Was tut das Verb, wenn Neuschnee gemessen wird?

Neuschnee?! Milde Temperaturen ließen hier in den letzten Tagen auf den Frühlingsanfang hoffen, auch wenn die Narzissen sich noch gewaltig zieren und die Amseln ihre Stimme noch für das echte Frühlingskonzert schonen. Das tun sie nicht zu Unrecht: Heute Morgen war wieder alles weiß: fünf Zentimeter Neuschnee. Die folgende Frage passt dazu (auch wenn es hier zum Glück keine 20 cm sind):

Frage

Wie heißt es richtig: Es fiel / fielen 20 cm Neuschnee.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

beide Formulierungen kommen vor:

Es fielen 20 cm Neuschnee.
Es fiel 20 cm Neuschnee.

Das es spielt dabei keine Rolle. Es ist nur ein Platzhalter, damit die Stelle vor dem Verb nicht leer bleibt. Es hat keinen Einfluss auf die Form des Verbs. Ohne es:

Heute fielen 20 cm Neuschnee.
Heute fiel 20 cm Neuschnee.

Das Subjekt ist hier eine Mengenangabe im Plural (20 cm) mit etwas Gemessenem im Singular (Neuschnee). Bei solchen Angaben hat das Verb zwei Möglichkeiten.

Es kann sich nach der Mengenangabe richten und im Plural stehen:

Es fielen 20 cm Neuschnee.
500 g Fleisch sind genug.
2 ml Impfstoff wurden gespritzt.

Dies ist die häufiger vorkommende Variante, die auch vor den strengsten Grammatikern Gnade findet.

Das Verb kann sich aber auch sinngemäß nach dem Gemessenen richten und im Singular stehen:

Es fiel 20 cm Neuschnee.
500 g Fleisch ist genug.
2 ml Impfstoff wurde gespritzt.

Die folgenden Beispiele sollen zeigen, dass auch der Singular nicht gänzlich abwegig ist:

Es fiel wenig / viel / 20 cm Neuschnee.
So viel / weniger / 500 g Fleisch ist genug.
Wie viel / aller / 2 ml Impfstoff wurde gespritzt.

Die Einzahl kommt nach den Angaben der Grammatiken aber weniger häufig vor und gilt bei den strengeren unter ihnen als nicht standardsprachlich oder sogar falsch. So weit würde ich nicht gehen, aber wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, schreiben Sie also:

Es fielen 20 cm Neuschnee.

In dieser Zeit des Jahres wäre ich allerdings froh, wenn gar kein Neuschnee mehr fiele. Bei „Es fiel kein Neuschnee“ gibt es auch keine Unsicherheiten beim Numerus des Verbs!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Vgl. die Angaben in der Canoonet-Grammatik.

Wann, wenn und wann immer

Frage

Welche Varianten sind korrekt? Gibt es Bedeutungsunterschiede?

1) Damit Sie Ihre Abfälle dann vorbeibringen können, wenn es Ihnen am besten passt.
2) … wann es Ihnen am besten passt.

a) Wann immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran: …
b) Wenn immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran: …

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

richtig sind die folgenden beiden Formulierungen:

1) Damit Sie Ihre Abfälle dann vorbeibringen können, wenn es Ihnen am besten passt.
a) Wann immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran …

Die Wörter wann und wenn haben nicht die gleiche Funktion: Mit dem Fragewort wann wird eine (direkte oder indirekte) Ergänzungsfrage eingeleitet. Es wird nach einem Zeitpunkt gefragt (vgl. hier und hier):

Wann passt es Ihnen am besten?
Geben Sie bitte an, wann es Ihnen am besten passt.

Mit der Konjunktion wenn wird ein Temporalsatz eingeleitet. Es wird ein Zeitpunkt angegeben (vgl. u. a. hier)

Ich komme, wenn es mir am besten passt.
Sie können dann kommen, wenn es Ihnen am besten passt.

Also:

Frage: Wann kommst du?
Zeitangabe: Ich komme (dann), wenn

Die Verwendung von wann als Einleitewort eines Temporalsatzes kam früher übrigens häufiger vor:

Wann die Morgenlüfte blasen,
ist verweht der Elfen Spur.
Wo sie tanzten auf dem Rasen,
bleibt ein fahler Kringel nur.
[aus Die Königskerze von Friedrich Rückert, 1788-1866]

Sie gilt im heutigen Deutschen aber nicht mehr als standardsprachlich.

So weit, so gut. Das erklärt aber noch nicht die Verwendung von wann im obenstehenden Satz a).

Die Kombination von einem Fragewort und immer (und/oder auch) leitet keinen Fragesatz ein. Sie hat eine verallgemeinernde Bedeutung. Zum Beispiel:

Wer immer dafür verantwortlich ist, wird …
Du gibst das Geld zurück, von wem immer du es bekommen hast!
Ich glaube dir nicht, was du auch sagst.
Wo immer die beiden auch stecken mögen, ich werde sie finden.
Wie auch immer ihr es tut, Hauptsache ist, dass es rechtzeitig fertig ist.
Wir werden Sie unterstützen, wofür auch immer Sie sich entscheiden.

Wenn mit einer solchen Konstruktion ein unbestimmter Zeitpunkt angegeben wird, steht entsprechend das Fragewort wann, obwohl es sich nicht um eine Frage handelt:

Wann immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran …
Du kannst kommen, wann immer du willst.

Für manche Dialektsprecher und -sprecherinen ist diese Unterscheidung zwischen wann und wenn in der Standardsprache hin und wieder etwas schwieriger, weil es diesen Unterschied in einigen Dialekten und Regionalsprachen gar nicht gibt. Zumindest in meinem Dialekt heißt es immer wänn.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mit jemand(em) anderem/anders/anderes

Ich mag es, wenn in der Sprache scheinbar ein heilloses Durcheinander herrscht oder wenn wie in diesem Fall tatsächlich nur wenig Einheit und Regelmäßigkeit zu erkennen ist. Lassen Sie sich nicht durch die Variantenvielfalt verwirren, sondern betrachten Sie es einfach als ein kurioses Formenspiel!

Frage

Wie heißt es richtig?

Wollen Sie mit jemandem anderen sprechen?
Wollen Sie mit jemand anderes sprechen?
Wollen Sie mit jemand anders sprechen?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

ich habe keine eindeutige, klare Antwort auf Ihre Frage. Es gibt hier nämlich mehr als nur eine standardsprachlich (mehr oder weniger) übliche Formulierung. Es gibt deren sogar erstaunlich viele!

Üblich ist vor allem:

Wollen Sie mit jemand anders sprechen?
Wollen Sie mit jemand anderem sprechen?

Daneben kommt seltener auch die gebeugte Form jemandem vor:

Wollen Sie mit jemandem anders sprechen?
Wollen Sie mit jemandem anderem sprechen?

Das ist aber noch nicht alles. Auch die Form anderes kommt vor. Sie wird im Dativ allerdings nicht von allen als richtig akzeptiert:

Wollen Sie mit jemand anderes sprechen?
Wollen Sie mit jemandem anderes sprechen?

Als nicht richtig gilt allgemein diese letzte Formulierung, in der die schwach gebeugte Form anderen nach jemandem steht:

*Wollen sie mit jemandem anderen sprechen?

Das war aber erst der Dativ. Wie sieht es im Nominativ und im Akkusativ aus? (Den Genitiv können wir hier vernachlässigen, denn er kommt bei dieser Formulierung praktisch nie vor: jemandes anderen Meinung).

Im Nominativ und im Akkusativ steht nach jemand die sächliche Form anderes oder das unveränderliche anders.Vor allem im südlichen deutschen Sprachraum kommen auch die männlichen Formen anderer resp. anderen vor. Die Nominativform wird allerdings nicht von allen als richtig anerkannt. Dann noch dies: Im Akkusativ wird neben der ungebeugten Form jemand seltener auch die gebeugte Form jemanden verwendet. Wer es jetzt noch begreift, ist außergewöhnlich sprachbegabt! Für alle anderen (auch mich selbst) habe ich hier die Formen einmal zusammengestellt:

Jemand anderes sollte mit ihnen reden.
Jemand anders sollte mit ihnen reden.
Jemand anderer sollte mit ihnen reden. (?)

Sie hat mich für jemand anderes gehalten.
Sie hat mich für jemand anders gehalten.
Sie hat mich für jemand anderen gehalten.
Sie hat mich für jemanden anderes gehalten.
Sie hat mich für jemanden anders gehalten.
Sie hat mich für jemanden anderen gehalten.

Dasselbe gilt übrigens auch für ander… nach niemand und wer/wen/wem. Wenn Sie Lust haben, können Sie die „Formenparade“ auch für diese beiden Fälle durchexerzieren. Ich tue das hier nicht, denn ich sehe jetzt schon vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr! Ich überlasse es deshalb gern jemand…

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Wenn Sie einmal wirklich nicht mehr wissen, wie es heißt, und Sie in Eile sind: anders ist vielleicht nicht in allen Ohren immer die wohlklingendste Wahl, aber immer richtig – außer im Genitiv – aber den braucht  ja doch keine/keiner …

Wasser sparen hilft die Umwelt schonen, und das mit und ohne „zu“

Liebhaber und Liebhaberinnen einer einzigen korrekte Formulierung ist das folgende Thema wohl eher ein Gräuel. Wer Variantenvielfalt mag, lese weiter und freue sich!

Frage

Ich bin etwas unsicher bei manchen Infinitivkonstruktionen, wenn sie ohne „zu“ stehen. Zum Beispiel:

Wasser sparen hilft die Umwelt schonen.

Ist dieser Satz als mögliche Verkürzung von „Wasser zu sparen hilft die Umwelt zu schonen“ zulässig oder ist das „zu“ obligatorisch?

Antwort

Sehr geehrter Herr U.,

der Satz kann ohne zu formuliert werden:

Wasser sparen hilft die Umwelt schonen.

Die erste Infinitivkonstruktion ist das Subjekt des Satzes: Wer oder was hilf die Umwelt zu schonen? Wenn eine Infinitivkonstruktion die Funktion des Subjekts hat, kann sie mit oder ohne zu stehen:

Dich zu verstehen ist nicht immer einfach.
Dich verstehen ist nicht immer einfach.

Somit auch:

Wasser zu sparen hilft …
Wasser sparen hilft …

Je länger und komplexer die Infinitivkonstruktion ist, desto üblicher ist es übrigens, zu zu verwenden. (Siehe diese Grammatikseite ganz unten. Dort finden Sie auch Angaben zum dem, was nun folgt).

Die zweite Infinitivkonstruktion ist von helfen abhängig. Wenn der Infinitiv allein steht, steht er ohne zu:

Er hilft mir abwaschen.

Eine erweiterte Infinitivgruppe steht bei helfen meistens mit zu, sie kann aber auch ohne zu verwendet werden:

Er hilft mir[,] das Geschirr abzuwaschen.
Er hilft mir das Geschirr abwaschen.

Die zweite Infinitivkonstruktion in Ihrem Beispiel steht somit eher mit zu, sie kann aber auch ohne zu stehen:

… hilft Wasser zu sparen.
… hilft Wasser sparen.

Beide Infinitivgruppen können also mit oder ohne zu stehen. Daraus ergeben sich alles in allem vier mögliche Formulierungen:

Wasser zu sparen hilft die Umwelt zu schonen.
Wasser sparen hilft die Umwelt zu schonen.
Wasser zu sparen hilft die Umwelt schonen.

und eben auch:

Wasser sparen hilft die Umwelt schonen.

Genau genommen gibt es orthografisch sogar noch mehr Möglichkeiten. Die „zu-lose“ Infinitivgruppe Wasser sparen kann nämlich auch als Substantivierung aufgefasst und zusammengeschrieben werden (das Wassersparen):

Wassersparen hilft die Umwelt [zu] schonen.

Weiter können die Infinitivgruppen mit zu fakultativ durch ein Komma abgetrennt werden (Regel). Ich erspare aber Ihnen und nicht zuletzt auch mir die Aufzählung der dadurch entstehenden möglichen Schreibvarianten. Die Variantenvielfalt ist jetzt schon groß genug!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

0,1 und die rätselhafte Mehrzahl

Frage

Heißt es „Wir haben 0,1 Sekunde Zeit“ oder „Wir haben 0,1 Sekunden Zeit“?

Antwort

Sehr geehrter Herr Q.,

nach 0,1 und 0,01 steht die Maßbezeichnung erstaunlicherweise im Plural:

in 0,1 Sekunden
mit 0,01 Sekunden Rückstand

Dies gilt allerdings nur für Maßbezeichnungen, die auch nach anderen Zahlenangaben wie 2, 10 oder 843 im Plural stehen. Das sind in der Regel die weiblichen Maßbezeichnungen (siehe hier):

in 0,1 Sekunden wie in 2 Sekunden
0,1 Meilen wie 10 Meilen

Bei männlichen und sächlichen Maßbezeichnungen hingegen steht die Singularform (vgl. hier):

0,1 Kilo wie 2 Kilo
0,01 Euro wie 10 Euro

Unabhängig vom Genus der Maßbezeichnung werden Angaben mit 0,1 und 0,01 im Satz als Mehrzahl behandelt:

0,1 Gramm müssen hinzugefügt werden.
0,01 Sekunden sind einfach zu kurz!

Bei 0,2 verstehe ich die Mehrzahl ja sofort. Bei 0,1 bleibt sie für mich eher rätselhaft. Falls hier eine mathematische oder andere Logik dahintersteckt, ist sie mir bis jetzt entgangen. Aber so schreiben wir es nun einmal. In der gesprochenen Sprache kommt null Komma eins ja eher selten vor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kongruenz des Verbs bei Gleichsetzungsnominativen

Wenn eine Frage schnell zu beantworten ist, soll wenigstens der Titel eindrücklich klingen – und die Einleitung etwas länger sein:

Vielleicht kennen Sie die folgende Situation auch: Eine Schülerin, ein Schüler oder eine fremdsprachige Person, die sich vorgenommen hat, die Tücken der deutschen Sprache zu meistern, stellt Ihnen die Frage: „Heißt es so oder so?“ Mit etwas Glück handelt es sich nicht um einen dieser leidigen Zweifelsfälle und ist die Frage ganz einfach mit „Es heißt so“ beantwortet. Sie lehnen sich also gemächlich zurück, zufrieden, die gute Tat für den heutigen Tag vollbracht zu haben. Und dann kommt sie, die zweite Frage: „Warum heißt es so, wie lautet die Regel?“ Man kann diese Frage niemandem wirklich übel nehmen, denn Regelkenntnis kann beim Erlernen einer Sprache hilfreich sein. Trotzdem wäre es Ihnen viel lieber gewesen, wenn die Frage nicht gestellt worden wäre. Der Grund: Sie haben keine blasse Ahnung, warum es so heißt.

In dieser Situation war Frau E. und in diese Situation hat sie mich mit der hierher weitergeleiteten Frage gebracht. Ich wende mich in solchen Fällen natürlich vertrauensvoll an die Canoonet-Grammatik. Auch diesmal bin ich fündig geworden!

Frage

Bitte helfen Sie mir bei folgendem Satz:

Das Thema der Grafik sind die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen.

Ich bin ziemlich sicher, dass das Verb hier völlig korrekt im Plural steht. Aber warum? Eigentlich müsste es doch heißen „Das Thema ist …“, aber eben, die Emissionen sind ja Plural. Können Sie mir eine Regel nennen, die ich dazu im Unterricht gegebenenfalls zitieren könnte?

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

es handelt sich hier um einen Satz mit einem sogenannten Gleichsetzungsnominativ. Bei dieser Konstruktion werden zwei Nominative über Verben wie sein, bleiben und werden miteinander verbunden

A ist/bleibt/wird B.

Wenn die beiden so verbundenen Substantive den gleichen Numerus haben, ist die Lage ganz einfach:

Das Kind ist eine Nervensäge.
Die Kinder sind Nervensägen.

Wie lautet nun die „Regel“ für den Fall, der Sie beschäftig? – Ganz einfach: Wenn die beiden Nominative nicht den gleichen Numerus haben, steht das Verb im Plural, ganz gleich in welcher Reihenfolge die Substantive stehen:

Die Kinder sind ihre größte Freude.
Ihre größte Freude sind die Kinder.
Stiefel bleiben auch diesen Winter ein Muss.
Das Thema der Grafik sind die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen.

Mehr zu diesem Thema finden Sie auf dieser Grammatikseite (ganz unten):

Zufrieden mit dieser Antwort lehnt „Dr. Bopp“ sich zurück. Es soll nun niemand wagen, die Frage zu stellen, warum hier der Plural gewinnt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

20 % auf alles/allem

Auch wenn es vielerorts fast das ganze Jahr hindurch Ausverkauf zu sein scheint, ist der Januar traditionell immer noch eine gute Zeit für die Schnäppchenjagd. Hierzu eine passende Frage:

Frage

Heißt es 20 % auf alles oder auf allem?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

am besten sagen und schreiben Sie:

20 % auf alles

Die Form alles ist ein Akkusativ. 20 % auf alles steht für 20 % Rabatt auf alles. Man gewährt, gibt oder erhält Rabatt auf eine Sache, nicht auf einer Sache. Nach Rabatt auf folgt also der Akkusativ:

10 % Rabatt auf den Listenpreis
2 € Rabatt auf alle Nagellacke
bis zu 50 % Rabatt auf Markenanzüge
20 % Rabatt auf alles

Der Dativ auf allem ist aber theoretisch gar nicht so abwegig. Er ruft das Bild auf, dass auf allem ein Rabatt von 20 % liegt. Dieses Bild des verführerisch auf der loszuwerdenden Ware drapierten Rabatts verwenden wir aber im Deutschen (leider) nicht. 20 % auf allem ist deshalb nicht üblich.

Spannender als die Frage nach Akkusativ oder Dativ ist natürlich, ob das gute Stück, das im Ausverkauf erworben werden soll, immer noch da ist, wenn 20 % auf alles zu 50 % oder sogar 75 % auf alles geworden ist – falls die Preise tatsächlich so tief sinken. Bei dieser Problematik sind Sie aber auf sich selbst und Ihren persönlichen Shoppingassistenten angewiesen, als Linguist kann ich hier nicht weiterhelfen.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Frage 1 in Woche 3

Frage

Mich würde interessieren, ob in den beiden nachstehenden Fällen statt im auch in verwendet werden könnte.

Patienten im Stadium III
ein Karzinom im Stadium III

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

gebräuchlich und richtig ist beides:

Patienten im Stadium III
Patienten in Stadium III

ein Karzinom im Stadium III
ein Karzinom in Stadium III

Wenn eine Grundzahl wie eine Ordnungszahl verwendet wird, steht sie direkt hinter dem Substantiv (drittes Stadium = Stadium drei). Das Substantiv kann dann mit oder ohne Artikel verwendet werden. Ein paar Beispiele:

auf Seite 23 / auf der Seite 23
in Kapitel 5 / im Kapitel 5
ein Sitzplatz in Reihe 10 / in der Reihe 10

Auch mit Buchstaben, die der Ordnung dienen, funktioniert das so:

Benutzen Sie bitte Lift F / den Lift F
Wir treffen uns vor Eingang B / vor dem Eingang B
Vorlesung in Hörsaal H-3 / Vorlesung im Hörsaal H-3

Es gibt noch einen weiteren Unterschied: Wenn die Variante ohne Artikel gewählt wird, ist das Substantiv unveränderlich:

auf Seite 25–32 / auf den Seiten 25–32
Lesen Sie Abschnitt 4–5 / die Abschnitte 4 und 5
Das steht in Paragraf 23 / im Paragrafen 23
Arbeitsgruppen in Raum A–F / in den Räumen A bis F
Patienten in Stadium II–IV / in den Stadien II–IV

Bei in dieser Weise nummerierten Einheiten gibt es also zwei Formulierungsweisen:

  • ohne Artikel und unveränderlich oder
  • mit Artikel und gebeugt.

So viel zu Frage 1 in Woche 3/2013.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist oder sind Social Media?

Frage

„Social Media“ ist laut Wörterbuch ein Pluralwort, dennoch wird das Verb oft im Singular verwendet. Plural klingt in meinen Ohren auch schrecklich. Beispiel:

Social Media sind kein Hype, sondern Realität.

Was denken Sie darüber? Ist es zulässig den Singular zu verwenden?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

auch ich würde Ihnen empfehlen, Social Media als Pluralwort zu verwenden:

Social Media sind kein Hype, sondern Realität.

Gründe dafür sind:

– Die deutsche Entsprechung ist ebenfalls ein Plural: soziale Medien.
– Im Englischen ist media eigentlich eine Pluralform von medium.

Woher kommt dann die relativ häufige Verwendung des Verbs in der Einzahl (Social Media ist …)? Der Singular kommt wahrscheinlich auch aus dem Englischen, denn dort kann der Begriff social media sowohl in der Einzahl als auch in der Mehrzahl verwendet werden. Er steht, grob gesagt, mit dem Singular (social media is), wenn er allgemein als Sammelbegriff verstanden wird. Er steht mit dem Plural (social media are), wenn eine Mehrzahl einzelner Medien gemeint ist (Facebook, Twitter, Youtube, LinkedIn, Blogs, Wikis usw.).

Das Gleiche ist im Englischen auch bei media (Medien) möglich:

The media is responsable for her death.
The media are responsable for her death.

Im Deutschen hingegen steht immer der Plural:

Die Medien sind für ihren Tod verantwortlich

ganz gleich ob die Medien als eine Gesamtheit gemeint sind oder als eine Mehrzahl einzelner Medien gesehen werden.

Auch andere Sammelbegriffe können im Englischen als Singular und als Plural behandelt werden. Zum Beispiel:

The data are correct.
The data is correct.

Her family is rich.
Her family are rich.

Im Deutschen haben wir hier viel weniger Freiheit. Wir müssen uns bei der Wahl der Verbform auch bei Sammelbegriffen nach der morphologischen Form des Substantivs richten:

Die Daten sind korrekt.
Ihre Familie ist reich.

Deshalb würde ich empfehlen, den englischen Lehnbegriff Social Media der in dieser Hinsicht viel weniger flexiblen deutschen Grammatik anzupassen und immer nur als Plural zu verwenden. Wie wäre es übrigens mit soziale Medien?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Tot, toter, toteste

Hier ist sie wieder einmal, die regelmäßig auftauchende Frage nach „unerlaubten“ Steigerungsformen:

Frage

Ist eine Steigerung von tot nicht etwas problematisch? Kann man (auch) toter als tot sein?

Antwort

Sehr geehrter Herr I.,

die Frage nach der Steigerung der sogenannten absoluten Adjektive wird recht häufig gestellt. Ich erlaube mir hier deshalb, statt einer ausführlichen Erklärung zwei Hinweise auf die Seiten von Canoonet zu anzugeben:

Steigerungsformen kommen auch bei „absoluten“ Adjektiven vor, wenn sie in einem übertragenen Sinne oder bewusst verstärkend verwendet werden. Sie haben natürlich Recht, dass tot in seiner Grundbedeutung ein absolutes Adjektiv ist, das nicht gesteigert werden kann. Wir gehen aber wie gesagt davon aus, dass „absolute“ Adjektive nicht immer ganz so absolut sind, das heißt, dass sie manchmal auch gesteigert werden können. Das gilt selbst für tot. Hier ein paar (Internet-)Zitate, die ich – es sei gleich vorweggenommen – für richig formuliert halte:

Vor dreißig Jahren hat ein Toter einem noch Toteren die Hand in den Hosenstall gesteckt.
(Anne Enright, „Das Familientreffen“, übersetzt von Hans-Christian Oeser)

Auf dem Schiff werden uns wilde Geschichten von toten Schiffspassagieren auf dem Grund des Königssees und noch toteren Bergsteigern in der Ostwand erzählt.

Ich habe Lebende gesehen, die einen toteren Eindruck gemacht haben als du.

… man spricht heutigentages übrigens gerade da am meisten vom Leben und vom Übergehen ins Leben, wo man in dem totesten Stoffe und in den totesten Gedanken versiert
(Hegel, „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, 3. Teil, 2. Abschnitt, B, a)

Den Rest des Jahres herrscht kulturell toteste Hose.

Irgendwann müssen Menschen begriffen haben, dass aus dem totesten Material, das wir uns denken können, aus toten Steinen, lebendiges flammendes Feuer zu gewinnen war, indem man sie aneinanderschlug, bis der Funke sprühte.
(Aus einer Predigt zur Karwoche)

Die Steigerungsformen von tot grundsätzlich zu verbieten bedeutet der Sprache zu enge Zügel anzulegen. Es ist tatsächlich wenig sinnvoll, das Adjektiv tot in der Grundbedeutung von nicht lebend zu steigern. Ein friedlich der Altersschwäche erlegenes Huhn ist nicht toter oder weniger tot als ein im Backofen brutzelndes Hähnchen. Die ethischen Fragen rund um den klinischen und den biologischen Tod sind u. a. deshalb so schwierig, weil wir nicht in den Begriffen mehr oder weniger tot, sondern lebend oder tot denken. Die obenstehenden Beispiele zeigen aber, dass das Wort tot nicht nur in diesem absoluten Sinne verwendet wird und dass es dann manchmal sogar Steigerungsformen hat.

Wenn diese Beispielsätze falsches oder schlechtes Deutsch wären, dann wären sie dies nicht, weil es die Steigerungsformen nicht geben könnte, sondern nur, weil es sie nicht geben dürfte. Wenn es toter und toteste wirklich nicht geben dürfte, müsste wohl auch die Wendung mehr tot als lebendig als unzulässige Vergleichsform rot angestrichen werden. Das Deutsche würde dadurch vielleicht etwas „präziser“, aber bestimmt nicht lebendiger.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp