0,1 und die rätselhafte Mehrzahl

Frage

Heißt es „Wir haben 0,1 Sekunde Zeit“ oder „Wir haben 0,1 Sekunden Zeit“?

Antwort

Sehr geehrter Herr Q.,

nach 0,1 und 0,01 steht die Maßbezeichnung erstaunlicherweise im Plural:

in 0,1 Sekunden
mit 0,01 Sekunden Rückstand

Dies gilt allerdings nur für Maßbezeichnungen, die auch nach anderen Zahlenangaben wie 2, 10 oder 843 im Plural stehen. Das sind in der Regel die weiblichen Maßbezeichnungen (siehe hier):

in 0,1 Sekunden wie in 2 Sekunden
0,1 Meilen wie 10 Meilen

Bei männlichen und sächlichen Maßbezeichnungen hingegen steht die Singularform (vgl. hier):

0,1 Kilo wie 2 Kilo
0,01 Euro wie 10 Euro

Unabhängig vom Genus der Maßbezeichnung werden Angaben mit 0,1 und 0,01 im Satz als Mehrzahl behandelt:

0,1 Gramm müssen hinzugefügt werden.
0,01 Sekunden sind einfach zu kurz!

Bei 0,2 verstehe ich die Mehrzahl ja sofort. Bei 0,1 bleibt sie für mich eher rätselhaft. Falls hier eine mathematische oder andere Logik dahintersteckt, ist sie mir bis jetzt entgangen. Aber so schreiben wir es nun einmal. In der gesprochenen Sprache kommt null Komma eins ja eher selten vor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kongruenz des Verbs bei Gleichsetzungsnominativen

Wenn eine Frage schnell zu beantworten ist, soll wenigstens der Titel eindrücklich klingen – und die Einleitung etwas länger sein:

Vielleicht kennen Sie die folgende Situation auch: Eine Schülerin, ein Schüler oder eine fremdsprachige Person, die sich vorgenommen hat, die Tücken der deutschen Sprache zu meistern, stellt Ihnen die Frage: „Heißt es so oder so?“ Mit etwas Glück handelt es sich nicht um einen dieser leidigen Zweifelsfälle und ist die Frage ganz einfach mit „Es heißt so“ beantwortet. Sie lehnen sich also gemächlich zurück, zufrieden, die gute Tat für den heutigen Tag vollbracht zu haben. Und dann kommt sie, die zweite Frage: „Warum heißt es so, wie lautet die Regel?“ Man kann diese Frage niemandem wirklich übel nehmen, denn Regelkenntnis kann beim Erlernen einer Sprache hilfreich sein. Trotzdem wäre es Ihnen viel lieber gewesen, wenn die Frage nicht gestellt worden wäre. Der Grund: Sie haben keine blasse Ahnung, warum es so heißt.

In dieser Situation war Frau E. und in diese Situation hat sie mich mit der hierher weitergeleiteten Frage gebracht. Ich wende mich in solchen Fällen natürlich vertrauensvoll an die Canoonet-Grammatik. Auch diesmal bin ich fündig geworden!

Frage

Bitte helfen Sie mir bei folgendem Satz:

Das Thema der Grafik sind die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen.

Ich bin ziemlich sicher, dass das Verb hier völlig korrekt im Plural steht. Aber warum? Eigentlich müsste es doch heißen „Das Thema ist …“, aber eben, die Emissionen sind ja Plural. Können Sie mir eine Regel nennen, die ich dazu im Unterricht gegebenenfalls zitieren könnte?

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

es handelt sich hier um einen Satz mit einem sogenannten Gleichsetzungsnominativ. Bei dieser Konstruktion werden zwei Nominative über Verben wie sein, bleiben und werden miteinander verbunden

A ist/bleibt/wird B.

Wenn die beiden so verbundenen Substantive den gleichen Numerus haben, ist die Lage ganz einfach:

Das Kind ist eine Nervensäge.
Die Kinder sind Nervensägen.

Wie lautet nun die „Regel“ für den Fall, der Sie beschäftig? – Ganz einfach: Wenn die beiden Nominative nicht den gleichen Numerus haben, steht das Verb im Plural, ganz gleich in welcher Reihenfolge die Substantive stehen:

Die Kinder sind ihre größte Freude.
Ihre größte Freude sind die Kinder.
Stiefel bleiben auch diesen Winter ein Muss.
Das Thema der Grafik sind die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen.

Mehr zu diesem Thema finden Sie auf dieser Grammatikseite (ganz unten):

Zufrieden mit dieser Antwort lehnt „Dr. Bopp“ sich zurück. Es soll nun niemand wagen, die Frage zu stellen, warum hier der Plural gewinnt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

20 % auf alles/allem

Auch wenn es vielerorts fast das ganze Jahr hindurch Ausverkauf zu sein scheint, ist der Januar traditionell immer noch eine gute Zeit für die Schnäppchenjagd. Hierzu eine passende Frage:

Frage

Heißt es 20 % auf alles oder auf allem?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

am besten sagen und schreiben Sie:

20 % auf alles

Die Form alles ist ein Akkusativ. 20 % auf alles steht für 20 % Rabatt auf alles. Man gewährt, gibt oder erhält Rabatt auf eine Sache, nicht auf einer Sache. Nach Rabatt auf folgt also der Akkusativ:

10 % Rabatt auf den Listenpreis
2 € Rabatt auf alle Nagellacke
bis zu 50 % Rabatt auf Markenanzüge
20 % Rabatt auf alles

Der Dativ auf allem ist aber theoretisch gar nicht so abwegig. Er ruft das Bild auf, dass auf allem ein Rabatt von 20 % liegt. Dieses Bild des verführerisch auf der loszuwerdenden Ware drapierten Rabatts verwenden wir aber im Deutschen (leider) nicht. 20 % auf allem ist deshalb nicht üblich.

Spannender als die Frage nach Akkusativ oder Dativ ist natürlich, ob das gute Stück, das im Ausverkauf erworben werden soll, immer noch da ist, wenn 20 % auf alles zu 50 % oder sogar 75 % auf alles geworden ist – falls die Preise tatsächlich so tief sinken. Bei dieser Problematik sind Sie aber auf sich selbst und Ihren persönlichen Shoppingassistenten angewiesen, als Linguist kann ich hier nicht weiterhelfen.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Frage 1 in Woche 3

Frage

Mich würde interessieren, ob in den beiden nachstehenden Fällen statt im auch in verwendet werden könnte.

Patienten im Stadium III
ein Karzinom im Stadium III

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

gebräuchlich und richtig ist beides:

Patienten im Stadium III
Patienten in Stadium III

ein Karzinom im Stadium III
ein Karzinom in Stadium III

Wenn eine Grundzahl wie eine Ordnungszahl verwendet wird, steht sie direkt hinter dem Substantiv (drittes Stadium = Stadium drei). Das Substantiv kann dann mit oder ohne Artikel verwendet werden. Ein paar Beispiele:

auf Seite 23 / auf der Seite 23
in Kapitel 5 / im Kapitel 5
ein Sitzplatz in Reihe 10 / in der Reihe 10

Auch mit Buchstaben, die der Ordnung dienen, funktioniert das so:

Benutzen Sie bitte Lift F / den Lift F
Wir treffen uns vor Eingang B / vor dem Eingang B
Vorlesung in Hörsaal H-3 / Vorlesung im Hörsaal H-3

Es gibt noch einen weiteren Unterschied: Wenn die Variante ohne Artikel gewählt wird, ist das Substantiv unveränderlich:

auf Seite 25–32 / auf den Seiten 25–32
Lesen Sie Abschnitt 4–5 / die Abschnitte 4 und 5
Das steht in Paragraf 23 / im Paragrafen 23
Arbeitsgruppen in Raum A–F / in den Räumen A bis F
Patienten in Stadium II–IV / in den Stadien II–IV

Bei in dieser Weise nummerierten Einheiten gibt es also zwei Formulierungsweisen:

  • ohne Artikel und unveränderlich oder
  • mit Artikel und gebeugt.

So viel zu Frage 1 in Woche 3/2013.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist oder sind Social Media?

Frage

„Social Media“ ist laut Wörterbuch ein Pluralwort, dennoch wird das Verb oft im Singular verwendet. Plural klingt in meinen Ohren auch schrecklich. Beispiel:

Social Media sind kein Hype, sondern Realität.

Was denken Sie darüber? Ist es zulässig den Singular zu verwenden?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

auch ich würde Ihnen empfehlen, Social Media als Pluralwort zu verwenden:

Social Media sind kein Hype, sondern Realität.

Gründe dafür sind:

– Die deutsche Entsprechung ist ebenfalls ein Plural: soziale Medien.
– Im Englischen ist media eigentlich eine Pluralform von medium.

Woher kommt dann die relativ häufige Verwendung des Verbs in der Einzahl (Social Media ist …)? Der Singular kommt wahrscheinlich auch aus dem Englischen, denn dort kann der Begriff social media sowohl in der Einzahl als auch in der Mehrzahl verwendet werden. Er steht, grob gesagt, mit dem Singular (social media is), wenn er allgemein als Sammelbegriff verstanden wird. Er steht mit dem Plural (social media are), wenn eine Mehrzahl einzelner Medien gemeint ist (Facebook, Twitter, Youtube, LinkedIn, Blogs, Wikis usw.).

Das Gleiche ist im Englischen auch bei media (Medien) möglich:

The media is responsable for her death.
The media are responsable for her death.

Im Deutschen hingegen steht immer der Plural:

Die Medien sind für ihren Tod verantwortlich

ganz gleich ob die Medien als eine Gesamtheit gemeint sind oder als eine Mehrzahl einzelner Medien gesehen werden.

Auch andere Sammelbegriffe können im Englischen als Singular und als Plural behandelt werden. Zum Beispiel:

The data are correct.
The data is correct.

Her family is rich.
Her family are rich.

Im Deutschen haben wir hier viel weniger Freiheit. Wir müssen uns bei der Wahl der Verbform auch bei Sammelbegriffen nach der morphologischen Form des Substantivs richten:

Die Daten sind korrekt.
Ihre Familie ist reich.

Deshalb würde ich empfehlen, den englischen Lehnbegriff Social Media der in dieser Hinsicht viel weniger flexiblen deutschen Grammatik anzupassen und immer nur als Plural zu verwenden. Wie wäre es übrigens mit soziale Medien?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Tot, toter, toteste

Hier ist sie wieder einmal, die regelmäßig auftauchende Frage nach „unerlaubten“ Steigerungsformen:

Frage

Ist eine Steigerung von tot nicht etwas problematisch? Kann man (auch) toter als tot sein?

Antwort

Sehr geehrter Herr I.,

die Frage nach der Steigerung der sogenannten absoluten Adjektive wird recht häufig gestellt. Ich erlaube mir hier deshalb, statt einer ausführlichen Erklärung zwei Hinweise auf die Seiten von Canoonet zu anzugeben:

Steigerungsformen kommen auch bei „absoluten“ Adjektiven vor, wenn sie in einem übertragenen Sinne oder bewusst verstärkend verwendet werden. Sie haben natürlich Recht, dass tot in seiner Grundbedeutung ein absolutes Adjektiv ist, das nicht gesteigert werden kann. Wir gehen aber wie gesagt davon aus, dass „absolute“ Adjektive nicht immer ganz so absolut sind, das heißt, dass sie manchmal auch gesteigert werden können. Das gilt selbst für tot. Hier ein paar (Internet-)Zitate, die ich – es sei gleich vorweggenommen – für richig formuliert halte:

Vor dreißig Jahren hat ein Toter einem noch Toteren die Hand in den Hosenstall gesteckt.
(Anne Enright, „Das Familientreffen“, übersetzt von Hans-Christian Oeser)

Auf dem Schiff werden uns wilde Geschichten von toten Schiffspassagieren auf dem Grund des Königssees und noch toteren Bergsteigern in der Ostwand erzählt.

Ich habe Lebende gesehen, die einen toteren Eindruck gemacht haben als du.

… man spricht heutigentages übrigens gerade da am meisten vom Leben und vom Übergehen ins Leben, wo man in dem totesten Stoffe und in den totesten Gedanken versiert
(Hegel, „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, 3. Teil, 2. Abschnitt, B, a)

Den Rest des Jahres herrscht kulturell toteste Hose.

Irgendwann müssen Menschen begriffen haben, dass aus dem totesten Material, das wir uns denken können, aus toten Steinen, lebendiges flammendes Feuer zu gewinnen war, indem man sie aneinanderschlug, bis der Funke sprühte.
(Aus einer Predigt zur Karwoche)

Die Steigerungsformen von tot grundsätzlich zu verbieten bedeutet der Sprache zu enge Zügel anzulegen. Es ist tatsächlich wenig sinnvoll, das Adjektiv tot in der Grundbedeutung von nicht lebend zu steigern. Ein friedlich der Altersschwäche erlegenes Huhn ist nicht toter oder weniger tot als ein im Backofen brutzelndes Hähnchen. Die ethischen Fragen rund um den klinischen und den biologischen Tod sind u. a. deshalb so schwierig, weil wir nicht in den Begriffen mehr oder weniger tot, sondern lebend oder tot denken. Die obenstehenden Beispiele zeigen aber, dass das Wort tot nicht nur in diesem absoluten Sinne verwendet wird und dass es dann manchmal sogar Steigerungsformen hat.

Wenn diese Beispielsätze falsches oder schlechtes Deutsch wären, dann wären sie dies nicht, weil es die Steigerungsformen nicht geben könnte, sondern nur, weil es sie nicht geben dürfte. Wenn es toter und toteste wirklich nicht geben dürfte, müsste wohl auch die Wendung mehr tot als lebendig als unzulässige Vergleichsform rot angestrichen werden. Das Deutsche würde dadurch vielleicht etwas „präziser“, aber bestimmt nicht lebendiger.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Temperaturen und Schneefallgrenzen fallen

Eine nicht allzu wichtige Frage, die aber gut zum Winteranfang passt. Es geht um sinkenden Temperaturen und Schneefallgrenzen:

Frage

Meteorologen stellen mir manchmal Fragen, die anderen Menschen selten in den Sinn kommen. Da ich mich überfragt fühle, leite ich die folgende Fragen weiter:

Angabe schwankender Werten (auch im mündlichen Vortrag -> Wetterbericht): Gibt es überhaupt eine Vorgabe für die Reihenfolge? Von klein nach groß und bei fallenden Werten nach Logik von groß nach klein?

Die Schneefallgrenze steigt / fällt auf 800 bis 1000 Meter / 1000 bis 800 Meter.
Die Temperaturen fallen auf drei bis acht Grad / acht bis drei Grad

Und wie sieht das Ganze bei Minuswerten aus – anders als bei Pluswerten? Orientiert man sich an der Null als Ausgangspunkt? Oder am absoluten Nullpunkt? Oder kann das jeder machen, wie er will?

Die Temperaturen fallen auf minus drei bis minus acht Grad / minus acht bis minus drei Grad.
Die Temperatur steigt auf minus fünf bis minus zwei Grad.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

unverrückbar festliegende Regeln gibt es wie so oft auch hier nicht. Es gibt aber mehr oder weniger Übliches:

Bei steigen wird immer die niedrigere Zahl zuerst genannt, wenn ein Bereich angegeben wird:

Die Schneefallgrenze steigt auf 800 bis 1000 Meter.
Die Temperatur steigt auf 10 bis 15 Grad.
Die Temperatur steigt auf minus 5 bis minus 3 Grad.

Bei fallen oder sinken kommen beide Reihenfolgen vor:

Die Schneefallgrenze sinkt auf 800 bis 1000 Meter.
Die Schneefallgrenze sinkt auf 1000 bis 800 Meter.

Die Temperatur sinkt auf 5 bis 1 Grad.
Die Temperatur sinkt auf 1 bis 5 Grad. (seltener)

Bei Minuswerten:

Die Temperatur sinkt auf minus 3 bis minus 5 Grad.
Die Temperatur sinkt auf minus 5 bis minus 3 Grad. (seltener)

Eine feste Reihenfolge gibt es also nur bei steigen. Bei sinken sind beide Reihenfolgen möglich. Dabei wird mit der Reihenfolge niedrig–hoch die allgemein übliche Art der Angabe eines Bereiches übernommen. Bei der Reihenfolge hoch–niedrig wird die Richtung des Sinkens in die Angabe des Bereiches einbezogen. Beides ist grammatikalisch, logisch und auch sonst gut vertretbar. Möge die Schneefallgrenze für begeisterte Skifahrer möglichst bald tief genug sinken und für wenig abenteuerlustig eingestellte Autofahrer wie mich möglichst lange hoch genug bleiben!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

An und zu Weihnachten

Mit „an und zu Weihnachten“ ist nicht der adlige Nachname des Weihnachtsmannes gemeint, sondern eine immer wieder auftauchende Frage, die zu Beginn der Adventszeit auch mich erreicht hat:

Frage

Anlässlich der meisten Festtage rege ich mich über die Formulierung der Radiomoderatoren (u. Ä.) auf, wenn sie zeitnah zum jeweiligen Fest von „an Ostern“, „an Weihnachten“ usw. sprechen. Für mich ist das „an“ eine Ortsbestimmung (an die Wand gestellt und zu Weihnachten wieder in die Stube). Was gibt es von Ihrer Seite dazu für eine Meinung?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

wenn an immer eine Ortsbestimmung anführte, würde auch mit den folgenden Aussagen etwas nicht stimmen:

am Mittwoch
an einem schönen Sommerabend
an diesem 4. Dezember

Das kann also nicht der Grund sein. Bei an und zu spielt in diesem Fall etwas anderes eine Rolle: Die Zeitangaben an Weihnachten und zu Weihnachten (ebenso Ostern, Pfingsten) sind regional bestimmt. Im Norden und Osten Deutschlands sowie in Österreich ist zu Weihnachten verbreitet. Im Westen und Süden Deutschlands und in der Schweiz heißt es in der Regel an Weihnachten. Daneben gibt es auch noch Menschen, die keine Präposition verwenden. Es gibt im Deutschen mehr als eine Formulierung, von denen auch standardsprachlich keine die „Alleinherrschaft“ beanspruchen kann:

Was machst du zu Weihnachten?
Was machst du an Weihnachten?
Was machst du Weihnachten?

Die genauere geografische Verteilung der Varianten finden Sie im Atlas der deutschen Alltagssprache der Uni Augsburg.

Sie ärgern sich also zu Unrecht über eine falsche Formulierung. Die Radiomoderatoren (u. Ä.), die Sie meinen, kommen einfach aus der „an-Region“, während Sie offensichtlich aus der „zu-Region“ stammen.

Bei Geschenken anlässlich des Weihnachtsfestes verwenden übrigens auch die „an-Sager“ und „an-Sagerinnen“ meistens zu:

jemandem etwas zu Weihnachten schenken

Hier ist nicht der Zeitpunkt gemeint, sondern zu welchem Zweck, zu welchem Anlass das Geschenk gegeben wird.

Wenn Sie also in den nächsten Tagen jemand fragt, was Sie zu oder an Weihnachten tun werden, finden Sie in der Frage einen kleinen Anhaltspunkt, woher der Fragesteller oder die Fragestellerin kommen könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alles daransetzen, (um) … zu

Frage

Ich heiße E[…] und ich studiere Deutsch. Ich habe eine Frage an Sie zum Thema „Infinitivsätze“. Ich habe gemerkt, dass man bei Infinitivsätzen mit „um…zu“ manchmal das „um“ weglässt. Zum Beispiel:

Ich habe alles daran gesetzt, das Problem zu lösen.
Ich habe alles daran gesetzt, um das Problem zu lösen.

Welcher Satz ist korrekt? Ich würde das „um“ nie weglassen, trotzdem habe ich schon mehrmals gesehen, in mehreren Beispielen, dass es gemacht wird. Ist das korrekt? Ist es Hochdeutsch oder eher Umgangssprache? Ist es immer möglich?

Antwort

Guten Tag E.,

ob man einen uneingeleiteten Infinitivsatz verwenden kann, hängt vom Prädikat (dem „Hauptverb“) des Satzes ab. Siehe hier. Beim Prädikat dransetzen (= aufbieten, einsetzen) kann eine solche uneingeleitete Infinitivkonstruktion stehen:

Sie haben alles darangesetzt, ihn zu finden.
Er hat all seine Kräfte darangesetzt, sein Ziel zu erreichen.
Ich habe alles darangesetzt, das Problem zu lösen.

Hier ist aber auch ein Zwecksatz mit um … zu möglich:

Sie haben alles darangesetzt, um ihn wiederzufinden.
Er hat all seine Kräfte darangesetzt, um sein Ziel zu erreichen.
Ich habe alles darangesetzt, um das Problem zu lösen.

Man kann also sagen, dass es bei den letzten drei Sätzen möglich ist, das um wegzulassen. Das geht auch bei anderen Prädikaten, die mit einer Infinitivkonstruktion stehen können, wenn ein Zweck angegeben wird:

Sie haben ihr Möglichstes getan, um ihn zu finden.
Sie haben ihr Möglichstes getan, ihn zu finden.

Ich habe alles versucht, um sie zum Lernen zu bewegen.
Ich habe alles versucht, sie zum Lernen zu bewegen.

Dies ist aber nur dann möglich, wenn

a) die Verbkonstruktion mit einem uneingeleiteten Infinitivsatz stehen kann;
b) der Infinitivsatz den Zweck der Handlung im Hauptsatz angibt.

Verstoß gegen a)

nicht: *Ich tue dies, dir zu helfen.
sondern nur: Ich tue dies, um dir zu helfen.

Bei etwas tun kann keine uneingeleitete Infinitivkonstruktion stehen.

Verstoß gegen b)

nicht: *Es nützt nichts, um dich zu verstecken. Sie finden dich überall.
sondern nur: Es nützt nichts, dich zu verstecken. Sie finden dich überall.

Der Infinitivsatz drückt nicht den Zweck des im Hauptsatz Gesagten aus.

Bevor Sie sich nun daranmachen, eine neue Regel zu lernen, sei Folgendes nocht gesagt: Es handelt sich hier nicht um eine spezielle, genau abzugrenzende Regel. Es geht hier um Satzkonstruktionen, in denen zwei unterschiedliche Ergänzungen stehen können, (uneingeleiteter Infinitivsatz und mit um … zu eingeleiteter Zwecksatz), die mehr oder weniger „zufällig“ dasselbe ausdrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Was sorgt Sie?“ ist zu kurz, wenn etwas Sorgen macht

Frage

Erst kürzlich stand ich vor einem kleinen Problem, das ich auch mit Kollegen nicht eindeutig klären konnte. Die Frage lautete: „Was sorgt Sie, wenn Sie an die Zukunft der Tante denken?“ Hierin liegt schon das Problem: Kann mich eine Sache sorgen? [… Ich bin] als Einziger in der Runde immer noch der Meinung – auch bei vielen anderslautenden Einträgen im Internet  –, dass eine Sache nicht sorgen kann, maximal Sorgen bereiten.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

Sie haben recht. In der deutschen Standardsprache kann das Verb sorgen nicht in dieser Weise verwendet werden:

nicht: *etwas sorgt jemanden
nicht: *Was sorgt Sie, wenn Sie an die Zukunft der Tante denken?
nicht: *Die hohe Jugendarbeitslosigkeit sorgt mich.

Wenn die Person, die Sorgen hat, Objekt des Satzes und das, was Sorgen bereitet, Subjekt des Satzes sein soll, muss eine etwas wortreichere Formulierung gewählt werden:

etwas bereitet/macht jemandem Sorgen
Was bereitet/macht Ihnen Sorgen, wenn Sie an die Zukunft der Tante denken?
Die hohe Jugendarbeitslosigkeit bereitet/macht mir Sorgen.

Im Zusammenhang mit Sorgen haben/bereiten kann das Verb sorgen nur reflexiv verwendet werden:

sich um etwas sorgen
Worum sorgen Sie sich, wenn Sie an die Zukunft der Tante denken?
Ich sorge mich um die arbeitslosen Jugendlichen.

Andere Formulierungsmöglichkeiten sind z. B.:

Worum machen Sie sich Sorgen, wenn Sie an die Zukunft der Tante denken?
Weshalb machen Sie sich Sorgen, wenn Sie an die Zukunft der Tante denken?
Ich finde die hohe Jugendarbeitslosigkeit besorgniserregend.

Alle diese Formulierungen sind vergleichsweise lang und komplex. Dennoch ist das so schön kurz und bündig abgefasste „Was sorgt Sie?“ standardsprachlich nicht üblich. Es könnte an dieser praktischen Kürze liegen, dass Formulierungen wie „Das sorgt mich (nicht)“ hin und wieder auftauchen. Andere Erklärungen könnten sein, dass regionalsprachlich eine ältere Nebenform „überlebt“ hat (vgl. Grimm, Ziffer 1-b-λ) oder dass hier die englische Konstruktion to worry someone = jemandem Sorgen bereiten einen Einfluss hat. Genaue Informationen dazu, woher diese „Kurzversion“ von Sorgen bereiten kommt, habe ich leider nicht.

Es heißt also nicht: „Was sorgt Sie?“, sondern zum Beispiel: „Was bereitet Ihnen Sorgen?“ Eine ganz andere Frage ist die folgende: Nachdem oben so viele Beispielsätze die Zukunft der Tante erwähnt haben, bin ich ganz neugierig geworden, welche besorgniserregenden Umstände der armen Tante denn bevorstehen könnten. Doch das ist keine Frage der Grammatik und bleibt deshalb an dieser Stelle ungeklärt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp