Von gemeinen Weibern und gewöhnlichen Frauen

Frage

Seit Längerem beschäftigen mich die Wortherkunft und die widersprüchliche Bedeutung des Wortes „gemein“. Einerseits wird es als Synonym für „gewöhnlich“, „normal“ oder „durchschnittlich“ verwendet, was wohl auch die Verwandtschaft mit „Gemeinschaft“ erklärt. Andererseits bedeutet „gemein“ auch so etwas wie „fies“ und „bösartig“, was ja gerade Eigenschaften sind, die alles andere als gemeinschaftsfähig sind. Wie kam es zu diesem Bedeutungsunterschied? Stammen beide Bedeutungen vom selben Wort ab?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

beide Bedeutungen von gemein haben denselben Ursprung. Die Grundbedeutung war ungefähr gemeinsam besessen; zusammengehörig; allgemein; für alle (vgl. zum Beispiel Gemeinde, Gemeinschaft, gemeine Interessen). Was von allen ist oder für alle ist, kann nicht wirklich gut sein. Deshalb erhielt gemein zuerst die Bedeutung von gewöhnlich (vgl. die Gemeine Stubenfliege, das gemeine Volk) und später abstoßend, roh; unverschämt; unflätig; boshaft, bösartig – so eben, wie sich das „gewöhnliche Volk“ nach der Meinung des „besseren Volkes“ benimmt. So sehr kann es mit einem Wort bergab gehen!

Ein ähnliches Schicksal erlitt zum Beispiel ordinär (unfein, vulgär), das im Französischen ursprünglich nur gewöhnlich bedeutete. Auch das Wort Weib war einmal eine neutrale Bezeichnung für eine weibliche Person und wurde gleich verwendet wie Mann für männliche Personen. Das Wort Frau stand auf der gleichen Ebene wie das Wort Herr. Es war eine Bezeichnung für sozial Höhergestellte. Das erklärt, warum wir Herr und Frau Meier und nicht Mann und Frau Meier sagen. Dann ist das Ganze langsam ins Rutschen gekommen. Es wurde immer unüblicher, Frauen mit dem gewöhnlichen Wort Weib zu bezeichnen. Das ging so weit, dass Weib nun ein Schimpfwort ist. An seine Stelle ist Frau getreten und die dadurch „weiter oben“ frei gewordene Stelle nahm das französische Dame ein: meine Damen und Herren.

Wörter haben immer wieder die Neigung, auf der Wertskala einige Stufen herunterzurutschen. So ist auch das Wort gewöhnlich oft als eher negative Charakterisierung gemeint. Bei gemein ist interessant, dass die ursprüngliche, neutrale Bedeutung an verschiedenen Orten immer noch präsent ist: etwas mit jemandem gemein haben, einer Sache gemein sein; allgemein, Gemeinschaft usw.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Salsasauce und Diebstahl

Wenn Sie sich über Ausdrücke wie La-Ola-Welle und Salsasauce wundern oder gar ärgern, können Sie wahrscheinlich spanisch. Wenn Sie sich fragen, was an diesen Wörtern nicht stimmen könnte: Es sind Tautologien oder Pleonasmen, das heißt Ausdrücke, die zweimal dasselbe ausdrücken (ola = sp. für Welle, salsa = sp. für Sauce). Solches „doppelt Gemoppelte“ gibt es immer wieder, manchmal aus Unkenntnis eines (Fremd)-Wortes, manchmal bewusst zur Erzeugung eines bestimmten Effektes und manchmal auch einfach, weil es praktischer und verständlicher ist.

Solche tautologischen oder pleonastischen Ausdrücke werden oft sehr kritisch beurteilt. Was ist aber so falsch an La-Ola-Welle, wenn kein Mensch weiß, was la ola bedeutet? Und Salsa mag dann im Spanischen einfach Sauce bedeuten, in der deutschsprachigen Küche und Gastronomie wird damit in der Regel eine bestimmte mexikanische Zubereitungsart mit Chili, Tomaten, Zwiebeln und anderen Zutaten bezeichnet. So hat man dann am Grillfest die Wahl zwischen Barbecue-, Knoblauch- und Salsasauce. Es gibt schließlich auch den lateinamerikanischen Tanz mit dem Namen Salsa, und den meinen wir ja nicht, wenn wir Sauce neben das Gegrillte auf den Teller schöpfen.

Ich will nun nicht alle Tautologien, Pleonasmen und Redundanzen verteidigen. Auch ich finde, dass man nicht bereits schon sagen, sondern sich für eines der beiden Wörter entscheiden sollte. Ich meine nur, dass Doppelungen häufig nicht einfach falsch oder überflüssig sind. Manchmal geht es um die Erzeugung eines komischen Effekts (Nur über meine tote Leiche!), manchmal um Verdeutlichung (Im Land der Zwerge ist ein kleiner Zwerg kleiner als ein großer) und manchmal sind sie praktischer und verständlicher als die einfache Formulierung (HIV-Viren statt „korrekt“ HI-Viren oder HIVs). Im Umgang mit solchen Ausdrücken und Wendungen braucht man keine Liste mit „richtig“ und „falsch“, sondern ein bisschen Fingerspitzengefühl.

Tautologien sind übrigens nichts Neues. Ein schönes Beispiel ist das Wort Diebstahl. Es war mir nie aufgefallen, bis ein Kalenderblatt mich kürzlich darauf hingewiesen hat. Es hieß schon im Mittelhochdeutschen diupstāle, diepstāl. Der erste Teil ist mit dem heutigen Dieb verwandt und bedeutete Diebstahl, Gestohlenes. Der zweite Teil ist natürlich mit stehlen verwandt und bedeutete auch Stehlen. Diebstahl ist also eigentlich gestohlenes Diebesgut – doppelt Gemoppeltes vom Feinsten!

Vielleicht geschieht mit Salsasauce einmal dasselbe wie mit Diebstahl: Das Wort wird als eigenes Wort lexikalisiert und fällt niemandem mehr als Tautologie auf. Vielleicht gerät die Sauce aber auch einfach wieder in Vergessenheit. Saucen unterliegen Trends und Moden, Diebstähle wird es wohl immer geben.

Die Namen der Fälle

Die Fälle gehören sozusagen zu meinem Handwerkszeug. Ich schlage mich fast täglich mit den Begriffen Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ herum. Ich hatte zwar schon eine Ahnung, woher diese Namen kommen und was sie ungefähr bedeuten, aber ich habe es nun endlich einmal für mich herausgesucht – und für Sie.

Die Begriffe Kasus, Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ haben wir wie so viele andere zusammen mit der traditionellen Grammatik von den Lateinern übernommen. Diese wiederum verwendeten für ihre Sprachbeschreibung Lehnübersetzungen aus der griechischen Grammatik.

Fangen wir mit Fall an: Das deutsche Wort ist die wörtliche Entsprechung des lateinischen Wortes casus. Es ist in dieser Bedeutung eine Übersetzung des griechischen Wortes ptõsis (das Fallen, der Fall), das schon von den alten griechischen Grammatikern für die Bezeichnung der grammatischen Fälle verwendet wurde.

Der Nominativ war der (casus) nominativus, der benennende Fall. Bei den Griechen hieß er onomastiké ptõsis, wörtlich namengebender Fall. Es ist der Fall, den man beim Bennennen verwendet. Das gleiche nomin- steht zum Beispiel auch im Fachwort Nominalwert. Nominalwert oder Nennwert ist die Bezeichnung des Wertes, der auf einer Münze, einer Banknote o. Ä. angegeben wird.

Der Genitiv geht über (casus) genitivus auf geniké ptõsis zurück, den die Gattung, Herkunft, Abstammung bezeichnenden Fall. Im Lateinischen wurde er als Fall interpretiert, der die Abhängigkeit eines Substantivs von einem anderen angibt. Dem gen in Genitiv begegnen wir auch zum Beispiel in Generation, genetisch, das Gen usw.

Der Dativ kommt von (casus) dativus und dieser von dotiké ptõsis, zum Geben gehörender Fall. Es ist der Fall, in dem häufig die Person oder Sache steht, die bei einem Verb des Gebens das Gegebene erhält. Das lateinische Adjektiv dativus ist von datum abgeleitet, dem zum Verb dare = geben gehörenden Partizip. Das dat in Dativ finden wir unter anderem auch in dem heute so wichtigen Wort Daten. Die Daten sind eigentlich nichts anderes als das Gegebene. Die Bezeichnung Datum für die Angabe eines bestimmten Tages geht auf den lateinischen Gebrauch zurück, in Briefen anzugeben, wann ein Schriftstück datum, also gegeben oder ausgestellt wurde.

Bleibt noch der Akkusativ. Er kommt von (casus) accusativus, der zur Anklage gehörende Fall (vgl. engl. to accuse, frz. accuser). Hier sind sich viele Gelehrte – aber natürlich nicht alle! – einig, dass den Lateinern bei der Übersetzung des griechischen Begriffes aitiatiké ptõsis ein Fehler unterlaufen sei. Gemeint sei nicht der Fall der Anklage, des Anklagens, sondern der Fall der Ursache, des Grundes. Auf die Details der Diskussion will ich hier nicht weiter eingehen, das könnte Ihre (und nicht zuletzt auch meine) Geduld überstrapazieren.

Bei den Fällen haben wir es also wortgeschichtlich mit dem Nennfall, dem Herkunftsfall, dem Gebefall und dem Anklagefall zu tun. Das ist auf den ersten Blick relativ aussagekräftig, aber ich bezweifle, dass diese Namen viel hilfreicher sind als die üblichen deutschen Bezeichnungen Werfall, Wesfall, Wemfall und Wenfall.

Kann etwas als etwas qualifizieren?

Frage

Kann ich die folgenden Sätze so stehenlassen? Das Verb „qualifizieren“ kenne ich in dieser Bedeutung/Verwendung nicht.

Sie können auf einen Anhang verzichten, sofern sie nicht als große Unternehmen qualifizieren.
Das ist eine Beschränkung auf Unternehmen, die als Beteiligung qualifizieren.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

diese Verwendung von qualifizieren ist im Deutschen nicht üblich. Es ist vermutlich eine wörtliche Übersetzung des englischen to qualify as sth. mit der Bedeutung die Voraussetzungen für etwas erfüllen, als etwas bezeichnet werden können. Gemeint ist wohl so etwas wie:

… sofern sie keine großen Unternehmen sind.
… sofern sie nicht als große Unternehmen gelten.
… welche die Bedingungen/Voraussetzungen für eine Beteiligung erfüllen.

Bevor ich nun aber kategorisch erkläre, die zitierten Sätze seien schlichtweg falsch, möchte ich noch eine kleine Nuance anbringen: Es scheint im Jargon der Finanzwelt üblich zu sein, qualifizieren in dieser Weise zu verwenden. Man könnte in einem von Fachleuten für Fachleute geschriebenen Text vielleicht erwägen, stirnrunzelnd nur ein Fragezeichen dahinter zu setzen. Jede Fachsprache hat nun einmal ihre Eigenheiten. In allen anderen Textarten würde ich aber zum Rotstift greifen. Dort qualifiziert dieses qualifizieren als sozusagen als Fehler.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Wort auf Umwegen: Mannequin

Für diejenigen unter uns, die nicht mehr wissen, was ein Mannequin ist: „weibliche Person, die Modekollektionen, Modellkleider vorführt“. So definiert das gelbe Wörterbuch den Begriff. Ein Mannequin ist also eine Frau, die wie viele Ihrer Kolleginnen diese Woche an der Berliner Fashion Week viel zu tun hatte: ein Model. Vorgängerinnen von zum Beispiel Frau Schiffer und Frau Klum nannten sich so und wurden so genannt. Auch ich kann mich erinnern, dass Fashion Weeks noch Modewochen hießen und Mannequins und Dressmen statt Models über die Laufstege, pardon, die Catwalks schritten.

Wie alles, was früher etwas mit Mode zu tun hatte, kommt auch das Wort Mannequin aus Frankreich. Weshalb aber ist es ein „Wort auf Umwegen“? Weil es nicht aus Paris, sondern aus einer Gegend stammt, die auch heute nicht unbedingt für modische Eleganz und Raffinesse bekannt ist: aus den Niederlanden. Das mittelniederländische Wort manneken mit der Bedeutung Männchen [sic!] wurde unter anderem im Sinne von Puppe, Gliederpuppe ins Französische übernommen. Mit Mannequin ist ein niederländisches Wort über Frankreich zu uns gelangt.

MannequinAuch die heutige Bedeutung von Mannequin hatte ursprünglich mit Reisen zu tun. Der französische Hof war das Zentrum der Mode. Wer im Rest der (europäischen) Welt etwas auf sich gab und – auch damals nicht ganz unwichtig – wer es sich leisten konnte, wollte nach der französischen Mode gekleidet sein. Der ein- bis anderthalbtägige Einkaufsausflug in die Modemetropole kam erst mit Flugzeugen und Hochgeschwindigkeitszügen in Frage. Videos, Fotos oder Schnittmuster übers Internet zu verbreiten war ebenfalls noch nicht möglich. Man wusste sich aber auch damals schon zu helfen: Es wurden nach der neuesten Mode gekleidete kleine Puppen, Mannequins, durch die Welt geschickt, die den modebewussten Damen und Herren die aktuellen Pariser Modelle und Trends vorführten. Später nannte man auch diejenigen, die bei den Couturiers die neue Kreationen vorführten, Mannequins (im Französischen anfangs nur die Männer). Heute, da sich die französische Hauptstadt die modische Vorherrschaft schon lange mit Mailand, London und New York teilen muss, werden die Vertreterinnen und Vertreter dieser Berufsgattung, wie schon gesagt, meist Models genannt.

Auch das Wort Model ist übrigens „weitgereist“. Es hat allerdings eine Route genommen, die viele andere Wörter auch zurückgelegt haben. Es startete seine Karriere als Diminutiv modulus des lateinischen Wortes modus (Maß; Art, Weise). Sein italienischer Nachfahre modello gelangte dann als modelle (später modèle) nach Frankreich, von wo es als Modell direkt ins deutsche Sprachgebiet und als model nach England und später zu uns weiterwanderte.

Weder Mannequin noch Model oder Modell sind also deutschen Ursprungs. Wer lieber keine Fremwörter verwendet, muss hier also auf Vorführfrau und Vorführmann ausweichen. Wenn es nur darum geht, die Bedeutung wiederzugeben, eignen sich diese Wörter ausgezeichnet. Wenn es aber darum geht, auch das zur Mode gehörende Flair zu vermitteln, sind sie völlig ungeeignet.

Lehnwörter von der Datumsgrenze: Polynesisches im Deutschen

Im westlichen Teil Polynesiens war es schon einen halben Tag früher 2014 als bei uns. Im östlichen Teil musste man einen halben Tag länger auf das neue Jahr warten als wir. Das hat – wir haben es im Geographieunterricht gelernt – mit der Kugelform der Erde und der Datumsgrenze zu tun, die auf der uns gegenüberliegenden Seite der Kugel quer durch Polynesien verläuft. Was wissen wir noch mehr von dieser Inselwelt? Die Meuterei auf der Bounty fand dort statt, Gaugin hat auf Tahiti gemalt, Barak Obama wurde auf Hawaii geboren, Inseln, Palmen, Atolle und ganz viel Ozean. Viel mehr wissen die meisten von uns nicht über diesen Teil der Erde. Auch sprachlich gibt es kaum Verbindungen zwischen Polynesien und dem deutschsprachigen Teil der Welt. Nur zwei, drei Wörter aus polynesischen Sprachen haben es in die deutsche Alltagssprache geschafft:

Das Wort kanaka bedeutet in einer polynesischen Sprache Mensch. Es wurde zuerst durch Seeleute entlehnt und in der Form Kanake zu einer Bezeichnung für Polynesier und Südseeinsulaner. Ich weiß nicht, inwieweit es früher „neutral“ verwendet werden konnte (ich habe gewisse Zweifel). Heute ist jedenfalls wegen der Verwendung von Kanake als Schimpfwort für Migranten große Vorsicht geboten, wenn man dieses Wort benutzt. Es ist vor allem mit dieser negativen Bedeutung bekannt.

Dies ist eine fast zu schöne Überleitung zum folgenden Wort: tabu, Tabu. Es stammt aus der polynesischen Sprache Tonga, wo es ungefähr geheiligt bedeutet. Es wurde zuerst in der Völkerkunde für Lebewesen oder Objekte verwendet, die so heilig sind, dass man sie nicht berühren oder nicht einmal anschauen darf. Aus der Fachsprache ist es dann in die Allgemeinsprache durchgedrungen, meist als Charakterisierung von etwas, über das man nicht reden darf (Tabuthema).

Das dritte Wort  kann in meiner Erfahrung bei vielen Eltern mit heranwachsenden Söhnen und Töchtern zu einem solchen Tabuthema werden: Tatoo oder Tätowierung. Es kommt vom tahitianischen Wort tatau für Zeichen. Tätowierungen sind in den letzten Jahren so populär geworden – und nicht nur, wie das Klischee es wollte, bei Knastbrüdern, Prostituierten und Seeleuten –, dass viele Eltern viele verschiedene Taktiken anwenden, um den Nachwuchs ganz oder wenigstens möglichst lange davon abzuhalten, ins Tattoostudio zu gehen: „Nein, auch kein kleines, geschmackvolles, das man kaum sieht!“ Versuchen Sie es einfach einmal und lassen Sie das Stichwort Tätowierung in einer Familie mit pubertierendem Nachwuchs fallen. Wenn Sie mehr für das Harmonie- als für das Konfliktmodell sind, sollten Sie es allerdings besser bleiben lassen.

Kanake, Tabu und Tätowierung sind die drei bekanntesten Wörter polynesischen Ursprungs. Wenn wir den Kreis etwas größer machen, kommen noch weitere Wörter aus der „gleichen“ Region: Bumerang, Digdgeridoo, Dingo, Känguru und Koala sind Beispiele von Wörtern, die wir – Sie haben es bestimmt erkannt – aus australischen Sprachen übernommen haben.

Umgekehrt kommen auch nur wenige (aber immerhin ein paar!) deutsche Lehnwörter in den Sprachen der Südsee vor. Mehr dazu lesen Sie in einem Artikel von Stefan Engelberg mit dem Titel „Kaisa, Kumi, Karmoból – Deutsche Lehnwörter in den Sprachen des Südpazifiks“ (in „Sprachreport“, 4/2006, Institut für deutsche Sprache IDS).

Ab nächster Woche geht es dann wieder wie gewohnt mit interessanten Fragen von Ihnen weiter.

Warum einwecken eigentlich einrempeln heißen müsste

Der Winter hat vielerorts zwar noch immer nicht  richtig angefangen, aber die Zeit, im Sommer und Herbst Eingewecktes aufzumachen und zu genießen, kommt bestimmt. Mir fiel jedenfalls gerade gestern ein Weckglas in die Hände, so ein schönes mit Gummiring in Rotorange und dem Namen »Weck« in Relief auf dem Deckel.

Weckglas Weckglas

Das Glas stammt aus einer Zeit, in der man sich noch nicht darauf verlassen konnte, das ganze Jahr hindurch im Supermarkt frische Nahrungsmittel vorzufinden. Wenn etwas in den fruchtbaren Monaten üppig vorhanden war, wurde ein Teil davon durch Einkochen für die weniger üppigen Monate haltbar gemacht. Wie das genau vor sich ging und immer noch vor sich geht, soll hier nicht Thema sein. Ich wunderte mich nämlich gestern vielmehr, wieso ein Weckglas so heißt, wie es heißt. Die Nahrungsmittel werden ja nicht (auf)geweckt, sondern eher schlafen gelegt.

Das Weckglas heißt so, weil es von der Firma Weck kommt (und wenn es nicht von der Firma Weck kommt, darf es nicht so heißen). Wo man für das Einkochen Weckgläser benutzte, entstand für diesen Vorgang das Verb einwecken. Johann Carl Weck, der Gründer und Namensgeber der Firma Weck, war zwar indirekt auch der Namensgeber für das Weckglas, er war aber nicht dessen Erfinder. Er erwarb das Patent 1895 vom Unternehmer Albert Hüssener, der es von 1893 an genutzt hatte. Der eigentliche Erfinder war der Chemiker Rudolf Rempel. Er ließ Glas und Methode 1892 patentieren, starb aber schon im darauffolgenden Jahr nur vierunddreißig Jahre jung. Wenn das Weckglas nach seinem Erfinder hieße, wäre es also ein Rempelglas und Lebensmittel würden nicht eingeweckt, sondern eingerempelt.

Die Geschichte lief aber so, wie sie lief, und man spricht heute weder von einrempeln noch von einhüssenen. Vor allem in Österreich gibt es noch eine andere Bezeichnung, die ebenfalls von einem Namen abgeleitet ist: einrexen, nach den beim Einwecken verwendeten Rex-Gummiringen der Firma Rex-Gummitechniken. In der Schweiz bleibt es diesbezüglich ziemlich langweilig. Dort ist vor allem die Bezeichnung einmachen üblich.

Ob Sie nun Eingewecktes, Eingerextes, Eingemachtes oder gar nichts Eingekochtes in der Vorratskammer stehen haben: Ich wünsche ein gutes neues Jahr!

Parfum oder Schaumwein?

Auch oder gerade auf einer Ebene der Umgangssprache, derer man sich bei formelleren Gelegenheiten und in gehobeneren Kreisen besser nicht bedient, gibt es regionale Unterschiede. Nehmen wir einmal das Wort Nuttendiesel, das mir dieses Wochenende wieder einmal über den Weg gelaufen ist. Interessant daran ist, dass es bei Nuttendiesel für einmal nicht um unterschiedliche Bezeichnungen für dasselbe geht, sondern um dieselbe Bezeichnung für Unterschiedliches. Diese ausdrucksstarke Wortzusammensetzung hat nämlich mehr als eine „offizielle“ Bedeutung.

Allgemeindeutsch bezeichnet Nuttendiesel meistens ein billiges, aufdringlich riechendes Parfum, dessen Verwendung man offenbar vor allem den Prostituierten zuschreibt. Die Geruchsintensität von Nuttendiesel lässt sich wie folgt umschreiben: Wenn eine nuttendieselbesprühte Person ganz vorn in die Straßenbahn einsteigt, kommt man spätestens dann, wenn die Straßenbahn sich in Bewegung setzt, auch auf dem allerhintersten Sitzplatz in den vollen Riechgenuss, selbst bei leichtem bis mittelschwerem Schnupfen. Oder: Die Windstärke muss beinahe orkanartig sein, wenn man Nuttendiesel nicht auch gegen den Wind schon von Weitem deutlich riecht. Den gleichen Effekt haben allerdings auch gewisse sehr teure, moschusschwangere Eaux de Parfum (Beispiele für Kenner und Kennerinnen: das französische äquivalent von Gift im Damenbereich und der griechische Name für die Statue eines jungen Mannes bei den Herrendüften).

In der Schweiz ist Nuttendiesel in der Regel etwas anderes. Stark riechende Parfums werden oft politisch ziemlich unkorrekt mit Hilfe der Wörter stinken und morgenländisches Puff charakterisiert. Nuttendiesel hingegen ist Sekt oder Champagner. Das Bild, das aufgerufen wird, ist ziemlich derb: Sekt als Treibstoff für Prostituierte. Es widerspiegelt aber in einem Wort treffender und realistischer das Ambiente der Animierwelt, als dies die frivole Champagnerseligkeit in zum Beispiel „Da geh ich zu Maxim“ aus Franz Lehars „Lustiger Witwe“ tut. Ein fröhlicherer Ausdruck, den ich sehr mag, ist übrigens das Dialektwort Chlöpfmoscht, also Knallmost, das man für die Menschen nördlich der Weißwurstgrenze wohl am besten mit Knallsaft übersetzt.

Natürlich benutzen Leserinnen und Leser dieses Blogs nie und nimmer derbe Ausdrücke wie Nuttendiesel. Aber wenn Sie es trotzdem einmal hören sollten, wissen Sie nun, dass nicht immer und überall dasselbe gemeint ist.

Das frustrierende Eichhörnchen

Frustrierend sind Eichhörnchen nicht etwa als Tiere. Ich habe soeben wieder zwei dieser nervös-quirligen Kletterer im Garten beobachtet. Der Weg von der Ecke des Waldes, in dem sie wohnen, zum Nussbaum im Nachbargarten führt über den Zaun und die Hecke am Rande unseres Gartens. Bei uns heißt diese Strecke im Herbst „die Eichhörnchenroute“ und an besonders verkehrsintensiven Tagen „die Eichhörnchenschnellstraße“. Es ist immer wieder ein schöner, erheiternder Anblick. Nein, frustrierend sind diese Tierchen wirklich nicht (auch wenn ich zu meinem großen Erstaunen kürzlich herausgefunden habe, dass sie nicht nur Nüsse fressen, sondern – wie unpassend zum niedlichen Äußeren! – im Frühling auch Jungvögel nicht zu verschmähen scheinen).

Bild: Wikimedia

Frustrierend finde ich zurzeit gerade Eichhörnchen als Wort. Ich wollte nämlich herausfinden, woher es kommt. Wie wohl die meisten von uns bin ich davon ausgegangen, dass  Eich- vom Baum namens Eiche stammt. Mich interessierte also vor allem die Herkunft des zweiten Wortteils: Was haben die Nager mit Hörnchen zu tun? Vielleicht die spitzen Öhrchen, der gekrümmte Schwanz? Weit gefehlt! Die Antwort lautet: rein gar nichts.

Nach Kluge, „Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Sprache“, 24. Auflage, 2002, kommt Eichhörnchen von germanisch „aikurna“. So weit, so gut. Dann wird es furchtbar kompliziert. So kompliziert, dass ich Ihnen den entsprechende Text für einmal nicht vorenthalten will:

Der vorausliegende nordeuropäische Name ist *woiwer-, wobei in der ersten Silbe auch ē oder ā erscheint. Morphologisch handelt es sich wohl um eine Intensiv-Reduplikation oder eine Vriddhi-Bildung zu einer einfachen nominalen Reduplikation(bei der i oder e denkbar wäre). Vgl. lit. vėverìs f., vaiveris m., voverìs f., aruss. věverica, kymr. gwiwer, nir. georog und mit leicht abweichender Bedeutung l. vīverra f. »Frettchen«. Das germanische Wort unterscheidet sich von diesen in einer auch sonst bezeugbaren Veränderung von inlautendem w zu g. k und im Fehlen des Anlauts w- (was möglicherweise mit nir. (reg.) iora eine Parallele hat. Vorauszusetzen ist also (ig.) *(w)oiwr-.

Am Anfang habe ich mir noch Mühe gegeben, aber spätestens bei „eine Vriddhi-Bildung“ ist bei mir dann Schluss mit Verstehen. Ganz am Ende wird es zum Glück aber wieder einfacher:

Weitere Herkunft unklar. Die sekundäre Umgestaltung im Deutschen zu -horn, -hörnchen (schon seit spätalthochdeutscher Zeit) hat in neuerer Zeit zu der Ablösung Hörnchen für die ganze Famile dieser Tiere geführt (Flughörnchen usw.).

Das Eichhörnchen hat also ursprünglich nichts mit Eiche und nichts mit Horn oder Hörnchen zu tun. Womit es sonst zu tun hat, weiß ich immer noch nicht: „Weitere Herkunft unklar.“ Frustrierend.

Lustig finde ich allerdings, dass sich der Volksmund so viel Unklarheit nicht gefallen ließ und einfach wie folgt uminterpretierte: Eichhorn = Eiche + Horn. Das führt zum halbwegs deutbaren und entsprechend einfacher zu hantierenden Namen Eichhörnchen und letztlich sogar zur Bezeichnung Hörnchen für eine ganze Tierfamilie. Als Beispiel für ein Phänomen, das man Volksetymologie nennt, ist Eichhörnchen also gar nicht so frustrierend.

Allerheiligen

Diesmal ein paar Bemerkungen zum heutigen kirchlichen Feiertag. Wie es sich für ein Sprachblog gehört, geht es dabei weder um Besinnliches noch um Religiöses, sondern nur um den Namen des Feiertages: Allerheiligen.

Allerheiligen

Es ist Ihnen bestimmt auch aufgefallen, aber ich sage es trotzdem noch einmal: Der Name Allerheiligen ist eigentlich ein Genitiv. Er ist eine Verkürzung von Allerheiligentag, also Tag aller Heiligen. Am 1. November wird in der katholischen Kirche aller Heiligen, der bekannten und der unbekannten, gedacht. Der auf Allerheiligen folgende Tag trägt einen in gleicher Weise geformten Namen: Allerseelen. Es ist der Tag, an dem der Seelen aller Verstorbenen gedacht wird. (Anfang November ist der Genitiv also keineswegs bedroht!)

Wenig erstaunlich für einen katholischen Feiertag ist, dass der Name lateinischen Ursprungs ist: Sollemnitas Omnium Sanctorum (wörtl. Feierlichkeit aller Heiligen). Ein wenig erstaunt hat mich dann aber doch, dass dieser Feiertag in allen Sprachen, für die ich es einigermaßen kontrollieren konnte, eine wörtliche Übersetzung aus dem Lateinischen ist. Das war zwar zu erwarten, aber ein bisschen mehr Eigensinnigkeit hätte ich mir bei der einen oder anderen Sprache doch erhofft. Bei zum Beispiel Weihnachten, Ostern und Pfingsten haben die verschiedenen Sprachen ja ein bisschen mehr Abwechslung zu bieten. Hier ein paar Beispiele:

Niederländisch: Allerheiligen (nur die Aussprache ist etwas anders als bei uns)
Dänisch: Allehelgensdag
Norwegisch: Allehelgensdag
Schwedisch: Alla helgons dag
Isländisch: Allraheilagramessa

Englisch: All Saints’ Day

Französisch: Toussaint
Italienisch: Ognissanti
Katalanisch: Tots Sants
Spanisch: Día de Todos los Santos
Portugiesisch: Dia de Todos-os-Santos

Polnisch: Wszystkich Świętych
Russisch: Всех святых
Tschechisch: Všech svatých
Kroatisch: Svi Sveti
Serbisch: Сви свети

Griechisch: Agioi Pantes ( Άγιοι Πάντες)

Mit Allerheiligen hat auch einer der schönsten Städtenamen zu tun, die ich kenne. Am 1. November 1501, also an Allerheiligen, „entdeckte“ der Florentiner Amerigo Vespucci für die Portugiesen an der Küste Südamerikas eine große Bucht, die er nach dem Tag der Entdeckung Bahia de Todos os Santos (Allerheiligenbucht) nannte. Knapp fünfzig Jahre später wurde an dieser Bucht eine Kolonie gegründet, die heutige Stadt Salvador da Bahia. Sie heißt mit vollem Namen São Salvador da Bahia de Todos os Santos (Heiliger Erlöser der Allerheiligenbucht). Für Adressangaben ist dieser Name zwar unpraktisch lang, aber São Salvador da Bahia de Todos os Santos klingt für meine germanischen Ohren einfach viel melodiöser und eindrücklicher als unsere zweisilbigen Namen wie Frankfurt, Leipzig, Salzburg oder Zürich.

Salvador

Den in vorwiegend katholischen Ländern und Kantonen Wohnenden wünsche ich einen schönen Feiertag, und für die anderen gilt: Nur noch ein Tag und dann ist Wochenende!