Athen und Basel im Genitiv

Frage

Ist es richtig, dass man zum Beispiel „die Territorialverteidigung des hellenistischen Athen“ und nicht „die Territorialverteidigung des hellenistischen Athens“ schreibt? In der Literatur finde ich beides.

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

in der Literatur finden Sie beides, weil Athen – wie viele andere Dörfer, Städte, Regionen und Länder – hier mit und ohne Genitiv-s stehen kann. Wenn sonst ohne Artikel stehende geographische Namen mit Artikel verwendet werden, wird die Genitivendung oft weggelassen:

Bremen
der Baumeister Bremens
der Baumeister des neuen Bremens oder
der Baumeister des neuen Bremen

Deutschland
die Hauptstadt Deutschlands
die Hauptstadt des vereinigten Deutschlands oder
die Hauptstadt des vereinigten Deutschland

Ebenso:

Athen
die Territorialverteidigung Athens
die Territorialverteidigung des hellenistischen Athens oder
die Territorialverteidigung des hellenistischen Athen

All diese Formulierungen gelten als korrekt. Sehen Sie hierzu auch die folgenden Angaben in der LEO-Grammatik (am Ende des Abschnitts 1.2.1.5.a Geographische Namen ohne Artikel).

Wenn ich die Schönheit Basels anpreise, muss ich also ein Genitiv-s verwenden. Fakultativ ist dieses s aber dann, wenn ich von der Schönheit des frühlingshaften Basels oder eben des frühlingshaften Basel schwärme. Heute möchte ich ergänzend sagen: Hauptsache, die Sonne scheint!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komma, Ergänzungsstrich und Gazanien

Kommafragen gehören zu Ihren Lieblingsfragen. Das Wort „Lieblingsfragen“ ist wahrscheinlich falsch gewählt. Dass viele Ihrer Fragen den Beistrich betreffen, liegt wohl nicht daran, dass Sie das Komma so mögen, sondern vielmehr daran, dass die Kommasetzung im Deutschen so komplex ist. Während andere Sprachen mit dreieinhalb Regeln auskommen (Über- und Untertreibungen dieser Art sind in Blogs gestattet), benötigt die amtliche deutsche Rechtschreibregelung acht Paragraphen (§§ 71-79), um dieses Satzzeichen zu bändigen. Acht Paragraphen sind eigentlich nicht viel. Wenn man aber genauer hinschaut, sieht man, dass diese acht Paragraphen insgesamt in ungefähr vierzig(!) Abschnitte und Ausnahmebestimmungen unterteilt sind. Dann wird klarer, warum Sie – und auch ich – des Öfteren nicht mehr wissen, ob ein Komma gesetzt werden muss oder nicht. Ob die Rechtschreibreform die Kommasetzung vereinfacht hat, weiß ich nicht. Wenn ja, war es eine relative „Vereinfachung“ in dem Sinne, dass schrecklich kompliziert einfacher ist als ungeheuerlich kompliziert.

Klagen hilft nichts. Wer korrekt schreiben will, muss sich mit der Beistrichregelung herumschlagen. Irgendwie sind wir ja auch selbst schuld, denn die Deutschsprechenden und -schreibenden wollen immer ganz genau wissen, was richtig und was falsch ist. Gründlichkeit hat ihren Preis. Wären wir bereit, einen lockereren Umgang mit dem Komma zu akzeptieren, kämen vielleicht auch wir mit dreieinhalb Kommaregeln aus.

Wie dem auch sei: Falls Sie einmal nicht weiterkommen, fragen Sie Dr. Bopp! Ich werde versuchen, eine befriedigende Antwort zu finden. Das hat auch Herr W. getan. Diesmal war die Antwort sogar relativ einfach und entsprechend kurz:

Frage

Ich hätte eine Frage zur Kommasetzung an Sie. Schreibt man:

Paris ist bald nicht mehr 18 Flug- sondern nur noch vier Autostunden entfernt.

oder:

Paris ist bald nicht mehr 18 Flug-, (!) sondern nur noch vier Autostunden entfernt.

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

vor der Konjunktion sondern steht immer ein Komma. Das gilt auch dann, wenn vor sondern ein Wort mit einem Ergänzungsstrich steht:

Paris ist bald nicht mehr 18 Flug-, sondern nur noch vier Autostunden entfernt.

In Aufzählungen u. Ä. kann ganz allgemein ein Komma auf einen Ergänzungsstrich folgen. Zum Beispiel:

auf Gemeinde-, Landes- und Bundesebene
ein-, aus- und umräumen
Es gibt ein-, aber auch mehrfarbige Blüten.

Der letzte Beispielsatz stammt aus der Beschreibung einer Gazanie genannten Pflanzengattung. Ob Gazanien wirklich ein-, aber auch mehrfarbige Blüten haben, weiß ich eigentlich nicht. Ich weiß nur, dass nach ein- ein Komma stehen muss, wenn man diese Blumen so beschreibt. Rechtschreibung ist oft eine farblose Angelegenheit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Blogspektrogramm 11

Die elfte Ausgabe des Blogspektrogramms finden Sie diesen Monat in Michael Manns lexikographieblog:

Auch diesmal wird wieder auf Lesenwertes über die deutsche Sprache hingewiesen. Mehr dazu, wie bereits gesagt, im lexikographieblog. Viel Spaß beim Lesen!

Blogspektrogramm 11
Blogspektrogramm 10
Blogspektrogramm 9
Blogspektrogramm 8
Blogspektrogramm 7
Blogspektrogramm 6

Blogspektrogramm 5
Blogspektrogramm 4
Blogspektrogramm 3
Blogspektrogramm 2
Blogspektrogramm 1

Gescheiter[t]

Frage

Gibt es einen Grund, warum die Wörter „gescheit“ und „gescheitert“ so ähnlich sind? Oder ist es nur Zufall?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

im heutigen Deutsch gibt es keinen Zusammenhang zwischen gescheitert und gescheit. Ganz zufällig ist die Ähnlichkeit der beiden Wörter aber nicht:

Das Wort gescheit geht auf ein altes Adjektiv geschîde zurück, das in übertragenem Sinne (geistig) scharf und unterscheidend bedeutete. Dieses Adjektiv ist direkt mit dem Verb schîden, einer Nebenform von scheiden, verwandt.

Das Wort gescheitert gehört zum Verb scheitern. Mit der Bedeutung misslingen, fehlschlagen ist dieses Verb relativ jung (17. Jh.). Davor gab es zerscheitern (16. Jh.), wahrscheinlich also in Scheiter gehen, in Stücke gehen. Das Wort Scheit (abgespaltenes Stück Holz) hatte früher die Form schît und ist – vielleicht erraten Sie es schon – mit dem Verb scheiden verwandt.

Gescheit und gescheitert sind also beide in gewissem Sinne Nachkommen des Verbs scheiden. Ihre Bedeutungen haben sich aber sehr unterschiedlich entwickelt. Der Zusammenhang zwischen den beiden Wörtern ist deshalb (wie die Verwandtschaft mit Holzscheit) nur noch rein formal am Wortkern scheit zu erkennen – auch wenn es wenig Mühe bereitet, die beiden Wörter gemeinsam in einen Satz zu zwängen: „Wärst du gescheiter, wärst du nicht gescheitert.“ „Daran sind schon Gescheitere gescheitert.“

Gegen das Ende der Wintersportsaison auch interessant: Über ein paar zusätzliche (norwegische) Ecken hat auch das Wort Ski mit gescheitert und gescheit zu tun. Das norwegische Wort für Schneeschuh, den Vorläufer des Skis, ist nämliche ein direkter Verwandter des deutschen Wortes Scheit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zahlen im Genitiv

Es geht hier nicht darum, wie man im Genitiv zahlt (zum Beispiel: sich der Kreditkarte bedienen). Mit „Zahlen im Genitiv“ sind  zweier und dreier, die Genitivformen von zwei und drei, gemeint.

Frage

Auf einer Nachrichtenwebseite las ich diese Formulierung: „Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen drei iranischer Überläufer.“ Ist der Genitiv „drei iranischer Überläufer“ so richtig? Ist „dreier Überläufer“ eine oft benutzte falsche Floskel oder geht beides?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

der Satz, den Sie zitieren, ist tatsächlich nicht ganz richtig formuliert. Wenn die Zahlen zwei und drei ohne ein Artikelwort bei einem Nomen im Genitiv stehen, verwendet man nämlich die Formen zweier und dreier:

der Verkauf zweier Ponys
mit Hilfe dreier Schräubchen
Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen dreier Überläufer.

Das gilt auch dann, wenn ein gebeugtes Adjektiv folgt:

der Verkauf zweier schwarzer Ponys
mit Hilfe dreier kleiner Schräubchen
Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen dreier iranischer Überläufer.

Mit Artikelwort verwendet man diese Zahlwörter aber ohne Endung:

der Verkauf ihrer zwei [schwarzen] Ponys
mit Hilfe dieser drei [kleinen] Schräubchen
Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen der drei [iranischen] Überläufer.

Bei der zitierten Formulierung die Aussagen drei iranischer Überläufer handelt es sich also um eine ungebräuchliche Mischform. Sehen Sie hierzu auch diese Seite in der Canoonet-Grammatik.

Bei Zahlen ab vier sind Gentivformen mit –er übrigens ungebräuchlich. Ohne Artikelwort verwendet man eine Formulierung mit von (auch wenn man dem Genitiv sonst sehr gewogen ist):

mit Hilfe von vier Schräubchen
die Mutter von fünf Kindern
die intelligenten Fragen von sechs Canoonet-Nutzern

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vor, während und nach dem Spiel

Frage

Bekanntlich ist ja nach dem Spiel vor dem Spiel. Während man aber vor und nach dem Spiel den Dativ zu benutzen hat, ist während des Spiels der Genitiv angesagt […]. Wenn ich immer den richtigen Fall benutzen möchte, also „vor dem Spiel“, „während des Spiels“ und „nach dem Spiel“, darf ich dann sagen „vor, während und nach dem Spiel“? Oder fühlt sich der Genitiv da vernachlässigt? Gibt es dazu eine Regel? Und gilt diese Regel dann nur auf dem Platz oder auch außerhalb des Platzes? Oder sowohl auf dem als auch außerhalb des Platzes?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Die Grundregel sieht recht kompliziert aus:

Wenn

  • mehr als eine Präposition vor einem Nomen (oder Pronomen) steht,
  • die Präpositionen nicht den gleichen Fall fordern,
  • das Nomen in den unterschiedlichen Fällen unterschiedliche Formen hat,

dann richtet sich das Nomen nach dem Fall der letzten Präposition.

Nach dieser allgemeinen Regel kann man also sagen und schreiben:

vor, während und nach dem Spiel
Die Regel gilt auf und außerhalb des Platzes.
Du redest viel von und über dich.

Nun kommt wohl nicht ganz überraschend das ABER: Solche Zusammenziehungen gelten stilistisch als unschön. Es empfiehlt sich deshalb, das Nomen in solchen Fällen zu wiederholen oder – das ist oft noch besser – eine andere Formulierung zu wählen:

vor dem Spiel, während des Spiels und nach dem Spiel
Die Regel gilt auf dem Platz und außerhalb des Platzes.
Du redest viel von dir und viel über dich.

Wenn ein Wort in den verschiedenen Fällen die gleiche Form hat, ist die Zusammenziehung übrigens stilistisch meist unbedenklich:

vor, während und nach der Feier
Die Regel gilt auf und außerhalb der Spielfläche.
Er redet viel von und über sich.

Eine besondere Stellung haben mit und ohne und mit oder ohne. Die Zusammenziehung ist in diesem Fall standardsprachlich auch dann üblich, wenn ein Wort im Dativ und Akkusativ unterschiedliche Formen hat:

Wir werden die Sache mit oder ohne dich zu Ende führen.
Apfelkuchen mit und ohne gesüßte Schlagsahne

(Siehe auch hier. Mehr Informationen zu dieser Frage finden Sie auf dieser Seite in der Canoonet-Grammatik)

Soweit die grammatischen und stilistischen Grundsätze. Nun noch ein kleiner persönlicher Zweifel (auch Sprachler zweifeln, wenn es um Sprache geht): Bin ich der Einzige, dem vor, während und nach dem Spiel trotz des oben Gesagten auch stilistisch nicht verunglückt vorkommt? Es mag daran liegen, dass meine Wiege im südlichen deutschen Sprachraum stand, in dem der Dativ nach während gang und gäbe ist. Es könnte aber auch sein, dass es eine allgemein akzeptierte Formulierung ist, die erst dann als „stilistisch unschön“ abgetan wird, wenn man bewusst auf den Erhalt des Genitivs nach während achtet. Kurzum: Gleitet man ins Umgangssprachliche ab, wenn man vor, während und nach dem Spiel akzeptabel findet, oder macht man sich anderseits der stilistischen Prinzipienreiterei schuldig, wenn man diese Formulierung für inakzeptabel hält? Wie so oft bei stilistischen Fragen liegt die Antwort wohl irgendwo dazwischen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Riefend gibt es!

„Riefend gibt es nicht!“, lautet der Kommentar von Lollo, der oder die vielleicht den ebenso fiktiven Familiennamen Rosso trägt und des Weiteren leider eine falschen E-Mail-Adresse angegeben hat. Diese Behauptung möchte ich nicht gänzlich unwidersprochen lassen, zumal das Wort riefend tatsächlich im Canoonet-Wörterbuch zu finden ist.

Man findet riefend natürlich nicht bei den Wortformen des Verbs rufen. Es gibt im Deutschen schließlich nur das Partizip Präsens rufend und das Partizip Perfekt gerufen. Wenn es zu rufen gehören würde, müsste riefend aber eine Art Partizip Präteritum sein:

Er rennt aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Er rannte aus vollem Halse *riefend auf uns zu.

Die Narren ziehen singend und tanzend durch die Straßen.
Die Narren zogen *sangend und *tanztend durch die Straßen.

Partizipformen dieser Art (*) gibt es nicht. Trotz seines Namens Partizip Präsens kann dieses Partizip nämlich nicht nur im Präsens verwendet werden. Es drückt keine Zeit aus. Es drückt aus, dass die Verbhandlung verlaufend ist, und wird manchmal wie oben adverbial oder meistens als Adjektiv verwendet (z. B. rufende Eulen, singende Lerchen, tanzende Schwäne). Es kann sowohl in Kombination mit der Gegenwart als auch zusammen mit der Vergangenheit stehen:

Er rennt/rannte aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Die Narren ziehen/zogen singend und tanzend durch die Straßen.

Heute wird deshalb häufig der weniger irreführende Name Partizip I verwendet.

Die Wortform riefend kann also nicht zu rufen gehören, genauso wenig wie sangend eine Form von singen oder tanztend eine Form von tanzen ist. Weshalb steht riefend trotzdem im Wörterbuch? – Es gehört ganz regelmäßig zum Verb riefen, das wie seine Variante riefeln die Bedeutung mit Riefen (= Rillen) versehen hat.

Das Wort riefend ist alles andere als ein Anwärter auf eine Spitzenposition in der Liste der am häufigsten verwendeten Wortformen. Manchmal ist es sogar nur ein triefend oder reifend mit Flüchtigkeitsfehler. Man darf ihm aber trotzdem nicht einfach mit der Behauptung „Riefend gibt es nicht!“ die Daseinsberechtigung absprechen. Auch wenn dies wahrscheinlich außer Scrabble-Spielern, die die entsprechenden Buchstaben legen können, kaum jemanden interessiert: Riefend gibt es!

Warum heißt die Gegenwart so?

Kinder stellen gute Fragen. Ich hatte mir die folgende Frage jedenfalls noch nie gestellt – und das als „Sprachler“!

Frage

Mein achtjähriger Sohn M[…] fragt, warum das Wort „Gegenwart“ so heißt? Woher kommt die Wortverbindung aus „gegen“ und „wart(en?)“ bzw. was hat diese mit der Wortbedeutung zu tun?

Antwort

Sehr geehrte Frau R., lieber M.,

das Wort Gegenwart ist ein altes Wort. Es ist mit einem Adjektiv verbunden, das gegewertec oder gegenwürtec hieß und gegenwärtig, anwesend bedeutete. Die wörtliche Bedeutung war gegenüber seiend. Es bezeichnete also dasjenige, das sich einem gegenüber befindet, das anwesend ist.

Den Wortteil gegen kann man somit als gegenüber verstehen. Der zweite Teil, wart, hat nichts mit dem Wort warten zu tun. Er ist mit -wärtig verwandt, das gewendet, gerichtet bedeutete. Man findet dieses wärt(ig) heute noch in zum Beispiel auswärts (nach außen gewendet), abwärts (hinab gerichtet), südwärts (nach Süden gerichtet) usw.

Als Bezeichnung für die Zeitform des Verbs kam Gegenwart erst im 18. Jahrhundert auf.

Von der früheren wörtlichen Bedeutung gegen(über) gerichtet, gegenüber seiend bis zur heutigen Bedeutung Jetztzeit hat das Wort Gegenwart also einen recht langen Weg zurückgelegt, den man aber – wenn man es einmal weiß – recht gut nachvollziehen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In oder auf Highheels gehen?

Frage

Heißt es korrekt: „auf Highheels (o. Stöckelschuhen) gehen“ oder „in Highheels gehen“? Ich finde das nirgends und es sind beide Varianten zahlreich vertreten.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

beide Varianten kommen häufig vor, weil beide Varianten möglich sind:

in Highheels/Stöckelschuhen gehen
auf Highheels/Stöckelschuhen gehen.

Man geht in Stöckelschuhen, wie man auch in „normalen“ Schuhen, Wanderschuhen, Stiefeln usw. geht. Man geht auf Stöckelschuhen, wie man auch auf anderen erhöhten „Untersätzen“ geht und steht: auf Stelzen, Rollschuhen, Schlittschuhen.

Highheels vereinigen zwei Aspekte in sich, von denen der eine (Fußbekleidung) mit in und der andere (hohe Absätze) mit auf verwendet werden kann. Es gibt deshalb, wie so oft in der Sprache, mehr als eine korrekte Ausdrucksweise.

Vor einiger Zeit waren wir mit unserer Nachbarstocher und ihrem Freund im übrigens ausgezeichneten italienischen Restaurant ganz in der Nähe essen. Das junge Paar hatte sich zu diesem Anlass fein gemacht. Dazu gehörten bei ihr Highheels, die ihrem Namen alle Ehre machten: bestimmt 15 cm. Obwohl man zu Fuß gerade so schnell ist, wie man ein Auto aus- und wieder einparkt, hätte sie sich wohl doch lieber zum Restaurant chauffieren lassen. Sie bestritt es tapfer, aber es war offensichtlich, dass man weder in noch auf Highheels dieser Höhe wirklich gehen kann. Sie sind vielleicht zum Stehen, aber kaum zum Gehen geeignet. Wirklich neu ist diese Erkenntnis natürlich nicht. Neu war für mich dank unserer Highheels-Debütantin das Folgende: Sitzen mit 15 Zentimeter Absatz am Fuß hat auch so seine Tücken. An manchen Restauranttischen geht das nämlich nur mit eher undamenhaft unter dem Tisch ausgesteckten Beinen oder mit sittlich seitlich geneigten Unterschenkeln. Frau kriegt sonst die Knie nicht unter den Tisch.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Grammatisch gesehen kann man also in oder auf Highheels gehen. Ob man darin oder darauf wirklich gehen kann, müssen die Trägerinnen (und vereinzelten Träger) allerdings selbst entscheiden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

20 Minuten Zeit, (um) 100 000 Mark zu besorgen

Frage

Auf der Rückseite der DVD „Lola rennt“ aus 1998, steht: „Nur 20 Minuten Zeit, um 100 000 Mark zu besorgen. Nur 20 Minuten Zeit, Mannis Leben zu retten.“ Frage: Warum steht nicht in beiden Sätzen „um zu“ oder nur „um“?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

ohne Ihre Frage hätte ich wohl einfach über diesen kleinen Unterschied hinweggelesen. Es handelt sich hier um zwei verschiedene Konstruktionen, die in diesem Fall ungefähr die gleiche Bedeutung haben.

20 Minuten Zeit, um 100 000 Mark zu besorgen.

Die Infinitivkonstruktion mit um zu entspricht hier einem Zwecksatz. Sie hat im Satz die Rolle einer adverbialen Bestimmung des Zwecks.

– Wofür/wozu hat Lola (nur 20 Minuten) Zeit?
– Lola hat nur 20 Minuten Zeit, um 100 000 Mark zu besorgen.

Im ersten Satz gibt die Infinitivgruppe an, welchem Zweck die 20 Minuten Zeit dienen. Nun zum zweiten Satz:

20 Minuten Zeit, Mannis leben zu retten

Die Infinitivkonstruktion ohne um hat hier die Funktion eines Attributs. Sie ist im Satz Teil der Wortgruppe mit dem Kern Zeit und bestimmt diesen näher.

– Welche (nur 20 Minuten) Zeit hat Lola?
– Lola hat nur 20 Minuten Zeit, Mannis Leben zu retten.

Im zweiten Satz gibt die Infinitivgruppe an, um welche Art zwanzig Minuten Zeit es sich handelt.

In diesem Fall kann also dasselbe (Zeit für etwas) mit einem finalen Adverbialsatz (d. h. die Zeit, um etwas zu tun) oder mit einem Attribut (d. h. die Zeit, etwas zu tun) ausgedrückt werden. Der Text auf der Rückseite der DVD hätte also zum Beispiel auch wie folgt formuliert werden können:

Nur 20 Minuten Zeit, um 100 000 Mark zu besorgen. Nur 20 Minuten Zeit, um Mannis Leben zu retten.
Nur 20 Minuten Zeit, 100 000 Mark zu besorgen. Nur 20 Minuten Zeit, Mannis Leben zu retten.

Es gibt hier, wenn überhaupt, kaum einen Bedeutungsunterschied zwischen dem Attribut mit zu und dem Zwecksatz mit um zu. Das ist aber meistens nicht so:

Lisa benutzt ihre Fähigkeit, andere zu überzeugen.

Hier wird gesagt, dass Lisa die Fähigkeit hat, andere zu überzeugen, und dass sie diese Fähigkeit (zu einem nicht genannten Zweck) einsetzt. Die Infinitivkonstruktion bestimmt als Attribut die Fähigkeit, die benutzt wird, näher. Der Zweck wird nicht genannt.

Lisa benutzt ihre Fähigkeit, um andere zu überzeugen.

Hier wird gesagt, dass Lisa ihre (nicht näher bestimmte) Fähigkeit einsetzt und dass sie dies tut, um andere zu überzeugen. Die Infinitivkonstruktion gibt als Adverbialbestimmung den Zweck an, für den die Fähigkeit eingesetzt wird. Die Art der Fähigkeit wird nicht näher bestimmt. Vgl.:

Lisa benutzt ihre Fähigkeit, deutlich zu formulieren, um andere zu überzeugen.
Lisa benutzt ihre Fähigkeit, andere zu überzeugen, um ihre Pläne zu realisieren.

Dass die Unterscheidung wichtig sein kann, zeigt das letzte Beispiel:

Ich bin gegen ihren Plan, dir zu schaden.
Ich bin gegen ihren Plan, um dir zu schaden.

Wäre die erste Aussage an mich gerichtet, wäre ich über die freundliche Unterstützung erfreut. Bei der zweiten würde mich die feindliche Absicht betrüben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp