Finnisch und finnländisch

Frage

In welchem Zusammenhang sagen wir „finnisch“ und wann „finnländisch“? Ich spreche Finnisch und esse finnländischen Fisch? Stimmt das?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

die Adjektive finnisch und finnländisch werden oft wild durcheinander gebraucht, wobei man allerdings sagen muss, dass finnisch sehr viel häufiger vorkommt:

Ich spreche Finnisch, rede über die finnische Regierung und esse finnischen Fisch.

Damit ist natürlich noch nicht alles gesagt. Für Leute, die es genau nehmen und die Struktur der Adjektive wörtlich interpretieren, hat finnländisch die Bedeutung von Finnland, zu Finnland gehörend. Es bezeichnet also die Zugehörigkeit zum Land oder zum Staat Finnland. So gesehen kann man problemlos von der finnländischen Regierung sprechen. Als finnländischen Fisch könnte man noch Fisch bezeichnen, der in Finnland oder in zu Finnland gehörenden Gewässern an die Angel oder ins Netz gegangen ist. Bei der finnländischen Sprache wird es dann aber zweifelhaft, denn diese Sprache wird nicht nur in Finnland gesprochen, sondern als Minderheitensprache auch in Schweden, Norwegen, Estland und Russland. Auch Menschen, die man als ethnische Finnen bezeichnen kann und die sich dem finnischen Kulturkreis zugehörig fühlen, gibt es nicht ausschließlich innerhalb Finnlands.

Wer also finnländisch wörtlich nimmt, verwendet dieses Adjektiv nur in Zusammenhang mit dem Land Finnland. Ganz so genau muss man es meiner Meinung nach zwar nicht immer nehmen, doch wenn Sie gegen eventuelle Kritik gefeit sein wollen, halten Sie sich am besten an diese Vorgabe und reden Sie nicht von zum Beispiel der finnländischen Sprache oder der finnländischen Volkskunst, sondern nur von der finnischen Sprache und der finnischen Volkskunst.

Viel einfacher ist es allerdings, immer das viel gebräuchlichere Adjektiv finnisch zu verwenden. Es bezieht sich sowohl auf die Sprache und die Kultur als auch auf das Land und das Staatsgebilde: die finnische Sprache, die finnische Kultur, die finnische Küche; das finnische Parlament, der finnische Präsident usw. Das Wort finnländisch kann man dann den Fachleuten überlassen, die „unbedingt“ einen Unterschied zwischen der Sprach- und Kulturbezeichnung und der staatlich-politischen Bezeichnung machen wollen.

Zu guter Letzt sei noch dies gesagt:

Hyvää pääsiäistä!

So sagt man frohe Ostern auf Finnisch (wenn man weiß, wie man es ausspricht …).

Dr. Bopp

Hellrotbraun, hell-rotbraun, helles Rotbraun

Frage

Ich habe eine Frage zur Zusammen- und Getrenntschreibung von Farben. Man schreibt ja sowohl „hellrot“ als auch „rotbraun“ […] zusammen. Gilt das auch für die Kombination aus beiden: „hellrotbraun“? Das scheint mir zwar logisch, wirkt aber merkwürdig. […] Wäre „hell rotbraun“ oder „hell-rotbraun“ akzeptabel? Oder müsste man auf Umformulierungen ausweichen wie z. B. „in einem hellen Rotbraun gefärbt“?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

die deutlichste Farbbezeichnung ist in hellem Rotbraun. In der Regel werden nämlich nur einfache Farbbezeichnungen mit hell- oder dunkel- kombiniert: hellrot, hellbraun, hellrosa, hellbeige, hellviolett usw. Nicht üblich sind solche Kombinationen bei komplexen Farbbezeichnungen wie flaschengrün, olivbraun oder fahlgelb. Es heißt also in der Regel nicht hellflaschengrün, dunkelolivbraun oder hellfahlgelb. Die Kombination hellrotbraun kommt Ihnen wahrscheinlich deshalb merkwürdig vor.

Bei Mischfarben kommt hinzu, dass undeutlich ist, ob die gesamte Farbe oder nur die erste Farbe durch hell bestimmt wird:

hellrotbraun
hellrot-braun (hellrot und braun)
hell-rotbraun (helles Rotbraun)

Doch dieses Argument finde ich nicht sehr stark, denn was genau gemeint ist, wird meist durch den weiteren Satzzusammenhang geklärt und kann notfalls durch einen verdeutlichenden Bindestrich angegeben werden.

Wenn Sie die Farbbezeichnung trotz der genannten Einwände verwenden möchten – sie ist nicht grundsätzlich unmöglich –, dann können Sie sie zusammenschreiben oder ggf. den verdeutlichenden Bindestrich verwenden:

hellrotbraun o. hell-rotbraun

Deutlicher und üblicher ist, wie eingangs gesagt, die Formulierung helles Rotbraun
in hellem Rotbraun.
Hier ein paar Beispiele:

Jetzt möchte ich gerne meine Haare in einem hellen Rotbraun tönen.
Ihre Grundfarbe ist variabel und reicht von einem hellen Rotbraun bis zu einem hellen Graubraun.
Die Farbe schwankt zwischen hellem Strohgelb und dunklem Rotbraun.
Ich würde gerne ein Band 28/24 in dunklem Rotbraun oder Dunkelbraun bestellen.

Die Farbbezeichnungen, die nicht direkt mit hell und dunkel kombinierbar sind, werden übrigens in der Regel auch nicht gesteigert. Das ist so richtig schön konsequent.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Korrupt, bankrott und weitere Verwandte

Aus aktuellem Anlass liest man wieder einmal häufiger die Wörter korrupt und bankrott in einem Satz. Ich maße mir kein Urteil darüber an, ob diese Charakterisierungen zutreffend sind (jedenfalls nicht an dieser Stelle). Es geht mir hier um etwas ganz anderes: Wussten Sie, dass es sich bei diesen beiden Wörtern um entfernte Verwandte handelt? Die Familiengeschichte ist unterschiedlich, aber sie haben einen gemeinsamen Vorfahren.

Der Vorfahre ist wie so oft im Lateinischen zu finden: das Verb rumpere mit der Bedeutung brechen, zerbrechen, zerreißen. Die Ableitung corrumpere bedeutet u. a. verderben, vernichten und in einem nachvollziehbaren übertragenen Sinne auch bestechen. Und schon sind wir ohne Umwege bei unserem Verb korrumpieren. Das Adjektiv korrupt geht auf das zu corrumpere gehörende Partizip Perfekt corruptus zurück, das wir ebenfalls mehr oder weniger direkt aus dem Lateinischen übernommen haben.

Für bankrott müssen wir einen „Zwischenhalt“ beim Italienischen einschalten. Wir haben das Substantiv Bankrott um 1500 aus italienisch banca rotta (o. banco rotto) übernommen, womit eine zahlungsunfähige Bank bezeichnet wurde. Wörtlich war ein zerbrochener Wechseltisch gemeint. Der Wortteil rotto bedeutet also zerbrochen. Er ist – Sie wissen oder ahnen es schon – die italienische Fortsetzung des lateinischen Partizips ruptus von rumpere.

Bankrott und korrupt sind nicht die einzigen Wörter, die auf den gemeinsamen Vorfahren rumpere/ruptus – brechen/gebrochen zurückgehen. Ein paar Beispiele:

abrupt  – plötzlich, jäh; abgerissen
Eruption – Ausbruch
Interruption – Unterbrechung
Coitus interruptus – unterbrochener Geschlechtsverkehr
Ruptur – in der Medizin: die Zerreißung, der Durchbruch

Wenn man es einmal weiß, sind diese lateinischen Lehnwörter gar nicht mehr so schwierig! Weniger durchsichtig sind zwei weitere Nachfahren von rumpere: Route und Rotte.

Die Route ist natürlich nichts anderes als ein französisches Wort für Straße, das im 17. Jahrhundert ins Deutsche übernommen wurde. Seinen Ursprung findet es über ein paar Schritte bei lateinisch (via) rupta = durch den Wald geschlagener (gebrochener) Pfad.

Die Rotte ist eine Bezeichnung für verschiedenartige Gruppen, von zügellosen Menschenscharen über Gruppen von Wölfen und Wildschweinen bis hin zu zusammen operierenden Militärflugzeugen. Es ist eine viel ältere Entlehnung (ca. 11. Jh.?) aus dem Altfranzösischen. Dort hatte rote die Bedeutung Trupp, Schar, Abteilung und – so ein schönes Wort! – Räuberhaufen. Auch dieses Wort geht letztlich auf das Partizip rupta von rumpere zurück, wahrscheinlich im Sinne von abgesprengte Gruppe, Schar.

Dass Interruption, Eruption und korrupt miteinander zu tun haben, wusste ich (die Bemühungen meines Lateinlehrers waren also doch nicht ganz vergeblich), bei bankrott ahnte ich es, doch dass auch Route zur Familie gehört, hätte ich nie gedacht!

Deutsch und wie andere es nennen

Frage

Zum Wochenende eine Frage aus meinem Bekanntenkreis: Welche Bezeichnungen gibt es in anderen Sprachen für deutsch?

Antwort

Die Bezeichnungen für deutsch lassen sich in verschiedene Gruppen einteilen. Beginnen wir einmal ganz unbescheiden mit unserem eigenen Wort. Das Adjektiv deutsch geht auf das althochdeutsche Wort thiutisk, diutisk zurück. Es war eine Ableitung von thiota, diot = Volk und bedeutete zum Volk gehörend. (Die mittelhochdeutsche Form diet interessiert wahrscheinlich vor allem Leute mit dem Namen Dietrich, Dieter, Dietmar oder Dietwald. In ihrem Namen begegnet man noch heute dem alten Wort für Volk.)

Die Bezeichnung deutsch findet sich – als Geschwister mit gemeinsamem Vorfahren oder als übernommenes Wort –  auch in anderen Sprachen. Zum Beispiel:

niederländisch: Duits
friesisch: Dútsk
dänisch/norwegisch/schwedisch: tysk
isländisch: þýskur
italienisch tedesco

Auch die Engländer haben im Laufe der Wortgeschichte einen Vorläufer von deutsch übernommen: Dutch – dies jedoch zur Bezeichnung des Niederländischen. Das führt, wie vor allem Holländer auf Reisen bestätigen können, immer wieder zu Missverständnissen und Verwechslungen zwischen deutsch und Dutch.

Das Wort deutsch geht also nicht, wie viele glauben, auf die Teutonen zurück. Auch wenn die Wortschöpfung Teutonengrill (ein von vielen Deutschen besuchter Urlaubsstrand) sehr treffend klingt, ist sie es rein wortgeschichtlich nicht.

Andere Sprachen greifen auf die Bezeichnung für die Germanen zurück, um deutsch zu sagen. Zum Beispiel:

englisch: German
bulgarisch: germanski (германски; in Bezug auf Deutschland)
neugriechisch: Jermaniká (Γερμανικά)
neuhebräisch: germaní (גרמני)

Das ist insofern nicht ganz ehrlich, als natürlich nicht alle Nachkommen der Germanen Deutsch sprechen. Man könnte es somit als ausgleichende Gerechtigkeit verstehen, dass andere Sprachen für deutsch eine Bezeichnung verwenden, die nur für die Vorfahren eines Teils der heute Deutschsprechenden zutrifft. Bekannt ist das französische allemand, das sich eigentlich nur auf die germanische Bevölkerungsgruppe der Alemannen bezieht:

französisch: allemand
spanisch: alemán
portugiesisch: alemão
türkisch: Alman
arabisch: almāniyy (الألمانية)

Und in einem Teil der nordöstlichen Ecke Europas ist deutsch sozusagen sächsisch:

finnisch: Saksa
estnisch: saksa

Man hatte es dort im Laufe der Geschichte wohl vor allem mit sächsischen Vertretern des Deutschen zu tun.

Eine große Gruppe fehlt nun noch: In den slawischen Sprachen geht die Bezeichnung für deutsch auf ein Wort zurück, das Fremder bedeutete. Es bezeichnet zuerst alle Fremdsprachigen, die man nicht verstand, und wurde später spezifisch für die Deutschsprachigen verwendet. Zum Beispiel:

bulgarisch: nemski (немски; in Bezug auf die deutsche Sprache)
polnisch: niemiecki
russisch: njemjezki (немецкий)
tschechisch: německý

Es gibt also recht unterschiedliche Bezeichnungen für deutsch. Ihre Ursprünge gehen von der althochdeutschen Zugehörigkeit zum Volk (deutsch) über die Germanen (German) oder einen Teil von ihnen (allemand, saksa) bis hin zu den Fremden, die man nicht versteht (niemiecki).

Schnürchen, Rübchen und kleine Geschnittene

Pastagerichte gehören zumindest nördlich der Alpen nicht unbedingt zu den Klassikern des Weihnachtsmenüs. Dies ist also (noch?) nicht mein zur Adventszeit passender Blogartikel. Anlass zu diesem Thema war ein sehr gemütliches und sehr gutes Essen mit Freunden in einem ausgezeichneten italienischen Restaurant. Es gab unter anderem Ravioli mit Krebsfüllung an Zitronensauce (lecker!!). Dabei wurde mir spontan eine Frage zu diesem Gericht gestellt. Da ich nun einmal Sprachler bin, wurde ich nicht gefragt, wie ich diese Köstlichkeit zubereiten würde, vielmehr wollte man wissen, woher das Wort Ravioli kommt. Wir wussten alle, dass es das italienische Wort für gefüllte Teigtaschen ist – sie lagen ja vor uns auf dem Teller –, aber woher diese Bezeichnung im Italienischen kommt, wusste ich natürlich nicht. Ich habe es inzwischen herausgesucht und möchte Ihnen heute die Namen von ein paar bekannten und weniger bekannten italienischen Nudelsorten aufzeigen (Auwahlkriterium: Was mir schon einmal auf einer Speisekarte oder auf dem Teller begegnet ist und woran ich mich auch noch gut bis vage erinnern kann). Man soll ja hin und wieder auch einen Blick über die Sprachgrenze werfen.

  • Bucatini = kleine Gelochte (zu bucato – gelocht, durchlöchert)
  • Cannelloni = große Röhrchen (zu cannello – Rörchen, canna – Rohr)
  • Cappelletti = Hütchen (zu capello – Hut)
  • Conchiglie = Muscheln
  • Farfalle = Schmetterlinge (bei uns zu Hause hießen sie Kravättchen)
  • Fettuccine = Bändchen (kleine Bänder, zu fettuccia – Band)
  • Fusilli = Spindelchen (zu fuso – Spindel; hierzulande auch Spiralnudeln genannt)
  • Lasagne = breite Bandnudeln (das Wort geht irgendwie auf lateinisch lasanum – Kochgeschirr zurück)
  • Linguine = Züngelchen (zu lingua – Zunge)
  • Maccheroni = aus dem Süditalienischen, und dort entweder unbekannte Herkunft oder von griechisch makaría – ein mit Gerste zubereitetes Gericht; bei uns Makkaroni oder Hörnchen(nudeln) gennant.
  • Orecchiette = Öhrchen (zu orecchio/orecchia – Ohr)
  • Ravioli = Rübchen? (wahrscheinlich süditalienischer Diminutiv zu rapa – Rübe)
  • Rigatoni = Gestreifte (zu rigato – gestreift)
  • Spaghetti = Schnürchen (zu spago – Schnur)
  • Tagliatelle = kleine Geschnittene (zu tagliato – geschnitten)
  • Tortellini/Tortelloni = kleine/große Törtchen (über tortello zu torta – Torte)

Wie man sieht, lassen sich auch die Italiener bei der Bennennung ihrer Nudeln vor allem durch die Form inspirieren. Mit u. a. -elle, -ette, -etti, -ine, -ini, -oni, -ioli haben sie aber ein viel größeres Arsenal an Diminutivendungen als wir mit unseren -chen und -lein!

Ach ja: Bei den Nudeln im Titel handelt es sich also um Spaghetti, Ravioli und Tagliatelle.

Buon appetito!

Dottor Bopp

Wir beide haben – wir haben beide

Häufig entdecke ich dank Ihren Fragen Feinheiten der Formulierung, die ich nicht bewusst kannte. Heute geht es um die Verwendung von beide, das mehrdeutiger ist, als ich gemeint hatte.

Frage

Meine Frage bezieht sich auf das Pronomen „beide“. Folgender Satz hat zu unterschiedlichen Meinungen geführt:

Wir haben beide den Film gesehen.

Darf hier „beide“ vom Personalpronomen getrennt stehen? Was ändert sich, wenn ich stattdessen schreibe:

Wir beide haben den Film gesehen.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

beide kann unterschiedliche Bedeutungen haben. Je nach Bedeutung sind verschiedene Satzstellungen üblich.

Unbetontes beide steht in der Regel mit einem Artikelwort oder nach einem Personalpronomen. Es bezieht sich zusammenfassend auf zwei Personen oder Dinge gleichzeitig (vgl. zwei):

Ihre beiden Kinder sind noch jung.
Die beiden Koffer stehen im Keller.
Wir beide haben den Film gesehen. (wir zwei; du und ich)

Betontes beide steht in der Regel ohne Artikelwort. Es gibt einen Gegensatz an, nämlich dass nicht nur eine Person oder ein Ding gemeint ist, sondern auch der/die/das andere (vgl. nicht nur … sondern auch; sowohl … als auch):

Beide Kinder sind noch jung.
Beide Koffer stehen jetzt im Keller.
Beide haben den Film gesehen. (sowohl der/die eine als auch der/die andere)

Es gibt also einerseits das zusammenfassende unbetonte beide, das mit einem Artikelwort oder nach einem Personalpronomen steht, und andererseits das mehr gegenüberstellende betonte beide, das ohne Artikelwort oder Personalpronomen steht.

Und hier sind wir dann endlich wieder beim Beispielsatz in Ihrer Frage. Wenn ich ein Artikelwort oder ein Personalpronomen verwenden will, aber auch mit betontem beide angeben möchte, dass nicht nur eines von zweien gemeint ist, verschiebt sich beide vom Bezugswort weg:

Ihre Kinder sind beide noch jung.
Die Koffer stehen jetzt beide im Keller.
Wir haben beide den Film gesehen. (nicht nur du, sondern auch ich)

Es ist also nicht ganz dasselbe, ob man wir beide haben (du und ich haben) oder wir haben beide (nicht nur du hast, sondern auch ich habe) sagt. Ich hoffe, dass der Unterschied zwischen den beiden beide ein bisschen deutlicher geworden ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Waise: Elternlose Kinder sind heute alle weiblich

Damit soll nicht etwa gesagt werden, dass heute alle Waisen Mädchen sind. Das Schicksal, keine Eltern mehr zu haben, trifft auch heute noch Mädchen genauso wie Jungen. Es geht hier nur um das grammatische Geschlecht.

Frage

Heute interessiert mich, ob man das Wort „Waise“ mit dem männlichen Artikel „der“ benutzen kann. Gestern hat mich nämlich im Kurs ein Schüler danach gefragt und ich hab spontan geantwortet, dass es möglich sei. Heute Morgen hab ich im Wörterbuch nachgeschlagen und hier sehe ich „die“ Waise. Ist das ein fataler Fehler oder könnte man auch „der Waise“ benutzen – vielleicht, wenn es sich um einen Jungen handelt?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

im heutigen Standarddeutschen ist das Wort Waise immer weiblich, also auch dann, wenn es um männliche Personen geht:

Der Junge ist eine Waise.
Dank der Adoption blieb ihm das Schicksal einer Waise erspart.
Von der Revolution vertrieben und zur Waise geworden, gelangt er über Polen nach Belgien [NZZ über den Maler Nicolas de Staël]
Früh zur Waise geworden, geht der Millionenerbe und Unternehmer mit allerlei Hightechausrüstung nachts auf Verbrecherjagd. [TV Digital über den Superhelden Batman]

Der Fehler ist aber nicht unbegreiflich und schon gar nicht „fatal“. Das Wort gleicht schließlich sehr stark dem substantivierten Adjektiv der/die Weise (der/die Kluge) und bezeichnet ebenfalls eine Person. Die Schreibung mit ai erklärt sich auch dadurch, dass der Unterschied zwischen Waise und Weise in der Schrift gekennzeichnet wurde und auch nach der letzten Rechtschreibreform geblieben ist. Es ist also nicht verwunderlich, dass Waise häufiger wie Weise behandelt wird.

Das ist aber noch nicht alles: Als nicht korrekt gilt die männliche Form der Waise nur in der heutigen Sprache. Die althochdeutsche Form weiso war nur männlich. Auch das mittelhochdeutsche weise war meistens männlich, auch dann, wenn eine weibliche Person bezeichnet wurde. Langsam kam dann auch die weibliche Form auf, aber sie hat sich „erst“ seit dem 18. Jahrhundert ganz durchgesetzt, und zwar so gründlich, dass heute nur noch die Waise als korrekt gilt.

Mich würde auch interessieren, weshalb die weibliche Form die männliche ersetzt hat. Doch dazu habe ich leider keine Angaben gefunden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Mauer, Wall und Wand

Das Wort Mauer, das man dieser Tage sehr häufig hört und liest, stammt von den Römern, denn von ihnen lernte man nördlich der Alpen das Mauern mit Steinen. Es ist ein in den (west)europäischen Sprachen weitverbreitetes Wort. In den romanischen Sprachen findet man es fast überall in der Form mur, muro oder muru (z. B. Französisch, Italienisch, Okzitanisch, Portugiesisch, Rätoromanisch, Spanisch). Die meisten germanischen Sprachen haben es in der Form mur, muur, muorre, Mauer o. Ä als Lehnwort übernommen (z. B. Dänisch, Deutsch, Friesisch, Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch). Auch außerhalb dieser beiden Sprachfamilien (z. B. Polnisch, Finnisch) hat das Lateinische murus Nachkommen.

Ein auffallender Außenseiter ist hier das Englische. Obwohl es mit den germanischen Sprachen verwandt ist und einen großen Teil seines Wortschatzes aus der romanischen Sprache Französisch übernommen hat, verwendet man jenseits des Ärmelkanals ein anderes Wort für Mauer: wall. Dieses Wort ist natürlich mit unserem Wall verwandt. Bevor Sie nun aber denken, dass hier urgermanische Wortsubstanz überlebt hat: Wall stammt ebenfalls aus dem Lateinischen. Mit vallum wurde die Gesamtheit der Palisaden auf einem Schanzwall bezeichnet, der ein Lager umgab (zu vallus = Pfahl). Während wir im Deutschen vallum in der Form Wall heute für den unteren Teil dieser Konstruktion, die Erdaufschüttung, verwenden, hat das Englischen den Mauercharakter des oberen Teils, der Palisaden, übernommen und weitergeführt.

Bei murus hingegen ist kaum eine Bedeutungsveränderung festzustellen. Die Römer bezeichneten mit diesem Wort eine Mauer aus Steinen und das tun wir in all den genannten Sprachen auch heute noch. In vielen Sprachen hat es auch die Bedeutung Wand im Sinne von „senkrechte Abgrenzung eines Gebäudes oder Gebäudeteils“ erhalten. Das bringt mich zu Wand, dem Wort, das mich hier am meisten erstaunt hat. Ich hatte mich nämlich noch nie gefragt, woher es kommt. Das liegt vielleicht daran, dass die Antwort gleichzeitig so nah und doch ziemlich weit entfernt liegt. Es ist direkt mit dem Verb winden (wand, gewunden) verwandt. So viel zur Nähe. Für die Antwort darauf, wie es mit winden verwandt ist, müssen wir etwas weiter zurückgreifen: In der Zeit, bevor die Germanischsprechenden Mauern bauten, wurden Wände aus Zweigen gewunden oder geflochten und dann mit Lehm bestrichen.

Mauer und Wall stammen also von den Römern, Wand aus dem Germanischen. Wichtiger als die Herkunft dieser Wörter ist aber, dass Wände, Wälle und Mauern vor allem schützen statt einsperren oder ausgrenzen sollten.

Dasselbe ist meist auch das Gleiche

Vor allem aus dem Bereich Deutsch als Fremdsprache erreichen mich immer wieder Fragen zu demselben / zum gleichen Thema. Das liegt aus meiner Sicht vor allem daran, dass einige hier etwas zu einer strengen Regel erheben, was in Wirklichkeit gar nicht so streng gehandhabt wird. Ich werde versuchen, hier anhand einer schon etwas älteren Frage „ein für allemal“ Klarheit zu verschaffen (was mir natürlich nicht gelingen wird):

Frage

Sprechen Rumänen und Moldawier die gleiche oder dieselbe Sprache? Gibt es einen Unterschied zwischen „das Gleiche“ und „dasselbe“?

Antwort

Sehr geehrte Frau A.,

mit der/die/das gleiche drückt man Identität aus:

Er trägt das gleiche T-Shirt wie gestern.
Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft.
Sie geht in die gleiche Schule wie Maria.
Ich kaufe das gleiche Smartphone wie du.
Rumänen und Moldawier sprechen die gleiche Sprache.

Mit derselbe/dieselbe/dasselbe drückt man ebenfalls Identität aus, aber meist „nur“ Identität des Einzelnen, also wenn es um ein und dasselbe geht:

Er trägt dasselbe T-Shirt wie gestern.
Sie geht in dieselbe Schule wie Maria.
Rumänen und Moldawier sprechen dieselbe Sprache.

Man verwendet derselbe/dieselbe/dasselbe eher nicht, wenn es um Identität der Art geht:

besser nicht: Sie haben beide dasselbe T-Shirt gekauft.
sondern: Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft.

besser nicht: Ich habe dasselbe Smartphone in Weiß.
sondern: Ich habe das gleiche Smartphpone in Weiß.

Faustregel: Der/die/das gleiche X geht immer, derselbe/dieselbe/dasselbe X bei Identität des Einzelnen. Wenn Sie unsicher sind, was Sie nehmen sollen, wählen Sie besser der/die/das gleiche X, das ist fast immer richtig.

Das ist aber nicht ganz alles: Wenn es zu Missverständnissen kommen kann, drückt der/die/das gleiche besser die Identität der Art und derselbe/dieselbe/dasselbe besser die Identität des Einzelnen aus:

Sie fahren beide denselben Wagen (= ein Auto, in dem beide fahren)
Sie fahren beide den gleichen Wagen (= zwei Autos der gleichen Marke)

Da in Ihrem Beispiel kein solches Missverständnis entstehen kann, können Sie sowohl dieselbe Sprache also auch die gleiche Sprache verwenden:

Rumänen und Moldawier sprechen dieselbe / die gleiche Sprache.

So und ähnlich sehen dies u. a. LEOs deutsche Grammatik, DWDS und die Dudengrammatik (8. Aufl., 2009, Randnr. 382).

ABER: Es gibt auch Grammatiken, die den Sonderfall zur allgemeinen Regel erheben und behaupten, dass man immer unterscheiden müsse, das heißt, dass man das gleiche X ausschließlich bei Identität der Art verwenden dürfe. Nach diesen Grammatiken, die noch häufig im Fremdsprachenunterricht verwendet werden, dürfte man also nur dieselbe Sprache sagen.

Die strenge Unterscheidung zwischen dasselbe und das gleiche kann noch relativ gut bei Kleidern und Autos, also den Standardbeispielen angewandt werden. Bei abstrakten Begriffen wie zum Beispiel Gefühlen, Gedanken und Vorstellungen grenzt es aber oft ans Philosophische, diese Unterscheidung machen zu wollen. Bei den folgenden Beispielen ist der Unterschied nur nach längerer Denkarbeit oder gar nicht zu erklären:

im selben Moment
im gleichen Moment

Ich habe dieselbe Geschichte schon einmal gehört.
Ich habe die gleiche Geschichte schon einmal gehört.

Sie hatten beide dieselbe Idee.
Sie hatten beide die gleiche Idee.

Wir sind zu derselben Schlussfolgerung gekommen.
Wir sind zur gleichen Schlussfolgerung gekommen.

Du sagst jeden Tag dasselbe.
Du sagst jeden Tag das Gleiche.

Die strenge Unterscheidung dasselbe – das gleiche ist künstlich und in vielen Bereichen auch sehr unpraktisch. Statt dasselbe X kann – auch im Standarddeutschen – das gleiche X stehen. Das kommt auf dasselbe oder eben aufs Gleiche heraus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine Stunde hochnotpeinlichen Verhörs

Frage

Wie schreibt man korrekt: „nach einer Stunde hochnotpeinlichem Verhör“ oder „nach einer Stunde hochnotpeinlichen Verhörs“?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

beides ist möglich. Es handelt sich hier um eine Maß- oder Mengenangabe im weiteren Sinne. Wenn das Gemessene wie hier ein Singular ist, steht es im heutigen Deutschen in der Regel im gleichen Fall wie die Maß- oder Mengenangabe. Das ist hier der von nach geforderte Dativ:

eine Stunde hochnotpeinliches Verhör
nach einer Stunde hochnotpeinlichem Verhör

Es ist ebenfalls möglich, den sogenannten partitiven Genitiv zu verwenden:

eine Stunde hochnotpeinlichen Verhörs
nach einer Stunde hochnotpeinlichen Verhörs

Der Genitiv gilt hier allerdings als veraltet. In diesem Fall passt er stilistisch aber recht gut zum ebenfalls altertümlich anmutenden Wort hochnotpeinlich. Siehe auch die Angaben in der Canoonet-Grammatik.

Mir stellt sich hier noch eine ganz andere Frage. Woher kommt hochnotpeinlich? Bei der heutigen, in der Regel scherzhaft gemeinten Verwendung bedeutet es so viel wie sehr streng. Ein hochnotpeinliches Verhör ist ein sehr strenges Verhör, hochnotpeinliche Fragen sind sehr strenge Fragen.

Historisch gesehen war  hochnotpeinlich aber noch viel strenger als das, was wir heute unter sehr streng verstehen: Ein hochnotpeinliches Gericht war ein Gericht, das über schwere Verbrechen urteilte und die Todesstrafe verhängen konnte.

Wie kam das Gericht zu dieser Beifügung? Das Adjektiv peinlich gehört zu Pein (Strafe, Qual, Schmerz). Etwas Peinliches hatte mit Strafe und Schmerz zu tun. Das Adjektiv kam insbesondere in der Rechtssprache vor, wo es die Bedeutung mit Folterschmerzen verbunden hatte. Peinliche Fragen sind auch heutzutage unangenehm, aber im 16. Jahrhundert waren sie zweifellos noch viel unangenehmer: Peinliche Fragen waren nämlich Fragen, die unter Androhung oder Anwendung der Folter gestellt wurden.

Peinlich war also mit Folter verbunden. Die Verstärkung hochpeinlich oder notpeinlich bezog sich auf verschärfte Folter und eine Steigerungsstufe weiter sind wir bei hochnotpeinlich angelangt. Es war also eindeutig vorzuziehen, nicht vor einem hochnotpeinlichen Gerichte erscheinen zu müssen! Deshalb schrieb Gottfried August Bürger in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Ballade „Der Kaiser und der Abt“, wenn auch bereits eher scherzhaft  (von ihm stammt auch eine der bekanntesten Fassungen der „Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“):

Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität [Beklemmung],
Der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht.

Ein hochnotpeinliches Verhör im 16. Jahrhundert war also um einiges schmerzhafter als das, was man heute scherzhaft als ein hochnotpeinliches Verhör bezeichnet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp