine Verdopplung. Es fügt weitere Bedeutungselemente hinzu. Diese Art der Verdopplung ist bei Verben keinswegs ungebräuchlich. Im Deutschen haben wir nämlich die Neigung, mit Vorsilben nachdrücklich anzugeben, was gemeint ist – manchmal sogar ohne hinzukommende Bedeutungselemente. Ein paar Beispiele:

vom Tisch herunterfallen
aus dem Fenster hinausblicken
den Drachen im Wind aufsteigen lassen
Mehl in Säcke einfüllen
alte Möbel aufpimpen (pimpen heißt schon aufmotzen)
im nachfolgenden Text
mit aufgeblähten Segeln
ohne Vorankündigung

Ganz allein steht das Wort vorprogrammieren mit seiner „Verdopplung“ also nicht im deutschen Wortschatz – und bei Weitem nicht all diese „Verdopplungen“ sind einfach nur aufgebläht.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Tot, toter, toteste

Hier ist sie wieder einmal, die regelmäßig auftauchende Frage nach „unerlaubten“ Steigerungsformen:

Frage

Ist eine Steigerung von tot nicht etwas problematisch? Kann man (auch) toter als tot sein?

Antwort

Sehr geehrter Herr I.,

die Frage nach der Steigerung der sogenannten absoluten Adjektive wird recht häufig gestellt. Ich erlaube mir hier deshalb, statt einer ausführlichen Erklärung zwei Hinweise auf die Seiten von Canoonet zu anzugeben:

Steigerungsformen kommen auch bei „absoluten“ Adjektiven vor, wenn sie in einem übertragenen Sinne oder bewusst verstärkend verwendet werden. Sie haben natürlich Recht, dass tot in seiner Grundbedeutung ein absolutes Adjektiv ist, das nicht gesteigert werden kann. Wir gehen aber wie gesagt davon aus, dass „absolute“ Adjektive nicht immer ganz so absolut sind, das heißt, dass sie manchmal auch gesteigert werden können. Das gilt selbst für tot. Hier ein paar (Internet-)Zitate, die ich – es sei gleich vorweggenommen – für richig formuliert halte:

Vor dreißig Jahren hat ein Toter einem noch Toteren die Hand in den Hosenstall gesteckt.
(Anne Enright, „Das Familientreffen“, übersetzt von Hans-Christian Oeser)

Auf dem Schiff werden uns wilde Geschichten von toten Schiffspassagieren auf dem Grund des Königssees und noch toteren Bergsteigern in der Ostwand erzählt.

Ich habe Lebende gesehen, die einen toteren Eindruck gemacht haben als du.

… man spricht heutigentages übrigens gerade da am meisten vom Leben und vom Übergehen ins Leben, wo man in dem totesten Stoffe und in den totesten Gedanken versiert
(Hegel, „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, 3. Teil, 2. Abschnitt, B, a)

Den Rest des Jahres herrscht kulturell toteste Hose.

Irgendwann müssen Menschen begriffen haben, dass aus dem totesten Material, das wir uns denken können, aus toten Steinen, lebendiges flammendes Feuer zu gewinnen war, indem man sie aneinanderschlug, bis der Funke sprühte.
(Aus einer Predigt zur Karwoche)

Die Steigerungsformen von tot grundsätzlich zu verbieten bedeutet der Sprache zu enge Zügel anzulegen. Es ist tatsächlich wenig sinnvoll, das Adjektiv tot in der Grundbedeutung von nicht lebend zu steigern. Ein friedlich der Altersschwäche erlegenes Huhn ist nicht toter oder weniger tot als ein im Backofen brutzelndes Hähnchen. Die ethischen Fragen rund um den klinischen und den biologischen Tod sind u. a. deshalb so schwierig, weil wir nicht in den Begriffen mehr oder weniger tot, sondern lebend oder tot denken. Die obenstehenden Beispiele zeigen aber, dass das Wort tot nicht nur in diesem absoluten Sinne verwendet wird und dass es dann manchmal sogar Steigerungsformen hat.

Wenn diese Beispielsätze falsches oder schlechtes Deutsch wären, dann wären sie dies nicht, weil es die Steigerungsformen nicht geben könnte, sondern nur, weil es sie nicht geben dürfte. Wenn es toter und toteste wirklich nicht geben dürfte, müsste wohl auch die Wendung mehr tot als lebendig als unzulässige Vergleichsform rot angestrichen werden. Das Deutsche würde dadurch vielleicht etwas „präziser“, aber bestimmt nicht lebendiger.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie landschaftlich ist „öfters“?

Frage

Das Adverb „öfters“ wird einem des Öfteren angekreidet, und zwar mit der Begründung, es sei eine unzulässige Steigerung von „oft“. So weit so gut. In „Joseph und seine Brüder“ verwendet Thomas Mann ausschließlich „öfters“, nie „öfter“. […] Das DWDS sagt im Gegensatz zum Duden nicht, dass „öfters“ umgangssprachlich bzw. landschaftlich sei. Wie halte ich das Ganze nun? Ist „öfters“ eine unlogische Steigerung und spricht gegen die Logik des Schreibers? (Wobei das bei T. Mann vielleicht sehr zweifelhaft ist.)

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Wörtchen öfters ist ein Besserwisserwort, das heißt ein Wort, das Besserwisser anderen immer wieder gerne rot anstreichen. „Das Wort öfters gibt es nicht / ist falsch / sollte nicht verwendet weden“, wird gesagt. Mit der Bedeutung des Öfteren, mehrmals, ab und zu ist es aber recht gebräuchlich, auch in der Literatur, wie Sie selbst ja festgestellt haben. Im DWDS und im Deutschen Wörterbuch von Wahrig stehen keine Angaben dazu, dass es landschaftlich sei. Auch im Grimm-Wörterbuch kommt es vor, sogar mit einer Erklärung seiner Entstehung.

Weshalb soll man es dann trotzdem nicht benutzen? Die Leute, die ich etwas gar streng als Besserwisser bezeichne, berufen sich dabei auf den Duden. Aus irgendeinem Grund hat die Dudenredaktion beschlossen, öfters mit dem Prädikat „landschaftlich“ auszuzeichnen. Das hat automatisch zur Folge, dass es Leute gibt, die behaupten, es sei falsch das Wort öfters zu verwenden. Im Duden „Richtiges und gutes Deutsch“ wird aber bereits nuanciert:

Von den beiden Adverbformen wird heute öfter bevorzugt. Die Form öfters kommt häufig in der Umgangssprache vor; in Österreich ist sie allgemein üblich.
© Duden – Richtiges und gutes Deutsch, 7. Aufl. Mannheim 2011 [CD-ROM]

Das Wörtchen öfters wird hier nicht als landschaftlich, sondern als umgangssprachlich qualifiziert. Warum das so ist und weshalb die Form öfter heute bevorzugt werden soll, weiß ich nicht. Ich habe nämlich den Eindruck, dass mir die Form öfters ziemlich oft begegnet, auch in als standardsprachlich einzustufenden Texten und bestimmt nicht nur in Österreich.

Eine völlig unfundierte, auf keinerlei Nachforschung beruhende Vermutung sagt mir, dass die von Duden konstatierte heutige Bevorzugung von öfter (wenn es sie denn gibt) vor allem darauf zurückgeführt werden kann, dass in den Duden-Wörterbüchern steht, öfters sei landschaftlich. Die negativen Kommentare über öfters, die ich im Internet gelesen habe, berufen sich nämlich praktisch ausnahmslos auf die Angaben von Duden. Ist öfters tatsächlich landschaftlich/umgangssprachlich oder ist es von Duden dazu gemacht worden? Ich vermute Letzteres.

