Von Brücken, Tunneln, Unter- und Überführungen

Frage

Für die Kreuzung nicht niveaugleicher Verkehrswege oder von Verkehrswegen mit Hindernissen (Täler, Berge) finden sich in der deutschen Sprache die Begriffe Brücke, Tunnel, Unterführung, Überführung und vielleicht weitere.

Was ist nun was?

Eine Brücke führt über etwas hinweg, ein Tunnel unter oder durch etwas hindurch. Aber wird eine Brücke zum Tunnel, wenn man unter ihr hindurch geht? Und was ist eine Unterführung/Überführung?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

verschiedene Wörter haben sehr oft nicht genau voneinander abgegrenzte Bedeutungen. Dies ist auch hier der Fall.

  • Eine Brücke führt einen Verkehrsweg über Wasser, eine Tiefe, einen anderen Verkehrsweg u. Ä. hinweg.
  • Ein Tunnel ist ein langer, unterirdisch angelegter Verkehrsweg oder Gang.
  • Eine Überführung führt einen Verkehrsweg über einen anderen Verkehrsweg hinweg.
  • Eine Unterführung führt einen Verkehrsweg unter einem anderen Verkehrsweg hindurch.

Daraus kann man schließen:

  • Eine Überführung ist in der Regel eine Brücke, aber längst nicht jede Brücke ist eine Überführung.
  • Eine Unterführung kann ein Tunnel sein. Nicht jede Unterführung ist ein Tunnel und längst nicht jeder Tunnel ist eine Unterführung.

Und zum Beispiel auch:

  • Der Weg unter einer Brücke hindurch ist kein Tunnel. Dafür ist der Durchgang in der Regel einfach nicht lang, schmal und unterirdisch genug.

Die Begriffe Brücke, Tunnel, Unterführung und Überführung bezeichnen also unterschiedliche Konzepte, die sich teilweise überschneiden.

Das Interessante daran finde ich, dass man diese Wörter im Alltagsleben problemlos benutzt. Erst wenn man genaue, deutlich gegeneinander abgegrenzte Definitionen geben möchte, kommt man ein bisschen ins Schleudern. Die obenstehenden Definitionen decken nämlich längst nicht alle Fälle ab: Eine Autobahnbrücke, die in 136 Meter Höhe das Moseltal überspannt, ist keine echte Überführung, auch wenn sie über zwei Straßen, eine Eisenbahnlinie und einen als Verkehrsweg genutzten Fluss führt. Genauso wenig werden die beiden Straßen und die Eisenbahnlinie, die durch das Moseltal führen, an dieser Stelle Unterführungen genannt. Warum nicht? Eine andere zu klärende Frage ist zum Beispiel: Wie lange (und schmal?) muss eine Fußgängerunterführung sein, damit man sie einen Fußgängertunnel nennt? Oder muss sie einfach unterirdisch sein?

Die Definitionen müssten also verfeinert werden, damit sie auch diese und weitere Fälle abdecken. Für den normalen Sprachgebrauch ist das aber gar nicht notwendig. Wir sind, auch ohne bewusst eine genaue Definition zu kennen, in der Lage, die Wörter Brücke, Tunnel, Überführung und Unterführung richtig zu benutzen. Selbst die Tatsache, dass es zum Beispiel Brücken gibt, die einige eine Überführung nennen und andere nicht, führt in der Regel zu keinen größeren Verständigungsschwierigkeiten. Das ist, wenn man darüber nachdenkt, eines der Wunder der Sprache.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie viel ist ein Riese wert?

Frage

Bisher kannte ich das Wort „Riese“ nur in der Bedeutung „1 000 Euro“. Doch der Duden definiert es als die „höchste Banknote (einer bestimmten Währung)“. Ebenso übersetzt das italienisch-deutsche PONS-Wörterbuch das Wort „testone“ ungefähr mit „Riese“ und schreibt dies in Klammern mit „500 Euro“ um.

Meine Frage ist: Wie kommt es zu der Bedeutung „1 000 Euro“? Weil 1 000 einfach eine riesige Zahl ist oder weil die frühere Bedeutung „1 000 Deutsche Mark“ falsch in die heutige übertragen wurde?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

hier zeigt sich, wie ungenaue Wörterbuchdefinitionen zu einer „Regel“ mutieren können, die nicht stimmt. Riese war die Bezeichnung für die höchste Banknote (1 000 DM). Heute meint man – wie auch Sie sagen – mit einem Riesen 1 000 Euro, auch wenn der 500-Euro-Schein die höchste Eurobanknote ist.

In den deutschsprachigen Versionen amerikanischer und englischer Bücher und Filme wurde und wird das Slangwort grand (= 1 000 Dollar resp. 1 000 Pfund) mit Riese übersetzt. Wenn die Kidnapper im Original ein Lösegeld von fifty grand verlangen, fordern die Entführer in der Übersetzung oft fünfzig Riesen für die Freilassung der Geisel. Die höchste jemals gedruckte Dollarbanknote war aber 100 000 Dollar [!] wert und seit 1946 ist der 100-Dollar-Schein die höchste neu gedruckte Dollarnote. Beim britischen Pfund ist die 50-Pfund-Note seit dem Zweiten Weltkrieg die höchste Banknote.

Ein Riese bezeichnet also nicht die höchste Banknote einer bestimmten Währung, sondern 1 000 Einheiten gewisser Währungen. Die Dudendefinition, die Sie zitieren, ist in diesem Sinne nicht (mehr) korrekt. „Falsch“ ist also nicht die Verwendung von Riese für 1 000 Euro, sondern die Wörterbuchdefinition. Manchmal schießen Wörterbuchartikel beim Spagat zwischen einer möglichst prägnanten und einer möglichst umfassenden Beschreibung daneben.

Beim italienischen Wort testone gilt, dass mit un testone früher eine Million Lire gemeint war. Das entspricht ungefähr 500 Euro. Soweit ich verstanden habe, herrscht in Italien (noch) keine Einigkeit darüber, ob ein testone nun einer Million Euro, tausend Euro oder fünfhundert Euro (d. h, dem Gegenwert von einer Million Lire) entsprechen soll. Mit der Verwendung des deutschen Wortes Riese hat dies also nur wenig zu tun.

Die Bezeichnung Riese für 1 000 Euro lässt sich sowohl auf den „riesigen“ Betrag als auch auf die frühere Bedeutung 1 000 Mark zurückführen. Wer drei Riesen verdiente, erhielt am Ende des Monats 3 000 Mark. Wer heute drei Riesen verdient, darf ein Salär von 3 000 Euro erwarten – nicht etwa nur 1 500 Euro.

Größere Verständigungsschwierigkeiten sind in keinem Fall  zu erwarten. Bei Lohngesprächen und anderen seriöseren Verhandlungen, in denen es um größere Geldbeträge geht, bedient man sich wohl kaum je des umgangssprachlichen Ausdrucks Riese. Man sagt und schreibt in solchen Situationen tausend Euro, wenn man tausend Euro meint. In den Milieus, in denen man auch bei wichtigen Geschäften mit Riesen rechnet, weiß man auch ganz ohne Duden und Dr. Bopp sehr gut, was gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wem gehört das Brautgeschenk?

Frage

Ist ein Brautgeschenk
– das Geschenk des Bräutigams für die Braut,
– das Geschenk der Braut für den Bräutigam,
– das Geschenk von XY für die Braut
oder hat dieses Wort gar mehrere Bedeutungen?

Antwort

Sehr geehrte Frau U.,

ein Brautgeschenk ist eigentlich das Geschenk des Bräutigams für die Braut (mit dem Ziel, ihre Liebe zu gewinnen!). So wird das Wort auch in der Tierwelt unter anderem bei balzenden Vögeln verwendet: Das Männchen bringt Kerne, Zweiglein, Mücken, einen Fisch oder je nach der echten oder vermeintlichen Vorliebe seiner Angebeteten etwas ganz anderes als Brautgeschenk für das Weibchen mit. Auch im übertragenen Sinne wird Brautgeschenk manchmal in dieser Weise verwendet: „Als Brautgeschenk versprach die Baugesellschaft dem Dorf eine neue Schule.“ Man muss dabei an ein kleines, armes Dorf, eine mächtige, reiche Baugesellschaft und ein großes, lukratives Bauvorhaben denken …

Mit Brautgeschenk ist aber manchmal auch allgemein ein Geschenk von irgendjemandem für die Braut oder sogar ein Geschenk für das Brautpaar gemeint. Diese Verwendung des Wortes entspricht zwar nicht der „eigentlichen“ Bedeutung, ist aber nach der Wortstruktur begreiflich. Wenn Braut und Geschenk in einer Zusammensetzung vorkommen, heißt das nur, dass die Zusammensetzung:

– aller Wahrscheinlichkeit nach ein Geschenk ist und
– etwas mit einer Braut zu tun hat.

Welcher Zusammenhang genau besteht, bestimmt nur der Gebrauch, nicht die Struktur des Wortes. Deshalb kommen neben der eigentlichen Bedeutung dieser Zusammensetzung noch andere Verwendungen vor. Wenn Sie eine Braut sind, können Sie aber beruhigt sein: Die Bedeutung Geschenk der Braut für den Bräutigam habe ich nirgendwo gefunden. Ob ein Braugeschenk nun vom Bräutigam kommt, von jemand anderem oder sogar für das Brautpaar bestimmt ist, mindestens die Hälfte gehört immer Ihnen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum das 25-jährige Jubiläum nicht so alt ist

Frage

Bei uns wird wieder eine Frage heiß diskutiert. Es wird hier gesagt: „Zum 25-jährigen Jubiläum kann man nicht gratulieren, da -jährig immer eine Dauer bezeichnet.“ Klingt logisch. Kann ich aber stattdessen zum 25-jährigen Bestehen gratulieren?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

wenn man es ganz genau nimmt, kann man tatsächlich nicht zum 25-jährigen Jubiläum gratulieren. Damit wird eigentlich gesagt, dass das Jubiläum fünfundzwanzig Jahre alt wird oder fünfundzwanzig Jahre dauert.

Aber:

Die Ausdrucksweise x-jähriges Jubiläum ist auch standardsprachlich so allgemein üblich und eingebürgert, dass man sie nicht als falsch bezeichnen kann. Man könnte dagegenhalten, dass etwas nicht richtig wird, „nur“ weil alle es falsch machen. In der Sprache gilt aber, dass etwas richtig ist, wenn alle es so machen. Wörter wie zehnjährig, fünfundzwanzigjährig usw. haben also nicht zwei, sondern drei Bedeutungen:

  • x Jahre alt (ein zehnjähriges Kind, ein tausendjähriger Baum)
  • x Jahre dauernd (das zehnjährige Bestehen, der Dreißigjährige Krieg)

und in Verbindung mit Jubiläum:

  • anlässlich des x-ten Jahrestages (das zehnjährige Jubiläum)

Es ist  deshalb nicht falsch, zum 25-jährigen Jubiläum zu gratulieren, auch wenn die Jubiläum nur einen Tag und nicht etwa fünfundzwanzig Jahre dauert. Es gibt aber immer Leute, die diese Sichtweise nicht als richtig akzeptieren. Wenn Sie also ganz sicher sein wollen, dass niemand Ihnen einen Fehler vorwirft, sagen Sie, dass Sie zum 25-jährigen Bestehen oder zum Jubiläum des 25-jährigen Bestehens gratulieren.

Etwas Vergleichbares habe ich in einem älteren Blogeintrag für das Wort Geburtstag beschrieben: Wenn man fünfundzwanzig Jahre alt wird, feiert man eigentlich seinen sechsundzwanzigsten Geburtstag. Es gibt zumindest Leute, die das behaupten. Das ist aber nicht richtig, weil Geburtstag im allgemeinen Sprachgebrauch nicht eine, sondern zwei Bedeutungen hat: Tag der Geburt (selten) und Jahrestag der Geburt. Wenn man fünfundzwanzig wird, feiert man also seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag und meint damit immer die zweite Bedeutung des Wortes.

Im Gegensatz zu mathematischen Begriffen, haben Sprachbegriffe sehr oft mehr als eine Bedeutung. Und diese Bedeutungen können sich im Laufe der Zeit auch noch verändern …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zweckentfremdete Ökosysteme

Frage

Im Zusammenhang mit Mobiltelefonen lese ich in der letzten Zeit öfter von sogenannten „Ökosystemen“. Damit sind (laut Medien) die Betriebssysteme gemeint, welche von den verschiedenen Herstellern auf den Geräten zum Einsatz kommen können.

Nun wundere ich mich hierbei doch etwas über das verwendete Wort „Ökosystem“, das für mich bislang eher im Zusammenhang mit Umwelt(schutz) stand. Als Servicemitarbeiter sind mir zweckentfremdete Wörter im IT-Bereich nicht unbekannt, aber kann man unterschiedliche Software-Plattformen wirklich als Ökosysteme bezeichnen?

Antwort

Guten Tag F.,

der Begriff Ökosystem wird bei Ericsson, Nokia, Sony, Samsung, Blackberry, Macintosh usw. im übertragenen Sinne verwendet. Dabei geht es tatsächlich nicht mehr um einen natürlichen Lebensraum wie einen Teich mit Fischen, Fröschen, Libellen, Mücken, Schilf, Seerosen, Wasserpflanzen, Algen, Bakterien, Bodenqualität, Klima und was sonst noch alles für dessen Funktionieren wichtig ist. Es geht im „Idealfall“ um das Zusammenspiel von Apparaten, Software, Schnittstellen, Inhalten, Services, Shops, Websites und Zubehör, die so aufeinander abgestimmt sein sollen, dass möglichst alle digitalen Bedürfnisse eines Menschen oder einer Menschengruppe abgedeckt sind. Eines der bekanntesten Beispiele sind wohl iPhone, iPod und iPad mit allem Drum und Dran (u. a. Apps) von Apple. Eine Firma verkauft nicht mehr nur einen Apparat oder ein einzelnes Betriebssystem, sondern den ganzen dazugehörenden „Lebens- und Bewegungsraum“.

Man kann diese Verwendung von Ökosystem als „Zweckentfremdung“ eines Wortes sehen. Die bildliche Verwendung von Begriffen ist aber einer der wichtigen Mechanismen bei der Benennung von Neuem. Bekannte Beispiele für den übertragenen Gebrauch von bestehenden Wörtern sind in diesem Bereich Netz und Web (Gewebe, Spinnennetz). Ob sich neue Verwendungen von bestehenden Wörtern durchsetzen oder ob sie eher Eintagsfliegen bleiben, kann nur die Zeit zeigen. (Vgl. auch diesen Beitrag.)

Ihre Frage bringt mich auf die Idee, dass man Canoonet mit alle seinen Informationen zu Wörtern und Grammatik und den Verweisungen auf ergänzende Informationen in externen Wörterbüchern auch eine Art Ökosystem nennen könnte: ein lexikales Ökosystem, ein Wörter-Ökosystem oder gar ein Vocabulary Information Ecosystem (VIES). Da allerdings die Abkürzung VIES bestimmt schon irgendwie besetzt ist und vies außerdem niederländisch für schmutzig, dreckig ist (das deutsche Wort fies kommt daher), bin ich doch dafür, dass wir einfach bei der Bezeichnung „Deutsche Wörterbücher und Grammatik“ bleiben. Man muss ja nicht jede Mode mitmachen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reben anbauen und Rebberge bebauen

Frage

Heißt es einen Rebberg bebauen oder anbauen (gemeint ist: auf einem alten Rebberg wieder neue Reben setzen)?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

Ihre Frage hat mit einem dieser kleinen Unterschiede in der Sprache zu tun, die man nicht immer auf Anhieb erklären kann. Ich musste zuerst einmal gründlich nachdenken, bevor ich Ihnen antworten konnte.

Beginnen wir mit dem Unterschied zwischen anbauen und bebauen im Zusammenhang mit Pflanzen: Man bebaut das Land und man baut Pflanzen an. Die gleiche Unterscheidung gilt übrigens auf für bepflanzen und anpflanzen: Bei bepflanzen ist das Objekt der Handlung das Gelände, das mit Pflanzen versehen wird. Bei anpflanzen ist das Objekt die Pflanze, die an einer bestimmten Stelle gepflanzt wird.

Auf Ihr Beispiel bezogen heißt es also:

einen Rebberg [mit Reben] bebauen
Reben [auf einem Rebberg] anbauen

Das beantwortet Ihre Frage noch nicht ganz, denn keine der beiden Formulierungen will so recht zu dem passen, was Sie eigentlich meinen. Es fehlen noch wieder und neu:

einen alten Rebberg wieder bebauen
auf einem ehemaligen Rebberg wieder neue Reben anbauen

Das klingt schon besser. Aber vielleicht könnten Sie auch einfach sagen, dass ein ehemaliger Rebberg wieder neu angelegt werden soll. Das trifft die Sache auch ziemlich genau.

Da ich einem guten Glas Wein nicht abgeneigt bin, finde ich die Wahl zwischen anbauen, bebauen und anlegen letztlich viel weniger wichtig als die Wahl der richtigen Reben für Boden, Lage und Klima. Doch darüber wissen Önologen natürlich viel besser Bescheid als ein „Sprachdoktor“, der sich heute Abend sehr wahrscheinlich ein Gläschen Rebensaft gönnen wird. Ich hoffe aber, dass ich Ihnen wenigstens bei Ihrer Sprachfrage weiterhelfen konnte.

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Offenes Kaminfeuer und Feuer im offenen Kamin

Frage

Ist der Begriff „offenes Kaminfeuer“ korrekt? Im Grunde ist es doch ein Feuer in einem offenen Kamin. Gibt es ein offenes Feuer?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

gegen die Formulierung offenes Kaminfeuer ist nichts einzuwenden. Ein offenes Feuer ist ein Feuer, das nicht von allen Seiten umschlossen, nicht verdeckt und in diesem Sinne frei zugänglich ist. Man kann ein weiteres Holzscheit, kompromittierenden Unterlagen, Fotos untreuer Exgeliebter, die Wurst, die man nicht mag, oder was immer man sonst verbrennen möchte, einfach in die Flammen werfen. Bei kleinen Kindern und offenem Feuer sollte man vorsichtig sein, damit sie weder sich selbst noch Teile der Einrichtung, von denen man sich noch nicht trennen möchte, ein Opfer der Flammen werden lassen. Umgekehrt können bei einem offenen Feuer Funken unkontrolliert die Feuerstelle verlassen. Unter anderem deshalb ist in trockenen Sommern offenes Feuer im Wald nicht gestattet, und auch bei Tankstellen sollte man Rauchen und offenes Feuer vermeiden.

Es gibt übrigens auch offenes Licht:

Die Bedeutung dieses Schildes wird im Allgemeinen wie folgt umschrieben: „Feuer, offenes Licht und Rauchen verboten“. Damit ist Licht von Kerzen, Petroleum, Benzin, Karbid usw. gemeint. Ausgenommen sind luftdicht verschlossene Brennelemente wie Glüh- oder Bergwerkslampen.

Offen bedeutet nicht nur nicht geschlossen (Türen, Geschäfte, Hemdkragen, Kamine usw.) sondern auch unverdeckt, frei zugänglich (z. B. Gelände, Wunden, Licht, Feuer). Wenn an kalten Winterabenden je nach romantischer Veranlagung und Geldbeutel in einer bescheidenen Skihütte oder einem großen Landhaus ein Feuer im Kamin angezündet wird, kann man dieses also ein Feuer in einem offenen Kamin, ein offenes Feuer in einem Kamin oder eben ein offenes Kaminfeuer nennen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nicht alles was liegt, ist gelegt worden

Frage

Wir rätseln gerade, was genau eigentlich der Unterschied zwischen „werfen“ und „legen“ ist. Ich gehe davon aus, dass bei einem Wurf das geworfene Objekt beide Hände verlässt, beim Legen jedoch nicht. Mein Freund dagegen meint, man könne ein Objekt auch durch einen Wurf hinlegen, es käme also nur auf den Zustand an, den das Objekt am Schluss hat.

Anwort

Guten Tag S.,

wenn man etwas legt, bringt man es an eine bestimmten Stelle und hinterlässt es dort in liegender Lage. Dabei ist man mit dem Gelegten in Kontakt, bis es sich an dieser Stelle befindet. Wenn man ein Buch auf den Tisch legt, lässt man es erst los, wenn es dort liegt. Die letzte „Bedingung“ ist bei werfen nicht erfüllt. Wenn ein schmollender Sohn oder eine trotzige Tochter auf die Bitte, ein Buch auf den Tisch zu legen, dieses auf den Tisch wirft, liegt es danach zwar auf dem Tisch, aber ein elterlicher Kommentar könnte dann zu Recht lauten: „Ich habe ‚legen‘ gesagt, nicht ,werfen‘!“ Ob der Kommentar dem Hausfrieden zuträglich wäre, wage ich zu bezweifeln, doch was die Wortbedeutung betrifft, wäre er zutreffend. Legen und Werfen können zum gleichen Resultat führen (etwas liegt), aber man kann etwas nicht legen, indem man es wirft.

Wenn man etwas wirft, schleudert man es mit einer Hand- und Armbewegung mehr oder weniger kräftig irgendwohin. Das Loslassen des Geworfenen unterscheidet dabei, wie gesagt, das Werfen vom Legen. Aber nicht nur das: Über die Lage des Geworfenen am Ende der Bewegung sagt das Verb werfen im Gegensatz zu legen nichts aus. Wenn man ein Buch auf den Tisch wirft, fliegt es durch die Luft und landet auf dem Tisch. Nur das Wissen über Bücher und Tische lässt einen dann annehmen, dass es danach wahrscheinlich auf dem Tisch liegt und nicht steht. Durch Zufall oder eine hervorragende Wurftechnik könnte ein dickeres Buch danach auch auf dem Tisch stehen.

Was man legt, liegt danach. Doch nicht alles, was liegt, ist gelegt worden. Es kann zum Beispiel auch gefallen sein, auf den Boden gesunken sein, herbeigeschwebt sein, geworfen worden sein oder sich ganz einfach materialisiert haben – Letzteres allerdings meist nur in Kontexten wie Star Trek oder Harry Potter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Professionals, Fachleute und Professionelle

Frage

In erziehungswissenschaftlichen Debatten, egal ob schriftlich in Veröffentlichungen oder mündlich in Vorträgen, hat sich der Begriff „Professionelle“ etabliert, um die Arbeit und die Entwicklung von ausgebildeten Pädagogen zu beschreiben. Niemand scheint an die eigentliche Bedeutung dieses Begriffs, einer Prostituierten, erinnert zu werden, so mein Eindruck.

Nun suche ich schon lange ein Wort, dass den „professional“ im Deutschen bezeichnet und nicht so doppeldeutig wie „Professionelle“ ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

wenn Sie Professionelle und den Anglizismus Professional vermeiden möchten, wäre das Wort Fachleute (m. Fachmann, w. Fachfrau) ein guter Ersatzkandidat. Auch das vor allem in der Schweiz verwendete Wort Berufsleute könnte man verwenden. Ich befürchte aber, dass man Ihnen entgegenhalten wird, dass Fachleute nicht das Gleiche ausdrücke wie Professionelle. Ob dies zu Recht oder zu Unrecht behauptet wird, sei hier dahingestellt. Da sich der Begriff Professionelle, wie Sie sagen, bereits etabliert hat, ist es wahrscheinlich am besten, ihn als gegeben zu akzeptieren. Es ist nämlich sehr schwierig, Begriffe wieder zu ändern, wenn sie einmal eingebürgert sind.

Die Bedeutung Prostituierte hat Professionelle nur in bestimmten Zusammenhängen, so dass es in der Regel zu keinerlei Verwechslungen kommen dürfte. Eventuellen „Witzen“ auf pubertärem Niveau sollte in einem professionellen Umfeld ein sehr kurzes Leben beschieden sein. Sie sind im Übrigen auch bei zum Beispiel Fachfrau nicht völlig auszuschließen. Mich persönlich würde diese Nebenbedeutung nicht stören. So nenne ich zum Beispiel die Einwohnerinnen und Einwohner der französischen Hauptstadt ohne zu zögern Pariserinnen und Pariser und auch bei Adressen wie Pariser Platz und Pariser Straße denke ich nicht gleich an ein Kondom. Je etablierter ein Begriff ist, desto weniger wichtig sind irgendwelche Nebenbedeutungen.

Wenn Sie sich dennoch nicht an den Begriff Professionelle gewöhnen können oder möchten, könnten Sie, wie gesagt, Fachleute oder vielleicht doch das englische Professionals verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Sockenpuppen Trolle füttern

Ihre Fragen zu Sprache und Rechtschreibung beantworte ich über das Internet und ich schreibe an dieser Stelle regelmäßig Blogberichte. Ich bin also kein absoluter digitaler Analphabet. Dass ich aber nicht gerade an der vordersten Front der digitalen Avantgarde mitmarschiere, zeigt sich wieder einmal daran, dass ich in der vergangenen Woche freudig etwas Neues entdeckt habe, was anderen schon seit langem bekannt ist. Ich kann es deshalb nicht als sprachliche Neuentdeckung, sondern nur als Beispiel für die Entstehung neuer Wortbedeutungen präsentieren.

Im Zusammenhang mit unflätigen und aggressiven Beiträgen eines wenig diskussionsbereiten Teilnehmers in einem Internetforum, in das ich hin und wieder hineinsehe, stieß ich auf den Vorwurf, der genannte Störenfried sei ein Troll. Ich habe ziemlich gut verstanden, was damit gemeint ist, auch wenn ich Trolle bis dahin nur als bösartige, gewalttätige und Schaden verursachende Wesen aus der nordischen Mythologie und aus Tolkiens Ring-Trilogie gekannt hatte. Entscheidend für die Übertragung von der Mythologie (oder Tolkien) auf die Kommunikation im Internet sind natürlich die Eigenschaften bösartig und schädigend. Ein Troll ist – wie viele von Ihnen wahrscheinlich schon wissen – jemand der in Diskussionen oder Foren mit seinen Beiträgen provoziert und stört, und zwar um des Provozierens und Störens willen.

Das Wort Troll ist ein schönes Beispiel dafür, wie in der Sprache Bezeichnungen für neue Erscheinungen entstehen können. Es werden fast nie völlig neue Wörter erfunden. In diesem Fall verwendet man ein bestehendes Wort in bildlichem, übertragenem Sinne. Verbindendes Element sind typische Eigenschaften, die der ursprüngliche Begriff und der mit dem gleichen Wort neu benannte Begriff gemeinsam haben. Hier sind das, wie gesagt, u. a. die Eigenschaften bösartig und Schaden verursachend. Eine solche übertragene Verwendung eines Wortes kann einmalig sein, sie kann aber auch in den festen Wortschatz einer Sprache übergehen (vgl. zum Beispiel die Schlange vor der Kasse, die Maus am Computer oder die Schwalbe in Akrobatik und Fußball).

Ich habe weiter erfahren, dass man Trolle nicht füttern soll. Man soll also keine Antworten oder Reaktionen auf ihre Beiträge schreiben, die ihnen die Möglichkeit bieten, weiter störend aufzutreten. Auch das Wort füttern wird hier metaphorisch, das heißt in übertragenem Sinne verwendet.

Und nun zu meiner Lieblingsmetapher in diesem Bereich: Wenn ein Troll bemerkt, dass er nicht mehr gefüttert wird, aber trotzdem weiter sein Unwesen treiben möchte, kann er einen einfachen Trick anwenden: Er greift zur Sockenpuppe. Man erstellt ein neues Benutzerprofil unter einem anderen Namen. Mit Hilfe eines solchen Zweit- oder Drittprofils kann man sich dann als Troll selbst füttern, das heißt, man schreibt die Antworten, auf die man danach wieder trollenderweise reagieren kann, einfach selbst. Das Bild, das dahintersteckt, ist der Bauchredner, der sich mit seiner aus einer Socke angefertigten Handpuppe „unterhält“.

Ein Troll, der sich mit Hilfe einer Sockenpuppe selbst füttert, ist in der digitalen Kommunikation äußerst unangenehm, sprachlich aber zeigt sich dabei sehr schön, wie alte Wörter neue Bedeutungen erhalten und wie neue Begriffe zu ihrem Namen kommen können. Mögen Ihnen in Ihrer digitalen Kommunikationswelt Trolle und Sockenpuppen erspart bleiben! Ihre Bezeichnungen klingen amüsant, sie selbst sind aber nur ärgerlich.