Das Fußballfeld als Maßeinheit

Frage

Bei uns ist folgendes Problem aufgetaucht: Welche Schreibung ist richtig?

die 30 fußballfeldergroße Anlage
die 30 fußballfelder-große Anlage
die 30 Fußballfelder große Anlage

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

die korrekte Schreibung ist:

die 30 Fußballfelder große Anlage

Hier wird Fußballfelder als Maßangabe verwendet. Die Größe der Anlage wird mit Hilfe der Maßeinheit »Fußballfeld« angegeben. Sie ist in den exakten Wissenschaften zwar unüblich, aber im Alltagsgebrauch für viele gut verständlich. Man muss nicht unbedingt Fan von Bayern München, Rapid Wien oder des FCB sein, um eine ungefähre Vorstellung der Größe eines Fußballfeldes zu haben. Obwohl Fußballfelder unterschiedlich groß sein können, sind sie für ungefähre Flächenangaben in allgemeinen Texten oft besser geeignet als abstrakte hohe Quadratmeterzahlen. Bei der Angabe 30 Fußballfelder habe ich zwar auch nur eine ungenaue Vorstellung, aber sie ist für mich dennoch um einiges verständlicher als die Angabe ca. 200 000 m². Doch ich schweife wieder einmal ab. Zurück zu Ihrer Frage:

Die Einheit »Fußballfeld« wird in der Rechtschreibung gleich behandelt wie die bekannteren Maßeinheiten:

Der Turm ist 20 Meter hoch.
der 20 Meter hohe Turm

Der Stau ist drei Kilometer lang.
der drei Kilometer lange Stau

Die Anlage ist 25 Jahre alt.
die 25 Jahre alte Anlage

Und genau gleich:

Die Anlage ist 30 Fußballfelder groß.
die 30 Fußballfelder große Anlage

Völlig ausgeschlossen ist die zusammengeschriebene Form fußballfeldergroß übrigens nicht. Genauso wie es meterhohe Barrikaden, kilometerlange Staus und jahrelange Bemühungen gibt, kann es auch

eine fußballfeldergroße Anlage

geben. Gemeint sind hier ungenaue Angaben, nämlich ungefähr einen oder mehrere Meter hohe Barrikaden, mehrere Kilometer lange Staus, mehrere Jahre dauernde Bemühungen und genauso (Regel):

die fußballfeldergroße Anlage = die mehrere Fußballfelder große Anlage

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Modul Q 64 an Deckenleuchten gekoppelt wird

Wer häufiger Beschreibungen für Kataloge u. Ä. oder eher technische Texte durch die Tastatur fließen lässt, kennt das Problem der Bezeichnungen von Produkten, Modellen und Typen, die aus Buchstaben, Zahlen und sonstigen für Laien schwer zu deutenden Teilen bestehen: Was ist zu tun, wenn diese Bezeichnungen als Teil einer Zusammensetzung vorkommen? Es folgt ein Lösungsvorschlag am Beispiel von Decken-, Wand- und Pendelleuchten.

Frage

Heute mal eine Anfrage zum (wohl leidigen) Bindestrichproblem: In einer Zeitschrift fand ich verschiedene Bezeichnungen von Leuchten, verbunden mit dem Artikelnamen:

Modul Q 64 Deckenleuchten
Air Maxx LED 250 Wandleuchten
Modul R 120 XL Pendelleuchten

Müsste da nicht zumindest vor dem Wort „Deckenleuchten“ oder „Wandleuchten“ ein Bindestrich stehen oder gar der ganze Begriff durchgekoppelt werden (was natürlich übel aussehen würde)?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

wenn man die Rechtschreibregeln genau anwendet, ist es ganz einfach. Ausdrücke wie diese müssen durchgekoppelt werden, das heißt, zwischen allen Teilen der Zusammensetzung steht ein Bindestrich:

Modul-Q-64-Deckenleuchten
Air-Maxx-LED-250-Wandleuchten
Modul-R-120-XL-Pendelleuchten

Sie werden also gleich behandelt wie andere Zusammensetzungen mit Abkürzungen, Zahlen und Ziffern (siehe hier und hier):

der 800-m-Lauf
das 1.-Kl.-Abteil

Aus nicht ganz unbegreiflichen Gründen geschieht dies aber bei Modell- und Typenbezeichnungen häufig nicht. Viele mögen diese Anhäufung von Bindestrichen nicht. Andere wollen oder – problematischer – dürfen von Firmen vorgeschriebene Bezeichnungen nicht verändern. Der ersten Gruppe könnte man den Bindestrich eventuell einfach vorschreiben, bei der zweiten Gruppe wird es schwieriger. Wenn die Auftraggeber oder Auftraggeberinnen sich nicht durch das Argument der Rechtschreibregelung zermürben lassen und darauf beharren, dass ihre Produktbezeichnung nicht durch Bindestriche „verhunzt“ werden dürfe, dann bleibt wenig anderes, als sich an diesen Wunsch/Befehl zu halten (oder andere Kunden zu suchen, was angesichts eines kleineren Rechtschreibproblems ein wohl allzu drastischer Schritt wäre).

Meine Empfehlung für solche Fälle lautet: umstellen, falls möglich. Dann muss nicht gekoppelt werden:

Deckenleuchten Modul Q 64
Wandleuchten Air Maxx LED 250
Pendelleuchten Modul R 120 XL

Wenn dies nicht gewünscht oder nicht möglich ist, gibt es eine weitere Schreibung, die mittlerweile einen halboffiziellen Status hat: Die mehrteilige Bezeichnung wird in Anführungszeichen gesetzt (sozusagen als Zitat) und dann mit nur einem Bindestrich an den anderen Teil der Zusammensetzung gekoppelt:

„Modul Q 64“-Deckenleuchten
»Air Maxx LED 250«-Wandleuchten
„Modul R 120 XL“-Pendelleuchten

Die gänzlich bindestrichlose Schreibung, der Sie in der Zeitschrift begegnet sind, kommt wahrscheinlich weitaus am häufigsten vor. Nach den Regeln der deutschen Rechtschreibung ist sie nicht richtig!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Macht die Pistole peng oder Peng?

Frage

Könnten Sie mir sagen, ob in den folgenden Fällen Groß- oder Kleinschreibung in der Verwendung von Onomatopoetika angebracht ist?

– Die Pistole machte P/peng.
– Es machte P/platsch, als er ins Wasser sprang.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

die Rechtschreibregel, die diesen Fall eindeutig beschreibt, muss ich Ihnen schuldig bleiben. Nach meinem Urteil kann hier sowohl klein- als auch großgeschrieben werden:

Die Pistole machte peng/Peng.
Es machte platsch/Platsch, als er ins Wasser sprang.

Dies in Anlehnung an vergleichbare Fälle, die man „offiziell“ (gemäß der zur amtlichen Regelung gehörenden Wörterliste) klein- oder großschreiben kann:

nein/Nein sagen
bravo/Bravo rufen
hurra/Hurra schreien

Im Prinzip werden klangnachahmende Wörter und allgemein Interjektionen kleingeschrieben:

Peng, peng, peng! Drei Schüsse erklangen.
Dann sprang er, platsch, ins Wasser.
Denen hab ich’s gezeigt, hihi!

Man muss sie aber großschreiben, wenn sie als Substantiv verwendet werden (Regel):

Man hörte das Peng der Pistole.
Mit einem Platsch sprang er ins Wasser.
Lass doch dein albernes Hihi!

Bei peng/Peng machen und platsch/Platsch machen kann wie bei nein/Nein sagen und bravo/Bravo rufen nicht entschieden werden, ob es sich um eine Substantivierung handelt oder nicht. Entsprechend halte ich hier sowohl die Groß- als auch die Kleinschreibung für richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Let’s Play und die deutsche Rechtschreibung

Es kommen immer wieder neue Dinge zu uns, die sehr oft auch ihren englischen Namen mit sich bringen. Es ist meist nicht allzu schwierig, diese Neuankömmlinge einigermaßen in die deutsche Rechtschreibung einzupassen. Was ist aber zu tun, wenn ein Aufforderungssatz als Substantiv daherkommt?

Frage

Es gibt im Internet, besonders auf YouTube, sogenannte Let’s Plays. Das sind Videos, bei denen jemand ein Videospiel spielt, dabei kommentiert und diese Aufnahme dann veröffentlicht. Meine orthografische Frage dazu: Allgemein gebräuchlich ist eigentlich nur die Form „das Let’s Play“, wobei ich mich frage, ob das eigentlich mit einem Bindestrich geschrieben werden müsste. […]

Antwort

Sehr geehrter Herr V.,

Wenn dieser Ausdruck eine deutsche Zusammensetzung wäre, müsste er zusammen- oder mit Bindestrich geschrieben werden. Der Apostroph legt hier natürlich die Schreibung mit Bindestrich nahe: das Let’s-Play. Dabei müsste allerdings play kleingeschrieben werden, das Let’s-play, weil play ja kein Substantiv, sondern ein Verb ist (vgl. hier und zum Beispiel Ad-hoc-Bildung, Make-up).

Let’s play ist aber ein englisches oder ein aus dem Englischen übernommenes Wort, das eine sehr spezielle Form hat. Es ist ein Aufforderungssatz, der als Nomen verwendet wird (Let’s play! = Lass uns spielen!). Diese Art englischer Wortschöpfung wird in der amtlichen Rechtschreibregelung nicht berücksichtigt. Dort werden „nur“ Nomen-Nomen-Verbindungen wie Desktop-Publishing/Desktoppublishing, Verb-Partikel-Verbindungen wie Back-up/Backup und Adjektiv-Nomen-Verbindungen wie High Society behandelt (vgl. hier).

Ich finde es deshalb gerechtfertigt, hier frei zu improvisieren und einfach die englische Schreibweise zu übernehmen. (Die Großschreibung scheint auch im Englischen häufig vorzukommen, siehe hier.)

das Let’s Play
die Let’s Plays

Es trifft sich gut, ist aber nicht ganz zufällig, dass dies offenbar auch die in den meisten deutschen Texten gebräuchliche Schreibung ist.

Ganz auf den Bindestrich verzichten möchte ich dann aber doch nicht. In Zusammensetzungen mit Let’s Play sollten Sie Bindestriche verwenden (vgl. hier):

ein Let’s-Play-Video
die Let’s-Play-Szene

Wie wäre es, wenn ich diese Erklärung als eine Art orthographisches Let’s Play anbieten könnte? – Ein solches Video wäre wohl nicht viel interessanter als der trockene Text, den Sie soeben gelesen haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

O, o – das olympische Feuer an den Olympischen Spielen

Ich muss zugeben, dass ich kein besonders sportlicher und schon gar kein sportinteressierter Mensch bin. Aber man sollte ja trotzdem „etwas“ tun, um mit zunehmendem Alter nicht ganz einzurosten und die Konfektionsgrößen nicht allzu schnell zu wechseln. Da die Fingerbewegungen auf der Tastatur und die Beinarbeit beim Kaffeeholen nicht ausreichen und sich das Radfahren im Winter auf das Notwendigste beschränkt, kann man auch mich regelmäßig als Jogger verkleidet durch die Natur keuchen sehen. Ich bin dann immer recht stolz auf meine Leistung, bis mich dann wirklich sportliche Leute offenbar ohne größere Anstrengung leichtfüßig überholen. Soweit zum aktiven Sportler. Auch als „Passivsportler“ tauge ich nicht viel. Die Fußball- und Skisaisons gehen von mir unbemerkt vorbei – soweit das bei der großen Medienpräsenz möglich ist – und andere Sportarten verfolge ich mit ebenso geringem Interesse. Das hat übrigens keine tiefere Bedeutung. Ich verstehe den Spaß am Sport und gönne ihn allen. Es ist nur nicht meine Sache.

Die gestern offiziell eröffneten Olympischen Winterspiele können mich entsprechend nur mäßig fesseln. Deshalb hier nur kurz etwas Orthographisches „zum Thema“: Es gibt eine starke Neigung, das Adjektiv olympisch großzuschreiben. Das ist aber nur dann richtig, wenn es Teil eines Eigennamens ist:

die Olympischen Spiele
die Olympischen Winterspiele
das Internationale Olympische Komitee (IOK)

Wenn es sich als „gewöhnliches“ Adjektiv auf die Olympischen Spiele bezieht, schreibt man es klein (vgl. hier):

das olympische Dorf
der olympische Eid
das olympische Feuer

Den Sportlern und Sportlerinnen in Sotschi ist es aber bestimmt egal, ob sie um orthographisch korrekte olympische Medaillen oder um nicht ganz richtig geschriebene *Olympische Medaillen wetteifern. Und allen Olympiafans wünsche ich viel olympischen Sportgenuss!

Solang, sooft, soviel, soweit – oder doch getrennt?

Achtung: trockene Kost für Rechtschreiber und Rechtschreiberinnen! 

Frage

Nachfolgend Auszüge aus dem Newsletter […] zum Thema so viel/soviel, so weit/soweit:

Wir werden Sie auch 2014 mit interessanten Themen rund um die deutsche Sprache versorgen, soweit können Sie sich sicher sein.

In Einzelfällen sind beide Lesarten möglich: Sie können die Bibliothek benutzen, sooft Sie wollen. Sie können die Bibliothek benutzen, so oft und so lange Sie wollen.

Meine Fragen:

  1. Ist die Zusammenschreibung in „soweit können Sie sicher sein“ korrekt?
  2. Ist die (alternative) Getrenntschreibung der Konjunktion „sooft“ in „so oft und so lange Sie wollen“ wirklich „zulässig“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

1. Die Zusammenschreibung soweit im ersten Satz halte ich für falsch. Richtig wäre:

 … so weit können Sie sich sicher sein.

Das Wort soweit wird dann zusammengeschrieben, wenn es als Konjunktion einen Nebensatz einleitet. Hier ist es aber eine Adverbialbestimmung in einem Hauptsatz. Das zeigt unter anderem die Zweitstellung der konjugierten Verbform können. Vgl.

Nebensatzeinleitung
falls Sie sicher sein können.
soweit Sie sicher sein können.

Adverbialbestimmung
in dieser Hinsicht können Sie sicher sein.
so weit können Sie sicher sein.

Außerdem hat die Konjunktion soweit eine andere Bedeutung als die adverbiale Fügung so weit:

Konjunktion
soweit ich weiß (soweit = nach dem, was)
soweit ich dazu in der Lage bin (soweit = in dem Maße, wie; falls, vorausgesetzt dass) 

Adverbiale Fügung
Wirf den Ball, so weit du kannst! (so weit = so weit [weg,] wie …)
so weit können Sie sicher sein (so weit = bis zu diesem Punkt; in dieser Hinsicht)

2. Beim zweiten Beispiel würde ich eher zusammenschreiben. Die Getrenntschreibung ist aber ebenfalls möglich:

Sie können die Bibliothek benutzen, sooft und solange Sie wollen.
Sie können die Bibliothek benutzen, so oft und so lange Sie wollen.

Das liegt wieder einmal an einer ungenauen Abgrenzung: Der Übergang von adverbialer Fügung zu eigenständiger Konjunktion ist fließend.

a) Eindeutig um adverbiale Fügungen handelt es sich bei so laut und so schnell in den folgenden Beispielen:

Schreie, so laut du kannst!
Du kannst laufen, so schnell du willst, du kommst doch zu spät.

b) Bei so weit/soweit und so viel/soviel gibt es zwischen der adverbialen Fügung und der Konjunktion einen deutlichen Bedeutungsunterschied. Dieser Bedeutungsunterschied vereinfacht die Entscheidung, ob getrennt oder zusammengeschrieben werden muss. Siehe oben unter 1) die Beispiele mit soweit/so weit und:

Du kannst essen, so viel du willst. (so viel, wie)
Es ist genug da, soviel ich weiß. (nach dem, was)

Einfach nur fahren, so weit das Benzin reicht. (so weit, wie)
Wir werden das Ziel erreichen, soweit das Benzin reicht. (falls)

c) Bei so oft/sooft und so lang(e)/solang(e) hingegen gibt es zwischen der getrennt geschriebenen adverbialen Fügung und der zusammengeschriebenen Konjunktion am Anfang eines Nebensatzes keinen großen Bedeutungsunterschied. Hier der Versuch einer Bedeutungsbeschreibung:

sooft = jedes Mal wenn; immer wenn; wie oft auch immer
so oft[, wie] = (u. a.) jedes Mal wenn

solang = während der Zeit, da; für die Dauer, da; innerhalb der Zeit, in der
so lang[, wie] = (u. a.) während der Zeit, da

Das hat zur Folge, dass man manchmal nicht entscheiden kann, ob es sich am Anfang eines Nebensatzes um eine adverbiale Wendung oder um eine Konjunktion handelt. Meine Empfehlung ist deshalb, sooft und solang(e) immer als Konjunktion zusammenzuschreiben, wenn sie am Anfang eines Nebensatzes stehen

Sie können uns besuchen, solange Sie wollen.
Sie können uns besuchen, sooft Sie wollen.

Dies ist auch die Empfehlung, die man implizit oder explizit in den Rechtschreibwörterbüchern findet.

Es gibt allerdings eine Einschränkung: In den folgenden Fällen würde auch ich zur Getrenntschreibung raten:

Schreie, so lange und so laut du kannst!
Wir werden dir helfen, so oft und so gut wir können.

Die adverbialen Fügungen so laut und so gut legen hier nahe, dass auch so lange und so oft als adverbiale Fügungen zu verstehen sind.

Und dann der Zweifelsfall dazwischen, um den es in Ihrer Frage ging. Hier halte ich, wie gesagt, beide Schreibungen für vertretbar:

Sie können uns besuchen, sooft und solange Sie wollen.
Sie können uns besuchen, so oft und so lange Sie wollen.

Denn – so viel wissen regelmäßige Leserinnen und Leser des Blogs bestimmt – es geht natürlich nie ohne Außer, Wenn und Aber.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

 

Wie man jemanden orthographisch korrekt kennen(-) und schätzen lernt

Frage

Habe im Duden nachgeschaut. Die Empfehlung: „kennengelernt“ zusammen,
jedoch „schätzen gelernt“ getrennt. Also:

Ich habe ihn kennen- und schätzen gelernt.

So? Habe ich das richtig verstanden?

Antwort

Guten Tag W.,

Sie haben es richtig verstanden. Man schreibt schätzen lernen immer getrennt und kann kennen lernen oder kennenlernen schreiben. Wenn man die beiden Verben zusammen verwendet, gibt es also zwei mögliche Schreibweisen:

1a) Ich habe ihn kennengelernt und schätzen gelernt.
1b) Ich habe ihn kennen gelernt und schätzen gelernt.

Lässt man nun in dieser Aufzählung das erste gelernt weg, ergeben sich entsprechend die folgenden beiden Schreibweisen:

2a) Ich habe ihn kennen- und schätzen gelernt.
2b) Ich habe ihn kennen und schätzen gelernt.

Sofern Sie sich an die – übrigens unverbindliche – Duden-Empfehlung (kennenlernen) halten, wählen Sie 2a). Wenn der zweite Teil eines Wortes weggelassen wird, gibt man dies mit einem Ergänzungsstrich an. Gegen die Schreibung ohne Ergänzungsstrich ist hier allerdings auch nichts einzuwenden. Sie entspricht ebenfalls den „Anforderungen“ der amtlichen Rechtschreibregelung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die große/Große Koalition

Deutschland hat eine neue Regierung, eine Koalition zwischen CDU/CSU und  SPD. Eine Koalition zwischen den zahlenmäßig stärksten Parteien wird mit dem Adjektiv groß näher bestimmt. Und dann kommt es für diejenigen, die alles ganz korrekt schreiben wollen, zu einem kleinen Problem mit groß: Ist es die große Koalition oder die Große Koalition?

Eine kleine, wissenschaftlich und methodisch völlig unzureichende Stichprobe* im Internet zeigt heute Folgendes:

die große Koalition
Bild, Focus online, Frankfurter Allgemeine, Neue Zürcher Zeitung, Süddeutsche

die Große Koalition
Basler Zeitung, Heute.at, Spiegel, TAZ, Zeit Online

Beides:
Berliner Zeitung, Der Standard, Die Welt

Man ist sich online also alles andere als einig, ob das Adjektiv große hier groß- oder kleingeschrieben werden soll. Das liegt daran, dass die Rechtschreibregelung beides zulässt. So kann man es jedenfalls z. B. im Rechtschreibduden und Canoonet nachlesen.

Falls Sie sich gewundert haben sollten: Sowohl die Anhänger von die Große Koalition als auch diejenigen, die für die große Koalition sind, haben recht – zumindest orthografisch. Einen kleinen Vorwurf kann man nur denjenigen machen,  bei denen beide Formen erscheinen. Stilistisch gesehen sollte es vermieden werden, innerhalb eines Textes, einer Publikation usw. verschiedene Schreibweisen nebeneinander zu verwenden.

So viel zur aktuellen politischen Lage. Ich wünsche allen einen schönen dritten Advent.

* Die Auswahl der Zeitungen ist willkürlich und die Angaben beziehen sich nur auf die Schreibweisen, die ich bei einem schnellen Blick auf die jeweiligen Hauptseiten gefunden habe. Die Angaben sind also nicht exakt, aber sie sollen ja nur aufzeigen, dass beide Schreibweisen regelmäßig vorkommen.

Ein Apostroph am Satzanfang; wie geht’s weiter?

Am Satzfang schreibt man groß. Das ist eine  Rechtschreibregel, die recht einfach zu handhaben ist. Aber selbst diese Regel hat so ihre kleinen Tücken:

Frage

Wie verfahre ich hinsichtlich der Groß- oder Kleinschreibung, wenn ich einen Satz mit einem Zitat mit verkürztem Wort beginne? Zum Beispiel:

„’ne üble Sache ist das.“ oder
„’Ne üble Sache ist das.“

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Antwort ist ganz einfach (auch wenn ich  zugeben muss, dass ich nachsehen musste, um sicher zu sein): Nach einem Apostroph am Satzanfang wird kleingeschrieben. Schöne Beispiele sind Anfänge von Volksliedern und Gedichten:

’s ist alles dunkel, ’s ist alles trübe,
Ja weil mein Schatz ein’n anderen liebet.
[Volkslied]

’s gibt eine Sage, dass wenn plötzlich matt
Unheimlich Schaudern einen übergleite,
Dass dann ob seiner künft’gen Grabesstatt
Der Todesengel schreite.
[Annette von Droste-Hülshoff]

’s ist eitel nichts, wohin mein Aug ich hefte!
[Nikolaus Lenau]

Und was für hehres Dichtgut gilt, gilt auch für die Wiedergabe von umgangssprachlicher Rede:

„’ne üble Sache ist das“, seufzte er.
’s ist jammerschade um ihn. ’s Herz bricht mir fast.

Siehe Paragraph 54.6 der amtlichen Rechtschreibregelung. Dort steht weiter, dass auch die Auslassungspunkte und Zahlen als Satzanfang gelten:

 … denn sie wissen nicht, was sie tun [Filmtitel]
36 lange Stunden mussten sie auf den nächsten Flug warten.

Nicht jeder Satz beginnt also mit einem Großbuchstaben. Nicht einmal so viel Gewissheit gibt es!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Den Umgang mit Marken- und Produktnamen mit kleinem Anfangsbuchstaben behandelt dieser Blogeintrag.

 

Wie man substantiviert Drachen steigen lässt

Passend  zum Wetter – oder eigentlich unpassend, weil die genannte Tätigkeit beim heutigen Sturmwetter vielerorts viel zu gefährlich ist – eine Frage wie man Drachen steigen lassen substantiviert. Es geht also um die häufig wiederkehrende Frage, wie man substantivierte Infinitivgruppen schreibt.

Frage

Zurzeit ist Herbst. Wird dann zum Drachensteigenlassen oder zum Drachensteigen lassen eingeladen?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

im Herbst wird

zum Drachen-steigen-Lassen

eingeladen. Wenn die dreiteilige Infinitivgruppe Drachen steigen lassen wie hier als Substantiv verwendet wird, schreibt man sie in der Regel mit Bindestrichen. Weitere Beispiele von substantivierten Infinitivgruppen mit drei oder mehr Teilen:

das Vierhändig-Klavier-Spielen
das Nicht-mitmachen-Wollen
zum Aus-der-Haut-Fahren
ihr Immer-alles-besser-Wissen
beim In-der-Nase-Bohren

Die entsprechende Rechtschreibregel(n) finden Sie hier.

Wenn die Infinitivgruppe nur aus zwei Teilen besteht, kommt man in der Regel ohne Bindestrich aus:

das Klavierspielen
das Abseitsstehen
das sprichwörtliche Flöhehüten
das Gefühl des Sichverlierens
zum Haareraufen
beim Löcherbohren

Auch hierfür gibt es eine Regel.

Verzichten Sie heute aber besser auf das Drachen-steigen-Lassen und erst recht auf das Im-Wald-spazieren-Gehen! Dies wegen des Wetters. Wegen des Sprachstils ist es meist besser, auf solche Substantivierungen zu verzichten. Also besser: Lassen Sie heute keine Drachen steigen und gehen Sie erst recht nicht im Wald spazieren!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp