Wissenschaftler und Wissenschafter

Anhand einer Frage einer Nutzerin aus Österreich zu einem regionalen Unterschied möchte ich Sie auf die Variantengrammatik hinweisen. Sie finden dort umfassende Angaben zu Unterschieden in der geschriebenen Standardsprache. Heute geht es nur kurz um das Variantenpaar im Titel, aber ich werde in Zukunft sicher wieder auf dieses interessante neue Online-Nachschlagwerk verweisen.

Frage

Wie schaut es mit „Wissenschafter“ bzw. „Wissenschaftler“ aus? Welche Schreibweise würden Sie empfehlen bzw. gibt es wirklich diese Unterschiede zwischen Österreich, Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

im ganzen deutschen Sprachbereich kommt Wissenschaftler/Wissenschaftlerin vor. In Österreich und in der Schweiz wird gemäß den Wörterbüchern (zum Beispiel DWDS, Duden) daneben häufig auch Wissenschafter/Wissenschafterin verwendet. Genauere Angaben hierzu finden Sie in der neuen Variantengrammatik unter dem Stichwort Wissenschafter/Wissenschaftler.

Sie können in Österreich also beide Formen verwenden, denn dort sind beide Formen gebräuchlich und akzeptiert. Innerhalb eines Textes oder einer Textreihe wählen Sie allerdings am besten immer die gleiche Variante.

Inwieweit die Angaben der verschiedenen Quellen korrekt sind, kann ich „auf die Schnelle“ nicht beurteilen. Sie können aber davon ausgehen, dass die Angaben in der Variantengrammatik gut fundiert sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Onkologieteam/onkologisches Team vs Italienkennerin/italienische Kennerin

Frage

Ich habe mich kürzlich mit einem Kollegen über den Begriff „onkologisches Team“ unterhalten. Er meinte, es müsse doch „Onkologieteam/Onkologie-Team“ heißen. Ich sehe das eigentlich auch so, kann es aber nicht genau erklären, ob es zulässig ist oder nicht. „Onkologische Abteilung“ beispielsweise stört mich nicht, obwohl natürlich auch hier „Onkologieabteilung“ geschrieben werden könnte (oder gar sollte?).

Antwort

Guten Tag Herr F.,

grammatisch sind onkologisches Team und Onkologieteam korrekt. Auch bei der Bedeutung gibt es keinen wesentlichen Unterschied. Wichtig ist höchstens, was in einem bestimmten Kontext üblich ist. In einigen Krankenhäusern gibt es wahrscheinlich eine Onkologieabteilung, während in anderen von der Onkologischen Abteilung die Rede ist (oder der Abteilung Onkologie).

So gibt es auch keinen prinzipiellen Unterschied zwischen grammatischen Fragen und Grammatikfragen oder einem chemischen Labor und einem Chemielabor. Richtig ist, was gebräuchlich ist – und häufig ist dies beides.

Aber bei Weitem nicht immer: Während zum Beispiel die italienische Reise, die Goethe unternahm, eine Italienreise war, sind eine Italienkennerin und eine italienische Kennerin keineswegs dasselbe: Erstere kennt Italien gut und hat irgendeine Staatszugehörigkeit. Letztere ist eine Italienerin, die irgendein Gebiet gut kennt. Es gibt zum Beispiel nur demokratische Entscheidungen, keine *Demokratieentscheidungen; neben dem Alkoholverbot gibt es kein *alkoholisches Verbot u. v. a. m.

Wieder einmal müssen wir also ohne eine allgemeine, für alle Fälle gültige Regel auskommen. Darum nochmals: Richtig ist, was gebräuchlich und verständlich ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ab und seit

Frage

Ich habe gelernt, dass die Präposition „ab“ gebraucht wird, wenn etwas in der Gegenwart oder in der Zukunft beginnt. Zum Beispiel:

Ab heute besuche ich einen Deutschkurs.
Unser Geschäft wird ab nächstem Monat wieder offen sein.

In den letzten Wochen habe ich aber Sätze gehört und gelesen, die mit dieser Präposition gebildet werden, obwohl sie sich auf einen Zeitraum beziehen, der in der Vergangenheit begonnen hat. Zum Beispiel:

Nico war ab 8.30 Uhr in der Schule.
Ab März 1996 erließ die KP, um weitere subversive Aktivitäten zu verhindern, eine Liste strenger Direktiven.

[…]

Antwort

Guten Tag Frau H.,

die Verwendung von ab und seit ist vor allem für Deutschlernende nicht immer einfach. Es gibt deshalb verschiedene Erklärungen. Eine der einfachsten sagt, dass man seit verwendet, wenn etwas in der Vergangenheit beginnt, und ab, wenn etwas in der Gegenwart oder Zukunft beginnt:

Ich besuche seit Anfang dieses Jahres einen Deutschkurs
Unser Geschäft ist seit gestern geschlossen

Ich besuche ab heute/nächster Woche einen Deutschkurs
Unser Geschäft wird ab nächstem Monat wieder offen sein

Das geht in sehr vielen Fällen gut und es ist entsprechend eine praktische, einfache Faustregel. Ihre Beispiele zeigen aber, dass die Lage nicht ganz so einfach ist, wie wir es vielleicht gerne hätten. Man kann ab nämlich auch in der Vergangenheit verwenden.

Entscheidend für die Verwendung von ab und seit ist nicht so sehr der Unterschied zwischen in der Vergangenheit beginnend und in der Gegenwart/Zukunft beginnend. Entscheidend ist, ob eine Zeitdauer zu einem bestimmten Zeitpunkt fortbesteht oder nicht. Der bestimmte Zeitpunkt ist häufig, aber nicht immer der Sprechzeitpunkt.

  • Man verwendet seit bei der Angabe einer Zeitdauer, die zu einem bestimmten Zeitpunkt noch andauert

Wir wohnen seit 2005 in A. und kennen die Stadt gut
Die Konsulin wohnte seit 1875 in A., als 1891 ein Brand ihre Villa verwüstete

  • Man verwendet ab bei der Angabe einer Zeitdauer, die zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht angefangen hat

Wir werden ab dem nächsten Monat in B. wohnen
Die Konsulin sollte ab dem darauffolgenden Sommer in B. wohnen

  • Man verwendet ab bei der Angabe einer Zeitdauer, die vor einem bestimmten Zeitpunkt endet

Wir haben ab 2005 in A. gewohnt und leben jetzt in B.
Die Konsulin wohnte ab 1885 in A. Nach dem Brand ihrer Villa in 1891 lebte sie in B.

In den beiden Sätzen, die Sie in Ihrer Frage zitieren, handelt es sich um den dritten Fall. Die angegebene Zeitdauer endet vor einem bestimmten Zeitpunkt:

Nico war ab 8.30 Uhr in der Schule (und ging zwischen 10 und 11 Uhr wieder weg)
Ab März 1996 erließ die KP … eine Liste strenger Direktiven (zu einem späteren Zeitpunkt resp. jetzt nicht mehr)

Wenn man zeitliches ab in der Vergangenheit verwendet, bedeutet dies, dass die genannten Zeitdauer vor einem bestimmten Zeitpunkt endet. Wenn die Zeitdauer andauert, verwendet man seit.

Das klingt alles relativ kompliziert. Wenn Sie es nicht mit eher fortgeschrittenen Lernenden zu tun haben, ist es vielleicht besser, zuerst die oben genannte einfache Faustregel zu versuchen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Fünftklässler/-innen mit 5. geschrieben werden

Frage

Ist neben der ersten Variante eine weitere Form korrekt und aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Die Fünftklässler/-innen haben morgen keinen Unterricht.
Die 5. Klässler/-innen haben morgen keinen Unterricht.
Die 5.- Klässler/-innen haben morgen keinen Unterricht.
Die 5. – Klässler/-innen haben morgen keinen Unterricht.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

keine der drei weiteren Vorschläge kann als richtig angesehen werden. Es handelt sich um einen Zusammensetzung mit einer Zahl. Dann gilt die Regel, dass mit Bindestrich geschrieben wird, und zwar ohne Leerschritt vor oder nach dem Bindestricht (vgl. hier).

Bei großzügiger Interpretation der Regel ergibt sich die folgende Schreibung:

Die 5.-Klässler/-innen habe morgen keinen Unterricht

Wer etwas weniger großzügig ist als ich, stolpert vielleicht darüber, dass 5. in der Regel für fünfte und nicht für endungsloses fünft steht. Hinzu kommt, dass die Bindestrichschreibung in Fällen wie dem folgenden das Schreiben (und Lesen?) eher kompliziert als vereinfacht:

Die 3.- bis 5.-Klässler/-innen haben morgen keinen Unterricht

Ich würde deshalb die Schreibung mit Buchstaben vorziehen:

Die Fünftklässler/-innen habe morgen keinen Unterricht
Die Dritt- bis Fünftklässler/-innen haben morgen keinen Unterricht

Wenn Sie statt –klässler lieber –klässer oder –klassler sagen, gilt bei der Schreibung mit einer Zahl genau dasselbe:

Die 5.-Klässer/-innen habe morgen keinen Unterricht
Die 5.-Klassler/-innen habe morgen keinen Unterricht

Und wenn Ihnen nun nichts mehr richtig gefallen will, gibt es auch noch diese Möglichkeit:

Die Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse haben morgen keinen Unterricht

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp (der schon sehr, sehr lange kein 5.-Klässler/Fünftklässler mehr ist)

0,5 Prozent ist oder 0,5 Prozent sind?

Frage

Wenn 0,5 Prozent das Subjekt eines Satzes ist, steht dann die Personalform im Singular oder im Plural?

Antwort

Guten Tag Herr J.,

Beispiele helfen mir immer, eine Frage genauer zu verstehen. Auch hier lautet die Antwort nämlich nicht einfach Singular oder Plural.

Wenn eine Prozentangabe mit einer Zahl, die nicht 1 ist, Subjekt des Satzes ist, steht das Verb standardsprachlich in der Regel im Plural:

1 Prozent (der Bevölkerung) hat zugestimmt

10 Prozent haben zugestimmt
30 Prozent der Befragten lehnen den Neubau ab
24,5 Prozent der Flüge sind interkontinental

Das gilt auch für Dezimalzahlen, die kleiner als 1 sind:

0,5 Prozent enthielten sich der Stimme
0,7 Prozent der Delegierten enthielten sich der Stimme
Nur 0,3 Prozent waren dafür

Wie immer gibt es aber auch Ausnahmen: In einem Gleichsetzungssatz (vgl. hier) kann auch der Singular stehen:

0,5 Prozent ist/sind kein gutes Resultat
63 Prozent ist/sind eine überraschend große Mehrheit

Und auch dann, wenn ein Substantiv im Nominativ auf Prozent folgt, kann das Verb im Singular und im Plural stehen:

0,5 Prozent einmaliger Verlust bedeutet/bedeuten nicht gleich den Untergang der Firma.
15 Prozent Strom wird/werden dadurch gespart.

Ob Singular oder Plural, Ihnen steht/stehen hoffentlich 100% Wochenende bevor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer gewinnt, der Genitivus subiectivus oder der Genitivus obiectivus?

Frage

Ich bin Deutschlehrerin in Spanien […]. Letzthin tauchten in meiner Klasse folgende Sätze auf:

Die Medizin bekämpft mit Erfolg die Infektionskrankheiten
→ die erfolgreiche Bekämpfung der Medizin gegen die Infektionskrankheiten

Die Medizin bekämpft mit Erfolg Infektionskrankheiten
→ die erfolgreiche Bekämpfung der Medizin gegen Infektionskrankheiten

Die Umformungen sind so nicht richtig, aber wie erkläre ich, warum?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

bei der Substantivierung von Verbgruppen gibt es keine allgemeingültigen Regeln, die sich auf alle Verben anwenden ließen. Einige Regelmäßigkeiten gibt es aber dennoch. Eine davon betrifft die Substantivierung von Verben mit einem Akkusativobjekt:

Bei einer Substantivierung wird das Akkusativobjekt zum Genitivattribut (oder von-Attribut, siehe hier):

ein Rätsel lösen → das Lösen eines Rätsels
die Funktion erklären → die Erklärung der Funktion
Fahrräder verkaufen → der Verkauf von Fahrrädern

In gleicher Weise auch:

die Infektionskrankheiten bekämpfen → die Bekämpfung der Infektionskrankheiten
Infektionskrankheiten bekämpfen → die Bekämpfung von Infektionskrankheiten

Und nun kommen wir zur Hürde, die Ihre Schüler und Schülerinnen nicht richtig zu nehmen wussten. Neben dem soeben erwähnten Genitivus obiectivus, der dem Akkusativobjekt in der Verbkonstruktion entspricht, gibt es auch den Genitivus subiectivus. Er entspricht dem Subjekt des Verbs, das substantiviert wird:

Die Rose verwelkt → das Verwelken der Rose
Der Mensch denkt → das Denken des Menschen
Die Lehrerin erklärt → die Erklärung der Lehrerin

Der Zug kommt pünktlich in Münster an → die pünktliche Ankunft des Zuges in Münster
Die Medizin kämpft gegen Infektionskrankheiten → der Kampf der Medizin gegen Infektionskrankheiten

Bei diesen Beispielen ist das kein Problem. Die Schwierigkeit entsteht dann, wenn ein Verb mit einem Akkusativobjekt substantiviert wird. Welcher Satzteil wird dann zum Genitivattribut: das Subjekt, das Objekt oder beide?

In Ihrer Klasse wurde das Subjekt zum Genitivattribut gemacht. Die Lösung mit zwei Genitivattributen wurde zu Recht ausgeschlossen. Das Akkusativobjekt, das auch noch irgendwie eingebunden werden musste, wurde wahrscheinlich unter Einfluss des Verbs kämpfen mit gegen angeschlossen:

Die Medizin bekämpft mit Erfolg die Infektionskrankheiten.
→ *Die erfolgreiche Bekämpfung der Medizin gegen die Infektionskrankheiten

Der Fehler hierbei ist, dass in einem solchen Fall nicht das Subjekt, sondern immer das Akkusativobjekt die Rolle als Genitivobjekts übernimmt. Das Subjekt wird dann häufig mit durch angeschlossen:

Die Lehrerin erklärt die Funktion → die Erklärung der Funktion durch die Lehrerin
Der Händler verkauft neue Fahrräder → der Verkauf neuer Fahrräder durch den Händler

Ebenso:

Die Medizin bekämpft mit Erfolg die Infektionskrankheiten
→ Die erfolgreiche Bekämpfung der Infektionskrankheiten durch die Medizin

Die Medizin bekämpft mit Erfolg Infektionskrankheiten
→ Die erfolgreiche Bekämpfung von Infektionskrankheiten durch die Medizin

Das Akkusativobjekt gewinnt also immer das Rennen um die Rolle als Genitivattribut, wenn eine Verbgruppe substantiviert wird. Das Subjekt muss dann, wenn überhaupt, anders eingebunden werden. In diesem Sinne: Gewinner ist der Genitivus obiectivus.

So weit die Analyse des Fehlers durch den Blogautor.

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Einfrieren und ausfrieren

Es sieht logisch aus, ausfrieren als Gegenteil von einfrieren zu verwenden. Und trotzdem sagen wir nicht, dass Eingefrorenes ausgefroren wird.

Frage

Ich wurde darauf hingewiesen, dass es den Begriff ausfrieren in Zusammenhang mit eingefrorenen Lebensmitteln nicht gebe bzw. dieser nicht passend sei. Korrekt sei auftauen.

Eine Internetrecherche bestätigt dies weitgehend. Es wird aber immer wieder auch von anderen Personen nach dem Begriff ausfrieren in diesem Zusammenhang gefragt.

Aus meiner Sicht ist zunächst das Gegenteil von ein der Begriff aus. Auch wenn diese Regel mit Sicherheit nicht „betonmäßig“ für „alles“ angewandt werden darf, ist es doch nicht völlig abwegig, als Gegenteil für einfrieren den Begriff ausfrieren zu verwenden. Vor allem im privaten Umfeld kann mir das eigentlich niemand „verbieten“. […]

Antwort

Guten Tag Herr B.,

niemand kann Ihnen natürlich verbieten, das Verb ausfrieren im Sinne von auftauen zu verwenden. Es gibt aber verschiedene Gründe, die dagegen sprechen:

1) Eine Wortbildung kann blockiert, das heißt ungebräuchlich sein, weil es schon ein Wort mit der gleichen Bedeutung gibt. Hier wird ausfrieren durch das gebräuchliche und allgemein bekannte Wort auftauen blockiert (vgl. hier).

2) Eine Wortbildung kann nicht üblich sein, weil das Wort schon eine andere Bedeutung hat. Auch das ist bei ausfrieren der Fall: Es bedeutet u. a. schon bis zum Grund frieren, durch und durch frieren oder durch Frieren trennen (siehe die Angaben im DWDS). In Verbindung mit frieren ist aus nicht das Gegenteil von ein. Es hat hier die gleiche Bedeutung wie in austrocknen resp. in aussortieren.

3) Der wichtigste Grund: Man versteht in einem großen Teil des deutschen Sprachraums nicht, was Sie mit ausfrieren meinen, weil das Wort nicht bekannt und nicht gebräuchlich ist, sei es wegen 1) und 2) oder aus einem anderen Grund.

Es bleibt aber Ihnen überlassen, ob Sie das Wort weiterhin verwenden wollen. Sie dürfen sich nur nicht wundern, wenn man sich wundert oder Sie nicht auf Anhieb versteht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Prototypen mit Elektromotor oder Prototypen mit Elektromotoren?

Frage

Ich würde gerne wissen, ob hier der Singular „mit Elektromotor“ korrekt ist:

Verschiedene Hersteller haben 2018 auf der Internationalen Automobil-Ausstellung für Nutzfahrzeuge Prototypen mit Elektromotor/mit Elektromotoren vorgestellt.

Meines Erachten sind die Prototypen (jeweils) mit einem Elektromotor ausgestattet und nicht mit Elektromotoren, also mehreren in einem Prototyp, sodass ich deshalb hier den Singular für korrekt halte, was sich jedoch unschön liest.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

um es kurz zu fassen: Beide Formulierungen sind möglich und keine der beiden ist wirklich eindeutig. Eine feste Regel gibt es nicht. Meist geht aus dem Zusammenhang hervor, was genau gemeint ist.

Nur der Kontext oder unsere Kenntnis des Fachgebietes kann entscheiden, ob es sich bei Prototypen mit Elektromotor um mehrere Prototypen handelt, die sich einen Elektromotor teilen, oder um mehrere Prototypen mit je einem Motor. Auch die Mehrzahl ist nicht eindeutig: Prototypen mit Elektromotoren können je einen Elektromotor oder mehrere Elektromotoren pro Prototyp haben. Die Formulierung allein macht dies nicht eindeutig.

Das „Problem“ ist hier, dass uns nur zwei Numeri zur Verfügung stehen, der Singular und der Plural, es aber drei verschiedene Verteilmöglichkeiten gibt:

– mehrere Prototypen mit einem gemeinsamen Motor
– mehrere Prototypen mit je einem Motor
– mehrere Prototypen mit je mehreren Motoren

Es ist nicht möglich, diese drei Varianten nur mit Hilfe der beiden Numeri eindeutig anzugeben. Wenn der Kontext und die voraussetzbare Kenntnis nicht ausreichen, muss genauer formuliert werden. Häufig kann dabei das Wörtchen je wertvolle Dienste leisten.

Dass Sie nicht der Einzige sind, der sich Gedanken zu dieser Frage macht, zeigen zwei ältere Blogartikel. Sie beschäftigen sich mit Menschen, die ein Haus/Häuser besitzen, und der Frage, ob unsere Vorfahren sich in ihrem Grab oder in ihren Gräbern umdrehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Digital und mit dem Finger

Bei uns zu Hause steht noch so etwas wie eine Musikanlage. Sie ist so neu, dass man sie, ohne aufstehen zu müssen, mit Hilfe einer App auf dem schlauen Telefon bedienen kann. Sie ist aber alt genug, dass man sie auch mit Hilfe des Fingers ein- und ausschalten oder zum Beispiel die Lautstärke regeln kann, vorausgesetzt dass man sich zu ihr hinbemüht. Die erste Art der Bedienung nennen wir hier zu Hause „digital“, die zweite wegen der Druckknöpfe „mit dem Finger“. Dabei ist mir erst gestern aufgefallen, dass dieser Gegensatz etwas Absurdes hat.

Das Wort digital kommt vom englischen Adjektiv digital, das wiederum von digit (Zahl von 0 bis 9, [zum Zählen benutzter] Finger) abgeleitet ist. Dieses digital geht somit auf lateinisch digitus = Finger zurück. Daneben gibt es auch in der Medizin das Adjektiv digital, das ohne Umweg über das Englische von lateinisch digitalis resp. digitus kommt. Seine Bedeutung: mit dem Finger (digitale Palpation = mit dem Finger abtasten).

Unser häuslicher Gegensatz digital bedienen ↔ mit dem Finger bedienen zeigt, dass sich dieses Adjektiv digital über verschiedene Stufen des Bedeutungswandels sozusagen in sein Gegenteil verwandelt hat. Und trotzdem verstehen wir problemlos, was gemeint ist.

Zwischen dem sechsten und dem zwölften Lebensjahr

Fragen zu Altersangaben gehören zu den regelmäßig auftauchenden Problemfällen. Heute geht es um Angaben mit Lebensjahr.

Frage

Ich grübele über das Wort „Lebensjahr“. Und zwar heißt es in einem Text:

„Kinder oder Jugendliche zwischen ihrem sechsten und zwölften Lebensjahr“. Sehe ich richtig, dass Kinder im Alter zwischen 5 und 11 Jahren gemeint sind?

Antwort

Guten Tag Frau D.,

im Prinzip haben Sie recht: Das sechste Lebensjahr ist das Lebensjahr zwischen dem fünften und dem sechsten Geburtstag. Das zwölfte Lebensjahr ist das Lebensjahr zwischen dem elften und dem zwölften Geburtstag. Weiter ist man nach dem fünften Geburtstag fünf Jahre alt und nach dem elften Geburtstag elf Jahre alt. Kinder zwischen ihrem sechsten und zwölften Lebensjahr sind somit Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren.

ABER: Es ist keineswegs sicher, ob es auch so gemeint ist. Eine Formulierung wie zwischen dem sechsten und zwölften Lebensjahr wird häufig nicht ganz korrekt gleichbedeutend mit im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren verwendet. Wenn es also ganz wichtig ist, sollte nachgefragt werden, was genau gemeint ist.

Eine (hoffentlich) etwas klarere Angabe mit Lebensjahr erhält man mit Hilfe des Adjektivs vollendet. Kinder zwischen dem vollendeten sechsten Lebensjahr und dem vollendeten zwölften Lebensjahr sind Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren.

Wem es nun etwas zu rechnerisch oder komplex geworden ist: Am deutlichsten finde ich zwischen dem sechsten und dem zwölften dreizehnten Geburtstag [vgl. unten Kommentare].

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp