Ist umsonst auch vergebens?

Frage

Woher stammt  der Begriff umsonst? Was hat es mit Wortspielen auf sich, die sagen, dass umsonst nicht vergeblich sei? Zum Beispiel:

Ich bin umsonst nach Berlin gefahren, da die Ausstellung schon geschlossen hatte.
Ich bin umsonst nach Berlin gefahren, weil ich eine kostenlose Mitfahrgelegenheit gefunden habe.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Wort umsonst hat drei Bedeutungen:

  1. kostenlos, ohne Gegenleistung: Ich habe es umsonst bekommen.
  2. vergebens, vergeblich: Ich habe umsonst auf ihn gewartet.
  3. (nur verneint) ohne Zweck, grundlos: Ich habe dich nicht umsonst davor gewarnt.

Nun gibt es Leute, die meinen, es sei nicht richtig, umsonst im Sinne von vergebens zu verwenden. Diese Verwendung von umsonst ist aber ebenso alt, wie sie üblich und eingebürgert ist. Solange man darauf achtet, missverständliche Formulierungen zu vermeiden, ist deshalb nichts dagegen einzuwenden. Meist gibt ja – wie in Ihren Beispielsätzen – der Satzzusammenhang an, was gemeint ist. Wenn Sie am Telefon hören: „Sie rufen umsonst an, der Kinderwagen ist schon weg“, ist ganz klar, dass Sie den Anruf vergebens und nicht kostenlos gemacht haben. Wenn man sagt: „Umsonst geht nur die Sonne auf“, ist damit nicht gemeint, dass die Sonne vergebens aufgeht, sondern dass es nun einmal nichts gratis gibt.

Das Wort geht auf mittelhochdeutsches umbe sus zurück, das eigentlich um dieses, um so bedeutete. Wenn man das Aussprechen von sus (dieses, so) mit einer wegwerfenden, herablassende Geste begleitete, bedeutete die Wendung also um nichts, für nichts (Quelle: Kluge, „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“).

Wenn Sie nun hoffen, dass ich hier auf ein allzu naheliegendes Wortspiel verzichte, hoffen Sie umsonst. Ich kann es einfach nicht lassen:

Fragen Sie Dr. Bopp! Fragen stellen Sie immer umsonst, aber nie umsonst.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Entwalden, entleeren, entsinnen. Was bedeutet ent?

Frage

Als Dichter und Rezitator setze ich mich naturgemäß eingehend mit Sprache auseinander. Mir von der Logik her ungereimt Erscheinendes nutze ich gerne, um es in verdichteter Sprache nach meinem Sprachgefühl und -verständnis zu enträtseln. In diesem Zusammenhang stieß ich kürzlich auf den Begriff des Entsinnens. Woher stammt er, was will er beschreiben? Er wird ja synonym zum Begriff des Erinnerns gebraucht.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Verb entsinnen gab es schon im Mittelhochdeutschen: in den Sinn aufnehmen, sich erinnern. Heute verwendet man sich jemandes/einer Sache entsinnen mit der Bedeutung sich erinnern, sich wieder ins Gedächtnis rufen. Bei der Interpretation schwierig und gleichzeitig sehr interessant finde ich hier die Mehrdeutigkeit der Vorsilbe ent-. Sie kann nämlich je nach dem Verb, bei dem sie steht, verschiedene Bedeutungen haben. Zum Beispiel:

  • das Gegenteil zu be-: entkleiden, entwaffnen
  • das Gegenteil zu ver-: entkrampfen, entzaubern
  • das Gegenteil: enttanken, entwarnen
  • entfernen: entwalden, entrußen, entkernen
  • weggelangen, wegnehmen: entfliehen, entreißen
  • so sein rückgängig machen: entmündigen, entmutigen
  • so werden lassen: entblößen, entfremden, entleeren (bei Adjektiven, die Abwesenheit beinhalten)

In diesen Fälle bedeutet ent- im weiteren Sinne etwas wie gegen, wegnehmen, entfernen. Bei gewissen Verben hat es aber auch noch eine ganz andere Bedeutung:

  • beginnen: entbrennen, entsprießen, entstehen

Beim Verb entsinnen mit der Bedeutung erinnern hat ent- wohl am ehesten die letzte Bedeutung. Es gab früher übrigens auch ein Verb entsinnen, bei dem ent- die Bedeutung entfernen hatte: von Liebe entsinnt = durch die Liebe der Sinne beraubt.

Die Gelehrten vermuten, dass das letzte ent- (beginnen) sprachgeschichtlich nicht die gleiche Vorsilbe wie ent- mit den anderen Bedeutungen ist. Erstaunlich ist aber so oder so, dass wir, in der Regel ohne dabei nachzudenken, eine Vorsilbe verwenden und problemlos verstehen, die derart verschiedene, teilweise sogar gegensätzliche Aspekte ausdrücken kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Satzzeichen Flügel kriegen: das Ausrufungszeichen

Frage

Ich habe gerade die beiden Begriffe Ausrufezeichen und Ausrufungszeichen nachgesehen, um herauszufinden, welches der beiden die korrekte Bezeichnung für das Zeichen ! ist, oder ob beide gleichberechtigt verwendet werden können. Nun wird beim Eintrag Ausrufungszeichen als Oberbegriff Eule angegeben, was mich zugegebenermaßen etwas verwirrt hat. Vielleicht können Sie mich diesbezüglich erleuchten?

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

was das Wort Ausrufungszeichen mit einer Eule zu tun haben soll, war auch mir vorerst völlig unklar. Wenn man dann weitersucht, stellt man fest, dass die automatische Darstellung von Synonymen, Ober- und Unterbegriffen manchmal eher verwirrend als hilfreich ist. Dies gilt insbesondere bei Wörtern wie Ausrufungszeichen, die selten verwendet werden und darüber hinaus noch verschiedene Bedeutung haben. Bei solchen Wörtern ist das Risiko größer, dass im Wörterbuch nicht alle Bedeutungen abgedeckt sind.

Eulen sind natürlich Vögel. Eulen oder Eulenfalter sind aber auch eine Nachtfalterart. Zu den Eulenfaltern gehört neben zum Beispiel der Achateule, der Holzkappeneule, dem Schattenmönch, dem Schwarzen Ordensband, dem Jägerhütchen und dem Silberspinnerchen auch das Ausrufungszeichen, das auch den schönen Namen Gemeine Graseule trägt.

Ausrufungszeichen

Es stimmt also, dass Ausrufungszeichen ein Unterbegriff einer bestimmten Bedeutung von Eule ist. Im Bedeutungswörterbuch fehlt aber die bekanntere Bedeutung des Wortes, das heißt, es wird nicht angegeben, dass Ausrufungszeichen auch eine seltener verwendete Variante von Ausrufezeichen ist. Das kann zu sehr begreiflicher Verwirrung führen. Wir werden die Angaben ergänzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Über oder mehr als 100 000 Menschen?

Frage

Ständig lese ich der Zeitung – hören kann ich es selbstverständlich auch –:

Über 100 000 Menschen haben es bereits gesehen.

Meiner Kenntnis nach ist das Wort über falsch gebraucht. Es gehört in die Gruppe von an, auf, in, über, vor und zwischen. Ich meine, dass es mehr als heißen muss. Liege ich richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

das Wörtchen über wird im Deutschen – auch in der Standardsprache – vor Kardinalzahlen mit der Bedeutung mehr als verwendet:

Wir haben über eine halbe Stunde gewartet.
ein Stadt mit über 100 000 Einwohnern
die über siebzehn Jahre alten Jugendlichen

Dieser Gebrauch ist allgemein verbreitet, gebräuchlich und akzeptiert. Er wird in allen größeren Wörterbüchern angegeben.

Das ist eigentlich gar nichts Außergewöhnliches. Das Wort über gehört tatsächlich in die Reihe der Wörter wie an, auf, in, hinter, über, unter, vor, zwischen. Diese Wörter haben eine räumliche Bedeutung. Sie geben an, wie verschiedene Objekte im Raum zueinander stehen. All diese Wörter werden aber nicht nur räumlich, sondern auch in „übertragenem“ Sinne verwendet. Sehr typisch sind zeitliche Verwendungen. Die räumliche Anordnung wird in bildlichem Sinne auf die Zeit übertragen. Beispiele sind:

in dieser Woche
über
die Feiertage
vor drei Tagen
zwischen
Weihnachten und Neujahr
am Montag
die Nacht auf den Dienstag
usw.

Damit haben sie ihre Rolle in der Sprache aber noch lange nicht ausgespielt. Sie werden nämlich auch mit anderen Bedeutungen und Funktionen verwendet. Sehen Sie anhand einiger Beispiele, wo das Wörtchen über überall auftauchen kann :

über etwas nachdenken
über
alle Maßen
über
kurz oder lang
über
dem Stricken einnicken
drei Grad über Null
über
drei Meter breit
den ganzen Tag über
u.a.m.

Auch die Wendung über 100.000 Menschen mit der Bedeutung mehr als 100.000 Menschen ist, wie bereits gesagt, allgemein übliches, korrektes Deutsch.

Man verwendet ein ganz ähnliches, aus dem Räumlichen übertragenes Bild, wie wenn man von einer hohen oder einer höheren Zahl spricht. Ganz wörtlich, das heißt räumlich gesehen, sind alle Zahlen gleich „hoch“ oder „niedrig“. Als abstrakte Begriffe nehmen sie ja keinen Raum ein. Erst im übertragenen Sinne kann man sagen, dass zwanzig eine höhere Zahl ist als zehn. Das Bild stammt wohl daher, dass zum Beispiel ein Stapel von zwanzig Steinen, Holzblöcken oder Büchern höher ist als ein Stapel von zehn. Wenn es also um mehr als 100.000 Menschen geht, ist ihre Zahl höher als 100.000, d.h. sie liegt über 100.000. Von hier aus ist es dann kein großer Schritt mehr bis zu über 100.000 Menschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was kann womit kollidieren?

Frage

Kann eine Auto mit einer Wand kollidieren? Oder können nur zwei Schiffe kollidieren? Ist der erste Satz korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

eigentlich kann nur Bewegliches mit Beweglichem kollidieren. Die Bedeutung von kollidieren ist zusammenprallen. Normalerweise kollidieren Fahrzeuge, Flugzeuge und Schiffe:

Das Fahrradfahrer kollidierte mit einem von rechts kommenden PKW.
Der Dampfer kollidierte mit einem Handelsschiff.
Die Boeing wäre beinahe mit einer aufsteigenden Cessna kollidiert.
Zwei Güterzüge sind außerhalb des Bahnhofs kollidiert.

Auch andere bewegliche „Einheiten“ aller Art können kollidieren:

Die Titanic kollidierte mit einem Eisberg.
Das Hubble-Weltraumteleskop fotografierte kollidierende Galaxien.
Das Mädchen rannte um den Tisch und kollidierte mit dem kleinen Bruder.

Dann gibt es natürlich auch noch – im übertragenen Sinne – kollidierende Meinungen, Interessen, Anliegen, Lösungsmodelle usw.

Man hört und liest aber auch öfters, dass Autos mit Mauern und Schiffe mit Schleusentoren kollidieren. Das ist nach der eigentlichen Bedeutung von kollidieren zumindest zweifelhaft. Es ist so richtig oder falsch, wie wenn ein Auto mit einer Mauer zusammenprallt. Man versteht es, aber stilistisch ist es doch viel besser, zu sagen, dass ein Auto auf eine Mauer prallt oder dass ein Schiff gegen ein Schleusentor prallt.

Stilistisch einwandfrei kann allerdings die Aussage eines übermäßig Beschwipsten sein, wenn er sagt, dass er auf dem Gehsteig mit einem Laternenpfahl kollidiert sei. Der Laternenpfahl musste wohl beweglich sein, denn sonst hätte er ihm ja ausweichen können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn der Bus im anhaltenden Regen anhält

Vielleicht weil es gerade aufgehört hat zu regnen, kommt mir etwas Kurioses in den Sinn, das mir letzthin aufgefallen ist: Es ist nicht das Gleiche, ob ein Bus anhält oder der Regen anhält. Das eine Anhalten ist sogar ziemlich genau das Gegenteil des anderen! Wenn ein Bus anhält, dann stoppt er. Wenn der Regen anhält, dann stoppt er eben gerade nicht. Wer soll das noch verstehen? Das muss ja zu grauenvollsten Missverständnissen führen!

Das Schöne an der Sprache ist, dass es in der Regel nicht zu solchen Missverständnissen kommt. Zum Ersten bietet der Satzzusammenhang in solchen Fällen meistens genügend Informationen, um ein mehrdeutiges Wort eindeutig zu verstehen. Natürlich gibt es Fälle wie Du solltest die Absperrung umfahren (darum herum oder voll drüber?), aber sie kommen nur selten vor und lassen sich einfach vermeiden.

Im Fall von anhalten kommt als Zweites hinzu, dass dieses Verb nur in Verbindung mit einer bestimmten Art von Wörtern stoppen bedeutet und nur mit einer bestimmten anderen Art von Wörtern fortdauern. Nur wenn Menschen und von Menschen gesteuerte oder bediente konkreten Sachen wie Fahrzeuge, Maschinen und Ähnliches anhalten, bedeutet das Verb stoppen. Bei Abstrakterem oder nicht unter unserer Kontrolle Stehendem wie zum Beispiel guter Laune, Applaus, Kritik, Kopfschmerzen, Nervosität, Trockenheit, Herzenskälte oder eben Regen bedeutet es fortdauern.

Diese beiden Gruppen verdienten natürliche eine genauere Umschreibung. Die Beispiele sollen nur zeigen, weshalb es hier praktisch nie zu Missverständnissen kommt. Ich habe in meiner Laufbahn als Sprachler“ und meiner noch längeren Laufbahn als Deutschsprechender dann auch erst vor kurzem bemerkt, dass dieses Verb zwei so unterschiedliche Bedeutungen hat. Eigentlich fällt es einem erst bei ungewöhnlichen (und im letzten Fall nicht korrekten) Konstruktionen wie den folgenden auf:

Der Bus hält im anhaltenden Regen an.
Der Automobilist hielt an, weil seine Kopfschmerzen anhielten.
Die Kritik an seinem Fahrstil hielt an, er aber nicht.

Und dann haben wir noch nicht davon geredet, dass man jemanden zur Arbeit anhalten und um jemandes Hand anhalten kann …

Jein!

Frage

Gibt es bereits ein Wort das weder Ja noch Nein beschreibt. Wie wäre es mit Jain oder Jein?

Antwort

Ein solches Wort gibt es. Es ist sogar ein ziemlich bekanntes und vielverwendetes Wort: jein.

Seine Bedeutung ist meistens ja, aber; nein, außer; einerseits ja, andererseits nein. Es verlangt normalerweise eine sowohl die Jaseite als auch die Neinseite erläuternde Ergänzung. Als allein stehende Antwort kann jein eigentlich nur scherzhaft oder abwertend gemeint sein:

Auf die Frage, ob sie bereit sei, antwortete sie mit einem eindeutigen Jein.
Im Brustton der Überzeugung antwortet er: „Jein!“
Klare Antworten erhält man von ihm nie, er sagt immer nur jein.

Falls Sie an der Groß- und Kleinschreibung interessiert sind: Es gelten die gleichen Regeln wir für ja und nein.

Ein Wort wie jein wird Kofferwort (engl. portmanteau) genannt. Der Ausdruck stammt aus dem 6. Kapitel von Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln:

“That’s enough to begin with,? Humpty Dumpty interrupted: “there are plenty of hard words there. ‚Brillig‘ means four o’clock in the afternoon – the time when you begin broiling things for dinner.?

“That’ll do very well?, said Alice, “and ’slithy‘??

“Well, ’slithy‘ means ‚lithe and slimy‘. ‚Lithe‘ is the same as ‚active‘. You see it’s like a portmanteau – there are two meanings packed up into one word.?

„Das ist erst mal genug“, unterbrach Hampti Dampti, „da sind ja schon eine ganze Menge schwerer Wörter. ,Brollig‘ bedeutet vier Uhr nachmittags – die Zeit also, zu der man mit dem Brodeln von Sachen für das Abendessen beginnt.“

„Das passt sehr gut“, freute sich Alice, „Und ,schleimdig‘?“

„Nun, ,schleimdig‘ bedeutet ,schleimig‘ und ,geschmeidig‘. Siehst du, das ist wie bei einem Koffer – du packst zwei Bedeutungen in ein Wort.“

(Übersetzung von Dieter H. Stündel)

Andere Kofferwörter sind zum Beispiel:

Demokratur (Demokratie + Diktatur)
Eurasien (Europa + Asien)
Teuro (teuer + Euro)
Transistor (engl. transfer + resistor)
verschlimmbessern (verschlimmern + verbessern)
Nescafé (Nestlé + Café)
Osram (Osmium + Wolfram)

Und auf gut Denglisch (Deutsch + Englisch):

Brunch (breakfast + lunch)
Infotainment (Information + Entertainment)
Podcasting (iPod + broadcasting)

Natürlich gibt es in der Sprachwissenschaft noch ein paar andere Ausdrücke für die gleiche oder ähnliche Erscheinungen: Neben den leicht verständlichen Ausdrücken wie Wortkreuzung, Wortmischung und Wortverschmelzung gibt es Begriffe wie Kontamination und Amalgamierung. Der erste klingt nach Verunreinigung und der zweite – zumindest für die Älteren unter uns – nach Zahnfüllungen. Kontaminierung geht auf das lateinische contaminare zurück, das tatsächlich durch Berührung, Verschmelzung, Vermengung verderben bedeutete. Deshalb wurden und werden manchmal nur fehlerhafte Vermengungen von Wörtern und Ausdrücken als Kontaminationen bezeichnet (zum Beispiel unzweifellos oder Auch ein blindes Huhn legt einmal ein Ei). Ein Amalgam ist in erster Linie eine Legierung mit Quecksilber. Amalgame wurden für Zahnfüllungen verwendet, sind aber in dieser Verwendung mittlerweile sehr umstritten. Im übertragenen Sinne wird das Wort auch mit der Bedeutung Mischung verwendet. Und über diesen letzten Schritt versteht man den Begriff Amalgamierung für Wörter wie jein wahrscheinlich etwas besser.

Die Sprachwissenschaft wäre nicht die Sprachwissenschaft, wenn sich alle über die genaue Definition der genannten Begriffe einig wären. Wenn Sie mich also fragen, ob alle obengenannten Wörter eindeutig Kofferwörter sind, müsste ich mit einem klaren Jein antworten.

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Die heutige Frage ist eigentlich ein Kommentar zu einem anderen Beitrag, der aber schon etwas weiter zurücklieg. Ich wollte deshalb nicht dort, sondern etwas prominenter an dieser Stelle darauf reagieren.

Pauschale, pauschalieren und pauschalisieren

Frage

Gibt es einen Unterschied zwischen pauschalieren (meiner Meinung nach: zusammenfassen) und pauschalisieren (meiner Meinung nach: verallgemeinern)? Ich finde diesen – falls es ihn gibt – leider nirgends belegt.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die Bedeutungen von pauschalieren und pauschalisieren unterscheiden sich voneinander, und zwar genau so, wie Sie es beschreiben. Auch gemäß Wörterbüchern wie Duden und Wahrig haben die beiden Verben die folgenden Bedeutungen:

pauschalieren: zu einer Pauschale zusammenfassen
pauschalisieren: stark verallgemeinern

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag zum Ursprung von Pauschale
Die beiden Verben sind von Pauschale abgeleitet. Das ist wieder einmal so ein Wort, das meine Neugierde kitzelt. Es hat auf den ersten Blick mit keinem anderen Wort zu tun. So etwas bringt mich immer wieder auf die Idee, ein Wort komme von weit her. Es tönt irgendwie russisch oder vielleicht auch ungarisch: Gulasch hat ja auch ein sch und die entfernt ähnlich klingende Puszta ist in ihrer Größe zwar nicht alles, aber immerhin viel umfassend. (Die Kenner des Ungarischen mögen mir diese allzu freien Assoziationen verzeihen.) Wie bei der Dusche, von der ich dachte, dass sie aus exotischen Gefilden komme, täusche ich mich aber sehr. Während die Dusche wenigstens noch aus dem Italienischen stammt, ist die Pauschale fast gänzlich deutschen Ursprungs.

Pauschale ist eine latinisierende Bildung zu Pauschsumme (Gesamtsumme). Latinisiert, das heißt auf Lateinisch getrimmt wurde früher des Öfteren. Das klang gewichtiger. Es ist wohl ein bisschen damit zu vergleichen, wie man heute vieles anglisiert, um up to date zu erscheinen. Das Substantiv Pauschale entstand in der österreichischen Amtssprache und wird seit dem 19. Jahrhundert im kaufmännischem Bereich verwendet.

Pausch ist eine Nebenform von Bausch, das wir heute zum Beispiel in aufbauschen und Wattebausch verwenden. Das Wort gab es schon im Mittelhochdeutschen, wo es Wulst, Bausch bedeutete, aber zu meinem Erstaunen anscheinend auch Schlag mit einer Keule. Gemäß Duden soll es über das Althochdeutsche sogar mit Beule verwandt sein. Und hier trifft sich die sehr alte mögliche Bedeutung mit einer viel neueren: Wenn man pauschalisiert, geht man ja irgendwie mit der Finesse eines Keulenschlags vor. Doch diese letzte Interpretation – so schön abrundend sie auch klingen mag – hat leider nur wenig mit seriöser Wortforschung zu tun.

nicht müssen und nicht brauchen

Frage

Seit langem versuche ich die Frage zu klären, ob verneintes müssen und verneintes brauchen völlig gleichbedeutend sind und gleich gebraucht werden. Auf der entsprechenden Webseite von Canoonet und in vielen Grammatiken steht, dass verneintes müssen mit der Bedeutung Notwendigkeit häufig durch nicht brauchen ersetzt wird. In der Grammatik der deutschen Sprache von D. Schulz und H. Griesbach kann man aber lesen, dass auf die unterschiedliche Wirkungsweise der Negation zu achten ist:

Inge muss ihrer Mutter nicht helfen.
(= Es besteht für sie kein Zwang, es ist ihrer freien Entscheidung überlassen.)

Inge braucht ihrer Mutter nicht zu helfen.
(= Diese Forderung ist nicht an sie gestellt worden.)

Besteht also im modernen Deutsch ein Unterschied zwischen verneintem müssen und verneintem brauchen?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

im Allgemeinen werden nicht brauchen und nicht müssen als Synonyme behandeltn (vgl. unsere Grammatik). Es gibt allerdings – wie die von Ihnen zitierte Grammatik es auch angibt – einen leichten Bedeutungsunterschied:

Du musst nicht kommen (= es besteht kein Zwang)
Du brauchst nicht zu kommen (= es ist nicht notwendig)

Dieser feine Bedeutungsunterschied ist aber lange nicht immer ersichtlich. So haben die folgenden Beispielpaare eigentlich die gleiche Bedeutung:

Du musst deswegen doch nicht weinen.
Du brauchst deswegen doch nicht zu weinen.

Ich muss morgen nicht arbeiten, weil ich frei habe.
Ich brauche morgen nicht zu arbeiten, weil ich frei habe.

Das Problem ist gelöst, du musst also nicht mehr kommen.
Das Problem ist gelöst, du brauchst also nicht mehr zu kommen.

Niemand hat es dir befohlen, du musst es also nicht tun.
Niemand hat es dir befohlen, du brauchst es also nicht zu tun.

Es liegt deshalb im täglichen Spachgebrauch oft eher an einer stilistischen Entscheidung als an der Bedeutung, dass im konkreten Fall die eine Ausdrucksweise der anderen vorgezogen wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die häufigste Meise

Frage

Es geht um das Wort häufig und darum, ob dieser Satz korrekt ist:

Die Kohlmeiste ist Europas häufigste Meise.

Vom Sprachgefühl her kommt mir der Gebrauch von häufig hier komisch vor. Auf Ihrer Seite wird häufig als ein Adjektiv bezeichnet, das zur Klasse unflektiert und attributiv gehört. Wird häufig aber im heutigen Sprachgebrauch nicht viel häufiger adverbial benutzt? Und wäre im oben genannten Fall nicht auch die adverbiale Version besser:

Die Kohlmeise ist die am häufigsten vorkommende Meisenart Europas.

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

Die Kohlmeiste ist Europas häufigste Meise.

Dieser Satz ist korrekt, obwohl er auch nach meinem Sprachgefühl irgendwie „klemmt“. Nach den Angaben der Wörterbücher bedeutet häufig:

in großer Zahl vorkommend / sich wiederholt ereignend (Duden)
oft vorkommend / sich oft wiederholend (Wahrig)
oft vorkommend / wiederholt (DWDS)

In der jeweils ersten Bedeutung oft vorkommend kann häufig in Ihrem Beispielsatz stehen. Wenn man hinzunimmt, dass die Höchststufe von oft normalerweise am häufigsten ist, dann kann man sagen, dass die häufigste und die am häufigsten vorkommende das Gleiche bedeuten:

häufig = oft vorkommend,
häufiger = öfter vorkommend
die häufigste = die am häufigsten vorkommende

Mein Gefühl sagt mir aber wie das Ihre Ihnen, dass die am häufigsten vorkommende doch besser ist. Das hat bei mir damit zu tun, dass ich bei häufig immer auch die zweite Bedeutung wiederholt, sich wiederholend heraushöre: zum Beispiel in häufige Besucher, häufiges Händewaschen, ein häufiger Fehler, die häufigste Ursache usw. Und dies ist bei häufigste Meise nicht der Fall. Deshalb klingt der Satz für mich wie folgt besser:

Die Kohlmeise ist Europas am häufigsten vorkommende Meise.

Wie aber die Definitionen in den Wörterbüchern und ein paar Tests mit der Suchmaschine Google zeigen, darf häufig auch in der ersten Bedeutung oft vorkommend benutzt werden, so dass – wie am Anfang schon gesagt – auch Europas häufigste Meise korrekt ist.

Zu der Angabe in unserem Wörterbuch: Dort steht tatsächlich, dass das Adjektiv häufig unflektiert und attributiv verwendet wird. Wenn sie dem entsprechenden Link folgen, dann sehen Sie, dass unflektiert für sowohl den prädikativen (Die Meise ist häufig) als auch den adverbialen Gebrauch (Die Meise kommt häufig vor) steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp