Wohin mit »schon« und »noch«?

Heute wieder einmal etwas, woran Muttersprachige nie denken und das Deutschlernenden und –lehrenden häufig Kopfzerbrechen bereitet: eine Frage zur Wortstellung.

Frage

Ich habe eine Frage zur Stellung von „noch“. Wieso kann in einigen Sätzen „noch“ sowohl vor als auch nach dem Objekt stehen, in manchen aber nicht? Beispiel:

Ich muss die Fahrkarte noch kaufen.
Aber nicht: Ich muss eine Fahrkarte noch kaufen.
Sondern: Ich muss noch eine Fahrkarte kaufen.

Ich muss die E-Mails noch beantworten.
Aber nicht: Ich muss E-Mails noch beantworten.
Sondern: Ich muss noch E-Mails beantworten.

Während es beim bestimmten Artikel wohl geht:

Ich muss die Fahrkarte noch kaufen.
Ich muss noch die Fahrkarte kaufen.

Ist das nur Sprachgewohnheit oder gibt es dafür eine Erklärung?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

richtig sind die folgenden Formulierungen:

a) Ich muss die Fahrkarte noch kaufen.
b) Ich muss noch eine Fahrkarte kaufen.

a) Ich muss die E-Mails noch beantworten.
b) Ich muss noch E-Mails beantworten.

a) Ich habe meinen Kamillentee schon getrunken.
b) Ich habe schon einen Kamillentee getrunken.

Bei der Wortstellung im Deutschen gelten verschiedene, sich zum Teil widersprechende Tendenzen. Wichtig ist dabei oft der Mitteilungswert oder einfach gesagt, ob eine Wortgruppe ein „neues“ Satzglied ist, mit dem neue Information eingeführt wird. Solche neuen Satzglieder stehen im deutschen Satz tendenziell weit rechts hinter der „alten“ Information (vgl. alt vor neu). Zum Beispiel:

Wem schenkt die Großmutter das Fotoalbum?
1) Sie schenkt das Fotoalbum ihrem Enkel.

Was schenkt die Großmutter ihrem Enkel?
2) Sie schenkt ihrem Enkel ein Fotoalbum.

Im ersten Satz ist die neue Information ihrem Enkel. Im zweiten Satz ist die neue Information ein Fotoalbum. Deshalb steht in Satz 1) das „neue“ Dativobjekt hinter dem „alten“ Akkusativobjekt. In Satz 2) hingegen steht das „neue“ Akkusativobjekt hinter dem „alten“ Dativobjekt.

Diese Tendenz verläuft parallel zur Tendenz, dass bestimmte Objekte im Satz eher links stehen und unbestimmte Objekte eher rechts (vgl. bestimmt vor unbestimmt). Unbestimmte Objekte sind Objekte mit einem unbestimmen oder keinem Artikel. Sie stehen deshalb weiter rechts im Satz, weil sie (fast) immer „neu“ sind. Den unbestimmten Artikel resp. keinen Artikel verwenden wir in der Regel für etwas Neues, noch nicht vorher Erwähntes.

Ein Enkel hat Geburtstag.
Was schenkt sie dem Enkel?
Sie schenkt dem Enkel ein Fotoalbum.

Sie verschenkt ein Fotoalbum.
Wem schenkt sie das Fotoalbum?
Sie schenkt das Fotoalbum einem Enkel.

Neues steht also weiter hinten im Satz als Altes, und Unbestimmtes steht weiter hinten als Bestimmtes. Und nun kommen wir endlich wieder auf Ihre Beispiele zurück. Hier gelten nämlich die folgenden Tendenzen:

a) Freie Adverbialbestimmungen stehen tendenziell hinter Subjekt, Dativobjekt und/oder Akkusativobjekt.

Die Adverbien noch und schon sind freie Adverbialbestimmungen. Die Objekte die Fahrkarte, die E-Mails und meinen Kamillentee sind bestimmte Objekte. Nach der Tendenz a) stehen die Adverbien oben in den Sätzen a) hinter den Objekten:

Ich muss die Fahrkarte noch kaufen.
Ich muss die E-Mails noch beantworten.
Ich habe meinen Kamillentee schon getrunken.

Aber:

b) Freie Adverbialbestimmungen stehen vor unbestimmtem Dativobjekt und/oder unbestimmtem Akkusativobjekt.

Die Objekte eine Fahrkarte, E-Mails und einen Kamillentee sind unbestimmte Objekte. Nach der Tendenz b) stehen die Adverbien in den Sätzen b) vor den Objekten:

Ich muss noch eine Fahrkarte kaufen.
Ich muss noch E-Mails beantworten.
Ich habe schon einen Kamillentee getrunken.

Tendenz b) lässt sich nun dadurch erklären, dass unbestimmte Objekte „neue“ Information sind und deshalb, wie wir oben gesehen haben, lieber weiter rechts, d. h. weiter hinten im Satz stehen.

Weitere Beispiele:

Vermutlich haben wir die Prüfung heute.
Vermutlich haben wir heute eine Prüfung.

Sie hat den Nagel mit dem Hammer eingeschlagen.
Sie hat mit dem Hammer einen Nagel eingeschlagen.

Das ist aber noch nicht alles (und hiermit sind wie beim letzten Teil Ihrer Frage): Während die Tendenz b) für die unbestimmten Objekte sehr stark ist, kann von der Tendenz a) für die bestimmten Objekte auch abgewichen werden. Das ist häufig dann der Fall, wenn das bestimmte Objekt „neue“ Information ist.

Was musst du noch tun?
Ich muss noch die E-Mails beantworten.
Ich muss noch die Fahrkarte kaufen.

Hier gehören die bestimmten Objekte im Satz zur neuen Information und können entsprechend hinter der Adverbialbestimmung stehen.

Mehr zu dieser Frage (und natürlich zu den unvermeidlichen Ausnahmen) finden Sie hier. Und wenn Ihnen nun immer noch nicht alles ganz klar ist oder wenn Sie denken, dass Sie es nie lernen werden: Keine Sorge, es ist alles nur eine Sache der Übung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Unbeständige Temporaladverbien: Sie sagte gestern, dass sie morgen zahlen werde.

Frage

Diesmal geht es um die indirekte Rede. Temporaladverbien (gestern, heute usw.) werden ja geändert:

Er sagt: „Ich bin gestern nicht in Köln gewesen.“
Er sagt, er sei am Tag zuvor nicht in Köln gewesen.

Wäre es falsch, auch in der indirekten Rede „gestern“ zu schreiben? Mich hätte das absolut nicht gestört…

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

es gibt praktisch keine Regel, die uneingeschränkt gilt. So auch hier. Zeitangaben, die sich unmittelbar auf den Sprechzeitpunkt beziehen, müssen in der indirekten Rede tatsächlich geändert werden – aber nur dann, wenn sie zum Sprechzeitpunkt nicht mehr aktuell sind:

Er sagte am 25. Januar: „Ich bin gestern nicht in Köln gewesen.“
Er sagte am 25. Januar, er sei am Tag zuvor nicht in Köln gewesen.“

Sie hat vor einigen Tagen gesagt: „Ich zahle morgen.“
Sie hat vor einigen Tagen gesagt, dass sie am Tag danach zahle.

Das liegt daran, dass es bei einem Zitat in direkter Rede zwei Sprechzeitpunkte gibt: den Zeitpunkt, an dem zitiert wird, und den Zeitpunkt, an dem das Zitierte gesagt wird. Wenn nun die direkte Rede in die indirekte Rede umgewandelt wird, verliert das Zitierte sozusagen seinen Sprechzeitpunkt. Es gibt nur noch den Sprechzeitpunkt des Zitierens.

Zeitangaben wie gestern, heute und morgen beziehen sich immer unmittelbar auf den Sprechzeitpunkt. Wenn bei der Umsetzung von der direkten in die indirekte Rede ein Sprechzeitpunkt verschoben wird, geschieht es häufig, dass dieser Bezug nicht mehr stimmt. Das morgen am Tag X ist ein paar Tage später nicht mehr morgen, sondern der Tag nach X. Deshalb müssen oben das gestern und das morgen der direkten Rede in der indirekten Rede durch z. B. am Tag zuvor und am Tag darauf ersetzt werden.

Wenn nun aber gestern in der zitierten Aussage der gleiche Tag ist wie gestern zum Zeitpunkt des Zitierens, kann es auch in der indirekten Rede stehen bleiben. Der Sprechzeitpunkt der direkten Rede wird zwar durch den Sprechzeitpunkt des einleitenden Satzes ersetzt, der Tag und somit die zeitlichen Bezüge von heute, gestern und morgen bleiben aber dieselben:

Er hat heute Morgen gesagt: „Ich bin gestern nicht in Köln gewesen.“
Er hat heute Morgen gesagt, er sei gestern nicht in Köln gewesen.

Sie hat heute gesagt: „Ich zahle morgen.“
Sie hat heute gesagt, dass sie morgen zahle.

Temporaladverbien wie heute, gestern, morgen beziehen sich also immer auf den Sprechzeitpunkt, das heißt auf den Zeitpunkt, an dem die Aussage gemacht wird. Manchmal sind der Sprechzeitpunkt der Zitateinleitung und der Zeitpunkt der Zitataussage wie oben fast identisch. Dann muss auch in der indirekten Rede nichts angepasst werden. In allen anderen Fällen ist eine Anpassung der Adverbien notwendig.

So kann es umgekehrt auch vorkommen, dass gestern, heute oder morgen in der indirekten Rede erscheinen, obwohl sie in der direkten Rede gar nie vorkamen. Ich kann zum Beispiel am 25. Juni (und nur an diesem Tag) sagen:

Er hat vor ein paar Tagen gesagt: „Ich werde am 26. Juni kommen.“
Er hat vor ein paar Tagen gesagt, dass er morgen kommen werde.

Ein anderes Beispiel:

Sie sagte gestern:  „Übermorgen werde ich zahlen.“
Sie sagte gestern, dass sie morgen zahlen werde.

Das klingt alles ziemlich kompliziert. Es lässt sich jedenfalls nicht mit einer für alle Fälle geltenden einfachen Regel beschreiben. Solche Bezüge stellen wir zum Glück aber meistens automatisch her, ohne dass wir uns den Kopf über sich verschiebende Sprechzeitpunkte zerbrechen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Personalabteilung als Businesspartner(in)

Frage

Muss in „die Personalabteilung als Business-Partner“ das Wort „Business-Partner“ zwingend in „Business-Partnerin“ geändert werden?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

im Allgemeinen gilt, dass bei Bezug auf eine Institution mit weiblichem Genus sowohl die männliche als auch die weibliche Form verwendet werden kann:

die Personalabteilung als Businesspartner
die Personalabteilung als Businesspartnerin

die Universität als Antragssteller
die Universität als Antragstellerin

Lieferant ist die Firma B.
Lieferantin ist die Firma B.

Siehe auch hier.

Es ist aber im Rahmen der Verwendung geschlechtergerechter Sprache zunehmend üblich, hier nur die weibliche Form zu benutzten. Theoretisch ist das zwar auch aus geschlechtergerechter Sicht nicht notwendig, da diese Bezeichnungen sich ja nicht auf Männer oder Frauen beziehen. Das Umgekehrte ist aber nicht üblich:

*der Staat als Businesspartnerin
*Lieferantin ist der Betrieb B.

Die Verwendung der männlichen Form bei Institutionen mit weiblichem Genus ist also eine Art generisches Maskulinum, und gerade das soll ja in der geschlechtergerechten Sprache vermieden werden. Wohl deshalb schreibt zum Beispiel der Leitfaden zum geschlechtergerechten Formulieren im Deutschen der Schweizerischen Bundeskanzlei vor, dass hier im amtlichen Sprachgebrauch die weibliche Form zu verwenden sei (Abs. 7.48, S. 127).

Im Prinzip muss also in Ihrem Beispiel Businesspartner nicht in Businesspartnerin geändert werden. Es ist vielleicht anzuraten, aber nicht zwingend. Wenn Sie allerdings an einen Leitfaden wie zum Beispiel den gerade genannten gebunden sind, ist die Verwendung der weiblichen Form zwingend.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das teure Hotel und der Gegenwartsbezug

Frage

Es geht darum, zwei Sätze zu verbinden: „Ihr wart in einem Hotel in New York“ und „Das Hotel ist/war teuer“.  Nun ist die Frage, ob es da zwei Möglichkeiten gibt oder die eine besser als die andere ist?

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer ist.

Oder heißt es am Ende:

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer war.

Ich meine, dass beide Lösungen i. O. sind. Und was meinen Sie?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

Ihre Frage zielt eigentlich darauf, ob es eine obligatorische Zeitenfolge gibt. Zuerst die allgemein Antwort, die für Liebhaber und Liebhaberinnen strenger Regeln enttäuschend, aber für „Freiheitsliebende“ eher erfreuliche sein mag: Im Gegensatz zu anderen Sprachen kennt das Deutsche keine streng geregelte Folge der Zeiten. In längeren geschriebenen Texten herrscht zwar gewöhnlich das Präsens oder das Präteritum vor, aber es gibt keine obligatorische Zeitenabfolge in aufeinanderfolgenden Sätzen (Consecutio Temporum; wenn Satz a im Tempus x, dann Satz b „zwangsläufig“ im Tempus y). Nur bei Nebensätzen und den ihnen übergeordneten Sätzen gibt es gewisse Tendenzen, die hier angedeutet werden.

In Ihrem Beispielsatz haben wir es mit zwei möglichen Sehensweisen oder Aspekten zu tun, die bei der Wahl der Verbform zu einem unterschiedlichen Resultat führen. Damit meine ich eigentlich nur: Auch ich finde beide Formulierungen richtig.

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer ist.

Bei der Verwendung der Präsensformt ist wird davon ausgegangen, dass es das Hotel zum Sprechzeitpunkt noch gibt und dass es immer noch teuer ist. Es gibt einen deutlichen Gegenwartsbezug. Eine mögliche Gesprächssituation wäre, dass jemand ebenfalls an Hotels in New York interessiert ist.

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer war.

Bei der Verwendung der Präteritumsform war wird nichts über den gegenwärtigen Zustand des Hotels gesagt. Es gibt keinen direkten Gegenwartsbezug. Das Hotel kann noch bestehen und immer noch teuer sein, es kann aber auch geschlossen oder ausgesprochen billig geworden sein. Die Formulierung bleibt innerhalb der Schilderung von etwas Vergangenem. Sie könnte zum Beispiel ein interessierter oder höflicher Kommentar zu einem Reisebericht sein.

Die Wahl der Zeitform hängt also vom weiteren Kontext ab. Wichtig ist hier nicht ein zeitliches Verhältnis zwischen zwei Teilsätzen (z.B. Gleichzeitigkeit oder Nachzeitigkeit), sondern die Frage, ob in einem Teilsatz ein Bezug zur Gegenwart besteht. Das ist auch in den folgenden, „selbstgestrickten“ Beispielsätzen der Fall:

Ohne direkten Gegenwartsbezug:

Ich traf dort eine Frau, die im Zirkus arbeitete.
Er sang ein Lied, das mir gut gefiel.
Ich wusste, dass er in Salzburg wohnte.

Mit Bezug auf die Gegenwart:

Ich traf dort eine Frau, die im Zirkus arbeitet.
Er sang ein Lied, das mir gut gefällt.
Ich wusste, dass er in Salzburg wohnt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Trotzdem dennoch wie obwohl?

Frage

Wie unterscheiden sich die Konjunktionen „trotzdem“, „dennoch“ und „obwohl“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Wort obwohl ist eine Konjunktion, die einen Einräumungssatz (Konzessivsatz) einleitet. In einem Einräumungssatz wird eine Situation, eine Ursache geschildert, die nicht die zu erwartende oder gewünschte Wirkung hat:

Obwohl es stark regnete, fuhr sie mit dem Fahrrad zu Schule.
Sie fuhr mit dem Fahrrad zur Schule, obwohl es stark regnete.

In einem Satz mit dem Wort dennoch, wird die nicht gewünschte oder nicht zu erwartende Folge angegeben:

Es regnete stark und dennoch fuhr sie mit dem Fahrrad zur Schule.
Selbst wenn es stark regnete, fuhr sie dennoch mit dem Fahrrad zur Schule.

Dabei ist das Wort dennoch keine Konjunktion, sondern ein sogenanntes Konjunktionaladverb. Wie eine Konjunktion verbindet es zwei Sätze miteinander, es hat aber die Wortstellung eines Adverbs. Es ist ein Satzglied und kann als solches allein vor der konjugierten Verbform oder im Satzinnern stehen:

Dennoch fuhr sie mit dem Fahrrad zur Schule.
Sie fuhr dennoch mit dem Fahrrad zur Schule.

Zum Vergleich: Mit der Konjunktion obwohl ist dies nicht möglich:

nicht: *Obwohl regnete es stark …
nicht: *Es regnete obwohl stark …

(Vgl. auch Unterschied zwischen Konjunktionaladverbien und Konjunktionen.)

Ein spezieller Fall ist trotzdem. In der Standardsprache ist es wie dennoch ein Konjunktionaladverb. Es hat auch ungefähr die gleiche Bedeutung:

Es regnete stark und trotzdem fuhr sie mit dem Fahrrad zur Schule.
Selbst wenn es stark regnete, fuhr sie trotzdem mit dem Fahrrad zur Schule.

Manchmal wird trotzdem aber auch wie obwohl als Konjunktion verwendet. Es hat dann die gleiche Bedeutung wie obwohl:

Trotzdem es regnete, fuhr sie mit dem Fahrrad zur Schule.
Sie fuhr mit dem Fahrrad zur Schule, trotzdem es regnete.

Diese Verwendung von trotzdem ist aus der Formulierung trotz dem, dass entstanden.

Aber: Nicht alle finden trotzdem im Sinne von obwohl standardsprachlich korrekt. Vorsichtige unter Ihnen verwenden trotzdem deshalb besser nur mit der Bedeutung dennoch. Wenn Sie aber kein Problem mit trotzdem im Sinne von obwohl haben und die eventuelle Kritik, es sei umgangssprachlich, Sie nicht stört, können Sie trotzdem auch als konzessive Konjunktion verwenden. Sie verwenden dann also trotzdem dennoch wie obwohl.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vorgegenwart in der Zukunft: Sie haben es gleich geschafft

Eine Frage, die vielen bekannt vorkommen wird, die mit fortgeschritteneren Deutschlernenden zu tun haben. Sie zeigt, dass unsere Verbzeiten manchmal wenig mit der realen Zeit zu tun zu haben scheinen.

Frage

Hier sind zwei Fragen eines Schülers, der Deutsch als Fremdsprache lernt:

1. […]

2. Eine aktuelle Werbung von Macdonalds lautet: „Sie haben es gleich geschafft“. Warum wird hier das Perfekt verwendet, obwohl es um die Zukunft geht?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die Verbzeiten haben im Deutschen nur bedingt etwas mit den realen Zeitabläufen zu tun. Das ist auch hier der Fall. Obwohl das Perfekt den (etwas zu) viel sagenden deutschen Namen „Vorgegenwart“ trägt, wird mit ihm im Werbespruch, den Sie zitieren, ein Geschehen ausgedrückt, das erst in der Zukunft abgeschlossen sein wird. Diese Verwendung des Perfekts kann Perfekt des Zukünftigen genannt werden. Es kommt relativ selten vor:

Sie haben es gleich geschafft.
Halt durch, du hast die Aufgabe bald erledigt!
Spätestens nächsten Sommer haben wir den Umbau vollendet.

Das Perfekt kann diese Funktion nur dann haben, wenn im Satz eine Zeitangabe steht, die ausdrücklich angibt, dass es um etwas Zukünftiges geht (hier: gleich, bald, spätestens nächsten Sommer).

Ganz ähnlich ist die viel häufiger vorkommende Verwendung des Präsens für etwas Zukünftiges. Wenn der Kontext oder eine explizite Zeitangabe schon angibt, dass eine Aussage über ein zukünftiges Geschehen gemacht wird, reicht es, das Präsens zu verwenden. Der Aspekt des Zukünftigen muss nicht auch noch durch das werden des Futurs ausgedrückt werden (vgl. Präsens des Zukünftigen):

Ich fahre morgen nach Basel.
Wir reden noch einmal darüber, wenn wir mehr Zeit haben.
Nächstes Jahr feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

Beim Perfekt des Zukünftigen hat das Perfekt die Funktion, den Aspekt des Abgeschlossenseins anzugeben. Wenn der Aspekt des Zukünftigen durch ein anderes Element als das Verb angegeben wird, muss er nicht noch einmal durch das werden des Futurs II ausgedrückt werden:

Sie werden es dann geschafft haben.
Sie haben es bald geschafft.

Man kann also das Hilfsverb werden der Zeiten des Futurs einsparen, wenn das Zukünftige durch ein anderes Element ausgedrückt wird. (NB: kann, nicht muss).

Dass Verbzeiten nicht das ausdrücken, was man ihrem Namen nach von ihnen erwartet, kommt auch sonst häufiger vor. So können wir eine Erzählung, die in der Vergangenheit spielt, durch das sogenannte historische Präsens lebendiger gestalten. Ein Geschehen in der Vergangenheit wird in der Zeit der Gegenwart ausgedrückt (historisches Präsens):

Und plötzlich steht Hannibal mit seinem Heer vor den Toren Roms.
Die Künstlerin verbringt die Zeit bis zu ihrem Tod im Jahr 1923 in Nizza.

Ein anderes bekanntes Beispiel ist das Futur, wenn es keine Zukunft, sondern eine Vermutung über etwas Gegenwärtiges oder etwas Vergangenes ausdrückt:

Ich weiß nicht wo er ist. Er wird zu Hause sein.
Sie liegt noch im Bett. Sie wird gestern Abend wieder zu viel getrunken haben.

Die Namen der Verbzeiten geben wieder, was ihre Hauptfunktion ist. Wir verwenden die Zeiten aber häufig auch ganz anders!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Den Dingen ihre Läufe lassen?

Frage

Ich habe ein Problem, bei dem mir partout keine Lösung sinnvoll erscheint: „Ich lasse dem literarischen Erguss seinen Lauf.“ Aber wie ist es bei mehreren Vorträgen: „Ich lasse den Ergüssen ihre Läufe.“ Oder doch nur: „Ich lasse den Ergüssen seinen Lauf.“

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die Redewendung lautet:

einer Sache ihren (freien) Lauf lassen

Gemeint ist, dass etwas nicht gehemmt oder eingeschränkt wird, dass nichts unternommen wird, um es zurückzuhalten. Das Possessivpronomen stimmt dabei mit dem Substantiv überein, dem dieser (freie) Lauf zugestanden wird:

Ich lasse dem Zorn seinen Lauf.
Ich lasse der Fantasie ihren freien Lauf.
Ich lasse den Dingen ihren Lauf.

Das Substantiv Lauf steht immer im Singular. Theoretisch wäre der Plural auch möglich (jedem einzelnen Ding seinen individuellen eigenen Lauf lassen →  *den Dingen ihre Läufe lassen). Trotzdem ist bei dieser Wendung nur der Singular Lauf üblich. Das Abstraktum Lauf im Sinne von Verlauf, den etwas nimmt eignet sich auch nicht besonders gut für eine Verwendung im Plural.

Es heißt hier also:

Ich lasse den literarischen Ergüssen ihren Lauf.

Mehr zum Thema Singular oder Plural in solchen und ähnliche Fällen steht übrigens in einem älteren Blogeintrag, der Sie vielleicht auch interessieren könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine besondere Konstruktion: Wer sagen die Leute, dass ich sei?

Heute wieder einmal etwas aus den „Randbezirken“ der Grammatik:

Frage

In seiner Übersetzung des Evangeliums nach Markus (Kapitel 8, Verse 27 und 29) lässt Martin Luther Jesus folgende Fragen an seine Jünger richten: „Wer sagen die Leute, dass ich sei? […] Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?“ Ich frage mich, was das in grammatischer Hinsicht ist. Was sagen Sie, dass derartige Fragen in grammatischer Hinsicht sind? […]

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

es handelt sich hier um ein eher spärlich beschriebenes Phänomen der deutschen Sprache. Das liegt wohl daran, dass es ziemlich komplex ist, aber auch daran, dass diese Konstruktion je nach Verb sehr unterschiedlich bewertet wird. Nicht alle finden solche Konstruktionen standardsprachlich korrekt.

Es handelt sich um eine Gruppe von Verben, manchmal „Brückenverben“ genannt, bei denen ein zum Nebensatz (o. zur Infinitivkonstruktion) gehörender Teil im übergeordneten Satz steht. Zu diesen Verben gehören Verben des Denkens und Sagens (sagen, behaupten, glauben, meinen, denken) aber auch versuchen.

Wer bin ich?
Wer, glaubst du, bin ich.
Wer glaubst du, dass ich bin.

Sie sagen, dass ich X sei.
Wer, sagen sie, sei ich?
Wer sagen sie, dass ich sei?

Ich habe ihr den Wagen verkauft.
Wem, sagst du, hast du den Wagen verkauft?
Wem sagst du, dass du den Wagen verkauft hast?

Er fährt nach Basel.
Wohin, denkst du, fährt er?
Wohin denkst du, dass er fährt?

Hier wird eine komplizierte Struktur mit doppelter Inversion (glaubst du, bin ich) mittels eines dass-Satzes aufgelöst (nach dem Muster: Ich denke/glaube/sage, dass …). Dabei entsteht ein Fragesatz, in dem nicht ein Satzteil des Hauptsatzes erfragt wird, sondern ein zum Nebensatz gehörender Satzteil. Der erfragte Satzteil wird dabei aus dem Nebensatz nach links in den Hauptsatz verschoben. So ist das Fragwort wohin im letzten Beispiel nicht von denken abhängig (nicht: wohin denken?) sondern von fahren (wohin fahren?)

Der dass-Satz ist ein Objektsatz, das heißt, er hat im Gesamtsatz die Funktion eines Akkusativobjekts. Das Besondere daran ist aber, dass ein Teil dieses Objektsatzes als Fragewort im übergeordneten Satz steht.

Bei versuchen kann etwas ganz Ähnliches geschehen:

Ich versuche, ihr meinen Wagen zu verkaufen.
Wem versuchst du deinen Wagen zu verkaufen?
Welchen Wagen versuchst du ihr zu verkaufen?

Hier wird nach einem Satzteil gefragt, der zur Infinitivkonstruktion gehört. Dabei wird das Erfragte auch hier aus der Infinitivkonstruktion gelöst und in den übergeordneten Satz verschoben: Wem resp. Welchen Wagen ist nicht von versuchen, sondern von verkaufen abhängig.

Diese Verschiebung eines Satzteils aus dem untergeordneten Satz in den übergeordneten Satz ist nur bei einer kleinen Gruppe von Verben möglich. Weiter halten nicht alle überall solche Formulierungen für standardsprachlich wirklich korrekt. Es gäbe auch sonst noch viel zu erläutern und zu präzisieren. Ich finde es aber auch so schon erstaunlich, wie sich bei genauerer Analyse erweisen kann, dass augenscheinlich recht gewöhnliche Sätze eine sehr ungewöhnliche Struktur haben. Doch wen glaube ich damit beeindrucken zu können?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es wird das Platzhalter-es nicht immer verwendet

Frage

In der Süddeutschen Zeitung las ich den Satz „Es ist diese Sendung erst einmal nichts Besonderes“. Beim Lesen stockte ich; mir kam der Satz falsch vor. Allerdings weiß ich nicht genau, warum das so ist, denn „es“ kann ja durchaus als Platzhalter im Vorfeld stehen, beispielsweise bei „Es steht ein Schrank im Gang“, was ich bei Canoo nachlesen konnte. Haben Sie vielleicht eine Erklärung dafür, warum mir der Satz trotzdem ungrammatisch vorkommt?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

der Satz, den Sie zitieren, ist nicht grundsätzlich falsch. Im Prinzip ist die Formulierung mit einem Platzhalter-es fast immer möglich. Sie ist aber nicht immer gleichermaßen üblich. Ich konnte leider „auf die Schnelle“ keine fundierten Untersuchungen dazu finden oder gar selbst durchführen. Folgendes scheint der Fall zu sein:

Die Formulierung mit einen Platzhalter-es ist im heutigen Deutschen dann üblich, wenn eine Aussage über etwas Unbestimmtes gemacht wird (unbestimmt im Sinne von nicht vorher erwähnt, nicht bereits bekannt; oft an der Verwendung des unbestimmten Artikels oder des Nullartikels erkennbar). Die folgenden Beispiele sind ganz normale Sätze:

Es steht ein großer Schrank im Gang.
Es spielen Kinder im Garten.
Es wartet jemand auf Sie.
Es wurde eifrig getanzt.
Es wurde eine besondere Sendung ausgestrahlt.

Wenn aber eine Aussage über etwas Bestimmtes (vorher Erwähntes oder als bekannt Vorausgesetztes) gemacht wird, wirken Formulierungen mit einem Platzhalter-es ziemlich veraltet oder sehr poetisch:

Es steht der große Schrank im Gang.
Es spielen die Kinder im Garten.
Es wartet Ihre Tochter auf Sie.
Es tanzten die Gäste eifrig.
Es ist diese Sendung erst einmal nichts Besonderes.

Der Satz in der Süddeutschen Zeitung verstößt gegen diese „Regel“. Es wird eine Aussage über etwas Bestimmtes, im Kontext vorher Erwähntes gemacht, nämlich diese Sendung. Deshalb wirkt die Aussage ungewöhnlich und gestelzt oder veraltet. (Es ist möglich, dass der Autor oder die Autorin die Formulierung bewusst so gewählt und z. B. humoristisch oder ironisch gemeint hat.)

Es hat also mit Unbestimmtheit und Bestimmtheit zu tun, dass der erste der beiden folgenden Sätze im heutigen Deutschen natürlicher klingt als der zweite:

Es werden Ostereier im Garten versteckt.
Es werden die Ostereier aber im Schnee nicht mehr gefunden.

Die Form des zweiten Satzes ist nicht mehr aktuell. Möge sein Inhalt nicht aktuell werden!

Frohe Ostern!

Dr. Bopp

Nicht zu haben eingeladen werden können?

Es gibt Fragen, die fast nur von Deutschlernenden gestellt werden, die Tabellen mögen und gerne systematisch vorgehen. Weniger systematisch vorgehenden Lernenden fällt das Problem nicht auf und die meisten Muttersprachigen wissen gar nicht, dass es diese Frage überhaupt geben könnte (außer wenn sie gerne mit möglichst vielen Verbformen jonglieren). Ich hatte sie mir jedenfalls bis jetzt noch nie gestellt.

Frage

Nehmen wir diesen Satz:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen wird.

Er kann auch so geschrieben werden:

Peter bedauert es, nicht eingeladen zu werden.

Wie ist es bei diesem Satz:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden konnte.

Kann ich hier auch „zu“ statt „dass“ verwenden?

Antwort

Guten Tag A.,

nach bedauern kann tatsächlich sowohl ein dass-Satz als auch eine Infinitivkonstruktion mit zu stehen. Die Infinitivkonstruktion kann dann stehen, wenn das Subjekt im dass-Satz mit dem Subjekt des Hauptsatzes identisch ist. Das geht aber – wie ich dank Ihrer Frage feststellen konnte – nicht ganz immer:

Peter bedauert es, dass er (= Peter) nicht eingeladen wird.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen zu werden.

Wenn der Nebensatz vorzeitig ist (Präteritum o. Perfekt):

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen wurde.
Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen worden ist.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen worden zu sein.

Auch mit einem Modalverb funktioniert das gut (Peter kann nicht eingeladen werden, weil er kein Clubmitglied ist):

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden kann.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen werden zu können.

Wenn wir aber die Vorzeitigkeit mit einem Modalverb kombinieren, wird es schwierig:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden konnte.
Peter bedauert es, dass er nicht hat eingeladen werden können.

Die entsprechende Infinitivkonstruktion müsste wohl so aussehen:

→ (?) Peter bedauert es, nicht zu haben eingeladen werden können.
→ (??) Peter bedauert es, nicht eingeladen werden können zu haben.

Niemand verwendet aber Infinitivkonstruktionen wie diese. Sie sind rein theoretisch vielleicht möglich, werden aber nicht so realisiert. Während bei finiten (konjugierten) Verbgruppen Anhäufungen von Verbformen wie hat eingeladen werden können mit etwas Konzentration gerade noch zu meistern sind, wird uns dies bei Infinitivkonstruktionen offenbar doch etwas zu kompliziert. Nicht alles, was bei einer systematischen Betrachtungsweise theoretisch möglich sein müsste, ist es auch in der Praxis.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp