Pläuschchen

Frage

Wie heißt die Verniedlichung von „Plausch“? Heißt es „Pläuschen“ oder „Pläuschchen“?

Antwort

Sehr geehrte Frau V.,

die Verkleinerungsform von Plausch ist:

Pläuschchen

Wenn der Stamm eines Substantivs auf sch endet, bildet man den Diminutiv, indem man wie bei anderen Wörtern chen anhängt (und ggf. umlautet). Zum Beispiel:

Fischchen
Fläschchen
Täschchen
Tischchen
Rüschchen
Bürschchen
usw.

Das gilt auch dann, wenn man das chen nicht ganz standardgemäß als schen ausspricht („Hündschen, mach mal Männschen für das Frauschen!“): Auch wer Handtäschen sagt, sollte Handtäschchen schreiben.

Wem die Konsonantenfülle schch etwas zu viel ist, kann natürlich auch auf die eher südliche Variante lein ausweichen:

Pläuschlein
Fischlein
Fläschlein
usw.

Notwendig ist das aber nicht. Bei Zusammensetzungen bewältigen wir nämlich noch viel eindrücklichere Konsonantenhäufungen: Herbststurm, Angstschweiß. (Mehr dazu finden Sie hier.)

Wie immer man es aussprechen und schreiben mag, ein kleines Pläuschchen oder Pläuschlein ist immer gut fürs Gemüt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Umgeschlossen?

Frage

Ich bin beim Verb „umschließen“ auf Ihre Partizip-Perfekt-Form „umschlossen“ gestoßen. Die Form „umgeschlossen“ kann ich in Canoonet nicht finden.

Ich bin auf diese Form einmal im Zusammenhang mit Telefonverträgen gestoßen. Wenn man mit seiner Rufnummer den Telefonprovider wechselt, stellt sich die Frage, wann der Umschluss der Rufnummer auf den neuen Anbieter stattfindet. Also: Wann wird „umgeschlossen“?

Zum anderen finden in Haftanstalten auch Umschlüsse statt. Wenn z. B. Häftlinge temporär von einer in eine andere Zelle verbracht werden, spricht man davon, dass sie „umgeschlossen“ wurden. In beiden Fällen heißt der Infinitiv Präsens „umschließen“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.

wenn ein Wort nicht in den Wörterbüchern zu finden ist, heißt das nicht zwangsläufig, dass es das Wort nicht gibt. Häufig heißt es einfach, dass es eine weniger häufig vorkommende Ableitung oder Zusammensetzung ist, die nach einem gängigen Wortbildungsmuster gebildet wurde und einfach zu interpretieren ist. So auch hier: Neben dem in den meisten Wörterbüchern vorkommenden untrennbaren umschlíéßen (auf schließ betont, Partizip: umschlóssen, Bedeutung: einschließen, umgeben, umfassen) kommt auch das trennbare úmschließen vor (auf um betont, Partizip úmgeschlossen).

Im Deutschen gibt es viele Verben mit um-. Sie lassen sich grob in drei Klassen einteilen.

  • Mit um- werden trennbare Verben mit dem Bedeutungselement zurück, herum, zu Boden gebildet. Zum Beispiel:

úmschauen, úmkehren, úmrühren, úmstürzen, úmwerfen

  • Mit um- werden weiter trennbare Verben mit dem Bedeutungselement neu, anders, allgemein verändern gebildet. Zum Beispiel:

úmbauen, úmbuchen, úmfüllen, úmprogrammieren und úmschließen

  • Mit um- werden auch untrennbare Verben mit dem Beutungselement rundum, um herum gebildet. Zum Beispiel:

umgéhen, umflíéßen, umfássen, umrúnden und umschlíéßen

(Interessant sind die manchmal nicht ganz unwichtigen Bedeutungsunterschiede zwischen trennbaren und untrennbaren Verben. So macht es einen wesentlichen Unterschied, ob ich ein Hindernis umfáhre oder úmfahre: Wenn man nicht zufällig auf einem großen Bulldozer sitzt, ist es einfacher, einen Baum zu umfahren als ihn umzufahren.)

Es gibt, wie gesagt, sehr viele Verben mit um-. Viele davon sind in Wörterbüchern verzeichnet, aber bei weitem nicht alle. Beschränken wir uns einmal auf die Gruppe der trennbaren Verben mit dem Bedeutungselement verändern. In den meisten Wörterbüchern verzeichnet sind zum Beispiel:

umarbeiten, umbauen, umbuchen, umdatieren, umpflanzen, umprogrammieren, umschulen, umschichten, umschminken, umstellen, umziehen …

Nach demselben Muster werden auch Verben gebildet, die es (noch) nicht bis in alle Wörterbücher geschafft haben:

umfädeln, ummontieren, umplanen, umreihen, umschienen, umspuren, umstöpseln, umtüten, umschließen …

Auch wenn man sie nicht im Wörterbuch findet, sind solche Bildungen meistens leicht verständlich. In der Regel hilft nämlich der Kontext, sie richtig zu interpretieren. Als ich Ihre Frage las, war mir nicht sofort klar, was die allein stehende Form umgeschlossen bedeutet. Sobald aber der Kontext hinzukommt (im einen Fall werden Telefonanschlüsse umgeschlossen, im anderen Fall werden Gefangene umgeschlossen), wird deutlich, was mit umschließen gemeint ist: anders anschließen bzw. an einem andern Ort einschließen.

Das Wortbildungselement um- kann mit vielen Verben kombiniert werden. Nicht immer führt dies zu einem stilistischen Meisterwerk, aber meistens zu einem einfach verständlichen Wort. Das trennbare Verb umschließen – schließt um – hat umgeschlossen gibt es also, auch wenn es wie viele andere nicht im Wörterbuch steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Deutsch-französische Kontamination

Wenn ich hier von einer deutsch-französischen Kontamination rede, meine ich nicht eine zwischenstaatliche Verschmutzung, Verunreinigung oder Verseuchung irgendeiner Art. Es geht mir schon gar nicht darum, gegen Gallizismen (französische Lehnwörter) zu wettern. Gemeint ist eine bestimmte Art von Kontamination im Bereich des Wortschatzes. Man Bezeichnet mit diesem Begriff die Zusammenziehung zweier Wörter zu einem. Beispiele sind:

jein aus ja und nein
Gebäulichkeiten aus Gebäude und Baulichkeiten
Eurasien aus Europa und Asien
Brunch aus breakfast und lunch
Denglisch aus Deutsch und Englisch
Bollywood aus Bombay und Hollywood

Mehr dazu hier.

Wie komme ich auf dieses Thema und was ist nun mit der eingangs erwähnten deutsch-französischen Kontamination gemeint? Ein jüngeres bekanntes Beispiel einer Kontamination habe ich noch nicht genannt:

Merkozy aus Merkel und Sarkozy

Seit sich abzeichnete, dass Sarkozy die Präsidentschaftswahlen verlieren könnte, und noch mehr, seit sich dies bewahrheitet hat, machen sich viele Gedanken darüber, wie die deutsch-französische politische Zusammenarbeit innerhalb Europas aussehen wird. Dabei können verschiedene politische, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte beleuchtet werden. Mir geht es um den unwichtigsten von allen: Wie werden die beiden (nicht?) zusammenarbeitenden Staatsleute Merkel und Hollande genannt werden. Es schwirren bereits Vorschläge herum:

Horkel
Merkande

Ich bezweifle allerdings, dass sich eine dieser beiden Zusammenziehungen durchsetzen wird. Im Vergleich zu Merkozy sind sie weniger durchsichtig und vor allem weniger „zweisprachig“: Merkozy beginnt auch klanglich deutsch und endet französich. Horkel hingegen klingt von vorn bis hinten urdeutsch, nach altem Ackerbaugerät und Bauernmuseum. Bei Merkande wiederum denke ich eher an einen delikaten Speisefisch, der auf einem französischen Fischmarkt neben Hummern und Austern angeboten wird.

Die Zeit wird zeigen, ob meine Skepsis begründet war. Vielleicht schafft es ja auch eine dritte Kontamination; dann findet nächste Woche in Berlin das erste Merkollande-Treffen statt.

Zum 101. Mal und die 1001. Nacht

Frage

Sagt man hunderteinte oder hunderterste? Oder geht beides?

Antwort

Guten Tag B.,

Formen wie hunderteinte und hundertundeinte kommen zwar (regional?) vor, standardsprachlich heißt es aber hunderterste und hundertunderste. Auch bei der um zwei höheren Zahl sagt man „regelmäßig unregelmäßig“ hundert[und]dritte, und nicht hundert[und]dreite. Die Ordnungszahlen nach Hundertern und Tausendern werden also gleich gebildet wie die der einfachen Zahlen:

erste, hundert[und]erste, zweihundert[und]erste, tausend[und]erste
zweite, hundert[und]zweite, zweihundert[und]zweite, tausend[und]zweite
dritte, hundert[und]dritte, zweihundert[und]dritte, tausend[und]dritte

Siehe auch hier. Sehr oft kommen diese Ordnungszahlen allerdings nicht vor. Hier dennoch ein paar Beispiele:

Ich habe es dir schon hundertmal gesagt und sage es dir nun zum hundertundersten Mal: …!
Er schoss den Anschlusstreffer in der hundertersten Minute.
Zweihunderterste Durchführungsverordnung zur Luftverkehrsordnung
(Es gibt sie wirklich, die LuftVODV 201!)
Was geschah am Morgen nach der tausendundersten Nacht?

Ich muss gestehen, dass ich die Antwort auf die letzte Frage nicht kenne. Ich habe zwar in „Tausenundeiner Nacht“ gelesen, aber bis zur Geschichte, die Scheherazade dem König in der tausendundersten Nacht erzählt, bin ich noch nie vorgedrungen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum nicht flügig?

Frage

Wieso geht „fündig“, „schlüssig“ und „flüssig“, aber nicht „flügig“?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

in der deutschen Sprache gab und gibt es verschiedene Möglichkeiten, neue Wörter zu bilden. Diese Möglichkeiten werden aber nie vollständig umgesetzt. So kann man zum Beispiel mit dem Suffix -ig Adjektive von Substantiven und Verben ableiten. Diese Möglichkeit wird aber nicht bei allen Substantiven und Verben genutzt, das heißt, es gibt bei weitem nicht zu jedem Nomen und zu jedem Verb eine Ableitung auf -ig. Zum Beispiel:

haarig. wollig, seidig
nicht: leinig, kunststoffig, nylonig

holprig, auffällig, rutschig
nicht: rüttlig, aufprallig, gleitig

Weshalb eine Ableitung nicht vorkommt, ist oft schwierig zu sagen. Gründe können u. a. sein:

  • Es gibt bereits ein anderes Wort dafür (zum Beispiel: *Stehler – Dieb, *Pferdin – Stute).
  • Das Basiswort gehört zu einer Klasse, von der nicht in dieser Weise abgeleitet werden kann (z. B. Bedeutung: *schlafbar, *blühbar; Herkunft: *Hellität, *Gründlichität).

Oft gibt es aber nur diese recht unbefriedigende Erklärung:

  • Es gibt die Ableitung nicht, weil das Wort nicht benötigt wird.

Im Fall von flügig könnte die erste „Erklärung“ zutreffend sein: Je nach Bedeutung machen Wörter wie flügge, fliegend und flugtauglich die Ableitung flügig überflüssig. Mehr lässt sich dazu leider kaum sagen. Wenn ein Wort nicht benötigt wird, dann gibt es das Wort in der Regel nicht, auch wenn man es theoretisch bilden kann. An Wörtern wie fündig, schlüssig und flüssig hatte man im Deutschen Bedarf, für flügig gilt das offenbar nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Feuerwerk

Es knallt hier schon seit gestern ziemlich oft und ziemlich laut. Viele können nicht bis heute Mitternacht warten. Ich kann es ja verstehen. Es hat etwas Schönes, Faszinierendes und Gefährliches. Mir gefällt auch das leicht altertümlich anmutende Wort: Feuer-werk.

Wenn man ein bisschen im Wörterbuch herumsucht, stellt man fest, dass es viele Zusammensetzungen mit -werk an letzter Stelle gibt. Noch erstaunlicher ist die Vielfalt der Bedeutungen dieser Wörter.

Eine erste Gruppe von auf -werk endenden Wörtern bezeichnet die Gesamtheit von etwas. Es kann etwas Natürliches sein:

Astwerk, Blätterwerk, Haarwerk, Laubwerk, Rankenwerk, Strauchwerk, Wurzelwerk

Die Gesamtheit kann aber auch etwas von Menschenhand Geschaffenes sein:

Federwerk (Uhr), Festungswerk, Mauerwerk, Räderwerk, Segelwerk, Seilwerk, Tauwerk

Beispiele von nicht ganz so konkreten Dingen:

Gesetzeswerk, Reformwerk, Vertragswerk, Regelwerk

Wörter auf –werk Bezeichnen auch Produkte bestimmter Tätigkeiten:

Backwerk, Bauwerk, Druckwerk, Knüpfwerk, Schnitzwerk

Wozu sie dienen:

Naschwerk, Schleckwerk, Räucherwerk

Woraus sie bestehen:

Maschenwerk, Netzwerk, Zuckerwerk

Weiter gibt es die Gruppe der Vorrichtungen und Maschinen, die etwas Bestimmtes tun:

Laufwerk, Triebwerk, Schöpfwerk, Förderwerk, Hebewerk, Heizwerk, Leitwerk, Mahlwerk, Rührwerk, Schaltwerk, Schlagwerk, Zählwerk

Diese Gruppe geht über in die Gruppe der Wörter, die ganze Betriebe bezeichnen, in denen etwas getan wird:

Emaillierwerk, Kopierwerk, Lieferwerk, Presswerk, Pumpwerk, Sägewerk, Schmelzwerk, Stauwerk, Walzwerk

Ganz allgemein bezeichnet Werk auch einen Betrieb, eine Fabrik.

– Betrieb nach Erzeugnis:

Betonwerk, Chemiewerk, Elektrizitätswerk, Gaswerk, Kraftwerk, Stahlwerk, Zementwerk (im weiteren Sinne auch: Hilfswerk)

– Betrieb nach Bereich:

Bergwerk, Hüttenwerk, Industrierwerk

– Ganz allgemein Betrieb:

Audiwerke, Volkswagenwerke, Siemenswerke, Stadtwerke, Zweigwerk

Die nächste große Gruppe umfasst ganz andere Bezeichnungen, nämlich die Resultate kreativen Tuns:

Bach-Werk, Bühnenwerk, Erstlingswerk, Frühwerk, Geschichtswerk, Hauptwerk, Jahrhundertwerk, Kunstwerk, Lebenswerk, Lehrwerk, Musikwerk, Nachschlag(e)werk, Prosawerk, Sprachwerk

Andere Wörter auf –werk bezeichnen die Tätigkeit selbst (und deren Resultat) unter verschiedenen Gesichtspunken:

Handwerk, Maßwerk
Einigungswerk, Pionierwerk, Zerstörungswerk
Friedenswerk, Liebeswerk
Menschenwerk, Teufelswerk
Blendwerk, Gaukelwerk
Machwerk, Flickwerk

Eine letzte Restgruppe konnte ich nirgendwo richtig einteilen:

Fuhrwerk, Grottenwerk, Schuhwerk, Stockwerk, Mundwerk

Ganz für sich allein darf heute dieses schöne Wort stehen:

Feuerwerk

Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins neue Jahr! Falls Sie es mit Feuerwerk begrüßen, seien Sie bitte vorsichtig. Wenn man nicht gut aufpasst, kann das erste im Wort genannte Element gefährlich sein.

Dr. Bopp

PS: Bevor Sie sich nun vielleicht kopfschüttelnd ans Nachschlagen und Neueinteilen machen, beachten Sie bitte das Folgende: Diese Übersicht ist weder vollständig noch sehr genau – und auch nicht die einzig mögliche.

Wenn mindestens, zumindest und zum mindesten nicht genügen

Ein Dauerbrenner in vielen Fragenrubriken zur deutschen Sprache:

Frage

Heute geht es um das gute, alte „zumindest“. Zumindest war ich bislang der Meinung, dass man so sagt. Nun höre ich aber immer häufiger, selbst in Fernsehnachrichten oder seriösen Reportagen, dass stattdessen „zumindestens“ gesagt wird. […] Seit nun eben auch noch die automatische Rechtschreibhilfe meines Schreibprogrammes diese Wendung vorschlug, bin ich reif für Ihre Hilfe!

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

das Standarddeutsche stellt uns drei ähnlich klingende Ausdrücke zur Verfügung, wenn wir „wenigsten, auf jeden Fall“ sagen möchten:

mindestens
zumindest
zum mindesten / zum Mindesten

Drei sind aber offenbar nicht genug, denn man hört tatsächlich häufiger auch die aus zumindest und mindestens zusammengebastelte vierte Form zumindestens. Man nennt eine solche Zusammenziehung zweier Wörter oder Wendungen eine Kontamination.

Kontaminationen sind nicht immer grundsätzlich falsch, aber das Wort zumindestens gilt (vorläufig noch?) als umgangssprachlich. Es sollte deshalb ähnlich wie zum Beispiel antelefonieren, berechtfertigen und meines Erachtens nach in der Standardsprache vermieden werden. Ihre Rechtschreibhilfe ist mit dem Vorschlag zumindestens ihrer Zeit zumindest ein paar Jährchen voraus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nicht nur für Murgtäler und Friedrichstalerinnen

Frage

Ich komme aus einem Ort im Murgtal  im Schwarzwald und es ist üblich wenn man zu mir (zu uns) sagt: „Du bist ein (Ihr seid) Murgtäler.“ Jetzt wohne ich in Friedrichstal bei Karlsruhe. Viele bestehen hier darauf als Friedrichstaler und nicht als Friedrichstäler angesprochen zu werden. Was ist grammatikalisch korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau M.,

bei Einwohnernamen sollte man vor allem auf die Einwohner und Einwohnerinnen hören. Rein grammatikalisch sind nämlich beide Formen richtig. Wenn man geographische Adjektive und Einwohnernamen mit -er bildet, kann das Grundwort umgelautet werden. Es muss aber nicht umgelautet werden. Zum Beispiel:

Rom – Römer
Elsass – Elsässer
Schwarzwald – Schwarzwälder
Mühlhausen – Mühlhäuser (Thüringen)

Bonn – Bonner
Stuttgart – Stuttgarter
Greifswald – Greifswalder
Mühlhausen – Mühlhaus[en]er (Elsass)

Korrekt sind also theoretisch sowohl:

Murgtäler
Friedrichstäler

als auch:

Murgtaler
Friedrichstaler

Entscheidend ist aber, was am Ort oder in der Region üblich ist:

Murgtäler
Friedrichstaler

Sie sind also ein Murgtäler oder eine Murgtälerin und wohnen nun zwischen den Friedrichstalern und Friedrichstalerinnen. Bei Ortsnamen auf -tal kommt die Form ohne Umlaut übrigens häufiger vor (z.B. Wuppertaler, Emmentaler, Zillertaler). Das heißt aber nicht, dass Murgtäler in irgendeiner Weise falsch oder weniger gut wäre. Es ist die Form, die im Murgtal verwendet wird, und somit ist es die richtige Form.

Das gilt ganz allgemein. Auch wenn fast alle Orte mit einem Namen auf –stadt Einwohner auf –städter haben (Darmstädter, Ingolstädter, Eisenstädter) nennen sich die Einwohner und Einwohnerinnen von Schifferstadt ganz richtig und ganz zu Recht Schifferstadter und Schifferstadterinnen. Auch wenn gemäß den Wörterbüchern das Adjektiv und der Einwohnername zu Basel auch Baseler lauten soll und es in verschiedenen deutschen Städten tatsächlich eine Baseler Straße gibt, käme es in Basel (und dem Rest der deutschsprachigen Schweiz) kaum jemandem in den Sinn, von der Baseler Firma Canoo zu reden. Es heißt hier immer nur: die Basler Firma Canoo.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Konstellieren

Heute wieder einmal etwas dazu, warum es gar nicht so einfach ist, ein neugebildetes Wort zu verwenden.

Frage

Letztens stieß ich in einem wissenschaftlichen Text auf das Wort „konstellieren“ (abgeleitet von „Konstellation“). Ich fand’s sehr hübsch, traue mich aber nicht, es selbst zu verwenden, weil ich nicht weiß, ob es das Wort wirklich gibt. Eine Google-Stichprobe ergab, dass es kaum vorkommt. In den Wörterbüchern taucht es gar nicht auf. Ist es Ihnen bekannt?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

das Verb konstellieren ist mir nicht bekannt. Auch in den mir zur Verfügung stehenden Wörterbüchern und -listen kommt es nicht vor. Ist es deshalb ein falsches oder unmögliches Wort?

Seine Form passt gut in ein häufig vorkommendes Muster: Zu vielen auf –ieren endenden Verben gibt es ein Substantiv auf –ation:

isolieren – Isolation
konzentrieren – Konzentration
partizipieren – Partizipation
restaurieren – Restauration
u. v. a. m.

Dazu passt mühelos auch dieses Wortpaar:

konstellieren – Konstellation

Die Form ist also kein Problem. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb das Wort bei flüchtigerem Lesen unbemerkt „durchrutscht“. Bei genauerem Lesen stellt sich dann allerdings die Frage der Bedeutung. Doch wie oft kommt es nicht vor, dass man in wissenschaftliche oder wissenschaftlich daherkommenden Texten einem Wort begegnet, dessen Bedeutung man nicht oder nur vage kennt. „Es wird wohl etwa mit zusammenstellen zu tun haben“, war mein erster Gedanke. Erst wenn man es genauer wissen will, stockt man beim Verb konstellieren.

Fangen wir einmal beim in den Wörterbüchern verzeichneten Substantiv Konstellation an: Es geht auf das lateinische constellatio mit der Bedeutung Stellung der Sterne (untereinander) zurück. Diese Bedeutung hat es auch heute noch. Es wird auch im übertragenen Sinne verwendet und bezeichnet dann das Zusammentreffen bestimmter Umstände und die sich daraus ergebende Situation: eine neue politische Konstellation, eine ungünstige Konstellation der Umweltfaktoren.

Im Französischen und Italienischen gibt es ein dazu passendes Verb: consteller bzw. costellare. Beide bedeuten mit Sternen übersäen und figürlich mit etwas besetzten/bestreuen. Ich weiß nun nicht, ob Ihnen bei der deutschen Neuschöpfung eine ähnliche Bedeutung vorschwebt oder ob Sie mit diesem Verb etwas anderes ausdrücken möchten. Vielleicht ist damit zu einer bestimmten Konstellation führen, eine bestimmte Konstellation entstehen lassen gemeint. Es könnte auch sein, dass ganz einfach meine erste Intuition richtig war: Sie möchten konstellieren als eine Art gelehrter klingende Variante von zusammenstellen benutzen.

Damit sind wir beim eigentliche Problem der Verwendung von Neubildungen wie konstellieren angelangt: Das Wort ist weder prinzipiell falsch noch unmöglich, Sie können aber nicht sicher sein, dass man versteht, was Sie genau damit meinen. Ihr Zögern ist also gerechtfertigt. Wenn Ihnen das Wort so gut gefällt, dass Sie es einfach nicht lassen können, es zu verwenden, sollten Sie es kurz erklären oder dafür sorgen, dass aus dem Kontext deutlich hervorgeht, was gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reib(e)käse

Wenn Sie heute Abend Spaghetti essen oder einen Auflauf mit Käse überbacken, verwenden Sie dann Reibkäse oder Reibekäse?

Frage

Heißt es Reibkäse oder Reibekäse? Nach meiner bisherigen Recherche scheint es so zu sein, dass mit Reibe- Substantive beginnen, die etwas bezeichnen, das durch Reibung entstanden ist, z. B. Reibekuchen oder Reibelaut. Reib- hingegen scheint Verwendung zu finden, wenn das Substantiv etwas bezeichnet, das unmittelbar mit Reibung zu tun hat, wie z. B. das Reibeisen.

Nach dieser Folgerung wäre der Reibkäse ein Produkt, welches zur Verwendung in geriebener Form gedacht, also noch am Stück ist. Dagegen wäre Reibekäse Käse in geriebener Form.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

Ihr Gedankengang klingt einleuchtend. Ich kann Ihre Schlussfolgerung leider trotzdem nicht teilen. Ob man in Zusammensetzungen mit einem Verb an erster Stelle ein e verwendet oder nicht, hängt meist nicht von der Bedeutung ab. Entscheidend ist die Form des Verbstammes – und was üblich ist.

Zur Form: Bei Verbstämmen, die wie reib(en) auf ein b enden, wird manchmal ein e eingefügt und manchmal nicht. Zum Beispiel:

Werbeagentur – Webstuhl
Lebewesen – Lebzeiten
gebefreudig – schreibgewandt.

Was ist üblich: Bei reiben kommen sowohl Bildungen mit e als auch Bildungen ohne e vor. Die Bedeutung spielt hierbei keine Rolle:

Reibeisen = Eisen, das zum Reiben dient
Reibebrett = Brett, das zum Reiben dient

Reibkäse = Käse der gerieben wird/gerieben werden kann
Reibeputz = Putz der aufgerieben wird/aufgerieben werden kann

Reibelaut, Reibekuchen – Reibfläche, Reibrad

Es gibt also keine feste Regel, nach der man entscheiden könnte, ob Reib- oder Reibe- richtig ist.

Gehen wir nun zum Ausgangswort zurück: Die häufiger in Wörterbüchern verzeichnete Form lautet Reibkäse, weil es wahrscheinlich die etwas häufiger verwendete Variante ist. Man nennt dabei sowohl den Käse, der gerieben werden kann, als auch den bereits geriebenen Käse Reibkäse. Daneben wird aber auch sehr häufig – und nicht weniger korrekt – Reibekäse gesagt und geschrieben; dies ebenfalls sowohl für den reibbaren als auch für den geriebenen Käse. Es könnte hier regionale Unterschiede geben, doch dazu habe ich keine Angaben finden können. In meinem persönlichen Wortschatz kommt nur Reibkäse vor.

Meine Schlussfolgerung lautet: Sowohl Reibkäse als auch Reibekäse sind korrekte Formen. Einen Bedeutungsunterschied gibt es nicht. Sowohl reibbarer Käse am Stück als auch bereits geriebener Käse wird jeweils mit dem gleichen Wort bezeichnet.

Mehr zum Fugenlaut e bei Verben finden Sie hier. Und ob Sie nun Reibkäse oder Reibekäse verwenden: Achten Sie auf gute Qualität! Es lohnt sich!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp