Ist oder sind es zwei Jahre her?

Frage

Warum sagt man: „Es ist zwei Jahre her“, und nicht: „Es sind zwei Jahre her“? Ist das Subjekt in diesem Satz nicht das Satzglied „zwei Jahre“?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

die üblichste und akzeptierte Ausdrucksweise ist:

Es ist zwei Jahre her
Es ist einen Monat her

Man kann die Formulierung so analysieren:

esist her (liegt zurück) = Prädikat
zwei Jahre/einen Monat = adverbiale Bestimmung der Zeit  (im Akkusativ)

Das Subjekt es steht dabei stellvertretend für etwas vorher Gesagtes oder einen folgenden Nebensatz. Das erklärt den Singular des Verbs:

Es ist zwei Jahre her, dass ich sie zum letzten Mal gesehen habe.
Dass ich sie zum letzten Mal gesehen habe, ist zwei Jahre her.
Unser letztes Treffen ist zwei Jahre her.

Die Verbindung her sein wird also wie (zeitlich)zurückliegen verwendet.

Die folgende Art der Formulierung kommt aber auch vor:

Es sind zwei Jahre her
Ein Monat ist es her

Hier wird ist her wie ist in einem Gleichsetzungssatz verwendet (vgl. hier) und her sein hat die Bedeutung vergangen sein:

es = Subjekt/Prädikativ
sind/ist her ( sind/ist vergangen) = Prädikat
zwei Jahre/ein Monat = Prädikativ/Subjekt (im Nominativ)

Ob es zwei Jahre her ist oder zwei Jahre her sind, hängt davon ab, ob her sein wie zurückliegen oder ähnlich wie vergangen sein verwendet wird. Ich empfehle die erste Formulierung (Es ist zwei Jahre / einen Monat her).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist oder sind tausendundeine Melodie in meinen Kopf?

Ist oder sind tausendundeine Melodie in meinen Kopf?

Frage

Was ist grammatikalisch richtig:

In meinem Kopf SIND tausendundeine Melodie
In meinem Kopf IST tausendundeine Melodie

Danke für Ihre schnelle Hilfe!

Antwort

Guten Tag Frau B.,

wieder einmal lautet die Antwort: Beides ist richtig.

Das Zahlwort tausendundein kann vor einem Substantiv ungebeugt bleiben. Dann steht das Substantiv im Plural:

tausendundein Melodien
tausendundein Geschichten
tausendundein Möglichkeiten
tausendundein Kinder (mit tausendundein Kindern)

Wenn eine solche Formulierung Subjekt des Satzes ist, steht das Verb „ganz normal“ im Plural:

In meinem Kopf sind tausendundein Melodien

In Ihrem Beispiel ist das aber nicht so. Das Zahlwort tausendundein kann vor einem Substantiv auch gebeugt werden. Dann steht das Substantiv im Singular (mehr dazu lesen Sie hier):

tausendundeine Melodie
tausendundeine Geschichte
tausendundeine Möglichkeit
tausendundein Kind (mit tausendundeinem Kind)

Wenn nun eine Formulierung dieser Art Subjekt des Satzes ist, entsteht eine gewisse Unsicherheit. Richtet sich das Verb nach der Einzahl des Substantivs (Melodie) oder nach dem pluralischen Sinn (tausend [Melodien] und eine Melodie)? Beides ist grammatisch vertretbar, beides kommt in der Sprachpraxis vor und beides gilt als richtig.

In meinem Kopf ist tausendundeine Melodie
In meinem Kopf sind tausendundeine Melodie

Hier noch ein paar Beispiele:

Es ließe sich tausendundeine Geschichte über das Krankenhaus erzählen
Tausendundeine Geschichte ranken sich durch diesen Dschungel
Tausendundeine Möglichkeit kam mir in den Sinn
Tausendundeine Möglichkeit bieten sich Ihnen dabei.
Tausendundein Kind wurde geboren
Es wurden innerhalb der Grenzen dieses neugeborenen unabhängigen Staates Indien nicht weniger als tausendundein Kind geboren

Es bietet/bieten sich hier also nicht gerade tausendundeine Möglichkeit an, aber immerhin mehr als nur eine.

Mit freundlichen Grüßen

Dr.  Bopp

Ungewöhnliche zusammengesetzte Verben: zurückgratulieren, losmusizieren, weitersezieren,

Frage

Lassen sich aus allen Verben zusammengesetzte Verben bilden?

Auf Anhieb hätte ich mit „ja“ geantwortet. Ich habe mir dann aber eine lange Reihe Verben durch den Kopf gehen lassen auf der Suche nach Verben, die für Zusammensetzungen inkompatibel sind. Ich habe keine Zusammensetzung mit gratulieren, musizieren, studieren, sezieren, demonstrieren gefunden, aber an der Wortendung  -ieren kann es kaum liegen (einsortieren/ ich sortiere … ein oder auch hereinspazieren/ er spazierte herein).

Gibt es allgemein Verbeigenschaften, die der Bildung zusammengesetzter Verben im Wege stehen?

In diesem Zusammenhang: Warum hat das Deutsche trennbare Verben? Ich spreche sonst nur noch etwas Französisch, Japanisch, Italienisch und Englisch, welche alle ohne solche „halbfertigen“ Verbkonstruktionen auskommen.

Antwort

Guten Tag Frau T.,

im Prinzip können mit allen einfachen, d. h. untrennbaren Verben zusammengesetzte Verben gebildet werden (Ausnahme in der Rechtschreibung: sein). Nur die Bedeutung von Verb und/oder Vorsilbe und der allgemeine Gebrauch verhindern, dass für alle Verben alle möglichen zusammengesetzten Ableitungen vorkommen. Auch mit den Verben, die Sie anführen, lassen sich mit etwas Fantasie zusammengesetzte Verben bilden:

Endlich habe auch ich es geschafft.
Du darfst mir zurückgratulieren – Gratuliere mir zurück!
Und dann hat die Band laut losmusiziert – Die Band musizierte laut los
ein Stück einstudieren – Wann studieren wir das Stück ein?
Wir werden den Frosch nach der Pause weitersezieren – Wir sezieren ihn gleich weiter.
Bei ihm muss man jedes Detail einzeln heraussezieren. – Wie seziert man hier die Wahrheit heraus?
Jetzt hat es sich ausdemonstriert!

Die Tatsache, dass ein Wort nicht in den Wörterbüchern steht, bedeutet also bei Weitem nicht immer, dass es dieses Wort nicht gibt oder geben kann.

Warum das Deutsche trennbare Verben hat, lässt sich nicht in zwei Sätzen erklären. Es ist ein Wortstellungsphänomen, das sich im Laufe der Sprachentwicklung „so ergeben“ hat. Es hat unter anderem mit der Zweitstellung der konjugierten Verbform im Hauptsatz und der relativ großen Eigenbedeutung der trennbaren Partikeln zu tun. Auch im Niederländische gibt es trennbare Verben:

aufgeben – ich gebe auf
opgeven – ik geef op

ausgehen – ich gehe aus
uitgaan – ik ga uit

zurückkommen – ich komme zurück
terugkomen – ik kom terug

Im Englischen (und z. B. im Schwedischen) gibt es sie im Prinzip ebenfalls, aber dort steht die Partikel immer, also auch im Infinitiv oder in einem Nebensatz, hinter dem Verb:

aufgeben – ich gebe auf
give up – I give up
ge upp – jag ger upp

ausgehen – ich gehe aus
go out – I go out
gå ut – jag går ut

zurückkommen – ich komme zurück
come back – I come back
komma tillbaka – jag kommer tillbaka

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Jemand, der“ und „jemand, die“

Heute einmal etwas Einfaches zur geschlechtergerechten Sprache:

Frage

Seit gestern Nachmittag beschäftige ich mich mit der Frage, ob das Indefinitpronomen „jemand“ in Kombination mit „er“ oder „sie“ in einen Satz gehört.

[…] Zum Beispiel: „jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist“ oder „jemand, die zu oft denkt, dass sie lustig ist“?

Antwort

Guten Tag Herr U.,

wenn jemand allgemein eine unbestimmte Person bezeichnet, ist es üblich, mit männlichen Pronomen zu verweisen:

Jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist, kann ärgerlich sein.
Kennst du jemanden, der mich mit seinem Auto wegbringen könnte.

Wenn Sie lieber geschlechtergerechter formulieren, können Sie dieses allgemeine jemand besser vermeiden. Mögliche „Ausweichrouten“ sind je nach Kontext und Formulierungslaune:

Menschen/Leute, die zu oft denken, dass sie lustig sind, können ärgerlich sein.
Kennst du eine Person, die mich mit ihrem Auto wegbringen könnte?
Wer aus deinem Bekanntenkreis könnte mich mit dem eigenen Wagen wegbringen?

Wenn eine männliche Person gemeint ist, formuliert man so:

Er ist jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist.
Christian ist jemand, der dich mit seinem Auto wegbringen könnte.

Wenn eine weibliche Person gemeint ist, können ebenfalls männliche Verweiswörter verwendet werden:

Sie ist jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist.
Christine ist jemand, der dich mit seinem Auto wegbringen könnte.

Immer üblicher und meiner Meinung nach empfehlenswert ist aber die Verwendung von weiblichen Pronomen:

Sie ist jemand, die zu oft denkt, dass sie lustig ist.
Christine ist jemand, die dich mit ihrem Auto wegbringen könnte.

In dieser Weise können Sie je nach Satzzusammenhang einfach und korrekt formulieren, ohne jemand auf die Zehen zu treten.

Bitte beachten Sie, dass Canoonet bald nur noch unter www.canoonet.eu zu erreichen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Adressänderung: www.canoo.net wird www.canoonet.eu

Wie einige von Ihnen bemerkt haben, waren der Blog und andere Teile von Canoonet in den letzten zwei Tagen nicht oder schlecht erreichbar. Das liegt an einer Adressänderung, die für uns leider ziemlich unerwartet kam. Wir bitten Sie, die sehr kurzfristige Bekanntmachung und eventuelle Unannehmlichkeiten zu verzeihen.

Was ändert sich für Sie?

Die Webadresse:

www.canoo.net wird www.canoonet.eu

Feste Links, Lesezeichen usw. müssen geändert werden. Eine automatische Umleitung ist ab dem 27. Mai 2019 aus rechtlichen Gründen leider nicht möglich.

Die E-Mail-Adresse:

canoonet@canoo.com wird info@canoonet.eu

Wenn Sie diese Adresse bei Ihren Kontakten gespeichert haben, sollten Sie sie anpassen. Eine automatische Umleitung ist ab dem 27. Mai 2019 aus rechtlichen Gründen leider nicht möglich.

Die Blogadresse:

www.canoo.net/blog wird blog.leo.org

Auch hier gilt, dass feste Links, Lesezeichen usw. geändert werden müssen. Eine automatische Umleitung ist ab dem 27. Mai 2019 aus rechtlichen Gründen leider nicht möglich.

Zum Schluss die gute Nachricht: Wenn Sie die neuen Adressen gefunden haben, ändert sich weiter nichts. Die Wörterbücher, die Grammatik und der Blog stehen Ihnen weiterhing kostenfrei zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Canoonet-Team

Eine 7,5 in Worten

Nachdem vor einer Woche die Frage beantwortet wurde, wie man den 2 000 024. Besucher in Worten ausdrückt (der zweimillionenvierundzwanzigste Besucher), geht es heute noch einmal darum, wie ein bestimmter Zahlentyp in Worten geschrieben wird:

Frage

Ich habe gelesen: „Ist das eine Siebenkommafünf oder eine Acht?“ Müsste es nicht „eine sieben Komma fünf“ sein?

Antwort

Guten Tag Frau M.,

man schreibt sieben Komma fünf und acht, wenn es um die Zahlen geht (sieben Komma fünf Meter; sieben Komma fünf plus acht …). Nach § 57 (4) der amtlichen Rechtschreibregelung müssen aber substantivierte Grundzahlen als Bezeichnung von Ziffern großgeschrieben werden. Die angeführten Beispiele sind:

Er setzte alles auf die Vier. Sie fürchtete sich vor der Dreizehn. Der Zeiger nähert sich der Elf. Sie hat lauter Einsen im Zeugnis. Er würfelt eine Sechs.

Daraus ergibt sich, dass man in Ihrem Satz eine Acht großschreiben muss. Konsequenterweise ist dann auch eine 7,5 eine Substantivierung, die großgeschrieben wird. Und weil man Substantive zusammenschreibt, sollte diese Substantivierung nicht nur groß-, sondern auch in einem Wort geschrieben werden: eine Siebenkommafünf. Der Satz, den Sie anführen, ist also richtig geschrieben:

Ist das eine Siebenkommafünf oder eine Acht?

Möglich wäre auch die Schreibung mit „verdeutlichenden“ Bindestrichen (aber ob sie wirklich verdeutlichend sind?):

Ist das eine Sieben-Komma-fünf oder eine Acht?

Sie können auch die Schreibung mit Ziffern erwägen. Das ist bei komplexeren Zahlen häufig eine einfacher lesbare Variante:

Ist das eine 7,5 oder eine 8?

Ich hoffe, dass diese Antwort eine Siebenkommafünf verdient.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der 2 000 024. Besucher in Worten

Frage

Heißt es „der zweimillionundvierundzwanzigste Besucher“, „der zweimillionenundvierzundzwanzigste Besucher“, „der zweimillionenvierundzwanzigste Besucher“ oder „der zweimillionvierundzwanzigste Besucher“?

Antwort

Guten Tag Herr P.,

Ordinalzahlen ab zwanzig werden mit st gebildet (vgl. hier):

zwanzig – zwanzigste
vierundzwanzig – vierundzwanzigste
[ein]hundertvierundzwanzig – [ein]hundertvierundzwanzigste
dreihundertvierundsiebzigtausendfünfhundervierundzwanzigdreihundertvierundsiebzigtausendfünfhundervierundzwanzigste

Ab einer Million wird ggf. zusammengeschrieben:

Million – millionste
eine Million vierundzwanzig – einemillionvierundzwanzigste*
eine Million fünfhunderttausend – einemillionfünfhunderttausendste*
zwei Millionen vierundzwanzig – zweimillionenvierundzwanzigste*

So weit ist alles schön konsequent. Die deutsche Sprache wäre aber die deutsche Sprache nicht, wenn es nicht doch ein paar Ausnahmen gäbe.

Hier fällt in der Regel ein e weg:

eine Million – einmillionste

Und hier fällt die Pluralendung en weg:

zwei Millionen – zweimillionste
fünf Millionen – fünfmillionste

Dies aber nur, wenn es um runde Millionen geht, das heißt, wenn st direkt an Million angefügt wird – also nicht z. B. hier:

eine Million [und] eins – einemillion[und]erste
eine Million fünfhunderttausend – einemillionfünfhunderttausendste*
zwei Millionen vierundzwanzig – zwei millionenvierundzwanzigste*

Kompliziert? – Allzu häufig kommen hohe Kardinalzahlen dieser Art zum Glück nicht vor. Während vielleicht noch ab und zu vom millionsten Besucher oder von der zweimillionsten Besucherin die Rede ist, sind Formen wie zweimillionenvierundzwanzigste doch eher selten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Daneben kommt auch vor:

eine Million und vierundzwanzig einemillionundvierundzwanzigste
eine Million und fünfhunderttausend – einemillionundfünfhunderttausendste
zwei Millionen und vierundzwanzig – zweimillionenundvierundzwanzigste

 

Wissenschaftler und Wissenschafter

Anhand einer Frage einer Nutzerin aus Österreich zu einem regionalen Unterschied möchte ich Sie auf die Variantengrammatik hinweisen. Sie finden dort umfassende Angaben zu Unterschieden in der geschriebenen Standardsprache. Heute geht es nur kurz um das Variantenpaar im Titel, aber ich werde in Zukunft sicher wieder auf dieses interessante neue Online-Nachschlagwerk verweisen.

Frage

Wie schaut es mit „Wissenschafter“ bzw. „Wissenschaftler“ aus? Welche Schreibweise würden Sie empfehlen bzw. gibt es wirklich diese Unterschiede zwischen Österreich, Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

im ganzen deutschen Sprachbereich kommt Wissenschaftler/Wissenschaftlerin vor. In Österreich und in der Schweiz wird gemäß den Wörterbüchern (zum Beispiel DWDS, Duden) daneben häufig auch Wissenschafter/Wissenschafterin verwendet. Genauere Angaben hierzu finden Sie in der neuen Variantengrammatik unter dem Stichwort Wissenschafter/Wissenschaftler.

Sie können in Österreich also beide Formen verwenden, denn dort sind beide Formen gebräuchlich und akzeptiert. Innerhalb eines Textes oder einer Textreihe wählen Sie allerdings am besten immer die gleiche Variante.

Inwieweit die Angaben der verschiedenen Quellen korrekt sind, kann ich „auf die Schnelle“ nicht beurteilen. Sie können aber davon ausgehen, dass die Angaben in der Variantengrammatik gut fundiert sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Onkologieteam/onkologisches Team vs Italienkennerin/italienische Kennerin

Frage

Ich habe mich kürzlich mit einem Kollegen über den Begriff „onkologisches Team“ unterhalten. Er meinte, es müsse doch „Onkologieteam/Onkologie-Team“ heißen. Ich sehe das eigentlich auch so, kann es aber nicht genau erklären, ob es zulässig ist oder nicht. „Onkologische Abteilung“ beispielsweise stört mich nicht, obwohl natürlich auch hier „Onkologieabteilung“ geschrieben werden könnte (oder gar sollte?).

Antwort

Guten Tag Herr F.,

grammatisch sind onkologisches Team und Onkologieteam korrekt. Auch bei der Bedeutung gibt es keinen wesentlichen Unterschied. Wichtig ist höchstens, was in einem bestimmten Kontext üblich ist. In einigen Krankenhäusern gibt es wahrscheinlich eine Onkologieabteilung, während in anderen von der Onkologischen Abteilung die Rede ist (oder der Abteilung Onkologie).

So gibt es auch keinen prinzipiellen Unterschied zwischen grammatischen Fragen und Grammatikfragen oder einem chemischen Labor und einem Chemielabor. Richtig ist, was gebräuchlich ist – und häufig ist dies beides.

Aber bei Weitem nicht immer: Während zum Beispiel die italienische Reise, die Goethe unternahm, eine Italienreise war, sind eine Italienkennerin und eine italienische Kennerin keineswegs dasselbe: Erstere kennt Italien gut und hat irgendeine Staatszugehörigkeit. Letztere ist eine Italienerin, die irgendein Gebiet gut kennt. Es gibt zum Beispiel nur demokratische Entscheidungen, keine *Demokratieentscheidungen; neben dem Alkoholverbot gibt es kein *alkoholisches Verbot u. v. a. m.

Wieder einmal müssen wir also ohne eine allgemeine, für alle Fälle gültige Regel auskommen. Darum nochmals: Richtig ist, was gebräuchlich und verständlich ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ab und seit

Frage

Ich habe gelernt, dass die Präposition „ab“ gebraucht wird, wenn etwas in der Gegenwart oder in der Zukunft beginnt. Zum Beispiel:

Ab heute besuche ich einen Deutschkurs.
Unser Geschäft wird ab nächstem Monat wieder offen sein.

In den letzten Wochen habe ich aber Sätze gehört und gelesen, die mit dieser Präposition gebildet werden, obwohl sie sich auf einen Zeitraum beziehen, der in der Vergangenheit begonnen hat. Zum Beispiel:

Nico war ab 8.30 Uhr in der Schule.
Ab März 1996 erließ die KP, um weitere subversive Aktivitäten zu verhindern, eine Liste strenger Direktiven.

[…]

Antwort

Guten Tag Frau H.,

die Verwendung von ab und seit ist vor allem für Deutschlernende nicht immer einfach. Es gibt deshalb verschiedene Erklärungen. Eine der einfachsten sagt, dass man seit verwendet, wenn etwas in der Vergangenheit beginnt, und ab, wenn etwas in der Gegenwart oder Zukunft beginnt:

Ich besuche seit Anfang dieses Jahres einen Deutschkurs
Unser Geschäft ist seit gestern geschlossen

Ich besuche ab heute/nächster Woche einen Deutschkurs
Unser Geschäft wird ab nächstem Monat wieder offen sein

Das geht in sehr vielen Fällen gut und es ist entsprechend eine praktische, einfache Faustregel. Ihre Beispiele zeigen aber, dass die Lage nicht ganz so einfach ist, wie wir es vielleicht gerne hätten. Man kann ab nämlich auch in der Vergangenheit verwenden.

Entscheidend für die Verwendung von ab und seit ist nicht so sehr der Unterschied zwischen in der Vergangenheit beginnend und in der Gegenwart/Zukunft beginnend. Entscheidend ist, ob eine Zeitdauer zu einem bestimmten Zeitpunkt fortbesteht oder nicht. Der bestimmte Zeitpunkt ist häufig, aber nicht immer der Sprechzeitpunkt.

  • Man verwendet seit bei der Angabe einer Zeitdauer, die zu einem bestimmten Zeitpunkt noch andauert

Wir wohnen seit 2005 in A. und kennen die Stadt gut
Die Konsulin wohnte seit 1875 in A., als 1891 ein Brand ihre Villa verwüstete

  • Man verwendet ab bei der Angabe einer Zeitdauer, die zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht angefangen hat

Wir werden ab dem nächsten Monat in B. wohnen
Die Konsulin sollte ab dem darauffolgenden Sommer in B. wohnen

  • Man verwendet ab bei der Angabe einer Zeitdauer, die vor einem bestimmten Zeitpunkt endet

Wir haben ab 2005 in A. gewohnt und leben jetzt in B.
Die Konsulin wohnte ab 1885 in A. Nach dem Brand ihrer Villa in 1891 lebte sie in B.

In den beiden Sätzen, die Sie in Ihrer Frage zitieren, handelt es sich um den dritten Fall. Die angegebene Zeitdauer endet vor einem bestimmten Zeitpunkt:

Nico war ab 8.30 Uhr in der Schule (und ging zwischen 10 und 11 Uhr wieder weg)
Ab März 1996 erließ die KP … eine Liste strenger Direktiven (zu einem späteren Zeitpunkt resp. jetzt nicht mehr)

Wenn man zeitliches ab in der Vergangenheit verwendet, bedeutet dies, dass die genannten Zeitdauer vor einem bestimmten Zeitpunkt endet. Wenn die Zeitdauer andauert, verwendet man seit.

Das klingt alles relativ kompliziert. Wenn Sie es nicht mit eher fortgeschrittenen Lernenden zu tun haben, ist es vielleicht besser, zuerst die oben genannte einfache Faustregel zu versuchen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp