Das User-centered Design

Es geht mir nicht darum, auf einem bestimmten Fremdwort herumzubashen. Das Wort, um das es hier geht, ist nur ein Beispiel für viele englische Ausdrücke, die ihren Weg ins Deutsche nur halb zurückgelegt haben.

Frage

Ich beschäftige mich gerade mit der Schreibung von englischen Fremdwörtern. Die Regeln diesbezüglich sind eigentlich ziemlich klar, wie ich inzwischen herausgefunden habe. Mit einem Ausdruck tue ich mich jedoch schwer: „User Centered Design“. So wird das z. B. in der deutschen Wikipedia geschrieben. Allerdings ergibt das wenig Sinn. […] Wenn man den Ausdruck eindeutscht und als Adjektiv+Substantiv-Gruppe betrachtet, müssen das erste Wort und das Substantiv großgeschrieben werden. Dann haben wir „User-centered Design“. Anhand der Regeln scheint mir das die korrekte Schreibweise zu sein. Bloß verwendet die niemand… Können Sie mir weiterhelfen?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

bei der Schreibung von Fremdwörtern, insbesondere bei mehrteiligen Ausdrücken in Fachsprachen, stimmen die regelkonforme Schreibung und die tatsächlich verwendete Schreibung sehr, sehr oft nicht überein.

Nach der amtlichen Regelung richtig sind:

a) das „user-centered design“
b) das User-centered Design

Bei a) verwendet man den Ausdruck als englisches Zitatwort und hält sich an die Schreibung, die in der Ursprungssprache gilt. Bei b) folgt man der Rechtschreibregel, nach der auch Sie sich in Ihrer Frage gerichtet haben.

Viel üblicher ist aber die Schreibung, die Sie offenbar auch in Wikipedia angetroffen haben:

c) das User Centered Design

Ich vermute, dass dies in Übereinstimmung mit den Großbuchstaben der Abkürzung UCD geschieht. Da außer Ämtern und Schulen niemand verpflichtet ist, sich an die amtliche Reglung zu halten, können sich insbesondere in Fachsprachen auch nicht regelkonforme Schreibungen durchsetzen. Wenn Sie diesen Begriff verwenden, müssen Sie sich also entscheiden, ob Sie die regelkonforme Schreibung b) oder die üblichere Schreibung c) verwenden. Wenn Sie durch Hausregeln, die Auflagen von Auftraggebenden oder Ihre eigene Einstellung an die amtliche Rechtschreibregelung gebunden sind, wählen Sie b): das User-centered Design.

Sie können das Problem natürlich auch umgehen – das ist in solchen Fällen meine Lieblingstaktik –, indem Sie zum Beispiel nutzerorientiertes Design oder „sogar“ nutzerorientierte Gestaltung verwenden:

d) das nutzerorientierte Design (UCD, user-centered design)

Als kleine Hilfestellung zur Schreibung von Fremdwörtern möchte ich Sie zum Schluss noch auf diese Seiten verweisen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mitzunehmen ist zusammenzuschreiben

Eine Frage, die eigentlich ganz einfach zu beantworten ist, die aber trotzdem immer wieder Anlass zu Zweifeln gibt. Sie kommt jedenfalls regelmäßig vorbei:

Frage

Ich hätte gerne gewusst, wie man Folgendes richtig schreibt und warum: „Denkt daran dies und das mit zu nehmen!“ – oder doch „mitzunehmen“?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

richtig ist hier die Zusammenschreibung:

Denkt daran, dies und das mitzunehmen!

Man schreibt den mit zu erweiterten mehrteiligen Infinitiv dann in einem Wort, wenn man auch den entsprechenden nicht erweiterten Infinitiv in einem Wort schreibt:

Denkt daran, dass ihr dies und das mitnehmen solltet!

Das zu wird sozusagen in die bestehende Wortform eingeschoben. Siehe die Angaben zum Infinitiv beim Eintrag mitnehmen in Canoonet und allgemein hier.

Man schreibt also auch zum Beispiel:

Sie versuchten aufzustehen. (vgl. aufstehen)
Hör auf, den ganzen Tag herumzutelefonieren (vgl. herumtelefonieren)
Es fällt dir schwer, Fehler zuzugeben. (vgl. zugeben)
Es scheint noch etwas hinzuzukommen.  (vgl. hinzukommen)

Getrennt wird aber zum Beispiel hier geschrieben:

Hört auf, den ganzen Tag miteinander zu telefonieren (vgl. miteinander telefonieren)
Es ist erlaubt, anders zu denken (vgl. anders denken)
Sie versuchte, immer für ihn da zu sein (da sein)

Und hier noch etwas Spitzfindigeres:

Die Richterin zögerte, den Angeklagten freizusprechen (jemanden freisprechen)
Die Vortragenden sollten versuchen frei zu sprechen (frei sprechen)
Es ist nicht immer einfach, dich liebzuhaben o. dich lieb zu haben (liebhaben o. lieb haben)

Im Prinzip ist es also nicht einfacher oder komplizierter, als die Getrennt- und Zusammenschreibung bei Verben ohnehin ist.

Dann noch zu Frage nach dem Warum: Die Antwort ist ebenso einfach wie sie für manche unbefriedigend sein wird: Weil die Schreibtradition und die Rechtschreibregeln es so wollen.

Ganz so selbstverständlich ist die Zusammenschreibung nämlich nicht. Das Wörtchen zu hat hier weder die Bedeutung noch die Betonung eines selbstständigen Wortes. Es ist fast ein Teil der Wortform. Deshalb schreibt man mitzunehmen, aufzustehen und zuzugeben zusammen. Es wird aber anders als zum Beispiel das ge des Partizips (genommen) doch nicht ganz als Teil der Wortform angesehen. Deshalb schreibt man es bei untrennbaren Verben vom Verb getrennt: zu nehmen, zu stehen, zu übergeben.

Dies ist natürlich bei Weitem keine umfassende Analyse. Ich möchte nur aufzeigen, dass es bei der Schreibung von Infinitiven mit zu Widersprüchlichkeiten gibt. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass man hier recht häufig getrennt geschriebenen Formen begegnet. Dass die Zusammenschreibung nicht der Weisheit einziger Schluss ist, zeigt die Orthografie des Niederländischen, das wie das Deutsche trennbare Verben kennt. Dort schreibt man nämlich:

meenemen – mee te nemen
opstaan – op te staan
toegeven – toe te geven
(mitnehmen – mitzunehmen, aufstehen – aufzustehen, zugeben – zuzugeben)

Wie dem auch sei, die deutsche Rechtschreibregelung ist hier deutlich: Man schreibt mitzunehmen, aufzustehen und zuzugeben zusammen wie mitnehmen, aufstehen und zugeben. Wirklich schwierig ist das zum Glück nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man 0,75 Bananen ausdrückt

Um Fruchtfans nicht allzu sehr zu enttäuschen, sei gleich bemerkt, dass hier ausdrücken für formulieren steht und nicht etwa für auspressen.

Frage

Kann man die folgenden Mengenangaben sowohl zusammen- als auch getrennt schreiben?

eine viertel Banane/eine Viertelbanane
eine drei viertel Banane/eine Dreiviertelbanane

ein viertel Glas Milch/ein Viertelglas Milch
ein drei viertel Glas Milch/ein Dreiviertelglas Milch

Antwort

Guten Tag H.,

Bei Angaben mit Vierteln machen wir es uns und der Rechtschreibung nicht einfach. Es gibt nämlich verschiedene Arten, solche Angaben zu formulieren, zu betonen und zu schreiben.

Wenn Sie Banane als Maßeinheit verwenden und ein oder drei Viertel davon angeben wollen, haben Sie diese Möglichkeiten:

eine viertel Banane (Hauptbetonung auf Banane)
eine Viertelbanane (Hauptbetonung auf Viertel-)

drei viertel Bananen
drei Viertelbananen

eine Dreiviertelbanane
(damit könnte aber genau genommen auch eine ganze Banane gemeint sein, die nur 0,75 mal so groß ist wie eine gewöhnliche Banane – wenn es so etwas gibt)

Es ist aber nicht sehr gebräuchlich, Bananen als Maßeinheit zu verwenden. Ich würde deshalb eher sagen:

ein Viertel einer Banane
drei Viertel einer Banane

Das Wort Glas hingegen wird in der Einzahl häufig auch als Maßeinheit verwendet. Entsprechend sind nach der Rechtschreibregelung (siehe hier, hier und hier) diese Schreibweisen möglich:

ein viertel Glas Milch
ein Viertelglas Milch

drei viertel Glas Milch
drei Viertelglas Milch

Auch diese Formulierung ist möglich:

ein Dreiviertelglas Milch (= 0,75 Glas)

Hier ist aber die Verwechslungsgefahr mit

eindreiviertel Glas Milch (= 1,75 Glas)

recht groß! (Nicht so übrigens bei Banane: eine Dreiviertelbanane vs. eindreiviertel Bananen)

Weder mit einem Viertelgruß noch mit einem Dreiviertelgruß oder drei Viertelgrüßen, sondern ganz klassisch mit freundlichen ganzen Grüßen

Dr. Bopp

Wann sind Substantive verblasst?

Warnung: Die Antwort ist eher unbefriedigend.

Frage

ich stolperte unlängst über die Regel K54 im Duden, in der von „verblassten Substantiven“ die Rede ist. Ist dieses Erkennen von „verblassten“ Substantiven ein Bauchgefühl, also letztendlich eine Erkennungskompetenz, oder gibt es eine echte Regel, nach der man „verblasste Substantive“ erkennen und identifizieren kann?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

verblasste Substantive sind wahrscheinlich ein Gräuel für diejenigen, die exakte Regeln mögen. Eine eindeutige Regel, wann ein Substantiv als verblasst angesehen und kleingeschrieben resp. mit einem Verb zusammengeschrieben werden muss, gibt es nämlich nicht. Allgemein wird gesagt, dass verblasste Substantive ihre selbstständigen Worteigenschaften verloren haben oder nicht mehr als Substantive erfahren werden. Ein paar (vage) Indizien:

  • Sie stehen immer ohne Artikel oder andere Begleitwörter.
  • Sie haben in bestimmten Wendungen nicht die gleiche Bedeutung, wie bei „normaler“ Verwendung.
  • Die Verbindung mit einem verblassten Substantiv hat eine andere Bedeutung als die „Summe der Bedeutungen ihrer Elemente“.

Zum Beispiel: Mit heimgehen ist nicht das/ein Heim gehen gemeint. Bei teilnehmen ist die Bedeutung nicht den/einen Teil nehmen, sondern (einen) Anteil nehmen (vgl. die Schreibung Anteil nehmen). Wenn man pleite ist, ist man nicht die Pleite, sondern hat man (die) Pleite gemacht.

Andere Beispiele:

kopfrechnen
standhalten – Wie lange halten sie noch stand?
wundernehmen – Es nimmt mich wunder, was genau passiert ist.

Das Buch ist klasse/spitze.
Wer ist schuld daran?
Das ist mir wurst.

Der Gong wird abends um sechs Uhr geläutet.
Es ging anfangs noch ganz gut.
Wer kann mir notfalls helfen?

Sie bereute es zeit ihres Lebens.
dank deiner finanziellen Hilfe

Es waren nur ein paar Leute da.
Ich finde es ein bisschen schwierig.

Vgl. auch hier und hier.

Wie die oben stehenden, wenig präzisen Anhaltspunkte schon vermuten lassen, ist der Übergang von selbstständig zu „verblasst“ fließend. Entsprechend muss auch ich bei solchen Wörtern regelmäßig nachschauen, ob sie nun offiziell groß- oder kleingeschrieben werden. Diesen Übergang gibt es sogar „offiziell“. So sind bei den folgenden Verbindungen beide Schreibungen korrekt, weil sie als Zusammensetzung mit einem verblassten Substantiv, aber auch als Verbindung mit einem selbstständigen Substantiv gesehen werden können:

Acht geben / achtgeben
Acht haben / achthaben
Halt machen / haltmachen
Maß halten / maßhalten

Da es keine eindeutige Regel gibt (und geben kann), bleibt eigentlich nur, auf seine Intuition zu vertrauen, sich die schwierigeren Fälle zu merken und notfalls im Wörterbuch nachzuschlagen. Einfacher kann ich es leider auch nicht machen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Anglizismus des Jahres und (ausnahmsweise) Wort der Woche

Die Zeit der Wörter des Jahres ist wieder angebrochen. Auch dieses Jahr weise ich nur auf einen dieser Beautycontests hin: Die Wahl des Anglizismus des Jahres ist (schon seit einem Weilchen) eröffnet. Bis zum 21. Dezember können auch Sie Ihre Kandidaten hier vorschlagen.

Bei Canoonet gibt es keine Wörter des Jahres. Ich möchte aber ausnahmsweise einmal mein persönliches Wort der Woche vorstellen, weil ich es so schön finde und weil es zeigt, wie flexibel die deutsche Wortbildung sein kann. Das Wort der Woche ist:

kühlschrankgroß

Überall wurde in den Nachrichten und in den Zeitungen berichtet, dass die kühlschrankgroße Landesonde oder der kühlschrankgroßen Kometenlander Philae auf einem Kometen gelandet ist, der den nur für erfahrene Präsentatoren und Präsentatorinnen nach mehrmaligem vorherigem Üben aussprechbaren Namen Tschurjumow-Gerassimenko trägt (ein guter Kandidat für den Namen der Woche, wenn es den denn gäbe).

Das Wort ist nicht neu – als zum Beispiel die Handys immer kleiner wurden, nannte man ältere Modelle gerne einmal kühlschrankgroß –, aber es zeigt schön die Flexibilität der deutschen Wortbildung. Wenn etwas so groß wie ein Kühlschrank ist, dann ist es kurz gesagt kühlschrankgroß. Und jedes Mal, wenn man den Kühlschrank als Vergleichsgröße benötigt, kann man dieses Wort wieder neu bilden, ganz gleich ob es jemals im Wörterbuch gestanden hat oder stehen wird.

Wenn wir schon dabei sind, hier noch weitere Beispiele:

erbsengroß – so groß wie eine Erbst
bärenstark – so stark wie ein Bär
fingerlang – so lang wie ein Finger
papierdünn – so dünn wie Papier

Der Flexibilität sind übrigens kaum Grenzen gesetzt, denn solche Zusammensetzungen bedeuten bei Weitem nicht immer „so x wie Y“:

schulterlang – lang bis auf die Schultern
ideenreich – reich an Ideen
tränennass – nass von Tränen
wasserdicht – dicht in Bezug auf Wasser
bettreif – reif fürs Bett
idiotensicher – so sicher, dass auch Idioten risikolos damit umgehen können
usw. usw. usw.

Und damit auch der „Dr. Bopp“ in mir noch zum Zuge kommt: Vergessen Sie nicht, dass solche Bildungen klein- und zusammengeschrieben werden!

Darauflegen und darüberstreuen

Frage

In welchen Fällen schreibt man „darüber“ oder „darauf“ mit Verben zusammen, in welchen getrennt? Wie heißt es:

darüber streuen oder darüberstreuen
darüber legen oder darüberlegen

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

die Getrennt- und Zusammenschreibung bei Verbverbindungen ist ziemlich komplex. In Fällen wie diesen hilft mir die folgende Faustregel meistens weiter:

Man schreibt darüber und darauf  mit einem einfachen Verb zusammen, wenn die Hauptbetonung auf darüber oder darauf liegt, und zwar auf dem ü bzw. dem au:

a) Speckscheiben darauflegen,
a) dann Käse darüberstreuen

Man schreibt die Verbindung getrennt, wenn die Hauptbetonung nicht auf darauf oder darüber liegt:

b) Ich kann mich nicht darauf konzentrieren
b) Wir sollten darüber reden.

Es wird ebenfalls getrennt geschrieben, wenn die Hauptbetonung auf dar liegt:

c) Hast du die Speckscheiben darauf gelegt? Dort gehören sie nicht hin.
c) Ich will nicht darüber reden, sondern über etwas ganz anderes.

Dies gilt nicht nur für darauf und darüber, sondern auch zum Beispiel für dabei, dafür, dagegen, daher, dahin, dahinter, daneben, darauf, darum, darunter, davon, davor, dazu und dazwischen. Einige Beispiele:

a) Das sollte man immer dabeihaben.
b) Was hast du dir dabei gedacht?
c) Was hast du dir dabei gedacht?

a) Wir machen mit, weil alles dafürspricht.
b) Ich habe dafür bezahlt.
c) Soll ich etwa dafür bezahlen?

a) Ich werde mich mit allem dagegenstellen, was mir zur Verfügung steht.
b) Er konnte sich nicht dagegen wehren.
c) Wie hätte ich mich dagegen wehren können.

a) Schau mal, wie der daherkommt!
b) Wir haben daher beschlossen, dass …
c) Das wird daher kommen, dass ihr nicht gut aufgepasst habt.

a) Ich werde schon noch dahinterkommen, wer es getan hat.
b) Er ging zum Pult und blieb dahinter stehen.

a) Sie haben versucht, eine Wolldecke darunterzulegen.
b) Ich weiß nicht, was darunter zu verstehen ist.

a) Es ist noch eine Aufgabe dazugekommen.
b) Ich bin noch nicht dazu gekommen, die Aufgabe zu lösen.

Ob man hier getrennt oder zusammenschreibt, hängt also von der Betonung oder eigentlich vom Zusammenhang und der genauen Bedeutung ab. Es ist deshalb nicht möglich, bei einer allein stehenden Verbindung eindeutig zu sagen, ob man zum Beispiel dafürkönnen oder dafür können, daherkommen oder daher kommen, dazwischenreden oder dazwischen reden schreibt.

Nur in Verbindung mit dem Verb sein ist alles klar. Unabhängig von Betonung und Bedeutung wird immer getrennt geschrieben: dafür sein, dagegen sein, dabei sein, davor sein usw.

Ich hoffe, dass Sie trotz der vielen Beispiele dabeigeblieben sind und sich nicht allzu sehr dabei gelangweilt haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So groß wie ein Fünfcentstück

Eine Frage aus dem Bereich der Wortungetümkandidaten. Unter Wortungetümen verstehe ich nicht nur ganz lange Wörter, sondern auch Zusammensetzungen mit einer komplizierten Struktur. Heute geht es um zwei Wörter, die vielleicht nicht ganz das Prädikat „Wortungetüm“ verdienen, bei denen man sich aber doch überlegen sollte, ob eine Umschreibung nicht leserfreundlicher wäre.

Frage

Wie schreibt man eigentlich „Zweieurostück-groß“, „5-Cent-Stück-groß“ und Ähnliches? Also es geht um Dinge, die so groß sind wie ein Zweieurostück oder ein Fünfcentstück. Was wird hier groß- oder kleingeschrieben? Kommen Bindestriche hin und, wenn ja, wo?

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

wenn Sie mit einem Wort beschreiben möchten, dass ein Ding so groß ist wie ein Zweieurostück oder ein Fünfcentstück, gibt es auf der Ebene der Rechtschreibung verschiedene Lösungen:

zweieurostückgroß; ein zweieurostückgroßes Ding
fünfcentstückgroß; eine füncentstückgroße Sache

Zweieurostück-groß; ein Zweieurostück-großes Brandloch
Fünfcentstück-groß; eine Fünfcentstück-große Wunde

2-Euro-Stück-groß; ein 2-Euro-Stück-großer Rostfleck
5-Cent-Stück-groß; die 5-Cent-Stück-großen Farbkleckse

*In Verbindungen mit Bindestrich werden die Substantive großgeschrieben, auch wenn der Gesamtbegriff wie hier ein Adjektiv ist. Siehe hier.

Da ich immer für Zurückhaltung bei der Verwendung des Bindestrichs bin, würde ich mich unter Bedrohung mit einer geladenen Pistole für die erste Variante entscheiden. Meine unverbindliche Empfehlung für bessere Lesbarkeit ist aber eine ganz andere:

ein Ding, das so groß ist wie ein Zweieurostück
eine Sache von/mit der Größe eines Fünfcentstücks

Das ist nicht ganz so kurz und „schnittig“ formuliert, aber es liest sich einfacher.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Drinks mit und ohne Ergänzungsstrich

Frage

Wenn ich mir in einer Bar einen Long Drink bestelle und meine Frau einen Soft Drink, dann steht da nach „Long“ bzw. „Soft“ kein Bindestrich. Wenn ich mir aber einen Long und meine Frau einen Soft Drink bestellt, kommen mir erhebliche Zweifel, ob ich das „Long“ so alleine stehen lassen soll oder nicht doch durch einen Bindestrich andeuten darf, dass da noch ein Wortteil folgt. Bitte beseitigen Sie meine Zweifel!

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

gerne beseitige ich Ihre Zweifel: Ein Bindestrich oder besser gesagt ein Ergänzungsstrich wird nur dann verwendet, wenn ein Wortteil eines zusammengeschriebenen Wortes wegfällt. Wenn Sie einen Long Drink und einen Soft Drink bestellen und das erste Drink weglassen, fällt (orthographisch gesehen) kein Wortteil, sonder ein Wort weg. Entsprechend verwenden Sie keinen Ergänzungsstrich:

ein Long und ein Soft Drink

Ob das Weglassen von Drink stilistisch immer überzeugt, ist eine andere Frage.

Es folgt nun etwas, was natürlich nur theoretisch und nur in geschriebener Form, nicht aber bei einer tatsächlichen Bestellung an der Bar irgendeine Rolle spielt: Man kann Longdrink und Softdrink auch zusammenschreiben. Wenn Sie nun einen Longdrink und einen Softdrink bestellen und dann beim ersten Wort drink weglassen, fällt kein ganzes Wort, sondern ein Wortteil weg. Dann benötigen Sie einen Ergänzungsstrich:

ein Long- und ein Softdrink

Theoretisch könnte man nun auch noch die Schreibungen Long Drink und Softdrink resp. Longdrink und Soft Drink miteinander kombinieren, aber das ist wenig konsequent und man sollte es der Deutlichkeit halber besser nicht tun.

Ganz ähnlich sieht die Ergänzungsstrichlage bei folgenden Beispielen aus:

Fast Food oder Slow Food → Fast oder Slow Food
Fastfood oder Slowfood → Fast- oder Slowfood

Hard Rock und Soft Rock → Hard und Soft Rock
Hardrock und Softrock → Hard- und Softrock

Beide Möglichkeiten gibt es natürlich nur dort, wo sowohl zusammen- als auch getrennt geschrieben werden kann. Nur eine Möglichkeit gibt es also zum Beispiel hier:

Hardware und Software → Hard- und Software
Corporate Banking und Private Banking →  Corporate und Private Banking

Bei den letzten beiden Beispielen können, falls gewünscht, zum Zwecke der Anglizismenvermeidung etwas „deutschere“ Bezeichnungen wie Apparate und Programme resp. Geschäfts- und Privatkundengeschäft verwendet werden. Bei den Hard, Soft und Long Drinks oder Hard-, Soft- und Longdrinks hingegen ist dies zum Teil ein bisschen schwieriger. Doch das hat sowieso nichts mit dem Ergänzungsstrich zu tun, um den es hier ja geht.

Prost!

Dr. Bopp

Wenn »hinzu kommen« korrekt getrennt geschrieben wird

Wenn ein trennbares Verb wie hinzukommen in einem Hauptsatz steht, wird der abtrennbare Teil hinter das Verb an den Schluss des Satzes gestellt. Sonst schreibt man zusammen. So weit die Grundregel. Wie Herrn L.s Frage zeigt, gibt es aber noch einen seltenen dritten Fall.

Frage

Muss „Hinzu komme“ in diesem Satz getrennt geschrieben werden? (Indirekte Rede: Präsens Konjunktiv)

Hinzukomme, dass davon auch die regionale Wirtschaft profitiere.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

das Verb hinzukommen wird im Prinzip zusammengeschrieben. In Ihrem Satz schreibt man hinzu aber trotzdem vom Verb getrennt:

Hinzu komme, dass davon auch die regionale Wirtschaft profitiere.

Das hat nichts damit zu tun, dass es sich um den Konjunktiv der indirekten Rede handelt. Die Getrenntschreibung gilt auch zum Beispiel in der Vergangangenheit und im Indikativ:

Hinzu kommt/kam/käme/, dass davon auch die Wirtschaft …

Die Getrenntschreibung hinzu komme hat vielmehr mit der etwas sonderbaren Satzstellung zu tun. Dafür muss ich ein bisschen ausholen. Wir haben es hier mit einem einleitenden Hauptsatz (Hinzu kommt) und einem dass-Satz zu tun. In einem deutschen Hauptsatz (Aussagesatz) steht die gebeugte Verbform immer an zweiter Stelle. Vor ihr, im sogenannten Vorfeld, steht nicht mehr und nicht weniger als ein Satzteil:

Peter kommt heute Abend nicht.
Kaum ein Mensch kommt noch zu uns.
Meinen Eltern kommt das gar nicht ungelegen.
Heute Abend kommt wahrscheinlich niemand mehr vorbei.
Wahrscheinlich kommt kein weiterer Gast hinzu.
Es kommt hinzu, dass davon auch die Wirtschaft profitiert.

Wie man sieht, kann das Subjekt, ein Objekt oder eine Adverbialbestimmung an erster Stelle stehen. In seltenen Fällen kann auch der abtrennbare Teil eines trennbaren Verbs (der sonst am Schluss des Satzes steht) diese erste Stelle einnehmen:

Hinzu kommt, dass davon auch die Wirtschaft profitiert.

Der abtrennbare Verbteil wird in solchen Fällen getrennt vom Basisverb geschrieben, obwohl er direkt vor diesem steht. Nur so kann die beinahe unantastbare Zweitstellung der gebeugten Verbform im deutschen Hauptsatz gewährleistet werden. Weitere Beispiele:

Fest steht die Tatsache, dass die gebeugte Verbform an zweiter Stelle steht.
Hinauf ging er über die Treppe, herunter kam er über den Balkon.
Zusammen kam dabei eine erfreulich hohe Summe.

Der letzte Satz zeigt, dass solche Formulierungen nicht immer stilistische Höhepunkte sind. Weiter gilt, dass sie fast nur bei trennbaren Verben möglich sind, deren abtrennbarer Teil und Basis noch eine recht große Eigenbedeutung haben. Nicht möglich sind zum Beispiel:

*Zu gab sie den Fehler nicht.
*An ist zu nehmen, dass alles stimmt.
*Ein lade ich nur, wen ich mag.

Siehe auch hier.

Diese Randerscheinung der deutschen Wortstellung (und Rechtschreibung) illustriert wieder einmal, weshalb man bei der Getrennt- und Zusammenschreibung im Bereich der deutschen Verben manchmal so unsicher werden kann. Es gibt keine exakte Trennlinie zwischen getrennt geschriebenen Verbgruppen und zusammengeschriebenen Verbzusammensetzungen. Obwohl feststehen, hinzukommen und hinaufgehen im Allgemeinen Verbzusammensetzungen sind, können sich fest, hinzu und hinauf manchmal wie selbstständige Adverbien benehmen. Fest steht nur, dass nicht alles immer eindeutig feststeht.

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Fußballfeld als Maßeinheit

Frage

Bei uns ist folgendes Problem aufgetaucht: Welche Schreibung ist richtig?

die 30 fußballfeldergroße Anlage
die 30 fußballfelder-große Anlage
die 30 Fußballfelder große Anlage

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

die korrekte Schreibung ist:

die 30 Fußballfelder große Anlage

Hier wird Fußballfelder als Maßangabe verwendet. Die Größe der Anlage wird mit Hilfe der Maßeinheit »Fußballfeld« angegeben. Sie ist in den exakten Wissenschaften zwar unüblich, aber im Alltagsgebrauch für viele gut verständlich. Man muss nicht unbedingt Fan von Bayern München, Rapid Wien oder des FCB sein, um eine ungefähre Vorstellung der Größe eines Fußballfeldes zu haben. Obwohl Fußballfelder unterschiedlich groß sein können, sind sie für ungefähre Flächenangaben in allgemeinen Texten oft besser geeignet als abstrakte hohe Quadratmeterzahlen. Bei der Angabe 30 Fußballfelder habe ich zwar auch nur eine ungenaue Vorstellung, aber sie ist für mich dennoch um einiges verständlicher als die Angabe ca. 200 000 m². Doch ich schweife wieder einmal ab. Zurück zu Ihrer Frage:

Die Einheit »Fußballfeld« wird in der Rechtschreibung gleich behandelt wie die bekannteren Maßeinheiten:

Der Turm ist 20 Meter hoch.
der 20 Meter hohe Turm

Der Stau ist drei Kilometer lang.
der drei Kilometer lange Stau

Die Anlage ist 25 Jahre alt.
die 25 Jahre alte Anlage

Und genau gleich:

Die Anlage ist 30 Fußballfelder groß.
die 30 Fußballfelder große Anlage

Völlig ausgeschlossen ist die zusammengeschriebene Form fußballfeldergroß übrigens nicht. Genauso wie es meterhohe Barrikaden, kilometerlange Staus und jahrelange Bemühungen gibt, kann es auch

eine fußballfeldergroße Anlage

geben. Gemeint sind hier ungenaue Angaben, nämlich ungefähr einen oder mehrere Meter hohe Barrikaden, mehrere Kilometer lange Staus, mehrere Jahre dauernde Bemühungen und genauso (Regel):

die fußballfeldergroße Anlage = die mehrere Fußballfelder große Anlage

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp