Frage
Seit Längerem beschäftigen mich die Wortherkunft und die widersprüchliche Bedeutung des Wortes „gemein“. Einerseits wird es als Synonym für „gewöhnlich“, „normal“ oder „durchschnittlich“ verwendet, was wohl auch die Verwandtschaft mit „Gemeinschaft“ erklärt. Andererseits bedeutet „gemein“ auch so etwas wie „fies“ und „bösartig“, was ja gerade Eigenschaften sind, die alles andere als gemeinschaftsfähig sind. Wie kam es zu diesem Bedeutungsunterschied? Stammen beide Bedeutungen vom selben Wort ab?
Antwort
Sehr geehrter Herr H.,
beide Bedeutungen von gemein haben denselben Ursprung. Die Grundbedeutung war ungefähr gemeinsam besessen; zusammengehörig; allgemein; für alle (vgl. zum Beispiel Gemeinde, Gemeinschaft, gemeine Interessen). Was von allen ist oder für alle ist, kann nicht wirklich gut sein. Deshalb erhielt gemein zuerst die Bedeutung von gewöhnlich (vgl. die Gemeine Stubenfliege, das gemeine Volk) und später abstoßend, roh; unverschämt; unflätig; boshaft, bösartig – so eben, wie sich das „gewöhnliche Volk“ nach der Meinung des „besseren Volkes“ benimmt. So sehr kann es mit einem Wort bergab gehen!
Ein ähnliches Schicksal erlitt zum Beispiel ordinär (unfein, vulgär), das im Französischen ursprünglich nur gewöhnlich bedeutete. Auch das Wort Weib war einmal eine neutrale Bezeichnung für eine weibliche Person und wurde gleich verwendet wie Mann für männliche Personen. Das Wort Frau stand auf der gleichen Ebene wie das Wort Herr. Es war eine Bezeichnung für sozial Höhergestellte. Das erklärt, warum wir Herr und Frau Meier und nicht Mann und Frau Meier sagen. Dann ist das Ganze langsam ins Rutschen gekommen. Es wurde immer unüblicher, Frauen mit dem gewöhnlichen Wort Weib zu bezeichnen. Das ging so weit, dass Weib nun ein Schimpfwort ist. An seine Stelle ist Frau getreten und die dadurch „weiter oben“ frei gewordene Stelle nahm das französische Dame ein: meine Damen und Herren.
Wörter haben immer wieder die Neigung, auf der Wertskala einige Stufen herunterzurutschen. So ist auch das Wort gewöhnlich oft als eher negative Charakterisierung gemeint. Bei gemein ist interessant, dass die ursprüngliche, neutrale Bedeutung an verschiedenen Orten immer noch präsent ist: etwas mit jemandem gemein haben, einer Sache gemein sein; allgemein, Gemeinschaft usw.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Bopp
Auch die heutige Bedeutung von Mannequin hatte ursprünglich mit Reisen zu tun. Der französische Hof war das Zentrum der Mode. Wer im Rest der (europäischen) Welt etwas auf sich gab und – auch damals nicht ganz unwichtig – wer es sich leisten konnte, wollte nach der französischen Mode gekleidet sein. Der ein- bis anderthalbtägige Einkaufsausflug in die Modemetropole kam erst mit Flugzeugen und Hochgeschwindigkeitszügen in Frage. Videos, Fotos oder Schnittmuster übers Internet zu verbreiten war ebenfalls noch nicht möglich. Man wusste sich aber auch damals schon zu helfen: Es wurden nach der neuesten Mode gekleidete kleine Puppen, Mannequins, durch die Welt geschickt, die den modebewussten Damen und Herren die aktuellen Pariser Modelle und Trends vorführten. Später nannte man auch diejenigen, die bei den Couturiers die neue Kreationen vorführten, Mannequins (im Französischen anfangs nur die Männer). Heute, da sich die französische Hauptstadt die modische Vorherrschaft schon lange mit Mailand, London und New York teilen muss, werden die Vertreterinnen und Vertreter dieser Berufsgattung, wie schon gesagt, meist Models genannt.

