Mitteleuropa einschließlich Österreich[s]

Frage

Wenn ich folgenden Satz habe: „Die Awaren wanderten bis weit nach Mitteleuropa einschließlich Österreich ein“, beziehe ich dann „Österreich“ auf „einschließlich“ und sollte somit der Genitiv verwendet werden?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

in Ihrem Satz ist Österreich von einschließlich abhängig. Nach einschließlich steht im Prinzip der Genitiv:

der Preis einschließlich aller Getränke
der ganze Verein einschließlich des Vorsitzenden
die maximale Höhe einschließlich eines allfälligen Antennenmastes

Dies gilt aber nur bedingt für allein stehende Nomen im Singular. Sie bleiben nach einschließlich nämlich meistens ungebeugt:

einschließlich Porto
Der Artikel hat einschließlich Inhaltsverzeichnis 32 Seiten.
die maximale Höhe einschließlich Antennenmast

Bei ohne Artikel stehenden geographischen Namen, die ja auch zu dieser Ausnahmegruppe gehören, sind sowohl gebeugte als auch ungebeugte Formen üblich:

Bremen einschließlich Bremerhaven oder
Bremen einschließlich Bremerhavens

zehn Länder einschließlich Großbritannien oder
zehn Länder einschließlich Großbritanniens

Die Wahl liegt also bei Ihnen. Beide der folgenden Formulierungen sind korrekt:

wanderten die Awaren nach Mitteleuropa einschließlich Österreich ein
wanderten die Awaren nach Mitteleuropa einschließlich Österreichs ein

Sehen Sie auch die Angaben zu einschließlich in Canoonet.

Dies gilt übrigens auch für die Präpositionen ausschließlich, inklusive und exklusive. Wieder einmal zeigt sich also, dass man nie einfach so behaupten sollte, eine Präposition stehe immer mit dem Genitiv.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hat der Hund mich oder mir in den Fuß gebissen?

Eine regelmäßig vorkommende Frage ist, ob man jemanden oder jemandem an den Haaren zieht, auf die Schulter klopft, in die Hand sticht, auf den Fuß tritt, in die Wade beißt usw.

Frage

Mich würde interessieren, ob man sagt: „Der Hund hat mich in den Fuß gebissen“ oder „Der Hund hat mir in den Fuß gebissen“?

Antwort

Guten Tag L.,

beide Formulierungen sind richtig:

Der Hund beißt mich in den Fuß.
Der Hund beißt mir in den Fuß.

Bei Konstruktionen mit einem Verb, das im weiteren Sinne ein Berühren ausdrückt, und einem Körperteil, der als Adverbialbestimmung den Ort der Berührung angibt, kann häufig sowohl der Dativ als auch der Akkusativ stehen. Zum Beispiel:

Er zog mir/mich an den Haaren.
Die Wespe stach ihm/ihn in die Hand.
Er klopfte seinem/seinen Freund auf die Schulter.
Hast du dir/dich in den Finger geschnitten?
Sie hat ihr/sie ins Schienbein getreten.

Wenn man den Akkusativ verwendet, ist mich das Akkusativobjekt zu beißen. Wenn man den Dativ verwendet, ist mir ein Dativ, der angibt, zu wessen „Ungunsten“ das In-den Fuß-Beißen geschieht resp. in wessen Fuß da gebissen wird. Es ist ein Dativ wie derjenige, den man verwendet, wenn ein Sohn seinem Vater einen Kratzer ins Auto macht, die Katze ihrem Frauchen das Sofa zerkratzt oder ein Mädchen dem kleinen Bruder heimlich Salz in den Sirup schüttet.

Wie so oft muss ich auch hier davor warnen, dies als strikte Regel anzusehen. So drücken zum Beispiel die Verben küssen und streicheln eine Berührung aus, deren Ziel ein Körperteil sein kann. Dennoch ist bei ihnen fast nur der Akkusativ beziehungsweise der Dativ üblich:

Sie küsste ihn auf die Wange.
Sie streichelte ihm über die Wange.

Da das Wetter es wieder einmal zulässt, werde ich mir noch ein Gläschen unter freiem Himmel genehmigen – und dabei aufpassen dass mir/mich keine Wespe in den Mund sticht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zwischen 35 und 45 Jahre(n)

Fragen

In meinem Lehrbuch steht folgender Satz: „Sie sollte zwischen 35 und 45 Jahren alt sein.“ Ich kann mir das n am Wort Jahren nicht erklären.

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

das en bei Jahren ist die Endung des Dativ Plural. Sehen Sie zum Beispiel:

in diesen Jahren
mit den Jahren

Im Lehrbuch wird der Dativ wahrscheinlich deshalb verwendet, weil zwischen bei statischen Angaben in der Regel mit dem Dativ steht:

Der Baum steht zwischen dem Haus und dem Garten.
das Verhältnis zwischen ihm und ihr

So weit, so gut. Trotzdem ist es nicht verwunderlich, dass Sie zweifeln. Bei Alters-, Zeit-, Mengenangaben u. Ä., die mit zwischen … und … ausgedrückt werden, hat zwischen nämlich oft keinen Einfluss auf den Fall. Man wählt dann normalerweise den Fall, der steht, wenn man nur eine der beiden Angaben verwendet:

Sie ist zwischen 35 und 45 Jahre alt.
wie: Sie ist 35 Jahre alt.

Sie haben zwischen 80 und 100 Bücher verkauft.
wie: Sie haben 80 Bücher verkauft.

Das Unternehmen schickt seine Mitarbeiter zwischen zwei und drei Jahre ins Ausland.
wie: Das Unternehmen schickt seine Mitarbeiter drei Jahre ins Ausland.

Der Dativ wird hier ebenfalls verwendet, er ist aber unüblich und sollte besser vermieden werden. Deshalb kommen Ihnen Formulierungen wie die folgenden eher seltsam (?) oder sogar falsch (*) vor:

? Sie ist zwischen 35 und 45 Jahren alt.
* Das Unternehmen schickt seine Mitarbeiter zwischen zwei und drei Jahren ins Ausland.
? Sie haben zwischen 80 und 100 Büchern verkauft.

Natürlich ist das wieder einmal nicht alles: Wenn solche Angaben mit zwischen … und … im Satz nicht durch eine einfache Angabe ersetzt werden können, wählt man den Dativ:

Dies betrifft vor allem Frauen zwischen 35 und 45 Jahren.
Der Kochkurs ist geeignet für Kinder zwischen 9 und 12 Jahren.

Nicht möglich:
*Dies betrifft vor allem Frauen 35 Jahre(n).
*Der Kochkurs ist geeignet für Kinder 12 Jahre(n).

Immer falsch ist übrigens die Verbindung von zwischen und bis:

NICHT:
Sie sind zwischen 9 bis 12 Jahre alt.

Sondern:
Sie sind 9 bis 12 Jahre alt.
Sie sind zwischen 9 und 12 Jahre alt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Viel Erfolg, viel Spaß und vielen Dank!

Frage

Warum heißt es „Vielen Dank!“, aber „Viel Erfolg!“ oder „Viel Spaß!“?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

den genauen Grund kenne ich nicht. Bei festen Wendungen wie diesen lässt sich oft nicht so einfach sagen, weshalb sie genau so lauten, wie sie lauten. Es handelt sich hier in allen drei Fällen um einen Akkusativ, denn die Ausdrücke sind eigentlich verkürzte Sätze wie diese:

Haben Sie vielen Dank!
Ich sage Ihnen vielen Dank!

Habt viel Spaß/viel Erfolg!
Ich wünsche euch viel Erfolg/viel Spaß!

Wenn viel ohne Artikel vor einem Nomen in der Einzahl steht, bleibt es heute im Gegensatz zu anderen Adjektiven meist ungebeugt:

Du hast großen Erfolg gehabt.
Du hast viel Erfolg gehabt.

Sie verdient gutes Geld.
Sie verdient viel Geld.

(Mehr dazu finden Sie in der canoonet-Grammatik)

Die Ausdrücke Viel Erfolg! und Viel Spaß! entsprechen diesem heutigen Gebrauch: Man sagt nicht *Vielen Erfolg! oder *Vielen Spaß!, auch wenn sie im Akkusativ stehen. In der Wendung Vielen Dank! hingegen wird viel gebeugt. Man kann daraus schließen, dass die Wendung wahrscheinlich älter ist als die beiden anderen oder zumindest schon früher zur festen Wendung geworden ist.

Solche festen Wendungen und Floskeln entziehen sich oft der „normalen“ Grammatik, weil sie nicht als eine Reihe einzelner Wörter, sondern als Ganzes eine eigene Entstehungs- oder Entwicklungsgeschichte durchgemacht haben. Andere „ungrammatische“ Beispiele dieser Art, die mir hier ganz spontan in den Sinn kommen, sind eines Nachts und aus aller Herren Länder. Nacht ist weiblich und im Genitiv endungslos. Länder müsste eigentlich im Dativ stehen: aus … Ländern. In bestimmten Zusammenhängen sind also selbst gröbere Verstöße gegen die Grammatikregeln richtig!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Global Player und Latin Lover in der Mehrzahl

Frage

Wie heißt es eigentlich richtig: die Global Player oder die Global Players? Ist der Plural hier überhaupt erlaubt?

Antwort

Guten Tag J.,

der Plural von Global Player lautet:

die Global Player
oder
die Global Players

Lehnwörter aus dem Englischen, die auf unbetontes er enden und im Deutschen männlich sind, bilden den Nominativ Plural in der Regel endungslos:

der Computer – die Computer
der Printer – die Printer
der MP3-Player – die MP3-Player
der Ghostwriter – die Ghostwriter

Dies geschieht in Übereinstimmung mit heimischen, ebenfalls mit der Endung er von Verben abgeleiteten Wörtern wie Rechner, Drucker, Spieler, Schreiber usw.

Bei Global Player wirkt einerseits diese Tendenz, das heißt, man sagt die Global Player. Andererseits wird Global Player wegen des ungebeugten und englisch ausgesprochenen Adjektivs global noch stark als englischer Begriff empfunden. Entsprechend wird noch häufig der englische Plural verwendet: die Global Players. Beide Pluralformen kommen vor und beide sind „verteidigbar“.

Ein anderer Ausdruck, der aus den gleichen Gründen zwei Pluralformen hat, erinnert irgendwie an Urlaubsabenteuer in südlichen Gefilden: Wenn sie in der Mehrzahl auftreten, versprühen die Latin Lover oder die Latin Lovers ihren berühmt-berüchtigten unwiderstehlichen Charme mit oder ohne die Pluralendung s.

Der Ausdruck Global Player kann im Übrigen wie seine deutschen Entsprechungen die Weltkonzerne oder die weltweit tätigen Unternehmen problemlos in der Mehrzahl verwendet werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Tausendundeine Nacht oder tausendundein Nächte

Frage

In der russischen Grammatik – ich bin Muttersprachler – ist es so, dass man den Singular einsetzen muss, wenn ein Kardinalzahl auf „eins“ (RU odin) endet. […] So setzt man bei „eins“ den Singular ein, also auch bei „zwanzig eins“ (RU dvadtsat‘ odin), „dreißig eins“ (RU tridtsat‘ odin) und so weiter.

Ist es in der deutschen Grammatik auch so, oder geht die deutsche Grammatik logisch vor? […] Heißt es „hundertein Auto“ oder logischerweise „hundertein Autos“?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

das Deutsche bietet einem hier wieder einmal verschiedene Möglichkeiten. Man verwendet in der Regel den Plural:

hundertein Autos
hundertundein Autos

fünfhundertein Gründe
fünfhundertundein Gründe

tausendein Nächte
tausendundein Nächte

Bei der Form mit und kann aber auch der Singular stehen. Das Zahlwort muss dann gebeugt werden:

hundertundein Auto
mit hundertundeinem Auto

fünfhundertundein Grund
Es gibt fünfhundertundeinen Grund dafür.

tausendundeine Nacht
während tausendundeiner Nacht

Mit einem Artikelwort ist nur die ungebeugte Form -ein mit der Mehrzahl möglich:

die hundert[und]ein Autos
mit seinen fünfhundert[und]ein Ausreden
während dieser tausend[und]ein Nächte

Es herrscht hier aber eine gewisse Unsicherheit. Andere Formen kommen auch vor (zum Beispiel hunderteine Nacht) und selbstverständlich gefallen nicht alle Varianten allen gleich gut. Formen mit –eins vor einem Substantiv gelten allerdings in der Standardsprache als falsch:

nicht: hunderteins Autos
nicht: tausendeins Nächte

Die berühmte orientalische Märchensammlung wird übrigens im Allgemeinen „Tausendundeine Nacht“ genannt. „Ali Baba und die vierzig Räuber“ und „Sindbad der Seefahrer“ sind also Erzählungen aus „Tausendundeiner Nacht“. Wenn Sie Märchen und Erzählungen mögen, können Sie dort auch die Geschichte des Walt-Disney-Zeichentrickilms „Aladin und die Wunderlampe“ in der Originalversion nachlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein changeant Stoff

Frage

Das Adjektiv „changeant“ ist unflektierbar. Laut DWDS kann man trotzdem sagen: „ein changeant Farbton“ bzw. „changeant Stoffe“. Das klingt in meinen Ohren sehr komisch.

Antwort

Guten Tag M.,

wenn changeant nicht unveränderlich wäre, hieße es:

ein *changeanter Farbton
*changeante Stoffe.

Das Adjektiv ist aber unveränderlich. Man sagt also nicht trotzdem, sondern deshalb:

ein changeant Farbton
changeant Stoffe

Nicht deklinierbar heißt nur, dass ein Adjektiv in allen Stellungen unveränderlich ist. Es heißt nicht, dass es nicht vor einem Substantiv verwendet werden darf.

Es ist aber nicht sehr erstaunlich, dass diese Formulierungen in ihren Ohren komisch klingen. Sie sind nicht der einzige, dem es so geht. Unveränderliche Adjektive (oft eher „exotische“ Farbbezeichnungen wie rosa, lila, pink, oliv, mauve, bordeaux usw.) scheinen irgendwie nur schlecht ins Flexionssystem des Deutschen zu passen. Deshalb hört und liest man sehr oft anstelle von

ein rosa Kleid
das pink T-Shirt
ein orange Stoff

standardsprachlich:

ein rosafarbenes Kleid
das pinkfarbene T-Shirt
ein orangefarbener Stoff

oder umgangssprachlich:

ein rosanes Kleid
ein pinkiges T-Shirt
ein oranger Stoff

Bei Unsicherheit oder Missfallen über solche unveränderliche Adjektive empfiehlt es sich, auf die Variante mit –farben auszuweichen.

Für changeant gibt es diese Ausweichmöglichkeit allerdings nicht. Man kann hier zum Beispiel die Übersetzung ein mehrfarbig schillernder Stoff verwenden. In einem Zusammenhang, in dem dieses Adjektiv vorkommt, kann es aber auch ganz chic sein, ein changeant Stoff zu sagen und so zu schauen, als ob man tagtäglich solche unveränderlichen Adjektiven verwenden würde. Damit der Effekt nicht verloren geht, ist dabei übrigens zu beachten, dass die Aussprache schangschang und nicht etwa tscheinschent ähnelt. Das Wort wurde nicht aus dem Englischen, sondern aus dem Französischen übernommen und bedeutet wörtlich schlicht und einfach wechselnd.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wohin kommt bei von und zu das s?

Frage

Ich habe eine Frage zum Genitiv bei „von“-Namen. Heißt es „Reinhard von Neunecks Leben“ oder „Reinhards von Neuneck Leben“?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

bei Namen, die aus Vor- und Familiennamen zusammengesetzt sind, wird nur der letzte Name gebeugt. Das gilt auch dann, wenn der Name von einem Titel o. Ä. begleitet wird oder einen Namenszusatz wie von, van, de, de la, da usw. enthält. Ein paar mehr oder weniger willkürlich gewählte Beispiele:

Reinhard von Neunecks Lebenslauf
Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie
Annette von Droste-Hülshoffs „Der Knabe im Moor“
Dr. Bopps Blog
Professor Minerva McGonagalls Verwandlungsunterricht
Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis’ Geburtstag
Dr. Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenbergs Selbstbewusstsein

Mehr Angaben zu diesem Thema finden Sie auf dieser Seite in CanooNet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Sprichwort, die Sprichwörter – oder Sprichworte?

Frage

Ich lese gerade bei Ihnen, dass die Mehrzahl von „Sprichwort“ „Sprichwörter“ sein soll. Ist die Mehrzahl aber nicht „Sprichworte“?

Ein Wort –> mehrere Wörter –> was dann z. B. ein Sprichwort ergibt –> mehrere Sprichworte.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

die Mehrzahl von Sprichwort lautet Sprichwörter. So steht es nicht nur in CanooNet, sondern auch in allen anderen mir zur Verfügung stehenden Wörterbüchern. Man hört und liest entsprechend auch Sprichwörtersammlung und Sprichwörterbuch.

Wenn man die übliche Bedeutungsunterscheidung zwischen Wort–Wörter und Wort–Worte nimmt, würde man tatsächlich eher Sprichworte erwarten. Man zählt einzelne Wörter und muss lernen, wie man schwierige Wörter richtig schreibt. Man spricht weise Worte und muss die richtigen Worte finden, um etwas Schwieriges auszudrücken. Ein Sprichwort besteht aus mehreren Wörtern, die zusammen ein mehr oder weniger weises Wort ergeben. Ergo: Der Plural müsste Sprichworte lauten.

Wie es aber in der Sprache so üblich ist, gibt es keine absolute Regeln – auch hier nicht: Der allgemein übliche und akzeptierte Plural von Sprichwort ist nicht Sprichworte, sondern Sprichwörter. Fragen Sie mich jetzt bitte nicht, warum das so ist!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bei gutem, schönem, heiterem Wetter: dreimal em

Eine Frage, die immer wieder auftaucht, betrifft die Beugung aufeinanderfolgender Adjektive. Weil der Beispielsatz in der folgenden Frage so gut zum heutigen Wetterbild passt, tische ich Ihnen gleich zum Wochenanfang etwas schwerere Kost auf.

Frage

Selbst Deutschlehrer können mir meine Frage nicht eindeutig beantworten: Heißt es „bei gutem, sonnigem, heiterem Wetter“ oder „bei gutem, sonnigen, heiteren Wetter“? Ich meine, in der Schule einmal die zweite Variante gelernt zu haben, aber sicher bin ich mir inzwischen nicht mehr.

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

es ist nicht so erstaunlich, dass Ihnen niemand eine eindeutige Antwort geben kann. Ich kann es auch nicht. Die Situation ist nämlich nicht so einfach. Im Prinzip gilt, dass aufeinanderfolgende Adjektive gleich gebeugt werden:

gutes, sonniges, heiteres Wetter
wegen guten, sonnigen, heiteren Wetters
gute, sonnige, heitere Witterung
bei guter, sonniger, heiterer Witterung

Dies ist auch im Dativ Singular mit der Endung em korrekt:

bei gutem, sonnigem, heiterem Wetter

Bei der Endung em kommt aber auch die folgende Formulierung vor:

bei gutem, sonnigen, heiteren Wetter

In der heutigen Standardsprache wird die Formulierung mit der sogenannten parallelen Beugung (überall em) bevorzugt. Die zweite Formulierung (nur einmal em, dann en) wird nicht von allen als richtig anerkannt. Am besten verwenden Sie hier deshalb die parallele Beugung:

bei gutem, sonnigem, heiterem Wetter
in fröhlichem, ungezwungenem Rahmen
mit schönem, großem und ruhigem Balkon

Nur damit niemand meint, die parallele Beugung hänge irgendwie mit positiven Beschreibungen zusammen, folgt hier noch ein letztes Beispiel:

von graugrünem, schleimigem, stinkendem Moos überzogen

So weit, so gut. Anders sieht es aus, wenn das zweite Adjektiv als Substantiv verwendet wird. Dann überwiegen in der Standardsprache die Formen mit em/en. Die parallele Beugung em/em gilt hier als veraltet:

Betrieb verbietet ehemaligem Angestellten den Zugang
veraltet: Betrieb verbietet ehemaligem Angestelltem den Zugang
Gespräch mit Europas jüngstem Abgeordneten
veraltet: Gespräch mit Europas jüngstem Abgeordnetem

Das Gleiche gilt für die Dativendung er bei weiblichen substantivierten Adjektiven:

Betrieb verbietet ehemaliger Angestellten den Zugang
veraltet: Betrieb verbietet ehemaliger Angestellter den Zugang
Gespräch mit Europas jüngster Abgeordneten
veraltet: Gespräch mit Europas jüngster Abgeordneter

Wie Sie sehen, ist die Situation wieder einmal alles andere als einfach und eindeutig! Mehr dazu finden Sie in der CanooNet-Grammatik hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp