Brachte mein Freund mir oder mir mein Freund eine gute Nachricht?

Frage

Gestern brachte mein Freund mir eine gute Nachricht.
Gestern brachte mir mein Freund eine gute Nachricht.

Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

die Wortfolge im deutschen Satz kann sehr komplex sein. Das liegt daran, dass es nur wenige feste Regeln und viele mehr oder weniger starke Tendenzen gibt. Auch bei Ihrem Satz spielen zwei verschiedene Wortstellungstendenzen eine Rolle.

Die erste Tendenz lautet: Das Subjekt steht im Mittelfeld an erster Stelle. Zum Beispiel:

Wann hat Anton den Hund gebadet? (nicht: den Hund Anton)
Wahrscheinlich musste die Automobilistin dem Lastwagen ausweichen. (nicht: dem Lastwagen die Automobilistin)
Gestern brachte er mir eine gute Nachricht. (nicht: mir er eine gute Nachricht)

Die zweite, ebenfalls starke Tendenz lautet: Pronomen stehen im Mittelfeld vor Nomen. Zum Beispiel:

Anton gab ihm einen Knochen. (nicht: einen Knochen ihm)
Anton gab ihn seinem Hund. (nicht: seinem Hund ihn)
Er hat sie der Nachbarin gestern gebracht. (nicht: der Nachbarin sie gestern)
Er hat ihr die Nachricht gestern gebracht (nicht: die Nachricht ihr gestern)

In Ihrem Beispielsatz ist das Subjekt ein Nomen (mein Freund). Das Dativobjekt ist ein Pronomen (mir). Nach der ersten Tendenz muss das Subjekt mein Freund an erster Stelle stehen. Nach der zweiten Tendenz muss aber das Pronomen mir vor dem Nomen stehen. In diesem Fall „gewinnt“ keine der beiden Tendenzen, so dass beide Wortfolgen möglich sind:

Gestern brachte mein Freund mir eine gute Nachricht.
Gestern brachte mir mein Freund eine gute Nachricht.

So komplex kann die Erklärung der Wortstellung im Deutschen sein! Und wenn Sie einmal ein bisschen mit den Beispielsätzen spielen, merken Sie vielleicht, dass es noch mehr Möglichkeiten geben könnte, die sich nicht mit Hilfe der beiden genannten Tendenzen erklären lassen (z.B. Er hat gestern die Nachricht ihr gebracht). Ich habe dann immer Mitleid mit den armen Deutschlernenden, die sich all diese Regeln und zum Teil widersprüchlichen Tendenzen aneignen müssen! Als Muttersprachige haben wir in der Regel nur dann ein Problem – aber meist ein großes –, wenn wir erklären sollten, warum eine Wortfolge nicht möglich ist oder seltsam klingt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Pro- und Kontra-Diskussion oder Pro-und-Kontra-Diskussion?

Frage

Da ich meine Kursteilnehmer in die Geheimnisse der Pro- und Kontra-Diskussion einweihen soll, stellt sich mir nun die Frage, ob die weit verbreitete Schreibung (Pro- und Kontra-Diskussion) überhaupt richtig ist. Sinnvoller würde mir „die Pro-und-Kontra-Diskussion“ erscheinen, denn es handelt sich ja nur um eine Diskussion und nicht um zwei verschiedene. Was denken Sie?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

im Prinzip sind beide Schreibweisen möglich, aber es gibt dabei einen kleinen Bedeutungsunterschied. Bei der ersten Schreibung steht bei Pro ein Ergänzungsstrich:

Pro- und Kontra-Diskussion = Pro-Diskussion und Kontra-Diskussion

Es geht hier also eigentlich um zwei Diskussionen: um eine Diskussion des Pros und eine Diskussion des Kontras. Eine ähnliche Struktur haben diese Beispiele:

die Apfel- und Birnenernte = die Apfelernte und die Birnenernte
auf Länder- und Gemeindeebene = auf Länderebene und auf Gemeindeebene

Bei der zweiten Schreibung stehen Bindestriche zwischen allen Teilen der Verbindung (vgl. Bindestrich bei Zusammensetzungen mit Wortgruppen):

Pro-und-Kontra-Diskussion = Diskussion von Pro und Kontra

Hier gibt es nur eine Diskussion: die Diskussion über Pro und Kontra. Diese Struktur findet sich auch in Bildungen wie den folgenden:

Berg-und-Tal-Bahn = Bahn über Berg und Tal
Sturm-und-Drang-Dichtung = Dichtung aus dem Sturm und Drang
Fix-und-Foxi-Magazin = Magazin mit Fix und Foxi

Ich würde hier wie Sie die zweite Variante wählen und sie auch empfehlen. Im Gegensatz zu Apfelernte und Gemeindeebene, die allgemein üblich sind, kommen Pro-Diskussion und Kontra-Diskussion allein wenig vor. Es geht in der Regel um eine Diskussion, die sich mit dem Pro und Kontra beschäftigt. Deshalb stimme ich mit Ihnen überein, dass hier die Schreibung Pro-und-Kontra-Diskussion vorzuziehen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Warum schreibe ich „vorzuziehen“ und nicht „die einzig richtige“? – Die Schreibung Pro- und Kontradiskussion ist nicht grundsätzlich falsch. Wenn es zuerst eine Diskussion der Pro-Punkte gibt (eine Pro-Diskussion), der eine Diskussion der Kontra-Punkte folgt (eine Kontra-Diskussion), und wenn man auf diese Trennung der Diskussionen wert legt, ist Pro- und Kontra-Diskussion eine mögliche Schreibung. In der Regel wird aber nicht in dieser streng getrennten Weise über Pro und Kontra diskutiert, weil Pro und Kontra meist innerhalb einer Diskussion gegeneinander abgewogen werden.

Komma vor dem Doppelpunkt?

Frage

Wenn einem Redebegleitsatz noch vor der wörtlichen Rede ein Nebensatz, ein Einschub oder Ähnliches folgt, wird dieser dann mit einem Komma abgeschlossen, sodass ein Komma direkt vor dem Doppelpunkt steht? Beispielsatz:

Er antwortete auf die Bitte, sich zu melden(,): „Danke für den Brief.“

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

spontan lasse ich das Komma vor dem Doppelpunkt weg und ich empfehle Ihnen, dies auch zu tun:

Er antwortet auf die Bitte, sich zu melden: „Danke für den Brief.“

In der amtlichen Rechtschreibregelung kann ich aber keine exakten Angaben dazu finden. Leitet man von bestehenden Regeln ab, kann sowohl für das Komma (wie zum Beispiel beim abschließenden Gedankenstrich eines Einschubes) als auch gegen das Komma (wie zum Beispiel vor dem Schlusspunkt) argumentiert werden. Da das Komma nicht die gleiche Funktion hat wie der Gedankenstrich und der Doppelpunkt nicht die gleiche Funktion wie der Schlusspunkt, lassen sich für beides auch Gegenargumente finden. Die über alle Zweifel erhabene Lösung gibt es also nicht.

Ich gehe davon aus, dass das zweite Komma die Funktion hat, das Ende der Infinitivgruppe anzugeben. Dies ist vor einem Punkt am Satzende und hier vor dem Doppelpunkt nicht notwendig. Der Doppelpunkt gibt an, dass der vorangestellte Begleitsatz, zu dem die Infinitivgruppe gehört, abgeschlossen ist. Ich halte es deshalb für gerechtfertigt, das Komma wegzulassen und damit eine sehr ungewöhnliche Folge von Satzzeichen zu vermeiden:

Er antwortet auf die Bitte, sich zu melden: „Danke für den Brief.“

Ebenso:

Er antwortete auf die Frage, ob er mitkomme: „Danke für die Einladung.“
Er fragte Hans, seinen Bruder: „Kommst du auch mit?“
Sie sagte zu Frau Sieger, d. h. zu ihrer Nachbarin: „Jetzt habe ich genug davon!“

Mit einer ähnlichen Begründung könnte man auch den zweiten Gedankenstrich bei paarigen Gedankenstrichen für „überflüssig“ erklären. Er sollte aber – das ergibt sich aus § 85 der amtl. Regelung – wie die abschließende Klammer auch vor dem Doppelpunkt geschrieben werden:

Er antwortet auf diese Bitte – wie könnte es auch anders sein! –: „Das geht dich nichts an.“

Das ist vielleicht nicht bis in Letzte konsequent, aber Kommas und paarige Gedankenstriche werden ja auch z. B. in Bezug auf die Leerschritte nicht gleich behandelt. Deshalb meine Empfehlung: kein Komma vor dem Doppelpunkt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Angerannt kommen

Heute zu einer etwas seltsamen Verwendung des Perfektpartizips:

Frage

Charles Benjamin Schade hat in seinem Buch  „A Complete Practical Grammar of the German Language“ das Beispiel „Er kommt gelacht“ (S. 329) angeführt. Es geht um eine alte Quelle aus dem 19. Jahrhundert. Im Internet habe ich auch die Konstruktion „kommen + gesungen“ gefunden, und zwar: Ebert, Erika – Fünf Englein kommen gesungen. Ein deutsches Weihnachtsspiel für Kinder in zwei Bildern. Sind solche Konstruktionen „kommen + gelacht/gesungen“ richtig oder falsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

Wendungen wie gesungen kommen und gelacht kommen scheinen tatsächlich üblich gewesen zu sein. Man findet sie auch im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm unter dem Eintrag kommen.

»man kommt gefahren, gelaufen, geritten, gehinkt, gestolpert, gesprungen, gestürzt, daher gesaust, daher geschossen, auch gelacht, geweint, gesungen, gepoltert u. ä.; Hännschen, kömmt getrallert .«
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Eintrag kommen, Abschnitt II 4 a [Hervorhebung von mir] 

Nach meinem Empfinden und nach den Angaben in zum Beispiel DWDS, Duden, Pons und anderen Quellen sind im heutigen Deutschen aber nur noch Wendungen üblich, bei denen das Partizip II zu einem Verb der Fortbewegung gehört. Ich würde weiter präzisieren, dass diese Formulierung vor allem dann üblich ist, wenn das Verb ein Präfix der Art an-, herbei-, herunter- u. Ä. hat oder von einer Ortsangabe begleitet wird. Zum Beispiel:

Wir warteten schon lange auf den Bus, als er endlich angefahren kam.
Nach dem Knall kamen viele Nachbarn herbeigerannt.
Polternd kam er die Treppe heruntergestürzt.

Die Fans kommen wütend auf den Platz gerannt.
Luise kam händeringend aus dem Haus gestürzt.
Eine Taube kam aus dem Gebüsch gehüpft.

aber auch z. B.: Ein Stein kam geflogen.

Interessant ist dabei, dass das Partizip Perfekt (Partizip II) hier angibt, in welcher Weise die Fortbewegung geschieht. Das tut es normalerweise nicht. Wir sind uns dies eigentlich eher vom Partizip Präsens (Partizip I) gewohnt:

angefahren kommen = fahrend kommen
gehüpft kommen = hüpfend kommen

Um nun wieder auf Ihre Frage zurückzukommen: Formulierungen der Art gelacht kommen und gesungen kommen sind – abgesehen vielleicht von poetischen Kontexten – im heutigen Deutsch nicht üblich. Mit Verben, die eine Fortbewegung ausdrücken, ist diese Konstruktion (Partizip II + kommen) aber noch sehr lebendig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

»Rechnungsstellung an die auf der Bestellung angegebene E-Mail-Adresse« oder Kommasetzung bei attributiv verwendeten Partizipgruppen

Frage

In Verträgen tritt immer wieder die folgende Satzkonstellation auf, bei der ich immer wieder über die richtige Zeichensetzung nachdenke. Hier ein Beispiel:

Die Rechnungsstellung kann per Post bzw. per E-Mail an die, auf der Bestellung angegebene, E-Mail-Adresse erfolgen.

Daher ergeben sich folgende Fragen: Ist die Schreibweise in dem Beispiel korrekt? […] Wie heißt diese Satzkonstellation in der Fachsprache?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

fachsprachlich kann man hier von einer attributiv verwendeten Partizipgruppe sprechen. Richtig ist dabei die Schreibweise ohne Kommas:

Die Rechnungsstellung kann per Post bzw. per E-Mail an die auf der Bestellung angegebene E-Mail-Adresse erfolgen.

Es geht hier um die Wortgruppe auf der Bestellung angegebene. Dabei handelt es sich um das adjektivisch verwendete Partizip angegebene, das mit der Angabe auf der Bestellung erweitert ist. Solche erweiterten Partizipien werden nicht durch Kommas abgetrennt, wenn sie attributiv verwendet werden, das heißt, wenn sie wie hier vor dem Substantiv stehen, das sie näher bestimmen.

Sie werden auch dann nicht durch Kommas abgetrennt, wenn sie umfangreich sind. Also immer ohne abtrennende Kommas:

Schicken Sie die Rechnung an die angegebene Adresse.
Schicken Sie die Rechnung an die dort angegebene Adresse.
Schicken Sie die Rechnung an die auf der Bestellung angegebene Adresse.
Schicken Sie die Rechnung an die ganz unten auf der zweiten Seite der Bestellung angegebene Adresse.

Sie sprach die wartenden Leute an.
Sie sprach die auf den Bus wartenden Leute an.
Sie sprach die an der Haltestelle auf den Bus wartenden Leute an.
Sie sprach die seit über einer halben Stunde an der Haltestelle vor dem Kunstmuseum auf den Bus wartenden Leute an.

Vor allem der jeweils letzte Beispielsatz zeigt, dass man den Lesern und Leserinnen zuliebe auf allzu lange Partizipgruppen verzichten sollte. Leichter verständlich ist dann eine Formulierung mit einem Nebensatz:

Schicken Sie die Rechnung an die Adresse, die ganz unten auf der zweiten Seite der Bestellung angegeben ist.
Sie sprach die Leute an, die seit über einer halben Stunde an der Haltestelle vor dem Kunstmuseum auf den Bus warteten.

Weitere Beispiele und mehr Informationen dazu, wie man Partizipgruppen erweitern und verwendet kann, finden Sie auf dieser Seite in der Canoonet-Grammatik.

Mit auch sonst trotz der jeweils etwas formellen und floskelhaften Formulierung dennoch immer wieder aufrichtig gemeinten freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fünf Pfund Haselnüsse: grammatisches und inhaltliches Subjekt

Frage

Ich frage mich, was mit […] Maß- und Mengenangaben passiert, wenn die Mengenangabe im Plural ist. Beispiel: „Es wurde fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft“ oder „Es wurden fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

wenn die Maßangabe und das Gemessene im Plural stehen und zusammen das Subjekt des Satzes bilden, steht das Verb üblicherweise im Plural:

Drei Kilo Kartoffeln sind genug.
Zehn Euro sollten reichen.

Seltener kommt auch der Singular vor:

Drei Kilo Kartoffeln ist genug.
Zehn Euro sollte reichen.

Bevor nun diejenigen, die es bei der Grammatik gerne genau nehmen, ein erboste Räuspern hören lassen: Der Singular ist hier nicht einfach „furchtbar falsch“. Die Idee dahinter ist, dass drei Kilo und zehn Euro für eine bestimmte Menge resp. einen bestimmten Betrag stehen. Wie die Einzahl eine bestimmte Menge zeigt, ist das dazugehörende Bild eine Einzahl. Das Verb im Singular richtet sich also nach einem inhaltlichen Subjekt.

Viele finden diese Sehensweise allerdings nicht überzeugend und richten sich lieber nach dem grammatischen Subjekt: Das Subjekt drei Kilo Kartoffeln ist ein Plural, also steht das Verb nach grammatischer Übereinstimmung auch im Plural. In formelleren Kontexten und zur Vorbeugung kritischer Anmerkungen empfiehlt es sich deshalb, in diesen Fällen das Verb in den Plural zu setzten:

Es wurden fünf Pfund geröstete Haselnüsse verkauft.

Der Unterschied zwischen dem inhaltlichen Subjekt und dem grammatischen Subjekt zeigt sich umgekehrt auch sehr schön bei Mengenangabe in der Einzahl mit etwas Gemessenem im Plural:

Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt:

Ein Pfund geröstete Haselnüsse wurde verkauft.
Ein Dutzend Eier lag im Kühlschrank.

Übereinstimmung mit dem inhaltlichen Subjekt

Ein Pfund geröstete Haselnüsse wurden verkauft (selten)
Ein Dutzend Eier lagen im Kühlschrank (selten)

Während die Standardsprache bei genauen Mengenangaben eine starke Tendenz zur Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt hat und deshalb die Einzahl wählt , sind bei „ungenauen“ Mengenangaben sowohl der Singular als auch der Plural üblich:

Eine Anzahl Leute hat/haben Anzeige erstattet.
Eine Menge Nüsse hängt/hängen noch am Baum.
Die Mehrzahl der Beschwerden war/waren unbegründet.

Auch hier muss ich präzisieren, dass strengere Grammatiker und Grammatikerinnen hier nur die Verbform im Singular als korrekt akzeptieren. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in solchen Fällen kein strenger Grammatiker.

Diese Beispiele zeigen, dass es manchmal mehr als einen „logischen“ Pfad gibt, dem man folgen kann. Wer auf Nummer sicher gehen will, wählt hier die Übereinstimmung mit dem grammatischen Subjekt. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass eine andere Wahl nicht einfach nur ein dummer Fehler ist.

Mehr zu dieser Frage finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie Jellinkes „Allgemeine Staatslehre“ und Omas Eingemachtes gebeugt werden

Frage

Ist die schwache Flexion („Allgemeinen“) in diesem Fall die richtige Lösung ?

Bis heute wird, basierend auf Jellineks „Allgemeinen Staatslehre“, üblicherweise von drei grundlegenden Elementen von Staatlichkeit ausgegangen

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau P.,

richtig ist hier die starke Beugung:

… basierend auf Jellinecks „Allgemeiner Staatslehre“

Nach einem vorangestellten Genitivattribut wird ein Adjektiv stark gebeugt. Adjektive werden dann stark gebeugt, wenn sie nicht von einem gebeugten Artikelwort begleitet werden, das bereits mit einer Endung Genus, Kasus und Numerus ausdrückt (siehe hier):

schwach: stark:
mit einem kalten Bier mit kaltem Bier
für diese kleinen Kinder für drei kleine Kinder
auf der/einer allgemeinen Ebene auf allgemeiner Ebene

Stellt man nun ein Genitivattribut vor das Adjektiv, fällt das Artikelwort weg. Es steht dann also kein gebeugtes Artikelwort mehr vor dem Adjektiv, so dass es stark gebeugt wird:

schwach: stark:
das neue Auto der Nachbarin Susannes neues Auto
nach einem leckeren Rezept meiner Oma nach Omas leckerem Rezept
basierend auf der „Allgemeinen Staatslehre“ des Staatsrechtlers G. Jellinek basierend auf Jellineks „Allgemeiner Staatslehre“

Das gilt auch bei substantivierten Adjektiven, bei denen man manchmal ziemlich ins Zweifeln geraten kann:

schwach: stark:
Wir aßen vom Eingemachten meiner Oma. Wir aßen von Omas Eingemachtem.
der Geliebte der Gräfin Gräfin Ursulas Geliebter
für die Verwandten und Bekannten für Peters Verwandte und Bekannte

Nach dieser hoffentlich verständlichen Antwort oder nach Bopps hoffentlich verständlicher Antwort zweifeln Sie vielleicht in Zukunft in solchen Fällen ein bisschen weniger.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das „von“ in Max von Mustermann

Zum Wochenende gibt es eine nicht gerade weltbewegende Frage – außer wenn man einen Familiennamen der Form von X oder de Y hat. Wer Personen solchen Namens anschreiben oder über sie schreiben will, kommt manchmal wie T. ins Zweifeln: von oder Von?

Frage

Ich möchte jemanden anschreiben und derjenige hat ein „von“ in seinem Namen. Schreibe ich „Max von Mustermann“ oder „Max Von Mustermann“?

Antwort

Guten Tag T.,

Namenszusätze wie von, zu und de schreibt man im Prinzip klein. Das gilt auch in Anschriften und Anreden:

Herrn M. von Mustermann
Sehr geehrter Herr von Mustermann.

Und weil es so schön einfach ist, gleich noch ein paar Beispiele:

Frau Carla von Siebenthal
Sehr geehrte Frau von Siebenthal

Es sang die Familie von Trapp.
Frau von der Leyen und Herr de Maizière
Ursula von der Leyen und Thomas de Maizière
die Sonnenblumen von van Gogh
Den Anfang macht von Webers Oper „Der Freischütz“.
Marcel von Huber Kaminfeger GmbH

die Rosa-von-Luxemburg-Straße
das Anette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium

Es gibt allerdings zwei Situationen, in denen diese Namenszusätze großgeschrieben werden: am Satzanfang und als erster Teil einer substantivischen Zusammensetzung:

Von der Leyen sprach mit de Maizière.
De Maizière hörte von der Leyen zu.
Van Gogh und das abgeschnittene Ohr
Von Huber Kaminfeger GmbH
Von Webers Oper „Der Freischütz“ machte den Anfang.

die Van-Gogh-Ausstellung
eine dreibändige De-Sade-Ausgabe
die „Von-der-Leyen-Show“

Ist die Zusammensetzung ein Adjektiv, schreibt man allerdings wieder klein:

ein van-Gogh-ähnliches Bild
der de-Gaulle-treue Flügel der Partei

Zusammenfassend: Das „von“ in Namen ist immer klein, außer am Satzanfang und am Anfang von substantivischen Zusammensetzungen. Man schreibt es also nur dort groß, wo man eigentlich immer alles großschreibt.

Weitere Spitzfindigkeiten erspare ich Ihnen ebenso wie die knifflige Angelegenheit, wie man Namen mit Adelstiteln und Ähnlichem schreibt und beugt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp (leider nicht Dr. von Bopp)

Dahin und dorthin oder da hin und dort hin?

Frage

Ich habe eine Frage die mich schon länger beschäftigt. Es geht um das Wort „dahin“. Schreibt man „Kannst du die Vase dahin stellen“ oder „Kannst du die Vase da hinstellen“?

Antwort

Guten Tag,

wenn Sie sich in gepflegtem schriftlichem Standarddeutsch ausdrücken wollen oder müssen, schreiben Sie am besten

Du kannst die Vase dahin stellen.

Ihr Zweifel kommt wahrscheinlich daher, dass dahin und dorthin mit der örtlichen Bedeutung an diesen/jenen Ort umgangssprachlich sehr häufig getrennt verwendet werden:

Da kannst du die Vase nicht hinstellen.
Du solltest sie dort nicht hinstellen.
Da musst du unbedingt einmal hinfahren.
Kein Zug und kein Bus fährt dort heute noch hin.

Standardsprachlich sollten dahin und dorthin hier nicht getrennt verwendet werden:

Dahin kannst du die Vase nicht stellen.
Du solltest sie nicht dorthin stellen.
Dahin musst du unbedingt einmal fahren.
Kein Zug und kein Bus fährt heute noch dorthin.

Entsprechend schreiben Sie also besser die Vase dahin stellen als die Vase da hinstellen. Etwas ganz Ähnliches gilt übrigens auch für die Fragewörter woher und wohin (siehe hier).

Für den Fall, dass Sie sich nun wundern, dass diese Formen als „falsch“ gelten, sei das Folgende gesagt: Sie sind nicht wirklich falsch. In der gesprochenen Alltagssprache kommen sie zum Teil so häufig vor, dass man sie als zur Grammatik des gesprochenen Alltagsdeutschen gehörend betrachten sollte. Auch in der geschriebenen Sprache kommen sie regelmäßig vor, so dass es wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit ist, bis dieser Artikel – mehr als jetzt schon – nur noch ein stilistischer Hinweis ist. Ob und wann es so weit kommt, möchte ich dahingestellt sein lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Mehr zur Schreibung von dahin in Verbindung mit Verben finden Sie hier.

Solange oder so lange vor Vorrat?

Frage

Heißt es „solange Vorrat“ oder „so lange Vorrat“?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

üblich und richtig ist hier die Zusammenschreibung:

solange Vorrat

Es ist eine Verkürzung von zum Beispiel:

Das Angebot gilt, solange der Vorrat reicht.

Das Wörtchen solange leitet hier einen Nebensatz ein und muss deshalb zusammengeschrieben werden (vgl. hier).

Die Schreibung so lange Vorrat ist nicht üblich, aber theoretisch nicht völlig abwegig. Man könnte die verkürzte Wendung nämlich auch wie folgt auflösen:

Das Angebot gilt so lange, wie der Vorrat reicht.

Hier leitet so lange keinen Nebensatz ein und wird deshalb getrennt geschrieben. Das Komma, das in der langen Version zwischen so lange und Vorrat steht, spricht aber eher gegen eine solche Interpretation.

Apropos Komma, eine Frage zur meistens ohne Komma geschriebenen Wendung

Nur solange Vorrat

habe ich vor einiger Zeit (hier) beantwortet.

Bevor Sie nun dazu übergehen, eine große Werbekampagne mit „Solange Vorrat“ zu starten, sollten Sie sich vergewissern, ob dies rechtlich auch in Ordnung ist. Wenn der Vorrat nämlich gar klein ist, kann ein solches Angebot selbst mit orthografisch korrekt geschriebenem solange als unerlaubtes Lockvogelangebot gelten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp