Solang, sooft, soviel, soweit – oder doch getrennt?

Achtung: trockene Kost für Rechtschreiber und Rechtschreiberinnen! 

Frage

Nachfolgend Auszüge aus dem Newsletter […] zum Thema so viel/soviel, so weit/soweit:

Wir werden Sie auch 2014 mit interessanten Themen rund um die deutsche Sprache versorgen, soweit können Sie sich sicher sein.

In Einzelfällen sind beide Lesarten möglich: Sie können die Bibliothek benutzen, sooft Sie wollen. Sie können die Bibliothek benutzen, so oft und so lange Sie wollen.

Meine Fragen:

  1. Ist die Zusammenschreibung in „soweit können Sie sicher sein“ korrekt?
  2. Ist die (alternative) Getrenntschreibung der Konjunktion „sooft“ in „so oft und so lange Sie wollen“ wirklich „zulässig“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

1. Die Zusammenschreibung soweit im ersten Satz halte ich für falsch. Richtig wäre:

 … so weit können Sie sich sicher sein.

Das Wort soweit wird dann zusammengeschrieben, wenn es als Konjunktion einen Nebensatz einleitet. Hier ist es aber eine Adverbialbestimmung in einem Hauptsatz. Das zeigt unter anderem die Zweitstellung der konjugierten Verbform können. Vgl.

Nebensatzeinleitung
falls Sie sicher sein können.
soweit Sie sicher sein können.

Adverbialbestimmung
in dieser Hinsicht können Sie sicher sein.
so weit können Sie sicher sein.

Außerdem hat die Konjunktion soweit eine andere Bedeutung als die adverbiale Fügung so weit:

Konjunktion
soweit ich weiß (soweit = nach dem, was)
soweit ich dazu in der Lage bin (soweit = in dem Maße, wie; falls, vorausgesetzt dass) 

Adverbiale Fügung
Wirf den Ball, so weit du kannst! (so weit = so weit [weg,] wie …)
so weit können Sie sicher sein (so weit = bis zu diesem Punkt; in dieser Hinsicht)

2. Beim zweiten Beispiel würde ich eher zusammenschreiben. Die Getrenntschreibung ist aber ebenfalls möglich:

Sie können die Bibliothek benutzen, sooft und solange Sie wollen.
Sie können die Bibliothek benutzen, so oft und so lange Sie wollen.

Das liegt wieder einmal an einer ungenauen Abgrenzung: Der Übergang von adverbialer Fügung zu eigenständiger Konjunktion ist fließend.

a) Eindeutig um adverbiale Fügungen handelt es sich bei so laut und so schnell in den folgenden Beispielen:

Schreie, so laut du kannst!
Du kannst laufen, so schnell du willst, du kommst doch zu spät.

b) Bei so weit/soweit und so viel/soviel gibt es zwischen der adverbialen Fügung und der Konjunktion einen deutlichen Bedeutungsunterschied. Dieser Bedeutungsunterschied vereinfacht die Entscheidung, ob getrennt oder zusammengeschrieben werden muss. Siehe oben unter 1) die Beispiele mit soweit/so weit und:

Du kannst essen, so viel du willst. (so viel, wie)
Es ist genug da, soviel ich weiß. (nach dem, was)

Einfach nur fahren, so weit das Benzin reicht. (so weit, wie)
Wir werden das Ziel erreichen, soweit das Benzin reicht. (falls)

c) Bei so oft/sooft und so lang(e)/solang(e) hingegen gibt es zwischen der getrennt geschriebenen adverbialen Fügung und der zusammengeschriebenen Konjunktion am Anfang eines Nebensatzes keinen großen Bedeutungsunterschied. Hier der Versuch einer Bedeutungsbeschreibung:

sooft = jedes Mal wenn; immer wenn; wie oft auch immer
so oft[, wie] = (u. a.) jedes Mal wenn

solang = während der Zeit, da; für die Dauer, da; innerhalb der Zeit, in der
so lang[, wie] = (u. a.) während der Zeit, da

Das hat zur Folge, dass man manchmal nicht entscheiden kann, ob es sich am Anfang eines Nebensatzes um eine adverbiale Wendung oder um eine Konjunktion handelt. Meine Empfehlung ist deshalb, sooft und solang(e) immer als Konjunktion zusammenzuschreiben, wenn sie am Anfang eines Nebensatzes stehen

Sie können uns besuchen, solange Sie wollen.
Sie können uns besuchen, sooft Sie wollen.

Dies ist auch die Empfehlung, die man implizit oder explizit in den Rechtschreibwörterbüchern findet.

Es gibt allerdings eine Einschränkung: In den folgenden Fällen würde auch ich zur Getrenntschreibung raten:

Schreie, so lange und so laut du kannst!
Wir werden dir helfen, so oft und so gut wir können.

Die adverbialen Fügungen so laut und so gut legen hier nahe, dass auch so lange und so oft als adverbiale Fügungen zu verstehen sind.

Und dann der Zweifelsfall dazwischen, um den es in Ihrer Frage ging. Hier halte ich, wie gesagt, beide Schreibungen für vertretbar:

Sie können uns besuchen, sooft und solange Sie wollen.
Sie können uns besuchen, so oft und so lange Sie wollen.

Denn – so viel wissen regelmäßige Leserinnen und Leser des Blogs bestimmt – es geht natürlich nie ohne Außer, Wenn und Aber.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

 

Wie man jemanden orthographisch korrekt kennen(-) und schätzen lernt

Frage

Habe im Duden nachgeschaut. Die Empfehlung: „kennengelernt“ zusammen,
jedoch „schätzen gelernt“ getrennt. Also:

Ich habe ihn kennen- und schätzen gelernt.

So? Habe ich das richtig verstanden?

Antwort

Guten Tag W.,

Sie haben es richtig verstanden. Man schreibt schätzen lernen immer getrennt und kann kennen lernen oder kennenlernen schreiben. Wenn man die beiden Verben zusammen verwendet, gibt es also zwei mögliche Schreibweisen:

1a) Ich habe ihn kennengelernt und schätzen gelernt.
1b) Ich habe ihn kennen gelernt und schätzen gelernt.

Lässt man nun in dieser Aufzählung das erste gelernt weg, ergeben sich entsprechend die folgenden beiden Schreibweisen:

2a) Ich habe ihn kennen- und schätzen gelernt.
2b) Ich habe ihn kennen und schätzen gelernt.

Sofern Sie sich an die – übrigens unverbindliche – Duden-Empfehlung (kennenlernen) halten, wählen Sie 2a). Wenn der zweite Teil eines Wortes weggelassen wird, gibt man dies mit einem Ergänzungsstrich an. Gegen die Schreibung ohne Ergänzungsstrich ist hier allerdings auch nichts einzuwenden. Sie entspricht ebenfalls den „Anforderungen“ der amtlichen Rechtschreibregelung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man substantiviert Drachen steigen lässt

Passend  zum Wetter – oder eigentlich unpassend, weil die genannte Tätigkeit beim heutigen Sturmwetter vielerorts viel zu gefährlich ist – eine Frage wie man Drachen steigen lassen substantiviert. Es geht also um die häufig wiederkehrende Frage, wie man substantivierte Infinitivgruppen schreibt.

Frage

Zurzeit ist Herbst. Wird dann zum Drachensteigenlassen oder zum Drachensteigen lassen eingeladen?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

im Herbst wird

zum Drachen-steigen-Lassen

eingeladen. Wenn die dreiteilige Infinitivgruppe Drachen steigen lassen wie hier als Substantiv verwendet wird, schreibt man sie in der Regel mit Bindestrichen. Weitere Beispiele von substantivierten Infinitivgruppen mit drei oder mehr Teilen:

das Vierhändig-Klavier-Spielen
das Nicht-mitmachen-Wollen
zum Aus-der-Haut-Fahren
ihr Immer-alles-besser-Wissen
beim In-der-Nase-Bohren

Die entsprechende Rechtschreibregel(n) finden Sie hier.

Wenn die Infinitivgruppe nur aus zwei Teilen besteht, kommt man in der Regel ohne Bindestrich aus:

das Klavierspielen
das Abseitsstehen
das sprichwörtliche Flöhehüten
das Gefühl des Sichverlierens
zum Haareraufen
beim Löcherbohren

Auch hierfür gibt es eine Regel.

Verzichten Sie heute aber besser auf das Drachen-steigen-Lassen und erst recht auf das Im-Wald-spazieren-Gehen! Dies wegen des Wetters. Wegen des Sprachstils ist es meist besser, auf solche Substantivierungen zu verzichten. Also besser: Lassen Sie heute keine Drachen steigen und gehen Sie erst recht nicht im Wald spazieren!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Makrogesteuert, kundenorientiert, sauerstoffarm

Frage

Meine Suche nach der korrekten Rechtschreibung für „makrogesteuert“ ergab keine zufriedenstellenden Ergebnisse. Ich habe die oben stehende Schreibweise als die richtige angenommen, analog zu zum Beispiel „computerbasiert“. Was ist Ihre Meinung?

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

das Wort makrogesteuert gehört zu einer Gruppe von Wörtern, die man sehr häufig falsch geschrieben antrifft: Verbindungen von einem Nomen und einem Adjektiv oder adjektivischen Partizip. Sie werden nämlich zusammengeschrieben, wenn das erste Element für einen Wortgruppe steht (Regel).

Ihre Annahme ist also richtig. Mit makrogesteuert ist gemeint durch Makros/ein Makro gesteuert. Hier steht makro-  somit nicht nur für sich allein, sondern für durch Makros oder durch ein Makro. Entsprechend wird zusammengeschrieben:

eine makrogesteuerte Anwendung
Die Datenausgabe ist makrogesteuert.

Nicht richtig also die relativ häufig anzutreffende Getrenntschreibung:

*eine Makro gesteuerte Anwendung
*Die Datenausgabe ist Makro gesteuert.

Weitere Beispiele:

ein abbruchreifes Haus (reif für den Abbruch)
die amerikafreundliche Politik (Amerika freundlich gesinnt)
die comuptergesteuerte Anlage (durch [einen] Computer gesteuert)
die kundenorientierte Beratung (an den Kunden orientiert)
eine sauerstoffarme Umgebung (arm an Sauerstoff)
systembedingte Schwierigkeiten (durch das System bedingt)

All diese Begriffe trifft man häufig in der getrennt geschriebenen Form an, die nach den Rechtschreibregeln nicht korrekt ist.

Dann noch ein Zusatz für den Fall, dass Sie den „verdeutlichenden“ Bindestrich mögen: Er ist hier meiner Meinung nach zwar meistens nicht notwendig, aber man kann ihn benutzen. Achten Sie dann aber darauf, dass ein Substantiv in einer Verbindung mit Bindestrich großgeschrieben werden sollte (Regel). Also zum Beispiel:

eine Makro-gesteuerte Anwendung (nicht: *eine makro-gesteuerte A.)
die Kunden-orientierte Beratung (nicht: *die kunden-orientierte B.)
eine Sauerstoff-arme Umgebung (nicht: *eine sauerstoff-arme U.)

Mir gefallen allerdings die zusammengeschriebenen Formen einfach besser.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Irgendwohin gehen oder irgendwo hingehen

Frage

Schon lange bin ich auf der Suche, was richtig ist. Es geht um folgende Wörter: „irgendwo hingehen“ oder „irgendwohin gehen“ bzw. „nirgendwo“, „überallhin“.

Ich denke, es heißt „irgendwohin gehen“. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es „irgendwo hingehen“ auch gibt.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

in „einwandfreiem“ Standarddeutsch schreiben Sie:

irgendwohin gehen

Die Richtungsadverbien woher und wohin werden allerdings in der gesprochenen Alltagssprache häufig durch die getrennte Variante wo … her und wo … hin ersetzt. Ein paar Beispiele:

Standard: (Gesprochene) Alltagssprache auch:
Woher kommst du? Wo kommst du her?
Wohin gehst du? Wo gehst du hin?
Ich weiß nicht, wohin er gegangen ist. Ich weiß nicht, wo er hingegangen ist.
Ich weiß nicht, woher sie kommt. Ich weiß nicht, wo sie herkommt.
Entsprechend:
Sie sind irgendwohin gegangen. Sie sind irgendwo hingegangen.
Sie könnten überallher kommen. Sie könnten überall herkommen.

Die getrennten Formen kommen häufig vor, aber sie sollten in der geschriebenen Standardsprache vermieden werden (heißt es in den meisten Grammatiken, Stilbüchern usw.).

Auch bei den Formen irgendwohin/irgendwo hin, nirgendwohin/nirgendwo hin, überallhin/überall hin, irgendwoher/irgendwo her usw. sollten entsprechend die zusammengeschriebenen Formen vorgezogen werden. Die folgende Diskussion kommt Eltern von Nachwuchs, der das Kleinkindalter hinter sich gelassen hat, eventuell bekannt vor:

– Ich will irgendwo hingehen.
– Du gehst heute Abend nirgendwo hin!
– Ich kann überall hingehen, wo ich hinwill!
– Ich weiß nicht, wo du diese Ideen herhast.
– Ich werde sie schon irgendwo herhaben.
– Ob sie nun überall oder nirgendwo herkommen, du bleibst hier!

In schriftlicher Standardsprache geben Sie diesen „Gedankenaustausch“ also besser so wieder:

– Ich will irgendwohin gehen.
– Du gehst heute Abend nirgendwohin!
– Ich kann überallhin gehen, wohin ich will!
– Ich weiß nicht, woher du diese Ideen hast.
– Ich werde sie schon irgendwoher haben.
– Ob sie nun überall- oder nirgendwoher kommen, du bleibst hier!.

Ich befürchte allerdings, dass die korrekte Schreibweise in diesem Fall für den Ausgang des Abends völlig irrelevant ist oder, falls sie unvorsichtigerweise erwähnt wird, die Wirkung von ins Feuer gegossenem Öl hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Herbst Moto Cross

Heute ist Sonntag. Der Sonntag ist normalerweise auch für mich ein Ruhetag. Da hier aber heute von Ruhe keine Rede sein kann, greife ich doch kurz zur Tastatur.

Ganz in der Nähe des Wochenendhäuschens findet heute eine alljährliche Veranstaltung statt, bei der Männer – ja, es sind hier nur Männer – auf Motorrädern über Hügel springen und durch Mulden rasen. Das ist natürlich mit viel Lärm verbunden, der dank der in diesem Sinne ungünstigen Windrichtung ausgezeichnet zu hören ist. Das ist nicht weiter schlimm, denn hin und wieder müssen die Männer ihren Spaß haben – und wir gehen heute für den ersten Herbstspaziergang dieses Jahres einfach in die andere Richtung. So ist auch diese Situation ohne Ärger, Proteste und Petitionen gut zu meistern.

Motocross

Damit nun die deutsche Sprache und Rechtschreibung auch noch kurz zum Zuge kommen, sei noch dies erwähnt: Ich werde mich bei den Veranstaltern auch nicht darüber beschweren (es wäre ebenso kleinlich wie sinnlos), dass man nicht

Herbst Moto Cross

schreibt – auch nicht auf Ankündigungen und Ähnlichem – sondern

Herbst-Moto-Cross

oder

Herbst-Motocross

Nach der amtl. Regelung schreibt man nämlich Motocross oder Moto-Cross, und Herbst sollte nicht ganz „ungebunden“ alleine vorangestellt, sondern zumindest mit einem Bindestrich als zur Zusammensetzung gehörig gekennzeichnet werden. Dass die gänzliche Zusammenschreibung Herbstmotocross zwar möglich, aber in diesem Zusammenhang für die meisten der „Betroffenen“ wohl etwas zu viel der Guten wäre, verstehe auch ich. Und Sie haben mittlerweile sicher verstanden, dass ich kein echter Motocross-Fan bin.

Ich wünsche einen schönen ersten Herbstsonntag

Dr. Bopp

Ein anderes Mal und ein andermal

In letzter Zeit liegen Ihnen die Rechtschreibfragen am Herzen – oder auf dem Magen. 

Frage

Es gibt einige Web-Sites die eine Prüfung von Groß- und Kleinschreibung anbieten. Auf allen, die ich befragt habe, kam für beide Versionen immer die Antwort „ohne Fehler“.

Vielleicht klappt es ein anderes mal.
Vielleicht klappt es ein anderes Mal.

Können Sie mich aufklären, welche Version die Richtige ist?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

richtig ist hier die Großschreibung:

Vielleicht klappt es ein anderes Mal.

Man schreibt getrennt und groß, wenn vor Mal ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv steht. Zum Beispiel:

dieses Mal
jedes Mal
ein/kein einziges Mal
beim nächsten Mal
das beste Mal
ein für alle Mal(e) (aber: allemal = ugs. für in jedem Fall)
beide Mal(e)

und eben:

ein anderes Mal

Man schreibt zusammen und klein, wenn eine Grundzahl oder eine ungebeugte Form mit mal kombiniert wird. Zum Beispiel:

diesmal
einmal, zweimal, …
keinmal

und

ein andermal

Noch ein paar Beispiele:

manches Mal – manchmal
viele Mal(e) – vielmal
wie viele Mal(e) – wievielmal
so viele Mal(e) – sovielmal
unendliche Mal(e) – unendlichmal

Natürlich gibt es noch ein paar andere Fälle und Varianten wie zum Beispiel wirklich nur ein Mal, dutzendmal – ein Dutzend mal,  zwei mal vier (mehr dazu hier). In dieser Weise sind aber die meisten Fälle abgedeckt.

Dass einige Programme ein anderes mal als richtig geschrieben durchgehen lassen, erstaunt nicht allzu sehr. Diese Programme berücksichtigen sehr wahrscheinlich nicht den ganzen Satz, sondern höchstens gewisse Wortgruppen oder sogar nur einzelne Wörter. Am Ende eines Satzes kann diese Wortgruppe nur so geschrieben werden: ein anderes Mal. Für sich allein kann mal aber die (umgangssprachliche) Verkürzung von einmal sein, die kleingeschrieben wird (Ich nehme mal ein anderes Beispiel). Für die Entscheidung, ob die Groß- oder die Kleinschreibung korrekt ist, reicht es also nicht, die Wörter einzeln zu prüfen. Die Prüfer, die Sie benutzt haben, tun aber offenbar nicht viel mehr als das.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schwierigkeiten beim Infinitivgruppenschreiben und beim Infinitivgruppen-richtig-Schreiben

Da es für komplexere Fragen viel zu warm ist (endlich!), gibt es heute wieder einmal ein einfacheres, aber bei vielen häufig eine gewisse Schreibunsicherheit verursachendes Thema: die substantivierte Infinitivgruppe.

Frage

Meine Frage betrifft die Schreibweise von als Substantiv verwendeten Wortgruppen. Wenn sich jemand zum Beispiel ansehen lässt, und man diese Eigenschaft im Satz mit einem vorangestelltem Artikel verwendet, heißt es dann „das Sich-ansehen-Lassen“ oder „das Sich-Ansehen-Lassen“? Das erste Wort dürfte aufgrund der substantivischen Verwendung großgeschrieben werden. Das letzte Wort vermutlich auch. Wie sieht es mit dem Wort in der Mitte aus?

Antwort

Sehrt geehrter Herr S.,

bei substantivierten Infinitivgruppen gilt diese Faustregel: Besteht sie aus nur zwei Teilen, schreibt man zusammen:

das Teetrinken
gemütliches Spaghettiessen
zum Schwimmengehen
beim Schnellfahren
des Sichanpassens

Besteht die substantivierte Infinitivgruppe aus mehr als zwei Teilen, verwendet man Bindestriche*:

das Miteinander-Tee-Trinken
das Nicht-mehr-Weiterwissen
zum Aus-der-Haut-Fahren
des Sich-zu-sehr-anpassen-Wollens

Dabei gilt für die Groß- und Kleinschreibung – und damit sind wir endlich bei Ihrer eigentlichen Frage –, dass die folgenden Teile der Verbindung großgeschrieben werden:

  • das erste Wort der Gruppe
  • der (letzte) Infinitiv
  • ggf. Wörter, die auch sonst großgeschrieben werden (z.B. Substantive)

Bei Ihrem Beispiel ist somit der erste Vorschlag, den Sie machen, korrekt:

das Sich-ansehen-Lassen

So einfach ist es im Prinzip. Die Regeln finden Sie hier und hier. Eine älterer Blogbeitrag zum Thema der substantivierten Infinitivgruppen steht hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Natürlich geht es nicht ohne Ausnahmen. Es hat der Rechtschreibkommission nämlich (unter Zwang?) „behagt“, diese wunderbar einfache Grundregel etwas schwammiger zu formulieren (§ 43 E): „Dies [die Schreibung mit Bindestrich] gilt nicht für übersichtliche Zusammensetzungen mit Infinitiv“. Als dreiteiliges Beispiel wird dort das Inkrafttreten angeführt. Laut Duden ist auch das Zuspätkommen eine solche zusammenzuschreibende Ausnahme.

Wenn die Crème brûlée bio ist

Frage
Wie verhält es sich mit der Schreibung von „Crème brûlée“, wenn noch ein „Bio-“ davortritt?

Bio-Crème brûlée
oder
Bio-Crème-brûlée

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

wenn Dinge bio sind, das heißt, wenn sie biologisch im Sinne von naturrein etc. sind, kann dieses bio auch vor dem Wort stehen, das es bestimmt. In der gesprochenen Sprache ist das problemlos, in der geschriebenen Sprache führt es aber oft zu recht abenteuerlichen Schreibungen. Im Prinzip ist es ganz einfach: Bio- wird vor einem Substantiv mit dem Substantiv zusammengeschrieben.

Biologisch erzeugtes Gemüse ist Biogemüse. Der Bauer, der es anbaut ist ein Biobauer und der Laden, in dem Bioprodukte aus Bioanbau und Bioproduktion verkauft werden, ist ein Bioladen oder ein Bioshop. Also:

Biogemüse, Biobäuerin, Bioprodukte, Bioanbau, Bioproduktion, Bioladen, Bioshop

Da viele heute den Bindestrich sehr mögen und es in der Rechtschreibregelung den häufig ge- und missbrauchten Paragraphen über den „verdeutlichenden“ Bindestrich gibt, muss die Schreibung mit Bindestrich in diesen Fällen (meinerseits eher zähneknirschend) ebenfalls akzeptiert werden:

Bio-Gemüse, Bio-Bäuerin, Bio-Produkte, Bio-Anbau, Bio-Produktion, Bio-Laden, Bio-Shop.

Zweifellos gerechtfertigt ist die Verwendung von Bindestrichen auch für mich in Wortungetümen wie:

Bio-Meerrettich-Gewürzpaste, Bio-6-Korn-Flocken, Bio-Mini-Schoko-Doppelkekse

Nach den geltenden Rechtschreibregeln nicht korrekt ist die Getrenntschreibung:

*Bio Gemüse, *Bio Produkte, *Bio Laden, *Bio Shop, *Bio Mini Schoko-Doppelkeks, *Bio Paprika Chips

Etwas schwieriger wird es, wenn Bio- vor eine getrennt geschriebene Wortgruppe tritt. Dann gilt die Regel, dass zwischen allen Teile der Verbindung ein Bindestrich stehen muss. So wird die Crème brûlée mit Zutaten aus biologischer Produktion zur Bio-Crème-brûlée:

Crème brûlée → Bio-Crème-brûlée

Ebenso:

Sauce hollandaise → Bio-Sauce-hollandaise
High Society → Pseudo-High-Society
Mister Schweiz → Ex-Mister-Schweiz

So weit, so gut. Die Rechtschreibung lässt uns aber dann im Stich, wenn es um Wortgruppen dieser Art geht:

grüner Tee → ?
dunkle Schokolade → ?

Dieser Fall war wohl nicht vorgesehen. Wer die Rechtschreibregeln nicht missachten will, muss deshalb kreativ werden und ein bisschen umformulieren:

Bio-Grüntee
dunkle Bioschokolade
biologischer grüner Tee
biologische dunkle Schokolade

Wenn ich Entwerfer von Verpackungen, Prospekten und Webseiten für Bioprodukte wäre, würde ich von den „zuständigen Stellen“ einfordern, dass hier eine umfassende und einfache Lösung für die korrekte Schreibung von Bioprodukten gefunden wird, die auf exotische Schreibungen wie Bio-Crème-brûlée verzichten kann. Bis dann werden wir uns mit Bio-Paprika-Chips (oder dem fast unlesbaren Biopaprikachips) behelfen müssen, weil die wohl am häufigsten vorkommende Schreibung Bio Paprika Chips auf der Verpackung zwar „knalliger“ wirkt, aber orthografisch leider nicht den Regeln entspricht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wem schwerfallen nicht allzu leicht fällt

Frage

Es ist mir immer noch nicht ganz klar, wie man die Verbindung Adjektiv und Verb schreibt, wenn sie gesteigert ist, also Beispiel:

schwerfallen, leichtfallen
schwerer_fallen, leichter_fallen
oder: sehr schwer_gefallen, viel leichter fallen.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

Sie sind nicht die Einzige, der die Schreibung solcher Verbverbindungen nicht allzu leicht fällt oder sogar in hohem Maße schwerfällt. Ich weiß es auch nie genau. Dieser Fall (Zusammen- oder Getrenntschreibung bei erweiterten Adjektiv-Verb-Verbindungen mit übertragener Bedeutung) ist nämlich nicht ausdrücklich in der Rechtschreibregelung geregelt. Es gibt hierzu eine Duden-Empfehlung, die aber nicht immer weiterhilft und die ich persönlich nicht ganz in dieser Weise formulieren würde.

Bei den gesteigerten Formen schreibe ich den einfachen Komparativ mit dem Verb zusammen und den Superlativ mit am vom Verb getrennt:

schwerfallen, schwererfallen, am schwersten fallen
leichfallen, leichterfallen, am leichtesten fallen

Dabei halte ich aber die Getrenntschreibung schwerer fallen und leichter fallen in Anlehnung an § 34 2.3 ebenfalls für richtig.

Wenn die Verbverbindung erweitert wird, ist es theoretisch so, dass zusammengeschrieben wird, wenn der ganze verbale Ausdruck erweitert wird. Wenn nur das Adjektiv erweitert wird, schreibt man getrennt. Das ist in der Praxis aber nicht immer einfach zu entscheiden. Bezieht sich zum Beispiel im folgenden Satz sehr a) nur auf schwer oder b) auf den ganzen Ausdruck?

a) Die Entscheidung ist mir sehr schwer gefallen.
b) Die Entscheidung ist mir sehr schwergefallen.

Beides ist möglich. Ich folge deshalb „in der Praxis“ dieser Faustregel: 1) zusammen, wenn die Erweiterung ein Verb bestimmen kann; 2) getrennt, wenn dies nicht der Fall ist. Ein paar Beispiele:

1) Zusammenschreibung, wenn die Erweiterung das Verb betreffen kann:

dass es mir nicht schwerfällt
vgl.: dass es mich nicht belastet

dass es mir sehr schwerfällt
vgl.: dass es mich sehr belastet

dass es mir zu sehr schwerfällt
vgl.: dass es mich zu sehr belastet

dass es mir kaum/in hohem Maße schwerfällt
vgl.: dass es mich kaum/in hohem Maße belastet

(dass es mir noch mehr schwerfällt
vgl. dass es mich noch mehr belastet)

2) Getrenntschreibung, wenn die Erweiterung das Adjektiv betreffen muss, das heißt, wenn sie nicht ein Verb betreffen kann:

dass es mir zu schwer fällt
nicht: dass es mich zu belastet

dass es mir ganz schwer fällt
nicht: dass es mich ganz belastet

dass es mir viel schwerer fällt
nicht: dass es mich viel belastet

dass es mir noch schwerer fällt
nicht: dass es mich noch belastet (andere Bedeutung)

Eine einfachere oder für alle Fälle eindeutige Lösung kenne ich leider nicht. Ich hoffe aber, dass Ihnen die Entscheidung, ob Sie in solchen Fällen zusammen- oder getrennt schreiben, mit Hilfe dieser Faustregel ein bisschen leichterfällt/leichter fällt …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp