Aufs Substantivierte-Infinitive-mit-vielen-Ergänzungen-Verwenden verzichten

Frage

Immer wieder lese ich Sätze wie der folgende: „Kinder unterhalten sich beim Bücher anschauen“. Es kann doch nicht richtig sein, dass „anschauen“ kleingeschrieben wird, da es hier „beim“, also „bei dem Anschauen“, heißt.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

es ist tatsächlich nicht richtig, dass anschauen hier kleingeschrieben wird. Richtig ist nämlich diese Schreibung:

Kinder unterhalten sich beim Bücheranschauen.

Substantivierte Infinitive schreibt man groß:

beim Lesen
das Ärgern
das Sagen
zum Essen
freiwilliges Aufräumen

Wenn sie um eine Ergänzung erweitert sind, schreibt man alles zusammen und groß:

beim Bücherlesen
das Sichärgern
Danke fürs Bescheidsagen
zum Selbstessen
freiwilliges Zimmeraufräumen

Die entsprechende Rechtschreibregel finden Sie hier.

Bei mehr als einer Ergänzung verwendet man in der Regel Bindestriche:

beim Zusammen-Bücher-Anschauen
das Gefühl des Mit-dem-Rücken-zur-Wand-Stehens
das So-richtig-ausgiebig-in-der-Nase-Bohren

Mehr dazu hier.

Die letzten Beispiele zeigen, dass es oft lesefreundlicher und stilistisch viel besser ist, wenn man solche erweiterten Infinitive vermeidet und anders formuliert. Man kann also besser auf das Substanitivierte-Infinitive-mit-vielen-Ergänzungen-Verwenden verzichten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gentiv-s oder Fugen-s?

Auch heute eine ziemlich theoretische Frage:

Frage

Ein Dr.Dr. behauptet, das „s“ in „Einkaufswagen“ sei ein Genitiv-s. Ich denke eher an ein Bindeglied. Wer hat recht?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

das s, das zwischen den beiden Elementen einer Zusammensetzung stehen kann, ist aus dem Genitiv-s entstanden. Es hat seine Funktion und Bedeutung aber zu einem großen Teil verloren.

Ein Einkaufswagen ist nicht ein Wagen des Einkaufs, sondern ein Wagen für den Einkauf. Die Lebensfreude ist nicht die Freude des Lebens, sondern die Freude am Leben. Die Lieblingsfarbe ist nicht die Farbe des Lieblings usw. usw. Das s entspricht zwar der Form nach dem Genitiv-s (vgl. des Einkaufs, des Lebens, des Lieblings), es hat aber in Zusammensetzungen nicht immer eine genitivische Bedeutung.

In Verbindungen wie den folgenden, die sehr häufig vorkommen, hat das s erst recht nichts mehr mit einem Genitiv-s zu tun: Unterhaltungsmusik, Identitätsausweis, Operationssaal, Hochzeitstorte, Abfahrtsrennen, Ansichtssache … Keines der Wörter, die hier vor dem s stehen, bildet den Genitiv mit s.

Rein formal gesehen, ist das s in Einkaufswagen ein Genitiv-s, denn es entspricht dem s von des Einkaufs. Nach Funktion und (fehlender) Bedeutung ist es aber ein Fugen-s, das heißt ein Bindeglied, das vor allem dazu dient, den Übergang zwischen zwei Elementen einer Zusammensetzung zu markieren.

Je nachdem, wie man die Sache betrachtet, haben Sie beide recht. Das s in Einkaufswagen kann als Genitiv-s interpretiert werden. Es unterscheidet sich dann aber vom s in Unterhaltungsmusik, das ja kein Genitiv-s sein kann. Das s in Einkaufswagen kann auch wie in Unterhaltungsmusik als Fugen-s interpretiert werden. Dann lässt man aber die formale Identität mit dem Genitiv-s außer Acht. Letztlich ist es also vor allem eine theoretische Entscheidung, wie man dieses s nennen will.

Eine sehr ähnliche Diskussion lässt sich übrigens auch über die Fugenelemente führen, die einer Pluralendung entsprechen (z.B. in Rosenblatt, Hundebiss, Kinderhand). Siehe hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Höchstbezahlt und höchst interessant

Frage

Heute einmal eine Anfrage zur Zusammen- bzw. Getrenntschreibung bei dem Ausdruck „höchst“: Man schreibt „der höchstbezahlte Star“, aber „ein höchst interessanter“ Film. Ist die Lösung des Problems etwa folgende: Wenn ich statt „höchst“ „äußerst“ einsetzen kann, schreibe ich auseinander?

Wobei ich aber dann das Problem mit einem „höchstbegabten“ Schüler habe: Der ist zwar „äußerst begabt“, trotzdem heißt es nicht „höchst begabt“, sondern eben „höchstbegabt“.

Antwort

Sehr geehrter A.,

man schreibt höchst mit einem Adjektiv oder Partizip zusammen, wenn die Hauptbetonung der Verbindung auf „höchst“ liegt. Seine Bedeutung ist dann am höchsten. Es gibt den höchsten Grad einer Eigenschaft an (vgl. Superlativ):

der höchstbezahlte Star = der am höchsten bezahlte (bestbezahlte) Star
der höchstgelegene Ort = der am höchsten gelegene Ort
der höchstbegabte Schüler = der am höchsten begabte Schüler

Man schreibt getrennt, wenn höchst nicht die Hauptbetonung der Verbindung trägt. Die Bedeutung ist dann verstärken wie sehr, äußerst, außerordentlich. Es gibt einen sehr hohen Grad einer Eigenschaft an (vgl. Elativ):

der höchst interessante Film = der sehr interessante Film
es kommt höchst gelegen = es kommt äußerst gelegen
der höchst begabte Schüler = der außerordentlich begabte Schüler

Es gibt also einen Unterschied zwischen höchst begabt und höchstbegabt. Die höchst begabten Schülerinnen sind zwar äußerst begabt, aber im Gegensatz zu den höchstbegabten Schülerinnen nicht unbedingt die allerbegabtestesten von allen. Ihre Annahme war also richtig: Wenn höchst die Bedeutung äußerst, außerordentlich hat, schreiben Sie getrennt.

Wenn der Star, der am meisten von allen verdient, in einem sehr interessanten Film spielt, dann spielt also der höchstbezahlte Star in einem höchst interessanten Film. Und der Linguistenberuf ist zwar höchst interessant, gehört aber nicht zu den best- oder höchstbezahlten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vom New-York-Event zum Kaiser-Franz-Josef-Land

Es geht wieder einmal um Bindestriche, die in der „freien Wildbahn“ gerne einmal weggelassen werden.

Frage

Schreibt man Begriffe wie „das New York-Event“ (in einem Blog gefunden) tatsächlich nur mit einem Bindestrich? Mein Sprachgefühl sagt mir, dass zwischen jedem Wort einer sein müsste.

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

richtig ist hier tatsächlich die Schreibung mit zwei Bindestrichen:

das New-York-Event

In Zusammensetzungen mit einem mehrteiligen Eigennamen steht zwischen allen Teilen der Zusammensetzung ein Bindestrich. Die entsprechende Regel finden Sie in Canoonet bei den Angaben zum Bindestrich bei Eigennamen (Ortsnamen zählen auch zu den Eigennamen). Man darf also bedenkenlos in das Wortbild eines Namens eingreifen, indem man ihn mit einem Bindestrich (verun)ziert.

Weil Beispiele oft mehr sagen als eine Regel, folgt hier eine ganze Reihe von Zusammensetzungen dieser Art:

der New-Orleans-Jazz
die Puerto-Rico-Reise
die Hudson-River-Mündung
das Grand-Canyon-Erlebnis

Mit Heiligen:

der Sankt-Andreas-Graben (St.-Andreas-Graben)
die Sankt-Barbara-Kirche (St.-Barbara-Kirche)
das Sankt-Florians-Prinzip (St.-Florians-Prinzip)
der San-Bernardino-Tunnel (S.-Bernardino-Tunnel)

Und mit (mehr oder weniger) Normalsterblichen:

ein Marilyn-Monroe-Film
die Van-Gogh-Ausstellung (aber: van-Gogh-artig)
der Da-Vinci-Code (aber: da-Vinci-ähnlich)
die Katharina-die-Große-Schule

Zum Schluss noch zwei meiner Lieblingsbeispiele aus den Rechtschreibbüchlein:

die Rio-de-la-Plata-Bucht
Kaiser-Franz-Josef-Land

So viel im Dr.-Bopp-Blog zum Thema Zusammensetzungen mit mehrteiligen Eigennamen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Spektakel um Spione

Weil das Auspionieren und das Fangen oder eben Nichtfangen von Spionen in Deutschland gerade wieder einmal aktuell ist, habe ich mich gefragt, woher das Wort Spion eigentlich kommt. Es ist ein Wort, das – gar nicht so unpassend – in seiner Geschichte die Sprachgrenzen mehr als einmal überschritten hat.

„Wir“ haben es im 16. Jahrhundert aus dem Italienischen übernommen. Im Deutschen verbreitet hat es sich dann während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), als man offenbar ein spezielles Wort für die Gegenparteien ausspähende Menschen benötigte. In der Ursprungssprache hatte spione die Bedeutung Kundschafter, Beobachter. Es ist eine Ableitung von spia (damals Späher und heute auch Spion), das wiederum vom Verb spiare (spähen, aushorchen, auskundschaften) kommt. Das italienische spiare hat aber nicht lateinische, sondern germanische Wurzeln: Es geht auf ein germanisches Verb zurück, das mit unserem spähen verwandt ist. Ein Spion und ein Späher sind also nicht nur bedeutungsmäßig, sondern auch wortgeschichtlich miteinander verwandt.

Zur selben Wortfamilie gehört übrigens weitläufiger auch das lateinische Verb specere, spicere (sehen), das wir im Deutschen in Fremdwörtern wie inspizieren, Retrospektion und Spektakel wiederfinden. Ausspähen, Spione und das politische Spektakel darum herum haben also noch ganz anders miteinander zu tun, als ich bis vor Kurzem dachte. (Viel sagt dieser Zusammenhang allerdings nicht aus. Es ist nämlich so, dass man mit wortgeschichtlichen Zusammenhängen außer Wortgeschichtlichem kaum etwas beweisen kann!)

Hier steht ein Komma, oder?

Frage

Auf der Suche nach verständlich erklärten Kommaregeln habe ich die Seite von Canoonet gefunden – und bin begeistert! Alle Regeln auf einen Blick. Eine Frage habe ich aber trotzdem. Die Regeln zum Thema „Komma vor und/oder“ verstehe ich nun ganz gut. Wie ist es aber, wenn am Ende eines Satzes ein „oder“ steht, also das Gesagte in Zweifel gezogen wird – steht dann ein Komma vor dem „oder“?

Du kommst doch morgen(,) oder?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

dieses eher umgangssprachliche „oder“ ist eine Art nachgestellte Stellungnahme. Sie sollte durch ein Komma abgetrennt werden:

Du kommst doch morgen, oder?

Dies gilt auch für andere mehr oder weniger umgangssprachliche oder standardsprachliche Vergewisserungsfragen u. Ä.:

Du benimmst dich anständig, gell(e)!
Sie bleiben hier, ja?
Das war schön, nicht?
Herr Boulanger war schon einmal hier, nicht wahr?
Sie hat dir bestimmt geholfen, oder etwa nicht?

Es wäre schön, wenn es immer so einfach wäre, nicht wahr?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf oder in die Ebene hinausreiten?

Frage

Ich brüte gerade über der Korrektur eines Textes und bin mir unsicher welche Variante folgenden Satzes korrekt ist:

Er bestieg sein Kamel und ritt in die Ebene hinaus.
oder
Er bestieg sein Kamel und ritt auf die Ebene hinaus.

Die Antwort eines Fachmanns auf diese Frage würde mir sehr weiterhelfen.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

bei der Wahl einer Präposition kommt es oft auf die gewählte Perspektive an. Bei einer Ebene kommen zwei Sehensweisen vor: Man kann die Sache sozusagen „vertikal“ betrachten und etwas auf einer Ebene platzieren. Es ist aber auch möglich, die Ebene als eine Fläche zu sehen, innerhalb derer etwas sich befindet.

etwas befindet sich auf einer Ebene
etwas befindet sich in einer Ebene

Entsprechend sind auch bei Ihrem Satz beide Formulierungen möglich und gebräuchlich:

Er ritt auf die Ebene hinaus.
Er ritt in die Ebene hinaus.

Nicht immer kommt das, was in dieser oder ähnlicher Weise theoretisch erklärt werden kann, auch tatsächlich in der Sprachrealität vor. So gilt das Gesagte zwar allgemein für „Ebene“, aber nicht immer und überall in gleichem Maße: So liegt zum Beispiel Padua fast immer in der Po-Ebene und kaum je auf der Po-Ebene, dafür wird häufiger auf einer Hochebene gewohnt als in einer Hochebene.

Auch sonst ist lange nicht immer alles üblich, was in dieser Weise erklärt werden könnte: So kann etwas auf dem Teller oder im Teller liegen, aber der Teller kann nur auf dem Tisch stehen. Eine Insel liegt mitten im Ozean, ein Schiff fährt mitten auf dem Ozean. Eine Kuh grast meist auf der Wiese und nur selten in der Wiese, ein Blümchen hingegen wächst häufiger in der Wiese als auf der Wiese. Ein Denkmal steht immer nur auf einem großen Platz oder nur in einem großen Park. Nicht immer sind beide Sehensweisen gebräuchlich oder gleich üblich, auch wenn sie theoretisch beide möglich sind.

Bevor ich Sie nun ganz verunsichere, sei noch einmal gesagt, dass Ihr Kamelreiter nach üblichem Sprachgebrauch sowohl in die Ebene als auch auf die Ebene hinausreiten kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Canoonet: schneller und auch für »ältere« Modelle wieder ganz mobil

canoonetRegelmäßigen Nutzern und Nutzerinnen von Canoonet ist es vielleicht aufgefallen: Canoonet ist seit einigen Tagen schneller geworden. Dank dem Einsatz unserer Systemverantwortlichen sind Ihre Abfragen nun noch schneller – auch bei früher relativ zeitraubenden Suchwörtern wie Entente oder das System ziemlich in Verwirrung bringenden Eingaben wie oioioiooooooooooo! Auch bei einer Suche mit *, dem Zeichen für beliebige Zeichen, ist die Reaktionszeit nun wesentlich kürzer: *bar, *ung.

Canoonet-App fürs iPhoneSeit Anfang dieser Woche gibt es auch die neue Version 3.3. der Canoonet-App für iPhone, iPad und iPod touch. Sie ist noch besser mit iOS 7 kompatibel, behebt ein paar Fehlerchen und läuft nun auch wieder mit  iOS 5 (und höher). Mehr zur Canoonet-App finden Sie hier.

Wie man substantiviert Drachen steigen lässt

Passend  zum Wetter – oder eigentlich unpassend, weil die genannte Tätigkeit beim heutigen Sturmwetter vielerorts viel zu gefährlich ist – eine Frage wie man Drachen steigen lassen substantiviert. Es geht also um die häufig wiederkehrende Frage, wie man substantivierte Infinitivgruppen schreibt.

Frage

Zurzeit ist Herbst. Wird dann zum Drachensteigenlassen oder zum Drachensteigen lassen eingeladen?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

im Herbst wird

zum Drachen-steigen-Lassen

eingeladen. Wenn die dreiteilige Infinitivgruppe Drachen steigen lassen wie hier als Substantiv verwendet wird, schreibt man sie in der Regel mit Bindestrichen. Weitere Beispiele von substantivierten Infinitivgruppen mit drei oder mehr Teilen:

das Vierhändig-Klavier-Spielen
das Nicht-mitmachen-Wollen
zum Aus-der-Haut-Fahren
ihr Immer-alles-besser-Wissen
beim In-der-Nase-Bohren

Die entsprechende Rechtschreibregel(n) finden Sie hier.

Wenn die Infinitivgruppe nur aus zwei Teilen besteht, kommt man in der Regel ohne Bindestrich aus:

das Klavierspielen
das Abseitsstehen
das sprichwörtliche Flöhehüten
das Gefühl des Sichverlierens
zum Haareraufen
beim Löcherbohren

Auch hierfür gibt es eine Regel.

Verzichten Sie heute aber besser auf das Drachen-steigen-Lassen und erst recht auf das Im-Wald-spazieren-Gehen! Dies wegen des Wetters. Wegen des Sprachstils ist es meist besser, auf solche Substantivierungen zu verzichten. Also besser: Lassen Sie heute keine Drachen steigen und gehen Sie erst recht nicht im Wald spazieren!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp