Kamuff(el)

Frage

Woher stammt das alte berndeutsche Wort Kamuff und was bedeutedet es?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

das Wort Kamuff im Sinne von Dummkopf kommt nicht nur im Berndeutschen, sondern auch in anderen Dialekten vor. Eine Variante, Kamuffel, hat es sogar in deutsche Wörterbücher geschafft (zum Beispiel Duden, Wahrig und Canoonet). Bei der Herkunft des Wortes scheiden sich allerdings die Geister:

Eine Herkunftserklärung sagt, dass Kamuff früher Halunke, Schuft bedeutete und auf das ältere italienische Wort camuffo (Betrüger, Halunke) zurückgehe. Eine andere Erklärung sagt, Kamuff sei eine verhüllende Form von Kamel. Es ist gut möglich, dass beide Erklärungen etwas Wahres an sich haben. Das Wort könnte aus dem Italienischen stammen und durch seine Ähnlichkeit mit Kamel die heutige Bedeutung und die recht weite Verbreitung erhalten haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Steuern – zahlen, lenken, unterstützen

Gestern saß ich ein paar Stunden lang auf der Autobahn am Steuer. Heute habe ich damit angefangen, das zu durchwühlen, was man mit einem großen Wort meine „finanzielle Administration“ nennen könnte. Eine mir zurzeit noch völlig unverständliche Steuerrechnung harrt nämlich seit einiger Zeit der Bezahlung. Ich bin zwar kein leidenschaftlicher Autofahrer, aber ich drehe doch lieber am Lenkrad, als dass ich mich um Steuerangelegenheiten kümmere. Bei Letzterem will bei mir einfach keine richtige Freude und Begeisterung aufkommen. Deshalb werde ich jetzt zuerst einmal typisches Flucht- und Verdrängungsverhalten zeigen, indem ich mich statt um die Steuern um die folgende, mich plötzlich brennend interessierende Frage kümmere: Was haben die Steuer und das Steuer miteinander zu tun?

Der genaue Zusammenhang zwischen den beiden Wörtern scheint nicht vollständig geklärt zu sein. Beide sollen etwas mit Stütze, Stützpfahl, Unterstützung zu tun haben. Im Fall von das Steuer könnte das die Stange gewesen sein, mit der Boote in untiefem Wasser vorwärtsgestoßen und gelenkt wurden. Bei die Steuer ging es um eine – offenbar unterstützende – Geldabgabe, die im Mittelhochdeutschen auch die heutige Bedeutung erhielt. Man findet ältere Bedeutungen noch in die Aussteuer (Heiratsgut) und etwas beisteuern (einen Beitrag leisten). Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass sich zwei Wörter von einem gemeinsamen Ursprung zu Bezeichnungen für so unterschiedliche Begriffe wie Steuerrad und Abgabe an den Staat entwickeln können.

Ich hatte ganz am Anfang gehofft, auf einen direkteren Zusammenhang zu stoßen, nämlich dass man mit den Steuern, die man zahlt, das Staatsschiff steuert. Aber vielleicht ist es ja ganz gut, dass dem nicht so ist. Frei nach dem Motto „Wer zahlt, befiehlt“ hätte das dann ja bedeutet, dass man sich (noch mehr als jetzt) den Einfluss auf die Gemeinschaft erkauft. Geben wir uns also damit zufrieden, dass wir unsere Länder mit den Steuern zwar nicht steuern, dafür aber unterstützen!

Wie sagt man via E-Mail?

Frage

Man liest heute häufig via Internet, via E-Mail. Wie ist die Aussprache von via? Welche ist gebräuchlicher? Englische oder deutsche: [vaiə] oder [vi:a]?

Antwort

Guten Tag C.,

das Wörtchen via gab es schon vor dem Internetzeitalter. Es bedeutet über, durch:

Wir sind via Paris nach Tunis geflogen.
Sie versuchten, den Streik via Gerichtsbeschluss zu verbieten.

Es kommt nicht aus dem Englischen, sondern auch dem Lateinischen (Ablativ von via = Weg). Es wird in der Regel deutsch ausgesprochen: [‚vi:a]. Dies gilt auch vor Wörtern wie E-Mail, Internet oder iPhone. Wenn das Wörtchen via in einem deutschen Zusammenhang englisch ausgesprochen wird, hat das meist etwas mit – wie sage ich denn das jetzt diplomatisch – Unkenntnis oder Wichtigtun zu tun. Sehen Sie auch diese Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Heißer Durst

Der Frühling lässt immer noch auf sich warten. Das mag zwar Hamburger auf Skiern freuen (in HH haben nämlich gerade die Ferien angefangen), aber mich und vielleicht auch einige von Ihnen reißt die Hartnäckigkeit dieses Winters nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hin. Darum geht es heute um eine Frage, die zumindest indirekt etwas mit Wärme zu tun hat.

Frage

Heute sagte ein Freund: „Nach dem Schwimmen habe ich mir eine Flasche Ananassaft gekauft und direkt leer getrunken. So einen Heißdurst hatte ich.“ Ich stutzte. Heißhunger, ja, das kannte ich. Aber wo kommt der Begriff her? Und gibt es einen äquivalenten Begriff für einen ähnlichen Durst?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

nach den Angaben im historischen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (Eingabe „heisz“) zu schließen kommt das Heiß- in Heißhunger ganz einfach vom Adjektiv heiß. Von der wörtlichen Hitze über die innerliche Hitze (vgl. zum Beispiel heißes Blut, heißes Verlangen, etwas heiß ersehnen) wurde heiß ein verstärkendes Element bei Hunger UND Durst. Früher sprach man von heißem Hunger und von heißem Durst. Im heutigen Deutschen sind nur noch Heißhunger und heißhungrig gebräuchlich. Wenn man großen Durst hat, sind andere Ausdrücke üblich. Neben dem wenig spektakulären Riesendurst sind dies zum Beispiel Höllendurst und Mordsdurst. Es würde mich auch gar nicht erstaunen, wenn im deutschen Sprachraum noch eine ganze Palette anderer Wörter für dieses Phänomen zu finden wäre.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Woher kommt der Adamsapfel?

Frage

Wer führte Adamsapfel ins Deutsche ein?

Antwort

Sehr geehrte Frau A.,

beim Adamsapfel handelt es sich um „den hervorspringenden und tastbaren Abschnitt des Schildknorpels (Cartilago thyroidea) des Kehlkopfs“. Wie die meisten Wörter, wurde auch das Wort Adamsapfel nicht durch eine Person ins Deutsche eingeführt. Es geht auf Volkslegenden zurück, nach denen Adam ein Stück der verbotenen Frucht im Hals stecken geblieben sein soll. Als Erinnerung an die Erbsünde sei dies bei Männern in der Form des Adamsapfels noch zu sehen.

Das Wort gibt es nicht nur im Deutschen:

lateinisch: pomum Adami
englisch: Adam’s apple
schwedisch: adamsäpple
französisch: pomme d’Adam
italienisch: pomo d’Adamo

Auch auf z. B. Polnisch, Russisch und Griechisch nennt man ihn so. Es ist also ein seit langem im gesamten europäischen Raum verbreitetes Wort. Wie und wo genau dieses Wort und seine Deutung entstanden sind, ist ungewiss.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Frühjahrsputz im Februar?

Zum Ersten des Monats ein paar Worte zum Namen des Monats: Wie alle Monatsnamen haben wir auch diesen den alten Römern zu verdanken. Der Monat februarius mensis war der Monat der Reinigung. So gab es auch das Adjektiv februarius = zur Reinigung gehörig.

Wieso war der Februar der Monat der Reinigung? Ist es nicht etwas früh im Jahr für den Hausputz? Doch wenn man bedenkt, dass die klimatischen Verhältnisse in mediterranen Gefilden etwas milder sind als nördlich der Alpen, könnte es gut sein, dass die alten Römerinnen damals den Frühjahrsputz schon im Februar veranstalteten. Außerdem war der März der erste Monat im neuen Jahr. Ich kann mir also gut vorstellen, dass man den Dreck des alten Jahres hinter sich lassen und das neue Jahr in einem sauber geputzen Haus anfangen wollte.

Ganz so banal ist es dann natürlich in Wirklichkeit nicht. Wie so oft bei den alten Römern muss man „mythologisieren“: Die Reinigung hatte nicht nur konkret mit Lappen und Besen, sondern vor allem mit Göttern und Opfern zu tun. Der Monatsname ist mit dem Sühnefest der Februalia verbunden, die am Ende des Jahres, also in diesem Monat, dem Gott der Unterwelt, des Todes und der Läuterung gewidmet waren. Bei den Etruskern hieß dieser Gott Februus:

Februus: Etruscischer Gott der Unterwelt, mit Pluto identificirt; nach ihm ist der Monat Februar benannt, der ihm geweiht war, und in dessen zweiter Hälfte man alle freudigen Handlungen unterliess, keine Hochzeiten, feierte, und nichts that, was man gern mit glücklichen Vorbedeutungen anfing, sondern durch allerlei Beschwörungsmittel die Larven austrieb, die Häuser, die Begräbnissplätze und die Stadt selbst von neuem weihete, sich mit den Göttern versöhnte, und dasselbe für den Staat vornahm. F. war es, der zu dieser Zeit die Macht hatte, die Gespenster und Plagegeister in ihre unterirdischen Höhlen einzuschliessen. [Quelle]

Der Februar war also der Reinigungsmonat, aber es ging nicht um fröhliches Schrubben und Putzen, sondern um Reinigung im Sinne der Läuterung und Sühne. Nicht (nur) das konkrete Wohnhaus, sondern das individuelle und das kollektive geistig-moralische Haus wurden im Monat Februar einem „Jahresendputz“ unterworfen.

 

Abrechenbar und abrechnungsfähig

Frage

Gibt es in der deutschen Sprache das Wort abrechenbar? Dieses Wort habe ich im medizinischen Kontext gehört: abrechenbare Diagnose oder abrechenbare Leistung. Worin besteht der Unterschied zwischen abrechenbar und abrechnungsfähig?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

das Wort abrechenbar gibt es, und wenn es das Wort noch nicht gäbe, könnte man es ganz einfach bilden. Das Suffix -bar ist die bei der Bildung von neuen Adjektiven aus Verben am häufigsten vorkommende Endung. Es drückt unter anderem aus, dass die Verbhandlung mit jemandem oder etwas gemacht werden kann (z.B. lieferbar, trennbar, abwaschbar, auswechselbar). Es kann bei sehr, sehr vielen Verben verwendet werden, so dass es ständig zu neuen Wortbildungen kommt: abrufbar, herunterladbar, downloadbar, ergoogelbare Info, scannbare Barcodes usw.

Das Adjektiv abrechenbar bedeutet also so etwas wie sich abrechnen lassend. Auch abrechnungfähig sagt man von etwas, das sich abrechnen lässt. Die Wörter abrechenbar und abrechnungsfähig haben also die gleiche Bedeutung. Ob sie überall in gleicher Weise verwendet werden, weiß ich leider nicht. Im Prinzip müsste aber eine abrechenbare Leistung dasselbe sein wie eine abrechnungsfähige Leistung.

Abrechenbares Laub wäre dann aber wieder etwas ganz anderes. Das könnte man von Laub sagen, das sich vom Rasen abrechen lässt. Da dies für alles Laub gilt, ist dieses abrechenbar wohl eher überflüssig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Blog und Weblog in Canoonet

Frage

Mir ist aufgefallen, dass Canoonet mit Suchbegriffen wie Blog, Weblog oder bloggen nichts anfangen kann bzw. keine Einträge findet, obwohl diese Begriffe doch mittlerweile auch im Duden zu finden sind. Das hat mich etwas gewundert, da Canoonet doch ansonsten das m. E. vollständigste freie Wörterbuch zur Verfügung stellt.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

den Schönheitspreis verdient es tatsächlich nicht, aber es ist auch nicht so erstaunlich. Das Wort Blog ist uns bei der letzten Aktualisierung der Wörterbuchdaten ganz einfach durch die Lappen gegangen. Zusammen mit bloggen, Blogger, Bloggerin und Weblog steht es seit einiger Zeit auf der Liste der aufzunehmenden Wörter. Da die Erweiterung des Wörterbuches und die damit zusammenhängende Datenaktualisierung sehr aufwendig sind und zurzeit leider nicht erste Priorität haben, könnte es noch ein Weilchen dauern, bis das Wort Blog online auf Canoonet abfragbar sein wird.

Für solche Fälle gibt es dann die Möglichkeit, Fragen an die Menschen von Canoonet zu richten. Das ist zwar aufwendiger und dauert länger, dafür ist die Antwort manchmal etwas ausführlicher:

Es gibt Leute, die behaupten, dass es unbedingt, nur und ausschließlich das Blog sein müsse. Blog ist eine verkürzte Form von Weblog. Der Teil log steht für das englische logbook, das auf Deutsch das Logbuch heißt. Deshalb müsse es auch unbedingt das Log, das Weblog und das Blog heißen. Die deutsche Sprachgemeinschaft hält sich aber nicht an diese ziemlich lange Ursprungsgeschichte (vor allem der Schritt von Weblog zu Blog ist recht undurchsichtig) und verwendet fast ebenso häufig der Blog. Das hat zum Beispiel Duden und Wahrig dazu gebracht, der Blog als Variante von das Blog aufzunehmen. Auch in Canoonet werden wir beide Möglichkeiten angeben. Wenn Sie aber ganz sicher sein wollen, dass Ihnen wirklich niemand je vorwirft, der Blog sei falsch, können Sie am besten das Blog verwenden. Aber wie gesagt: Zusammen mit anderen Wörterbüchern sind wir der Meinung, dass auch der Blog als richtig zu gelten hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mann, war das teuer!

Frage

Ich wüsste gern, wie man das Wort man in folgendem Satz schreibt: Man (oder Mann?), war das teuer! Wäre schön, wenn ich eine Erklärung dazu bekäme, warum welche Schreibweise genommen wird.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

man schreibt:

Mann, war das teuer!

Der Ausruf Mann! ist wohl als informelle Anrede und als Aufruf (an einen Mann), er solle zuhören, entstanden: Mann, pass doch auf! Vielleicht hat der Ausruf auch mit der eher veralteten, auf die Bibel (u.a. 5. Buch Mose, 33,1) zurückgehenden Anrede Mann Gottes! zu tun. Danach hat er sich zu einem allgemeineren, Erstaunen oder Verärgerung ausdrückenden Ausruf entwickelt, den nun auch Frauen in auschließlich weiblicher Gesellschaft verwenden. Eine „erweiterte“ Variante ist Mannomann!, ein naher Verwandter der Ausruf Mensch!

Dass man diesen umgangssprachlichen Ausruf groß- und mit zwei n schreibt, kann man sich merken, indem man an die erweiterte Form denkt: Mein lieber Mann, war das teuer!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von der Grippe ergriffen

So, jetzt gehts wieder. Ich bin wieder voll einsatzfähig. Eigentlich müsste ich sagen „fast voll einsatzfähig“, aber das Husten hören Sie ja nicht. Auch meine noch weniger als sonst glockenhell tönende Stimme stört Sie wohl kaum beim Lesen. Diese „Gebrechen“ mussten unbedingt noch erwähnt werden, denn Männer sind nun einmal wehleidig und Dr. Bopp ist eben auch nur ein Mann. Das muss jetzt voll ausgekostet werden.

Genau das werde ich jetzt auch tun. Da dieses Jahr für mich einen mäßigen Anfang genommen hat, verdiene ich es, mit einem meiner Lieblingsthemen anzufangen zu dürfen: Wortgeschichte. Welches Wort liegt da näher als das Wort Grippe?

Auch die Grippe (das Wort, nicht etwa die Krankheit) haben wir vom früheren Hauptlieferanten für Fremdwörter, dem Französischen, übernommen. Es wurde dort offenbar zum ersten Mal für die Grippeepidemie von 1743 verwendet. Das französische Wort grippe bedeutete unter anderem Laune, Grille. Es geht auf gripper zurück, das die Bedeutung packen, ergreifen hat. Von hier an weichen die verschiedenen Erklärungen leicht voneinander ab: Die Grippe wurde so genannt, weil sie wie ein launenhaftes Etwas unerwartet zuschlägt (von grippe) oder weil sie große Gruppen von Menschen hart anpackt (von gripper). Vielleicht war es ja auch einfach eine Kombination dieser beiden Bedeutungen. Das Wort wurde dann Ende des achtzehnten Jahrhunderts ins Deutsche übernommen.

Ich habe bis jetzt noch nicht herausgefunden, wie man die Grippe vor der Ankunft des Wortes Grippe im Deutschen nannte. Vielleicht war man einfach krank. Influenza, das andere, inzwischen veraltete Wort für Grippe, kam nämlich auch erst im achtzehnten Jahrhundert auf. Es stammt aus dem Italienischen, wo es anfänglich nur Einfluss bedeutete. Später bezeichnete influenza auch Ansteckung, Epidemie, weil diese damals unerklärlichen Phänomene dem Einfluss der Sterne zugeschrieben wurden. Noch später wurde das Wort speziell für die Grippe verwendet. Mit dieser Bedeutung ist es dann ins Deutsche und zum Beispiel auch ins Englische (influenza, flu) übernommen worden.

Ob es nun eine launenhafte Grille ist, die einen ergreift, oder der unerklärliche Einfluss der Sterne, so schön, wie die wortgeschichtlichen Erklärungen klingen, ist die Krankheit leider nicht.  Allen Grippebefallenen wünsche ich gute Besserung.