Das Wörtchen öfters ist kein eigentlicher Komparativ mehr (öfters als ist tatsächlich nicht zu empfehlen), sondern ein Adverb mit einer eigenen Bedeutung. Die Grundfrage lautet also nicht, ob öfters richtig oder falsch ist, sondern ob man diese Variante des Adverbs öfter auch standardsprachlich verwenden kann. Duden sagt „eher nicht“, DWDS gibt keine Anwendungsbeschränkungen an. Auch meiner Meinung nach kann man öfters problemlos verwenden, nicht nur in Österreich. Wie so oft bei solchen Fragen gilt allerdings, dass man sich nicht wundern sollte, wenn man öfters von jemandem wegen der Verwendung von öfters korrigiert wird. Vorsichtige Leute verwenden deshalb heute vielleicht tatsächlich besser nur öfter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Erstmalig aufführen oder nicht?

Frage

Auf der Seite www.korrekturen.de wird behauptet, dass das Adjektiv „erstmalig“ nicht adverbial gebraucht werden könne.

Das Adjektiv erstmalig kann nicht adverbial verwendet werden, so kann man zwar von einer „erstmaligen Aufführung“ sprechen, es heißt aber nur „Das Stück wurde erstmals aufgeführt“ und nicht „Das Stück wurde erstmalig aufgeführt“.

Ich halte diese Aussage für falsch. Meines Wissens kann man jedes Adjektiv adverbial verwenden (eben, wie oben, durch Weglassen der Flexionsendung). Was sagen Sie?

Antwort

Guten Tag S.,

die Angabe, die Sie zitieren, ist nicht falsch. Ich finde nur, dass sie etwas zu streng formuliert ist. Man hört und liest zwar häufiger wurde erstmalig aufgeführt, aber standardsprachlich kann man diese Formulierung besser vermeiden. Warum?

Das Adjektiv erstmalig gehört zu einer Gruppe von Adjektiven, die üblicherweise nicht adverbial verwendet werden, weil sie selbst schon von Adverbien abgeleitet sind. Sie stehen sehr häufig vor Substantiven, die von Verben abgeleitet sind:

heute besuchen → der heutige Besuch
den Vertrag bald abschließen → der baldige Vertragsabschluss
oben erwähnen → die obige Erwähnung
einmal zahlen → einmalige Zahlung
erstmals aufführen → die erstmalige Aufführung

Man verwendet diese Gruppe von Adjektiven also dann, wenn in einem Satz „etwas Verbales“ durch ein Substantiv ausgedrückt wird. Ein Adverb, das ein Verb begleitet, wird zu einem Adjektiv, das ein entsprechendes Substantiv begleitet. Diese Aufgabe übernehmen, wie die Beispiele oben zeigen, u. a. mit ig gebildete Ableitungen (z. B. heute → heutig, ersmals → ersmalig).

Wenn wir nun wieder den umgekehrten Weg gehen, wird das Adjektiv, das beim Substantiv steht, wieder zu einem das Verb begleitenden Adverb. Dabei wird bei dieser Gruppe von Adjektiven nicht wie bei gewöhnlichen Adjektiven die endungslose Form gewählt, sondern das ursprüngliche Adverb, von dem das Adjektiv ja abgeleitet wurde:

der heutige Besuch → heute besuchen (nicht: heutig besuchen)
der baldige Vertragsabschluss → den Vertrag bald abschließen (nicht: baldig abschließen)
die obige Erwähnung → oben erwähnen (nicht: obig erwähnen)
die einmalige Zahlung → [nur] einmal / ein Mal zahlen (besser nicht: einmalig zahlen)
die erstmalige Aufführung → erstmals / zum ersten Mal aufführen (besser nicht: erstmalig aufführen)

Adjektive auf –malig wie einmalig, erstmalig und letztmalig werden zwar relativ häufig auch adverbial verwendet, aber stilistisch gesehen ist es besser, auf  zum Beispiel einmal, erstmals, letztmals oder zum ersten/letzten Mal zurückzugreifen.

Man kann also nicht sagen, dass ausnahmslos alle attributiv verwendeten Adjektive auch adverbial verwendet werden. Es gibt, wie man sieht, ein paar Ausnahmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Baldmöglich, baldmöglichst, möglichst bald

Frage

Gibt es das Wort „baldmöglich“ überhaupt? Muss es nicht korrekt „baldmöglichst“ heißen?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

wenn man es rein statistisch anschaut, gibt es das Wort baldmöglich. Ein kurzer Google-Blick ins Netz zeigt nämlich, dass baldmöglich sehr häufig vorzukommen scheint (über 90 000 Treffer). Google-Zahlen sollten mit großer Vorsicht behandelt werden, sie zeigen hier aber immerhin, dass baldmöglich eine des Öfteren aus Tastaturen fließende Wortform ist. Trotzdem ist in zweierlei Hinsicht etwas nicht ganz in Ordnung.

Zuerst die Form:

Sie haben recht, dass es eigentlich baldmöglichst heißt. Der Ausdruck ist nicht mit so bald wie möglich, sondern mit möglichst bald verbunden. Es ist die Form, die man in den Wörterbüchern findet und die Google (man beachte wiederum den Bitte-mit-Vorsicht-genießen-Zeigefinger) mit über einer Million Treffern auch „statistisch“ unterstützt. Die im Deutschen übliche Form ist baldmöglichst.

Dann der Stil:

Die „korrekte“ Form baldmöglichst vermag allerdings nur mäßig zu überzeugen. Sie gilt im Allgemeinen als stilistisch unschöne, papierdeutsche Formulierung, die man besser vermeidet. Wenn Sie in einem Brief oder einer Mail versprechen wollen, eine Anfrage baldmöglichst zu behandeln, sollten Sie sich also überlegen, ob Sie die Anfrage nicht vielleicht viel eleganter so bald wie möglich oder möglichst bald behandeln möchten.

Das Wort baldmöglich gibt es in diesem Sinne nicht. Auch die übliche Form baldmöglichst sollte aus stilistischen Gründen vermieden werden. Letzteres ist allerdings, wie immer bei Stilistischem, vor allem eine Frage des Geschmacks.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es tut mir leid wegen …

Frage

Ich such die deutsche Entsprechung für folgenden Satz „I’m sorry about last Saturday“:

Es tut mir leid wegen letztem Samstag.            .
Es tut mir leid wegen letzten Samstags.

Beides klingt immer komischer, je länger ich draufschaue. Was schlagen Sie vor? Ginge auch „Tut mir leid wegen letzten Samstag“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

eine nicht umgangssprachliche Übersetzung von I’m sorry about last Saturday ist etwas wortreicher als das englische Original. Je nachdem, was genau gemeint ist, zum Beispiel:

Der Vorfall von letztem Samstag tut mir leid.
Ich bedauere, was letzen Samstag geschehen ist.
Ich möchte mich für den letzten Samstag entschuldigen.

Die Formulierung (es) tut mir leid wegen etwas ist umgangssprachlich. Standardsprachlich heißt es eher: etwas tut mir leid. Deshalb will der „hehre“ Genitiv hier nicht passen, auch wenn er grammatikalisch noch zu verteidigen wäre. So spricht niemand:

nicht: Es tut mir leid wegen letzten Samstags.

In einer umgangssprachlichen Formulierung klingt der nach wegen standardsprachlich bei vielen so verpönte Dativ – zumindest in meinen Ohren – etwas besser:

Es tut mir leid wegen letztem Samstag.

Auch der Akkusativ kommt vor. Die Zeitangabe letzten Samstag bleibt dann als adverbiale Bestimmung ähnlich wie unflektierbare Adverbien (gestern, damals) „ungebeugt“:

Es tut mir leid wegen letzen Samstag.

Diese Verwendung eines „unveränderlichen Akkusativs“ nach einer Präposition ist aber standardsprachlich ebenfalls nicht üblich.

Wenn Sie in der deutschen Übersetzung eine standardsprachliche Formulierung wählen müssen, sollten Sie umformulieren (Beispiele oben). Nur dann, wenn eine umgangssprachliche Übersetzung passend ist, können Sie hier auch (es) tut mir leid wegen mit dem Dativ (letztem Samstag) oder sogar mit dem Akkusativ (letzten Samstag) wählen.

Wieder einmal gibt es nicht nur „eindeutig richtig“ und „grundsätzlich falsch“. Es ist also nicht erstaunlich, dass Sie bei der Übersetzung von I’m sorry about last Saturday ein bisschen ins Zweifeln gekommen sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp