Sind Brüder Geschwister?

Frage

Kann man zwei Brüder als auch als Geschwister bezeichnen? Kann ich sagen: Klaus und Martin sind Geschwister oder ist das nicht korrekt?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

Sie können, aber üblich ist es nicht. Normalerweise verwendet man den Begriff Geschwister dann, wenn es sich um Brüder und Schwestern handelt oder wenn man nicht weiß, ob es sich um Brüder und/oder Schwestern handelt. Wenn das Wort Geschwister für Geschwister des gleichen Geschlechts verwendet wird, werden damit vor allem Schwestern bezeichnet (zum Beispiel die Geschwister Brontë). Dies geschieht aber vor allem bei bekannteren Geschwisterpaaren in Verbindung mit dem Familiennamen, also in Zusammenhängen, in denen man für Brüder das Wort Gebrüder verwendet (zum Beispiel die Gebrüder Grimm und die Gebrüder Wright). Sonst sagt man doch eher, dass Marianne und Mathilde Schwestern sind. Bei Brüdern ist die Verwendung von Geschwister nicht grundsätzlich falsch, aber ungebräuchlich. Man sagt dann eher, dass Klaus und Martin Brüder sind – oder man verwendet zum Beispiel in Firmennamen und für berühmte Brüder das relativ gehobene Wort Gebrüder in Verbindung mit deren Familiennamen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Tram, Tramway und Holzschienen

Weil es schon wieder regnet (oder immer noch?), komme ich nochmals auf die Straßenbahn oder eigentlich die/das Tram zurück. Da Sie selbstverständlich schon immer wissen wollten, wo das Wort herkommt, habe ich es für Sie nachgeschlagen. Tram geht auf das englische tramway zurück. Das Wort tram ist schottisch und nordenglisch, wo es im Minenbau sowohl für die Schienen als auch für die darauf rollenden Wagen verwendet wurde. Es kommt wahrscheinlich von einem germanischen Wort tram(e), das Balken, Querbalken bedeutete. Die ersten Schienen in den Minen waren nämlich aus Holz.

Und wenn wir schon bei Geschichtlichem sind, hier noch ein paar Informationen, denen ich auf der Suche begegnet bin: Die ersten offiziellen Pferdetramdienste nahmen 1832 in New York  und 1834 in New Orleans den Betrieb auf. (Den allerersten bezahlten Passagiersdienst auf Schienen gab es allerdings schon 1804 in Südwales, aber die Swansea and Mumbles Railway scheint aus terminologischen oder anderen Gründen nicht als Straßenbahn zu gelten.) In Europa wurden die ersten Pferdestraßenbahnen 1855 in Paris und 1861 in London eingeführt. Die erste Linie in der Schweiz und gleichzeitig die zweite auf dem europäischen Festland wurde 1862 in Genf eröffnet. In Deutschland und Österreich fuhren die ersten von Pferden gezogenen Straßenbahnen in Berlin und Wien, in beiden Städten im Jahre 1865.  Aber was das eigentlich noch mit Sprache zu tun haben soll, weiß ich auch nicht. Das kommt davon, wenn man an einem ziemlich verregneten Sonntagnachmittag zu tippen anfängt.

Die Straßenbahnfahrkarte und das Trambillett

Weil es heute Morgen wieder einmal schüttete, habe ich die Straßenbahn genommen. Weil man in der Straßenbahn Zeit hat und sich nicht immer wieder über ungeniert in Handys brüllende Mitpassagiere ärgern kann, ließ ich meine Gedanken schweifen. Beim Wort Straßenbahn kommt mir nämlich immer in den Sinn, das dieses Wort für Schweizer Ohren so richtig deutsches Deutsch ist. Das liegt nicht nur daran, dass man in der Schweiz das Wort Tram verwendet, sondern auch daran, dass man im Standarddeutschen nördlich des Rheines ein langes a viel offener ausspricht als im durchschnittlichen schweizerischen Hochdeutsch. (Die Ostschweizer bitte ich, mir diese Verallgemeinerung zu verzeihen.) Dann klingt Straßenbahn schon fast ein wenig wie Sträßenbähn. Noch krasser ist der Unterschied bei der Straßenbahnfahrkarte (Sträßenbähnfährkärte), die man in der deutschen Schweiz „natürlich“ Trambillett nennt.

Ein anderer Ausdruck aus dem öffentlichen Verkehr, den man in der Schweiz nie und nimmer hören würde, ist „Vorsicht am Bahnsteig, die Türen schließen selbsttätig“. Ein Bahnsteig ist in der Schweiz ein Perron und selbsttätig ist automatisch. (Das Wort „selbsttätig“ hört man allerdings auch in Deutschland nur selten anders als aus Bahnhofslautsprechern.) Wenn ich also vor selbsttätig schließenden Türen gewarnt werde, dann weiß ich, dass mein Zug in Deutschland angekommen ist, wo man für die eventuelle Weiterfahrt am Automaten einen Fahrschein und nicht ein Billett löst. Soweit die Gedanken zu Sprachunterschieden im öffentlichen Verkehr, denn ich musste das Tram (nicht etwa die Tram!) schon wieder verlassen.

Wenn Satzzeichen Flügel kriegen: das Ausrufungszeichen

Frage

Ich habe gerade die beiden Begriffe Ausrufezeichen und Ausrufungszeichen nachgesehen, um herauszufinden, welches der beiden die korrekte Bezeichnung für das Zeichen ! ist, oder ob beide gleichberechtigt verwendet werden können. Nun wird beim Eintrag Ausrufungszeichen als Oberbegriff Eule angegeben, was mich zugegebenermaßen etwas verwirrt hat. Vielleicht können Sie mich diesbezüglich erleuchten?

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

was das Wort Ausrufungszeichen mit einer Eule zu tun haben soll, war auch mir vorerst völlig unklar. Wenn man dann weitersucht, stellt man fest, dass die automatische Darstellung von Synonymen, Ober- und Unterbegriffen manchmal eher verwirrend als hilfreich ist. Dies gilt insbesondere bei Wörtern wie Ausrufungszeichen, die selten verwendet werden und darüber hinaus noch verschiedene Bedeutung haben. Bei solchen Wörtern ist das Risiko größer, dass im Wörterbuch nicht alle Bedeutungen abgedeckt sind.

Eulen sind natürlich Vögel. Eulen oder Eulenfalter sind aber auch eine Nachtfalterart. Zu den Eulenfaltern gehört neben zum Beispiel der Achateule, der Holzkappeneule, dem Schattenmönch, dem Schwarzen Ordensband, dem Jägerhütchen und dem Silberspinnerchen auch das Ausrufungszeichen, das auch den schönen Namen Gemeine Graseule trägt.

Ausrufungszeichen

Es stimmt also, dass Ausrufungszeichen ein Unterbegriff einer bestimmten Bedeutung von Eule ist. Im Bedeutungswörterbuch fehlt aber die bekanntere Bedeutung des Wortes, das heißt, es wird nicht angegeben, dass Ausrufungszeichen auch eine seltener verwendete Variante von Ausrufezeichen ist. Das kann zu sehr begreiflicher Verwirrung führen. Wir werden die Angaben ergänzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer hat im (T)raumschiff den Oberbefehl: der Captain, der Kapitän oder der Käpten?

Frage

Ich muss eine kleine Geschichte über ein Raumschiff schreiben und meine Frage ist: Welche der folgenden Formen ist korrekt?

Cepten, Ceptain, Capten, Captain, Cäpten, Cäptain,
Kepten, Keptain, Kapten, Kaptain, Käpten, Käptain

Mein Duden schlägt noch Kapitän vor, der allerdings ein Boot oder Schiff, aber kein Raumschiff dirigiert. Darauf komme ich, weil doch, egal ob „Star Trek“, „Raumschiff Enterprise“ oder „Traumschiff Surprise“, überall nach dem Cäpten und nicht nach dem Kapitän gerufen wird. Oder ist der Ausdruck Cäpten einfach nur Umgangssprache oder vielleicht sogar erfunden?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

Sie finden den Titel, den Herr Kirk im Raumschiff Enterprise trägt, deshalb nicht in deutschen Wörterbüchern, weil es ein englischer Titel ist. Sehen Sie hierzu den folgenden Wikipedia-Artikel: Captain Kirk. Auch andere Figuren in dieser Raumschiffserie tragen englische Titel: zum Beispiel Commander Spock und Lieutenant Uhura.

Der Film „Traumschiff Surprise – Periode 1“ ist zwar eine deutsche Kinokomödie, aber die Handlung (soweit sie auf der Erde stattfindet) spielt in den Vereinigten Staaten. Außerdem wird dort der Oberbefehlshaber in einer der sehr vielen sehr gewollten Analogien mit dem Raumschiff Enterprise Captain Kork genannt (meist Käpt’n Kork geschrieben).

In der Fernsehserie „Das Traumschiff“ trägt der oberste Schiffsoffizier den deutschen Titel Kapitän. Es wird aber öfter mit dem norddeutschen umgangssprachlichen Ausdruck Käpten nach ihm gerufen. Käpten und Captain klingen aus deutschem Munde genau gleich. Auch die Schreibung Käpt’n Kork greift wohl auf diese norddeutsche Form zurück.

Ein Kapitän ist der Kommandant eines Schiffes oder eines Flugzeuges. Da man bei einem Raumschiff wie bei einem Schiff oder Flugzeug an Bord und von Bord geht, kann man dessen Kommandanten sicher auch Kapitän nennen.

Es gibt also verschieden Möglichkeiten, wie Sie den obersten Chef Ihres Raumschiffes nennen können: Captain W., Kapitän W., Kommandant W. Und wenn man etwas kumpelhaft nach ihm ruft (oder aus Ihrer Geschichte eine deutsche Kinokomödie macht …): Käpten W. oder Käpt’n W.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was ich in der Bretagne über Großbritannien lernte

„Reisen bildet“, sagt man. So weiß ich jetzt zum Beispiel, dass man in der Bretagne bestens Austern, Muscheln und andere Meeresbewohner essen kann, dass es dort guten Cidre (Apfelwein) zu trinken gibt und dass die Crêpes in der bretonischen Küche erfunden worden sind. Auch „richtige“ Kultur findet man en masse: von frühgeschichtlichen Megalithen über mittelalterliche Bauten bis hin zu moderner Kunst. Ich habe außerdem gelernt, wo das groß in Großbritannien herkommt.

Zur Zeit der alten Römer hieß der römisch besetzte Teil Großbritanniens Brit(t)annia. Die Bretagne wurde Aremorica genannt. Letzteres kommt aus dem Keltischen und soll Land am Meer bedeuten. Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches wanderten viele britannische Kelten von ihrer Insel nach Aremorica aus und verdrängten im Laufe der Zeit die dort herrschende, schon weitgehend romanisierte Kultur. So ersetzte auch der Name ihrer ursprünglichen Heimat den Namen Aremorica fast vollständig. Es gab also zwei Britannien: das ursprüngliche, große Britannien auf der Insel und das kleine Britannien auf dem Festland. Dies ist eine stark vereinfachte Darstellung der historischen Zusammenhänge, aber sie erklärt, wie Großbritannien zum Zusatz groß in seinem Namen kam. Viel besser sieht man diesen Zusammenhang im Französischen, wo man die Bretagne natürlich la Bretagne und Großbritannien la Grande-Bretagne nennt.

Interessant ist auch, dass die heutigen Bretonen zwar eine keltische Sprache sprechen, dass dies aber nicht die direkte Nachfolgerin der Sprache ist, in der sich Asterix, Obelix und andere Gallier unterhielten. Das gallische Keltisch war wahrscheinlich bereits ausgestorben, als die Keltisch sprechenden Britannier in die Bretagne einwanderten. Die heutigen Bretonen sind also zumindest kulturhistorisch gesehen keine Gallier, sondern vor langer Zeit eingewanderte Briten.

So viel über Kelten, Gallier, Britannier und Bretonen. Nach diesem urlaubsbedingten historischen Ausflug wende ich mich ab morgen wieder Fragen über die deutsche Sprache zu.

Das Nadelöhr

Gestern musste ich einen Hosenknopf annähen. Wissendes, verständnisvolles oder schadenfrohes Lächeln ist hier nicht angebracht: Er wurde nicht aufgrund wachsender Leibesfülle vom Hosenbund gesprengt. Es war so ein Knopf mit zu scharfen Knopflochrändchen, die den Faden langsam durchtrennen. Den Knopf (einen anderen natürlich) habe ich an der genau gleichen Stelle angenäht und die Hose passt noch immer. So!

Problematischer war das Nadelöhr. Das Einfädeln (was für eine schöne Wortbildung!) gelang mir erst, als ich mich zum Licht drehte und die Arme etwas streckte. Wie ich vernehmen musste, sind das untrüglichen Vorboten der Lesebrille. Das oben noch unpassende Lächeln sei hier zugestanden.

Dass das Verb einfädeln so schön ist, merkte ich erst, als ich es aufschrieb. Beim Hosenknopfannähen fiel mir etwas anderes auf: das Wort Öhr. Es hat so etwas eigentümlich Altertümliches. Meine Vermutung, dass es mit Ohr zu tun haben könnte, wurde nach kurzer Suche im Wörterbuch bestätigt. Es ist eine alte Ableitung von Ohr mit der ursprünglichen Bedeutung ohrartige Öffnung.

Das Bild des „Nadelohrs“ findet man zum Beispiel auch im polnischen ucho igielne und im tschechischen ucho jehly (in beiden Sprachen ucho = Ohr). Ebenfalls recht gebräuchlich ist das Bild des „Nadelauges“: englisch eye, spanisch ojo, schwedisch öga. Ganz sachlich sind wieder andere Sprachen wie zum Beispiel das Portugiesische und das Türkische: Sowohl buraco da agulha als iğne deliği bedeuten einfach Nadelloch.

Mit unserem Öhr sind wir übrigens nicht die einzigen, die ein eigenes Wort speziell für die Öffnung in der Nadel haben. Im Italienischen gibt es das Wort cruna, das – auch ein schönes Bild – wahrscheinlich auf corona = Krone zurückgeht. Beim französischen Wort le chas ist die Herkunft schlichtweg unbekannt.

So kann man über das kurze Wort für das kleine Loch in der Nadel einen ganzen Artikel schreiben, auch dann, wenn man die biblische Kamel-Nadelöhr-Metapher (fast) unerwähnt lässt.

Alles, was Sie schon immer über den Strauß wissen wollten

Der Titel verspricht in zweierlei Hinsicht zu viel: Erstens wollten die meisten von Ihnen nur sehr wenig bis gar nichts über das Wort Strauß wissen und zweitens geht es hier vor allem um den Blumenstrauß, ein bisschen um den Vogel Strauß, aber nicht zum Beispiel um bayerische Politiker und österreichische Komponisten dieses Namens. Ich komme nur darauf, weil am heutigen Tag, dem zweiten Sonntag im Mai, wohl überdurchschnittlich viele Blumensträuße verschenkt werden.

Das Wort Strauß mit der Bedeutung Blumenstrauß kommt von einem alten Wort, das wahrscheinlich mit strotzen verwandt ist. Es bezeichnete zuerst u.a. den Federschmuck balzender Vögel, dann aufstehende Helm- und Hutverzierungen und erhielt schließlich die Hauptbedeutung Blumenstrauß. Obwohl dieser Strauß also ursprünglich etwas mit Vogelfedern zu tun hatte, ist er nicht mit dem Vogel Strauß verwandt. Der Name des Vogels geht über das lateinische struthio auf das griechische stroútheios zurück. Dort hatte das Wort allerdings nur zusammen mit megalé (groß) die Bedeutung Strauß, denn struthio allein wurde vor allem für Spatz, Sperling verwendet. Wir haben also ausgerechnet bei diesem Riesenvogel vom großen Spatz der Griechen nur den Spatz übernommen!

Der Blumenstrauß und der Vogel Strauß sind unterschiedliche Wörter, die lautlich zusammengefallen sind. Das zeigt sich auch daran, dass man in der Mehrzahl bei den Blumen die Sträuße, aber bei den Vögeln die Strauße sagt.

Sollten Sie sich, was ich ernsthaft bezweifle, jemals gefragt haben, ob Sie nun einen Strauß gelbe Tulpen oder gelber Tulpen erhalten haben oder ob ein Strauß duftender Flieder oder duftenden Flieders Ihr Wohnzimmer ziert: Beides ist richtig.

ein Strauß gelbe Tulpen
ein Strauß gelber Tulpen

ein Strauß duftender Flieder
ein Strauß duftenden Flieders

Wenn die Blumen in der Mehrzal stehen, gibt es im Dativ sogar drei Varianten:

mit einem Strauß duftendem Flieder
mit einem Strauß duftenden Flieders

mit einem Strauß gelbe Tulpen
mit einem Strauß gelben Tulpen
mit einem Strauß gelber Tulpen

Wenn der Blumenname in der Einzahl und allein steht, kann er nicht im Genitiv stehen:

ein Strauß Flieder
mit einem Strauß Rittersporn
Nicht: *ein Strauß Flieders
Nicht: *mit einem Strauß Rittersporns

Obwohl das alles recht kompliziert aussieht, macht man es in der Regel ganz spontan richtig. Erst wenn man anfängt darüber nachzudenken, kann man so richtig schön ins Zweifeln kommen. Letzteres hat wenig Sinn, denn Blumensträuße sind dazu da, bewundert zu werden. Sie sollten nicht zu grammatischen Grübeleien Anlass geben – außer dann natürlich, wenn man als Dr. Bopp am Muttertag einen Blogeintrag schreibt …

Allen Müttern wünsch ich einen wunderschönen Tag!

Dr. Bopp

Muntfrei

Frage

Hans Küng verwendet in seinem Werk „Christentum“ das Wort muntfrei, das mir unbekannt ist. Aus dem Text könnte ich in etwa abgabenfrei ableiten. Trifft das zu?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

das Wort Munt in muntfrei ist ein Begriff aus dem germanischen Personenrecht. Es wird auch Mund geschrieben und kommt in der heutigen Sprache noch in Wörtern wie Vormund, Mündel und mündig vor.

Die Munt ist die Vormundschaft, die der Hausherr über die ihm unterstellten und von ihm zu schützenden Personen (Familie, Gesinde) hatte. Wenn jemand muntfrei war, war er also nicht jemandes Vormundschaft unterstellt. Ein freier Mann wurde bei Erreichen des einundzwanzigsten Lebensjahres selbstmündig (heute verkürzt zu mündig).

Das Adjektiv muntfrei erscheint oft in Zusammenhang mit Ehe. Es ist aber nicht etwas so, dass eine Frau in einer muntfreien Ehe keinen Vormund gehabt hätte. Bei einer muntfreien Ehe ging die Vormundschaft über die Frau anders als bei andern Eheformen nicht auf den Ehemann über, sondern blieb bei ihrem Vater oder ggf. bei einem anderen männlichen Verwandten. Frauen, die nicht direkt jemandes Munt unterstellt waren, gab es also kaum. Eine Ausnahme waren Witwen. Wenn der Ehemann starb und dessen Vormundschaft somit erlosch, fiel die Vormundschaft über sie nicht zurück an ihre Familie. Sie wurde dann zu einem Muntling des Königs, konnte zum Beispiel als Handwerkerswitwe oft selbstständig das Geschäft des Mannes weiterführen und durfte vielfach „sogar“ selbst bestimmen, wer bei einer neuen Verheiratung der Ehemann werden sollte …

Der Begriff hat wahrscheinlich je nach Zeit und Region abweichende Definitionen. Siehe auch hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Verben andenken und aufoktroyieren

Frage

In der letzten Zeit höre ich des Öfteren, dass dieses oder jenes  Thema  bereits „angedacht“ sei. Meines Erachtens kann es doch nur heißen, dass man über etwas nachgedacht habe, oder? Ebenso finde ich in vielen Diskussionen, dass man jemandem etwas „aufoktroyiert“ hat. Ich meine, dass es sich hier um eine Tautologie handelt und einzig und alleine oktroyiert korrekt wäre.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Wort andenken hat nicht die gleiche Bedeutung wie nachdenken:

über etwas nachdenken = sich über etwas Gedanken machen
etwas andenken =  beginnen, sich über etwas Gedanken zu machen

Mit Hilfe der Vorsilbe an wird angegeben, dass der Prozess des Nachdenkens erst angefangen hat bzw. noch nicht abgeschlossen ist.

In der deutschen Sprache gibt es eine starke Tendenz, gewisse Aspekte der Verbhandlung mit Hilfe von Vorsilben wie an und nach anzugeben oder zu betonen. Andere solche Vorsilben oder Partikeln sind aus, auf, ein, hinunter, über u.v.a.m. Dabei kann es oft zu mehr oder weniger tautologischen Aussagen kommen. [Das eher fachsprachliche Wort tautologisch bedeutet ungefähr doppelt ausgedrückt, „doppelt gemoppelt“. Ein Beispiel für eine tautologische Wendung ist das bemerkenswerterweise in der Frage verwendete einzig und alleine.] In den folgenden, korrekten Beispielen steht jeweils ein Verb mit einer Vorsilbe, obwohl das einfache Verb ohne Vorsilbe im Prinzip auch schon ausreichen würde:

auf den Turm hinaufsteigen – auf den Turm steigen
in ein Zimmer hineingehen – in ein Zimmer gehen
gegen den Schlaf ankämpfen – gegen den Schlaf kämpfen
eine Farbe auswählen – eine Farbe wählen
den ganzen Kuchen aufessen – den ganzen Kuchen essen

Manchmal verdrängen die komplexen Formen sogar das entsprechende einfache Verb: Während es früher Brauch war, Gäste zum Essen zu laden, ist es heute üblich, sie zum Essen einzuladen. Ein heutiger Schiller ließe wohl nicht mehr einen Fischerknaben singen: „Es lächelt der See, er ladet zum Bade.“ (Wilhelm Tell I,1) Es ist wahrscheinlicher, dass er einer jungen Hilfskraft bei der Tretbootvermietung eine literarisch ausgefeilte Variante von „Der See lädt zum Baden ein“ in den Mund legen würde (oder etwas Gerapptes mit Fun im Lake, chillen usw.).

Die Tendenz, Verbbedeutungen mit Vorsilben zu verdeutlichen oder zu betonten, ist, wie bereits erwähnt, im Deutschen sehr stark. Sie wirkt auch beim Wort oktroyieren. Es bedeutet jemandem etwas aufzwingen, aufdrängen, auferlegen. Was dem Verb oktroyieren sozusagen fehlt, ist das auf, das bei den deutschen Entsprechungen so bildlich den zwingenden, drängenden Aspekt der Verbhandlung angibt. Das ist der Grund, weshalb auf häufig vor oktroyieren verwendet wird, auch wenn dies sinngemäß gar nicht mehr nötig wäre. Da solche tautologischen Formulierungen im Bereich der deutschen Verben häufig sind, ist die Frage nicht, ob aufoktroyieren grammatisch korrekt ist, sondern höchstens, ob es stilistisch gut gewählt ist.

Der langen Rede kurzer Sinn: Die beiden Verben andenken und aufoktroyieren sind im heutigen Deutschen gebräuchliche, in vielen Wörterbüchern verzeichnete Verben, gegen die grammatisch nichts einzuwenden ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp